Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Krimi Thriller > Sacer Sanguis II - Heiliges Blut 2
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Sacer Sanguis II - Heiliges Blut 2, Albert Knorr
Albert Knorr

Sacer Sanguis II - Heiliges Blut 2



Bewertung:
(155)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2259
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
http://www.albert-knorr.com/
Drucken Empfehlen
Sacer Sanguis II

Heiliges Blut 2 - Die Rückkehr



HINWEIS: Sacer Sanguis II ist Teil einer Trilogie. Der Autor empfiehlt die Bücher in folgender Reihenfolge zu lesen:

Sacer Sanguis II > Sacer Sanguis III > Sacer Sanguis I



Dieses Buch wird Lesern unter 16 Jahren nicht empfohlen.



„Stimmt so", bestätigte der gut aussehende Mittvierziger der Kellnerin mit einem charmanten Lächeln.

„Vielen Dank", erwiderte sie freundlich und warf einen Blick in seine blaugrauen Augen. Für einen Moment war sie hypnotisiert von der Ausstrahlung, die von dem schwarzhaarigen Israeli ausging. Bereits beim Servieren war ihr der dunkel gekleidete Mann mit dem sportlichen Körperbau angenehm aufgefallen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt mich zu fragen, was ich nach Dienstende mache, dachte sie. Das Interesse der hübschen Kellnerin war ihm nicht entgangen und er war versucht, seine Abendplanung noch einmal zu überdenken. Mit einem verstohlenen Blick auf seine Armbanduhr war aber klar, dass dieser Abend einer anderen gehörte. Jammerschade, aber mit uns beiden wird das heute leider nichts.

„Einen schönen Abend noch." Zögerlich entfernte sich die Frau von seinem Tisch.

„Danke, Ihnen auch." Er starrte über die kleine Steinmauer der Restaurantterrasse hinaus auf die See. Die Sonne versank langsam im Meer und tauchte den Abendhimmel über Tel Aviv in ein violettes Licht.

Zeit für dich aufzubrechen, drängte er sich selbst, seine Verabredung wahrzunehmen. Er griff nach einem Apfel auf dem Tisch und nahm ihn für später mit. Beim Aufstehen betätigte er die Fernbedienung seines Autos, das den Befehl zum Öffnen des Verdecks nahezu geräuschlos umsetzte.

Mit einem Satz schwang er sich über die ungeöffnete Fahrzeugtür. Das hast du schon ewig nicht mehr getan. Ein jungenhaftes Grinsen huschte über sein Gesicht. Gut zu wissen, dass du es noch kannst.

Der Turbo geladene Motor erwiderte den forschen Druck auf das Gaspedal mit einem tiefen Brummen. Zeitgleich wurde der Oberkörper des Fahrers unsanft in den dunklen Ledersitz gedrückt. Die Kombination aus schnellen Autos und hübschen Frauen passte gut zu dem Image, das er seit Jahren wie eine schlechte Gewohnheit pflegte.

Aus den Lautsprechern des Cabrios erklang die Filmmusik zu Top Gun, während er den Apfel aß.

Noch 15 Minuten bis zum Date, ich sollte einen Zahn zulegen. Rasant, aber nicht ohne das nötige Fingerspitzengefühl, manövrierte er den silbernen Wagen an das südlichste Ende der israelischen Metropole.

Pünktlich auf die Sekunde, dachte er beim Betreten der Diskothek. Er war gut vorbereitet auf die Verabredung mit der brünetten Schönheit, deren Foto er sich vor Verlassen des Wagens eingeprägt hatte. Gut, dass wir uns oben treffen, bei dem Gedränge hier auf den Tanzflächen wäre es hoffnungslos, nach ihr zu suchen. Es dauerte eine Weile, bis er sich durch die fast unüberschaubare Menge an tanzfreudigen Besuchern zu dem Treppenaufgang gekämpft hatte. Eine stählerne Wendeltreppe führte in den oberen Teil. Dieser war in zwei Hälften mit Sitzplätzen unterteilt, die sich jeweils nur entlang der Außenmauern erstreckten. Der gesamte mittlere Bereich war nach unten offen und ermöglichte einen perfekten Blick auf die darunter liegenden Tanzflächen. Eine schmale Hängebrücke, die bei jedem seiner Schritte schaukelte, verband die oberen Sitzbereiche. Zielsicher steuerte er einen der hintersten Tische an, dessen geschützte Randlage eine gewisse Abgeschiedenheit inmitten der Öffentlichkeit bot. Ein formschöner Frauenrücken wartete auf einem der verchromten Stühle darauf, erobert zu werden. Ihr gewelltes Haar reichte fast bis an die Hüften.

Das muss sie sein! Der geübte Blick des Jägers hatte sein Opfer bereits ausgemacht.

Jetzt nur nichts anmerken lassen. Routiniert verlangsamten sich seine Schritte und er näherte sich mit gespielter Unsicherheit dem Tisch.

„Entschuldigen Sie, bitte...", lenkte er die Aufmerksamkeit der gut aussehenden Frau auf sich, „...ich bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin und mir ist das jetzt ein wenig peinlich." Er gab sich größte Mühe, seine Worte mit einem Ton der Verlegenheit zu untermalen.

Voller Erwartung drehte sich die Angesprochene zu ihm. „Ja, bitte?"

Donnerwetter, die sieht ja noch schärfer aus als auf den Fotos.

„Ich... ich bin hier zu einem Blind Date verabredet."

„Sind Sie das?", fragte sie, sichtlich amüsiert von seiner schauspielerischen Vorstellung.

Er nickte. „Mein erstes überhaupt."

Sie musterte ihn sorgfältig und lehnte sich dann entspannt zurück. „Und?"

„Und?", wiederholte er ihre Frage, als wüsste er damit nichts anzufangen.

Ist der süß!, dachte sie und versuchte, ihm mit einem Lächeln etwas Unsicherheit zu nehmen. „Wollen Sie sich nicht setzen?"

„Dann sind Sie..."

„Sternenzauber", vollendete sie seinen Satz. „Und Sie müssen demnach ‚Firstdate' sein."

Unsicher hob er die Schultern ein Stück an und antwortete: „Ja... Ich weiß, mein Pseudonym ist nicht sehr originell, aber..."

