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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Schiller-Code, Rita Hausen
Rita Hausen

Schiller-Code



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Tübingen, 10.11.2009


  


Sie sah einen abgetrennten Kopf und viel Blut. Agathe riss den Mund auf, um zu schreien, aber kein Ton kam über ihre Lippen. Schnell schloss sie die Tür, um das furchtbare Bild zu verbannen. Aber es gelang  ihr nicht. Sie setzte sich bebend auf einen Hocker und starrte auf ihr Putzzeug. Ein feierlich-ernster Gesang drang aus dem CD-Player von nebenan. Das war ungewöhnlich, zumal um diese Zeit normalerweise noch niemand da war. Nach einer Weile stand sie auf und öffnete erneut die Tür. Das war doch Professor John! Sein Kopf lag etwa einen Meter entfernt von seinem Körper. In seiner Hand hielt er einen Fetzen Papier. Ihr Blick wich aus und schweifte über die Glasvitrinen, in denen präparierte Knochen, Schädel, Gläser mit Körperteilen in Formaldehyd und alle möglichen Gefäße standen. Ihr schauderte. Diese Räume mochte sie nicht, sie war jedes Mal froh gewesen, wenn sie mit dem Putzen fertig war. Die Schädel schienen zu grinsen, während der Kopf des Professors einen Ausdruck des Erstaunens zeigte, als wundere er sich darüber, plötzlich von Körper und Leben getrennt zu sein. Agathes Knie fingen an zu zittern. Normalerweise war sie eine beherzte und zupackende Person, doch nun stand sie nur da und starrte auf den blutbefleckten Boden. Irgendwo im Haus knarrte eine Treppe, dann fiel eine Tür ins Schloss. Sie zuckte zusammen und besann sich. Da kam sie endlich auf die Idee, die Polizei anzurufen.


 


Die Kommissare Steinfeld und Ackermann rasten mit ihrem Dienstwagen die steile, gepflasterte Auffahrt zur Alten Anatomie hinauf, durchquerten mit eiligen Schritten Vorraum und Flur, stiegen die gewundene Holztreppe empor zu den Räumen des Institutes, wo sich die umfangreiche Knochen- und Schädelsammlung befand.


Auf dem Flur wimmelte es von Polizisten, Leuten von der Spurensicherung, wissenschaftlichen Assistenten und Dozenten. Auch Studenten, die auf dem Weg zum Hörsaal waren, reckten die Hälse. Polizisten in Uniform hatten Mühe, Neugierige vom Tatort fernzuhalten.


Die Frauenstimme aus dem CD-Player, die einen lateinischen Text sang, hörte man bis hierher, wurde nun aber abrupt zum Schweigen gebracht.


Die Kommissare  mussten sich einen Weg bis zur Tür der Schädelsammlung bahnen. Sie warfen einen Blick auf den Toten und sahen sich bestürzt an. Steinfeld, noch etwas verschlafen, fragte wie immer mechanisch den untersuchenden Arzt: „Welche Todesursache?" Im gleichen Moment wurde ihm die Unsinnigkeit seiner Frage bewusst und er schlug sich gegen die Stirn.


„Vermutlich die Pest",  warf einer von der Kriminaltechnik sarkastisch hin, der Arzt meinte jedoch: „Die Frage ist berechtigt, wenn man bedenkt, dass er post mortem geköpft worden ist."


 


Neben dem Hörsaal gab es einen Kaffeeautomaten, den Steinfeld nun erst einmal ansteuerte. Ackermann war morgens immer schon so fit, das ging ihm auf die Nerven. Der Kollege hatte ihm während der kurzen Fahrt zum Tatort den neuesten Stress mit seiner Frau erzählt, aber er hatte noch halb geschlafen und nicht richtig zugehört. Er nahm gerade seinen Becher aus dem Automaten, als Ackermann ihm folgte, seinen Block aufklappte und etwas notierte. Er versorgte sich ebenfalls mit einem Kaffee und stöhnte: „Das wird vermutlich kein einfacher Fall." Steinfeld gähnte und schlug vor, das Büro des Professors in Augenschein zu nehmen. Als sie sich in Bewegung setzten, kam ihnen ein Mann im weißen Kittel entgegen. Auf seinem Namensschild lasen sie: Dr. Bürkle. Er stellte sich trotzdem noch einmal vor und ergänzte: „Ich bin ein enger Mitarbeiter von Professor John gewesen und gerne bereit, Ihre Fragen zu beantworten." Ackermann entging nicht, dass Bürkle nervös mit den Mundwinkeln zuckte und sehr übernächtigt wirkte. Sein schütteres blondes Haar fiel ihm in dünnen Strähnen fast bis auf die Schultern. Mit einer fahrigen Geste strich er sie sich hinter die Ohren. Der Kommissar schätzte ihn auf etwa vierzig. „Gut", sagte er und Bürkle bat die Ermittler in sein Büro. Er seufzte und rieb sich die Augen. „Eine furchtbare Geschichte, absolut der Horror." Steinfeld war durch den Kaffee wacher geworden und sah sich nun in der Lage, die Befragung einzuleiten. „Wie standen Sie denn zu dem Toten?"


„Ja, wie soll ich sagen, wir haben zusammen gearbeitet, geforscht. Ich habe manchmal auch seine Vorlesungen oder Seminare übernommen oder doch zumindest einen Teil seiner Skripten erstellt."


