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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Spuren der Korruption, Heidi Oehlmann
Heidi Oehlmann

Spuren der Korruption



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1. Anina


»Ja«, jubele ich flüsternd, als ich das Büro des Personalchefs der Versicherungsgesellschaft verlasse. Mit einem breiten Grinsen schlendere ich aus dem Gebäude. Ich kann nicht glauben, den Job bei der RVVG - Regionale Volksversicherungsgesellschaft - so einfach bekommen zu haben. Innerlich hatte ich mich auf eine Ablehnung eingestellt. In den letzten Wochen brachte ich ein Vorstellungsgespräch nach dem anderen hinter mich. Anschließend hagelte es Absagen. Ich hatte die Hoffnung der Arbeitslosigkeit zu entfliehen fast aufgegeben. Umso glücklicher bin ich über die neue Arbeitsstelle. Das Einzige, was mich an dem Job stört, ist die Aussicht nur im Außendienst tätig zu sein. Das heißt, ich muss zu den Kunden fahren. Ich weiß, wie aufgeregt ich vor dem ersten Termin sein werde. Immerhin hatte ich bisher keine Außentermine gehabt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu mir, wenn sie etwas wollten. Es war leicht, Umsatz zu generieren. In meinem alten Job gehörte ich zu den Besten. Dennoch wurde ich vor einem Vierteljahr aus einem scheinheiligen Grund entlassen. Angeblich wurden nicht mehr so viele Mitarbeiter gebraucht. Das glaube ich weniger. Warum sonst hatten sie vielmehr Lehrlinge eingestellt, als in den Jahren zuvor? Sie wollten Kosten einsparen, indem sie Vollzeitkräfte gegen günstige Berufseinsteiger austauschten. Sobald sie ausgelernt sind, werden sie gekündigt. Solange dürfen sie die Aufgaben erledigen, die sonst keiner machen will. Ich muss es wissen, auch ich machte meine Ausbildung dort und schloss sie vor einem Dreivierteljahr ab. Seit meiner Entlassung war ich auf der Suche nach einer Festanstellung. Ich hatte einige Angebote, auf Provisionsbasis zu arbeiten. Doch ich brauche die Sicherheit eines festen Einkommens. Nur von der Provision zu leben, ist mir zu unsicher. Meinen Vermieter würde es kaum interessieren, wenn ich einen schlechten Monat hätte und ich die Miete nicht bezahlen könnte. Also lebte ich das letzte Vierteljahr übergangsweise vom Staat und freute mich, mir durch den neuen Job die Gänge zu den Ämtern zu ersparen. Es kostete mich eine Menge Mut, dort hinzugehen und um Geld zu betteln. Nun musste ich mich nur überwinden, zu den Kunden zu fahren, um bei ihnen die Verkaufsgespräche zu führen. Noch immer lächelnd erreiche ich den Parkplatz der RVVG. Ich gehe zu meinem Wagen und steige ein. Nachdem ich den Motor gestartet habe, schalte ich das Radio ein und stimme lautstark in den Song ein, der gerade läuft. Überglücklich fahre ich nach Hause. Im Hinterkopf bleibt die Angst vor dem kommenden Tag, vor meinem ersten Arbeitstag. Von dem Personalchef weiß ich, dass ich gleich sieben Termine an diesem Tag haben werde. Noch bin ich ruhig, aber spätestens am nächsten Morgen wird die Aufregung größer sein als die Freude. Da bin ich mir sicher. Dabei brauche ich die Kunden nicht alleine besuchen. Ein Kollege soll mich in den ersten Wochen begleiten und einarbeiten, damit ich den Ablauf kennenlernen und mich mit den Produkten vertraut machen kann. Viel muss ich also noch nicht tun. Solange ich nicht weiß, mit wem ich die ersten Tage unterwegs sein werde, ist es schwer, mich zu beruhigen. Bis jetzt kenne ich nur den Namen meines Begleiters. Er heißt Julian Flisch. Der Name klingt nach einem jungen Mann. Über seinen Charakter verrät er mir nichts. Insgeheim hoffe ich auf einen netten Kollegen, mit dem ich gut auskomme. Es wäre kaum auszuhalten, wenn es jemand ist, mit dem ich mich überhaupt nicht verstehe.


