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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Unterwegs nach Yo...rn, H. Scherm
H. Scherm

Unterwegs nach Yo...rn


Der Untergang der Automobilindustrie

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Kapitel 25


 


Gegen 15:00 Uhr warf ich mir mein Jackett über den Arm und machte mich auf den Weg nach Eivissa, wie Ibiza-Stadt auf katalanisch genannt wird. Ich wollte in einem Restaurant in der Stadt zu Abend essen und mir dann das Amnesia ansehen. Auf der Schnellstraße in die Stadt überholte mich ein weißer Range Rover mit zwei Typen, die aussahen, als hätten sie sich aus dem Film »Man in Black« in die Realität verirrt. Dunkle Anzüge, dunkle, große Sonnenbrillen, dunkle Krawatten, Pokerface. Auf alle Fälle fühlten sie sich wie die Kings. Fuhren absichtlich ein paar hundert Meter neben mir her und gaben mir ein spöttisches Victory-Zeichen. Liebesgrüße aus dem Range Rover an den Versager im hoffnungslos untermotorisierten Ford Focus. Dann gaben sie Gas. Waren das die Typen, von denen Gabi gesprochen hatte. Sie sahen nicht gerade wie Investment Banker aus, eher wie deren Gärtner oder Body Guards. Wahrscheinlich aber waren sie Türsteher in irgendeiner Disco. Auf alle Fälle Wichser. Aber nicht mein Ding, sagte ich mir und träumte weiter vor mich hin. Als rechts vor mir, von einer Palmenkrone umrahmt, das riesige gelbe Logo des Amnesia auftauchte, fasste ich spontan den Entschluss, mir den Laden schon mal bei Tag anzuschauen und zu checken, ob heute Abend Party angesagt war. Das Gelände war total verlassen. Der rote Amnesia Doppeldeckerbus stand einsam auf einem zum Parkplatz umfunktionierten Olivenhain zwischen ein paar vereinzelten Oliven- und Mandelbäumen. Die Frontscheibe war mit einer grauen Plane abgedeckt. Gelbe Absperrgitter, die durch eine rostige Kette miteinander verbunden waren, versperrten den Zugang zum asphaltierten Discogelände. Kein Lebenszeichen, kein Auto weit und breit. Das Ganze sah eindeutig nach Winterpause aus. Gabi hatte also doch recht gehabt, der Laden machte erst Mitte Mai auf. Ich fragte mich, ob die Überwachungskameras, die an den beiden Palmen im Zentrum des Geländes angebracht waren, eingeschaltet waren und gab ihnen ein Victory-Zeichen, um den Operator am Kontrollmonitor aus dem Schlaf zu reißen und zu signalisieren, dass ich ihn ertappt hatte. Dann drehte ich eine Runde um das Gelände, um ein paar Fotos zu machen. Zum einen liebe ich verlassene Locations, weil sie eine ganz eigene Sprache sprechen, zum anderen, dachte ich, dass es gut wäre ein bisschen Material für meine Ermittlungsakten zu sammeln. Meinen weißen Ford Focus ließ ich währenddessen mit offener Tür mitten auf der Zufahrtsstrasse stehen. Ich hatte noch keine drei Fotos gemacht, als ich ein heftiges Hupkonzert dafür erntete. Ein ehemals weißer, ziemlich ramponierter Renault Kastenwagen kam langsam hinter meinem Focus die Straße entlang gerollt. Der Fahrer war unüberhörbar genervt über das unerwartete Hindernis, an dem kein Vorbeikommen war. Ich beeilte mich, zu meinem Fahrzeug zurückzukommen und setzte den Focus einen Meter zur Seite bis knapp an die gelben Absperrgitter. Der Renault rollte langsam an mir vorbei. Dabei warf mir der Fahrer durch die geschlossene Seitenscheibe einen Blick zu, den als freundlich zu bezeichnen, ein klares Verkennen der Realität bedeutet hätte. Seine dunkelblaue Arbeitsmontur ließ darauf schließen, dass es sich um einen Handwerker handelte. Anscheinend hatte er etwas mit dem Amnesia zu tun, denn der Renault bog in den Hinterhof einer Art Werkstatthalle ein, die unmittelbar an das Amnesia-Gelände grenzte. Ich ließ mich von seinem fast feindseligen Blick nicht abschrecken und fuhr mit dem Fotografieren fort. Unter anderem machte ich auch ein paar Fotos vom Eingang der Disco. Besonders ein Schild, das unmittelbar neben dem Eingang hing, hatte es mir angetan: »Prohibida La Entrada A Menores De 18 Anos - No Entry Under 18 Years«. Ein ziemlich amüsanter Hinweis, um den sich mit Sicherheit kein Mensch scherte. Als ich genug fotografiert hatte, beschloss ich, mir den Typen mit dem Renault genauer anzusehen. Wenn er hier arbeitete, konnte er mir vielleicht weiterhelfen. Ich schlenderte möglichst locker in den Hof hinter der Halle und überlegte dabei, welche Story ich ihm auftischen sollte. Den Werkstücken nach zu schließen, die neben dem großen, zweiflügeligen Hallentor an der Wand lehnten, diente die Werkstatt dem Bau von Kulissen für das Amnesia. Auf mein Klopfen an der schmalen Eingangstür unmittelbar neben dem Hallentor kam keine Reaktion. Wenn ich die drinnen plötzlich aufjaulende Säge nicht als solche einstufte. Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat einen Schritt in die Halle. Der Typ im Blaumann war gerade damit beschäftigt, die Kanten einer riesigen Holzplatte zu bearbeiten, auf die ein blauer Glitzer-Himmel mit weißen Schäfchenwolken gemalt war, durch die eine über und über mit Goldglitter verzierte Leiter nach oben führte. Daneben stand in den Amnesia-Farben und mit einem dunkelblauen Rand sowie Silberglitter versehen in Riesenbuchstaben das Motto »Stairway to heaven«. Allem Anschein nach eine Kulisse für die Eröffnungsshow in ein paar Wochen, die wohl eine Art Himmelsleiter oder eine Treppe in den Himmel darstellen sollte. Obwohl er mich der Blaumann den Gesetzen von Physik und Optik nach sehen musste, ignorierte er mich vollkommen. Normalerweise ging mir so ein Verhalten am Arsch vorbei, aber bei ihm nervte es mich komischerweise, machte mich geradezu aggressiv. Was wahrscheinlich daran lag, dass mir der Typ auf den ersten Blick unsympathisch war. Er hatte etwas ekelhaft Schmieriges an sich, mit seinen ungepflegten, lockigen, schwarzen Haaren. Dazu kam noch ein Dreitagebart in dem bestimmt Speichel- und Essensreste klebten. Und der Holzstaub, der sich in seinen Haaren abgesetzt hatte, machte es nicht gerade besser. Ich ging entschlossen auf ihn zu. Er ignorierte mich weiter. Erst als ich unmittelbar neben ihm stand, schaltete er die Säge aus, drehte sich zu mir um und sagte: »Sie stehen wohl gern im Weg rum, wenn andere arbeiten?« Gut beobachtet, du Wichser, lag mir als Antwort auf der Zunge, und ich checkte die Entfernung zu ein paar dicken Holzlatten, die auf einem Transportwagen rechts von mir lagen, um ihm eine davon im Notfall über den Schädel zu ziehen. »Entschuldigen Sie die Störung«, sagte ich stattdessen mit einer Stimme als hätte ich dem Wolf aus Rotkäppchen seinen kompletten Kreidevorrat weggefressen. »Mein Name ist Franz Brinkmann, ich bin Erbenermittler.« Das wirkte. Er begann mir zuzuhören. Und das lag nicht nur an dem holperigen Spanisch, in dem ich diese Ansage gemacht hatte. Es war eher eine Art primitive Gier, die sich in seinen Augen breit zu machen begann. Ich trug ein Jackett, sah einigermaßen zivilisiert aus, wahrscheinlich ging er in seinem Schädel gerade die Möglichkeiten durch, die es gab, dass ihm jemand etwas vererbt haben könnte. »Ich suche nach einer jungen Frau, die Erbin eines nicht unbeträchtlichen Vermögens ist«, erstickte ich seine aufkeimende Hoffnung. Befeuerte sie aber sofort wieder, indem ich hinzusetzte: »Wenn Sie mir helfen können, sie zu finden, bin ich autorisiert, Ihnen eine angemessene Belohnung auszuzahlen. Es geht um diese junge Dame. Sie war, wenn meine Informationen richtig sind, oft hier im Club zu Gast.