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> Krimi Thriller > Und ich vergebe dir nicht
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Und ich vergebe dir nicht, Erasmus Herold
Erasmus Herold

Und ich vergebe dir nicht



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Vor zwei Stunden hatte die Nacht den Himmel besetzt und ihren Schleier über Gütersloh ausgebreitet. Richtig dunkel war es nirgends in der westfälischen Kreisstadt, die nur in den Vororten wirklich schlief. Das öffentliche Netz künstlicher Beleuchtung glich dem unregelmäßigen Aufbau eines Baldachinnetzes der Neriene und erhellte unermüdlich die Innenstadt. Inzwischen ließ das Verkehrsaufkommen der A2 spürbar nach und dennoch drang das Grundrauschen der Autobahn bis tief in den Brockweg hinein. Die Werbetafeln der Tankstelle leuchteten weithin sichtbar und informierten nebenbei über den durchgehenden 24-Stunden-Service. Kunden gab es genug. Auch zu später Stunde und nach Mitternacht bestand Nachfrage nach den verschiedenen Snacks und Kaffees zum Mitnehmen. Abseits des Hauptgebäudes, vor einer kleinen Reifenstation, standen einige Jugendliche beisammen und diskutierten lautstark über die Veränderungen im angrenzenden Viertel, während sich drei osteuropäische Jungen auf ihren Fahrrädern dazugesellten. Keiner von ihnen beachtete den modernen, dunklen Geländewagen, der langsam den Brockweg entlangfuhr und vor der Einbiegung zur Tankstelle abbremste. Das Schotterbett seitlich der Straße knirschte, als das grobe Profil der Bereifung die lockeren Steine beiseiteschob, dann hielt der SUV abrupt an. Obwohl die Scheiben weder getönt noch verspiegelt waren, hätte niemand den Fahrer beschreiben können, der mit der Dunkelheit des Innenraums eine Einheit bildete. Durch die heruntergeregelte Armaturenbeleuchtung 5und die grau-schwarze Kleidung, die er trug, verschwammen jegliche Konturen. Er verdrehte den Rückspiegel und warf einen knappen Blick hinein. Sein Haar, dunkel wie die Kleidung, benötigte dringend einen Schnitt. Vielleicht morgen. Samstags hatte er Zeit. Sein Bartwuchs war das Indiz vergangener, tatenloser Tage; irgendwie hatte er sich gehen lassen. Doch das sollte sich schon bald wieder ändern. Zufrieden lächelte er seinem Spiegelbild entgegen, drehte den Spiegel in die Ausgangsstellung zurück und nahm sich eine Minute Zeit, die äußere Umgebung auszuspähen und auf sich wirken zu lassen. Um nicht identifiziert werden zu können, hatte er die Nummernschilder gewechselt; zu diesen existierte keine gültige Zulassung. Die aufgeklebte Plakette war ein selbst angefertigtes Duplikat, für einen Laien nicht von einem Original zu unterscheiden. In aller Ruhe stieg er aus und ließ seinen Blick ein weiteres Mal in die Runde schweifen. In der Ferne führte eine Frau ihren Terrier angeleint spazieren, ein Pizzabote verschwand auf der anderen Straßenseite hinter der Abzweigung eines zurückliegenden Wohnhauses und die Gruppe Jugendlicher von der Tankstelle schien weiterhin mit sich selbst beschäftigt. Zielsicher öffnete er die Heckklappe des SUVs, griff hinein, und für einen Moment musste der gut Mitte vierzigjährige Mann sich anstrengen, um etwas Schweres aus dem Fond des Geländewagens zu wuchten. Die warmen Juli-Temperaturen, die auch noch zu diesen späten Abendstunden vielen Bewohnern Güterslohs zu schaffen machten, trieben ihm den Schweiß auf seine Stirn und Handgelenke. Für Sekunden erklang ein leises, unbedeutendes Röcheln, vielleicht ein Winseln: Auf jeden Fall ein menschliches Geräusch. Unbeirrt griff der Fah- 6rer nach seiner Fracht und zerrte eine gefesselte wie auch geknebelte, erwachsene, männliche Person aus dem