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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Schwarze Seelen, Petra Gockeln
Petra Gockeln

Schwarze Seelen


Mordsmäßige Geschichten

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Die Fettfalle
Ihre Augen folgten dem fettigen Soßentropfen, der eine glänzende Spur auf Kinn und Hals ihres Gatten hinterließ – wobei sich Kinn und Hals eigentlich nicht voneinander unterschie-den. Ein durchgehender wabbelnder Fleischsack, der im Kragen des Baumwoll-T-Shirts ende-te. Dieser Kragen war es auch, der den Tropfen gnädig aufsog und es Sarah ermöglichte, nun woanders hin zu sehen. Sie blickte auf ihren Teller mit Salat, Hühnchenbrust und Reis.
„Mmmpf, Schschatschsch..., du hascht disch heute wieder beim Kochen selbscht übertrof-fen...“ Ihr Mann presste die Worte aus seinem kauenden Mund, der gefüllt war mit dem Teil eines Kloßes und einem großen Stück Fleisch.
Sarah lächelte und häufte Reis auf ihre Gabel.
„Schön, dass es dir schmeckt. Möchtest du noch etwas Braten?“
Ihr Mann, der weiter kaute und dabei leise schmatzte, nickte schweigend. Seine ausgeprägte Kiefermuskulatur leistete Schwerstarbeit, um den letzten großen Brocken des Schweinebra-tens in eine verdauliche Masse zu verwandeln. Sarah sprang auf, um seinen leeren Teller aufzufüllen. Dicke braune Soße mit Fettaugen, selbstgemachte Klöße und ein weiteres gro-ßes Stück Schweinebraten mit Fettrand verdeckten nun das blaue Zwiebelmuster des Tellers. „Hier, mein Schatz! Guten Appetit!“
Sie stellte den Teller vor ihrem Mann auf den Tisch, der zwar seinen Mund noch nicht geleert hatte, sich aber ohne zu zögern sofort die Hälfte eines frischen Knödels einverleibte.
Sarah, die ihre Mahlzeit mittlerweile beendet hatte, räumte ihren Teller vom Tisch. „Lass’ dir Zeit“, sagte sie. „Iss’ in Ruhe weiter. Wenn du noch etwas möchtest, dann ruf‘ mich einfach. Ich bin im Wohnzimmer und schau in die Zeitung.“
Mit diesen Worten verließ sie den Raum.
In Wahrheit interessierte sie die Tageszeitung nicht. Sie konnte einfach nicht mehr ertragen, mit ansehen zu müssen, wie dieser Fleischberg sich vollstopfte. Es war widerlich! Aber sie musste durchhalten. Das Essen war ein Teil ihres Planes. Sie legte sich auf das Sofa, zündete sich eine Zigarette an und atmete tief ein. Jeden Tag fiel es ihr schwerer, ihren Mann in sei-nem jetzigen Zustand zu ertragen.
Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Sie hatten sich an der Universität kennenge-lernt. Sie studierte Ernährungswissenschaft, er studierte Mathematik. Beim Silvesterball ka-men sie sich näher und wurden kurz darauf ein Paar. Sie bewunderte seinen sportlichen Körper und seine Muskeln. Nachdem beide ihr Studium beendet hatten, heirateten sie. Sa-rah fand eine Halbtagsstelle an einer Diätklinik, er arbeitete als Mathematiklehrer an einem Gymnasium. Sie liebte es zu kochen. Nahrhafte, leichte gesunde Kost. Ihr Mann aß immer mit Begeisterung. Ab und zu – wenn es seine Zeit zuließ – kochte er. Dann durfte Sarah die
Küche nicht betreten. Der Chef de Cuisine kochte nicht einfach – nein, er schuf ein Mahl. Kalorienreich, mächtig und ungesund!
Anfangs beeindruckten Sarah die Kochkünste ihres Mannes. Begeistert aßen beide die fett-haltigen Köstlichkeiten. Doch als ihr Mann immer öfter das Regime in der Küche übernahm und Sarah feststellte, dass sie im Laufe der letzten 5 Monate 10 Kilo zugenommen hatte und dass auch die Muskeln ihres Mannes unter einer deutlich sichtbaren Fettschicht verschwan-den, legte sie Einspruch ein. Sie verbannte ihn aus der Küche und begann, wie gewohnt ge-sunde frische Sachen zuzubereiten. Schnell verlor sie die angefutterten Pfunde. Ihr Mann jedoch wurde dicker. Sie verstand nicht, wieso. Das Essen war das gleiche, das sie früher auch gekocht hatte. Theoretisch konnte er nicht zunehmen.