„Das finde ich nicht, verglichen mit anderen Männern scheint es doch zu Ihnen zu passen."

„Dann machen Sie so was öfter?" Er bemühte sich, überrascht zu klingen.

„Sie sind nicht mein erstes Date, falls Sie das meinen. Wissen Sie, mit Verabredungen ist es wie mit Austern, die wenigsten bringen Perlen hervor."

Er schwieg, doch sein Blick machte sie glauben, dass er Mühe hatte, ihren letzten Satz richtig zu deuten.

„Das war jetzt nicht auf Sie bezogen", versicherte sie ihm.

„Natürlich nicht", griff er Ihre Hilfestellung dankend auf.

Den Typ nehm' ich mir heute mit nach Hause, so viel ist schon mal sicher.

„Setzen Sie sich doch bitte zu mir an den Tisch", ermunterte sie ihn erneut.

„Danke, gern."

In den folgenden Minuten bemühten sich beide Seiten, möglichst viel über das jeweilige Gegenüber herauszufinden. Bis auf die kurze Unterbrechung durch die an den Tisch tretende Bedienung, verlief die Unterhaltung völlig ungestört. Als würden die laut kreischenden Massen an Tänzern im Erdgeschoss nicht zählen, folgte Frage auf Frage und ein Kompliment dem nächsten.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment?" Sie stand auf und bot ihm dadurch die Möglichkeit, sich einen Gesamteindruck ihres sehr gut gebauten Körpers zu machen. Schwungvoll drehte sie sich um und warf dabei ihre langen brünetten Haare in den Nacken. Der gelungene Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht.

Was für eine Zielperson, schwärmte er in Gedanken versunken. Unter anderen Umständen hätte sich da möglicherweise etwas entwickeln können. Es kam ihm so vor, als würden ihre Beine niemals enden wollen, während sie gekonnt in Richtung Waschraum schritt.



„Bist du sicher, dass sie die richtige Zielperson ist?", flüsterte er in sein Handy.

„Hast du Skrupel?", stellte ihn die Stimme aus dem Lautsprecher zur Rede.

„Nein, natürlich nicht. Aber so lange wir die Daten nicht haben..."

„Du bist nicht da, um ihre Unschuld zu beweisen!"

Er überlegte einen Moment, ehe er antwortete. „Ich bringe den Job wie besprochen zu Ende."

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet", kam die trockene Antwort.

„Sie kommt zurück, ich muss auflegen."

Nicht unbemerkt von der zurückkehrenden Schönheit beendete er sein Telefonat.

„Kaum lasse ich Sie einen Moment allein, schon bemühen Sie andere Frauen am Telefon?"

„Wieso? ...Nein! Das verstehen Sie falsch. Das Gespräch war dienstlich."

Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen. „Sie brauchen sich doch nicht zu rechtfertigen", beruhigte sie ihn.

Erleichtert sank er zurück in den Sessel. „Sie haben nur einen Scherz gemacht."

Sie nickte, noch immer lächelnd. „Was machen Sie denn beruflich?"

Als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als in der Baubranche zu arbeiten, begann er, ihr von seiner einstudierten Berufslaufbahn zu erzählen.

Interessiert lauschte sie seinen Ausführungen, in denen er von Bauvorhaben in der ganzen Welt zu berichten wusste.

„Faszinierend! Sie müssen weit herumgekommen sein."

„Ja, ich habe schon viel von der Welt gesehen. Das bringt mein Job so mit sich."

„Ich beneide Sie, ganz im Ernst. Verglichen mit meinem Schreibtischjob,... Wissen Sie, Reisen ist in meiner Branche leider nicht an der Tagesordnung. Umso faszinierender finde ich Männer, die etwas von der Welt gesehen haben."

„Das klingt fast so, als wären Sie mit Ihrem jetzigen Job nicht zufrieden."

Sie überlegte einen Moment. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe meine Arbeit und werde für meinen Aufwand auch gut entlohnt, aber was mir manchmal fehlt, ist einfach der Nervenkitzel, die Spannung bei der Arbeit."

Er stimmte demonstrativ zu. „Ich verstehe, was Sie meinen." Ich hätte nicht gedacht, dass sie darüber so offen sprechen würde. Sie scheint sich sehr sicher zu fühlen, das macht es mir nur leichter.

Sie zog an dem kleinen Schwarzen, das an ihren Hüften bereits zu weit nach oben gerutscht war und schlug lässig ein Bein über das andere. Ganz dezent begann sie, mit dem oben liegenden Bein zu wippen, wohl wissend, wohin sie seine Aufmerksamkeit damit lenken würde. „Erzählen Sie doch bitte weiter von Ihren Reisen", forderte sie ihn auf. Wollen doch mal sehen, wie schnell er sich von mir um den kleinen Finger wickeln lässt, wenn er meint, er hätte Oberwasser.

Er war versucht, mit seinem Blick immer wieder das Silberkettchen am Knöchel ihres linken Beins zu fixieren. Das am Kettchen angebrachte, ebenfalls silberne Bärchen wiegte sich sanft bei jeder, noch so kleinen Bewegung ihres Fußes.

Alle Achtung, sie hat ihre Hausaufgaben wirklich gemacht.

Während er weiter seine Auslandsreisen vor ihr aufrollte, arbeitete sein Körper bereits an der Umsetzung des nächsten Schrittes seines Plans. Seine Hände begannen die spannenden Geschichten mit Gesten zu unterstreichen und sein Knie berührte wie zufällig das ihre, als er sich bei seiner Erzählung nach vorne beugte.

Sein vermeintlich ungewollt wirkender Vorstoß blieb keineswegs unbemerkt.

Na also, langsam taut er auf. Wird Zeit, ihn abzuschleppen, bevor er mich hier niederredet. Ich werde besser einen Gang zulegen, um noch genug von seinem durchtrainierten Körper zu haben, ehe der Morgen anbricht. Sie wartete einen günstigen Moment ab, und als er seine gestikulierende Hand wieder in die Nähe der ihren brachte, packte sie zärtlich, aber entschlossen zu.

