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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Salvatore Röhrlmoser, Ulrich König
Ulrich König

Salvatore Röhrlmoser


Judasmord

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1. »Herr, lass ein Ende sein!« flehte Salvatore Röhrlmoser in Gedanken und machte dabei ein Gesicht, als gefiele ihm, was da so um ihn herum geschah. So sehr er sich auch bemüht hatte, um die kleine Feier im Besprechungszimmer des Dezernats war er beim besten Wil¬len nicht herumgekommen. Dreißigjähriges Dienstjubiläum, davon achtzehn Jahre bei der Kriminalpolizei, das war schließlich kein alltägliches Ereignis. Wenngleich er durch den Rummel um seine Person das Gefühl bekam mit seinen, wie er fand, nur achtundvierzig Jahren, zum alten Mann zu werden. Seine immer noch strahlend stahlblauen Augen standen im Kontrast zu seinem dunklen Teint. Anstandslos ging er sowohl als Bayer, wie auch als Italiener durch, beherrschte beide Sprachen gleich gut. Zugegeben, sein dunkles, fast schwarzes, früher so volles Haar wurde ein biss-chen schütter und an den Schläfen gab es leichte graue Ansätze. Einen Bart würde er sich auch nicht mehr stehen lassen, denn an den Kinnecken spross es schon ganz erheblich weiß. Naja, das kleine Bäuchlein ließ sich schon seit Jahren nicht mehr verbergen, aber sonst? Salvatore Röhrlmoser jedenfalls fühlte sich zehn Jahre jünger und so wurde er auch von den meisten geschätzt. In sein Schicksal ergeben ließ er die Ehrung über sich ergehen. Stand tapfer in diesem großen, kargen Raum, mit seinen drei mittelgroßen Fenstern, die zum Innenhof führten. In seiner eigentlichen Funktion wurde er als Besprechungszimmer genutzt und gelegentlich fanden hier auch Verhöre statt. Gen Norden ausgerichtet hatte der Raum eine gewisse Kühle, wodurch die mittäg-liche Frühsommerhitze erträglich wurde. Die Versammelten hielten gut gefüllte Sektgläser in den Händen und lauschten der launigen Rede des Kommissariatsleiters auf seine Person. Was machte es da schon, dass Salvatore die Laudatio bereits kannte. Vor ungefähr fünfzehn Jahren hatte Karl Sorauer die gleiche Ansprache bei der Ver-abschiedung von Salvatores Vorgänger schon einmal gehalten. Lediglich die Passage mit dem Ausblick hatte er von den Visionen eines zukünftigen Pensionärs auf den weiterhin aktiven Jubilar Röhrlmoser umgeschrieben. »Praktisch« wie Salvatore fand. Es tat der Ehre ja keinen Abbruch und die Kollegen kannten die Pointen noch nicht, wie er unschwer an ihren Heiterkeitsausbrüchen erkennen konnte. Wie bei Geburtstagen, Hochzeiten, oder eben Jubiläen üblich, war für ihn gesammelt worden, doch dann präsentierten sie ihm eine Überraschung, die ihn wirklich rührte. Vor vielen Monaten hatte er, in einem Anfall von Redseligkeit, seiner engsten Mit-arbeiterin Maria Stadler, von seinem großen Traum erzählt. »Einmal in meinem Leben möcht‘ ich mir die Oberammergauer Passionsspiele anschaun!« hatte er von den nur alle zehn Jahre stattfindenden Festspielen geschwärmt. Typisch Frau hatte sie es sich gemerkt und jetzt blickte er ziemlich aufgewühlt auf zwei Eintrittskarten, die für den kommenden Freitag ausgestellt waren. Aus dem Stegreif stammelte er eine kleine Dankesrede, die er in Wirklichkeit tagelang einstudiert hatte. Griff immer wieder an den Knoten seiner grau gelb gemusterten Krawatte und justierte ihn neu, als sei er nicht von Anfang an präzise dort gewesen, wo er hingehörte. »Ich werde ihnen nicht sagen, dass ich die zweite Karte nicht mehr benötige!