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> Krimi Thriller > Und ich richte ohne Reue
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Und ich richte ohne Reue, Erasmus Herold
Erasmus Herold

Und ich richte ohne Reue



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Angelehnt an einen anthrazitfarbenen Gartenstuhl, be- obachtete Reinhard die Gruppe der geladenen Hoch- zeitsgäste. Unabhängig vom glasigen Blick, den ihm die reichhaltige Auswahl alkoholischer Getränke bereitet hatte, war es ein guter Tag gewesen: traumhaftes Wetter, harmonische Trauung, dazu eine wunderschöne Braut. Er erhob sein Glas und prostete dem Bräutigam zu.


„Felix, du bist ein echter Glückspilz, und das nicht nur aufgrund deiner Namensherkunft.“


„Danke Reinhard. Danke für all deine Hilfe und Vor- bereitung. Und natürlich, weil du mein Trauzeuge ge- worden bist.“


„Dafür sind Freunde da!“


Reinhard schwankte, wandte sich dem Beistelltisch rücklings zu und deponierte das halb geleerte Sektglas auf sicherem Terrain. Als er in seine Ausgangsposition zurückkehrte, stand Josephine, die Braut, vor ihm und lächelte ihn breit grinsend an.


„Wofür genau sind Freunde da, mein lieber Rein- hard?“


Er stutzte, erhielt einen Kuss auf die Wange und tau- melte abermals.


„Hey, hey! Das wird dich doch nicht gleich umhauen!“


Sowohl Felix als auch Josephine griffen stützend nach ihrem Trauzeugen. Reinhard griente und taxierte Jose- phines blau strahlende Augen.


„Keine Sorge! Weswegen hatte ich den verdient?“


„Du bist immer für uns da gewesen. Seit der Grund- schule dem Felix ein Freund und Wegbegleiter, seit dem Studium auch mir.“


Felix drückte Reinhard die Hand, anschließend rich- tete er dessen verrutschtes Einstecktuch neu aus.


„Mal etwas anderes“, wechselte der Gastgeber das Thema. „Was ist eigentlich mit dir und Marie?“


„Genau!“, bestärkte die Braut. „Gibt es Pläne bei euch?“


„Ihr meint heiraten?“
„Natürlich!“
„Ehrlich gesagt“, Reinhard blickte sich forschend


um. „Bis heute Morgen war ich mir nicht sicher, ob ich schon bereit dafür bin.“


„Aber?“, bohrte Josephine.


Reinhard trat einen Schritt nach hinten. Mit beiden Händen zeigte er auf Braut und Bräutigam. „Wenn ich euch zwei anschaue, ich glaube, Marie wäre eine tolle Gemahlin. Das, was der Pastor heute Morgen über die Gemeinschaft und das Miteinander erzählt hat ... es hat mich sehr berührt.“


In diesem Moment öffnete sich eine Menschentraube, Partygäste, die auf der Terrasse standen und den Zu- gang zum Haus versperrt hatten. Heraus trat Marie, lächelte unschlüssig und zerrte verlegen an ihrem kur- zen, weit oberhalb der Knie abschließenden Kleid.


„Seht sie euch an!“, strahlte Reinhard. „Wäre ich nicht ein Ochse, wenn diese Frau nicht eines Tages die Mutter meiner Kinder würde?“


„Männer!“, stöhnte Josephine gekünstelt, hob ihren Arm und winkte Marie zu. „Wir sind hier drüben!“


Ohne zu zögern, trat die schwarzhaarige Frau auf das Hochzeitspaar zu und schmiegte sich sogleich an Reinhard.


„Na, mein Kleiner?“, neckte sie ihren Freund, und zum zweiten Mal innerhalb einer Minute kassierte der Trauzeuge einen Kuss auf die Wange.


Dann schlüpfte Marie aus ihren hochhackigen Schu- hen und stellte sich barfuß neben ihn.


„So gefällst du mir auch gut“, gestand er. „Auge in Auge.“


„Woher hast du nur diese Schuhe? Ein wahrer Traum in Schwarz!“


„Danke Josie.“


„Ein echter Männertraum“, bestätigte auch Felix und erhielt einen Schlag von seiner frisch Angetrau- ten, mitten auf den Bauch.


„Du solltest nur Augen für mich haben!“, stichelte Josephine.


„Darum geht es nicht! Du hättest die männlichen Gäste beobachten sollen, als Marie gerade über die Terrasse gelaufen kam. Ich habe es!“


Marie errötete.


