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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Schweigen ist Tod, Peter Märkert
Peter Märkert

Schweigen ist Tod


Ein Ruhrgebietskrimi,

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Kapitel 1 Donnerstag. Ende der Sprechstunde. Engel schleicht von der Besuchertoilette ins leere Wartezimmer, schließt das Fenster und löscht das Licht. Stimmen auf dem Flur. Die Bewährungshelfer kommen aus ihren Büros, wünschen sich einen schönen Abend und verlassen die Etage. Eine Bewährungshelferin nähert sich dem Wartezimmer. Engel versteckt sich hinter der Tür, horcht auf das Klackern ihrer Absätze. Was soll er sagen, wenn sie ihn entdeckt? Die Fenster auf den Toiletten werden geschlossen. Sie kommt zur Tür, bleibt davor stehen. Den Atem anhalten. Nicht bewegen. Er zählt: zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Sandra, seine Freundin, hatte ihm geraten, in bedrohlichen Situationen zu zählen, dabei immer daran zu denken, dass alles vorübergeht. Morgen beginnt ein neuer Tag, hatte sie gesagt. Ein Stein ist ihm geblieben auf dem Bochumer Hauptfriedhof. Die Bewährungshelferin geht zurück. Das Klackern ihrer Schuhe auf dem Steinboden wird leiser. Engel atmet auf. Erwartet das Knarren der Glastür. Nichts! Er traut sich einen Schritt vor, wagt einen Blick in den langen Flur. Hinter der Glastür liegen links und rechts jeweils fünf Büroräume, vor Kopf das Geschäftszimmer und ein Besprechungsraum. Er hat eine Skizze gefertigt, die Namen der Mitarbeiter von den Schildern an den Türen abgeschrieben. Es ist das Büro von Silvi Kahre, Windichs Vertretung. Am Ende wartet sie auf ihn. Er sollte zu ihr hingehen und laut «Feierabend!» rufen. Ihre Bürotür wird nach innen geöffnet. Er weicht in sein Versteck zurück, hört ein Schnurren wie von einem Fahrrad. Das ist es! Sie fährt mit dem Rad, nimmt es mit in ihr Büro, damit es nicht geklaut wird. Ihre Pumps hat sie gegen Turnschuhe getauscht, deswegen hört er ihre Schritte nicht. Erleichtert vernimmt er das Knarren der Glastür, bleibt in seinem Versteck, bis die Außentür ins Schloss fällt. Außer ihm sind noch Windich und sein Besucher auf der Etage. Was haben die so lange zu besprechen? Er sieht auf die Uhr. Zwanzig nach sieben. Wenn der Klient die Dienststelle verlässt, ist er an seinem Ziel. Dazu hatte er am Mittag in der Geschäftsstelle angerufen, sich mit einer Verspätung angekündigt. Als Grund Überstunden auf der Arbeit genannt. Das Telefonat beendet, bevor Rückfragen zu seinem Namen gestellt werden konnten. Überflüssig, doch woher sollte er ahnen, dass Windich die Sprechstunde überzieht? Oder hat er mit dem Klienten die Dienststelle verlassen, als die Bewährungshelferin ihre Runde machte? Engel schleicht über den Flur, lauscht an der Tür. «Ein Kind kostet eine Menge Geld, Herr Kastas. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?» Engel geht ins Wartezimmer zurück. Wie konnte er sein Versteck so leichtsinnig aufgeben? Nicht auszudenken, wenn dieser Kastas in dem Moment die Bürotür geöffnet hätte oder Windich selbst. Er muss seine Gefühle unter Kontrolle halten, überlegt noch eine Tablette zu nehmen, aber darf die Dosis nicht überschreiten. Keine unbedachten Schritte, sonst ist alles sinnlos. Kann er nach Hause trotten, um weiterhin von seiner Rache zu träumen. Er schnallt den Gürtel mit dem Schlagstock um, berührt