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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Verführte Seelen, Bettina Büchel
Bettina Büchel

Verführte Seelen



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Prolog


Dunkelheit und Stille waren seine ständigen Wegbegleiter. Nur wenn es unbedingt notwendig war, setzte er sich dem Lärm und dem grellen Tageslicht der Welt da draußen aus. Er hatte die Einsamkeit, die ihn in seinen vier Wänden umgaben in den letzten Jahren schätzen gelernt. Nichts konnte seine innere Ruhe, die er in den Stunden seiner Schaffenskraft empfand, trüben. Sein gewohntes und mittlerweile so vertrautes Umfeld war von sämtlichem Lärm und Elend abgeschirmt. Und doch fühlte er sich noch lange nicht angekommen. Sein angestrebtes Ziel konnte nur mit viel Geduld und Ausdauer erreicht werden. Zudem war er Perfektionist und verabscheute jegliches Versagen. Seine Anhängerschaft wuchs zweifellos von Monat zu Monat, aber er war trotzdem bei Weitem noch nicht am Bestimmungsort seines Bestrebens angelangt. Auf diesem verrohten Planeten wimmelte es nur so von verwirrten und orientierungslosen Menschen, die nur darauf warteten, von ihm gedrillt und unterwiesen zu werden. Sie lechzten geradezu nach Antworten und hingen an seinen virtuellen Lippen wie die Motte am Licht. Er würde ihnen geben, was sie wollten und sie würden ihm über kurz oder lang den gerechten Lohn für seine Dienste zurückzahlen. Er klappte seinen Laptop auf. Der Bildschirm erwachte nach einigen sich endlos anfühlenden Sekunden zum Leben. Die Oberfläche des sozialen Netzwerkes Fredboard poppte auf. Jene Schnittstelle, die er fast ausschließlich als seinen Kontakt zur Außenwelt nutzte. Dieses unglaubliche Instrument der Manipulation wurde ihm, seit er es per Zufall im Internet entdeckte, ein sehr guter Freund. Ohne Fredboard hätte er zweifellos nicht das erreicht, was ihm bis heute nur mithilfe dieses Instruments gelungen war. Und trotzdem konnte er sich immer noch nicht siegesbewusst auf die Schulter klopfen. Er hatte noch einen weiten Weg vor sich. Der laute Piepton, welcher ihm einen eventuellen neuen Anhänger ankündigte, riss ihn aus seinen euphorischen Gedanken. Er lächelte. Keine Minute später meldete sich der neue Schützling persönlich auf seiner Pinnwand. Er wollte seinen Rat, wie schon vor ihm duzende andere auch. Diesen sollte er bekommen. Gratis und ohne jede finanzielle Vergütung. Bei der ersten Konsultation war er seit Beginn seiner Tätigkeiten im Netz kulant und freizügig. Diese Taktik hatte sich bewährt und aus diesem Grund behielt er sie auch weiterhin bei. Erst wenn er überzeugt war, dass er sich dem neuen Anhänger sicher sein konnte, begann er einen finanziellen Anspruch für seine Hilfe einzufordern. In der Regel nicht in Form von materieller Unterstützung, außer er war knapp bei Kasse, was bei seinem Lebenswandel nicht oft zutraf. Es war ihm viel mehr daran gelegen, die dunkle Seele seiner Fans herauszufordern. Er lechzte danach, sie an die Grenze des Vorstellbaren zu treiben. Wie weit würde der Einzelne wirklich gehen, um seine innere Unzufriedenheit zu besiegen und seinen Seelenfrieden zu finden? Die Seele des Menschen war schwach und grausam, auch wenn viele Psychiater und anderweitig vermeintliches Fachpersonal versuchten, der Welt vorzugaukeln, dass das Gegenteil zutraf. Die vielen Wiederholungstäter, die kaum auf freiem Fuß erneut straffällig wurden, ignorierten sie einfach. Er würde der Welt beweisen, dass er mit seiner Einschätzung des menschlichen Charakters im Recht war. Die Kunst des Manipulierens war dabei sein größter Trumpf. Schnell tippte er eine nützliche und einfach umsetzbare Antwort auf die soeben eingegangene Anfrage ein. Sie war kurz aber präzise. Wenn der neue Anwärter seiner Gunst nur über eine Spur Intelligenz verfügte, würde er die gestellte Aufgabe ohne gröbere Probleme lösen. Wenn nicht, wäre er für seinen illustren Kreis sowieso nicht geeignet. Wie lange würde es wohl dauern, bis das jüngste Mitglied seiner Fangemeinde die nächste und bedeutende Stufe seiner Hilfe in Anspruch nahm?