Josephine küsste Felix versöhnungsvoll. Reinhard küsste Marie. Dann lachten sie.


„Es wird Zeit für uns zu gehen“, beschloss Marie.


„Jetzt schon?“ Die Braut schaute zur Uhr. „Es ist ge- rade einmal zehn.“


„Reinhard hat definitiv genug.“ Sie legte ihren Arm um dessen Taille, gab ihm einen weiteren Kuss auf die Wange und warf ihm den alles fragenden Blick zu.


„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck!“ Feixend schaute der Trauzeuge die Freunde an. „Aber ich sage euch, mein Abend ist noch nicht zu Ende.“ Und kassierte dafür einen Kneifer in seinen Bauchspeck.


„Au!“, schrie er gespielt auf. „Warte doch mit der harten Tour bis zu Hause.“


„Du kleiner Spinner!“, lachte Marie. „Kleiner, be- soffener Spinner.“


„Dann rufe ich mal ein Taxi.“


„Und ich brühe euch einen Abschiedskaffee. Möch- tet ihr?“


Reinhard hielt Felix am Arm zurück. „Danke und zweimal nein. Wir werden laufen.“


Er schaute zu Marie.


„Natürlich laufen wir! Meine armen Füße freuen sich auf etwas Bewegung. Außerdem wird es helfen, ein wenig auszunüchtern.“


Marie küsste Reinhard innig.


„Hier sind Gäste!“, unterbrach Josephine. „Beherrscht euch bis später.“


„Sicher, dass ich kein Taxi rufen soll?“, hakte Felix nach. „Bis Ortsteil Oester sind es ein paar Kilometer.“ „Eine warme Sommernacht. Da machen drei, vier Kilometer nichts aus.“ Reinhard löste seine Krawatte und verstaute den Binder in der Jacketttasche. „Danke,


es ist gut, so wie wir es geplant haben.“ Nacheinander verabschiedeten sich Marie und Rein-


hard von den geladenen Gästen, zuletzt drückten sie das Hochzeitspaar und traten kurz darauf den Heim- weg an.


Arm in Arm, dazu gut gelaunt, schlenderte das junge Paar die Bundesstraße 513 entlang. Der Alkohol hatte Spuren hinterlassen, doch ein Spaziergang an der fri- schen Luft half, klare Gedanken zu finden und den Körper zu beflügeln.


„Ein tolles Paar ...“, begann Marie irgendwann die Stille zu durchbrechen. „Felix in seinem Nadelstrei- fenanzug und Josephine in ihrem weiß funkelnden Kleid.“


Reinhard blieb stehen und hielt Marie bei der Hand.


„Früher hätte ich mir so etwas für mich ... für uns ... niemals vorstellen können.“


Seine Stimme versagte, er schluckte. Dann kniete er vor seiner vollends überraschten Freundin nieder.


„Ich würde dich gerne in so einem Kleid sehen!“


„Reinhard!“, Marie fuhr zusammen, nahm eine Hand vor den Mund und strahlte. „Machst du mir etwa gerade einen Antrag?“


„Ja“, bestätigte er leise. „Möchtest du meine Frau werden?“


„Selbstverständlich“, rief sie laut und ließ ihren Ge- fühlen freien Lauf. Sie beugte sich nieder und küsste die Stirn, die Wange und schlussendlich die Lippen ihres Freundes. Ausgiebig. Immer wieder.


Mit einem Mal erhellten Scheinwerfer die in Mond- licht getauchte Hauptstraße. Mehrere Pkws näherten sich. Die Fahrer hupten ausgelassen, hinter den Fens- tern grölten Jugendliche.


„Hörst du? Sie feuern uns an!“, flüsterte Reinhard grinsend, fasste nach dem Saum von Maries kurzem Kleid und hob ihn an.


„Keinesfalls hier!“, zügelte sie ihn. „Nicht umsonst heißt es: home sweet home. Gedulde dich.“


Reinhard stand auf, umarmte Marie und schaute gen Himmel. „Was für eine herrliche Nacht! Wir haben fast Vollmond.“


Marie deutete in Richtung Norden. „Schau, der Große Bär und da drüben leuchtet das Himmels-W.“


„Sie beschützen uns und weisen den Weg.“


„Das wahrscheinlich nicht“, gestand Marie ein. „Aber dank klarem Himmel reicht das Licht für den Heimweg. Los, lass uns weiterziehen!“


Mehr als die Hälfte der Wegstrecke lag inzwischen hinter ihnen. Einen Fuß vor den anderen setzend, folgte das Paar ausgelassen der seitlichen Fahrbahn-


markierung, die im Dunkeln fluoreszierte. Noch immer trug Marie ihre Schuhe an den Fingern bau- melnd und lief barfuß, während Reinhard sich seines Jacketts entledigt hatte, das nun locker-leger über der Schulter baumelte.