 


2. Knoll


Ich schlendere über den Flur zum Büro meines besten Mitarbeiters. Nachdem ich angeklopft habe, öffne ich, ohne auf eine Reaktion zu warten, die Tür so weit, dass mein Kopf hindurchpasst. Julian Flisch sitzt an seinem Schreibtisch und ist in die Arbeit vertieft. Er hat mein Klopfen nicht bemerkt. »Julian!« »Ja.« Flisch zuckt zusammen und schaut zu mir. »Ab Morgen haben wir eine neue Mitarbeiterin. Sie heißt Anina Geiger. Ich möchte, dass du sie einarbeitest.« »Okay, das mache ich doch gern. Wie ist sie so?« »Sie ist ganz nett, sonst hätte ich sie ja nicht eingestellt. Na ja, ein bisschen naiv scheint sie zu sein.« »Das ist doch gut, oder nicht?« »Sicher. Du solltest trotzdem vorsichtig sein, bis wir sie besser einschätzen können. Also lass sie möglichst nicht aus den Augen!« »Geht klar, Detlef.« Ich schließe seine Bürotür und gehe zurück in mein Büro. Dabei überlege ich, ob ich mit der Anstellung von Frau Geiger die richtige Entscheidung getroffen habe oder es zu voreilig war. Der Gedanke an ihre Probezeit beruhigt mich. Ich kann sie jederzeit entlassen, falls sie keine Leistungen bringt. Schließlich erwarten unsere Vorgesetzten in der Zentrale Höchstleistungen von uns. Das können wir nur schaffen, wenn wir ein gutes Team sind.


 


