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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Sacer Sanguis IV, Albert Knorr
Albert Knorr

Sacer Sanguis IV


Snowdown in England

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Jerusalem: Vasul presste in Panik seinen Rücken gegen ein rostiges Fenstergitter und hoffte, dass es sein Gewicht aushalten würde. Einige Meter unter ihm fuhr ein Polizeifahrzeug durch die gepflasterten Straßen der Jerusalemer Altstadt. Der baufällige Erker, in dem Vasul Zuflucht gefunden hatte, schützte ihn fürs Erste vor neugierigen Blicken. Lange hatte er ohnehin nicht vor zu bleiben. Einerseits, weil er noch zwei seiner Pakete auszuliefern hatte und andererseits, weil ihn der Gestank seines Erbrochenen unmittelbar neben ihm nicht vergessen ließ, wie sehr ihm der Auftrag bereits zusetzte. Vasul hatte es auf seiner Flucht gerade noch die Treppe des alten Gebäudes hochgeschafft, als der erste von zwei Polizeiwagen in die Straße eingebogen war. Ein paar Sekunden lang hatte die Anspannung Schlimmeres verhindert, doch schließlich hatte er dem Drängen aus der Magengegend nachgegeben. Zehn Minuten musste das jetzt her sein und es ging ihm kaum besser. Das mochte zum Großteil auch daran liegen, dass das Geheul der Polizeisirenen ringsum immer weiter anschwoll. Vasul wusste nicht mit Sicherheit, ob der massive Polizeieinsatz tatsächlich ihm galt, doch nichts lag ihm ferner, als es herauszufinden. Zumindest das Heulen des Polizeiwagens unten auf der Straße wurde leiser und Vasul konnte beobachten, wie der Wagen hinter einem Haus verschwand. Erleichtert atmete er auf und sank in die Knie. Was ist denn plötzlich los in dieser verdammten Stadt? Die können doch unmöglich nur meinetwegen so einen Aufstand machen? Seine Hand zitterte wie verrückt, als er die Brusttasche seines Hemds aufknöpfte und ein zusammengedrücktes Zigarettenpäckchen herausfischte. Die ersten beiden Glimmstängel fielen zu Boden, rollten ein Stück und verschwanden irgendwo in den Ritzen des groben Mauerwerks. Erst beim dritten Versuch gelang es ihm, eine Zigarette so aus dem Päckchen zu klopfen, dass er sie anschließend auch rauchen konnte. Ich hätte diesen Auftrag nicht annehmen dürfen. Er machte mehrere schnelle Züge und spürte, wie seine Lebensgeister zurückkehrten, als der Rauch an seinem Gaumen kratzte. Noch zwei Pakete. Nur noch zwei! In einer Stunde ist alles vorbei. Dann kann ich mir endlich überlegen, wie ich das Geld ausgebe. Er rang sich ein Grinsen ab - primär wohl, um sich selbst Mut zu machen. Seine zittrigen Finger kamen allerdings auch dann nicht zur Ruhe, als der warme Rauch in den Brustkorb geströmt war und als gelbbrauner Schleier die Lungenbläschen überzog. Nicht mal das hilft. Trotz seiner Zwangspause lag Vasul noch sehr gut in der Zeit. Die nächste Zustelladresse war nur eine Querstraße entfernt und zu Fuß gut erreichbar. Mit einem tiefen Zug sog er den Rest der Zigarette in sich hinein und spülte den Geschmack des Erbrochenen mit einer Mischung aus Teer und Schleim hinunter. Bevor Vasul sich wieder auf den Weg machte, holte er seine Waffe heraus und vergewisserte sich, dass sie geladen war - mittlerweile zum fünften Mal, seit er mit seiner Zustellung begonnen hatte. Die Anspannung und die Unsicherheit, die ihn zu dieser Überreaktion veranlassten, standen ihm ins Gesicht geschrieben. In Gedanken hatte er sich bereits ausgemalt, was passieren würde, falls es tatsächlich zum Schusswechsel mit den Soldaten oder der Polizei kommen sollte. Zweifellos waren die Soldaten mit ihren Maschinengewehren das schlimmere Übel. Einen oder zwei von ihnen