ihn andächtig. Die Verkleidung! Worauf wartet er? Er nimmt die Sachen aus dem Rucksack, legt den schwarzen Umhang um, streift die Handschuhe über. Noch die weiße Maske und die Brille. Fast hätte er die Überschuhe vergessen. Nachher sind es die Schuhe, die ihn verraten. Er muss sich beeilen. Windich wird nicht länger auf den unbekannten Anrufer warten, sondern nach dem Besucher die Dienststelle verlassen wollen. Jetzt noch die Handschellen, mit denen er ihn an die Heizungsrohre fesseln will. Er möchte die Angst in den Augen sehen, den Schrecken, die Ohnmacht. Soll er ihn zwingen, sich auszuziehen? Es würde ihm gefallen, Windich nackt und hilflos zu erleben, auf ihn angewiesen. Kontrollieren, ob alles sitzt! Er schleicht zur Toilette, blickt in den Spiegel über dem Waschbecken. Stellt befriedigt fest, dass er in der Verkleidung nicht zu erkennen ist. Seine Stimme hatte er mit der Diktierfunktion seines Handys mit und ohne Maske aufgenommen und abgespielt, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Sogar an das Parfüm hat er gedacht, obwohl er seinem Bewährungshelfer keinen besonderen Geruchssinn zutraut. Es schellt. Die Außentür wird aufgedrückt. Erwartet Windich noch einen Klienten? Oder eine Freundin, einen Freund, wollen sie ihn zum Essen oder zum Sport abholen? Er verschwindet im Wartezimmer, bevor der Besucher die Treppen hochgestiegen ist. Wagt einen Blick in den Flur. Ein Typ mit rotblonden, struwweligen Haaren steht vor der Glastür mit einer blauen Kappe in der linken Hand. Lucas Soundso, der Nachname ist ihm entfallen. Es ist einige Zeit her, doch es ist zweifellos Lucas, der Drogendealer auf dem Herner Berufskolleg. Windich lässt ihn auf die Etage. Keine Vorwürfe, kein Abschieben an der Tür mit dem Hinweis auf die Uhrzeit. Wenn Lucas ins Wartezimmer kommt, bleibt nur, ihn zur Seite zu schubsen und zu fliehen. Auf keinen Fall darf er die Maske abnehmen. Er lauert hinter der Tür. Jeder Muskel ist anges-pannt. Er zählt: zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Lucas kommt nicht, er wird vor der Bürotür warten. Engel setzt die Maske ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, stößt dabei gegen die Tür. Nicht auszudenken, wenn ihm das zu einem früheren Zeitpunkt passiert wäre. Die Glastür knarrt. Der lange Kastas geht, Lucas ist im Büro. Engel sieht sich im Wartezimmer um. Sechs Stühle um einen runden Holztisch, darauf Zeitschriften, in der Ecke eine gepflegte Birkenfeige auf einem Hocker. Er nimmt die aktuelle Ausgabe vom Stern, starrt auf die Wörter, ohne den Zusammenhang zu verstehen. Zuckt zusammen, als die wieder Bürotür geöffnet wird und wartet, bis Lucas die Dienststelle verlassen hat. Es ist so weit. Er ist mit Windich allein auf der Etage. Sein Puls beschleunigt sich. Auf den Moment hat er gewartet, ihn sich immer wieder vorgestellt. Warum zögert er? Der Schritt vom Planen zum Handeln. Tausendmal ist er alles in seinem Kopf durchgegangen. Es kann nichts schiefgehen. Windich wird vor Angst wie gelähmt sein. Oder? Der Schlagstock. Er muss ihn blitzschnell in die Halterung stecken und wieder hervorholen können. Er löst den Gürtel unter dem Umhang, schnallt ihn darüber. Das Loch passt nicht. Er sucht ein anderes. Seine Hände zittern. Warum hat er es nicht vorher in aller Ruhe gemacht? Er hatte so viel Zeit. Endlich. Er zieht den Stock heraus, steckt ihn zurück. Reibungslos! Er