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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Unerwartete Begegnung., Heinrich Peuckmann
Heinrich Peuckmann

Unerwartete Begegnung.


Kriminalerzählungen

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Unerwartete Begegnung 1. Der Mann lag mit Bauch und Gesicht nach unten im Wasser. Arme und Beine waren ausgestreckt wie bei einem Fallschirmspringer, bei jeder Welle schwappte der Körper gegen eines der Motorboote, zwischen denen er lag. Der Mann war tot. Anselm Becker stand vornüber gebeugt am Steg des Bergkamener Marinahafens und schaute auf die Leiche. Er brauchte sich nicht zu bücken, um den Körper zu untersuchen, er sah es auch so. Dann blickte er auf das Motorboot rechts von der Leiche und bemerkte Blut an Reling und Bootsrand. Dort hatte der Mann sich die Verletzungen zugezogen, die zum Sturz ins Wasser geführt hatten. Aber wie war das passiert, fragte sich Anselm, aus welchem Grund? War er unglücklich gestürzt und hatte sich dabei schwer verletzt, oder hatte jemand Gewalt ausgeübt? Der Doktor war schon vor ihm am Tatort gewesen, jetzt sah er Anselm Becker erwartungsvoll an. „Können wir?“ Anselm nickte. Er sah, wie der Doktor mit zwei Mitarbeitern begann, die Leiche aus dem Wasser zu ziehen. Auf dem Rücken legten sie sie auf den Steg. Anselm bemerkte die schwere Verletzung an der rechten Stirn. Der Knochen war durchschlagen, es schimmerte gelblich aus der Wunde. Es war ein älterer Mann, Anselm schätzte ihn auf Mitte sechzig. Er hatte graues, aber noch volles Haar. Die Augen waren wie vor Schreck weit geöffnet. Hinter Anselm stand der Hafenmeister, der ihn gefunden und die Polizei informiert hatte. Nein, er hätte nichts verändert, antwortete er auf Anselms Frage. „Ich habe mir gleich gedacht, dass er tot ist. Ich habe schon zwei Wasserleichen hier im Hafen gesehen, da sah es genauso aus.“ „Kennen Sie den Mann?“ Der Hafenmeister nickte. „Natürlich, das ist Werner Bäumler. Der hat hier schon lange einen Liegeplatz gemietet. Wir kennen uns gut, manchmal trinken wir drüben im Café eine Tasse Kaffee. Haben wir getrunken, muss ich ja jetzt sagen.“ „Lebte Bäumler auf seinem Boot, weil er keine Familie hatte?“ „Nein, Bäumler hatte Familie. Die wohnt hier am Ort. Das heißt, seine Frau wohnt hier, die beiden Söhne sind längst aus dem Haus, wohnen in Hamburg und Köln, so viel ich weiß. Aber Bäumler liebte die Ruhe im Hafen, deshalb war er oft hier, meistens ohne seine Frau.“ Anselm ließ sich die Adresse nennen und notierte sie auf einem Zettel, den er für solche Fälle in der Innentasche seiner Jacke stecken hatte. „Ist Ihnen etwas aufgefallen, das Bäumlers Tod erklären könnte?“ „Nein, nichts. Was soll mir auch auffallen? Ich kann nicht alle Boote im Auge behalten, habe genug anderes zu tun. Und wenn jemand ins Wasser fällt, muss man schon ganz in der Nähe sein, um das zu hören.“ Anselm nickte. Er blickte sich um. Heute früh hatte es noch geregnet, aber jetzt war die Sonne hinter den Wolken hervorgetreten und beschien das Wasser im Hafen und im angrenzenden Kanal. Die kleinen Wellen glitzerten golden. Ein idyllischer Anblick, der zum Verweilen einlud, aber Anselm war nicht zum Entspannen hierher gekommen. „Sag mir, ob es sich um einen Mord oder einen Unglücksfall handelt“, wandte er sich an den Doktor. Der nickte. „Mach ich, sobald wie möglich.