Kapitel 1


Johannes stand gelangweilt auf der Brücke und beobachtete die zahlreichen Fische, die im Fluss nach den Brotkrümeln schnappten, die er ihnen in regelmäßigen Abständen zuwarf. Wieder einer dieser nicht enden wollenden, ereignislosen Sonntage. Wenn nur schon Montag wäre, dachte er sich. Dann würde er wenigstens nicht hier alleine herumlungern müssen, um seine trostlose Freizeit endlich hinter sich zu bringen. Die Tage im Büro waren diesen jämmerlichen Sonntagen bei Weitem vorzuziehen. Er hasste das Wochenende. Wahrscheinlich war er der einzige Mensch auf dieser gottverdammten Welt, der so dachte. Seit Rosi ihn verlassen hatte, war nichts mehr so, wie es einmal war. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihr aufgeschlossenes Wesen ihn vor einem Jahr behutsam aus seinem Schneckenhaus herauskriechen ließ. Aber ihre Bemühungen währten nicht lange. Schon nach kurzer Zeit wurde ihr fad und sie langweilte sich in seiner Gegenwart. Im fehlte einfach der Antrieb und die Kraft, mit ihr etwas Schönes und Aufregendes zu unternehmen. Nach allem, was ihm in der Zeit vor ihrem Kennenlernen widerfahren war, genügte es ihm, sie in seiner Nähe zu wissen. Er schaffte es nicht, über seinen eigenen Schatten zu springen, obwohl es ihm nicht entgangen war, wie sehr sie darunter litt. Warum, verstand er bis heute nicht. Seine andauernde Übellaunigkeit und depressiven Phasen machten sie müde, hatte sie ihm als Erklärung aufgetischt. Sie wollte einfach nur Leben und konnte es nicht länger ertragen, von ihm in die Tiefe gezogen zu werden. Und dann geschah, was geschehen musste. Von einem Tag auf den anderen packte sie ihre Sachen und verschwand. Für immer machte sie ihm unmissverständlich klar, was sie mit den Worten bestärkte, dass er nicht nach ihr suchen und sie schon gar nicht telefonisch kontaktieren solle. Sie hatte definitiv genug von ihm. Vermutlich war er einfach dazu bestimmt, als Eigenbrötler und Sonderling sein Dasein zu fristen. Als das gesamte Brot aufgebraucht war, und sich die Fische bereits in alle Himmelsrichtungen davon gemacht hatten, verließ auch Johannes die Brücke und machte sich auf den Weg in seine leere, öde Wohnung. Nachdem er wieder Single war, hielt ihn im kleinen Apartment, das er gemeinsam mit Rosi eingerichtet hatte, nichts mehr. Um ein Haar hätte er die verkehrte Richtung eingeschlagen und den Bus in den falschen Stadtteil genommen. Bevor die automatischen Türen geschlossen wurden, konnte er gerade noch aussteigen und sich schnurstracks auf den korrekten Weg machen. Zu Hause angekommen warf er sich genervt auf seine abgewetzte Couch und schaltete den Fernseher mit dem Wissen ein, dass in den ihm zur Verfügung stehenden Programmen nichts Interessantes lief. Aber immer noch besser, sich durch die verschiedenen Programme zu zappen, als gar nichts zu tun. Wie viele Stunden musste er noch in dieser Stellung verharren, bis er endlich ohne schlechtes Gewissen schlafen gehen konnte? Fünf endlose Stunden! „Na du Penner. Sitzt du schon wieder wie ein geschlagener Hund vor der Glotze?“ Johannes blickte in die Richtung, von wo er die Stimme vernahm. Wie immer klang sie unfreundlich, aber er war nichts anderes gewohnt. „Lass mich doch in Ruhe“, flüsterte er müde. „Niemals …“, hauchte ihm die Stimme direkt ins Ohr. Johannes konnte den feuchten Atem regelrecht spüren. Die damit verbundene starke Erregung ließ ihm an den Armen eine Gänsehaut aufziehen. Er fröstelte und fing leicht zu zittern an. Sein hämisches Lachen drang laut an ihn heran. Verzweifelt hielt er sich seine Ohren mit den Händen zu und presste seine Augen fest zusammen. Er wollte nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Wann würde dieser Albtraum endlich zu Ende gehen? „Verschwinde!