verlässt das Wartezimmer, schleicht über den Flur. «Herr Briest? Sind Sie noch da?» Er stockt. Hält den Atem an. Die Hand am Schlagstock. Er hört sein Herz klopfen. Kann sich nicht entschließen, weiterzugehen. Die Tür erscheint ihm wie eine undurchdringliche Mauer. Sekunden vergehen. Gleich wird Windich das Büro verlassen. Nein, soweit darf es nicht kommen. Er zwingt sich, an seine verstorbene Freundin zu denken. Fühlt den Schmerz, gibt sich einen Ruck, formuliert zum hundertsten Mal die Worte, die er an Windich richten will: Wenn Sie tun, was ich sage, passiert Ihnen nichts! Er wird das Portemonnaie verlangen, einen Raub vortäuschen. Macht einen Schritt vorwärts, steht unmittelbar vor der Tür. «Warum kommen Sie nicht herein? Was soll das Versteckspiel?» Er stößt die Tür auf. Sieht Windich am Kleiderschrank, schreit: «Wenn Sie tun, was ich sage, passiert Ihnen nichts!» Weidet sich am Schrecken des Bewährungshelfers, gibt seinen Worten einen harten Unterton: «Ihr Portemonnaie! Schnell!» Verfolgt, wie Windich in die Jackentasche greift. «Die Hände auf den Rücken! Das Portemonnaie dazwischen. Schnell, schnell!» Er holt die Handschellen hervor, darf ihm keine Zeit lassen. «Herr Degen? Wenn Sie es sind … weil Sie den Anhörungstermin erhalten haben … wir können mit dem Richter über alles reden!» «Die Hände auf den Rücken habe ich gesagt! Langsam zum Schrank drehen!» Er verfolgt den Blick des Bewährungshelfers zum Schreibtisch, sieht ein Springmesser, die Hand, die danach greift. Das Dreckschwein will dich reinlegen. Er schlägt mit dem Schlagstock zu, verliert ihn aus der Hand, schnappt sich das Messer. Trifft den Druckknopf. Die Klinge schnellt heraus. Er nimmt die Bewegung von Windich wahr, der ihm das Messer entreißen will, dabei in die Klinge fasst. Das verzerrte Gesicht, die Platzwunde am Kopf. Er sticht zu. Erwischt ihn am Hals, sieht das Blut, die Panik in den Augen, die Hand, welche die Wunde schließen möchte. Sticht erneut zu, steigert sich in einen Rausch, bis Windich zwischen Schreibtisch und Schrank zu Boden gleitet. Er kann den Blick nicht abwenden, fühlt eine Macht, wie er sie noch nie im Leben empfunden hat, schließt die Augen und atmet tief durch. Kapitel 2 Engel hält das Springmesser in seiner Hand. Was wollte Windich damit? Warum lag das Messer auf seinem Schreibtisch? Er lässt es auf den Toten fallen. Betrachtet das Büro. Keine Bilder, keine Blumen. Tisch, Computer, Schrank, Stühle. Der Schlagstock. Er hebt ihn auf, wischt ihn an Windichs Jacke ab. Steckt ihn zurück in die Halterung am Gürtel. Das Portemonnaie von Windich. Er nimmt es in die Hand, zählt über dreihundert Euro. Auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch entdeckt er ein weiteres Portemonnaie, das an den Rändern zerfleddert aussieht. Wer immer es vergessen hat, wird zurückkommen, das Licht im Büro sehen und schellen. Soll er die dreihundert Euro in das fremde Portemonnaie stecken? Um den Bullen und der Presse den Täter frei Haus zu liefern? Er ahnt die Schlagzeile: Raubmord in der Bewährungshilfe! Auf der Flucht verlor der Täter seine Beute. Er klappt das Portemonnaie auf. Zwanzig Euro. Ein Foto von Lucas und einer Frau. Sie strahlt in die Kamera. Noch ein Foto von den beiden. Arm in Arm. Sofort ist Engel an Sandra erinnert, fühlt die Leere seit ihrem Tod, versucht den Schmerz zu verdrängen. Er nimmt den Personalausweis