Seine Reaktion bestätigte sie darin, den richtigen Moment erwischt zu haben. Die Brünette lehnte sich über den Tisch, blickte ihm tief in die Augen und flüsterte in sein Ohr: „Wir sollten jetzt gehen."

Ich werde es ihr nicht so leicht machen. Sie soll ruhig wissen, dass sie sich bei mir noch etwas anstrengen muss. „Sie haben mir Ihren richtigen Namen noch nicht verraten", spielte er ihr vornehme Zurückhaltung vor.

„Anina", wisperte sie und strich sinnlich mit der Zunge über ihre Lippen, um sie anzufeuchten.

„Anina? Das klingt sehr hübsch."

Ihre Hand umfasste sein kurzes, schwarzes Haar und zog fordernd seinen Mund an ihren heran. „Du wirst ihn heute Nacht noch oft genug rufen." Sie presste ihre glänzenden Lippen an die seinen und obwohl er mit einer Vorgabe gerechnet hatte, kam ihre Antwort selbst für ihn überraschend. Sie lässt nichts anbrennen. Ich muss ihrer Bitte folgen, um mich nicht noch selbst aus dem Rennen zu nehmen.

Ihre Zunge ließ seine Lippen widerstandslos auseinander gleiten. Fast gleichzeitig verspürte er ihr Knie an der Innenseite seiner Oberschenkel. Jetzt sollten wir wirklich gehen.

Die Fahrt im offenen Cabrio dauerte eine knappe Viertelstunde und der Vorteil der schaltfreien Hand bei Automatikgetrieben wurde einmal mehr offensichtlich. Seine jüngste Eroberung ließ keine Zweifel an der Dringlichkeit ihrer Bedürfnisse aufkommen. Nur der kurzen Fahrtstrecke des Aufzugs in den ersten Stock war es zu verdanken, dass die beiden es noch in ihre Wohnung schafften.

Ohne Umweg drängte sie ihren Begleiter in das gefällig eingerichtete Schlafzimmer, um ihn mit einem sanften Stoß rückwärts auf das Doppelbett fallen zu lassen. „Gib mir fünf Minuten, um mich frisch zu machen", verschwand sie im Badezimmer.

Jetzt oder nie, sah er seine Chance gekommen, ihre Wohnung nach den Unterlagen zu durchsuchen. Ohne zu wissen, wo sie die benötigten Daten aufbewahrte, begann er die nächstgelegene Tür vorsichtig zu öffnen. Hier wohl eher nicht, drückte er die Tür zur Küche vorsichtig zurück ins Schloss. Ein Arbeitszimmer wäre ein guter Anfang für die Suche. Das Glück schien auf seiner Seite zu sein, als er den gesuchten Raum hinter der nächsten Tür entdeckte. Er verschaffte sich einen Überblick über die zahlreichen Papierstapel zu seiner Rechten. Ihm war klar, dass die Zeit nicht reichen würde, sich alle Zettel im Detail anzusehen. Stichprobenartig blätterte er durch die Stöße in der Hoffnung, einen Zufallstreffer zu landen. So wird das nichts, die Daten könnten hier überall sein. Ich muss sie zum Handeln zwingen. Fest entschlossen, seinen Plan umzusetzen, ging er zurück ins Schlafzimmer und wartete in Liegeposition auf ihre Rückkehr.

„Ich hoffe, du bist noch nicht eingeschlafen, weil es etwas länger gedauert hat?", rekelte sich die Schönheit im Türrahmen. Das kurze Schwarze hatte sie zwischenzeitlich gegen einen dunkelblauen BH mit passendem String-Röckchen getauscht.

„Wie könnte ich bei diesem Anblick an Schlaf denken", setzte er sich im Bett auf. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich auch für einen Moment in deinem Badezimmer verschwinde?"

Ihre zur spärlichen Garderobe passend lackierten Fingernägel zeigten lasziv in Richtung der Tür, aus der sie gekommen war. „Du findest den Weg doch sicher allein."

Im Vorbeigehen strich seine Hand zustimmend über den Spitzenrand ihrer halterlosen Strümpfe, ehe er im Badezimmer verschwand.

Wie interessant, dachte sie, und griff nach der Brieftasche, die ihm aus der Hose gefallen sein musste, als er rücklings ins Bett gekippt war. Da kann ich ja gleich mal nachsehen, ob er wirklich so jung ist, wie er behauptet hat. Hastig durchsuchte sie die Brieftasche nach einem Ausweis. Das sieht doch ganz... Erschrocken von ihrer Entdeckung zuckte sie zurück und gab sich gänzlich dem Entsetzen hin, das sich auch in ihren Augen widerspiegelte. Mit einem Mal war ihr klar, wen sie sich da eingeladen hatte. Sie spürte den eiskalten Schauer, der ohne Vorwarnung ihren Rücken hinunterlief, während die nackte Panik sie zu überwältigen drohte. Das... aber das... ist doch unmöglich. Wie in aller Welt... Es fiel ihr schwer, die Gedanken zu ordnen, die sich wie Wellen der Angst in ihrem Gehirn ausbreiteten. Die Daten..., schoss es ihr durch den Kopf. Ich muss die Daten vernichten!

In Todesangst sprang sie auf und lief in ihr Arbeitszimmer, wo sie die brisanten Unterlagen aufbewahrte, die der wahre Grund für sein Interesse an ihr waren.

Sieht so aus, als hätte der Hinweis, den ich platziert habe, seine Wirkung nicht verfehlt, stellte der Besitzer der Brieftasche fest, als er sein Date in Panik vorbeihasten hörte. Jetzt darf ich keine Zeit versäumen, sonst verlieren wir die Daten für immer. Lautlos öffnete er die Tür und folgte ihr ins Arbeitszimmer, wo er sie, mit dem Rücken zu ihm, über den Schreibtisch gebeugt vorfand. Der Schreibtisch stand direkt vor dem Fenster, in dem sie sich spiegelte. Es war ihm ein Leichtes zu erkennen, dass sie versuchte, die Unterlagen zu beseitigen. Er kam gerade noch rechtzeitig, um das Klicken des Feuerzeugs zu hören, mit dem sie die Seiten in Brand stecken wollte.

„Das sollten Sie nicht tun."

