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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Rücksichtslos, Kirsten Slottke
Kirsten Slottke

Rücksichtslos



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Prolog


Leandras Bauch spannte, bis er sich bretthart anfühlte, als die nächste Wehe sie überrollte. Sie hielt vor Schmerz den Atem an. „Durch die Nase einatmen und ganz langsam durch den Mund wieder ausatmen“, sagte die ruhige Stimme der Heb-amme. Irgendwann während der letzten Wehen musste sie unbe-merkt das Zimmer betreten haben. Leandra versuchte zu gehorchen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Diesmal gelang es besser. Sie nutzte die Wehenpause zur Entspannung und um Kraft zu sammeln. Sie beobachtete die stämmige Frau mittleren Alters, deren kurzes dunkelblondes Kraushaar an eine Perücke erinnerte. In den vergang¬enen Monaten hatte die Hebamme sie beinahe täglich besucht. Ursprünglich wollte Leandra die Geburt allein durchstehen, weshalb sie nicht um Hilfe rief, als es mit den Wehen losging. Irgendwem jedoch war ihr unterdrücktes Stöhnen aufgefallen und hatte denen Bescheid gesagt. Ihr Bauch krampfte sich wieder zusammen, und sie atmete tief ein und aus. Diesmal gelang es ihr gut. In der nächsten Pause untersuchte die Hebamme sie. „Der Muttermund ist bei acht Zentimetern“, bemerkte sie nüchtern, während sie den blutverschmierten Handschuh abstreifte. „Schaff sie in den Kreißsaal“, knurrte eine tiefe Stimme aus Richtung Tür. Leandras Atem stockte und ihre Hände krallten sich in das Leintuch des Bettes. Ein zweiter Mann, der große Glatz-köpfige, kam ins Zimmer, hob sie aus dem Bett und setzte sie in einen Rollstuhl. Die nächste Wehe ließ sie zusammen-klappen, sodass sie beinahe auf den Boden glitt. Starke Arme hielten sie zurück und schnallten sie fest. Ein Schrei, eine Mischung aus Schmerz und Angst, entwich ihrer Kehle. Nein, dachte sie, nein, nein, ich will nicht. Warum hilft mir denn niemand? Sie wurde an dem großen dunklen Mann vorbei-geschoben und Leandra begann, unkontrolliert zu zittern. Ein Panik¬anfall brachte sie zum Hyperventilieren und einzig ihre Atem¬geräusche durchdrangen die Stille des langen düsteren Flurs. Dann verlor sie die Besinnung. Der Wehenschmerz brachte sie jäh ins Bewusstsein zurück. Grelles Neonlicht strahlte in ihr Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen, ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und sie atmete hektisch ein und aus. Eine Ohrfeige warf ihren Kopf zur Seite. „Stell dich nicht so an, du Schlampe!“ Leandra blickte direkt in die hellgrauen Augen des großen Mannes. Mehr konnte sie nie erkennen, da er immer eine Chirurgenmaske trug. Er drehte sich um, ging drei Schritte von ihr weg und beobachtete das Geschehen aus einigen Metern Entfernung. Nach einer Stunde hatte sie den Kopf ihres Kindes herausge¬presst, und ein angedeutetes Lächeln umspielte ihre Lippen. Zwei Minuten später hörte sie den Schrei eines Neugeborenen durch den Raum hallen. Leandras Augen wanderten stolz zu ihrem Kind, sie streckte ihm ihre Arme entgegen. Doch die Hebamme trug es zum Untersuchungs-tisch, wo der große Mann schon wartete. Sie spürte, dass sich jemand an ihrem Arm zu schaffen machte, und wandte den Kopf. Ihr Blick traf auf dunkelbraune Augen. „Ich gebe Ihnen was zur Beruhigung.