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Schatten über Burma


von KLAUS SEBASTIAN

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
97837380-0814-2
Ausstattung:
e-Book
Preis:
2,99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
neobooks
Kontakt zum Autor oder Verlag:
thaikurier@hotmail.com
Leseprobe

Am späten Abend saßen wir in einem winzigen Restaurant in der Nähe der Schwedagon-Pagode. Es war ruhig um diese Zeit. Die Händler hatten ihre Verkaufsbuden geräumt, und die wenigen Touristen waren in ihre Hotels zurückgekehrt.

Ein Gitarrensolo von Jimi Hendrix perlte aus zwei kleinen Boxen, die neben einer Tafel mit Pizza-Angeboten an der Rückwand des Lokals hingen. Jimi Hendrix und Pizza in Burma - wieder einmal staunte ich über die bizarren Kontraste, die in Asien an jeder Straßenecke aufblitzten. Westliches wurde bestaunt, kopiert, konsumiert und bedenkenlos zwischen die eigenen kulturellen Errungenschaften geschoben.

"Hoffentlich war es kein Fehler, dass wir diesen Herrn Myay getroffen haben", sagte ich und spießte den letzten Bissen einer Tomaten-Pizza auf die Gabel.

"Wieso?" Der Käptn musterte mich mit seinen wasserblauen Augen.

"Na, jetzt wissen die offiziellen Stellen immerhin, dass wir nicht als arglose Touristen durchs Land reisen. Vielleicht werden wir schon beschattet."

Der Käptn blickte in die Runde der mit schmutzigen Planen abgedeckten Marktstände.

"Mmh. Na, und wenn schon. Wenn die Berichte stimmen, die man bei uns überall lesen kann, ist das ganze Land sowieso von Spitzeln überzogen. Solange sie uns in Ruhe lassen, können sie von mir aus herumschnüffeln. Wer weiß, wozu so eine Eskorte im Notfall einmal gut ist."

"Haben Sie eine Idee, wie es nun weitergehen soll?" fragte ich.

"Man müsste Kontakt zur Presse aufnehmen. Vielleicht wissen die etwas", sinnierte der Käptn. "Lassen Sie mich eine Nacht darüber schlafen. Momentan bin ich auch etwas ratlos. Was ist? Sollen wir ein Taxi nehmen?"

"Das kurze Stück gehen wir zu Fuß, ist doch angenehm quer durch den Park", schlug ich vor.

Wir zahlten und schlenderten zum Ufer des kleinen Sees hinüber. Zwischen Kinderkarussells, sorgfältig gepflegten Sträuchern, Buschwerk und exotischen Blumen führte ein schmaler Fußweg parallel zum Wasser. Ein betäubend süßlicher Blütenduft hing in der Luft. In der Ferne glühte die gewaltige Kuppel der angestrahlten Schwedagon-Pagode vor dem nachtschwarzen Himmel.

"Ziemlich schlecht beleuchtet hier", stellte ich fest.

"Kein Grund zur Sorge", beruhigte mich der Käptn. "In Rom, in Bangkok, auf Bali müssen Sie sich vorsehen. Aber Myanmar ist sicher."

Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gebracht, da sprang hinter einem der Büsche eine dunkle Gestalt hervor, riss mir meine LEICA von der Schulter und sprintete quer über die Uferstraße davon. Ohne eine Sekunde nachzudenken, nahm ich die Verfolgung auf. Meine Chancen standen schlecht - ich kannte die Gegend nicht, der Dieb war vermutlich jünger, und in der Schwüle des Abends fiel mir das Atmen schwer. Doch noch hatte ich den Kerl nicht aus den Augen verloren. Er bog gerade um eine Straßenecke, blickte sich zu mir um und prallte im selben Moment mit einem Schatten zusammen, der aus meinem Blickwinkel wie eine große Puppe aussah, der man soeben ein paar Gliedmaßen abgerissen hatte. Tatsächlich segelte ein Bein wie in Zeitlupe durch die Luft, landete hölzern klappernd auf dem Bordstein, gleich neben dem Krückstock des niedergerempelten Bettlers. Der fleischfarbene Anblick der Prothese schien den Dieb für einen Augenblick zu lähmen, er hörte die Flüche des Amputierten, rappelte sich hoch und spähte nach seinem Verfolger. Der stand ihm bereits gegenüber. Ich packte seinen mageren Arm und riss ihm die alberne Wollmütze vom Kopf.

Zwei braune Mandelaugen sahen mich an, hohe Wangenknochen, darüber ein verwuschelter Haarschopf, eine breite, sinnliche Oberlippe - das Mädchen schnappte nach Luft, wirkte eher erschöpft als erschrocken.

"So, du kleine Diebin, her mit meiner Kamera", legte ich los.

Mein Ärger war angesichts der surrealen Situation rasch verflogen. Auf dem Boden lag immer noch das nackte, glänzende Bein, daneben hockte der erstaunte Kriegsveteran, der mit offenem Mund versuchte, sich einen Reim auf die Szene zu machen. Und vor mir stand diese kleine freche Diebin und warf mir verzweifelte Blicke zu.