Mit einem Aufschrei wirbelte sie herum, und er konnte das blanke Entsetzen in ihren weit aufgerissenen Augen erkennen. „Keinen Schritt näher!", brüllte sie ihn an.

Erst jetzt war es ihm möglich, die Pistole in ihrer Hand zu erkennen, die sie auf ihn gerichtet hatte.

Ruhe bewahren, du kannst die Lage noch unter Kontrolle bringen. „Legen Sie die Waffe weg, ich verspreche Ihnen, dass ich nicht näher kommen werde", versuchte er sie zu beruhigen.

„Hinknien!", schrie sie, ohne auf seinen Vorschlag einzugehen.

„Los! Sofort runter auf die Knie!"

„Hören Sie, wir können..."

„Auf die Knie", unterbrach sie ihn und richtete die Waffe auf seinen Kopf.

Sie entsicherte die Waffe, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. „Bitte!"

Einlenkend hielt er die flachen Hände nach oben und folgte ihrer Anweisung. „Ich werde tun, was Sie verlangen. Es ist nicht notwendig, dass jemand verletzt wird."

„Halten Sie den Mund." Sie schob mit ihrem Fuß einen metallenen Papierkorb unter dem Schreibtisch hervor und begann einige der Seiten, die sie zuvor bereitgelegt hatte, mit dem Feuerzeug zu entzünden. Sie nahm billigend in Kauf, dass es länger dauerte, da sie weiterhin mit der Waffe auf den knienden Mann zielte.

Als wäre die Lage nicht bereits angespannt genug, begann just in diesem Moment sein Mobiltelefon zu läuten.

„Ich sollte rangehen", sagte er mit ruhiger Stimme.

Wortlos fuhr sie mit dem Verbrennen der Seiten fort.

„Ich muss diesen Anruf entgegennehmen", drängte er, als das Telefon zum dritten Mal geklingelt hatte.

„Blödsinn!" Ihr leerer Blick ließ keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen.

„Lassen Sie mich abheben", beschwor er sie mit verzweifelter Stimme.

„Denken Sie nicht einmal daran!", brüllte sie hysterisch.

Das Telefon läutete zum fünften Mal und sein flehender Blick bettelte förmlich um ihre Erlaubnis, den Anruf entgegennehmen zu dürfen.

„Ich habe keine andere Wahl, ich muss jetzt abheben." Trotz der Entschlossenheit in ihren Augen wagte er den Griff in die Hemdtasche, in der sein Handy zum sechsten Mal läutete.

Doch es war zu spät.

Sie konnte das Splittern der Fensterscheibe hinter ihrem Rücken nicht mehr gehört haben, denn das Projektil war durch eine kleine Öffnung an der Vorderseite ihres Schädels bereits wieder ausgetreten, noch bevor der Schall ihre Ohren erreicht hatte. Die angespannten Gesichtszüge erlahmten schlagartig. Aus dem scharf begrenzten Rand des kleinen, kreisförmigen Loches in ihrer Stirn begann Blut hervorzutreten, während ihr eingefrorener Blick durch den zusammensackenden Körper auf den Boden ausgerichtet wurde.

Wie eine Marionette, der man gleichzeitig alle Fäden gekappt hatte, fiel sie in sich zusammen, um einen Augenblick später regungslos liegen zu bleiben.

Mit Bedauern über den Ausgang der unglücklichen Affäre, machte er sich daran, den letzten Rest der brennenden Seiten zu löschen. Doch außer einem kleinen, nahezu komplett verkohlten Fetzen, hatten die Flammen nichts übrig gelassen.

Das kann es dir doch unmöglich wert gewesen sein?

Seine Augen blickten traurig auf ihren toten Körper. Erneut läutete sein Handy und er nahm das Gespräch entgegen.

„Alles in Ordnung bei dir, Alon?", meldete sich die vertraute Stimme.

Alon nickte, wissend, dass der Anrufer im Haus gegenüber jede seiner Bewegungen exakt beobachtete.

„Hast du die Unterlagen retten können?"

Ernüchtert hielt Alon den Fetzen Papier in Richtung Fenster.

„Ich habe so lange gewartet, wie ich es nur irgendwie verantworten konnte", versuchte sich der Scharfschütze auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses zu rechtfertigen.

„Es war nicht deine Schuld. Wir werden wohl auf Plan B zurückgreifen müssen."

„Du spielst auf die verschlüsselte Nachricht an?"

„Ja, auch wenn dieser Teilsieg teuer erkauft ist, so haben wir damit doch immerhin einen Anhaltspunkt", gestand Alon resignierend ein.

„Noch so ein Sieg und wir sind verloren."

***

„Ihre Auftraggeber werden zufrieden sein mit unserer Arbeit, Mr. Shahid."

„Das hoffe ich um Ihretwillen, Dr. Qian", bemerkte der etwa einen Meter sechzig große Shahid. Die beiden Männer näherten sich einer riesigen schwarzen Panzertür mit einem elektronischen Zahlenschloss.

Auf die Tür war mit leuchtend orange-roter Farbe ein Symbol aufgemalt. Bei schneller Betrachtung wirkte es wie ein Dreieck aus Kreisen, das von jeder Seite gleich aussah. Im Inneren des Symbols war ein kleinerer Kreis. Aus der Mitte dieses zentralen Kreises bildeten drei sichelartige Elemente weitere Kreise, deren Außenseiten jedoch nicht geschlossen waren. Darunter stand in großen Buchstaben Biohazard Level 4.

Die beiden Männer betraten einen kleinen Raum vor der Panzertür, wo weiße und blaue Schutzanzüge an der Wand hingen. „Der hier dürfte Ihre Größe haben", empfahl der Doktor und reichte dem klein gewachsenen Shahid einen blauen Anzug.

„Wofür sind die weißen Anzüge?", wollte Shahid wissen.

„Die brauchen Sie nur, um Zutritt zur Forschungsabteilung für hämorrhagisches Fieber zu erhalten."

„Klingt spannend", entgegnete Shahid und griff nach einem weißen Anzug.

„Italienische Maßanfertigung?", fragte Qian, als er sah, wie Shahid seine braunen Lederschuhe auszog.