„Lass uns eine Pause einlegen“, bat Reinhard. „Ich muss verschwinden.“


„Wohl doch zu viel Bier und Sekt getankt?“


„Zu viel?“, wog er ab. „Keinesfalls! Aber ich bin wenig ausgetreten. Bitte gib mir zwei Minuten.“


„Bäume gibt es für euch Männer an den Hauptstra- ßen bekanntlich genug. Beeil dich, ich will heim!“


„Bin gleich zurück.“


„Falls ich halten soll ...“, rief Marie Reinhard hinter- her und lachte.


Sie stellte ihre Schuhe zu Boden, parallel neben die Fahrbahnmarkierung, und betrachte frustriert die ei- genen Fußsohlen. „Schwarz zu Schwarz“, fluchte sie.


Abgelenkt vom gerade erhaltenen Heiratsantrag und in Vorfreude auf die eigene Hochzeit, kniete sie nieder, um in ihre Schuhe zu schlüpfen. Unbekümmert ignorierte Marie den wachsenden Lichtpegel des sich nähernden Autos, ebenso dessen Fahrgeräusche. Erst als der Wagen vollends aus der vorausgegangenen Kurve schoss, schreckte die junge Frau auf. Zu erken- nen, wie unberechenbar der nahende Geländewagen über die beiden Fahrspuren schaukelte, war einfach, dem Monster aus Stahl und Gummi zu entkommen, unmöglich. Wie ein Geschoss donnerte der überdi- mensionierte Beifahrerspiegel des Land Rovers gegen Maries Kopf. Brutal getroffen schlug die Frau beiseite, nicht einmal für einen Aufschrei blieb ihr Zeit. In hohem Bogen schleuderte Marie auf den Graben zu, als Reinhard fassungslos aus dem Dickicht trat.


„Marie!“, schrie er ungläubig auf. „Das kann nicht sein!“


So schnell seine Beine ihn trugen, hechtete er auf seine Freundin zu, die regungslos im Gras liegen blieb. Die Bremslichter des Geländewagen flammten auf, die Räder hatten blockiert. Auf die Vollbremsung folgte der Geruch von verbranntem Gummi.


„Marie! Marie!“


Reinhard hockte sich nieder. Hilflos tastete er über Arme und Beine, wischte ihre Haare beiseite und befühlte Maries Gesicht. Die linke Geschichts- hälfte begann bereits, sich zu spannen und dick zu werden. Ein hilfloser Blick über die Schulter, noch immer war niemand aus dem Geländewagen ausge- stiegen. Der Innenraum blieb dunkel und verbarg seine Insassen.


„Was haben Sie getan?“, schrie Reinhard mutlos. „Wir brauchen Hilfe!“


Er legte seinen Arm unter Maries Kopf und be- merkte, wie sie nach Luft rang.


„Gut, Marie!“, rief er. „Kämpfe! Alles wird gut.“


In diesem Moment verlosch das kräftige Rot der Bremsbeleuchtung, und der Rover rollte vorwärts.


„Nein! Bleiben Sie hier!“, flehte Reinhard, doch der Wagen beschleunigte und verschwand binnen Se- kunden.


Unruhig wippte der hilflose Mann mit seiner re- gungslosen Freundin im Arm vor und zurück.


„Denk nach, denk nach!“


Er zuckte zusammen, als Marie hustete und Blut spuckte. Tränen schossen in sein Gesicht, doch er musste Haltung bewahren, für seine Freundin und für sich selbst. Nur wenn er einen klaren Kopf behielt, war diese Situation zu meistern.


Den grausamen Spaziergang von heute Abend werden wir bis nächsten Sommer vergessen haben, wenn wir in freudiger Erwartung vor den Traualtar treten.


Endich besann Reinhard sich seines Handys, griff zur Hosentasche und kramte das Telefon hervor.


„Ein paar Minuten, dann ist der Rettungswagen hier“, flüsterte er zur Beruhigung.


Die Anzeige seine Smartphones suggerierte etwas anderes.


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