« Ich zeigte ihm ein Bild von Sandra. Er warf einen langen Blick auf das Bild. Wobei er mich ab und zu aus den Augenwinkeln beobachtete. Ich konnte es in seinem Kopf rauschen hören. Das Bild sagte ihm mehr, als ihm lieb sein konnte, hatte ich das Gefühl. Dafür sprach auch der Ausdruck in seinen Augen, der sich schlagartig verändert hatte. In manchen Momenten hatten der Drogenmissbrauch auch seine Vorteile. Der Stoff machte einen hypersensibel für manche Vorgänge, Menschen und Stimmungen. Ich spürte, was mit dem Typen los war. Ich konnte es förmlich in dem Schweiß riechen, den er ausströmte. Er roch wie ein Stück Speck, das wochenlang im Brackwasser gelegen hatte. All die jungen, leichtlebigen, sexuell offensiven Frauen, die er hier sicher Abend für Abend in den Klub strömen sah, oder zumindest mal hatte in den Club strömen sehen, hatten seine Gier bestimmt bis zur Qual angestachelt. Und das Gelände um den Club herum war perfekt geeignet für ein paar kleine Abenteuer. Weitläufig und mit genügend Ecken, die einem Schutz boten. Auch wenn es Überwachungskameras im unmittelbaren Eingangsbereich gab, und wenn über dem Parkplatz eine ganze Reihe von Scheinwerfern hing, wie ich vorhin gesehen hatte. Das Licht schützte einen eher noch zusätzlich, wenn man sich in einer der dunklen Ecken befand. Junge Frauen mit Alkohol und allerlei Drogen im Blut, schweißnass vom Tanzen, aufgeheizt von Techno- und House-Musik. Eigentlich ein optimales Szenario für einen Fischfang mit Ko-Tropfen oder für andere Machenschaften am Rande der Legalität. Welcher Mann kam da nicht gelegentlich auf seltsame Phantasien. Und dieser schleimige Typ gehörte eher zu denen, die bereit waren, sie auch umzusetzen. Mit dieser Werkstatt hatte er auch noch einen Ort, der für nächtliche Eskapaden perfekt geeignet war. Und so wie er jetzt das Bild ansah, hatte Sandra irgendwann seinen Weg gekreuzt, unter welchen Umständen auch immer. Leider blieb es uns versagt, die Umstände dieser Begegnung näher zu erörtern, weil in diesem Moment die beiden Men in Black-Typen, die mir vor einer knappen Stunde in ihrem Range Rover aufgefallen waren, in die Werkstatt stürmten. Fuck! Es fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich Idiot hatte mir nicht das Geringste dabei gedacht, als diese beiden Typen mich vorhin überholt hatten. Eine reife Leistung für einen Detektiv, die eindeutig das Prädikat »möchtegern« verdient hatte. Jetzt bekam ich die Quittung für meine Naivität. Die beiden hatten Routine im Härterzupacken und offensichtlich auch ihren Spaß dabei. Ehe ich richtig gecheckt hatte, was abging, hatte mich der Kräftigere von beiden mit einem ziemlich schmerzhaften, zigfach geübten Hebelgriff, der darauf abzielte, mir das Ellenbogengelenk zu brechen, unter seine Kontrolle gebracht, sodass sein drahtiger Zwilling in aller Ruhe meine Taschen durchsuchen konnte, während ich vor ihm in die Knie ging, um den Schmerz in meinem Arm ein bisschen erträglicher zu gestalten, und hilflos mit ansehen musste, wie er alles, was ihm interessant vorkam, auf den »Stairway to heaven« warf. Auch ihm machte sein Job sichtlich Spaß. Deshalb griff er mir zum Abschluss noch mal deftig in die Eier. Hauptsächlich, um ein dämliches, dreckiges Grinsen an den Mann zu bringen und weniger, um sicher zu gehen, dass ich dort keine Überraschung versteckt hatte. »Okay, er ist sauber!«, meinte er dann. »Du kannst ihn loslassen!