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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Scheinheilig, Bettina Büchel
Bettina Büchel

Scheinheilig


Ein Ländlekrimi

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Kapitel 1


 


Er schlief tief und fest, als ihn das hartnäckige Klingeln seines Mobiltelefons abrupt aufweckte. Im ersten Moment wusste er gar nicht, was ihn so unvermutet wach werden ließ. Er war mitten in der Tiefschlafphase, als dieses jähe, unangenehm klingende Geräusch direkt an sein Ohr drang. Sein Blick fiel auf seine Frau, die jedoch keinen Muckser machte. Sie schien von dem Lärm nichts zu bemerken. Schnell wandte er sich um. Er tastete auf das Nachtkästchen neben dem Bett, griff nach seinem Handy und verließ rasch das Schlafzimmer. Erst außer Hörweite nahm er den Anruf entgegen und flüsterte ein leises: „Ja?“


„Meier, da liegt ein Toter im Bach. Du musst sofort kommen“, brüllte eine aufgeregte Stimme an sein Ohr.


„Bist du das, Fredi?“, fragte Meier unsicher.


„Natürlich, wer denn sonst.“


Na, wer denn sonst, dachte sich der Polizeiinspektor der hiesigen Gemeinde. Wer sonst wohl als Fredi Summer, der Gastwirt des „Goldenen Ochsen“, würde mitten in der Nacht einen Toten auffinden, und das auch noch ausgerechnet in ihrem sonst so verschlafenen Dorf.