« beschloss er den familiären Sachverhalt auch weiterhin für sich zu behalten. Vor drei Monaten war Sabine endgültig aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Die Kinder standen längst auf eigenen Füßen und somit war der Grund entfallen, sich gegenseitig etwas vorzumachen. Da sie sich schon vor Jahren auseinander gelebt hatten, hielten sich Stress und Streit bei der Trennung in Grenzen. Es würde eine einvernehmliche Scheidung werden. Selbst Julia und Maximilian waren nicht sonderlich davon überrascht, als ihnen die Eltern eröffneten, ab sofort getrennte Wege gehen zu wollen. »Wir haben uns schon so was gedacht!« hatte Julia heiser geflüstert und trotzdem sehr traurig geklungen. »Ihr müsst selber wissen, was das Beste für euch ist!« hatte Maximilian souverän seine Meinung dazu abgegeben und dann hatte Julia doch geweint. Sabine zog es vor mit einem, wie Salvatore fand, ziemlich langweiligen Buch-haltertypen aus ihrem Volkshochschultanzkurs zusammenzuleben. Tanzen! Ein Gräuel für ihn, wenn er nur daran dachte. »Wahrscheinlich ist sie diesem Eintänzer nur deshalb erlegen, weil er jeden Tag pünktlich um fünf nach Hause kommt und mit ihr einen flotten Tango durchs Wohn-zimmer schiebt«, dachte er gehässig. Ganz so locker hatte er das Ende seiner Ehe wohl doch nicht verdaut, wie er sich selbst immer wieder gerne glauben machen wollte. Inmitten seiner Rede bemerkte Salvatore, wie „Lehrling“ Andreas Keil sichtlich aufgeregt durch das Besprechungszimmer schlich. Der etwas dickliche, blass-gesichtige, junge Mann mit seinem wirr durcheinander stehenden, blonden Haaren war erst seit einem halben Jahr in der Abteilung. Er stellte sich in seinem maus-grauen, immer zerknitterten Anzug, neben Salvatores Stellvertreter Herbert Lofer und flüsterte ihm ins Ohr. Der schaute ihn unwillig an, wollte nicht gestört werden, schließlich hielt sein Chef gerade eine kleine, humorvolle Dankesrede. Unbeirrt flüsterte Keil weiter. Zug um Zug verschwand Lofers fröhlicher Gesichtsausdruck. Er runzelte die Stirn, wobei sich das Falten der Haut über seine Glatze fortsetzte. Eigentlich hatte Lofer links und rechts über den Ohren noch Haare, zog es jedoch vor, diese bei seiner täglichen Rasur mit einzubeziehen. Kurz darauf blickten Keil und Lofer zu ihm und schüttelten im Takt den Kopf. Fast verlor Salvatore den Faden, so sehr wurde er durch das Geschehen in der Nähe der Tür abgelenkt. Lofer, Keil und zwei weitere Kollegen, unter ihnen auch Maria Stadler, machten sich Zeichen und verließen leise den Raum. Begeistert applaudierte das noch verbliebene Häufchen Kollegen seiner kleinen Rede, man lobte seinen Humor und Salvatore wurde unsicher, ob sie es ernst meinten, oder ob das Lob noch zu den Jubiläumsgeschenken gehörte. Noch lieber hätte er gewusst, was es gewesen war, das Lofer und Stadler inmitten seiner kleinen Ansprache aus dem Raum geholt hatte. Eine ganze, lange, halbe Stunde Small Talk musste er noch über sich ergehen lassen, bevor er endlich in sein Büro eilen konnte. Außer Maria Stadler waren alle ausgeflogen. »Was läuft hier hinter meinem Rücken ab? Oder bin ich frühpensioniert und weiß nur nichts davon?« fragte er scherzhaft. »Leider genug, um deine wunderbare Rede zu verpassen!« entgegnete Maria und begann zu berichten. »Vor etwas mehr, als einer Stunde hat ein Motorradfahrer einen Kellner vom Ca’Deste mit einem Giftpfeil erschossen.« erzählte sie. »Weitere Personen sind nicht zu Schaden gekommen.« »Mit Pfeil und Bogen von einem fahrenden Motorrad?« »Nein! Anscheinend war es ein Blasrohr, wie’s die südamerikanischen Indianer benutzen.« »Die Leut’ werden immer verrückter!« kommentierte Salvatore. Im Routinereflex griff er wieder nach seinem anthrazitfarbenen Jackett, das er gerade über die Stuhl-lehne gehängt hatte. »Also nix wie hin!