3. Anina


»So ein Mist!«, schreie ich, als mir der Schlüsselbund aus der Hand fällt. Ich bin gerade dabei, meinen Wagen auf dem Parkplatz der RVVG abzustellen. Meine Hände zittern so stark, dass ich nicht in der Lage bin, die Schlüssel festzuhalten. Mich wundert es kaum. In der vergangenen Nacht fand ich nur wenig Schlaf. Ich habe mir vorgestellt, wie die Begegnung mit diesem Julian verlaufen könnte. Ich hoffe, er ist nett und verständnisvoll. Am meisten Sorge bereitet mir der Gedanke, ich müsste ohne Produktkenntnisse allein ein Verkaufsgespräch führen. Der Chef hat mir gestern Produktinformationen mitgegeben, die ich am Abend bis in die Nacht hinein studierte. Mir sind jedoch kaum Informationen im Gedächtnis hängen geblieben. Dafür sind es zu viele Unterlagen. Die Unterschiede zu den Produkten meines ehemaligen Arbeitgebers sind gravierend. Es gibt kaum Parallelen. Ich werde alles neu lernen müssen. Endlich habe ich es geschafft, den Schlüssel aufzuheben. Nun will ich den Wagen abschließen, ich benötige mehrere Anläufe, um es zu schaffen. Ich zittere immer heftiger. Ängstlich schaue ich mich um. Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden. Derjenige muss meine Nervosität bemerken. Mir kommt es zumindest so vor, als ob man von Weitem sehen kann, wie mein Körper zittert. Das macht es mir noch schwerer. Inzwischen habe ich klitschnasse Hände bekommen. In meinem Magen macht sich ein flaues Gefühl breit. Am liebsten möchte ich zurück in den Wagen steigen und mich aus dem Staub machen. Der Gedanke ein weiteres Mal beim Amt um Geld zu betteln, hält mich davon ab. Mir reicht es schon, sie über den neuen Job in Kenntnis zu setzen. Dafür will ich nicht extra hinfahren. Ich werde ein Schreiben aufsetzen und es ihnen per Post schicken. Das sollte reichen. Ich nehme mir fest vor, das am Abend zu erledigen, damit ich dieses Kapitel endlich hinter mir lassen kann. Mit kleinen Schritten gehe ich auf das Gebäude zu. Mit jedem Meter, den ich mich der RVVG nähere, geht es mir schlechter. Ich verringere unbewusst die Geschwindigkeit. Doch der Weg ist nicht allzu weit. Die Langsamkeit nutzt mir wenig. In solchen Situationen frage ich mich immer, warum ich mich damals ausgerechnet dazu entschieden habe, Versicherungskauffrau zu werden. Eigentlich passt der Job nicht zu mir. Ich bin jedes Mal unheimlich aufgeregt, wenn ich auf neue Menschen treffe. Sobald sie vor mir stehen, lässt dieses Gefühl schnell nach. Im Grunde habe ich mich damals nur dafür entschieden, weil ich dringend einen Ausbildungsplatz gesucht und mich bei den unterschiedlichsten Firmen beworben habe. Mir war es fast egal, wo ich arbeitete, solange ich überhaupt irgendwo etwas bekam. Eine Versicherungsgesellschaft war auch darunter, das war die erste Firma, die mir sofort eine Zusage für eine Lehrstelle gegeben hatte. Also nahm ich sie an. Mit der Zeit merkte ich, wie viel Spaß mir der Job macht. Damals hätte ich nur nicht gedacht, irgendwann in den Außendienst zu wechseln. Als ich vor der Eingangstür stehe, zögere ich einen Augenblick. Ich atme tief durch und spreche mir gedanklich Mut zu. Leider bringt es nicht viel. Meine Aufregung verringert sich kein bisschen. Zitternd öffne ich die Tür und gehe schnurstracks auf das Büro des Chefs zu. Wie erwartet, ist die Bürotür verschlossen. Das verschafft mir einen Moment Zeit, um nochmals tief durchzuatmen. Dann klopfe ich an. Es dauert eine Weile, bis ich ein »Herein« vernehme. Ich erkenne die Stimme sofort. Es ist die von Herrn Knoll. Ich greife nach der Türklinke, drücke sie hinunter und schiebe die Tür auf. Als ich im Büro stehe, fühle ich mich plötzlich viel selbstbewusster. Es ist, als hätte sich ein Schalter in meinem Kopf umgelegt, es fühlt sich an, als wäre nichts gewesen. »Hallo Frau Geiger, schön, dass Sie so pünktlich sind«, begrüßt mich Herr Knoll mit einem breiten Lächeln. Er erhebt sich und reicht mir die Hand. »Guten Tag Herr Knoll«, antworte ich freundlich. »Dann bringe ich Sie gleich zu ihrem neuen Kollegen Julian Flisch.