„Hast du den Notarzt informiert?“, wollte Meier wissen. „Nein, haben wir nicht. Der braucht keinen Arzt mehr. Der ist mausetot.“ „Wer sind denn wir? Ist noch jemand bei dir?“ „Ja, Karl.“ Erst jetzt warf Meier einen Blick auf seine Uhr. Es war zwei Uhr nachts. Was trieben Fredi und Karl um diese Zeit noch draußen? „Wo seid ihr eigentlich?“ „Wir sind am Bachbett der Samina, direkt unterhalb des Gemeindeamtes“, antwortete Fredi ihm. „Und was macht ihr um diese Zeit noch dort?“, ließ Otto Meier nicht locker. „Frag nicht lange. Komm einfach“, entgegnete ihm Fredi genervt. Dann war es still am anderen Ende der Leitung. Summer hatte ihn einfach weggedrückt. Widerwillig schlüpfte er in seine Polizeiuniform. Seiner Frau hinterließ er eine kurze Nachricht und verschwand durch die Hintertür direkt in die Garage. Kurze Zeit später parkte er seinen bronzefarbenen Volvo vor dem Gemeindeamt. Einer der beiden Männer stand rauchend unter dem Vordach, um sich vor dem Nieselregen, der während der Fahrt hierher eingesetzt hatte, zu schützen. Der andere saß zusammengekauert auf der Stiege und schien, trotz des Regens tief zu schlafen. Meier stieg aus seinem Wagen. Die angenehme Wärme, die ihn vor Kurzem noch in seinem wohligen Bett umgeben hatte, wurde von einem nasskalten Windhauch verdrängt. Ohne sich lange mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten, verlangte er von den beiden zu erfahren, wo sich der Tote befand. Fredi Summer deutete auf die Brücke, die über das Bachbett der Samina führte. „Direkt unter der Brücke liegt er“, murmelte Fredi. Meier ignorierte den Regen, der immer stärker wurde, ging zur Brücke und schaute über die Brüstung. Im Wasser konnte er eine reglose Person ausmachen. Der Körper lag mit dem Gesicht nach unten. Mehr konnte er von hier oben nicht erkennen. Er lief zurück zu den beiden Männern. „Warum seid ihr euch so sicher, dass die Person tot ist?“, hakte er nach. „Weil ich unten war und sein Gesicht unter Wasser liegt. Wenn es sich nicht um ein fischähnliches Subjekt handelt, das durch Kiemen atmet, muss er wohl tot sein. Außerdem habe ich seinen Puls gefühlt. Da war nichts, gar nichts mehr zu spüren“, entgegnete ihm Fredi. Solch sarkastische Bemerkungen waren typisch für den Gastwirt des Ochsen und meistens auch sehr amüsant, aber in dieser Situation alles andere als angebracht. „Hast du etwas angefasst? Und was macht ihr zwei überhaupt noch hier?“ „Nein, natürlich nicht. Ich bin doch ein Profi“, lachte Fredi, als läge nicht in unmittelbarer Nähe eine Leiche, von der sie nicht wussten, wie und warum sie dort hingekommen war. „Und zu deiner zweiten Frage. Schau dir Karl doch mal an. Der hat heute wieder einmal viel zu tief ins Glas geguckt. Da er der letzte Gast war und ich endlich zusperren wollte, habe ich angeboten, ihn nach Hause zu bringen. Er wohnt ja gleich um die Ecke. Als wir die Brücke überquerten, warf ich zufällig einen Blick nach unten, und da sah ich etwas Großes, Dunkles. Ich habe Karl hier auf die Stiege gesetzt und bin runter. Dann habe ich dich angerufen.“ Meier nickte stumm, aber er war keineswegs zufrieden mit der Situation. In seinen ganzen dreißig Jahren im Polizeidienst war ihm hier in Frastanz kein derartiger Fall untergekommen. Natürlich hatten sie gelegentlich Fälle von Raufereien unter der Dorfjugend. Auch geklaut wurde hin und wieder. Aber ein Toter im Bachbett der Samina war etwas Neues und Beängstigendes für ihn. Nicht, dass der Umstand zwangsläufig auf einen Mord deutete. Genauso gut konnte es auch ein Unfall gewesen sein. Schon des Öfteren hatte er in der Zeitung von Leuten gelesen, die in betrunkenem Zustand nahe an einem Gewässer gestolpert und so unglücklich gestürzt waren, dass sie mit dem Kopf ins Wasser fielen und dabei ohnmächtig wurden. Oder war es Selbstmord? Noch konnte nichts ausgeschlossen werden. Nur, wie sollte er jetzt weiter vorgehen? Natürlich hatte er damals in der Polizeischule gelernt, was in einem derartigen Fall zu tun war. Aber es war mitten in der Nacht. Sollte er nicht besser bis morgen früh warten und dann die notwendigen Stellen informieren? Jedenfalls musste er zuerst die beiden Nachtschwärmer loswerden, bevor sie noch mehr Schaden am Tatort anrichten konnten. „Gut, Fredi. Dann bring jetzt mal besser Karl nach Hause. Ich erledige das hier“, sagte er bestimmt. „Und halte dich morgen zu meiner Verfügung. Ich benötige ein Protokoll mit deiner Aussage“, brachte Meier noch jene Worte an, die ihm aus den vielen Krimis, die er sich regelmäßig im Fernsehen anschaute, so geläufig waren. Vielleicht war ja jetzt der Moment gekommen, an dem er auf seine alten Tage noch vom Dorfpolizisten, der Strafzettel verteilte und zuweilen einen Streit schlichtete, zum Kommissar, der einen richtigen Fall zu lösen hatte, aufstieg.


 


Kapitel 2


 