« Vor Freude, dass der Schmerz nachließ, japste ich nach Luft wie ein verfetteter, kurzatmiger Dackel in der Mittagshitze, ließ meinen Arm langsam vom Rücken nach vorne gleiten und stützte ihn auf meinem Oberschenkel ab, weil meine Muskeln noch zu geschockt waren, um ihn selbständig zu kontrollieren. Aber die Freude war nur von kurzer Dauer. Meine Peiniger schnappten sich eine Rolle Gartendraht und fesselten mich damit unsanft auf einem Thronstuhl fest, wahrscheinlich auch ein Stück Kulisse, das aus weiß lackiertem Holz gefertigt und links und rechts von zwei antiken Statuen umrahmt war, bei denen es sich um zwei Frauen handelt, die bis auf ein Feigenblatt an der Muschi und einen bunten Blumenkranz im Haar nackt waren. »Du kannst dir eine Menge Ärger ersparen, wenn du einfach redest«, knurrte mich der Kräftigere an, den ich im Stillen inzwischen »Black 1« getauft hatte, und pflanzte sich vor mir auf. »Er hat mir ein Bild gezeigt, von einer Frau!«, mischte sich der Kulissenbauer ein. »Dich hat niemand gefragt! «, schnauzte Black 2, der Dünnere von beiden, ihn an und versetzte ihm einen Schlag vor die Brust, der ihn ins Taumeln brachte. Trotz meiner misslichen Lage konnte ich mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen. Die beiden Jungs waren anscheinend auch nicht besonders gut auf den Schleimarsch zu sprechen. Fast machte sie mir das ein klein wenig sympathisch. Aber angesichts der Möglichkeiten, die diese Werkstatt jemandem mit ein bisschen Fantasie bot, wurde mir zunehmend angst und bang. Die Werkzeug hatten für einen begabten Sadisten echt Potential, wenn es darum ging, jemanden gesprächig zu stimmen oder ihm eine Abreibung zu verpassen. Ich sah zu den beiden Statuen auf, die sich über meinen Thron neigten. Sie hielten zwei mächtige Krüge, aus denen sie mit einer durchaus grazil zu nennenden Geste eine Flüssigkeit direkt über meinen Kopf gossen. Auch da konnte man sich einige interessante Variationen vorstellen. Im Mittelalter hatte man dafür, soweit ich wusste, flüssiges, kochendes Blei oder Jauche und ähnliche Leckereien verwendet. Black 1, der eindeutig das Kommando führte, schnappte sich einen goldenen Regiestuhl, den er in einer Ecke der Werkstatt erspäht hatte, pflanzte ihn vor mir auf und machte es sich mit seinem massigen Körper darauf bequem. »Ich wiederhole«, wandte er sich an mich. »Du kannst dir eine Menge Ärger ersparen, wenn du ein paar grundsätzliche Regeln beachtest. Regel Nummer eins: Wenn ich dir eine Frage stelle, antwortest du, ohne lange herumzuzicken. Haben wir uns verstanden?« Ich war eindeutig nicht in der Lage, mit ihm zu argumentieren, also hielt ich einfach die Klappe. Er deutete das vollkommen richtig als eine Art Einverständnis und setzte sein Verhör fort. »Wer bist du? Und warum schnüffelst du hier herum?«, fragte er. Ich überlegte kurz, ob ich mich als Doktor Brinkmann, Chefarzt der Schwarzwaldklinik, vorstellen sollte. Entschied mich aber ziemlich schnell dagegen, weil ich mir gut vorstellen konnte, dass mein Gegenüber für einen solchen Scherz keinerlei Verständnis hatte, selbst wenn er die Schwarzwaldklinik nicht kannte, wovon auszugehen war. Aber schon dieses kurze Zögern sorgte für Verstimmung bei Black 1. Er griff sich einen riesigen Tacker, der auf dem Stairway to Heaven lag und jagte mir ohne Vorwarnung zwei Metallklammern durch meine sündteure Prada Jeans in den Oberschenkel. Geschätzte Nagellänge fünfundzwanzig, dreißig Millimeter, so wie es sich anfühlte. Ich jaulte auf und zappelte wie wild mit meinen an den Stuhl gefesselten Beinen. »Die nächsten zwei landen in deinen Eiern», bemerkte Black 1 lakonisch und lehnte sich genussvoll in seinem goldenen Stuhl zurück. Wahrscheinlich fühlte er sich jetzt wie Roman Polanski persönlich beim Dreh von »Chinatown« und träumte schon davon, mir die Nase mit einem Messer aufzuschlitzen wie in der berühmten Szene mit Jack Nicholson. »Also, ich wiederhole: Wer bist du? Und was hast du hier zu suchen?