“, schrie er hysterisch in den Raum. Johannes konnte sich noch gut daran erinnern, als er ihn zum ersten Mal mit seiner Gegenwart belästigte. Wie gerade jetzt stand er lässig mit über der Brust verschränkten Armen im Türrahmen. Obwohl Johannes die Gestalt nur sehr verzerrt wahrnahm, ähnlich dem Schwarz-Weiß-Bild eines flimmernden Fernsehers, wusste er sofort, dass es sich um seinen toten Bruder handelte. Natürlich war ihm damals klar, dass er halluzinierte, aber auch nachdem er mehrmals seine Augen mit den Händen wach zu reiben versuchte, war das Ergebnis dasselbe. Die Gestalt, die unverändert vor seinen Augen auftauchte, war definitiv Christoph, sein vor drei Jahren auf tragische Weise verunglückte Bruder. Es geschah während eines Segeltörns in Kroatien, den sie seit langer Zeit jährlich gemeinsam unternommen hatten. An dem besagten Tag war Sturm angesagt, aber sie wollten trotzdem hinausfahren. So schlimm konnte es nicht werden. Sie waren beide äußerst erfahrene Segler und sie liebten es, wenn die See etwas rauer war. Doch die Wellen brachen stärker, als das Boot bewältigte. Johannes übernahm das Steuer, während Christoph das Vorsegel einholte. Eine riesige Welle überschwappte das Boot und es stand kurz davor, umzukippen. Nur aufgrund der schnellen Reaktion des Steuermannes war ein Kentern gerade noch zu verhindern. Jedoch, nachdem das Segelschiff seine waagrechte Position wieder eingenommen hatte, war von Christoph nichts mehr zu sehen. Johannes fuhr ein Mann-über-Bord-Manöver nach dem anderen, aber von seinem Bruder fehlte jede Spur. Er wurde nie gefunden. Bis heute gab sich Johannes die Schuld für dieses Unglück. Er war der ältere der beiden und er allein trug die Verantwortung. Sie hätten die Warnung der Hafenmeisterei damals nicht unter den Tisch kehren dürfen, dann wäre sein jüngerer Bruder jetzt noch am Leben. Seit dieser Geschichte fand er nur mehr wenig Schlaf und verlor mehr als zehn Kilo seines Gewichts. Er konnte beinahe als hager bezeichnet werden und sein Gesichtsteint wirkte alles andere als gesund. Nicht, dass er schlecht ausgesehen hätte, er war immer noch ein attraktiver Mann, aber die Lebensenergie war nahezu vollständig aus seinem Körper gewichen. Dass seine Eltern den Kontakt zu ihm völlig abgebrochen hatten, nagte zusätzlich an ihm. Er unterhielt bis zum Zeitpunkt des Unfalls ein gutes Verhältnis mit ihnen. Auch mit der Tatsache, dass Christoph seit seiner Geburt ihm gegenüber bevorzugt wurde, konnte Johannes gut leben. Doch nach dem Tod seines jüngeren Bruders wurde alles anders. Seine Mutter konnte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht sehen und sein Vater verschwand jedes Mal in seiner Werkstatt, wenn er sie besuchte. Nach ein paar Monaten gab er auf. Seither hatte er sich nicht mehr bei ihnen gemeldet. Das Kapitel Familie war für ihn endgültig abgeschlossen. Außer seinem Bruder natürlich, der ihn partout nicht loslassen wollte. Die erste Begegnung mit seinem toten Bruder ließ Johannes freilich nicht in Ruhe. Mehr noch, sie beunruhigte ihn aufs Äußerste. War dies das erste Anzeichen zum Wahnsinn? Seine intensiven Recherchen im Internet ergaben, dass Personen, die in jungen Jahren schwer traumatisiert wurden, in manchen Fällen die sogenannte multiple Persönlichkeit entwickelten. Es hieß weiter, dass die Betroffenen auf diese Weise Abstand zu den schrecklichen Ereignissen, die sie durchstehen mussten, gewinnen konnten. Seit nunmehr zwei Jahren besuchte Christoph ihn regelmäßig und machte ihm die Hölle heiß, dass er endlich sein Leben wieder in den Griff bekommen musste. Aber wie sollte er jemals wieder ein normales Leben führen können, wenn zwei Menschen in seinem Gehirn das Sagen hatten?