würde er vermutlich erledigen können, wenn sie ihn dazu zwingen sollten. Mit dem, was dann folgen würde, wollte er sich im Moment lieber nicht beschäftigen. In puncto Lebenserwartung vertraute er ohnehin lieber auf die Worte seines Arztes, der Vasul prophezeit hatte, dass er eines Tages im Bett sterben würde. Also nicht anders als die meisten, die der Krebs irgendwann dahinraffte. Vasul hatte das untere Ende der Treppe erreicht und streckte vorsichtig seinen Kopf aus dem Schatten des Hauseingangs. Abgesehen von entferntem Sirenenklang schien sich die Lage wieder entspannt zu haben. Nur noch zwei Päckchen! Er trat auf die Straße hinaus und ging zielstrebig durch die Häuserflucht aus Natursteinmauern. Es war nicht gerade die beste Gegend Jerusalems, in der er sein vorletztes Päckchen abliefern sollte. Das biblische Alter der Stadt trat hier besonders stark zutage, da vielen Leuten das Geld für die Renovierung fehlte. Manche Häuser waren bereits unbewohnbar und standen leer. Einige Hauseingänge hatte man sogar vergittert, weil der Einsturz drohte. Andererseits gab es hier kunstvolle Mauerbögen, welche die gegenüberliegenden Häuserfronten wie kleine Brücken verbanden. Durch den Widerhall der engen Straßenzüge war es schwer einzuschätzen, wie weit eine Sirene tatsächlich entfernt war oder in welche Richtung sie sich bewegte. Erst recht, wenn man sich selbst in Bewegung befand. Die Akustik veränderte sich beträchtlich, wenn Vasul unter einem der Mauerbögen durchlief, wie er es gerade tat. Das Sirenengeheul drang wieder lauter an seine Ohren. Er stutzte. Spielte ihm sein Gehör einen Streich? Zwei Schritte weiter verstärkte sich der Eindruck. Und plötzlich wurde die Vorahnung zur Gewissheit. Sie kommen zurück! Vasul stand etwa in der Mitte einer relativ langen Straße und war unentschlossen, wohin er laufen sollte. Fest stand für ihn nur, dass er in Kürze Besuch bekommen würde und es kaum eine andere Stelle in der Stadt gab, die noch weniger für eine Schießerei geeignet war. Sein Blick suchte die Umgebung nach Versteckmöglichkeiten ab. Die beiden Hauseingänge, an denen er gerade vorbeigekommen war, hatten massive Absperrgitter und schieden aus. Unter normalen Umständen war gar nichts dabei, sich als Tourist in diesen Teil der Stadt zu verirren. Allerdings war das Großaufgebot an Einsatzfahrzeugen ein klares Indiz dafür, dass die Umstände derzeit alles andere als normal waren. Und Vasuls Problem bestand darin, dass er nicht wusste, warum. Er kämpfte gegen die älteste Geißel der Menschheit an: die Angst vor dem Ungewissen. Die potenzielle Gefahr nicht einschätzen zu können, führte evolutionsbedingt automatisch dazu, dass die eigene Fantasie alle Informationslücken mit Erfahrungen aus vergleichbaren Situationen auffüllte. Basierend auf Vasuls bisherigem Leben war das eine denkbar schlechte Option. Vasul durfte es unmöglich riskieren, seinen Ausweis vorzeigen zu müssen. Die einzige Möglichkeit war, das Katz-und-Maus-Spiel fortzusetzen, bis er auch die letzten beiden Pakete zugestellt hatte. Vielleicht hier... Seine Hand rüttelte so fest an einer der Holztüren, dass Stücke der abblätternden Farbe zu Boden fielen. Doch es war zwecklos und die Tür fest verschlossen. Es muss doch einen Weg geben. Von Panik getrieben, rannte er auf den nächsten Hauseingang zu. Abgeschlossen! Mit einer hastigen Kopfbewegung blickte er die Straße hinunter. Die Sirene war ihm ohne jeden Zweifel schon sehr nah gekommen. Zu nah! Er lief weiter zum nächsten Hauseingang. Der Holzrahmen war mit Brettern und einigen Querlatten provisorisch vernagelt. Vom unteren Teil der Absperrung fehlten allerdings schon