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Verfluchtes Erbe


von Melanie Vogltanz

krimi_thriller
ISBN10-Nummer:
3941176021
ISBN13-Nummer:
9783941176027
Ausstattung:
452 Seiten, Format 22x17, Paperback
Preis:
27,90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Greifenstein Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
melanie.vogltanz@networld.at
Leseprobe
Ohne dass ich es sofort bemerkte, wurde der Boden allmählich fester. Als ich darauf aufmerksam wurde, bewegte ich mich bereits vollständig auf massivem Stein. Auch Wände und Decke hatten sich sichtbar verändert und wurden von blankem Fels gebildet, die Stützbalken wurden seltener, bis sie beinahe vollkommen verschwunden waren. Die Luft war hier deutlich stickiger als weiter oben, unangenehm warm und erfüllt von verbrauchtem, sauer schmeckendem Sauerstoff, der beim Einatmen in der Nase brannte und ein beißendes Gefühl der Übelkeit in meinem Magen wachrief. Ich schätzte, dass ich mich mindestens dreißig Meter unter der Erde befand, wenn nicht sogar noch tiefer. Erst jetzt wurde ich mir dessen bewusst, dass ich mich schon lange nicht mehr gebückt bewegte, sondern aufrecht gehen konnte, ohne auch nur mit dem Kopf an der Decke zu streifen. Nur die Seitenwände schienen noch näher gerückt zu sein, sodass meine Schultern an der nackten Felsmauer entlangschrammten, wenn ich nicht Acht gab. Noch immer erkannte ich kein sichtbares Ende des Tunnels. Wie lange war ich bereits hier unten? Eine viertel Stunde? Eine halbe? Zwei oder drei? Fünf Minuten? Es war mir absolut unmöglich, die verstrichene Zeit zu schätzen. Ich warf einen Blick auf die Digitalanzeige meiner Armbanduhr, doch dieses Mal ließ sie mich im Stich. Statt einer vernünftigen Uhrzeit zeigte das Zifferblatt bloß ein großes, in regelmäßigen Abständen blinkendes X. Bei meinem Sturz musste ich mit dem Kunststoffgehäuse irgendwo angeschlagen sein, und das hatte das billige Teil offenbar nicht verkraftet. Als ich mein Handgelenk näher an den orangefarbenen Schein der Lampe hielt, erkannte ich einen haarfeinen Riss in dem millimeterdicken Glas, der sich auch noch auf dem Plastikgehäuse fortsetzte. Nun ja, ich hatte ohnehin vorgehabt, mir eine neue Uhr zu kaufen. Vielleicht sollte ich mich auf den Rückweg machen. Mit etwas Glück war Rashid bereits auf der Suche nach mir. An der Oberfläche mussten die Temperaturen mittlerweile bereits an vorsätzliche Körperverletzung grenzen, und wenn Rashid nur einen Funken logischen Verstandes besaß, würde er schlussfolgern, dass ich, ganz gleich, wie stur und verstört ich auch sein sollte, schon längst hätte zurück sein müssen. Doch irgendwie, so unangebracht dieses Gefühl auch sein mochte, war ich enttäuscht, nichts entdeckt zu haben. Entweder, die Außenwände des Gebäudes, von denen Hakeem gesprochen hatte, lagen noch tiefer, oder ich war daran vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Für einen Moment war ich ernsthaft versucht, einfach weiterzugehen, von der neu entflammten Abenteuerlust in meiner Brust angetrieben, doch dann siegte doch die Vernunft über meinen fast schon kindischen Eifer. Noch immer vertraute ich der Decke nicht vollkommen, und die Angst, als lebendig begrabene Mumie zu enden, war zwar unterdrückt, aber nicht eliminiert. Ich würde später wiederkommen, unter besseren Umständen und wenn mir nicht mehr jeder einzelne Knochen im Leib wehtat. Ich wollte mich bereits zum Gehen wenden, als ich plötzlich hinter mir ein Geräusch hörte, so leise, dass ich es für gewöhnlich gar nicht wahrgenommen hätte, das mir aber in dieser akuten Stille erschien wie ein Kanonenschuss. Ruckartig wandte ich den Kopf und starrte konzentriert in die verschluckende Schwärze vor mir, versuchte, inmitten der pechfarbenen Dunkelheit etwas auszumachen, doch es war zwecklos. Das einzige Ergebnis, das ich dadurch erzielte, waren tanzende weiße