“ Dann verspürte sie einen Einstich in der Ellenbeuge. Ihre Lider wurden immer schwerer, bis es ihr unmöglich war, sie noch offen zu halten. Samstag 03.12.2011 Kira stand am Fenster ihres kleinen Wohnzimmers und wartete. Angespannt und innerlich zerrissen blickte sie auf die Straße hinaus. Beinahe wurde ihr wieder schlecht, als sie an die vergangenen Wochen zurückdachte. Ihr Exfreund hatte sich unmöglich benommen, nachdem er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Er gab ihr die alleinige Schuld daran und verlangte von ihr, die Schwangerschaft zu beenden. Als sie sich weigerte, verprügelte er sie dermaßen, dass sie kaum mehr imstande war, das Haus zu verlassen. Eine Freundin, bei der sie Hilfe suchte, drückte ihr eine Telefonnummer in die Hand. „Die haben auch Esther geholfen“, meinte sie kurz. Und wirklich. Keine Stunde nach ihrem Anruf hielt ein großes dunkles Auto mit schwarz getönten Scheiben vor dem Haus. Eine Frau stieg aus und läutete. Kira öffnete, noch bevor der letzte Klingelton verstummte, und blickte in das runde Gesicht einer Frau mittleren Alters, deren freundlich lächelnden Augen von feinen Fältchen umgeben waren. Das dunkelblonde, dauergewellte kurze Haar schien nicht so recht zu ihr zu passen. Die Frisur machte sie älter. „Fräulein Blum?“, fragte die Frau und Kira nickte. „Ich bin Irene Kowatz vom Frauenhaus. Sie haben mich vorhin angerufen, weil Sie Hilfe benötigen?“ Der Satz hing in der Luft, und Kira brachte zunächst kein Wort heraus. Sie wägte kurz das Für und Wider ab. Dann bat sie Frau Kowatz in ihre kleine Wohnung. „Ja. Ich habe Sie angerufen, weil ich mir nicht mehr zu helfen weiß. Ihre Nummer hat mir eine Bekannte gegeben.“ Die beiden standen noch immer im Vorraum der Einzim-mer¬wohnung. Kira schloss die Wohnungstür. Ihre kleine zierliche Hand, die zu ihrem feingliedrigen Körperbau passte, umklammerte noch immer den Türgriff. Unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, atmete sie tief durch und fuhr sich nervös durch das kurze, widerspenstige rote Haar. Ihre Besucherin, die zunächst abwartend reagiert hatte, begann mit ruhiger Stimme Fragen zu stellen. „Wie kann ich Ihnen helfen? Was sind Ihre Probleme? Sie machten am Telefon vorhin einige Andeutungen, dass Sie ein Kind erwarten und ihr Freund nicht mit der Schwangerschaft ein¬verstanden ist?“ „Ja.“ Kira wand sich innerlich. Sie hasste es, wenn sie andere um Hilfe bitten musste. Aber diesmal ging es nicht nur um sie, sondern auch um das kleine Wesen, das in ihr heranwuchs. Sie knetete nervös ihre Finger und bat Frau Kowatz schließlich ins Zimmer. An der einen Wand stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Das Einzimmerappartement war zwar klein, aber gemütlich und ordentlich eingerichtet. „Nehmen Sie bitte Platz. Darf ich Ihnen etwas zu Trinken anbieten?“ „Gern, wenn Sie etwas mittrinken“, antwortete Frau Kowatz und setzte sich. Dann blickte sie Kira ernst an und wartete. Nach einigen Minuten, die Kira wie eine Ewigkeit vorkamen, stieß sie hervor: „Ich bin schwanger. In der vierzehnten Woche. Und mein Freund, besser gesagt mein Exfreund, will, dass ich das Kind abtreibe.“ Eigentlich war ihre Schwangerschaft schon weiter vorangeschritten, aber das ging vorerst niemanden etwas an. Kira hatte ihren Zustand einige Wochen verheimlicht, da sie Kevins Reaktion geahnt hatte. „Aber Sie haben sich für das Kind entschieden“, erwiderte Frau Kowatz. „Ja.“ Mehr sagte sie zunächst nicht. Ihr Gegenüber wartete ab. „Kevin droht mir damit, mich umzubringen, wenn ich das Kind behalte. Deshalb habe ich mit ihm Schluss gemacht. Das Kind kann doch nichts dafür, dass wir nicht aufgepasst haben. Aber er verlangt trotzdem, dass ich das Kind abtreibe.