« rief er seiner Kollegin munter zu, doch die machte keinerlei Anstalten seiner Aufforderung zu folgen. »Diesmal leitet der Lofer die Ermittlungen! Wir haben beschlossen, dass du am Freitag in Ruhe mit deiner Frau nach Oberammergau fährst. Ruhig, entspannt und ohne in Gedanken einen Fall zu lösen.« lächelte sie ihn breit an. »Das ist sozusagen unser Hauptgeschenk!« 2. Stolz lehnte Roman Blattner an der Theke eines kleinen italienischen Delikatessenladens in der Schwabinger Türkenstraße und lauschte einem Bericht in den Mittagsnachrichten. Auf der einen Seite des Raums gab es in Vitrinen und Regalen alles, was das italienische Feinschmeckerherz begehrte. Auf der anderen dominierte einen lange Theke den Raum. Ihr blank poliertes, glänzendes, dunkles Holz gab dem Raum sein besonderes, typisch italienisches Flair. Um die Mittagszeit erhielt man hier warme, italienische Gerichte und wie an jedem Wochentag war der Laden ziemlich überfüllt, mit Leuten aus den umliegenden Büros. Dicht gedrängt standen sie an der Theke, oder um die wenigen Stehtische. Trotzdem herrschte eine lockere, gelöste Atmosphäre. Aus dem TV-Gerät, das im Regal hinter der Theke stand, quäkten die Stimmen von Augenzeugen eines Mordanschlags, der vor knapp einer Stunde ganz in der Nähe verübt worden war. Aufgeregt berichteten sie über die geradezu artistische Aktion eines schwarzhaarigen, südländisch aussehenden Motorradmörders. »Es ist immer der gleiche Effekt!« sah sich Blattner bestätigt. »Man nehme ein schwarzes Motorrad, schwarze Ledermontur und schwarzen Helm, sofort schließen alle Zeugen daraus, dass es sich um einen schwarz¬haarigen Mann gehandelt hat.« Gelassen strich er mit der linken Hand über seine kurzen, mittelblonden Haare. Der Ermordete war Italiener, der Tatort eine italienische Eisdiele, der Mörder ein italienisch aussehender Mann, was lag also näher, als über einen Mafiahintergrund zu spekulieren. Wahrscheinlich, so die ersten Thekenkommentare links und rechts von ihm, hatte es sich um Schutzgelderpressung gehandelt. »Und wie so oft wird man das wohl nie so genau erfahren!« tat sich ein etwas dicklicher, junger Mann mit blassem, teigigem Gesicht hervor. Trotz des andauernden Sommerwetters, hatten bisher noch keine Sonnenstrahlen sein Gesicht erreicht. Dafür steckte sein edler Körper in einem teuren, dunkelblauem Anzug mit weiß blau gestreiftem Hemd und gelb-blau quer gestreifter Krawatte. »Blasrohr und Giftpfeil! Sind das nicht Waffen der Amazonasindianer?« warf seine tief braun gebrannte, ebenfalls businessmäßig gestylte Begleiterin ein. Sie trug einen eisgrauen Nadelstreifenanzug mit hellgelber Bluse und weißen Turnschuhen. Leider war sie zu oft, zu lange, in der Sonne gesessen. Trotz drahtiger, guter Figur sah die wohl fünfunddreißigjährige, mit ihrer faltigen, dunklen Lederhaut, um zwanzig Jahre älter aus. »Wenn schon! Die operieren doch weltweit. Das war die italienische Mafia!« beharrte das Bleichgesicht lässig auf seiner Meinung. »Wenn schon! Wenn schon, dann Bayerische Mafia!« schmunzelte Roman Blattner still in sich hinein. Gleichzeitig streckte er seinen durchtrainierten, nicht zu muskulösen Körper, den man unter seinem ärmellosen, weißen T-Shirt und der schwarzen, ledernen Motorradhose gut erkennen konnte. Er beendete seine Dehnübung und streifte beim Senken des Arms mit dem Ellen-bogen absichtsvoll über die rechte Brust der Mumie, wie er die braun gebrannte Frau inzwischen getauft hatte. Sie blickte ihn erst erstaunt und dann keineswegs abgeneigt aus sehr wachen, dunklen Augen an, doch zu mehr war Blattner momentan