“ „Und, hast du schon einen Verdacht?“, fragte Anselm, weil er gesehen hatte, dass sich der Doktor die Wunde ganz genau angesehen hatte. Der Doktor zuckte mit den Schultern. „Sicher bin ich mir nicht. Sieht eher nach Mord aus, würde ich sagen. Dass jemand so heftig gegen die Reling knallt, ganz ohne Fremdeinwirkung, kann ich mir kaum vorstellen.“ Anselm leuchtete das ein. Im Grunde hatte er dasselbe gedacht. Er schaute sich noch kurz das Schiff an. Ein Liegestuhl stand an Deck, in der Nähe der Reling stand ein Eimer mit einem Putzlappen darin. Klar, so ein Boot musste genauso geputzt werden wie eine Wohnung. Dann sah er hinüber zu den anderen Bootsstegen. Alle waren durch ein hohes Gittertor vom übrigen Hafen abgetrennt worden. Die Tore waren zu beiden Seiten durch Stacheldraht gesichert, so dass man nicht an ihnen vorbei auf den Steg springen konnte. Hierher kam nur, wer einen Schlüssel hatte oder trotz des Drahtes an der Absperrung vorbei klettern konnte. Unmöglich schien es nicht zu sein, aber man musste schon sehr gelenkig sein, wenn man das schaffen wollte. Er blickte auf die Uhr, es war kurz vor elf. Mal sehen, wie weit er heute in dieser Sache kommen würde. Auf dem Kanal zog ein großes Frachtschiff vorbei. Es hatte Kohle geladen, vermutlich für das Kraftwerk in Richtung Lünen. Aus dessen Kühlturm stieg Dampf auf. Es war ein Anblick, der die Hafenidylle ein bisschen trübte. 2. Sein Freund hatte ihm das Boot überlassen. Er musste für ein halbes Jahr nach Buenos Aires gehen, um dort für seine Bank eine Zweigstelle aufzubauen. Wenn das Boot zu lange nicht betreut würde, würden schräge Vögel darauf aufmerksam und wer könnte wissen, was dann damit passieren würde. Da würden die sich auch nicht durch einen hohen Zaun, der den Zutritt zum Steg versperrte, abhalten lassen, hatte er ihm erklärt. „Am liebsten wäre mir sogar, du würdest eine Zeitlang ganz darauf wohnen.“ Daran hatte er gemerkt, dass sein Freund längst wusste, dass seine Ehe kaputt war. Diskreter konnte er ihm keine Ersatzwohnung anbieten, damit er endlich die Chance hatte, zu Hause auszuziehen. Die Idee mit dem Boot war gut gewesen, auch wenn der Platz beengt war. Aber es war alles vorhanden, was er brauchte. Eine kleine Küche, eine Schlafkoje, ein kleiner Wohnraum mit Fernseher und ein Deck zum Sonnenbaden. Das war überhaupt das Beste, das Deck mit dem Liegestuhl. Hier konnte er sich nach all dem Ehestreit endlich erholen. Annika, seine zehnjährige Tochter, war ganz auf ihre Mutter fixiert. Seit er ausgezogen war, hatte er sie einmal wieder gesehen, und das nur zufällig beim Einkauf im Supermarkt. Seine Einladung, sie auf dem Schiff zu besuchen, hatte sie abgelehnt. So waren ihm nur seine Eltern geblieben, die zwar auch nicht hierher kamen, die er aber regelmäßig besuchte. Es fiel ihnen schwer, ihm nicht zu zeigen, wie sehr sie von ihm enttäuscht waren. Dass er es nur zum Verkäufer in einem Brillenfachgeschäft gebracht hatte, der noch dazu vor ein paar Monaten arbeitslos geworden war. Bald drohte Hartz IV. Fast noch mehr hatte sie getroffen, dass auch seine Ehe gescheitert war, und sie ihre Enkeltochter kaum noch sahen. Ja, es stimmte, sie sagten ihm das nicht. Sie taten sogar alles, um ihre Enttäuschung vor ihm zu verbergen. Aber sie konnten ihm nichts vormachen, er spürte genau, was sie dachten. Und es stimmte ja auch. Er hatte im Leben nicht