“ Ihre Finger spielten nervös mit der Tischdecke. „Warum will er das Kind nicht?“ „Weil er Angst hat, dass ich ihn auf Unterhalt verklage. Pah. Bei ihm ist doch nichts zu holen.“ Innerlich zunehmend angespannt kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. „Ich habe sogar behauptet, dass das Kind nicht von ihm sei. Dann hat er mir eine runtergehauen, dass mir heute noch der Kiefer wehtut und mich als Hure beschimpft.“ „Aber?“ „Geglaubt hat er es mir nicht. Er würde jemanden kennen, der das Problem beseitigen könne. Daraufhin habe ich ihn rausgeworfen.“ Naja. Sie hatte ihn gebeten zu gehen und versprochen, seinen Vorschlag zu überdenken. Kira schniefte und Irene Kowatz umfasste ihre Hände. Diese vertrauensvolle Geste brachte bei ihr das Fass zum Überlaufen. Sie spürte, wie sich Tränen in ihren Augen ansammelten, und schon kullerten diese nass über ihre Wangen. „Und … vorgestern … ist er dann … hier aufgetaucht … und hat mich … verprügelt. Ich … habe … mich… gerade noch … ins Bad … in Sicherheit bringen … können.“ Kira kramte in ihrer Stoffhose nach einem Taschentuch und putzte sich geräuschvoll die Nase. Frau Kowatz tätschelte ihre Hand. „Und aus Ihrer Familie kann Ihnen niemand helfen?“, fragte sie leise. „Die! Die kümmern sich doch einen Dreck um mich!“ Vielleicht übertrieb sie damit ein wenig, aber ihre Eltern anzurufen würde bedeuten, den Fehler, sprich Kevin, einzugestehen. Kira erinnerte sich zurück. Es war kurz nach ihrem acht-zehnten Geburtstag gewesen, als sie mit ein paar Arbeits-kolleginnen in der Frankfurter Innenstadt unterwegs war. In einer dieser kleinen Diskotheken hatte sie Kevin das erste Mal gesehen. Und sich sofort in ihn verliebt. Dass er sie überhaupt eines Blickes würdigte, verwunderte sie damals sehr. War er doch von einer regelrechten Mädchentraube umgeben. Er sah einfach perfekt aus. Mit seinen dunklen Haaren, die ein wenig zu lang und lässig nach hinten gekämmt waren. Mit seinem durchtrainierten Körper überragte er die ihn umgebenden Mädels um mindestens einen halben Kopf. Die linke Hand in der Hosentasche lehnte er in seinem engen Shirt und der Jeans an der Theke und strahlte alle mit seinen ebenmäßigen Zähnen an. Sie wusste es noch, als wäre es gestern gewesen. Während sie an ihrer Cola nippte, beobachtete sie ihn, und plötzlich stand er vor ihr und bat sie auf die Tanzfläche. „Dein rotes Haar gefällt mir“, murmelte er. Eine Stunde später standen sie in einer schummrigen Ecke und knutschten miteinander herum. Kira fühlte sich wie im siebten Himmel. Der Absturz kam am nächsten Tag, als Kevin sie zuhause besuchte. Ihre Eltern freuten sich zunächst mit ihr. Dann begannen sie jedoch, ihren Freund auszufragen. Was er beruflich mache? Er hatte keinen Beruf. Ob er noch zur Schule gehe? Nein. Er würde Gelegenheitsjobs annehmen. Lernen müsste er nichts mehr. Wie er sich denn ein Auto leisten könne oder gar seine Wohnung? Mit den Jobs könne er sich hervorragend über Wasser halten. Die Mienen ihrer Eltern verzogen sich immer mehr. Von der anfänglichen Freude konnte sie nun nichts mehr sehen. Und Kira? Sie hatte alles durch eine rosarote Brille gesehen. Nachdem Kevin gegangen war, gaben ihre Eltern ihr klipp und klar zu verstehen, was sie von ihm hielten. Und wie hatte sie reagiert? So wie achtzehnjährige Frauen reagieren. Sie war voll auf Konfrontation gegangen. Aber ihre