« Er stand auf und begann betont lässig, in den Sachen zu stochern, die Black 2 aus meinen Taschen gefischt hatte. »Ich heiße Chris Ramone«, sagte ich meinen richtigen Namen, weil ich keine Lust auf noch mehr Ärger hatte. »Regel Nummer zwei lautet: Lügen haben kurze Beine!«, sagte er fast ein bisschen sinnierend mit dem Blick auf meine American Express Karte, die er aus meinen Sachen gefischt hatte. »Hier steht Josef Ramone«, sagte er mit der Betonung auf Josef und verpasste mir drei weitere Tackerklammern. Gott sei Dank nicht in die Eier. Aber es war auch nicht besonders angenehm, die Dinger in die Brust, speziell in die Brustwarze, geknallt zu bekommen. Dabei hatte ich die Wahrheit gesagt. Chris war mein zweiter Vorname. Gut, nur mein zweiter, aber der, den ich immer gebrauchte, wenn ich mich vorstellte, unter Freunden oder auch Fremden gegenüber, weil ich den Namen Josef einfach hasste, für den mein Patenonkel verantwortlich war, den ich nicht leiden konnte. Was konnte ich dafür, dass ausgerechnet dieser beschissene Name auf der Kreditkarte prangte. »Mach dir keine unnötigen Gedanken«, sagte er fast milde und ein bisschen tröstend, als er den entsetzten Blick bemerkte, mit dem ich auf das Blut starrte, das durch mein Hemd sickerte. »Du hattest nicht wirklich eine Chance. Wir wissen natürlich, wer du bist. Du solltest das einfach als kleine Aufwärmrunde betrachten. Nichts für ungut. Aber dieser Tacker, ich weiß nicht, kickt irgendwie nicht so richtig. Oder? Was meinst du?« Er griff sich eine Flex, die einsatzbereit auf einer Werkbank lag, schaltete sie ein und ließ die Trennscheibe ein paar Millimeter über meiner Nase rotieren. »Das kommt doch schon viel besser«, meinte er mit einem Grinsen. »Da ist Musik drin.« Er führte im Stil eines Luft-Gitarre-Spielers ein paar imaginäre Schnitte mit der Flex aus und fläzte sich dann wieder zufrieden in seinen Regiestuhl. »Kommen wir also zurück zur Frage aller Fragen: Warum schnüffelst du hier rum?« »Hey! Was ist das? Ist das Koks?«, schrie Schleimarsch plötzlich dazwischen, der Georgs Koksbriefchen unter meinen Sachen entdeckt hatte. »Der Typ hat doch tatsächlich Koks dabei, ist das zu fassen!« Seine Augen begannen zu strahlen, als er das Briefchen geöffnet hatte und die fette Dosis weißes Pulver erblickte. »Hey, lass uns erst eine Line ziehen, bevor wir ihm den Rest geben!« Black 1 legte die Flex beiseite und beäugte den Stoff. Und Black 2 musste nicht eine Sekunde überlegen, um dabei zu sein. Meine American Express Karte wurde endlich ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt. Die Jungs waren auch in solchen Dingen Profis. Es dauerte keine Minute, und sechs fein säuberlich angerichtete Lines lagen auf einer Metallplatte bereit. Und keine dreißig Sekunden später hatten die drei den Stoff in den Schleimhäuten. Georg war immer ein Arschloch gewesen, aber sein Stoff hatte immer seinen Zweck erfüllt. Das galt auch diesmal. Mein Instinkt hatte mich nicht getäuscht, als ich dieses Pulver verschmäht hatte. Der Stoff entfaltete eine geradezu sensationelle Wirkung. Nur wenige Sekunden nach Applikation stand den Jungs der Angstschweiß auf der Stirn. Das war der Moment, in dem ihnen schlagartig klar wurde, dass sie einen Fehler gemacht hatten, der sich nicht wieder gut machen ließ. Ihre Haut wurde aschfahl. Die Augäpfel begannen zu zittern, die Atmung fing an zu rasen. Keine zwanzig Sekunden später lag Black 1 am Boden, sein Körper von Krämpfen geschüttelt, roter Schaum quoll aus seinem Mund. Er wollte noch etwas sagen, brachte aber außer einem