die Kurve gekriegt. Irgendwie war er immer hinter den Erwartungen zurückgeblieben, auch hinter seinen eigenen. Das hatte schon in der Schule begonnen. Es war immer klar gewesen, dass er studieren würde, etwas Naturwissenschaftliches am besten, vielleicht sogar Physik. Ja, das war sein Traum gewesen und auch der seiner Eltern. Alles hätten sie dafür getan, um ihm diese Chance zu eröffnen, aber dazu war es nicht gekommen, weil, ja weil… Völlig unerwartet hatte er ihn plötzlich gesehen, auf einem Boot, zwei Stege weiter. Er hatte keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass er es war. Zu tief waren die Erlebnisse, die er mit ihm gehabt hatte, in ihm verankert, zu klar waren die Bilder in seinem Gedächtnis haften geblieben, auch wenn noch so viele Jahre vergangen waren. Er hatte gesehen, wie der andere sein Boot flott machte, um auf dem Kanal zu schippern, und musste sich zwingen, nicht zu offensichtlich hinüber zu starren. Er wollte nicht auffallen, denn er wusste noch nicht, wie er auf diese Nähe reagieren sollte. Sollte er ihn übersehen, einfach so tun, als gäbe es ihn gar nicht? Er hatte dann angefangen, selbst sein Boot flott zu machen und ihn aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Ja, er war es wirklich und er hatte sich kaum verändert seit damals. Er war älter geworden, natürlich, die Haare waren grauer geworden, aber die Bewegungen, der Blick, das ironische Grinsen, alles das war genauso wie er es in Erinnerung hatte. Und das Beste war, der andere ahnte nichts davon, dass er beobachtet wurde. Er war ahnungslos, ganz auf sein Schiff konzentriert, das größer war als das seines Freundes. Ja, er hatte sich was gegönnt, dieser elende Typ. Genau das war es gewesen, was er gedacht hatte: elender Typ. Und schon dabei hatte er gemeint, dass die Bezeichnung viel zu harmlos sei für das, was er ihm angetan hatte. Er hatte noch nicht gewusst, was er mit seinem Wissensvorsprung anfangen sollte. Aber irgendetwas würde er damit anfangen, so viel war klar. 3. Die Frau, die Anselm in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa gegenüber saß, weinte bitterlich. Sie hielt ein Taschentuch in den Händen, wischte sich damit in regelmäßigen Abständen über die Augen, und knüllte es danach in ihren Händen. „Ich will ihn sehen“, sagte sie, und dann, nachdem sie sich wieder über die Augen gewischt hat: „Wie konnte das passieren, mein Gott, warum nur?“ Anselm sah sie nachdenklich an. „Wir wissen noch nicht, warum es passiert ist. Wir müssen jetzt alle Möglichkeiten überprüfen. Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?“ Jetzt war sie es, die nickte. „Ja, wenn es sein muss.“ „War Ihr Mann oft auf seinem Boot?“ „Ja, er war gern und oft dort. Seit seiner Pensionierung vor ein paar Jahren ist das Boot sein Hobby geworden, meines dagegen weniger. Ich kann das Schaukeln nicht vertragen, wenn ein Lastkahn vorbeifährt. Na ja“, fügte sie hinzu, als wollte sie sich dafür entschuldigen, „so ist das eben.“ „Was hat Ihr Mann früher gearbeitet?“ „Er war Lehrer an einem Gymnasium. Englisch und Sozialwissenschaften. Seit er pensioniert ist, hat er ganz mit der Schule abgeschlossen.“ Sie lächelte gequält. „Er wollte nicht einer von denen sein, die nicht loslassen können und dauernd über Schule reden. Er wollte ein zweites, ganz anderes Leben führen, mit Bootsfahrten durch die Kanäle, manchmal bis runter nach Holland.