„Diese Schuhe von der Stange ruinieren einem doch nur die Füße!", entgegnete Shahid und zog die weißen Laborstiefel an.

„Bitte treten Sie etwas zurück", warnte der Doktor, als er den Zugangscode für die Panzertür eintippte. Die schwere Tür setzte sich mit einem leichten Ruck in Bewegung und Shahid hörte, wie Luft in den Spalt gesaugt wurde. „Unterdruck?", fragte er.

„Eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme", antwortete Dr. Qian.

Die beiden betraten einen Raum, der etwa drei Meter lang und vier Meter breit war. Vor ihnen befand sich eine weitere Panzertür, deren Tastenfeld für die Codeeingabe unbeleuchtet war. Langsam schloss sich die erste Tür hinter ihnen und rastete mit einem tiefen Grollen ein. Erst jetzt aktivierte sich die Beleuchtung des Codeschlosses der zweiten Tür, und Qian tippte seinen Zugangscode ein. Die zweite Panzertür glitt zur Seite und gab den Zugang zum Labor frei.

Der riesige Raum war in grünes Licht getaucht. Einige Leute in Schutzanzügen arbeiteten an Mikroskopen und anderen medizinischen Geräten. „Hier entlang, bitte", gab Qian den Weg vor. Sie gingen an mehreren großen Maschinen vorbei, die Shahid wie überdimensionierte Kühlschränke erschienen. Die Maschinen bildeten einen langen Gang, an dessen Ende ein mobiler Operationstisch aufgebaut war. Auf dem Tisch lag ein etwa 30-jähriger dunkelhäutiger Mann. Seine Arme und Beine waren an den Tisch gekettet. Seinen Mund hielt ein Knebel weit geöffnet.

Neben dem Tisch standen zwei Frauen in blauen Schutzanzügen. „Das ist er?", fragte Shahid und zeigte auf den Mann am Tisch, dessen Augen ihn voller Angst anstarrten. Dr. Qian nickte.

„Sagten Sie nicht, er wäre..."

„Jünger?", fiel im Qian fragend ins Wort. „Wie ich Ihnen schon versicherte, Ihre Auftraggeber werden zufrieden sein."

Qian ging zu einem Regal aus glänzendem Edelstahl und öffnete eine Lade. Andächtig holte er ein Skalpell heraus und hielt es prüfend gegen das Licht des OP-Scheinwerfers. Danach gab er einer der Frauen ein Zeichen, die daraufhin eine Flasche mit Jod und einige kleine Tücher zum Operationstisch brachte.

„Reinigen", befahl Dr. Qian und deutete auf den Bauch des gefesselten Mannes. Sorgfältig betupfte die Frau die Stelle mit Jod. „Das reicht", stoppte sie Qian und prüfte mit seiner Hand die Stelle für den Einschnitt. Der Mann auf dem Tisch zuckte verängstigt zurück, als Qian ihn berührte, musste sich aber wehrlos seinem Schicksal fügen.

Qian setzte das Skalpell an und begann langsam die Bauchdecke zu öffnen. Blut trat aus der Wunde. Zentimeter für Zentimeter durchschnitt Qian die Bauchmuskulatur und immer mehr Blut floss seitlich am Körper des jungen Mannes herunter.

Der geknebelte Mann auf dem Tisch versuchte aus vollem Hals loszuschreien, konnte aber außer einem jämmerlichen Gestöhne nichts hervorbringen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und in seinen entsetzten Augen bildeten sich Tränen.

Flehend starrte er die Frau an, die neben dem Tisch stand. Sie schaute ihn einige Sekunden regungslos an, dann wischte sie wortlos mit ihrer Hand die Tränen von seinen Augen.

Dr. Qian hatte die Bauchdecke bereits mit zwei Metallklammern aufgespreizt. Durch ein Loch konnte Shahid auf die Gedärme blicken. „Ist dahinter schon die Wirbelsäule?", fragte er. Qian nickte und fuhr mit dem Skalpell in das faustgroße Loch. Er setzte zu einem Schnitt an. Der gefesselte Körper bäumte sich auf unter dem Druck des Skalpells.

Die zweite Frau eilte zum Tisch, um das Becken des Mannes niederzuhalten. Der Doktor musste den Schnitt erneut ansetzen. Wieder versuchte sich der Mann aufzubäumen, doch die Frau drückte ihn mit ganzer Kraft nieder.

„Geschafft!", freute sich Qian und zog ein kleines blutiges Stück Fleisch hervor.

Eine der Frauen entfernte die Klammern aus der Wunde und die Bauchdecke fiel zusammen. Sie deutete auf ein stählernes Tablett mit mehreren chirurgischen Nadeln und blickte zu Qian. Er nickte und wandte sich Shahid zu. „Kommen Sie", zeigte er mit der Hand auf ein blaues Gerät.

Kurz darauf hobelte eine Maschine hauchdünne Scheiben von dem Fleischfetzen, den Dr. Qian dem Mann entnommen hatte. Er befestigte eine der Scheiben auf einem Objektträger und legte ihn unter ein großes Mikroskop. Auf dem Monitor darüber sah Shahid nur einen unscharfen Fleck. Qian nahm auf der Tastatur des Mikroskops mehrere Einstellungen vor, und das Bild wurde schärfer.

„Das ist sie!", rief Qian schließlich aus.

Shahid blickte auf einen grauen warzigen Kreis, dessen Oberfläche von mehreren Narben in kleinere Segmente unterteilt wurde. Die einzelnen Segmente hatten asymmetrische, wabenähnliche Strukturen. „Das ist was?", fragte Shahid.

„Warten Sie einen Moment."

Geduldig blickte Shahid auf den grauen Kreis, der sich mit einem Mal entlang der vernarbten Linie zu teilen begann.

„Gesteuerte Evolution, Mr. Shahid. Damit ist es uns möglich, die Zellen schneller und gezielt zu vermehren."

„Und das bedeutet?", fragte Shahid.

„Die Zellen im Körper haben unterschiedlichste Funktionen, doch nur die wenigsten von ihnen können sich regenerieren. Wenn unsere Haut verletzt wird, bilden sich rasch neue Hautzellen und die Wunde verschließt sich. Ein abgetrennter Arm wird einem Menschen aber nicht mehr nachwachsen."