einige Bretter. Das dadurch entstandene Loch war bestenfalls groß genug, dass ein Kind hindurchschlüpfen konnte. Wenn es Vasul gelingen würde, noch ein oder zwei der Bretter loszutreten, hatte er seinen Fluchtweg aus der Mausefalle gefunden. Mit kräftigen Tritten machte er sich an der Absperrung zu schaffen. Anders als erhofft, brach das Holz nicht, sondern federte immer wieder zurück. Es war fast so, als würde er gegen einen Lattenrost treten. Jetzt mach schon! Jedes Mal, wenn sein Fuß das Holz traf, wich es zurück, um gleich darauf wieder in die ursprüngliche Position zurückzuspringen. Das funktioniert nicht. Er verwarf seine anfängliche Idee und konzentrierte sich stattdessen darauf, die Befestigungsnägel durch die Federbewegungen zu lockern. Zumindest auf einer Seite muss es doch klappen... Vasul erkannte seine Chance darin, dass die Bretter immer abwechselnd von innen und außen angenagelt waren. Wenn es ihm also gelänge, das derzeit unterste Brett loszurütteln, könnte er anschließend das nächste vielleicht doch nach innen wegtreten, wie er es von Anfang an geplant hatte. Mehr als zwei Bretter würde er nicht brauchen, um seinen Körper durch die Öffnung zu zwängen. Du verdammtes... Noch einmal trat er mit ganzer Kraft zu und diesmal wurde sein Einsatz belohnt. Pling. Ein glockenheller Ton, einer gerissenen Klaviersaite nicht unähnlich, begleitete den abgesprengten Nagelkopf bei seinem Abflug. Auch recht! Sofort packte er mit beiden Händen die losgerissene Seite des Holzbretts und benutzte sie als Hebel, um auch das andere Ende freizubekommen. Na also. Jetzt muss ich nur noch... Wie erwartet, leistete die von innen befestigte Latte deutlich weniger Gegenwehr und schon nach zwei Tritten rutschten die Nägel aus dem Türrahmen. Geschafft! Fast gleichzeitig quietschte sich ein Streifenwagen hinter Vasul ein. *** Woodberry Mansion, ein Herrenhaus in der Nähe von London: Ein halbes Dutzend Bauarbeiter war damit beschäftigt, die letzten Querstreben an dem Gerüst anzubringen, das den einsturzgefährdeten Keller vorübergehend abstützen sollte. Noch lagen die Männer einigermaßen im Zeitplan, doch das letzte Wochenende vor den Weihnachtsfeiertagen war bereits zum Greifen nah. „Wofür braucht ihr da hinten schon wieder so lang?“, trieb der Vorarbeiter seine Leute an. „Mein verdammter Bolzen geht nicht rein“, kam prompt die Antwort. „Habt ihr gehört? Sein Bolzen passt nicht“, wiederholte einer der anderen Arbeiter amüsiert. „Darüber hat sich seine Frau auch schon beklagt“, lachte der nächste. „Sei bloß still, sonst...“ Blitzschnell war die Hand zur Faust geballt. „Sonst was?“ „Sonst könnt ihr alle das Wochenende hier verbringen!“, drängte sich die scharfe Stimme des Vorarbeiters dazwischen. Er bereute es längst, dass er seinen Leuten in der Frühstückspause erlaubt hatte, einen Vorschussschluck auf die Weihnachtsfeiertage zu nehmen. „Bevor das Gerüst nicht steht, sieht keiner von euch seine Familie. Ist das klar?“ Ein widerwilliges Brummen machte die Runde. Dann gingen alle wieder an die Arbeit. Der Vorarbeiter kramte einen neuen Bolzen aus der Schachtel und gab ihn weiter. „Hier, versuch’s mal mit dem!