“ Sie sah Anselm plötzlich durchdringend an. „Glauben Sie wirklich, dass es Mord gewesen sein könnte?“ Anselm zuckte mit den Schultern. „Wir können es nicht ausschließen. Hatte er denn Feinde?“ „Nein, Feinde hatte er nicht. Gegner, das vielleicht. Ja, Gegner hatte er sicher. Er war ja in der Politik tätig, war Mitglied im Rat unserer Stadt. Da hat er jahrelang den wichtigen Finanzausschuss geleitet und immer hart gestritten mit den eigenen Parteifreunden und der Opposition. Aber das hat ihm eher Respekt eingebracht, keine Feinde.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mord“, sagte sie dann, „mein Gott, ich kann mir das gar nicht vorstellen.“ „Und sonst“, fragte Anselm, „gab es außerhalb der Politik Konflikte um ihn?“ „Sonst weiß ich nichts“, antwortete sie. „Und Ihre Familie?“ „Da ist alles in Ordnung. Unsere beiden Söhne kommen regelmäßig mit ihren Familien vorbei. Der Jüngere, der in Köln wohnt, natürlich häufiger als der in Hamburg, das bringt die Entfernung mit sich. Unsere beiden Schwiegertöchter sind sehr freundlich.“ Sie sah Anselm an, als würde ihr gerade etwas einfallen. „Gut“, fuhr sie dann fort, „mein Mann monologisiert gern. Damit kann er manchem auf die Nerven gehen, und bei unserer Hamburger Schwiegertochter war das auch so. Aber deshalb Mord?“ Sie lachte bitter. „Das ist doch kein Grund.“ „Nein“, antwortete Anselm, „das ist keiner. Dann gäbe es bald keine Politiker mehr, weil die alle gerne monologisieren.“ Er bemerkte an den Falten auf ihrer Stirn, dass dieser Scherz nicht gut angekommen war. „Gibt es noch Parteifreunde, die mit Ihrem Mann in Kontakt standen?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Er hat nach der Pensionierung auch mit der Politik aufgehört.“ Komisch, dachte Anselm. Mit der Pensionierung haben viele doch erst richtig Zeit für Politik. Die meisten haben doch Angst, dass sie dann nichts mehr zu tun haben. Dass einer dann vollständig mit allem bricht … 4. Sie waren sich dann doch begegnet. Ein älteres Ehepaar, das die Wochenenden auf dem Schiff verbrachte, hatte ihn eingeladen. Sie hätten etwas zu feiern, hatten sie ihm gesagt, als er durch den Hafen hinüber zum Café lief, um ein Stück Apfelkuchen zu essen. Er solle doch kommen, sie würden sich sehr freuen, hatten sie ihm gesagt. Was sie zu feiern hatten, wollten sie aber nicht verraten. Das wäre bis zur Feier ein Geheimnis, hatten sie lachend gesagt. Es waren schon zwei andere Pärchen da, als er zur Feier kam. Das eine war über siebzig Jahre alt, das andere höchstens so alt wie er, also etwa vierzig. Die Jüngeren hatten einen Jagdhund mitgebracht, der hechelnd neben dem Stuhl des Mannes lag. Er würde immer bei ihnen auf dem Boot wohnen, erzählte die Frau. Nur wenn er merke, dass sie losfahren wollten, würde er mit einem Satz an Land springen und abhauen. Kein Lockmittel der Welt würde ihn dann zurückbringen. Inzwischen würden sie es auch nicht mehr versuchen, denn sie wüssten, dass er irgendwo im Hafen warten würde, bis sie von ihrer Schippertour zurückkämen. Alle hatten über die Geschichte lachen müssen, auch er. Ein Bordhund, der Angst vor der Schifffahrt hat, das war wirklich komisch. Dann hatte das ältere Ehepaar Gläser verteilt und jedem Sekt eingeschenkt. Sie wären endlich Großeltern geworden, hatten sie erklärt, worauf sie schon lange gewartet hätten. Ihre Tochter wäre