"Nicht die Polizei, bitte Mister", flehte sie. "Hier, ihre Kamera, nicht kaputt, bitte!"

Sie reichte mir die LEICA, und es sah aus, als wollte sie sich mit ein, zwei Sätzen wieder aus dem Staub machen.

"Langsam, nicht so schnell", ermahnte ich sie. "Kümmer dich erst mal um den armen Mann hier!"

Sie sprach beruhigend auf den Bettler ein und half ihm beim Anschnallen der Prothese.

Inzwischen hatte uns auch der Käptn eingeholt.

"Doch nicht so sicher, wie ich dachte", räumte er ein.

"Was machen wir mit der hier?" fragte ich und ergriff den Arm der Kleinen.

"Am besten laufen lassen. Wer weiß, was die Polizei mit ihr anstellen würde."

Sie bemerkte, dass wir über ihr Schicksal beratschlagten und fing wieder an, um Gnade zu betteln.

"Bitte, nicht die Polizei, Mister!"

"Und an der nächsten Ecke raubst Du wieder einen Touristen aus, was?"

"Meine Familie ist arm. Ich hab keine Arbeit. Früher hab ich Ausländern die Pagoden gezeigt. Doch jetzt kommen immer weniger."

Der Käptn nahm mich beiseite, sodass sie seine Worte nicht verstehen konnte. Vorsichtshalber hielt ich die Hand des Mädchens umklammert, doch ihre deprimierte Miene verriet, dass sie sich vorläufig in ihr Schicksal ergeben hatte.

"Die könnte uns doch eine Weile als Fremdenführerin begleiten. Offensichtlich kennt sie sich hier aus. Und nebenbei wäre unsere Tarnung perfekt: Zwei harmlose Touristen sehen sich das Land an, weiter nichts."

Das klang einleuchtend. Wir eröffneten der Kleinen unser Angebot, und sie sank beinahe auf die Knie vor lauter Erleichterung.

"Danke Mister," seufzte sie. "Ich kann Ihnen die schönsten Pagoden und Märkte zeigen."

"Na also," murmelte der Käptn. "Wie heißt Du überhaupt?" fragte er dann.

"Mein Name Yamin."

"Ein schöner Name", erwiderte ich. Sie warf mir einen glückseligen Blick zu.

"Und wo kommst du her?"

"Vom Inle-See. Meine Familie sehr arm", antwortete sie.

Olli warf mir einen vielsagenden Blick zu. Vermutlich hatten wir beide denselben Gedanken. Zum zweiten Mal an diesem Tag sprach jemand von diesem merkwürdigen See. Wer weiß. Vielleicht wusste dieses Mädchen sogar etwas über das vermisste Kind in ihrer Heimat.

Doch für heute Nacht reichte es. Hier, mitten auf der Straße, machte es wenig Sinn, der Kleinen auch noch die verwirrende Geschichte unserer Verfolgungsjagd aufzutischen.

Wir begleiteten Yamin zu ihrer Unterkunft, einer schlichten Bambushütte am anderen Ende des Park, um Gewissheit zu haben, wo wir sie notfalls finden konnten.

Auf dem Rückweg bemerkte ich die lähmende Müdigkeit in jeder Faser meines Körpers. Eine warme, schwere Decke, die mir jeden Schritt zur Qual machte, schien meine Schultern niederzudrücken. Erst als wir in der klimatisierten Lobby unseres Hotels standen, schnaufte ich wie befreit durch.

"An die Hitze gewöhnt man sich nie", meinte der Käptn, dem mein Zustand nicht entgangen war. "Also dann, bis morgen."

Klappentext

Warum sollte sich der berüchtigte „Nowhere Man", ein Pornoproduzent, auf dessen Webseite auch Fotos von Kindern gehandelt werden, ausgerechnet in Burma verstecken?

Der Düsseldorfer Detektiv Max ist zunächst skeptisch. Dennoch nimmt er den Auftrag an und macht sich auf die Reise. Die Suche nach dem Phantom führt ihn von Pattaya nach Rangun und schließlich in ein Wasserkloster auf dem Inle-See - mitten hinein ins unbekannte Herz von Burma. Ein junges Mädchen wird dort vermisst. Ist sie ein Opfer des Internet-Gangsters?
Wie schon in seinem Vietnam-Roman „Pepsi Buddha" entführt der Autor Klaus Sebastian seine Leser in ein exotisches südostasiatisches Land. Seine Helden werden auf ihrer Odyssee durch Burma nicht nur von den allgegenwärtigen, unsichtbaren Spitzeln begleitet - sie begegnen auch einer schönen Einheimischen, die sich auf ihre Seite schlägt.
„Schatten über Burma ist Abenteuerroman und road-movie zugleich."

Rezension

Der Autor nimmt seine Leser mit auf eine stimmungsvolle Reise quer durch Asien und durch den Zeitgeist. Wer einen Krimi a la "Donna Leon" erwartet, liegt hier freilich falsch. Sebastian schafft es vielmehr, Stimmungen wiederzugeben - die eines Landes und die seiner Akteure. Der Schreibstil ist locker, und nach wenigen Seiten wähnt man sich in Pattaya oder Rangun...das gelingt nicht allen Autoren.