nicht zu mute. Genüsslich ließ er den letzten Rest seines Espressos in den Mund tröpfeln, kippte einen Schluck Wasser hinterher und stellte enttäuscht fest, dass das Kribbeln lang-sam nachließ. Geradezu süchtig war der unauffällig an der Theke stehende Fünfunddreißig-jährige nach diesem Adrenalinstoß, den sein Körper jedes Mal ausschied, wenn er einen Mord beging. Zum allerersten Mal hatte er dieses Gefühl in einem Schwimmbad erlebt. Vor den Augen zweier fünfzehnjähriger Klassenkameradinnen, denen er imponieren wollte, hatte er einen ungeliebten Mitschüler fast ertränkt. Im letzten Moment war der Bademeister dazwischen gegangen und hatte Schlim¬me¬res verhindert. »Ja spinnst denn du!??« hatte der Mann gebrüllt und war zu ihm ins Wasser gesprungen. »Bist du vollkommen verrückt? Der ersäuft doch!« hatte er Blattner angefaucht, der inzwischen dabei war, das Weite zu suchen. »Ich will deinen Namen und deine Adresse!« rief ihm der Bademeister noch nach, während er dem röchelnden und Wasser hustenden Klassenkameraden aus dem Becken half. Blattner hatte sich nicht darum gekümmert, war innerlich unglaublich aufgewühlt aus dem Becken geklettert, dabei bemüht, seine Erektion zu verbergen. Doch auch die beiden Mädchen waren sichtlich erregt. Ohne viele Worte hatten sie sich gemeinsam in das nahe gelegene Wäldchen verzogen. Was sich dort zwischen den Dreien abspielte war das wildeste, was der keineswegs jungfräuliche Roman bis dahin erlebt hatte. Trotzdem war es nichts im Ver-gleich zu dem, was in ihm vorging, als er den Mitschüler mit aller Kraft unter Wasser drückte und dessen schwindenden Widerstand spürte. Was auch immer er danach anstellte, es war nie zurück gekommen, dieses Gefühl, als hätte er Sprudel, statt Blut in den Adern. Wilde Orgien, Extremskifahren, Bungeespringen oder Tiefseetauchen. Was hatte er nicht alles versucht, doch nie wieder waren von seinem Körper solche Mengen an Adrenalin auf einmal ausgestoßen worden. Jahre später zog er beim Drachenfliegen hoch oben über den Tiroler Bergen ruhig seine Kreise, genoss das unglaubliche Alpenpanorama. Ohne jede Vorwarnung raste eine Sturmbö heran, wirbelte ihn mehrere hundert Meter durch die Luft und schleuderte ihn gegen einen anderen Drachenflieger. Dessen Fluggerät brach auseinander und der Mann stürzte in die Tiefe. Gebannt beobachtete Blattner den Todessturz des Mannes und schlagartig stieg dieses lang ersehnte Kribbeln wieder in ihm hoch. Es überwältigte ihn so sehr, dass er beinahe gegen eine Felswand flog. Nur durch das waghalsige Manöver eines geübten Drachenfliegers konnte er verhindern, das Schicksal des Mannes zu teilen. Zwei Tage lang war der Adrenalinstoß schon beim Gedanken an den nach unten rasenden, verzweifelt um sein Leben strampelnden Mann, zurückgekehrt. Doch die Dosis ließ permanent nach, bis dieses besondere Kribbeln schließlich ganz verebbte. Ein paar Wochen später überfuhr Blattner aus einer Laune heraus eine Anhalterin, die daumenwinkend am Straßenrand stand. Sofort setzte es wieder ein, dieses unglaubliche, Lust bringende Gefühl. Von da war der Weg nicht mehr weit gewesen zum Knipser, wie er seit Jahren respektvoll in Branchenkreisen genannt wurde. Getarnt als Oberammergauer Herrgottsschnitzer, führte er gut bezahlte Auf-tragsmorde aus und war einer der Besten in seiner Branche. Mit seinem großen Hang zur Theatralik stand für ihn immer die spektakuläre Seite seiner Arbeit im Vordergrund. Wer ihm einen Auftrag gab, konnte danach das Ergebnis im Fernsehen begutachten. Nein, mit heimlichen, stillen Morden hatte Roman Blattner nichts am Hut. Er war ein Künstler in seinem Fach! »Bekommst du noch was?