Punkte vor meinen Netzhäuten und dumpfe Kopfschmerzen. Wahrscheinlich Einbildung. Mit einem stummen Kopfschütteln führte ich meine zuvor begonnene Bewegung zu Ende und machte mich auf den Rückweg. Der Schein meiner Petroleumlampe hüpfte ruhelos über die steinernen Wände, und mein eigener Schatten wirkte fremd auf mich, ein riesiger, verzerrter, substanzloser Schemen, der sich mit formlosen Schattenfingern über die Tunnelwände tastete, sich daran entlangschob, ohne mich auch nur für einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu verlieren, als wartete er auf einen Moment der Unachtsamkeit meinerseits, um seine Tarnung abstreifen und sich auf mich stürzen zu können. Das Geräusch meiner Schritte hallte dumpf und falsch von dem massiven Fels wider, der düstere Herzschlag einer krankhaften Wesenheit - Dschinn, hätte Amal es wohl genannt, ein böser Geist der Wüste, auf der ruhelosen Suche nach einem schutzlosen Opfer. Ein nervöses Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ich befand mich unter Tonnen von Stein und Erde, praktisch bei lebendigem Leib begraben, nur geschützt durch eine Hand voll dürrer Holzpfeiler, die allen Gesetzen der Physik nach längst in der Mitte durchbrechen hätten müssen wie morsche Zweige, und alles, worüber ich mir Sorgen machte, waren mein eigener Schatten und ein paar unsinnige Hirngespinste, die meinem rationalen, von amerikanischen Actionthrillern abgehärteten Verstand Hohn sprachen? Nun gut, jeder hatte seine eigene Art, um das Wissen der eigenen Verletzbarkeit entsprechend zu verarbeiten. Ein erneuter Laut in meinem Rücken ließ mich zusammenfahren und unterbrach meine selbst spöttischen Gedanken. Es klang, dachte ich beunruhigt, als würde ein einzelner, gelöster Stein über den Boden rollen. Fast, als wäre er vom Fuß eines anderen angestoßen worden … Unsinn. Kompletter Unsinn. Trotzdem beschleunigte ich meine Schritte um eine Spur, mehr instinktiv als wirklich bewusst. Hier war niemand, konnte niemand sein. Was nichts daran änderte, dass ich mich mit diesem zügigen Tempo weitaus wohler fühlte. Hinter mir wurden Schritte laut. Hastige, unregelmäßige Schritte, hartes Leder auf Stein, ein stolperndes Klack-Klack-Klack, das gelegentlich vom Knirschen von Schotter abgelöst wurde. Mit hämmerndem Herzen blieb ich stehen und fuhr auf dem Absatz herum, die Lampe in meinen zitternden Fingern weit von mir gestreckt und Löcher in die Dunkelheit reißend. Die Schritte verstummten so übergangslos, als entsprängen sie einem Tonband, das ein fieser Kobold hinter mir nach Belieben ein- und ausschaltete. Noch immer konnte ich nichts erkennen außer dieser saugenden, bedrohlichen Schwärze, die den Tunnel erfüllte wie geschmolzener Teer, der zähflüssig von den Wänden tropfte und den Boden bedeckte. Auf meiner Zunge lag plötzlich ein bitterer, saurer Geschmack, und ich konnte spüren, wie mein Puls raste. »Hallo?«, rief ich und kam mir selbst lächerlich dabei vor. Ich zuckte zusammen, als das Gewölbe meinen Ruf aufnahm und vielfach gebrochen zu mir zurückwarf: »Aoooo, aoooo, aooo…?« Ich schluckte hart, dachte aber gar nicht daran, aufzugeben. Wenn mich tatsächlich jemand verfolgte, würde ich es herausfinden. »Ist da jemand?« »Is a ejaaan… a ejaaan… ejaaan…?« »Melden Sie sich!« »Iiiiiich, iiiiich, iiiiich…!« Ich?, wiederholte ich in Gedanken und erschauderte unvermittelt. Das Echo erschien mir beinahe wie eine Antwort auf meine Frage, eine deutliche Bestätigung meines Verdachtes. »Verdammt noch mal, ich weiß doch, dass da jemand ist!