Qian ergänzte: „Wir wissen, dass die Natur einen Schutzmechanismus in komplexe Organismen eingepflanzt hat, der die Regenerationsfähigkeit der Zellen blockiert. Damit wird sichergestellt, dass komplizierte Strukturen wie ein Arm oder Nervenstränge im Rückenmark nicht nachwachsen können. Die Möglichkeit einer Missbildung wäre einfach zu groß."

Der Doktor ging zu einem kleinen Aquarium, in dem sich zwei Salamander befanden. Er griff hinein und holte eines der beiden Tiere heraus. „Beachten Sie seine Beine, Mr. Shahid, wir haben diesem Tier die Gliedmaßen abgetrennt, und sie sind einfach wieder nachgewachsen."

„Aber Sie sagten doch gerade..."

Qian unterbrach ihn. „Dieser Salamander ist in der Lage, die Regenerations-Blocker zu umgehen. Er kann seine Nervenzellen in nahezu jede spezialisierte Zelle umwandeln. Damit ist es ihm möglich, selbst innere Organe einfach nachwachsen zu lassen." Shahid schien Qian nicht folgen zu können.

„Er hat einen fast unbegrenzten Vorrat an Nervenzellen. Benötigt er einen neuen Knochen, so wandeln sich die Nervenzellen in Knochenzellen um und bilden ein neues Bein. Entfernen Sie ihm ein Auge, so beginnen seine Nervenzellen ein neues zu bilden."

Shahid begann zu begreifen.

„Leider ist es bisher nicht gelungen, diese Regenerations-Blocker auch beim Menschen auszuschalten. Es gibt allerdings Zellen im menschlichen Körper, die sich trotz aktivierter Blocker vermehren. Krebszellen sind dafür bekannt, dass sie unkontrolliert wachsen und sich dabei mit einer unglaublichen Geschwindigkeit reproduzieren. Krebszellen verlieren aber die Fähigkeit, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Diese Entartung der Zellen führt zu Tumoren. Meinen Wissenschaftern ist es gelungen, die Aggressivität einer Krebszelle mit der Funktion einer gesunden Zelle zu paaren. Unsere A-Zellen unterlaufen die körpereigenen Blocker und beginnen unverzüglich mit der Bildung neuer Zellen."

„A-Zellen?", fragte Shahid.

Qian seufzte. „Eine Hommage an die gute alte Zeit. Das A steht für arisch. Die A-Zellen steuern die Evolution. Jede neu entstandene Zelle wird von den Nachbarzellen überprüft und im Falle einer Missbildung von ihnen eliminiert. Aus Millionen von Zellen bleiben nur jene, die den Vorgaben der arischen Zellen exakt entsprechen. Nur diese ausgesuchten Zellen können sich dann weitervermehren und neue A-Zellen bilden. Durch die hohe Wachstumsrate der A-Zellen reicht es aus, wenn zu Beginn nur eine Hand voll arischer Zellen in einer Nährlösung mit Millionen anderer Zellen schwimmt. Binnen weniger Stunden vernichten die A-Zellen jedes unvollkommene Zellmaterial und produzieren weitere A-Zellen."

Qian ging zurück zum Monitor des Mikroskops. Die beiden ursprünglichen grauen Kreise hatten sich bereits viele Male geteilt. Shahid konnte sehen, wie einige dunklere Kreise andere Kreise angriffen und begannen sie aufzufressen. „Wirklich beeindruckend, Dr. Qian", gratulierte Shahid.

Der Doktor entfernte den Objektträger und entgegnete: „Ich sagte ja bereits, dass Ihre Auftraggeber zufrieden sein werden."

„Wie schnell haben Sie ihn fertig?", fragte Shahid, dessen Augen durch die Ausführungen des Doktors zu glänzen begonnen hatten. „Bringen Sie mir seine Zellen, und Sie haben ihn sechs Monate später zu Ihrer Verfügung."

„Ausgezeichnet", entgegnete Shahid.

„Und was machen wir mit ihm?" Shahid zeigte auf den Mann am Operationstisch.

„Unser Proband hat noch eine kleine Aufgabe zu erfüllen, Mr. Shahid. Bitte folgen Sie mir." Sie betraten ein unbeleuchtetes Zimmer, in dem riesige Glasbehälter standen. Shahid konnte zunächst nicht erkennen, wofür sie gedacht waren. Qian drückte auf einen Schalter und Shahid sah, dass es sich um Biotanks handelte. Sie waren fast alle gefüllt mit einer transparenten grünlichen Flüssigkeit. Viele der Behälter enthielten menschliche Körperteile, die an Kabel und Schläuche angeschlossen waren.

In dem Behälter rechts neben Shahid schwebte ein Frauenkörper in der grünen Flüssigkeit. Die Beine der Frau waren mit einem glatten Schnitt abgetrennt worden.

„An ihren Beinen arbeiten meine Kollegen noch", scherzte Dr. Qian, als er Shahids Interesse an der Frau bemerkte. „Hier entlang, bitte", drängte er Shahid weiterzugehen.

Sie durchschritten zwei weitere Zimmer und kamen zu einer Luftschleuse. Qian blieb stehen und drehte sich um. Shahid merkte, dass ihnen die beiden Frauen mit dem mobilen Operationstisch gefolgt waren. „Da ist ja unser Patient!", rief der Doktor aus und blickte auf den ohnmächtigen Körper, der vor ihm lag. Seine Wunde war bereits sorgfältig vernäht worden. „Danke, Sie können gehen", meinte Qian zu den beiden Frauen. Qian schob den Tisch in die Luftschleuse und forderte Shahid neuerlich auf, ihm zu folgen. „Keine Sorge, Mr. Shahid, wir haben ja weiße Anzüge." Er zeigte auf ein Schild, das mit Symbolen darauf hinwies, den hinter der Luftschleuse liegenden Raum nur mit weißen Schutzanzügen zu betreten.