hinteren Teil seines Wagens. Willenlos ließ sich das Opfer vor ein gut einen Meter hohes, metallenes Werbeschild der Tankstelle schleifen. In ihrer Formgebung bewies sich die Reklame nicht nur als unübersehbarer Blickfang bei Tag, sondern auch als dankbarer Sichtschutz in dieser Nacht. Benommen und mit flackernden Augenlidern kreiste der Gefangene seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Sein weißer, ringförmiger Halskragen, sein Kollar, schien zu zwicken und ihn bei seinen zunehmend, unruhiger werdenden Atemstößen zu behindern. Der Entführer griff an dessen Nacken, löste den einen Knopf und lockerte dadurch das geistliche Erkennungsmerkmal. Fast dankbar öffneten sich die angstdurchdrungenen Augen, während das Opfer langsam zu Verstand kam. Der Entführer erhob sich aus seiner Hocke und kontrollierte den Straßenzug entlang des Brockwegs. Die Frau mit ihrem Hund war verschwunden, das Auto des Pizzaboten parkte immer noch in, für ihn, sicherer Entfernung, und sein SUV versperrte den Blick, falls unerwartet ein Fahrzeug aus Richtung Autobahn aufkreuzen sollte. Auf die Gruppe Jugendlicher und den Durchgangsverkehr der Tankstelle brauchte er nicht weiter zu achten, dem Werbeschild galt sein Dank. Der Entführer griff zur Außentasche seines Jacketts, zog eine handelsübliche Kunstoffspritze hervor und befreite die Einwegkanüle von ihrem Schutzhütchen. Ruhig, als wäre es der selbstverständlichste Akt, hockte er sich in die alte Position zurück und setzte die Nadel an den Oberarm des geweihten Amtsträgers. Jegliche Versuche, sich zu winden, den eigenen Arm aus dem Gefahrenbereich zu ziehen oder den gesam- 7ten Oberkörper vorne über zu werfen, scheiterten aufgrund der diffizilen Fesselung. Der starre Mundknebel gepaart mit unbändiger Panik, hervorgerufen durch die gegenwärtige Lebensgefahr, beschleunigten die Atemstörung des Opfers. Die daraus resultierende geringe CO2-Konzentration im Blut verursachte alsbald das Zusammenziehen der Hirngefäße. Die paradoxe Situation war vorprogrammiert: Trotz maximaler Sauerstoffsättigung durch die vermehrte Atemtätigkeit erfolgte die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. „Irrender, sterblicher Mensch, wer machte ihn zu Gottes Stellvertreter? Nicht Gott!“ Mit diesen Worten injizierte der Geiselnehmer den Inhalt der Spritze in die Vene seines Gegenübers. Der Knebel wich nicht einen Zentimeter, und so blieb keine Chance, um vor den aufkeimenden Schmerzen aufzuschreien. Brennend, wie Feuer, wanderte die Flüssigkeit an den Muskeln des Oberarms vorbei, durchströmte die Achselhöhle, um danach seinen Weg Richtung Herz fortzusetzen. Ruckartig weiteten sich die Pupillen des Priesters zu gebanntem Starren, und noch bevor die Spritze an ihrem alten Platz im Jackett verschwunden war, verspürte das Opfer den kurzen Anflug von Blindheit, dann schoss ein weißer Blitz durch dessen Kopf. Herzstillstand. Der Fahrer des SUVs schaute sich um, die Umgebung wirkte auf ihn unverändert. Für einen Moment bemerkte er den Geruch von schwerem Diesel in der Luft. Vorsichtig lehnte er sein Opfer nach hinten gegen die Reklametafel. Ein Blick zur Uhr. Es war schnell gegangen, schneller als erwartet. Aus der gegenüberliegenden Jackentasche holte er einen Stempel hervor, glich die Zahlen der Stempelplatte mit der aktuellen 8Uhrzeit ab und hinterließ seinen Abdruck auf dem Oberarm des Opfers, gut einen Zentimeter über der Einstichstelle. Das Aufstehen, das Umrunden und das Einsteigen in den Geländewagen glichen einer flie- ßenden Bewegung. Wenig später startete der Motor. Zurück blieb Simon Roth, der tote Priester.


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