Kapitel 2


Das laute Geräusch neben Peters Kopf beendete abrupt seine Nachtruhe. Sein Schädel brummte. Waren doch zu viele Bier gestern Nacht, dachte er sich ernüchternd. Er griff zu seinem Mobiltelefon, um dem nervenden Klingelton endlich ein Ende zu setzen. „Hey Alter. Auch schon wach?“, fragte ihn eine Stimme, die ihm sehr vertraut war. „Was heißt hier schon. Ich hätte noch eine Runde weitergepennt, wenn du mich nicht in aller Herrgottsfrühe mit diesem Höllenlärm aus dem Schlaf gerissen hättest“, knurrte Peter in den Hörer. „Es ist bereits Nachmittag, du Hirsch. Und falls du’s vergessen haben solltest, waren wir zum Tennis verabredet“, erinnerte ihn Jürgen, sein bester Freund seit ihrer frühen Kindheit. Ach du liebe Scheiße, das hatte er völlig vergessen. Bei seinen vielen privaten Terminen, kein Wunder. Er war wie ein Getriebener, hielt es kaum zwei Stunden alleine in seiner Wohnung aus und fühlte sich nur in Gesellschaft mit seinen Freunden wirklich wohl. Und davon hatte er genügend. Die Natur hatte es gut mit ihm gemeint. Groß gewachsen und mit einem athletischen Körper ausgestattet war er schon in seiner Kindheit ein beliebter Spielgefährte. Später entwickelte er sich zudem noch zu einem gut aussehenden jungen Mann, auf den die Mädchen scharenweise flogen. Seine aschblonden Haare trug er immer etwas zu lang, was sein Aussehen etwas spitzbübisch und alles andere als ernsthaft erscheinen ließ. Die symmetrischen, feinen Gesichtszüge und die makellose Haut, die keine Spuren pubertärer Akne aufwies, wirkten vielleicht auf den ersten Blick etwas feminin, aber schadeten seiner Attraktivität keinesfalls. Peter war ein äußerst hübscher Mann und er wusste diesen Vorteil auch für sich auszunutzen. Zudem trugen seine unkomplizierte und offene Art ebenfalls dazu bei, dass es für ihn ein Leichtes war, Menschen für sich zu gewinnen. Vermutlich hatte er sich deshalb vor vier Jahren zu einem Studium der Psychologie entschieden. Wenngleich zuhören nicht zu seinen Stärken zählte, konnte er eine Person ausgezeichnet motivieren, ohne sie dabei zu manipulieren. Peter sah in jedem Menschen in erster Linie das Gute und war überzeugt davon, dass jemand nur durch falsche Einflüsse schlimme Taten begehen konnte. Er liebte die Arbeit mit Menschen und konnte sich ein anderes berufliches Betätigungsfeld nicht vorstellen, außer vielleicht einer sportlichen Profikarriere. Er spielte leidenschaftlich gern Tennis. Aber um wirklich seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, hatte er vermutlich doch zu wenig Biss und Ausdauer. Außerdem hätten ihm seine Eltern diese Spielerei sowieso nie finanziert. Sie waren bereits mit der Wahl seines Studienfaches alles andere als begeistert und nannten es eine brotlose Kunst. Peter war zwar ihr einziges Kind, aber sie hatten ihre Prinzipien und folgten klaren Regeln. Der Junge sollte einen richtigen Beruf erlernen, war eine davon. Was dabei richtig oder falsch war, entschieden sie. Seine Eltern ließen sich von seinem Charme nicht einwickeln. Sie hatten ihm schon früh vermittelt, dass attraktiv zu sein allein im Leben nicht ausreichte. Harte Arbeit und Disziplin führten schlussendlich zum Erfolg. Vielleicht weil seine Mutter ihn sehr spät zur Welt brachte, waren