Irgendwann stieß sie auf des Rätsels Lösung. Sie öffnete den Bettkasten, um Winterpullover hinein zu räumen. Da sah sie die Bescherung. Angeknabberte Schokoladentafeln, ranzige Wurst, geöffnete Tüten mit Kartoffelchips-Resten, Colaflaschen - das ganze Grauen der un-gesunden Ernährung breitete sich vor ihren Augen aus. Wütend holte sie einen Müllsack und stopfte alles hinein! Dann lief sie in den Garten, zog ein paar frische Möhren aus der Erde, wusch sie und legte sie in den Bettkasten!
Als ihr Mann demonstrativ schon um kurz vor neun Uhr gähnte und meinte, er wolle jetzt schlafen gehen, wünschte sie ihm eine gute Nacht und wandte sich wieder der Zeitung zu. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie stellte sich vor, wie er in freudiger Erwar-tung auf sein abendliches Leckerchen den Bettkasten öffnete und dann die karge Mahlzeit sah. Ein wütender Schrei unterbrach ihre Gedanken.
„Saraaaah!“ Ihr Mann stürmte mit gerötetem Gesicht ins Wohnzimmer.
„Wo sind meine Sachen?? Das ist eine Frechheit! Das ist mein Leben und ich esse, was ich will. Dein gesunder Fraß ödet mich an! Salat und Hähnchen kommen mir zu den Ohren raus. Seit Jahren mümmele ich dein Essen – wie ein Hase! Ich will Kalorien – egal, wie sehr du sie verteufelst!“ Sarah starrte ihn mit offenem Mund an.
„Aber du bist doch ein intelligenter Mann. Du bist Lehrer! Du kannst doch nicht wahllos alles in dich hineinstopfen! Deine Schüler lachen schon über dich! Sei doch vernünftig! Ich meine es doch nur gut! Oder willst du eines Tages am Herzinfarkt sterben?“
Ihr Mann schnaubte verächtlich.
„Gut? Du meinst es gut? Du willst einen aus-gemergelten Hungerhaken aus mir machen! Ich bin ein Mann! Ich habe Hunger! Ab und zu mal Salat ist in Ordnung. Aber immer nur Körner, Gemüse, mageres Fleisch und Joghurt sind zu viel.“
Ihr Mann stürmte an ihr vorbei in die Küche. Sarah hörte, wie er den Kühlschrank aufriss. Sie ahnte, dass er jetzt die Wochenration Aufschnitt in sich hineinstopfte, die sie heute erst ge-kauft hatte.
Kurz darauf kam er kauend mit zufriedenem Gesichtsausdruck zurück ins Wohnzimmer. Er baute sich vor ihr auf. Sein Rettungsring war deutlich unter seinem T-Shirt zu sehen. „Ab heute isst du, was du willst. Aber mir machst du etwas Vernünftiges! Und wenn ich ver-nünftig sage, meine ich richtige Soße, Kartoffeln und Fleisch. Richtiges Fleisch – von Schwei-nen! Und Klopse – und Braten – und Würstchen mit Sauerkraut und Speck… Haben wir uns verstanden?" Sarah blickte langsam von unten nach oben an ihrem Gatten entlang. Wo war der nette, freundliche Mathematikstudent geblieben? Sein muskulöser Körper, den sie so geliebt hat-
te? Sein Humor, sein Intellekt? Was war passiert? Wie gern waren sie früher zusammen tan-zen gegangen oder joggten gemeinsam durch den Wald. Aber mit den Pfunden kam auch die Bewegungsunlust. Wie eine dicke Made saß ihr Mann stundenlang in seinem Arbeitszimmer, korrigierte Mathematikarbeiten und kaute dabei vor sich hin.
Die ausgebeulte Jogginghose, in denen seine einst muskulösen Beine steckten, war zur soge-nannten Überbauch-Hose geworden. Seine schmalen Lenden, die sie früher gern umfasst hatte, waren schwammig. Seine T-Shirts wurden immer weiter – passend zum sich vergrö-ßernden Bauchumfang. Aber das war noch nicht das Schlimmste - mit dem zunehmenden Gewicht bekam er auch immer schlechtere Laune. Er wurde ein richtiger Nörgler.