Meier verließ den Tatort mit dem festen Entschluss, die notwendigen Ämter erst am Morgen zu verständigen. Er würde um diese nächtliche Uhrzeit bei der Staatsanwaltschaft sowieso niemanden erreichen und der Mann war definitiv tot. Da die örtliche Polizeiinspektion in direkter Nähe lag, ging er zu Fuß und ließ sein Auto vor dem Gemeindeamt stehen. Nach den Ereignissen dieser Nacht konnte er die frische Luft gut gebrauchen. In dem kleinen Polizei-Kabäuschen, das direkt an das Bankgebäude grenzte, hatten sie nebst der spärlichen Büroeinrichtung noch ein wenig Platz für eine Couch geschaffen. Diese stand sowohl für Besucher als auch als Schlafstätte für Bereitschaftsdienste zur Verfügung. Letztere Nutzungsvariante wurde allerdings in der Regel selten in Anspruch genommen. Müde legte er sich auf das schmale Ding, und versuchte noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Um kurz vor sieben Uhr morgens wachte er auf. Völlig verspannt und unter quälenden Schmerzen stand er auf. Die Couch war viel zu kurz und für seinen sonst schon angeschlagenen Rücken keineswegs geeignet. Noch war er alleine, denn sein Kollege Altmann ließ sich vor acht Uhr nie im Büro blicken. So blieb ihm genügend Zeit, die aufgeschobenen Pflichten, die vor ihm standen, in Ruhe und ungestört zu erledigen. Im Kopf ging er noch einmal kurz durch, was zu tun war, wenn eine Person aufgefunden wurde, bei der ein Tod durch Fremdverschulden nicht auszuschließen war. Zuallererst informierte er den Bereitschaftsbeamten der Staatsanwaltschaft in Feldkirch über den Fundort eines Toten. Dieser gab ihm die Anweisung, er solle an Ort und Stelle bleiben und dafür Sorge tragen, dass kein Unbefugter den Tatort betrat. Der Beamte der Staatsanwaltschaft versicherte ihm, dass in Kürze die Spurensicherung und ein Gerichtsmediziner eintreffen würden. „Ach du Scheiße“, schrie Meier, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er war nicht annähernd an Ort und Stelle, um dafür Sorge zu tragen, dass niemand unbefugt den Tatort betrat. Hektisch packte er seine Jacke und eilte zurück zum Gemeindeamt. Dort sah er schon von Weitem einige Schaulustige auf der Brücke stehen, die auf den im Wasser liegenden Körper deuteten. Er rannte gerade so schnell, dass er keinen Infarkt befürchten musste. „Los Leute, geht weiter. Das hier ist Sache der Polizei. Ihr versperrt nur den Weg und behindert unsere Arbeit“, keuchte er, als er die Menge endlich erreichte. Nur sehr langsam ließen sich die Dorfbewohner von ihm überzeugen und machten sich auf, ihren Erledigungen nachzugehen. Wenige Minuten später traf der Trupp der Spurensicherung ein. Zwei in weißen SpuSi-Anzügen gekleidete Beamte begannen, den Tatort mit rot-weißem Absperrband zu sichern. Ein Dritter machte Nahaufnahmen vom Toten und der gesamten Umgebung rund um ihn. Der vierte Beamte suchte nach Hinweisen, die auf die Ursache des Geschehens hindeuten konnten. Die Spurensicherung ging zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich nicht von einem Tötungsdelikt aus. Nur der Gerichtsmediziner war in der Lage, ein mögliches Fremdverschulden festzustellen, wusste Meier noch von seiner Zeit als Auszubildender. Prompt fuhr dieser mit seinem roten Sportwagen vor. Die Gehaltsstufen bei Gericht mussten wohl rasanter steigen, als jene bei der Polizei, dachte sich Meier grimmig. Aus dem Auto stieg ein gut aussehender Mittdreißiger. Er kam direkt auf ihn zu und hielt ihm seine Hand entgegen. Misstrauisch nahm Meier sie entgegen. Auf diese großkotzigen Beamten aus der Stadt war er nicht sonderlich erpicht. „Haben Sie die Leiche gefunden, Herr …“, wollte der junge Mediziner von ihm wissen. „Meier. Polizeiinspektor Meier“, antwortete er ihm kühl. „Herr Polizeiinspektor Meier“, wiederholte sein Gegenüber. „Nein, nicht ich habe ihn gefunden. Der Gastwirt von nebenan hat ihn entdeckt und mich sofort verständigt.