Der Raum war sehr klein und bot gerade genug Platz für den mobilen Operationstisch und die beiden Männer. Auf einem kleinen Regal standen drei silberfarbene Zylinder, die alle das Biohazard-Zeichen vom Eingang trugen. „Bitte wählen Sie, Mr. Shahid." Shahid betrachtete sorgfältig die für ihn gleich aussehenden Zylinder und zeigte dann auf den linken. „Eine ausgezeichnete Wahl, Mr. Shahid. Wir haben es für die US-Armee entwickelt, es hat noch keinen Namen. Genau wie er." Der Doktor zeigte mit dem Finger auf den Körper, der noch immer regungslos auf dem Operationstisch lag.

Der Doktor begann den Zylinder an einem Ende langsam aufzuschrauben und holte eine deutlich kleinere Glasröhre heraus. Ein feines weißes Pulver wurde darin aufbewahrt. Vorsichtig öffnete Qian den Schraubverschluss der Glasröhre und führte einen kleinen Spatel ein, um etwas Pulver zu entnehmen.

Er streute es auf eine der Handflächen des immer noch regungslosen Mannes und verschloss das Glasrohr wieder sehr säuberlich.

„Den braucht er jetzt nicht mehr", entfernte er den Knebel. Der Mann auf dem Operationstisch begann schwer zu atmen. Ungerührt verstaute der Doktor das Glasrohr wieder in dem silbernen Zylinder. Danach blickte er auf die Uhr.

Der Mann auf dem Tisch begann leise zu husten und kam wieder zu Bewusstsein. Binnen weniger Sekunden wurde sein Husten stärker. Shahid sah, wie die Bauchdecke des Mannes durch den Husten gedehnt wurde und aus der frisch vernähten Wunde wieder Blut trat.

Der Mann kämpfte, den Hustenreiz zu unterdrücken und schlug wild mit dem Kopf hin und her. Immer weiter dehnte sich die Wunde unter dem Druck und begann bereits an einigen Stellen aufzureißen. Der Husten brachte einen blutigen, zähen Schleim zum Vorschein, während sein Körper wild zuckte.

Nach einigen Augenblicken wurde der Husten deutlich schwächer. Langsam entwich das Leben aus dem gequälten Körper. Seine Muskeln hörten auf zu zucken, und seine blutunterlaufenen Augen blickten starr an die Decke.

„Wirklich beeindruckend", stellte Shahid fest.

„Es wird durch die Haut aufgenommen, tötet und zersetzt sich danach", lobte der Doktor seinen Wirkstoff. „Im Blut ist schon nach wenigen Stunden nichts mehr davon nachweisbar."

Shahid nickte zustimmend.

„Ich lasse Ihnen gern etwas davon einpacken", bot der Doktor ihm an. Shahids Mundwinkel hoben sich erfreut. Dr. Qian ging zu der Sprechanlage an der Wand und drückte den Knopf. „Wir sind hier fertig, bringen Sie ihn zu den anderen."



***

Es war ein später Abend im Juli, an dem „Goliath und sein David", wie sie Ms. Furgerson liebevoll nannte, die Runde begannen. Sie machten nahezu jeden Abend einen gemeinsamen Spaziergang im Süden Londons, wenn das Wetter es zuließ. An den zunächst witzig anmutenden Anblick dieses ungleichen Duos hatten sich längst alle Nachbarn gewöhnt. David grüßte Ms. Furgerson freundlich und folgte Goliath, der den Weg schon auswendig zu kennen schien. Die Strecke bis zum Park verlief ereignislos wie immer.

Beim Betreten des Parks fiel David auf, dass die ansonsten ohnehin spärliche Beleuchtung diesmal gänzlich fehlte. Vollmond, dachte David. Wie praktisch, dass der Strom gerade heute ausgefallen ist. Immer wieder blieben sie stehen, wenn eine Wolke den Mond zur Gänze verdeckte und die Dunkelheit sie einhüllte. „Erinnert mich an die letzte Mondfinsternis", sagte David lachend zu seinem Begleiter, dessen Zug er an der Leine zwar verspürte, aber dessen Umrisse gänzlich von der Nacht verschluckt wurden. Ein undefinierbares Knacksen ließ David erschrecken. „Hallo, ist da jemand?", fragte er, ohne zu wissen, aus welcher Richtung er eine Antwort zu erwarten hätte. Stille. Während David versuchte, mit weit geöffneten Augen etwas zu erkennen, hoffte er darauf, dass die Wolke den Mond endlich freigab. Besorgt um Goliath, der wegen seiner Größe ein leichtes Ziel für streunende Hunde war, bückte er sich, um ihn hochzuheben. „Keine Angst, mein Riese", hauchte er in Goliaths Ohr, als er ihn an sich drückte.

Er wollte Goliath bereits wieder absetzen, als David erneut ein Geräusch vernahm. „Hast du das auch gehört?", flüsterte er. David meinte, dem zweiten Geräusch Schritte zuordnen zu können. „Hallo?", rief er erneut in die Finsternis - keine Antwort. „Sind Sie auch gekommen, um die Mondfinsternis zu betrachten?" Dass er seinen Humor nicht verloren hatte, beruhigte ihn angesichts der Tatsache, dass die Schritte unaufhörlich näher kamen. Erst jetzt bemerkte David, dass sie aus zwei verschiedenen Richtungen kamen. Er drehte sich instinktiv nach rechts, da die Schritte hier schon näher klangen. In diesem Moment gab die Wolke für einen Augenblick Teile des Monds frei, und David konnte schemenhaft Umrisse einer Gestalt erkennen, die sich ihm aus etwa zehn Metern näherte. „Mein Name ist David Wilder, ich gehe hier mit Goliath spazieren und hoffe, wir haben Sie nicht erschreckt", äußerte sich David in Richtung der Stelle, wo tiefe Schwärze längst wieder jede Sicht genommen hatte.

„Mr. Wilder?"

David drehte sich in die Richtung um, aus der er die vertraute Stimme von Mr. Grumble vernahm.

„Mr. Wilder, sind Sie das?"

„Ja!", antwortete David kurz.

„Bin ich froh, Sie zu hören, Mr. Wilder, das Licht ist ausgefallen, als ich im Park spazieren ging!", rief Mr. Grumble ihm zu. In diesem Moment erbarmte sich die Wolke und gab den Mond wieder vollständig frei. „Sieht so aus, als hätten wir jetzt wieder Licht", bemerkte David, als fast gleichzeitig auch die Parkbeleuchtung anging.