Sarah suchte immer wieder das Gespräch mit ihrem Mann. Sie versuchte, sachlich zu argu-mentieren. Es würde bei seinem Gewicht nicht mehr lange dauern und er würde arbeitsun-fähig geschrieben. Die Schüler machten hinter seinem Rücken Witze. Sie hatte es selbst ge-hört, als sie ihren Mann einmal von der Schule abgeholt hatte. Fettbacke Mertens hatten die Schüler ihn genannt. Und einer der lästernden Schüler meinte, Moby Dick sei ein zierliches Fischchen im Vergleich zu Lehrer Mertens.
Sarah hatte ihrem Mann davon berichtet. Aber er ging nicht darauf ein. Er verstand einfach nicht, dass sie nur sein Bestes wollte. Alles, was sie ihm über gesunde Ernährung erzählte, stieß mittlerweile auf seinen erbitterten Widerstand.
Als sich nach mehreren Jahren keine Änderung abzeichnete, fasste Sarah einen Entschluss: Er sollte genau das bekommen, was er wollte! Fettes, ungesundes Essen! In Hülle und Fülle! Bis seine Venen und Arterien vollgestopft waren mit Cholesterin! Bis sein Blutdruck ihn in einen kurz vor der Detonation stehenden Wasserkessel verwandeln würde! Sollte er doch selbst sehen, wohin ungesunde Ernährung führte! Von nun an würde sie für ihn kochen, was er wollte. Ab sofort kaufte sie das Fleisch für ihren Mann nicht mehr beim Biobauern, son-dern im Supermarkt. Je mehr Fett und Chemie, desto besser. Soßen durften gut die doppelte Menge an Sahne und Butter enthalten. Pommes Frites frisch mit Fett vollgesogen aus der Fritteuse, Bratfisch, Kartoffelsalat mit dicker Mayonnaise – ihre Phantasie kannte keine Grenzen. Sie selbst aß weiterhin Salate, mageres Fleisch und Vollkornprodukte.
Ihr Mann wurde deutlich entspannter. Erwartungsvoll saß er nun jeden Mittag und Abend am Tisch und stopfte mit Begeisterung in sich hinein, was Sarah gekocht hatte. Er sah sie von Tag zu Tag liebevoller an, sagte sogar nach dem Essen wieder Schatz zu ihr – ein Wort, das sie lange Zeit vermisst hatte. Aber dieses Wort berührte sie nicht mehr – denn sie hatte sich mittlerweile in den netten Besitzer des Bioladens ganz in der Nähe verliebt. Der war vor kur-zem von seiner Frau verlassen worden und war dankbar für die liebevolle Anteilnahme von Sarah. Und nachdem Sarah ihm eine selbstgemachte Möhren-Zimt-Torte mitgebracht hatte, war es um ihn geschehen.
Den Tag verbrachte Sarah nun neben ihrer Arbeit einerseits damit, Einkäufe für das Essen ihres Mannes zu tätigen und für die Zubereitung seiner lukullischen Genüsse, andererseits mit Michael, dem Biohändler. Wenn sich ihr Mann nach dem Essen gut gelaunt zu einem mindestens zweistündigen Verdauungsschläfchen hinlegte, nahm Sarah das Auto und sauste zu Michael. Ihre Verliebtheit zu dem schlanken, sehnigen Michael wandelte sich langsam in Liebe. Sie hätte gern mehr Zeit mit Michael verbracht, hatte aber Angst vor der Reaktion ihres Mannes. Und sie hatte Angst vor der Zukunft. Sie hatte nichts zurücklegen können. Ihr Halbtagsjob würde ihr nur eine kleine Rente bescheren, und Michael hatte selbst gerade genug, um existieren zu können. Ihr Mann als Lehrer hingegen hätte in ein paar Jahren eine schöne Pension.
Die Jahre zogen ins Land. Michael war immer noch nett, ihr Mann war immer noch fett – und wurde immer fetter! Sie hasste ihn mittlerweile. Sie konnte diesen Fleischklops einfach nicht mehr ertragen. Nachts lag er neben ihr und schmatzte und knackte an diversen essbaren Dingen herum, bis er einschlief. Sie hoffe, dass er irgendwann nachts an einem klebrigen Bonbon ersticken würde - doch jeden Morgen schmetterte er ihr sein „Guten Morgen, mein Schatz!“ ins Ohr!