“ Im selben Moment wusste Meier, dass seine Antwort nicht sonderlich gescheit gewesen war. „Wann war das ungefähr?“ Meier zögerte, kurz bevor er ihm die Wahrheit gestand. „Es war zwei Uhr nachts, als ich den Anruf erhielt“, stammelte er. „Und warum bin ich erst jetzt gerufen worden? Herrgott noch mal! Wissen Sie denn nicht, wie viel wertvolle Zeit mittlerweile vergangen ist?“ Meier zuckte nur mit den Schultern. Der Gerichtsmediziner wandte sich wütend von ihm ab und stapfte mit einer dicken Tasche in der Hand zum Bachbett. Meier wartete geduldig auf der Brücke und versuchte verzweifelt, alle weiteren Schaulustigen zu verscheuchen, was ihm nur schwerlich gelang. Wenn schon einmal etwas Besonderes im Dorf geschah, wollte jeder mehr gesehen haben als der andere, damit der Tratsch und Klatsch auch ja kein Ende nehmen konnte. Sogar der Bürgermeister musste durch den Lärm aufmerksam geworden sein, denn er sah ihn am geöffneten Fenster seines Dienstzimmers stehen. Als er Meier in der Menge entdeckte, rief er ihm zu: „Was ist denn los da unten?“ „Ein Toter wurde im Bachbett gefunden!“, schrie ihm Meier zu. „Ein Verkehrsunfall?“ „Nein.“ „Was dann?“ „Wissen wir noch nicht.“ „Einer aus dem Dorf?“ „Kann ich noch nicht sagen.“ „Halt mich auf dem Laufenden!“ Er schloss das Fenster und verschwand wieder hinter dem dicken Vorhang des Amtszimmers. Entnervt rief Meier in der Polizeiinspektion an. Er weihte seinen Kollegen Altmann kurz in das Geschehen ein und befahl ihm, ihn unverzüglich dabei zu unterstützen, die neugierige Meute im Griff zu behalten. Altmann war nahezu zwei Meter groß und hatte einen im Fitnesscenter gestählten und durchtrainierten Körper. Manchmal fürchtete Meier, dass die Nähte seiner Uniform platzen könnten, so eng saß sie. Kein Zweifel, dass er ihm hier eine große Hilfe sein würde. Außerdem blieb ihm damit mehr Zeit, sich der Arbeit der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners zu widmen. Er war schließlich der zuständige Polizeibeamte vor Ort und musste über sämtliche Fakten und Hinweise informiert sein. Nicht, dass er von sich behaupten konnte, an Kriminalfällen außerhalb des Fernsehapparates sonderlich interessiert zu sein. Trotzdem begann ihm die Verantwortung, die er hier und jetzt zu tragen hatte, richtigen Spaß zu bereiten. Diesen Fall würde er nicht mehr aus der Hand geben, soviel stand fest. Leider würde ihm sein junger Kollege dabei keine große Hilfe sein. Der richtete nämlich seine Augen ab einer Minute vor Dienstschluss nur noch starr auf das Ziffernblatt der Uhr und zählte gemeinsam mit dem Sekundenzeiger die noch verbleibende Dienstzeit. Um Punkt fünf Uhr packte er seine Sachen, winkte ihm fröhlich zu und verschwand durch die Tür. An Bereitschaftsdienst oder gar Überstunden war bei ihm nicht zu denken. Er hatte Wichtigeres zu tun, als seine Zeit im muffigen Dienstzimmer einer Polizeiinspektion zu vergeuden. Die allabendliche Mountainbike-Tour mit seinen Freunden wollte er auf keinen Fall versäumen. Doch sollte sich herausstellen, dass der junge Mann da unten im Bachbett eines unnatürlichen Todes gestorben war, dann musste auch Altmann endlich mehr Einsatz in seinem Job zeigen. Ob ihm dadurch seine Freizeitgestaltung durcheinandergebracht wurde oder nicht, er würde als Leiter der Ermittlungen dafür Sorge tragen. Mit geschwellter Brust begab er sich hinunter zum Tatort und überließ Altmann die Kontrolle über die sensationslüsternen Dorfbewohner. „Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er den Arzt, der sichtlich erschrak, als ihn Meier von hinten ansprach. „Müssen Sie sich so von hinten anschleichen?