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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Spurlos verschwunden., Daniela Gesing
Daniela Gesing

Spurlos verschwunden.


Kommissar Hellers erster Fall

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Schwer atmend wälzte er sich in seinem Bett hin und her. Sein Puls schlug schnell, sein Brustkorb hob und senkte sich in unregelmäßigen Zügen. Immer wieder griff der gleiche Alptraum nach ihm.


Das Bild des kleinen Mädchens, völlig verdreckt und mit verängstigten, großen Augen verfolgte ihn schon seit einer Woche, seitdem sie sie aus der verwahrlosten Wohnung befreit hatten. Die Wohnung war voller Müll, in seinem Traum türmte der Berg sich hoch bis an die Decke, so dass er glaubte, in dem Raum keine Luft mehr zu bekommen. Das kleine Mädchen war etwa zwei Jahre alt, zum Zerbrechen dünn, weil es schon längere Zeit nicht mehr genug zu essen bekommen hatte. Ihr kleiner Bruder, etwa fünf Monate alt, lag in einem Nebenraum in seinem Gitterbettchen, ein kleines Bündel Leben, verlassen von der Mutter, übersät mit blauen Flecken. Er hatte keine Chance mehr gehabt, er war so ausgetrocknet, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben war. Das Kreischen einer Katze, die in den angrenzenden Gärten auf Jagd war, riss ihn plötzlich aus dem Schlaf.


Verschwitzt fuhr er aus den Kissen hoch, schaute sich im dunklen Zimmer um, um sich zu vergewissern, dass er Zuhause war. Er tastete vorsichtig nach links, wo ruhig und gleichmäßig atmend Barbara, seine Frau, neben ihm lag. Erneute Unruhe ergriff ihn, er schaute auf den Wecker neben seinem Bett- 02.29 Uhr- jede Nacht fast dieselbe Zeit.Und wie jede Nacht machte er sich auf den Weg zum Kinderzimmer, um nach seinem eigenen Kind zu schauen.


Wie ein Schlafwandler fand er den Weg im Dunkeln, begleitet von seinem klopfenden Herzen und der Sorge, es könnte ihr etwas passiert sein. Erst als er leise vor ihrem Bettchen mit dem gelben Himmel stand und den Säugling beobachtete, fühlte er sich wieder besser.


Friedlich schlummerte die sechs Monate alte Marie neben ihrem weichen Kuscheltier, einem kleinen Bären, die kleinen Hände zu lockeren Fäusten geballt. Andreas Heller wischte sich den Schweiß von der Stirn, schlich leise aus dem Kinderzimmer und trank in der Küche einen Schluck Wasser, bevor er sich wieder ins Bett legte, um nach einer halben Stunde in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.


 


Am nächsten Morgen fegte der Wind wütend durch die Straße, einige Kiefern und die aufblühenden Zweige der Forsythienbüsche beugten sich seiner Kraft wie umknickende Strohhalme. Es war Frühjahr, die Menschen warteten sehnsüchtig auf den Beginn des Frühlings, der Sonne und Wärme bringen sollte. Vom Datum her war er schon lange da, die Temperaturen verhießen aber das Gegenteil. Stattdessen tobte ein unangenehmer Sturm über dem Ruhrgebiet.


Mülltonnen und gelbe Säcke, die auf die Entleerung am Vormittag warteten, waren umgekippt oder wirbelten über den Bürgersteig. Der Wetterdienst der meteorologischen Station Bochum hatte für den Verlauf des Tages einen ungewöhnlich schweren Orkan angesagt, Windstärken von bis zu 160km/h wurden in einigen Regionen Nordrhein-Westfalens erwartet. Der lokale Radiosender warnte die Bürger, am Nachmittag möglichst nicht mehr das Haus zu verlassen und sich auf keinen Fall in waldreichen Gebieten oder auf Brücken aufzuhalten. Kommissar Heller beobachtete argwöhnisch das Wolkenspiel am Himmel. Der Horizont war von grauer, trüber Farbe überzogen, obwohl es noch früh am Tag war musste, man notgedrungen das Licht einschalten. Ein Wetter, bei dem ein labiler Mensch depressiv werden konnte, dachte Heller. Er kontrollierte, ob der Fenstergriff richtig geschlossen war, denn bei jeder Windböe zitterte das Fenster wie ein schwacher, alter Mann und machte komische Geräusche.


Hoffentlich geht Barbara bei dem Sturm mit der Kleinen nicht aus dem Haus, dachte er sich und überlegte, nochmal Zuhause anzurufen, als sich die Bürotür öffnete und seine Kollegin Inga Brockmann atemlos ins Zimmer stolperte.