« riss ihn die Frage des dunkelhaarigen Mädchens hinter der Theke aus den Tagträumen. »Danke, ich möcht‘ gern zahlen!« erwiderte Blattner kopfschüttelnd und griff in die rechte Tasche seiner Motorradhose, wo er sein Geld lose aufbewahrte. Die Nachrichtensendung ging mit anderen Berichten zu Ende, das Adrenalin war abgebaut. Erst jetzt bemerkte Blattner, dass das ungleiche Pärchen neben ihm bereits gegangen war, dafür lag eine Visitenkarte neben seiner Tasse. Silvia Turner Medienagentur für Schauspieler stand darauf und es gab neben den üblichen Daten eine handgeschriebene Telefonnummer. »Ihre Privatnummer.«, dachte Blattner und zerriss die Karte in viele kleine Einzel-teile. Dabei fiel sein Blick auf das Mädchen hinter dem Tresen. Sie hatte wohl die ganze Aktion beobachtet, so forsch frech, wie sie ihn anstrahlte. Unauffällig machte sie ein Hohlkreuz und hob dabei ihre Brüste an. »Heut ist wohl mein Tag!« wunderte sich Blattner geschmeichelt, doch auch das Tresen-Mädchen hatte keine Chance. Diesen Tag wollte er mit niemandem Teilen. Er zahlte, zog seine Mo¬torradjacke über den rechten Arm bis hinauf zur Schulter und ließ den Rest lässig herunter baumeln. Die Jacke war eine spezielle Wende-jacke, die er jetzt, statt mit der schwarzen, mit der rot weißen Seite nach außen trug. Locker und gelassen trat er auf die Straße, hinaus in die Hitze des gleißenden Mittagslichtes und kniff für einen Moment die Augen. Keine drei Meter vor ihm stand seine Harley am Gehsteigrand. Er setzte sich den weißen, offenen Helm auf, über den er während der Tat eine Spezialanfertigung aus schwarzem Stoff gespannt hatte. Eine ähnliche Verkleidung, ebenfalls aus schwarzem Stoff, hatte seinen Tank bedeckt, der jetzt im selben Weiß strahlte, wie der Helm. Beide Tarnhüllen steckten längst, gemeinsam mit seiner schwarzen Motorradbrille, in einer der beiden Satteltaschen. Keiner der Tatzeugen hätte das Motorrad jetzt wiedererkannt. Mit einem kräftigen Tritt startete er die Maschine und schob sich lässig seine Sonnenbrille auf die Nase, die bisher vorne im V-Ausschnitt seines T-Shirts gesteckt hatte. Betont locker reihte er sich in den ruhigen, mittäglichen Straßenverkehr ein, um am Tatort vorbei, zurück nach Oberammergau zu fahren. Wie nicht anders zu erwarten beachtete niemand den Motorradfahrer, der lang-sam auf der gegenüberliegenden Straßenseite am italienischen Eiscafé vorbeifuhr. In seiner rot weißen Wendejacke, dem weißen Helm, und dem weißen Motorrad erinnerte Blattner auch nicht im Entferntesten an den gesuchten Täter. Durch die dunklen Gläser seiner Sonnenbrille beobachtete er die Polizisten bei ihrer Arbeit und plötzlich pulsierte es wieder. Wenn auch bei weitem nicht mehr so stark, wie zuvor. Trotzdem verkrampfte er einen Moment so sehr, dass er fast mit seinem Motorrad umgekippt wäre. Gerade noch rechtzeitig gab er Gas und rauschte knatternd davon. 3. »Es gibt überhaupt keinen Grund zu jammern« schimpfte Salvatore Röhrlmoser still in sich hinein, während er mit unbewegter Miene die Begeisterungsausbrüche seiner Sitz-Nachbarin über sich ergehen ließ. »Du hast deine zweite Eintrittskarte dieser Kölner Tante aus freien Stücken überlassen!