“ In den vergangenen Wochen hatten die Männer Übermenschliches geleistet und Tonnen an Schutt und Geröll aus dem zusammengestürzten Keller entfernt. Jeder Meter, den sie sich vorarbeiteten, war hart erkämpft und musste sorgfältig abgestützt werden, ehe sie mit dem Errichten neuer Kellerwände beginnen konnten. Ihre größte Sorge galt dem erdrückenden Gewicht des alten Herrenhauses, das über ihnen in den Himmel ragte. Keiner der Arbeiter wollte sein Leben darauf verwetten, dass das massive Bauwerk an seinem Platz verharren würde, während sie versuchten, den Keller freizulegen. So blieb ihnen keine Wahl, als mühsam jeden Meter abzusichern, den sie dem Schutt abrangen. Bill war der älteste der Arbeiter im Team und verfügte über die meiste Erfahrung im Umgang mit einsturzgefährdeten Gebäuden. Nur noch zwei Weihnachtsfeste trennten ihn von seiner Pensionierung. Vor Jahren hatte er mitgeholfen, einen ganzen Häuserblock zu sanieren, den eine Gasexplosion schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die Arbeit hier wies deutliche Parallelen auf, wenngleich Bill sich nicht vorstellen konnte, dass dieser Keller seinen Zustand ebenfalls einer Gasexplosion verdankte, wie der Hausbesitzer das behauptete. Für Bill warf die Baustelle einige ungeklärte Fragen auf. Da waren zum einen diese seltsamen Risse im umliegenden Erdreich, wie er sie in über vierzig Jahren noch nie gesehen hatte. Zum anderen machten ihn die winzigen Erdhaufen stutzig, die die Bauleute jeden Morgen auf dem Kellerboden vorfanden, wenn sie ihre Arbeit antraten. Zunächst hatte Bill sie wegen ihrer vulkankegelartigen Form für kleine Maulwurfshügel gehalten und einfach niedergetreten, doch die aufgehäufte Erde war viel zu fein, um von einem Maulwurf zu stammen. Außerdem schien das Auftreten der Hügel keinem erkennbaren Muster zu folgen. Manchmal waren sie wieder genau dort vorzufinden, wo Bills Stiefel sie am Vortag dem Erdboden gleichgemacht hatte, und dann wiederum entdeckte er sie an völlig neuen Plätzen. Keiner der anderen Arbeiter hatte den winzigen Hügeln große Bedeutung geschenkt und so verzichtete auch Bill darauf, seine Beobachtungen anzusprechen. Er betrat jeden Tag als Erster die Baustelle und deshalb war den anderen vermutlich gar nicht aufgefallen, dass die Hügel über das Wochenende immer an Größe zulegten, weil sie vor den Schuhsohlen der Arbeiter verschont blieben. Jeden Montagmorgen war das Schicksal der kleinen Wochenendbauwerke allerdings wieder besiegelt - zumindest bisher. Bill glaubte, dass sie weiter an Größe zulegen würden, wenn sie nur Gelegenheit dazu hätten. Die Arbeitspause während der Weihnachtsfeiertage sollte seiner Meinung nach ausreichen, um den Verdacht zu erhärten. „Diese Seite ist fertig“, vermeldete Bill, nachdem er die letzte Querstrebe verbaut hatte. „Hier fehlen auch nur noch zwei Bolzen“, rief sein Kollege von der anderen Seite herüber. „Na bitte! Ich muss euch nur richtig antreiben.“ Der Vorarbeiter setzte ein zufriedenes Lächeln auf. „Im neuen Jahr können wir dann gleich mit den Vorbereitungen fürs Betonieren loslegen.“ „Das klingt gut!“ Die Stimme gehörte zu einem Beinpaar in Jogginghose, das die Kellertreppe herunterkam. „Sehr gut sogar!“ David Wilder, gebürtiger Israeli und Wahlbrite, war erst seit kurzem der Eigentümer des Anwesens. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte Bill ihn zunächst nur nach Äußerlichkeiten beurteilt: 1,80 Meter groß, sportliche Figur und ebensolche Garderobe. Den Geheimratsecken nach zu urteilen, war das dunkelblonde Haar in Richtung vierzig unterwegs. Als Bill dann noch erfahren hatte, dass der sympathische David Wilder sein Geld mit Computern verdiente, fühlte er sich darin bestätigt, endlich einmal einen dieser wunderlichen Millionäre aus der IT-Branche kennengelernt zu haben. Zumindest was den Millionär betraf, lag er damit allerdings völlig falsch. „Sie kommen genau richtig, Mr. Wilder. Meine Männer befestigen gerade die letzte Querstrebe für dieses Jahr.“ David nickte und gab sich Mühe, seinen prüfenden Blick möglichst fachmännisch wirken zu lassen, auch wenn er nicht so recht wusste, worauf er eigentlich achten sollte. „Und Sie sind sicher, dass das bis zum nächsten Jahr hält?