„Was erforscht man denn in so einer Schädelsammlung?"


„Die Schädel sind nur ein Teil des anatomischen Institutes. An ihnen werden zahnmedizinische und anatomische Studien betrieben. Manchmal bestimmen wir auch das Alter  und versuchen eine Zuordnung, gelegentlich machen wir DNA-Analysen. Dazu bohren wir Zähne auf und isolieren das Gen-Material. Diese Sammlung geht bis ins 18. Jhd. zurück, man glaubte damals, dass es einen Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakter gibt, bzw. dass man bestimmte Eigenschaften an der Schädelform erkennen kann."


Ackermann beschlich langsam das Gefühl, sich in einer Vorlesung zu befinden. Er unterbrach Bürkle und fragte:


„Und was erforschte Professor John? Gab es da etwas Besonderes?"


Dr. Bürkle hob die Schultern und lächelte schief: „Er hat mal durchblicken lassen, dass er auf der Suche nach Schillers echtem Schädel ist."


„Hier in Tübingen? Ich denke, der ist in Weimar begraben."


„Haben Sie das nicht mitbekommen, letztes Jahr haben sich doch alle mutmaßlichen Schiller-Knochen in Weimar als unecht herausgestellt. In der Fürstengruft steht jetzt ein leerer Sarg."


„Das ist ja ein Ding! Nee, davon habe ich nichts gewusst. Aber das erklärt immer noch nicht, warum er den Schädel hier in Tübingen suchte."


„Er verfolgte irgendeine Spur, die mit einem Medizinalrat Froriep, der zu Schillers Zeit gelebt hat, zu tun hat. Mehr weiß ich auch nicht. Er tat immer sehr geheimnisvoll, er wollte wohl andere nicht einweihen, um dann mit seinem Fund überraschen zu können."


„Und den Ruhm dann ungeteilt genießen", ergänzte Ackermann.


 


Als sie aus dem Zimmer Dr. Bürkles heraustraten, kam ihnen der Journalist Quentin mit wehendem Mantel und wirrem Haar entgegen und rief: „Wissen Sie eigentlich, was heute für ein Tag ist!"


Die Kommissare sahen sich an und Steinfeld meinte mit Blick auf seine Armbanduhr: „Es ist der 10. November."


„Na und dazu fällt ihnen nichts ein?"


„Zwanzig Jahre Mauerfall war gestern, hm, vielleicht die Reichskristallnacht?"


„Ach was, und es heißt korrekt „Reichspogromnacht", die war aber auch am 9. November. Heute feiern wir den 250. Geburtstag von Friedrich Schiller."


„Ach nee", sagte Ackermann sarkastisch, „uns hat er aber nicht eingeladen. Meinen Sie ..." Er hielt inne. Zweimal den Hinweis auf Schiller kurz hintereinander, das konnte kein Zufall sein. Steinfeld sagte schnell: „Meinen Sie, das hat eine Bedeutung für unseren Fall?" Quentin zuckte die Schultern: „Ihr seid die Ermittler. Aber ich denke mir mein Teil." 


 


Malwine Odenthal gehörte zum Ermittlungsteam im Mordprozess. Sie hieß tatsächlich so wie die sympathische Tatortkommissarin und wurde deshalb auch Lena genannt, zumal ihre Kollegen fanden, dass Malwine ein furchtbarer Name war, der zu ihrem ansprechenden Äußeren überhaupt nicht passte. Sie war jung, eifrig und besonders fit bei neuen Ermittlungsmethoden. Überdies wurde sie geschätzt wegen ihrer gründlichen Recherchen.


Als Ackermann und Steinfeld zurück in ihr Büro kamen, zeigte ihnen Lena den abgerissenen Zettel, den der Tote in der Hand gehabt hatte. Es war ein Schriftstück vom Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck, das einige schwer verständliche Daten enthielt. „Es sieht so aus, als ob der Mörder versucht hätte, ihm dieses Papier aus der Hand zu reißen", kommentierte sie. „Aber nachdem er ihn umgebracht hat, hatte er wohl kein Interesse mehr daran oder er hat ihn bewusst in der Hand gelassen."


„Oder hineingelegt, quasi als Botschaft", ergänzt Steinfeld. „Kannst du mit dem Inhalt etwas anfangen?"


„Teilweise. Es ist die Rede von autosomalen STRs, das hat was mit Genanalyse zu tun. Es geht um eine genetische Identifizierung, mehr ist nicht zu erkennen."


„Hm, hast du sonst noch irgendwas?"


Sie zeigte ihnen Fotos vom Abdruck einer Schuhsohle. „Vermutlich vom Täter. Er muss in das Blut hineingetreten sein und hat diesen Teilabdruck hinterlassen. Einige Kollegen sind eifrig am Werk, die Schuhe der Institutsleute zu inspizieren.


Dann habe ich hier die CD, die lief, als die Reinigungskraft die Leiche entdeckt hat. Es handelt sich um Mozarts Requiem und zwar die ergänzte Fassung von Robert Levin."


„Na, da hat unser Mörder einen exquisiten Geschmack bewiesen. Aber wie passt das zusammen? Er hackt seinem Opfer den Kopf ab und legt dann Mozart auf?"


  


  


  


  


  


  


  


  


  


  


 


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