« Im letzten Moment hatte ihm Tochter Julia einen Korb geben müssen. Enkelin Veronika, die alle nur Vroni riefen, hatte sich im Kindergarten Masern geholt. Salvatore verstand gut, dass die Mutter nicht vom Krankenbett der Kleinen weichen wollte. Wie ein Häufchen Elend hatte diese Frau draußen auf dem Vorplatz gestanden, in ihrem frühlingsgrasgrünem, mit großen, roten Rosen bedruckten, aus mehreren Lagen durchsichtigen Stoffs bestehenden, Kostüm. Ob der Schmuck dieser dicken mit unglaublichen Klunkern behängte Mittsechzigerin echt war, hätte Salvatore nicht zu behaupten gewagt. Jedenfalls erinnerte sie ihn mehr an eine, sich auf Weltreise befindenden, reichen, verwitweten Amerikanerin, denn an eine biedere Hausfrau aus dem Ruhrgebiet. Die Ärmste war extra mit einer Reisegruppe aus Köln angereist und hatte ihre Ein-trittskarte verloren, oder in einer ihrer anderen Handtaschen zuhause vergessen. Spontan hatte Salvatore der Frau die Karte zum regulären Preis überlassen, die ursprünglich einmal für Sabine gedacht gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich noch nicht bewusst gemacht, dass die Frau zwangsläufig während der Aufführung neben ihm sitzen würde. Andererseits hatte er auch nicht ahnen können, welch Temperament in dieser, eher schwerfällig wirkenden, Frau steckte. »Mein Gott, wie fantastisch! Ich geh kaputt!« krähte die Kölnerin neben ihm und gab Salvatore einen vertraulichen Rempler. So hatte er sich die Passionsspiele nicht vorgestellt und er wurde langsam sauer bei dem Gedanken an ihren Mann, der hier irgendwo mit dem Rest der Reisegruppe saß und ganz unbehelligt das Spektakel auf der Bühne genießen konnte. Prompt trieb sie ihm wieder den Ellenbogen in die Seite. Diesmal, um ihn auf den Selbstmord des Judas aufmerksam zu machen, als würde er nicht schon längst gebannt dorthin blicken. Nicht umsonst waren alle Scheinwerfer auf den am Galgen baumelnden Selbstmörder gerichtet. »Mein Gott sehen sie nur! Der Judas! Wie echt der spielt! Fantastisch! Ich schmeiß mich weg!« stöhnte die Frau neben ihm, als bekäme sie einen Orgasmus. »Ja, ja!« brummelte Salvatore aus einer Mischung von bayrischem Grant und einem Rest an Höflichkeit. Tatsächlich wirkte die Darstellung des Judas jetzt sehr überzeugend. Während der bisherigen Aufführung war Salvatore von dessen Auftritten nicht so sonderlich begeistert gewesen, hatte die Judasinterpretation irgendwie etwas steif gefunden, nicht so enthusiastisch und fanatisch, wie er sich Judas in seiner Seelennot immer vorgestellt hatte. Dieser Oberammergauer Judas wirkte eher unterkühlt und über der Szene stehend, doch seine Selbstmordszene hatte es wirklich in sich. »Scheiße, erwischen sie mich hier!« fuhr es Roman Blattner durch den Kopf, während er verzweifelt versuchte irgendwo an den versteckten Griffen des Galgens Halt zu finden. Doch wer es auch immer gewesen war, hatte ganze Arbeit geleistet. Alles war dick mit Fett, oder sonst einer glitschigen Substanz beschmiert. So sehr er sich auch bemühte, seine Hände rutsch¬ten immer wieder ab. »Hirschtalg!« schoss es ihm in den Sinn. Hier musste jemand sehr gut über ihn Bescheid wissen. Hirschtalg war Blattners Insignium. Welche Waffe er in seinem Killer-Leben auch immer benutzt hatte, sie war vorher in dieses Fett getaucht, oder damit ein-geschmiert worden. Diesen Brauch hatte er vom Weingärtner Max, einem alten Oberammergauer Wilderer übernommen. In jungen Jahren war er mit ihm Nachts durch die umliegenden Wälder gezogen, musste die erlegten Tiere tragen. Als Gegenleistung überließ ihm Weingärtner jedes fünfte Tier. Ein ganz erträglicher Nebenerwerb für jemand, der kein Taschengeld besaß. Von ihm hatte er den Umgang mit einem süd-amerikanischen Blasrohr und Giftpfeilen gelernt, das es ihnen ermöglichte lautlos zu jagen. Jede Kugel, jeden vergifteten Pfeil und jede Schlinge hatte der Alte mit Hirschtalg geweiht und Blattner hatte diese Zeremonie übernommen. Das gab dem Ganzen etwas Feierliches, wie er fand. Immer und immer wieder rutschten seine Hände ab. Langsam, aber mit tödlicher Kraft zog