“ „Todsicher, Mr. Wilder! Wenn Ihnen das Haus während Ihrer Weihnachtsparty einstürzt, komme ich zu den Feiertagen persönlich vorbei und baue Ihnen alles wieder auf.“ Der Vorarbeiter legte seine Hand um Davids Schulter. „Sie sollten nur darauf achten, dass nie mehr als drei Leute beisammenstehen - damit sich das Gewicht besser verteilt.“ Er lachte herzhaft über seinen eigenen Witz. „Da dürfte wenig Gefahr bestehen.“ Davids Schmunzeln wirkte etwas verunsichert. „Dieses Jahr wird Weihnachten sehr ruhig und besinnlich ausfallen.“ „Jeder wie er will, sag ich immer“, erwiderte der Vorarbeiter. „Wir brauchen jetzt noch etwa eine halbe Stunde, um Ordnung zu schaffen und dann haben Sie es hier so ruhig und besinnlich, wie Sie wollen.“ David sah den geschäftigen Männern noch eine Weile über die Schultern, bevor er wieder nach oben ging. Wie angekündigt folgten ihm die Arbeiter kurz darauf und verabschiedeten sich mit den üblichen Glückwünschen für die Feiertage. Der Vorarbeiter kam als Letzter die Kellertreppe hoch und drehte das Licht ab. In seiner Hand hielt er mehrere Zettel und einen Kugelschreiber. „Ein paar Unterschriften noch, Mr. Wilder, und dann sind Sie uns für dieses Jahr los“, erklärte er gut gelaunt. David überflog die Zeitbestätigungen der Arbeiter und kritzelte seinen Namen darunter. „Und Sie sind wirklich sicher...“ Er blickte während der Unterschrift auf. „...dass da nichts passieren kann?“ „Absolut, Mr. Wilder. Wir haben unser stärkstes Gerüst verbaut und jede Strebe doppelt abgestützt. Das trägt jetzt sogar zwei von Ihren Schlössern, wenn es sein muss.“ „Ich fürchte“, entgegnete David, während er den letzten Zettel unterschrieb, „meine anderen Schlösser muss ich verkaufen, um Ihre Rechnungen bezahlen zu können.“ Dankend nahm der Vorarbeiter die Zeitbestätigungen entgegen und streckte David seine Hand hin. „Frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr, Mr. Wilder! Wir sehen uns dann wie vereinbart im nächsten Jahr.“ „Danke, Ihnen auch.“ David begleitete den Mann noch zur Tür. Dort blieb er eine Weile stehen und blickte den beiden Lieferwagen nach, bis sie durch das gusseiserne Tor von Woodberry Mansion verschwanden. „Frohe Weihnachten, David“, murmelte er und spürte die Einsamkeit, die sich gemeinsam mit der Stille über das Anwesen legte. Der einzige Lichtblick in den kommenden Tagen war Goliath, sein vierbeiniger Freund, den er vorübergehend bei seiner Nachbarin in London gelassen hatte. David war schon sehr bald zu dem Schluss gekommen, dass die Baustelle kein geeigneter Platz für seinen Goliath war. Jetzt aber, da die Arbeiten vorübergehend eingestellt waren, wollte er nichts lieber, als nach London fahren und ihn zu sich holen. Die Feiertage in seinem Haus in London zu verbringen, schied für David völlig aus. Zu viele schlechte Erinnerungen warteten dort auf ihn. Erinnerungen, die gerade zu dieser Zeit des Jahres, wenn alle im Kreis ihrer Liebsten feierten, schnell unerträglich werden konnten. Er dachte an die nahe Zukunft und sah das einsamste Weihnachtsfest seines Lebens auf sich zukommen. Seufzend kramte er seinen Autoschlüssel hervor, um sich auf den Weg zu Ms. Furgerson, seiner Nachbarin in London, zu machen. Während der tannengrüne Volvo-Kombi den gepflasterten Weg hinunterrollte, kam plötzlich wieder Leben in das Kellerdunkel von Woodberry Mansion. Entlang eines der Risse im Boden bildeten sich winzige Kreise, die binnen weniger Stunden zu Miniaturhügeln heranwachsen sollten.


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