Eltern waren nicht von ihrem Standpunkt abzubringen: Kevin taugte nichts! Einige Wochen lang ließen ihre Eltern sie in Ruhe. Wahrscheinlich hofften sie, dass sie zur Vernunft kam. Als sie dann jedoch ständig später nach Hause kam und sie zudem noch einige Klausuren in den Sand setzte, platzte ihrem Vater der Kragen. Er stellte ihr ein Ultimatum: Entweder traf sie sich weiter mit diesem Kevin, oder sie konzentrierte sich auf ihre Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten. Und wenn sie zu ihrem Freund hielt und die Ausbildung schleifen ließ, dann könnte sie ihre Koffer packen. Und was hatte sie getan? Drei Tage später packte sie alles, was sie besaß und verschwand mitten in der Nacht, ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen. Seither hatte sie kaum mehr Kontakt zu ihnen, und sie konnten auch nicht herausfinden, wo sie wohnte. Kevin hatte ihr diese Wohnung besorgt, die sie gerade so von ihrem Ausbildungsgehalt finanzieren konnte. Die Ausbildung wollte sie schon zu Ende bringen, damit sie einen Beruf hatte. Ganz so dumm war sie nicht. Aber – Kira barg den Kopf in ihren Händen, als sie zurückdachte – dumm genug. „Alles in Ordnung?“, fragte Frau Kowatz. Kira nickte hinter ihren Händen. Anfänglich hatte sie alles durch eine rosarote Brille gesehen. Es war auch alles wunderbar. Kevin trug sie auf Händen. Doch bereits nach wenigen Wochen war sie abends immer öfter allein. Er kam nur noch vorbei, um mit ihr ins Bett zu gehen. Und als sie ihn darauf ansprach und meinte, es sei besser, Schluss zu machen, hatte er ihr eine deftige Ohrfeige verpasst. „Ich bestimme, wann Schluss ist! Kapiert?“ Mehr sagte er nicht. Doch sein Tonfall und die Backpfeife verursachten ihr ordentliches Unbehagen. Die nächsten Tage verliefen wieder besser, aber dann vergaß Kira die Pille zu nehmen, und er ignorierte diese Tatsache komplett. Jetzt saß sie da, in dem ganzen Schlamassel! Sie wusste weder ein noch aus. Und zu ihren Eltern traute sie sich am allerwenigsten. Auf gar keinen Fall würde sie das tun. Da war sie ein ausgesprochener Feig-ling. „Haben Sie wirklich niemanden, der Ihnen helfen kann?“, fragte Frau Kowatz erneut. Kira schüttelte schluchzend den Kopf. „Ich kann Ihnen helfen.“, meinte die Frau und streichelte sanft über ihren Kopf. Diese Geste brachte Kira erneut zum Aufschluchzen. „Und wie?“ „In unser Frauenhaus nehmen wir ausschließlich schwangere Frauen auf, die ansonsten niemanden haben, an den sie sich wenden können. Frauen wie Sie. Wir kümmern uns um diese Frauen, bis das Kind auf der Welt ist. Und danach helfen wir ihnen natürlich auch.“ Kira starrte sie durch einen Vorhang aus Tränen an. „Wer ist wir?“ Frau Kowatz holte tief Luft. „Nun. Hauptsächlich kümmere ich mich um die Frauen. Unterstützt werde ich dabei von einem Gönner, der jedoch unbekannt bleiben möchte. Er stellt das Gebäude, in dem die Frauen untergebracht werden, zur Verfügung und finanziert alles.“ Nachdem sie ausgesprochen hatte, wartete sie Kiras Reaktion ab. Diese beruhigte sich allmählich. „Ich muss die Wohnung hier noch kündigen. Die Miete muss ich wahrscheinlich noch für die kommenden drei Monate bezahlen.“ „Darum kümmern wir uns. Sie sollen sich voll und ganz auf ihr Kind konzentrieren.“ „Aber meine Ausbildung würde ich gern abschließen.“ „Das … das ist kein Problem.“ Der letzte Satz war ein wenig zögernd über Frau Kowatz’ Lippen gekommen, sodass Kira sie etwas skeptisch ansah. Daraufhin nahm die Frau ihre Hände und versicherte: „Das ist überhaupt kein Problem! Es ist schließlich wichtig, dass Sie Ihr Kind allein versorgen können.