sie stets streng und unnachgiebig ihm gegenüber. Aber dieses eine Mal hatte Peter sich trotzdem durchgesetzt und darauf bestanden, entweder diesen Studiengang zu absolvieren oder ins Ausland zu gehen. Nach Langem hin und her gaben sie dann endlich klein bei, da sie ihren Sohn doch nicht an die große weite Welt verlieren wollten. Ob er diesen Schritt allerdings wirklich durchgezogen hätte, war er sich nicht so sicher. Obwohl er überhaupt keine Lust hatte, sich in seinem derzeitigen Zustand körperlich zu verausgaben, versprach er seinem langjährigen Gefährten, in einer halben Stunde am Tennisplatz zu erscheinen. Immer noch besser mit einem Kater Sport zu treiben, als den ganzen restlichen Nachmittag alleine in seiner Wohnung herumzuhängen. Außerdem tat ihm die frische Luft sicherlich gut, bevor er sich heute Abend zu einem Stelldichein mit Rosalie traf, von dem er sich so einiges erwartete. Erst gestern lernten sie sich kennen und er war auf Anhieb ganz begeistert von ihr. Sie verfügte über extrem viel Pfiff und Elan und ihre wohlgeformten weiblichen Proportionen reizten ihn sehr, um ganz ehrlich zu sein. Zudem war sie unterhaltsam und ausnehmend hübsch. Mit ihren graublauen Augen und den dunklen Haaren, die ihr wie eine Kaskade wilder Locken über den Rücken fielen, schaute sie beinahe ein wenig unanständig aus. Doch ihre feingliedrigen Gesichtszüge machten diese etwaige Anrüchigkeit wieder wett. Er hatte sofort einen Narren an ihr gefressen. Mann, was hatten sie beide gelacht. Noch nie hatte er sich mit einer Frau so auf Anhieb und ohne Hintergedanken gut verstanden. Er war kein Kind von Traurigkeit und wusste seine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht sehr wohl einzusetzen. Schon sehr früh konnte er seine ersten sexuellen Erfahrungen machen. Seine Freunde beneideten ihn förmlich um diese Gabe, jede Frau um den Finger zu wickeln. Aber mit der Zeit langweilten ihn die One-Night-Stands, die jedes Mal damit endeten, dass er sich am nächsten Morgen verstohlen aus der fremden Wohnung schlich. Mit Rosalie schien es allerdings ganz anders zu sein. Sex stand nicht an erster Stelle. Im Gegenteil, er wollte es langsam angehen und ihnen beiden Zeit lassen. Aber sollte es sich trotzdem ergeben, würde er sie auf keinen Fall abweisen. Natürlich verbrachten sie noch nicht viel Zeit miteinander, aber in ihrer Gegenwart fühlte er sich wie ausgewechselt. Er hatte nicht das Bedürfnis sie vollzuquatschen, wie es sonst seine Art war. Er lauschte gebannt ihren Ausführungen und Erzählungen, die sie derart humorvoll in Worte fasste, dass er gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Wenn der heutige Abend nur einigermaßen so verlaufen würde, wie er es sich ausmalte, dann konnte einer längeren Beziehung eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Kapitel 3