« »Ejaaaan iiiis… iiiis… iiiis…« Es hatte keinen Sinn, mich unnötig verrückt zu machen. Der Tunnel war leer, vollkommen leer, mal abgesehen von den paar Kubiklitern Staub und mir selbst. Da war niemand, der mir hätte antworten können. Ich atmete tief ein, um mich selbst wieder zur Ruhe zu bringen. Natürlich misslang der Versuch kläglich. Anstatt meine Gedanken mit frischem Sauerstoff zu klären, musste ich unvermittelt husten, als jahrtausendealter, modriger Staub sich auf meine Lungen legte. Der Gestank nach Fäulnis und Alter wurde beinahe übermächtig, ebenso wie die Übelkeit in meinem Magen. Mit einem Mal war ich sehr dankbar dafür, dass ich Aishas Frühstück verschmäht hatte. Mit einem Gefühl in der Magengegend, das man längst nicht mehr als so etwas Banales wie Unruhe bezeichnen konnte, setzte ich meinen Weg fort, und dieses Mal wartete ich erst gar nicht auf einen Anlass, um ein rasches Tempo vorlegen zu müssen. Natürlich setzte, den Grundzügen jedes Horrorfilmes treu bleibend, das Geräusch der stolpernden Schritte meines Verfolgers im selben Moment ein, in dem ich mich wieder in Bewegung setzte, und ich war kaum überrascht, als ich registrierte, dass sich der Unbekannte, ob nun tatsächlich vorhanden oder bloß ein Produkt meiner aufgepeitschten Nerven, sich immer um eine Spur schneller bewegte als ich, sodass er mich früher oder später einholen musste. »Das ist Einbildung«, murmelte ich zu mir selbst. »Nichts als Einbildung. Das Echo deiner eigenen Schritte.« Vielleicht wird es allmählich Zeit, mir ernsthafte Sorgen zu machen, dachte ich mit einem Anflug von hysterischer Heiterkeit. Nicht nur, dass ich verrückte Halluzinationen hatte, jetzt sprach ich schon mit mir selbst. Und ich tat es nicht einmal sonderlich gut. Ganz gleich, wie logisch meine eigenen Argumente auch klingen mochten, ich wusste einfach, dass es nicht so war. Das waren nicht die Geräusche, die ich selbst verursachte, wenn ich mich bewegte, und es war auch keine Illusion. Ich wurde verfolgt, ohne jeden Zweifel. Von irgendjemanden. Oder irgendwas … Ohne selbst etwas dagegen tun zu können, beschleunigte ich meine Schritte noch weiter, bis ich mich schließlich nicht länger im Laufschritt bewegte, sondern durch die engen Gänge hetzte, als hinge mein Leben davon ab. (Tut es das denn, Bobby? TUT ES DAS?!?!) Ich rannte so schnell, dass alles um mich herum zu einem einzigen, graubraunen Streifen ineinander gelaufener Farben verschmolz und ich nicht mehr erkennen konnte, wohin ich lief. Die Lampe in meiner vor Angstschweiß feucht gewordenen Hand schwankte heftig hin und her, und der schwache Lichtstrahl war schon lange nicht mehr ruhig, sondern warf zuckende, hektische Reflexe an die nackten Felswände, düstere Schattenkreaturen heraufbeschwörend, die mit ihren langen, substanzlosen Fingern nach mir grapschten. Doch auch mein Verfolger dachte nicht daran, eine ruhige Kugel zu schieben. Seine Schritte wurden ebenfalls hörbar schneller, und ich glaubte ein hektisches, abgehacktes Atmen zu hören, das von den Mauern des Gewölbes aufgenommen und vielfach gebrochen zurückgeworfen wurde. Spätestens jetzt hatte es keinen Sinn mehr, zu leugnen. Ich war nicht mehr allein. War es niemals gewesen.
Klappentext
Als Robert Manson vom unerwarteten Erbe seines Vaters erfährt, ist er eher skeptisch, hat doch sein Vater ihn einst mit fünf Jahren in eine Pflegefamilie gegeben und sich seither nicht um ihn gekümmert. Erst Recht die seltsamen Bedingungen des Erbes machen ihn stutzig. Er kann nur dann über das umfangreiche Vermögen verfügen, wenn er die Arbeit seines Vaters an einer Ausgrabungsstätte in Ägypten fortführt. Dann ist da noch das seltsame Amulett, das sein Vater ihm hinterlassen hat, mit der Anweisung, es immer zu tragen. Roberts Weg führt ihn in die kleine Oase Zawiyyet al-Sill, deren Bewohner ihm mit großer Zurückhaltung begegnen. Seltsame Todesfälle und unheimliche Vorkommnisse lassen den Entschluss, den letzten Willen seines Vaters auszuführen, wanken. Was hat es mit dem angeblichen Fluch auf sich, der seit Jahrtausenden auf dem Dorf lasten soll? Und kann Robert der schönen Aisha wirklich trauen? Die Ereignisse überstürzen sich und Robert muss eine grausame Entscheidung fällen.