« Der Chef geht ohne Umschweife an mir vorbei. Er verlässt sein Büro. Ich folge ihm und muss mir Mühe geben, mit seinem Tempo mithalten zu können. Er bewegt sich so zügig, dass es fast einem Sprint gleicht, zumindest für mich in meinen Pumps. Im Vergleich zu Knoll komme ich mir vor wie eine Schnecke. Vielleicht hätte ich heute Morgen auch nicht gerade die Schuhe mit dem höchsten Absatz wählen sollen. Im Geist stelle ich mir vor, wie die nächsten Stunden verlaufen würden, falls dieser Julian das gleiche Tempo drauf hat wie der Chef. Wenn ich den ganzen Tag so rennen muss, habe ich mir in den Schuhen bis zum Abend bestimmt einen Fuß gebrochen oder bin zumindest umgeknickt. Vor einer Tür in der Mitte des Flurs macht Knoll halt. Er dreht sich zu mir, um zu schauen, ob ich ihm gefolgt bin. Dann klopft er an die Tür. Statt auf eine Antwort zu warten, stürmt er hinein. Ich gehe mit kleinen Schritten hinterher und bin wieder ein wenig aufgeregt. Das wird so lange anhalten, bis ich den neuen Kollegen begrüßt habe. »Darf ich vorstellen? Das ist Frau Geiger, die neue Kollegin«, sagt Knoll zu dem erschrockenen Mann, der hinter dem Schreibtisch sitzt und aufschaut. Dann wendet er sich mir zu. »Und das ist Herr Flisch. Er wird Sie in den nächsten Wochen einarbeiten.« »Hallo, es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagt Julian Flisch mit hoher, fast schon piepsender Stimme. Gleichzeitig erhebt er sich und streckt mir über seinen Schreibtisch hinweg die rechte Hand entgegen. Ich mache einen Schritt nach vorn, reiche ihm die Hand und sage: »Mich auch.« »Ihr kommt zurecht?«, fragt Knoll. Seinem Blick zu urteilen, war die Frage an den jungen Kollegen gerichtet. Flisch nickt nur. »Gut. Dann lasse ich euch jetzt alleine. Ich habe noch eine Menge zu tun. Ich wünsche euch eine gute Zusammenarbeit und einen erfolgreichen Tag«, sagt Knoll und verlässt das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich stehe vor dem Schreibtisch und mustere den jungen Mann. Er sieht aus, als wäre er noch in der Schule. So ähnlich sahen früher die Streber in meiner Klasse aus. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich diesen kurpulenten Typen auf höchstens fünfzehn Jahre schätzen. Ein Alter, in dem einen die Pubertät vollständig im Griff hat, zu einer Zeit, in der die Haut mit Pickeln übersät ist und sich der Stimmbruch bei dem männlichen Geschlecht bemerkbar macht. Ob dieser Flisch im Stimmwechsel ist, kann ich nur schwer einschätzen. Dazu hat er zu wenig gesprochen. Mir fiel nur seine hohe Stimme auf, als er mich begrüßte. Es könnte also sein. Julian Flisch mustert mich ebenfalls von Kopf bis Fuß und sagt keinen Ton. Ich fühle mich wie auf einem Präsentierteller. Die Situation ist mir äußerst unangenehm. Ich reiße mich zusammen, still stehenzubleiben und abzuwarten, bis sich dieser Julian gefangen hat. Denn ich will, nein, ich brauche den Job unbedingt. Nach einer gefühlten Ewigkeit scheint der verpickelte Jüngling sich an mir sattgesehen zu haben. Er sagt mit piepsender Stimme: »Sie können gern Platz nehmen!