Bestens gelaunt verließ Peter eine halbe Stunde später sein Apartment. Zwar immer noch mit einem Brummschädel, aber die kalte Dusche konnte das stetige Hämmern in seinem Kopf etwas mildern. Er war eben eine Frohnatur und ließ sich nur wegen ein bisschen Kopfschmerzen, die er sich zudem selbst zuzuschreiben hatte, nicht den Spaß verderben. Nach den ersten Stufen auf dem Weg nach unten vernahm er einen lauten Knall, gefolgt von einem derben Plumps. Peter blieb stehen. Die unangenehmen Geräusche schienen direkt von seinem Stockwerk zu kommen. War in seiner Wohnung etwas explodiert? Den Gasherd hatte er mit Sicherheit heute noch nicht eingeschaltet, und sonst war er bis jetzt auch nur im Badezimmer zugange. Trotzdem ließ ihm dieser ungewöhnliche Laut keine Ruhe, er musste der Sache nachgehen. Also ging er zurück und inspizierte sein Apartment. Auf die paar Minuten würde es nicht ankommen. Doch da war nichts. Aus seiner Wohnung kam der laute Knall schon mal nicht. Konnte somit nur sein Nachbar der Verursacher sein. Mit dem jungen Mann von gegenüber war Peter nicht sonderlich vertraut, im Gegenteil, sie kannten sich kaum. Der Gentleman von nebenan benahm sich immer etwas reserviert und grüßte nur spärlich. Brachte er zur Abwechslung doch einen Ton aus seinem Mund, wagte er es nicht, ihm direkt ins Gesicht zu blicken. Komischer Typ, aber Peter wollte trotzdem sichergehen, dass alles in Ordnung war. Bevor er anklopfte, horchte er an der Tür, aber drinnen schien alles mucksmäuschenstill zu sein. „Alles Okay bei dir?“, schrie er durch die Tür. Er nahm es mit den Höflichkeitsformeln nicht so genau und sprach in der Regel alle mit dem persönlichen „du“ an. Keine Antwort. Die Geräusche mussten wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein, aber bei den Nachwehen seines gestrigen Rausches, mit denen er immer noch zu kämpfen hatte, war das kein Wunder. Einen letzten Versuch wollte er doch noch unternehmen, bückte sich und warf einen Blick durchs Schlüsselloch. Viel war nicht zu erkennen, doch glaubte er, etwas oder jemanden auf dem Fußboden liegen zu sehen. Die Umrisse deuteten auf eine menschliche Gestalt hin, jedoch mit Gewissheit konnte er dies nicht beschwören. Dennoch musste er etwas tun. Diesmal pochte er kräftiger an die Tür. „Brauchst du Hilfe?“, versuchte er es erneut, aber auch jetzt kam kein Laut von innen. Er bückte sich hinunter und spähte noch einmal durchs Schlüsselloch. Die Lage des auf dem Boden liegenden Objekts hatte sich nicht verändert. Wenn er doch nur wüsste, was sich auf dem Boden befand. Vielleicht war es ja auch nur ein gebrauchtes Handtuch oder Ähnliches. Er hatte keine Ahnung, deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als der Sache nachzugehen. Entschlossen rannte Peter in den ersten Stock und klingelte an der Wohnungstür des Hausmeisters. Der war in der Lage mit seinem Generalschlüssel die Wohnung zu öffnen. Er wollte sichergehen, dass alles in bester Ordnung war, und beruhigt seinen Weg zum Tennisplatz fortführen. Zurück im vierten Stock zückte der Hausmeister seinen Schlüssel und öffnete die Tür zum Apartment seines Nachbarn, dessen Namen ihm nicht einmal geläufig war. Peter spähte vorsichtig ins Innere der Wohnung, so als ob er einem Einbrecher auf der Spur wäre. Im Flur war es dunkel, deshalb konnte er aufgrund der unterschiedlichen Lichtverhältnisse nicht sofort etwas erkennen. Blinzelnd ging er weiter und da lag er, sein Nachbar, in einer Lache voller Blut. Peter stürzte ohne darauf Rücksicht zu nehmen eventuelle Spuren zu verwischen auf den Mann zu. Er tastete nach seinem Puls. In diesem Moment war er froh, den Erste-Hilfe-Kurs, den die Uni jährlich gratis