aus der Seitentasche: Lucas Briest. Er zögert. Soll er das Geld wirklich abgeben? Dreihundert Euro könnte er gut gebrauchen, zumindest einen Teil davon. Woher sollen die Bullen wissen, wie viel Geld Windich bei sich trug? Er stopft hundertfünfzig Euro in seine Hosentasche unter dem Umhang. Drei Fünfziger benetzt er mit Windichs Blut und steckt sie zu dem Zwanziger in das Portemonnaie, das er gut sichtbar auf den Fußboden wirft. Einem inneren Zwang folgend rennt er ins Wartezimmer, um die Grünpflanze aus der Ecke zu holen und sie neben Windich aufzubauen. Ein bisschen Leben in der Bude. Verrückt. Er beißt sich auf die Zunge, bis es schmerzt. Nimmt den Notizblock des Bewährungshelfers an sich. Mit einem letzten Blick auf den Toten verlässt er das Büro. Streift die Verkleidung auf der Toilette ab, verstaut sie in dem mitgeführten Rucksack im Wartezimmer. Wollte er es so? Ohne Worte? Ohne Verstehen? War das seine Rache? Nein, er wollte Windich mit der Maske und dem Schlagstock einschüchtern, ihn fesseln, aber nicht umbringen. Das Springmesser gab den Ausschlag. Sein Plan wurde von der Wirklichkeit übertroffen. Warum war er von dem Anblick des Toten nicht mehr erschrocken? Er hat ihn ermordet, einen Menschen erstochen. Fühlt eine Eiseskälte in sich, die ihn erschreckt, zugleich mit Stolz erfüllt. Von einem Fenster im Hausflur beobachtet er den Parkplatz vor dem Gebäude, den Bürgersteig, die Straße. Wartet, bis zwei Fußgänger vorüber sind, alles leer wirkt. Mit dem Keil verhindert er das Zuschlagen der Außentür, bevor er auf die andere Straßenseite wechselt. In der Garageneinfahrt gegenüber erkennt er eine Gestalt. Er schlägt die Kapuze seiner Regenjacke hoch, verdeckt das Gesicht und läuft zu den Ampeln an der Straßeneinmündung. Aus sicherer Entfernung wagt er einen Blick zurück. Licht in Windichs Büro, die Außentür einen Spalt geöffnet. Er könnte wetten, dass Lucas zurückkommt, stellt sich den Schrecken beim Anblick des Toten vor. Wird Lucas das Portemonnaie aufheben und aus dem Gebäude stürmen? Oder die Bullen rufen? Er wird es nehmen, zur Platte fahren, um sich dichtzumachen, dabei das Blut an den Scheinen nicht mal bemerken. Die Bullen werden die Spur verfolgen und die blutigen Fünfziger bei ihm entdecken. Der Regen setzt wieder ein. Engel findet eine Überdachung in einem Hauseingang. Es ist kalt, er friert, zittert, hat keine Lust zu warten. Es kann bis morgen dauern, bis der Tote gefunden wird. Warum kommt Lucas nicht? Hat er seine Freundin in der Stadt getroffen? Engel sieht auf die Uhr. Zehn nach acht. Die Sprechstunde endet um sieben, da kann Lucas nicht mehr damit rechnen, Windich noch anzutreffen. Er macht sich auf den Weg zum Zentrum, hat sich zweihundert Meter entfernt, da nähert sich ein Jogger auf der anderen Straßenseite. Beim näheren Hinsehen erkennt er ihn. Also doch! Er folgt ihm bis zur Straßeneinmündung. Sieht, wie Lucas vor dem Eingang der Bewährungshilfe stehen bleibt, zum ersten Stock blickt. Wieso geht er nicht rein? Die Tür ist geöffnet. Los, geh rein, sieh dir die Schweinerei an! Wie auf Befehl drückt Lucas die Tür auf. Licht im Hausflur. Engel wartet. Nichts passiert. Ruft Lucas die Bullen? Dann werden sie gleich auftauchen. Engel möchte ihnen auf keinen Fall begegnen. Mit schnellen Schritten entfernt er sich in Richtung Fußgängerzone.


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