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> Krimi Thriller > Sieben Tage Neukölln
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Sieben Tage Neukölln, Peter Rieprich/Norbert Kleemann
Peter Rieprich/Norbert Kleemann

Sieben Tage Neukölln


Ein Fall für Borscht

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»… der berühmte Neuköllner Privatdetektiv Borscht«, höre ich eine Frauenstimme aus den Lautsprechern, »wurde zum Schutz des wichtigsten Zeugen der Anklage engagiert. Aus gut informierten Kreisen verlautete, dass das Leben …«
Schon erscheint ein anderes Gesicht auf dem Bildschirm. Wesentlich unsympathischer, da würden Sie mir gewiss zustimmen. Feist, regelrecht teigig, abstehende Ohren, die reinsten Segelohren. Eine sehr starke Brille vergrößert die Augen unnatürlich. Die spärlichen Haare kleben fettig glänzend am unförmigen Schädel. Wahrscheinlich Pomade, pfui Teufel!
»… des Zeugen Volker Lehmann akut bedroht ist«, fährt die Stimme aus dem Fernseher fort, »Lehmann war Prokurist der traditionsreichen Neuköllner Baufirma Kaluschke & Co. und spielte eine nicht unwesentliche Rolle bei dem Tempelhof-Coup, der vor einigen Monaten nicht nur Neukölln erschütterte, sondern Wellen über Berlin hinaus bis in den Nahen Osten und nach Asien schlug. Seinerzeit stritten verschiedene Interessengruppen um die künftige Nutzung des Flughafens Tempelhof. Größtenteils, so wurde gemutmaßt, mit unlauteren Methoden. Von Bestechung und Unterschlagung war damals die Rede, sogar Morde oder zumindest Mordanschläge sollen verübt worden sein. Die Hintergründe dieser Affäre sind bis heute nicht geklärt. Auf der Anklagebank sitzen einige junge Leute, denen Sachbeschädigung und grober Unfug zur Last gelegt werden. Vom Kronzeugen Lehmann erhofft man sich Informationen über die Hintermänner.«
Das feiste Gesicht verschwindet, die Kamera fährt durch die Straßen Neuköllns. Halt! Das kommt mir nun doch irgendwie bekannt vor. Ein repräsentatives Gebäude, schon etwas marode. Leider wird die imposante Fassade von einem Baugerüst verunstaltet.
»Hier zum Beispiel, in der Hobrechtstraße 63, könnte der Kronzeuge von Borscht in Sicherheit gebracht worden sein. Dort unterhält Borscht eine seiner konspirativen Wohnungen. Oder aber in der Kienitzer Straße 34. Auf dem dritten Hinterhof im Keller soll eine weitere …«
Die Kamera fährt durch eine Hofeinfahrt, schwenkt die Fassaden hinauf, wieder zurück, eine Treppe hinab. Dunkelheit.
»… oder aber irgendwo anders im Untergrund von Neukölln, die Fantasie von Borscht kennt in solchen Fällen keine Grenzen. – Soweit Isabella König für BerlinEins live aus Neukölln. Und nun zurück …«
Der Rest war nicht mehr zu verstehen. Die blonde Renate hatte einen Euro in die Musikbox geworfen und sofort ertönte ihr Lieblingssong Junge, komm bald wieder.
Für mich wird es Zeit zu gehen. Es gibt viel, worüber ich nachzudenken habe, und das kann ich am besten bei Jette. Sie ist so angenehm schweigsam und widerspricht nie. Bis ich zu Henriette komme, gibt es aber leider noch einige schwerwiegende Hindernisse zu überwinden.