hilflosen Würgen nichts mehr zustande. Black 2 war zäher. Er schaffte es noch, seine Pistole aus dem Halfter an seinem Gürtel zu zerren und auf mich zu richten. Aber anscheinend konnte er nicht mehr richtig sehen, schnappte nach Luft wie ein auf dem Trockenen zappelnder Fisch und versuchte verzweifelt ein Ziel zu finden. Vergeblich. Er brach zusammen, bevor er abdrücken konnte. Schleimarsch war natürlich der Zäheste von allen. Er schaffte es noch, die Flex einzuschalten und nahm Anlauf, um mir mit der Trennscheibe den Schädel zu spalten. Auf halbem Weg stolperte er aber aufgrund seiner bereits eingetrübten Sicht über das Bein von Black 1, dessen Leiche er übersehen hatte, knallte gegen die Statue rechts von mir und stürzte zu Boden. Pech für ihn, dass er dabei mit der Brust genau in die Flex stürzte, die wie entfesselt weiterrotierte und ihm den Brustkorb zerfetzte. Gut für ihn, dass er von dieser ziemlich blutigen Metzgerei wahrscheinlich nicht mehr allzu viel mitbekam. Wow! Was für ein Stoff! Ich pfiff anerkennend durch die Zähne. Der Teufel persönlich musste an seiner Herstellung beteiligt gewesen sein. Ein Mix aus Rizin, Blausäure und Curare? Egal, Hauptsache der Stoff hatte mir den Arsch gerettet. Gab es nur noch ein Problem, wie konnte ich es schaffen, mich trotz meiner Fesseln schnellstmöglich vom Acker zu machen? Schließlich war ich kein Entfesslungskünstler. Aber wenn es mir gelingen würde, mit der Schuhspitze an das Kabel der Flex heran zu kommen, das nur wenige Millimeter neben meinem linken Fuß zu liegen gekommen war, konnte ich das Ding vielleicht so dirigieren, dass es den Draht durchtrennte, mit dem mein Bein an den Stuhl gefesselt war. Und wenn ich erstmal ein Bein frei hatte, standen meine Chancen nicht schlecht, dass es mir gelingen würde, auch die zweite Fußfessel durch zu flexen. Es kostete mich eine schweißtreibende Viertelstunde, dann hatte ich es geschafft. Meine Beine waren frei. Ich konnte mich aufrichten und mich mitsamt dem Thron und seinen Wächterfiguren gegen einen Stahlträger werfen, der zu einem mobilen Werkstattkran gehörte, der auf einer Schiene unter der Decke hing. Ich hatte Glück, der Thron zerbrach überraschend leicht in seine Einzelteile. Kulissen waren Gott sei Dank nur Deko und nicht für die Ewigkeit bestimmt. Damit war ich den größten Teil des albernen Throns los und soweit beweglich, dass ich die Reste der Armfesseln ohne viel Mühe durchflexen konnte. Einen schier endlos langen Augenblick stand ich einfach nur da und genoss den Umstand, dass ich der einzige Überlebende dieses denkwürdigen Nachmittags war. Dann überlegte ich, was jetzt zu tun war. Ich entschied mich für das Naheliegende und durchsuchte die Leichen nach Smartphones, Ausweisen, Schlüsseln und anderen Dingen, die mir Aufschluss geben konnten, um wen es sich bei diesen Kamikazetypen handelte, woher sie kamen und in wessen Auftrag sie womöglich unterwegs waren. Dann nahm ich mir die Autos vor. Vor allem der Range Rover, den die beiden Typen in Schwarz neben dem Amnesia Bus unter einem Mandelbaum abgestellt hatten, interessierte mich. Ein feines Fahrzeug. Wie es aussah, noch keine 1000 Kilometer auf der Straße. Ein Range Rover Autobiography, der, wenn ich auf Stand war, für um die 130.000 Euro über den Tisch ging. Achtzylinder, P mal Daumen 500 PS, Meridian 3D Surround Sound System, an die 30 Lautsprecher wahrscheinlich, 21 Zoll Alus vom feinsten, 18-fache Sitzverstellung, Panoramadach, feinstes Leder natürlich und, nicht zu vergessen, Holz-Leder-Lenkrad. Die indischen Eigentümer, denen Land Rover seit einigen Jahren gehörte, ließen es noch mal so richtig krachen und feierten die Range Rover Legende