“ Kira nickte erleichtert. Dann klingelte ihr Handy. Sie erkannte Kevins Nummer und drückte ihn weg. Der Anruf erleichterte ihr die Entscheidung. Kira fürchtete um ihr Leben und um das des Ungeborenen. „Kann ich gleich mitkommen?“ „Selbstverständlich. Packen Sie ein, was Sie brauchen, und was Sie vergessen haben, bekommen Sie von uns.“ „Kommen wir noch einmal hierher?“ „Um …?“, Frau Kowatz ließ den Satz in der Luft hängen. „Um den Rest abzuholen.“ „Aber natürlich“, versicherte sie rasch. „Wir können alles, was sie mitnehmen möchten, bei uns zwischenlagern.“ Kira sprang auf, plötzlich von einer unbändigen Energie erfasst. Sie trank den Rest Wasser aus ihrem Glas und spülte noch schnell ab. Anschließend packte sie ihre Kleider in zwei Koffer. In einen dritten und in ein paar Stofftaschen wan-derten ihre Kosmetika, ein alter Plüschhase sowie ein Bild ihrer Eltern. Viel besaß sie nicht. Die Wohnung wurde möbliert vermietet, und ihr Geschirr würde sie später holen. Sie folgte Frau Kowatz zu dem schwarzen Auto, einem Audi. Die Scheiben waren komplett verdunkelt. Als sie Platz nahm, stellte sie fest, dass sich zwischen Rück- und Vorderreihe eine Glasscheibe befand. Das irritierte sie zunächst, doch Frau Kowatz erklärte, dass es sich um das Privatfahrzeug des Gönners handelte, der bei Fahrten seine Ruhe haben wollte. Kira sank erschöpft auf den Rücksitz. Alle Anspannung war mit einem Mal von ihr abgefallen. Frau Kowatz nahm auf dem Beifahrersitz Platz, dann fuhr das Auto los. Der Fahrer, ein breitschultriger Mann mit kahlrasiertem Kopf, würdigte sie keines Blickes, was ihr durchaus recht war. Er steuerte das Auto sicher durch die Straßen. Kira fühlte sich erleichtert, diese Entscheidung getroffen zu haben. Sie schloss die Augen und streichelte sanft über ihren noch flachen Bauch. Nun wird alles gut. Mit einem Mal fühlte sie sich so müde, dass sie außerstande war, die Augen nochmals zu öffnen, und schlief ein. * Katharina Bergen schlenderte die Zeil, die große Frankfurter Einkaufsmeile, entlang. Auf der Suche nach einem passenden Weih¬nachtsgeschenk für ihren Lebensgefährten Philipp starrte sie missmutig in die Schaufensterauslagen. Die feuchtkalte Luft an diesem Samstagmorgen hatte sich bereits einen Weg durch ihren Steppmantel gebahnt. Ihre langen hellblonden, von einzelnen dunkleren Strähnen durchzogenen Haare wurden durch einen kalten Windstoß verwirbelt. Fröstelnd zog sie ihren Wollschal enger um den schlanken Hals. Was könnte sie ihm bloß schenken? Ihr Blick fiel auf die Bilder-ausstellung eines Fotografen, und ihr Gesicht erhellte sich. Das ist es! Wenig später verließ sie lächelnd den Laden und steuerte die nächste U-Bahn-Station an, um nach Hause zu fahren. Vor vier Monaten war sie zu Philipp gezogen. Seither hatte das Wort daheim eine völlig neue Bedeutung für sie erhalten. Wenn sie an die dramatischen Umstände vor eineinhalb Jahren zurückdachte, unter denen sie sich kennen und lieben gelernt hatten, lief ihr noch heute ein kalter Schauer über den Rücken. Als sie die Treppe zu Philipps Haus hochging, musste sie lachen. Sie tat es schon wieder. Er regte sich immer auf, wenn sie das Haus als seines bezeichnete. „Wir wohnen beide hier, und nach der Hochzeit wird die Hälfte auf dich übertragen. Also gehört es uns“, erwiderte er jedes Mal. In einem halben Jahr würde es soweit sein. Nachdem