„Morgen, Herr Kriminalhauptkommissar!“, grüßte sie lachend, während sie mit dem einen Auge zwinkerte und mit dem anderen Auge scheinbar gleichzeitig auf die Kaffeemaschine schielte, was ihr ein enttäuschtes Naserümpfen entlockte. „Ob ich den Tag noch erlebe, an dem es hier morgens nach frischem Kaffee duftet, den ich mal nicht selber gekocht habe?“, fragte sie seufzend.


„Inga, sie wissen doch, dass ich mit den Unmengen an Koffein nichts anfangen kann. Ein guter Tee oder ein Mineralwasser tun’s auch und sind viel gesünder.“


„Das ist reine Ansichtssache!“, behauptete Inga Brockmann und machte sich gleich an die Arbeit. Fünf Minuten später stand sie völlig gelöst mit einer dampfenden Tasse vor Hellers Schreibtisch.


„Haben wir schon den endgültigen Autopsiebericht über den kleinen Jungen?“, fragte sie Heller und sah ihn gespannt an.Heller runzelte die Stirn.


„Dr. Wolff war heute Morgen der Erste, der nach mir das Büro betreten hat!“, entgegnete er mit einer kleinen Anspielung auf Ingas Verspätung. Der kantige Gerichtsmediziner mit der beeindruckend glänzend polierten Glatze nahm seine Arbeit sehr ernst, er verbrachte mehr Zeit in den kühlen Räumen des Kellers als in seiner eigenen Wohnung und arbeitete immer schnell und gründlich.


„Schon gut, ich hab’s verstanden, wird nicht wieder vorkommen, aber ich musste noch einige Dinge vom Balkon räumen, wegen des Sturmes“, murmelte sie in ihre Kaffeetasse. Heller überreichte Inga wortlos die Akte, in die sie sich sofort an ihrem Schreibtisch still vertiefte. Nur ab und zu unterbrach sie ihr Studium durch leise Ausrufe. Blass und mitgenommen legte sie die Akte beiseite, schaute eine Zeitlang den vorüberwirbelnden Blättern vor dem Fenster zu, bevor sie sich wieder konzentriert ihrer Arbeit widmen konnte.


„Irgendwie machen mich solche Ereignisse, besonders wenn sie Kinder betreffen, schrecklich wütend!“, presste Inga aus schmalen Lippen hervor. Heller nickte zustimmend. Sie sah ihn betrübt an und fuhr fort.


„Der kleine Kerl hatte keine Chance, ich kann nicht verstehen, wieso die Mutter ihre beiden Kinder über Tage allein in der Wohnung gelassen hat. Dazu noch überall der Müll und der Katzenkot. Das arme Tier scheint alles nach Essbarem durchwühlt zu haben. Komisch fand ich nur, dass es in der Küche ganz so aussah, als ob jemand etwas zu Essen vorbereiten wollte, bevor die Kinder allein gelassen wurden. Auf dem Herd der Topf mit Kartoffeln und Gemüse, in der Pfanne das inzwischen verdorbene Fleisch, halb angefressen von der Katze. Selbst das Fläschchen für den Kleinen stand vorbereitet im Flaschenwärmer. Das passt doch alles nicht zusammen. Aber am Schlimmsten ist es, dass die Nachbarn nichts gehört und gesehen haben wollen. Das Zusammenleben mit den Nachbarn wird doch immer anonymer. Ich würde mich auch nicht mehr trauen, nebenan wegen ein paar Eiern oder einem Pfund Mehl anzuschellen. Jeder will für sich bleiben, ein freundliches Grüßen im Hausflur, das war’s. Und dann wundert man sich, wenn solche Dinge passieren.“


Heller pflichtete ihr in Gedanken bei, allerdings wohnte er selber inzwischen in einem Reihenhaus in bester Lage von Bochum, in der Nähe seiner Schwiegereltern. Er hatte ein soziales Umfeld, das aus vielen guten Freunden und Bekannten bestand. Er und seine Frau hatten sich ein solides Netzwerk aufgebaut. Aber er wusste, dass es viele Menschen gab, um die sich niemand kümmerte und die niemand vermisste. Erst letzten Monat hatten sie einen älteren Mann tot vor dem Fernseher gefunden. Zwei Monate hatte er in seinem Sessel gesessen und erst als es im Hausflur unerträglich zu stinken begann und kleine schwarze Fliegen den Flur bevölkerten, konnten sich die Nachbarn dazu durchringen, die Polizei zu rufen.