Kaum habe ich den Blauen Affen verlassen, direkt vor dem Salon Kiliçaglü, kommt der erste Angriff. Eine schlanke, fast magere Frauengestalt, das gebräunte Gesicht mit den großen, braunen Augen umrahmt von langen, schwarzen, lockigen Haaren, stürzt aus dem Friseurladen auf mich zu. Zwischen dem bauchfreien, schwarzen Top und der engen Jeans, in Höhe des Bauchnabels etwa, blitzt etwas auf. Bedrohlicher ist, dass auch in ihrer Hand etwas aufblitzt, gefährlich scharf aufblitzt. Mit einem gekonnten Sidestep weiche ich der Angreiferin aus, auch einen kleinen Beinhebel kann ich noch ansetzten, sodass sie fällt, über den Gehweg rutscht und erst kurz vor der Fahrbahn vom Pfosten eines Halteverbotschilds gebremst wird. Eigenartigerweise schlittert eine Schere auf die Straße und verschwindet in einem Gully. Die schwarze Mähne bewegt sich, ein Gesicht kommt zum Vorschein, die Lippen öffnen sich.
»Ey Borscht! Bist du jetzt völlig durchgeknallt? Ich bin’s, Gülsün, deine Praktikantin!« Sie erhebt sich, betastet Kniegelenke und Oberschenkel, fasst sich an die Hüfte. Es scheint alles einigermaßen unbeschädigt zu sein. »Was ist denn los, Borscht, warum erfahre ich erst aus dem Fernsehen von unserem neuen Fall? Was soll ich tun? Wie lauten meine Anweisungen?«
Was meint sie damit? Fall? Anweisungen?
Glücklicherweise erscheint in diesem Moment ein älterer, grauhaariger Mann in der Tür des Friseursalons und brüllt einige mir unverständliche türkische Worte, worauf die junge Frau nach kurzem Zögern zurück in den Laden geht. Allerdings nicht ohne mir hinterherzurufen: »Ich melde mich dann, Borscht. Mit mir kannst du auf jeden Fall rechnen!«
 Ich fürchte, sie meint es ernst.
Kaum einige Meter weiter, vor dem Gemüseladen, passiert es wieder. Jemand greift mir von hinten an den rechten Ärmel, zerrt am Trenchcoat. Zum zweiten Mal an diesem jungen Vormittag. Ich drehe mich um und blicke in ein feistes, teigiges Gesicht mit abstehenden Ohren. Unnatürlich vergrößerte Augen starrten mich durch dicke Brillengläser an. Die wenigen Haare kleben am Schädel. Ich kann die Pomade riechen. Unter dem Gesicht breitet sich ein unglaublich fetter Körper in einem geschmacklosen Nadelstreifenanzug aus.
»Endlich erwische ich Sie«, kommt es zwischen wulstigen Lippen hervor, Speichel sprüht mir ins Gesicht, »seit gestern suche ich Sie schon, Borscht. Ich hoffe, Sie haben alles perfekt geplant. Wo soll ich denn nun untertauchen?«
Ich glaube, ich erwähnte es schon, dass ich eigentlich ein gutmütiger, hilfsbereiter, toleranter Mensch bin. Aber was zu viel ist, ist zu viel! Ich hole aus und schlage zu. Die zwei Zentner Lebendgewicht stürzen in die Auslagen vor dem Laden. Zucchini, Paprika, Auberginen, Süßkartoffeln und eine Menge anderes Gemüse verteilen sich dekorativ über den Bürgersteig, und mittendrin zappelt ein nadelgestreifter Fettkloß.
Dort allerdings, wo vor Kurzem noch ein feistes, teigiges Gesicht den Blick auf die im Inneren des Ladens gestapelten Südfrüchte versperrte, ziert jetzt ein Loch von ungefähr einem Zentimeter Durchmesser das Schaufenster. Um dieses Loch herum verbreiten sich – wie ein Spinngewebe – Risse im Glas. Aus dem Inneren des Ladens ertönt ein markerschütternder Schrei. Kunden stürzen auf die Straße, rufen alarmiert: »Mordanschlag!«, »Notarzt!«, »Verdammt noch mal, warum ruft denn keiner die Polizei!«
Menschen laufen herbei, drängeln sich heran, um etwas von dem Spektakel mitzubekommen. Es ist natürlich jedermanns Recht zu gaffen, wenn schon mal etwas Außergewöhnliches passiert. Und das scheint ja hier eindeutig der Fall zu sein.


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