sie die Eingangstür hinter sich geschlossen und Mantel und Schuhe ausgezogen hatte, ging sie ins große Wohnzimmer. Geschirrklappern wies ihr den Weg zu Philipp. Sie spähte durch den Türschlitz. Ihr wurde ganz warm ums Herz, als sie den großen, schlanken dunkelhaarigen Mann dort stehen sah, der eben einen Salat zubereitete. In dem Moment drehte er sich mit strahlendem Gesicht um. Sie ging rasch auf ihn zu, wurde sofort an seine Brust gezogen und stürmisch geküsst. Am Nachmittag, nach ihrer üblichen Joggingrunde im Grüneburg¬park, stand Katharina nackt im Bad und föhnte sich die Haare. Sie bemerkte, wie hinter ihr die Badezimmertür aufging. Philipp trat ein, warf ihr einen flüchtigen Blick zu, zog sich aus und ging unter die Dusche. Kaum hatte sie den Föhn in die Schublade geräumt, spürte sie, dass er hinter sie trat. Im nächsten Augenblick umarmte er sie, so nass wie er war. Katharina entfuhr ein kleiner Schrei. „Ihh, bist du kalt! Kalt und nass!“ Philipp lachte leise, schob ihre langen Haare zur Seite und küsste sie auf den Nacken. Seine nassen Hände wanderten über ihren straffen Bauch hinauf bis zu ihren Brüsten, die er sanft streichelte. „Wie viel Zeit haben wir noch?“, murmelte er an ihrem Hals. „Tante Rosalie dürfte in einer halben Stunde hier sein.“ Sie hatten Philipps Tante, die Schwester seines verstorbenen Vaters und seine einzige noch lebende Verwandte, übers Wochenende eingeladen. „Dann haben wir ja noch eine halbe Stunde …“, meinte er und intensivierte seine Küsse. „Vielleicht aber auch weniger. Ich habe keine Lust, deiner Tante nackt die Tür zu öffnen.“ Sie wand sich aus seiner sanften Umarmung, drehte sich um und zog seinen Kopf zu sich herab, um ihm einen kurzen Kuss zu geben. Ihre Lippen trafen sich. Doch bevor sich Katharina entfernen konnte, drückte er sie auch schon wieder stürmisch und eng an sich. Mit einem bedauernden Seufzer ließ er sie wenig später los und blickte sie mit seinen dunkelblauen Augen zärtlich an. Gleich darauf spürte sie einen Klaps auf ihrem nackten Hintern. „Zieh dir was an, bevor ich es mir anders überlege!“ * Als Kira wieder zu sich kam, konnte sie sich kaum bewegen. Ihre Glieder fühlten sich bleischwer an. Langsam öffnete sie die Augen. Dies gelang ihr nur mit äußerster Mühe, da sich ihre Lider wie zugeklebt anfühlten. Als sie es endlich geschafft hatte, wurde sie von Panik ergriffen. Dunkelheit umgab sie. Schwarze, tiefste Dunkelheit. Ihr war, als würde eine eiskalte Hand nach ihrem Herz greifen, und ihre Atmung beschleunigte sich unwillkürlich. Verdammt, wo war sie denn nur? Sie zwang sich, langsamer zu atmen und drückte die aufgeflammte Panik nieder. Zögernd bewegte sie Arme und Beine. Diese fühlten sich noch immer seltsam schwer an und irgendwie verkrampft. Sie lag lang ausgestreckt auf dem Rücken. Ihre Hände begannen die Umgebung zu untersuchen und ertasteten eine weiche Unterlage. Mit der linken Hand kam sie rasch an eine kalte harte Wand, ihre rechte fasste ins Leere. Ihr Kopf lag auf etwas Weichem. Sie musste sich in einem Bett befinden. Wieso liege ich in einem Bett? Wie bin ich hierher gekommen? Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war das schwarze Auto und ihre Abfahrt von der Wohnung. Augenblicklich ergriff sie Panik. Kalte Furcht umklammerte ihr Herz. Ganz still lag sie da und lauschte in die Finsternis. Außer ihrem eigenen Atem hörte sie nichts. Absolut nichts! Plötzlich näherten sich gedämpfte Schritte von rechts. Ein Schlüssel wurde in ein Schloss geschoben, und sie setzte sich rasch auf. Ihre Hände umkrallten das Leintuch, und mit den Augen versuchte sie, die Dunkelheit zu durchbohren. Eine Tür wurde geöffnet und sie konnte im Lichtschimmer eine Gestalt erkennen. Im nächsten Moment wurde es hell. Das grelle Neonlicht stach schmerzhaft in Kiras Augen, sodass sie sie augenblicklich zusam¬menkniff. „Na, endlich aufgewacht?“, sagte eine barsche weibliche Stimme, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Sie blinzelte. Über sich machte sie den Kopf einer Frau aus, durch deren kurze, lockige Haare das weiße Neonlicht seltsam schimmerte. Fast so als würde ein Lichtkranz den Haarschopf umgeben. Langsam konnte sie deren Gesicht besser erkennen, da ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnten. „Frau … Kowatz?“, stammelte Kira. „Ja. Und jetzt schwing deinen Hintern aus dem Bett!“ Ihre noch vor wenigen Stunden freundliche Miene hatte jegliche Nettigkeit verloren. Aus harten Augen und mit zusammen gekniffenen Lippen starrte Frau Kowatz Kira an. * „Großartig“, sagte Tante Rosalie strahlend zu ihrem Neffen Philipp und Katharina. Ihre wasserblauen Augen leuchteten, und die Lachfalten vertieften sich. Sie saßen im Restaurant an einem runden Tisch und beendeten gerade den Hauptgang, Kalbssteak mit Röstkartoffeln. Soeben teilten die beiden Tante Rosalie mit, dass sie im Juni heiraten würden. Das wussten sie zwar schon seit einigen Wochen, aber sie wollten es Philipps Tante persönlich mitteilen. „Das ist ja wunderbar! Ich freue mich so für euch! Wisst ihr schon, in welcher Kirche ihr heiraten wollt?“ Philipp und Katharina warfen sich einen flüchtigen Blick zu, der Tante Rosalie nicht verborgen blieb. „Nun ja“, begann Philipp zögerlich. „Wir werden nur standesamtlich heiraten.“ Er nahm Katharinas Hand und drückte sie. Tante Rosalies Stirn legte sich für einen Moment in Falten. Sie sah die zwei zunächst verwirrt an. Dann ordnete sie nachdenklich ihre dauergewellten dunkelgrauen Haare. Im nächsten Moment lachte sie über das ganze Gesicht und tätschelte die übereinanderliegenden Hände der Verlobten. „Ist doch egal“, meinte sie. „Heutzutage gehört das ja nicht mehr unbedingt dazu. Es wird auf jeden Fall ein rauschendes Fest geben.“ Sie winkte den Ober herbei und bestellte eine Flasche Champagner. Kurz darauf wurde der Korken an ihrem Tisch mit einem Plopp entfernt und der Inhalt perlend und schäumend in drei Gläser eingeschenkt. Tante Rosalie kicherte und wirkte mit einem Mal zehn Jahre jünger. Vergangenes Jahr hatte sie ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Sie war zwölf Jahre älter als ihr Bruder, Philipps verstorbener Vater. Nach dem Unfalltod von Philipps Eltern hatten die beiden sich gegenseitig Kraft gegeben. „Auf euch!“, prostete Tante Rosalie. Die Gläser klirrten dezent aneinander. Katharina nahm einen Schluck und genoss die prickelnde, kühle Flüssigkeit in ihrem Mund, die kleinen Kohlensäurebläschen, die sowohl Gaumen als auch Mundschleimhaut kitzelten. Als nächstes beugte sie sich spontan zu Rosalie und gab ihr einen Kuss auf die Wange, woraufhin sich deren Gesicht ein wenig rötete. Ihre Augen glänzten verdächtig feucht. Um seiner Tante Zeit zu geben, sich zu beruhigen, nahm Philipp die Dessertkarte und bestellte Mousse au Chocolat für alle. Während sie die Nachspeise und den Champagner genossen, planten sie beschwingt die bevorstehende Hochzeit.


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