Sie überschlug sich mittlerweile im Anrichten der allerfettesten und ungesündesten Mahlzei-ten, die ihr als Ernährungswissenschaftlerin bekannt waren.
„Stirb“, dachte sie jedes Mal, wenn sie den Teller ihres Gatten auffüllte. „Stirb endlich“, dachte sie, wenn er nachts wieder schmatzend und kauend neben ihr lag. Und doch über-raschte es sie, als er eines Tages mittags plötzlich im Kauen innehielt, röchelte, versuchte, seinen schweren Körper aufzurichten und dann mit dem Gesicht in die Bratkartoffeln fiel. Sarah schrie auf. So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Er sollte im Schlaf sterben! Aber nicht in ihren Bratkartoffeln am helllichten Tage. Voller Panik rief sie den Rettungswagen.
Entgegen aller Prognosen überlebte ihr Mann den Herzinfarkt. Er war allerdings sehr ange-schlagen. Jetzt war er Frührentner und war den ganzen Tag zuhause. Sarah musste ihn be-dienen. Dick und behäbig saß er in seinem neu erworbenen Krankenhausbett und spielte mit der elektronischen Fernbedienung. Rückenteil rauf, Rückenteil runter – Beine hoch, Beine runter. Sarah machte das wahnsinnig. Ihr Mann hatte mittlerweile keine Lust mehr, aufzu-stehen. Er lag im Bett, schaute fern, las und aß. Und alle zwei Minuten rief er nach Sarah, damit sie etwas brachte oder kochte.
Eines Tages ging es Sarahs Mann deutlich schlechter. Er hatte Herzschmerzen, konnte sich kaum bewegen und rief sie zu sich ins Zimmer. Er hatte das Rückenteil des Bettes nach oben gestellt und saß schwer atmend in den Kissen.
Sie setzte sich zu ihm.
„Mmm“, dachte sie. „Vielleicht bin ich jetzt am Ziel meiner Wünsche. Er sieht wirklich nicht gut aus - ganz bleich und aufgedunsen. Lieber Gott, lass es bald vorbei sein - ich halte das nicht mehr aus.“, betete sie im Stillen.
Plötzlich klingelte ihr Handy.
Michael – der Gedanke durchzuckte sie. In der letzten Zeit hatte er sich von ihr zurückgezo-gen. Hektisch griff sie zu ihrem Mobiltelefon. Das Handy glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Es klingelte und klingelte. Sie tauchte ab nach unten. Dieses Krankenbett war riesig – nicht nur breit, sondern auch hoch. Und diese Handys waren heutzutage wirklich winzig. Fluchend ging Sarah auf die Knie. Von oben hörte sie die Stimme ihres Mannes. „Sarah, was ist? Soll ich dir helfen?“
Sie hörte, wie er versuchte, sich schnaufend aufzurichten. Das Bett knirschte bedrohlich. „Nein, ist schon gut – bleib liegen“, sagte sie. Sie tastete gerade mit einer Hand unter dem Bett herum, da hörte sie von oben das Sirren der elektrischen Fernbedienung! Ihr Mann hat-te sie irrtümlich betätigt. Das Rückenteil des Bettes schob sich weiter nach oben. Der giganti-sche Körper ihres Mannes, der sich aufgerichtet und ein wenig aus dem Bett gebeugt hatte, wurde nun von dem sich bewegenden Rückenteil aus dem Gleichgewicht gebracht. Er ver-suchte, sich festzuhalten. Seine Hände ruderten hilflos in der Luft herum, als er in Zeitlupe
aus dem Bett nach unten fiel. Sarah steckte mit Kopf und Arm unter dem Bett und tastete immer noch fluchend nach dem klingelnden Handy, als ihr der Gatte ins Kreuz fiel. Über-rascht atmete Sarah ein letztes Mal aus – lange und endgültig. Sie spürte, wie eine gebro-chene Rippe sich in ihre Lunge bohrte. Das letzte, was sie dachte, war:
„Mist, immer gesund ernährt und nun doch von Fett getötet ..."


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