„In der Tat, Sie sind es!" Mr. Grumble musterte den einen Meter achtzig großen, immer leger gekleideten David Wilder. Auch wenn sich erste Geheimratsecken auf Davids kurz geschnittenem dunkelblondem Haupt abzeichneten, für Grumble, der schon Davids Großvater gekannt hatte, würde er immer der junge Mr. Wilder bleiben.

Grumble reichte David die Hand, der, so wie er, heilfroh war, ein vertrautes Gesicht nach seiner Wanderung in der Dunkelheit zu treffen. David setzte Goliath auf den Boden und schüttelte Grumble die Hand: „Guten Abend, Admiral." Grumble hatte bis zu seiner Pensionierung bei der Marine gedient und eine Menge Orden angesammelt, von denen er bei jeder Gelegenheit erzählte.

„Ihr Begleiter scheint eine Nachricht für Sie zu haben", scherzte Grumble und zeigte hinter David. Jetzt erst erinnerte sich David an die Gestalt hinter ihm und drehte sich um. „Da unten", bestätigte Grumble und zeigte auf Goliath, während David mit seinen Augen die Gegend nach jener unbekannten Gestalt absuchte, die sich ihm zuvor genähert hatte.

„Er ist weg!", rief David überrascht aus.

„Weg?", zeigte sich Grumble verdutzt und deutete abermals mit dem Finger auf Goliath „Aber da sitzt er doch."

Erst jetzt erkannte David, was er meinte und bückte sich, um den kleinen Zettel aufzuheben, dessen Ecke Goliath gerade mit seinen Zähnen bearbeitete. David erkannte, dass auf dem Zettel etwas von Hand geschrieben stand, doch das Licht reichte nicht aus, um es lesen zu können.

„Ich mache mich auf den Heimweg", verabschiedete sich der Admiral und streckte seine Hand salutierend zur Stirn.

„Leben Sie wohl, Admiral", kommentierte David sein eigenes Salutieren und sah dem Admiral hinterher.

„Du hast ihn doch auch gesehen", meinte er zu Goliath, der sich auf die Hinterbeine stellte, um an den Zettel in Davids Hand zu gelangen. David schüttelte den Kopf. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, wir knabbern nichts an, was andere wegwerfen oder noch verwenden." David suchte den nächsten Papierkorb, um das Papier dort zu deponieren. „Kein Wunder, dass die Leute alles einfach fallen lassen, wenn es hier nirgends Mülleimer gibt."

Unter der letzten Lampe, die schon beim Ausgang des Parks montiert war, fand er, wonach er suchte. Als er den Zettel schon über dem Papierkorb loslassen wollte, konnte er lesen, was darauf stand. David zuckte zusammen, lange starrte er fassungslos auf die Zeilen. „Das kann kein Zufall sein", murmelte er. „Die meinen mich." David steckte den Zettel in seine Brieftasche und machte sich mit Goliath auf den Heimweg.



***

„Ob Goliath wohl alleine klarkommt?", fragte David sich leise. Er ging nochmals seine generalstabsmäßig geplante Checkliste durch, bei der jeder Punkt mittlerweile vier Häkchen hatte. Während David Webcam Nummer acht einem finalen Funktionscheck unterzog, meinte er Goliaths traurigen Blick in seinem Rücken spüren zu können. Er drehte sich um und blickte auf ein Paar tiefschwarze Kulleraugen hinunter. „Keine Sorge", beruhigte David. „Es gibt keinen Raum im Haus und keinen Platz im Garten, wo ich dich nicht mit den Webcams sehe." David griff zu seinem Handy und hielt es dem glänzenden Augenpaar entgegen. „Siehst du, meine Software erkennt automatisch, wo du dich befindest und liefert mir das Bild der entsprechenden Kamera per Knopfdruck auf mein Handy. Ein Anruf bei Ms. Furgerson und zwei Minuten später ist sie bei dir." Goliath schien beim Namen von Davids Nachbarin kurz zusammenzuzucken. David lachte: „Kopf hoch! Wir holen sie ja nur im Notfall, wenn die Elektronik versagt, und wir beide wissen, dass das nicht der Fall sein wird."

„David!", hörte er Nataschas Stimme aus dem Erdgeschoss. „Willst du mir nicht endlich mit den Koffern helfen?"

„Komme schon!", rief David hinunter und beugte sich zu Goliath. „Na, dann pass mir gut auf unser Haus auf, mein Riese." Goliath hob zustimmend das rechte Ohr an, als David ihn zum Abschied auf den Kopf küsste.

„Wie lange willst du dich denn noch von diesem Tier verabschieden?", herrschte ihn Natascha an, als er nach unten kam. „Goliath ist sehr sensibel", rechtfertigte sich David.

„Du hast in den letzten zwei Wochen unser gesamtes Haus in eine Festung mit Infrarotkameras und Sensoren umgebaut, nur weil wir für drei Tage nach Wien fahren. Meinst du nicht, dass es gereicht hätte, zwei Schüsseln mit Futter und Wasser aufzustellen und Ms. Furgerson den Schlüssel zu geben?" Nataschas Logik war David nicht verborgen geblieben, er suchte aber bereits seit Wochen nach einem Vorwand, um das Haus sicherer zu machen. Eigentlich war David kein Freund von Kameras, aber jener Park-Spaziergang mit Goliath vor zwei Wochen hatte seine Einstellung zu diesem Thema grundlegend verändert.

Gern hätte er Natascha davon erzählt, um sich jemandem anzuvertrauen, aber David wusste, dass er sie damit nicht belasten konnte. Ihre regelmäßigen Besuche in der Selbsthilfegruppe schienen ihren Zustand zwar geringfügig zu verbessern, aber von einer Belastbarkeit mochte David nicht sprechen. Er beschloss daher, jede zusätzliche Aufregung und Verunsicherung von ihr fernzuhalten.

„David?" Er zuckte zusammen. „Hörst du mir überhaupt zu?" Natascha streckte ihm einen großen Koffer entgegen, den sie mit beiden Händen nur mühsam anheben konnte. „Wir versäumen unseren Flieger, wenn wir nicht endlich losfahren."

***

Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2019 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 5 secs