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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Ruhrzaster, Uwe Wittenfeld
Uwe Wittenfeld

Ruhrzaster



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Ela (09.06.2014, Pfingstmontag)


Dieser Auftrag noch, dann würde er sich zur Ruhe setzen. Welcher
Freiberufler  war  schon  in  der  Lage,  mit  unter  50  vom  aktiven
Berufsleben  Abschied  zu  nehmen  und  für  die  Zukunft  ausgesorgt  zu
haben?  Er  war  zufrieden  mit  seinem  Lebenswerk.  Schließlich  war  er
auch  der  Beste  in  der  Branche.  Der  10.  Juni  sollte  der  letzte  Tag  der
beruflichen  Schaffensperiode  werden.  Früher  hatte  er  sich  immer
vorgestellt, zum Abschluss einen richtig komplexen Fall zu lösen. Jetzt
war es nur ein Auftrag für einen Anfänger. Aber das Honorar stimmte
und wem sollte er noch etwas beweisen?
Spät  nachmittags  war  er  in  Frankfurt  gelandet  und  hatte  am
Flughafen eine unauffällige Oberklassenlimousine gemietet. Zeit genug,
um gegen Mitternacht in Bochum zu sein.
Ausgerechnet im Pott war der letzte Auftrag zu erledigen. Hier war
er aufgewachsen, in einer Zechensiedlung in Gelsenkirchen-Ückendorf.
Normalerweise  wäre  er  Kumpel  auf  einer  Zeche  oder  Opelaner
geworden, wie die meisten in der Familie. Da er in der Schule immer der
Beste gewesen war, hatte sich sein Klassenlehrer dafür eingesetzt, dass er
auf das Gymnasium kam. »Hömma, biste meschugge in Kopp? Red kein
Schmonses, mach erst mal Asche«, hatte der Alte getobt. Schließlich hatte
er sich beruhigt und war innerlich stolz, dass sein Sohn als Erster in der
Familie das Gymnasium besuchte. 
Neun  Jahre  lang  fuhr  er  dann  jeden  Schultag  mit  der  Linie  2  bis
Gelsenkirchen-Buer. Der Familienrat hatte beschlossen, dass er nach dem
Abitur an der Ruhr-Universität in Bochum studieren sollte. Da konnte er
ebenfalls mit der Straßenbahn hinfahren. Sein Vater erzählte allen, die es
hören  wollten  und  nach  dem  dritten  Glückauf-Pils  auch  denen,  die  es
nicht  interessierte,  dass  sein  Filius  ein  Abitur  mit  einem  Durchschnitt
von 1,5 gemacht hatte.
Er  selbst  als  Betroffener  wurde  natürlich  nicht  gefragt,  wie  er  sich
den weiteren Lebensweg vorstellte. Er wollte nur weg von seinen Alten,
weg aus diesem engen Zimmer, weg aus dieser spießigen Siedlung, weg
aus  dieser  trostlosen  Stadt,  der  nur  ein  königsblauer  Fußballverein  ein
gewisses Image verschaffte. Wohin? Egal! Es konnte nur besser werden.


Nach dem Abi fuhr er mit einigen Kumpels an die niederländische
Nordsee,  setzte  sich  ab  und  heuerte  in  Rotterdam  auf  einem  Schiff  in
Richtung Marseille an.
Seit damals war er nicht mehr im Ruhrgebiet gewesen. Fast stiegen
ihm  die  Tränen  in die  Augen, als  seine  Jugend  in Zeitraffer an  seinem
inneren Auge vorbeizog.
Die Fahrt verlief reibungslos. Trotz des tropischen Klimas, es waren
mittlerweile  37°C,  sorgte  die  Klimaanlage  dafür,  dass  kein  Tröpfchen
Schweiß sein makelloses weißes Hemd und den Maßanzug verunstalten
konnte.  Er  war  auf  dem  Kölner  Autobahnring,  als  sich  der  Himmel
verfinsterte.
Am  Autobahnkreuz  Breitscheid  bog  er  auf  die  A52  in  Richtung
Essen ab. Aus dem Hitzegewitter hatte sich ein veritabler Gewittersturm
entwickelt. Ganze Batterien von Blitzen zuckten aus den Wolken. Als er
aus dem A52-Tunnel in Essen auftauchte und auf die A40 abbog, dachte
er,  dass  Hollywood  den  Weltuntergang  nicht  besser  hätte  inszenieren
können.  Abgerissene  Äste  flogen  durch  die  Luft  und  blieben  teilweise
auf der Autobahn liegen. Fasziniert beobachtete er, wie die Bäume sich
im Wind bogen.
Ein  bestimmt  20  Meter  hoher  Baum  in  der  Nähe  der  Abfahrt
Gelsenkirchen verlor seine feste Verbindung mit dem Erdreich. Zunächst
neigte  sich  der  Stamm  wie  in  Zeitlupe,  um  dann  immer  schneller  zu
fallen  und  schließlich  in  die  Windschutzscheibe  einer  unauffälligen
Oberklassenlimousine zu krachen. Der Lärm der berstenden Scheibe und
des sich verbiegenden Blechs ging im allgemeinen Sturmgeräusch unter.
Der leere Sack des Fahrerairbags flatterte im Wind. Blut lief von der
Unterkante des glaslosen Fahrertürfensters über den hochglanzpolierten
Lack und tropfte auf den Asphalt des Ruhr-Schnellweges.
Nachdem  der  Sturm  sich  gelegt  hatte,  war  die  Nacht  vom  Lärm
röhrender  Motorsägen  und  Martinshörnern  erfüllt.  Für  die  Menschen
zwischen Düsseldorf und Essen sollten auch die nächsten Tage nicht nur
zu  einer  akustischen  Geduldsprobe  werden.  Die  Bahn  und  viele
Nahverkehrsunternehmen hatten den Verkehr eingestellt, Straßen waren
gesperrt.  Freuen  konnten  sich  die  Kinder,  da  die  Schulen  zunächst
geschlossen blieben.


Die zerschmetterte Limousine an der Abfahrt Gelsenkirchen wurde,
nachdem  der  einquetschte  Fahrer  geborgen  worden  war,  auf  das
Gelände  eines  Abschleppunternehmens  zur  weiteren  polizeilichen
Untersuchung transportiert. Dass sich überhaupt jemand die Zeit nahm,
das Fahrzeug zu inspizieren, lag daran, dass es noch nicht gelungen war,
den  getöteten  Fahrer  zu  identifizieren.  Die  Papiere,  mit  denen  er  den
Wagen in Frankfurt gemietet hatte, waren auf einen Paul Enkerting aus
Wien  ausgestellt.  Eine  Person  dieses  Namens  gab  es  jedoch  in  ganz
Österreich nicht.
Der  Techniker  fand  im  Kofferraum  einen  Aluminiumkoffer.  Der
Inhalt bestand aus einem zerlegten Präzisionsgewehr mit Schalldämpfer
und  Laserzieleinrichtung  sowie  einem  Briefumschlag  mit  einem  Foto
und einer Adresse in Bochum.


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