“, fuhr er ihn an. „Ich bin mitten in der Arbeit und kann es auf den Tod nicht ausstehen, so rüde unterbrochen zu werden. Höflichkeiten können wir später austauschen. Lassen Sie mich in Ruhe weiterarbeiten, und belästigen Sie jemand anderen“, fuhr er grob fort. Beleidigt ging Meier zu einem der Beamten der Spurensicherung. „Und, schon irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte er freundlich. „Nein“, gab dieser knapp zurück, ging weiter seiner Arbeit nach und ließ Meier einfach links liegen. Meier war es leid, von diesen Stadt-Heinis wie ein trotteliger Dorfpolizist behandelt zu werden. „Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen spreche und geben Sie mir eine ordentliche Antwort, Junge!“, schrie er ihn an. „Oder soll ich mich bei Ihrem Vorgesetzten über Sie beschweren?“ Überrascht über die heftige Reaktion seines Kollegen blickte der junge Beamte auf. „Sorry, Mann. War nicht so gemeint. Aber ich hasse es, im kalten Wasser herumstehen zu müssen und bereits zu wissen, dass wir nichts Brauchbares darin finden werden. Es ist immer dasselbe“, berichtete er ihm nun etwas Gesprächiger. Meier nickte mit grimmigem Gesichtsausdruck. Dann wandte er sich von ihm ab und kletterte wieder hoch zur Brücke. Es blieb ihm nichts anderes übrig. als abzuwarten, bis die Herrschaften ihre Arbeit erledigt hatten. Eine Stunde später kam der Krankenwagen. Der noch nicht identifizierte Leichnam wurde in einen Plastiksack gehoben und in die Gerichtsmedizin abtransportiert. Die vier Spurensicherungsbeamten und der Gerichtsmediziner beendeten vorerst ihre Arbeit. „Ich heiße übrigens Peter Lackner und arbeite in der Pathologie des Landeskrankenhauses Feldkirch“, wandte sich der Arzt freundlicher als zuvor an Meier. Er zog sich seine Wachshandschuhe von den Fingern und hielt Meier noch einmal die Hand zum Gruß hin. „Der junge Mann ist ziemlich schlimm zugerichtet. An seinen Händen und Füßen sind deutlich starke Brandwunden zu erkennen. Wie er sich die zugezogen hat, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch nicht, woran er definitiv gestorben ist. Den Zeitpunkt des Todes würde ich auf zwei Uhr morgens schätzen, vielleicht etwas später. Genaue Angaben kann ich aber auch dazu erst machen, wenn ich ihn mir auf dem Obduktionstisch unter die Lupe genommen habe. Übrigens, er dürfte so um die zwanzig Jahre alt gewesen sein.“ „Glauben Sie, dass es sich um Mord handelt?“, fragte Meier neugierig. „Mit den jetzigen Erkenntnissen lässt sich das nicht ausschließen, aber Sicherheit bekommen wir vermutlich nach der Autopsie. Muss ich Sie bezüglich des Abschlussberichtes kontaktieren, oder gibt es bereits einen zuständigen Polizeihauptkommissar?“ Durch diese simple, unüberlegte Frage war die Annäherung zwischen den beiden bereits wieder verflogen. „Natürlich bin ich Ihr Ansprechpartner. Dies ist meine Gemeinde. Ich bin hier der Polizeichef und deshalb ist dies auch mein Fall, verstanden?“, machte er seinem Zorn Luft. „Alles klar. Nichts für ungut. Ich wollte nur sichergehen. Ich melde mich bei Ihnen, sobald der Obduktionsbericht zur Verfügung steht.“ Doch Meier hatte sich bereits von ihm abgewandt und schritt auf die Gruppe der Spurensicherer zu. „Irgendetwas Brauchbares gefunden? Einen Ausweis, eine Brieftasche oder ein anderes Indiz, das uns Auskunft über seine Identität gibt?“, fragte er mit Nachdruck und Selbstbewusstsein in seiner Stimme. Alle vier schüttelten den Kopf. „Na großartig. Schicken Sie mir unverzüglich die Bilder vom Tatort in die Polizeiinspektion und alles, was Sie sonst noch an verwertbarem Material gefunden haben. Und beeilen Sie sich!“ Er drehte sich jäh um, damit sie das nicht mehr zu unterdrückende Grinsen in seinem Gesicht nicht sehen konnten. Die verdutzten Männer ließ er einfach stehen und war mit seinem gelungenen Abgang äußerst zufrieden.