fast vierzig, aber nun hätte es doch noch geklappt. Er konnte ihnen die Freude ansehen. Genau in dem Moment, als sie anstießen, war er gekommen, das übliche Grinsen im Gesicht, das er aus der Schulzeit her kannte und das ihn begleitet hatte bis heute. In vielen Alpträumen hatte er es gesehen, weil er einfach nicht loskam von seinen Erlebnissen aus der Schulzeit. Weil alles das, was er dort erlebt hatte, in ihm weiterarbeitete. Es war das Grinsen, das Bäumler immer gezeigt hatte, wenn er jemanden fertig machte, ihn oder einen anderen aus der Klasse. Ja, das hatte er liebend gern getan, jemanden fertig machen. Wie, das wissen wir nicht? Haben wir denn nicht gelernt? Hatten wir mal wieder keine Zeit, weil wir mit der Lederjacke auf dem Moped um den Häuserblock brettern mussten? Ja, diesen doofen Gag hat er oft gemacht, den mit der Lederjacke auf dem Moped. Lustig fand er ihn und tatsächlich haben immer ein paar von den Schülern mitgelacht, weil sie froh waren, nicht selbst das Opfer zu sein. Hass hatte sich mit der Zeit bei ihm entwickelt, und Bäumler musste das gespürt haben, denn je mehr er ihn ablehnte, desto häufiger machte Bäumler ihn fertig. Seine Zensuren waren sowieso reine Sympathiebewertungen. Mädchen kamen besser weg, blonde vor allem. Sie passten sich an, merkten, wie sie sich verhalten mussten und taten, was er wollte. Jungen bekamen eine Note schlechter, wer etwas gegen Bäumler oder seine Partei sagte, war im Grunde erledigt. Nur er, er hatte sich nie anpassen können. Er konnte es bis heute nicht. Vor allem konnte er nicht zu Kreuze kriechen vor so einem … Er unterdrückte das Wort, weil er nicht in die Ausdrucksweise von Bäumler verfallen wollte. Was jetzt, hatte er gedacht. Was mache ich, wenn er mich erkennt und mich anspricht auf damals. Noch dazu in seinem ironischen Ton und vielleicht sogar, um mich wieder fertig zu machen. Soll ich dann zuschlagen, einfach so, ansatzlos? Verdient hätte er es weiß Gott. Aber dann kam diese unglaubliche, nein, nicht Erleichterung, das wäre das falsche Wort. Dann kam die furchtbare Erschütterung, dass Bäumler ihn überhaupt nicht erkannte. Er hatte an einer entscheidenden Stelle sein Leben beeinflusst, hatte sein Scheitern am Gymnasium bewirkt und damit alles andere bewirkt, was später kam. Und dann erinnerte er sich nicht einmal mehr an ihn. Er hatte sein Leben kaputt gemacht und ihn danach einfach aus seinem Gedächtnis gestrichen. „Hallo“, hatte Bäumler gesagt und ihm freundlich lächelnd die Hand gereicht. „Schön, dass wir uns kennen lernen.“ Er war minutenlang unfähig gewesen, auch nur ein Wort zu sagen, was Bäumler aber nicht auffiel. Der hatte sofort wieder angefangen zu monologisieren. Wie früher, in seinen Schulstunden. Nur dass er diesmal von seinen Enkeln erzählt hatte, die natürlich alles Prachtkerle waren. Ging ja auch gar nicht anders, bei dem Opa. Und er hatte zuhören müssen, wie damals, weil er unfähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Weil ihm das einfachste, was er hätte tun sollen, einfach nicht in den Sinn kam. Nämlich aufzustehen und zu gehen. Stattdessen hatte er auf dem Boot gesessen, hatte in die Grinsemaske gestarrt und dabei immer mehr Wut verspürt. Wut auf Bäumler, Wut auf sein gescheitertes Leben, Wut darauf, dass Bäumler sich nicht einmal an ihn erinnerte....


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