« Er deutet auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Hören sich so Jungs an, die im Stimmbruch sind? Angestrengt versuche ich mich an die Schulzeit zu erinnern, daran wie sich die Jungen in meiner Klasse anhörten, als ihre Stimmen sich veränderten. Es funktioniert nicht, meine Erinnerungen an die Zeit sind zu schwach. Ich spüre, wie sich meine Mundwinkel nach oben bewegen wollen. Am liebsten hätte ich laut losgelacht. Ich muss mich zusammenreißen. Tief durchatmend komme ich seiner Aufforderung nach und setze mich. Das Grinsen will nach wie vor aus mir heraus. Ich sitze Flisch gegenüber, der Lachzwang wird auf einmal durch ein Ekelgefühl abgelöst. Der Grund für die plötzlichen Stimmungsschwankungen sind die Haare meines Gegenübers. Als ich das Büro betrat, dachte ich noch der picklige Teenager hatte sich am Morgen in der Menge seines Haargels vertan und sich eine ganze Tube hineingeschmiert. Erst jetzt fällt mir auf, dass es sich nicht um Gel, sondern einfach um Fett handelt. Das bestätigt der Geruch, der mir entgegenkommt. Ich nehme einen beißenden Schweißgeruch wahr, der in mir Würgegefühle auslöst. Bevor ich umkippe, halte ich sekundenweise die Luft an. Das macht es nicht besser. Zwischendurch muss ich atmen. Der schwitzige Jüngling merkt nichts. Er sieht mich über seine dicke Brille hinweg an und sagt keinen Ton. Mein Gehirn arbeitet. Ich will schleunigst aus diesem Büro, raus an die frische Luft. »Wann haben wir den ersten Termin?«, frage ich so normal, wie es mir unter diesen Umständen möglich ist. »In einer Stunde«, piepst mein Gegenüber. Die Antwort macht mir Sorgen. Ich weiß nicht, wie ich die Zeit hier überstehen soll. »Wann müssen wir los?«, frage ich in der Hoffnung auf einen langen Anfahrtsweg. Obwohl so lange auf engem Raum mit dem Kollegen, das halte ich nicht aus! Ein Fußmarsch wäre gut. »Ich denke in einer halben Stunde.« »Brauchen wir dreißig Minuten, um zu dem Kunden zu fahren?« Der Gedanke eine halbe Stunde eingepfercht im Auto neben Flisch sitzen zu müssen, bringt mich ins Schwitzen. Meine einzige Chance, diese Fahrt zu überstehen, ist ein weit geöffnetes Fenster. »Nicht ganz. Aber wir wollen ja pünktlich sein«, antwortet Flisch und lächelt mich an. Sein Gesichtsausdruck ist so schmierig, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Insgeheim hoffe ich, die Einarbeitungszeit mit diesem Kollegen geht schnell vorüber. Ich muss mich anstrengen, die Produkte schleunigst kennenzulernen, damit ich alleine zu den Terminen fahren kann. »Was sind das für Kunden? Ich mein, für welche Versicherung interessieren sie sich?« »Bei unserem ersten Termin handelt es sich um ein älteres Ehepaar. Sie sind bei uns seit Jahren gut versichert. Das Gespräch dient nur dazu, dass wir eventuelle Änderungen aufnehmen und schauen, ob etwas gebraucht wird.« »Okay. Was machen wir so lange noch?«, frage ich. »Ich will mir die Unterlagen der Kunden anschauen. Wenn Sie möchten, können Sie rüberrutschen und mit hineinschauen.« Was? Ich soll diesem nach Schweiß stinkenden Typen näherkommen? Ich will doch nicht ohnmächtig werden! Wie komme ich aus der Nummer bloß wieder raus? Bei dem Gedanken den intensiven Geruch vollkommen ausgeliefert zu sein, wird mein Hals staubtrocken. Mir fällt es schwer zu atmen. Dann kommt mir die rettende Idee. »Gerne, aber vorher müsste ich noch auf die Toilette.« »Okay. Wissen Sie, wo Sie hin müssen?« »Nein, noch nicht. Können Sie mir kurz den Weg beschreiben?« »Klar, das ist einfach. Wenn Sie aus dem Büro kommen, müssen Sie nach rechts und ganz hinten sehen Sie schon die Toilette.«