 


Kapitel 3


 


Otto Meier feierte noch dieses Jahr seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag. Er war immer noch ein stattlicher Mann, obwohl seine Gattin wiederholt betonte, dass er in den letzten Jahren um die Hüften einiges an Umfang zugelegt hatte. Auch sein Haar büßte von seiner ursprünglichen Fülle so manches ein und wurde zunehmend grauer. Doch er hatte mit all diesen Alterserscheinungen keine Probleme. Im Gegenteil, er fühlte sich immer wohler, je älter er wurde. Was wollte ein Mann mehr, als von sich sagen zu können, dass er in seinem Leben fast alles erreicht hatte, was er erreichen wollte. Um ehrlich zu sein, hatte ihn der berufliche Ehrgeiz nie so richtig gepackt. Bei ihm standen Familie und Freunde immer an erster Stelle. Einfluss und Geld fanden in seinem Leben keinen Platz. Mit fünfundzwanzig Jahren beendete er die Polizeischule und arbeitete seit nunmehr dreißig Jahren als Schutzpolizist in seiner Heimatgemeinde Frastanz. Gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Altmann, der vor wenigen Monaten die Polizeischule mit Erfolg absolviert hatte, sorgte er im Dorf für Recht und Ordnung. Kein allzu schwieriges Unterfangen, denn die Straftaten, die hierzulande begangen wurden, hielten sich bis dahin durchaus in Grenzen. Sie waren zwar in den letzten fünf bis zehn Jahren um einige Prozentpunkte gestiegen, aber das lag im durchschnittlichen Rahmen. Mit Mord und Totschlag waren sie allerdings noch nie in Berührung gekommen. Im Großen und Ganzen war er mit seinem Job durchaus zufrieden. Jeder kannte und respektierte ihn und er war im Dorf fast überall gern gesehen. Sein gesamtes bisheriges Leben hatte er in dieser Gemeinde verbracht. Er war aktives Mitglied bei der Feuerwehr, spielte in der Blaskapelle die zweite Trompete und hatte auch in der Kirchengemeinde einiges an Mitspracherecht. Mit zwanzig Jahren lernte er Anita, seine Ehefrau kennen. Sie stammte ebenfalls aus Frastanz, und um das Familienglück zu komplettieren, wurden ihnen zwei Kinder geschenkt. Da sie sich mit seinem kleinen Beamtengehalt keinen eigenen Grund und Boden leisten konnten, waren sie gezwungen, das Familienhaus seiner Eltern auszubauen. Anita war zu Beginn ihrer Ehe alles andere als begeistert von dieser Idee. Mittlerweile arrangierte sie sich aber längst mit seinen Eltern, die sich wirklich bemühten, sich nicht zu sehr in ihr Leben einzumischen. Ihr Haus befand sich nicht direkt im Dorf, sondern am Berg oberhalb der Kirche. In schneereichen Wintern war es zwar oft sehr mühsam, die steile Straße hinaufzukommen, aber vor einigen Jahren hatte er sich einen SUV mit Allradantrieb gegönnt. Zudem wurden die ergiebigen Schneefälle von Jahr zu Jahr weniger. Und der umwerfende Blick auf den gesamten Walgau machte sämtliche Unannehmlichkeiten wieder wett. Der wohl einzige Wermutstropfen in seinem Leben bestand darin, dass ihre beiden Kinder ihr Glück im Ausland gefunden hatten und sie die beiden deshalb nur sehr selten zu Gesicht bekamen. Er selbst hatte weniger damit zu kämpfen, da er zufrieden war, solange es ihnen gut ging. Seine Frau Anita hingegen hätte es viel lieber gesehen, wenn zumindest eines der beiden Kinder im Dorf ein Häuschen besäße und mit ihren Enkelkindern dort wohnte. Aber das Schicksal wollte es eben anders. Obwohl Anita des Öfteren vorschlug, die beiden zu besuchen, weigerte er sich strikt. Er hatte bis jetzt erfolgreich zu vermeiden gewusst, in ein Flugzeug zu steigen. Und diesen Umstand würde er nicht mehr ändern, auch wenn seine Frau wenigstens einmal in ihrem Leben gerne die weite Welt erkundet hätte. Ihm hingegen reichten die Berge, die herrlich frische Luft und die friedliche Umgebung. Nicht, dass er sonderlich sportlich gewesen wäre. Er begnügte sich damit, an Wochenenden kleinere Wanderungen zu unternehmen und anschließend ein großes Bier in einem schattigen Gastgarten zu genießen. Brauchte ein Mann wirklich noch mehr?


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