sich die Schlinge fester um seinen Hals. Eigentlich war sie so präpariert, dass sie sich gar nicht zuziehen konnte. Auch da hatte man geschickt nachgeholfen, denn bei seinem obligatorischen Probezug hatte sie noch gehalten. Nie hätte er sich die Schlinge um den Hals gelegt, ohne sie vorher zu testen. Doch wie auch immer, man hatte ihn überlistet. Als das Brettchen, auf dem er normalerweise stand, durch den Ruck des gespielten Selbsterhängens unter seinen Füßen weggebrochen war, hatte er noch an einen dummen Zufall gedacht. Natürlich hatte er sich darauf verlassen, dass sich die Schlinge nicht zuziehen konnte und instinktiv nach den Griffmulden getastet, die man zu seiner zusätzlichen Sicherheit angebracht hatte. Dann riss etwas in der Schlinge, die sich sofort zuzog. Spätestens da musste er feststellen, dass jemand sein Ableben äußerst gründlich vorbereitet hatte. Geradezu perfekt hatte der Mörder seine Reaktion vorausbedacht. Durch den Umstand, dass Blattner im Reflex zuerst an die Griffe gefasst hatte, waren die Hände mit fettem Talg verschmiert und rutschten an dem Galgenstrick ab. Ohne den Talg hätte sich der durchtrainierte Judas vielleicht an dem Strick hochziehen können, so jedoch hatte er keine Chance. »Wenigstens ist es saubere Profiarbeit!« konnte sich Blattner trotz seines Todes-kampfes eine gewisse Bewunderung für seinen Mörder nicht verkneifen. »Vor auserwähltem Publikum! Und ich bin in der Tagesschau!« schossen ihm die letzten Gedanken durch den Kopf. Dann schüttete sein Körper große Mengen Adrenalin aus und Roman Blattner spürte zum allerletzten mal das große Kribbeln, nach dem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte. »Wirklich beeindruckend!« bestätigte Salvatore seiner Nachbarin die Judasdarbietung, der jetzt im Hintergrund leblos am Galgen hing. Der Spot auf Judas erlosch. »Da drüben kommen die Römer!« krähte die Kölnerin und rammte ihm ihren Ellenbogen mit kleinen, schnellen Stößen in die Rippen. »Noch einmal und ich bring sie um!« dachte Salvatore. Wie von der Frau richtig bemerkt, marschierten von der anderen Seite der Bühne römische Soldaten herbei. Der Verräter Christi geriet in Vergessenheit. Plötzlich, mitten in den Auftritt von Pontius Pilatus stürmte Christus an den ver-blüfften Römern vorbei an den Rand der Bühne. »Arzt! Einen Arzt! Ist ein Arzt im Publikum?« schrie er aufgeregt. Prompt sprangen mindestens fünfundzwanzig Männer und achtzehn Frauen auf, hasteten Richtung Bühne. Dort informierte sie Christus über den Grund seiner Aufregung. Wenigstens zwölf Mediziner klettern mehr, oder weniger sportlich auf die Bühne und verschwanden in den Hintergrund. »Das andere sind wahrscheinlich Zahnärzte« analysierte Röhrlmoser die nicht benötigten Retter, die langsam wieder zu ihren Plätzen zurückkehrten. Die Römer auf der Bühne wussten nicht so recht, was zu tun war, schließlich hatte man diese Situation nicht geprobt. Weiterspielen, oder nicht… das war hier die Frage? Schließlich blieben sie einfach stehen, während Pontius Pilatus geistesabwesend seine Hände zum zweiten Mal in Unschuld wusch. Er hatte in der Aufregung ganz vergessen, dass er diese Szene schon vor einer halben Stunde gespielt hatte, weshalb jetzt auch die Sklavin mit dem Handtuch fehlte. Nicht lange, dann war die Nachricht auch bei Salvatore und der dicken Kölnerin angelangt. Irgendwie hatte der Judasdarsteller etwas falsch gemacht und sich dabei wirklich erhängt. »Und ich war so begeistert, wie toll er dat jespielt hat!« entfuhr es der Kölnerin, die sich sofort erschrocken die Hand an den Mund hielt.


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