 


* * *


 


Erleichtert folge ich der schwarzen Limousine von Julian Flisch. Ich habe es tatsächlich geschafft, ihn zu bequatschen, mit zwei Autos zu fahren. Es war nicht leicht. Erst das Argument, dass ich vom letzten Kunden gleich nach Hause fahren könne und nicht mehr ins Büro müsse, hat gezogen. Mein Kollege biegt in eine neu gebaute Wohnsiedlung ein und wird immer langsamer. So wie es aussieht, haben wir jeden Moment unser Ziel erreicht. Wir werden gleich die ersten Kunden aufsuchen. Als Flisch vor einem prunkvollen Einfamilienhaus hält, atme ich tief durch. Meinen Wagen parke ich genau hinter seinem. Auf geht es in den Kampf. Wieder bin ich etwas aufgeregt. Schließlich kenne ich die Kunden nicht. Ich hoffe, sie sind nett und umgänglich. Flisch schaut zu mir. Er lächelt mich an und wartet, bis ich ausgestiegen bin. Mir läuft ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ich finde seine schmierige Art abstoßend und weiß nicht, wie ich die nächsten Wochen überstehen soll. Gleichzeitig wundere ich mich darüber, wie es so jemand schafft, bei einer Versicherungsgesellschaft zu arbeiten. Hat bei seinem Vorstellungsgespräch niemand etwas gemerkt? Waren die alle erkältet und hatten einen begrenzten Geruchssinn? Ich öffne die Fahrertür und spüre die frische Luft. Gierig sauge ich sie in mich hinein. In wenigen Augenblicken ist es vorbei. Meine Atmung wird eingeschränkt sein und nur noch so viel arbeiten, um am Leben zu bleiben. Als ich neben Flisch stehe, betätigt er die Klingel. Auf dem Schild kann ich den Namen Angermann erkennen. Es dauert nicht lange, bis uns eine schmächtige ältere Frau die Tür öffnet. Ihr Anblick löst Mitleid in mir aus. Sie ist so dürr und wirkt schwach, begrüßt uns aber freundlich und bittet uns hinein. Ich bleibe mit einem kleinen Sicherheitsabstand hinter meinem Kollegen und folge ihm bis ins Wohnzimmer. Auf einem Schaukelstuhl sitzt ein älterer Herr. Er sieht genauso mager aus, wie seine Frau. Auch er begrüßt uns herzlich und bittet uns, Platz zu nehmen. Flisch und ich sitzen nebeneinander auf der Couch. Er ist viel zu nah bei mir. Wieder nehme ich einen Schweißgeruch wahr, der sich in meiner Nase festsetzt. Am liebsten würde ich schreiend davon laufen. Es kostet mich eine Menge Kraft, sitzen zu bleiben. Der Tisch vor uns ist liebevoll mit Kaffee und Kuchen eingedeckt. Die Frau des Hauses bietet uns sofort etwas an. Mein Kollege nimmt dankend an. Um nicht unhöflich zu wirken, nehme ich eine Tasse Kaffee. Im Moment bekomme ich keinen Bissen hinunter. Ich habe schon genug damit zu tun, nichts aus meinem Magen nach draußen gelangen zu lassen. Nachdem Frau Angermann uns mit Essen und Trinken versorgt hat, nimmt sie auf einem kleinen Sessel neben mir Platz. Flisch erklärt den beiden in aller Ruhe, wer ich bin und warum er mich mitgebracht hat. Das Paar hört uns aufmerksam zu. Statt gleich zum Punkt zu kommen, beginnt mein Kollege einen Small Talk mit dem Hausherrn. Seine Frau und ich sagen nichts und hören ihnen zu. Nach einer Weile schaue ich auf meine Armbanduhr und muss mit Entsetzen feststellen, dass wir schon seit einer Dreiviertelstunde hier sitzen und noch nicht über das gesprochen haben, warum wir hier sind. Das kann ja heiter werden, wenn das bei jedem Kunden so läuft.


 


4. Julian


Schweigend sitzen wir am Wohnzimmertisch der Angermanns. Herr Angermann wippt in seinem Schaukelstuhl hin und her, während seine Frau in der Küche ist und Kaffee kocht. Heimlich beobachte ich meine neue Kollegin, die neben mir sitzt und auf die Schrankwand des Ehepaars starrt. Vermutlich schaut sie sich die unzähligen Fotos an, die darin aufgestellt wurden. Sie bemerkt meine Blicke nicht. Mir bleibt also genügend Zeit, um sie zu mustern. Ich kann Knoll verstehen, warum er sie eingestellt hat. Anina Geiger ist eine schöne Frau. Allerdings verhält sie sich komisch. Schon allein die Tatsache, dass wir mit zwei Autos unterwegs sind, finde ich merkwürdig. In den vergangenen zwei Jahren habe ich einige Leute eingearbeitet, aber niemand kam bisher auf so eine Idee. Überhaupt ist sie etwas abweisend. Ich bin mir unsicher, ob es an mir liegt oder sie generell so ist. Vielleicht wurde sie in der Vergangenheit auch zu viel angebaggert oder meint es zumindest. Heutzutage wird einem ja schon unterstellt zu flirten, wenn man nur nett ist. Der Übergang von dem einem in das andere ist fließend. »Ein sehr schönes Haus haben Sie«, sagt meine Kollegin, als Frau Angermann das Zimmer betritt. Die alte Dame stellt das Tablett auf den Tisch und setzt sich zurück auf ihren Platz. »Danke.« Das Paar schaut erwartungsvoll zu mir. Für mich heißt es nun, zum Geschäft zu kommen. Der gemütliche Teil ist vorüber.


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