Er räusperte sich und fiel seiner Kollegin ins Wort. „Inga, der kleine Junge, Benjamin, ist laut Autopsiebericht offensichtlich nur einmal misshandelt worden, und zwar kurz bevor er sich selbst überlassen blieb. Das hat Dr. Wolff festgestellt. Die beiden Kinder waren ansonsten gesund und es gab auch vom Jugendamt bisher keine Hinweise auf Vernachlässigung.“


„Ja, das ist schon komisch, auch weil wir die Mutter nach einer Woche immer noch nicht gefunden haben. Normalerweise findet sich bei Vernachlässigung oder Misshandlung die Mutter spätestens nach zwei bis drei Tagen wieder, weil sie zum Beispiel mit einer Freundin auf einer Tour durch die Nachtclubs und Diskotheken war.“


Heller kannte solche Fälle. Seit er selber Vater war, berührten sie ihn besonders. „Das Thema Kindesmisshandlung ist ein sensibles Thema. Familien bräuchten viel mehr Unterstützung, besonders in den Fällen, wo die Eltern sehr jung oder eindeutig mit der Erziehung der Kinder überfordert sind. Dazu kommt noch die hohe Arbeitslosigkeit, von denen die Revierstädte schließlich ein Lied singen können. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn die Politiker die Mittel für Jugend und Erziehung weiter zusammenstreichen!“


Kriminalhauptkommissar Heller hatte sich in Rage geredet, seine Wangen waren hochrot und er knallte die Akte mit Wucht auf den Tisch, wodurch sein Wasserglas bedrohlich anfing zu schwanken. Gerade in diesem Moment betrat Cornelia Schmitz, die Leiterin der kriminaltechnischen Abteilung, das Zimmer.


„Hoppla, komme ich ungelegen?“, fragte sie trocken. Heller wischte sich mit der Hand über die Stirn. „Nein, nein, der Fall dieser beiden Kinder geht uns mehr an die Nieren, als wir zulassen möchten, wir haben nur ein wenig diskutiert. Was gibt’s Neues?“ Cornelia Schmitz strich sich eine dunkelbraune Strähne aus dem Gesicht.


„Tja, ich denke, der Fall wird immer undurchsichtiger. Nach Auswertung des vorliegenden Materials haben sich neue Anhaltspunkte ergeben. Zuerst einmal haben wir im Wohnzimmer zwei Zigarettenkippen gefunden, die von einer fremden Person stammen. Die Mutter ist laut Aussage von Verwandten und Bekannten eindeutig Nichtraucherin, die DNA stammt zweifelsfrei nicht von ihr. Einen Freund oder Bekannten hatte es in letzter Zeit angeblich nicht gegeben.“


„Wie steht’s mit dem leiblichen Vater des kleinen Benjamin, er war schließlich erst fünf Monate alt?“, fragte Inga Brockmann. „Laut der Mutter hat sich Melanie Koch noch in der Schwangerschaft vom Vater der beiden Kinder getrennt, die Ehe war wohl nicht sehr glücklich. Er soll sie öfter geschlagen haben und lebt jetzt mit seiner neuen Freundin, die ein Modegeschäft besitzt, auf Sylt. Er hat den Jungen noch nie gesehen!“, beantwortete Heller die Frage.


"Wir müssen ihn noch persönlich vernehmen, bisher haben sich die Kollegen von der Insel darum gekümmert, er scheint ein Alibi für die Tatzeit zu haben. Wenn das stimmt, kann er nichts mit ihrem Verschwinden zu tun haben.“


„Was für eigenartige Familienverhältnisse!“, warf Inga ein. Cornelia Schmitz verfolgte den Dialog der beiden, dann fuhr sie fort.


„Nun wartet erst mal ab, was noch kommt! Wir haben im Badezimmer die Fliesen und den Boden mit einer Projektina- Lampe untersucht. Ihr wisst schon, dieses Gerät, bei dem man durch eine farbige Brille schaut und Blutspuren, Sperma und Fingerabdrücke sichtbar machen kann. Da hat einer versucht, stümperhaft Blutspritzer abzuwischen. Wir haben die Blutspuren untersuchen lassen und mit Melanie Kochs DNA verglichen. Und- bingo!“


„Du hast einen merkwürdigen Humor!“, bemerkte Inga Brockmann.


„Das heißt, dass wir nun auch noch wegen Entführung oder einer Gewalttat ermitteln. Mein Gott, wer tut einer jungen Frau und ihren Kindern nur so etwas an?“


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