mit einer Art letztem Feuerwerk. Ich zog mir den Geruch des Leders rein und dachte an die großen Zeiten der britischen Automobilindustrie. Austin Motor Company, die den unvergleichlichen Mini Cooper entwickelt hatten, Jaguar, MG Rover, Triumph mit dem Spitfire, Aston Martin, Bentley, Rolls Royce. Namen, die mir auf der Zunge zergingen und Erinnerungen an den Geruch von hochwertigstem Leder in meiner Nase weckten. Inzwischen alles nur noch Markennamen in den Händen von VW, BMW, Tata Motors und einigen Chinesischen Herstellern, die kein Mensch in Europa kannte. Ich nahm mir das Navi vor, notierte mir die Einträge unter letzte Ziele und suchte nach einer Home-Adresse. Im Handschuhfach fand ich schließlich den Kraftfahrzeugschein. Ein unschätzbares Dokument für mich. Damit hatte ich Namen und Adresse des Fahrzeughalters. Ich fotografierte den Schein mit meinem iPhone und legte ihn dann wieder an seinen Platz zurück. In diesem Augenblick fing es an zu regnen. Ich lehnte mich zurück und sah den Tropfen zu, wie sie auf die Scheibe des Range Rover fielen. Ein Gefühl der Geborgenheit überkam mich. Ich hatte den vollen Horror hinter mir, aber der Geruch des Leders und das wunderbare Holz-Leder-Lenkrad vor mir wirkten wie eine satte Dosis Lorazepam auf mich. Einen Moment lang verspürte ich gute Lust, den Motor zu starten und den Range Rover mit seiner verlockenden »Autobiografie« gegen meinen heruntergekommenen, hässlichen Ford Focus einzutauschen. Aber ganz wahnsinnig war ich dann doch nicht. Als der Regen aufgehört hatte – Regenschauer auf Ibiza haben meistens keine lange Standzeit – wischte ich mit einem Ledertuch, das ich ebenfalls im Handschuhfach gefunden hatte, alles ab, was ich angefasst hatte und ging noch einmal in die Werkstatt zurück, um aufzuräumen. Während ich zusah, wie ein paar Fliegen erste, zaghafte Besitzansprüche auf die Leichen anmeldeten, nahm ich die Daten auf den Smartphones der Verblichenen in Augenschein und machte Fotos von den Einträgen, die mir interessant vorkamen, um sie später in Ruhe auswerten zu können. Black 1 war anscheinend ein überheblicher Volltrottel gewesen. Sein iPhone hatte nicht mal ein persönliches Passwort. Es war ihm anscheinend nicht klar gewesen, dass damit praktisch jeder auf seine Daten zugreifen konnte. Und zu allem Überfluss hatte er doch tatsächlich auch noch einen dieser dämlichen Fitness-Tracker installiert, der einige seiner Körperfunktionen überwacht und seine Schritte gezählt hatte. Dass er damit auch die Ortungsdienste eingeschaltet hatte, war ihm anscheinend entgangen oder er hatte diesen Umstand nicht für so wichtig gehalten. Umso besser für mich. So konnte ich ohne Probleme nachvollziehen, wo er in den letzten Tagen unterwegs gewesen war und wo und um welche Uhrzeit er die Fotos gemacht hatte, die reichlich auf dem Telefon zu finden waren. Nur der Schleimer hatte sein iPhone mit Fingerabdruck und Kennwort gesichert. Keine Chance für mich, auf die schnelle Art an die Daten ranzukommen. Aber das war nicht weiter tragisch. Er war der Uninteressanteste von den drei Typen. Ich hatte genug verwertbares Material und konnte mich vom Acker machen. Zuvor nahm ich noch ein paar kleine Modifikationen an der Szenerie vor. Alles sollte nach einem Drogenexzess aussehen, der aus dem Ruder gelaufen war. Drei Typen in der Werkstatt des Amnesia, die beim Koksen hopps gegangen waren. Eigentlich nicht besonders ungewöhnlich. Mit giftigen Substanzen verschnittenes Koks unbekannter Herkunft. Das konnte schon mal passieren. Kein Schwein würde auf die Idee kommen, was für eine Geschichte wirklich dahinter steckte.


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