abhielt, absolviert zu haben. „Er lebt! Rufen Sie sofort einen Krankenwagen“, wies er den Hausmeister aufgeregt an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er mit seinen Schuhen mitten in der Blutlache seines Nachbarn stand. Ein metallischer unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase. Verunsichert, was er als Nächstes tun sollte, warf er einen Blick nach hinten in Richtung des Hausmeisters, der gerade dabei war, den Notarzt zu verständigen. „Die sind schon unterwegs“, rief dieser ihm zuversichtlich zu. „Toll, wenigstens etwas. Und was mach ich jetzt“, dachte Peter sich. Die Waffe, die neben dem reglosen Körper lag, fiel ihm in seiner Aufregung erst jetzt auf. Um ein Haar hätte er sich nach ihr gebückt, aber noch rechtzeitig viel ihm wieder ein, dass er vermutlich schon genug Spuren verwischt hatte. „Informieren Sie bitte auch die Polizei“, forderte Peter den Hausmeister nochmals auf. „Hier scheint etwas wirklich Schlimmes passiert zu sein.“ Der nickte und wählte die Kurzwahl des Polizeinotrufes. In diesem Moment fing Peters Mobiltelefon zu klingeln an. Er hob schnell ab. „Alter, wo bleibst du denn? Ich warte schon seit einer Ewigkeit auf Dich“, hörte er seinen Freund durch den Hörer Er klang angepisst. „Ich stehe inmitten einer Blutlache im Apartment meines Nachbarn“, antwortete Peter brüsk. „Scherzkeks, was. Wenn dir keine bessere Ausrede einfällt …“, kommentierte er die Antwort von Peter genervt. Dieser war nicht im Entferntesten in der Stimmung sich die Verärgerung seines Freundes noch länger anzuhören und drückte ihn einfach weg. Endlich hörte Peter die Sirenen, die immer lauter wurden und noch bevor er noch irgendetwas tun konnte, sprang bereits das Notarztpersonal die Treppe in den vierten Stock herauf und betrat den Raum. Sie schupsten ihn unsanft zur Seite und befahlen ihm, die Wohnung zu verlassen. Peter tat wie ihm aufgetragen und stapfte mit seinen blutverschmierten Schuhen durch den Flur zur Eingangstür. Er konnte gerade noch hören, wie einer der Notärzte von sich gab: „Was ist das denn für eine Sauerei hier?“ Draußen wartete bereits die Polizei. Sie unterhielten sich mit dem Hausmeister, der aufgeregt in seine Richtung zeigte. Einer der Beamten löste sich von der kleinen Gruppe und ging auf ihn zu. „Haben Sie ihn gefunden?“, fragte er ihn. Peter nickte und schilderte ihm so ausführlich wie möglich, was in der letzten Stunde geschehen war. Der Polizist horchte aufmerksam zu, während er sich die wichtigsten Ereignisse auf seinem Notizblock notierte. Zu guter Letzt bat er ihn, noch heute aufs Polizeirevier zu kommen, um das Protokoll seiner Aussage zu unterschreiben. Nachdem sein schwer verletzter Nachbar erstversorgt und mit einer Bahre wegtransportiert wurde, machte sich die Spurensicherung an die Arbeit. Peter warf verstohlen einen Blick in die Wohnung und beobachtete das rege Treiben am Tatort. Noch nie zuvor konnte er die Arbeit der Polizei hautnah und live erleben. Doch sie gönnten ihm diese Erfahrung nicht sonderlich lange. Wenige Augenblicke später knallte einer der Beamten mit grimmiger Miene die Haustüre vor ihm zu und machte ihm somit klar, dass er hier nichts mehr zu suchen hatte.


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