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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Royal Guardians Aidan, Eva Maria Klima
Eva Maria Klima

Royal Guardians Aidan



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1. Kapitel: Aidan



Zufrieden küsse ich der schlafenden Schönheit neben mir die Stirn. Ihr blondes Haar, aufgefächert auf dem schwarzen Seidenkissen, funkelt im Schein der Morgensonne. Ich lasse meine Hand unter die Bettdecke auf ihre perfekten Brüste gleiten und streichle sie sanft. Umgehend verspüre ich ein Ziehen in meiner Lendengegend. Junge, die hat es mir echt angetan! Sie verkörpert alles, was mir an einer Frau gefällt. Zumindest im Bett. Blaue Augen, hellblonde Haare, lackierte Fingernägel, künstliche Wimpern und keinen zu hohen IQ. Mit ihr zu schlafen ist, als wäre man ein Rockstar. Sie ist genau das, was ich nach den Wochen der Entbehrungen brauche. Mein letzter Auftrag als Royal Guardian erstreckte sich über drei Monate.
Neunzig Tage, in denen ich keine Minute Freizeit, kaum Schlaf und wenig Zeit zum Essen hatte. Ganz zu schweigen von den unzähligen Prellungen und Platzwunden bis hin zu Knochenbrüchen und noch schlimmeren Verletzungen, die bei diesem Job manchmal unvermeidbar sind. Man weiß nie, ob man den nächsten Tag erlebt. Also lebe ich jeden Tag, als wäre er mein letzter. Ich verschwende meine Zeit nicht damit, mir Sorgen um die Zukunft zu machen. Das ist der Preis, den man bezahlt, wenn man für die geheimste Organisation des British Empire arbeitet.
Eine Organisation, die so geheim ist, dass sogar wir Guardians unseren Auftraggeber noch nie gesehen haben, geschweige denn wissen, wer er ist. Inzwischen kenne ich zwar einige meiner Mitstreiter, die ich im Zuge größerer Aufträge oder schwieriger Operationen getroffen habe, doch niemand außer P.C. kennt uns alle. Jedenfalls nehme ich an, dass es so ist. Vielleicht ist die Queen auch tatsächlich die Einzige, die über jeden ihrer Royal Guardians im Bilde ist. Aber das herauszufinden ist nicht meine Aufgabe. Es ist zudem verboten, Nachforschungen bezüglich der Royal Guardians anzustellen. Was mich, wenn ich ehrlich bin, nur umso wissbegieriger macht. Meine ausgeprägte Neugierde ist es, die mich zu diesem Job gebracht hat. Und ich liebe ihn, da ich Langeweile verabscheue. Mein Beruf besteht aus Nervenkitzel, ist aufregend und gefährlich. Es sei denn, man wird vorübergehend zum Bodyguard eines Mitgliedes der königlichen Familie berufen. Dann werden Sekunden zu Minuten und Minuten zu Stunden.
Verschlafen öffnet meine blonde Schönheit ihre Augen. Ihnen fehlt Tiefgründigkeit. Sie wirken flach und ausdruckslos. Doch das stört mich nicht. Um meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, benötige ich keine geistreiche Unterhaltung. Was ich von ihr will, ist ihr Körper, und den hat sie mir letzte Nacht mehrmals bereitwillig überlassen. So trägt auch sie ihren Teil zum Schutze des Königreiches bei, denn sie hilft mir Energie zu tanken. Manche brauchen Schlaf, um sich zu erholen und ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Ich brauche Sex.
Daher streichle ich ihr zärtlich über die Wange, warte, bis sich ihre Augenlider genussvoll senken, und küsse sie. Sofort legen sich ihre Arme um meinen Oberkörper und nehmen mich gefangen. Ich mag es nicht, eingeengt zu werden. Es gibt mir das Gefühl, als wolle sie ein Stück von mir für sich beanspruchen, also packe ich ihre Handgelenke und drücke sie neben ihren Kopf. Widerstandslos lässt sie es geschehen und gibt sich stöhnend meiner Führung hin. Gierig sauge ich an ihren Brüsten, als plötzlich meine Apple Watch vibriert und mir signalisiert, dass ich eine Mitteilung erhalten habe.
Das muss P.C. sein. Mein Chef bei den Royal Guardians. Blitzschnell richte ich mich auf und springe regelrecht aus dem Bett. Ein neuer Auftrag, so schnell? Glücklich grinsend fasse ich nach der Uhr, die auf einem Beistelltisch liegt. Worum es sich wohl diesmal handelt? Vielleicht soll ich eine Terrorzelle ausheben oder ein Phantom jagen. Ich kann es kaum erwarten, meine Instruktionen zu lesen.
»Was ist los?«, beschwert sich die Frau hinter mir.
Ich ignoriere sie und stürze mich auf die Nachricht von P.C. Augenblicklich verfliegt meine Euphorie. Soll das ein schlechter Scherz sein? Das kann doch wohl nicht wahr sein!
»Alles in Ordnung? Warum plötzlich so verspannt? Du siehst aus, als hätte man gerade einen Anschlag auf das British Empire begangen«, versucht sie, clever zu klingen und lacht über ihre Bemerkung.
»Schön wär’s«, keuche ich frustriert.
»Oje, Baby, was ist los?«, behandelt sie mich wie ein Kleinkind. Noch bevor sich ihre Hände auf meinen Rücken legen, lösche ich die Mitteilung.
Sie schmiegt sich an mich und lässt ihre Finger über meine Schulterblätter gleiten. »Wow, was ist denn das für ein cooles Branding! RG?«
Ausdruckslos drehe ich mich ihr zu, als sie aufgeregt auf- und abzuspringen beginnt. Ein Bewegungsablauf, dem sich ihre Brüste wunderbar anpassen. »Ich weiß es. Das heißt Riding Club.«
Abgelenkt von dem Spiel ihrer Oberweite, beiße ich mir auf die Unterlippe. Erst als sie mit den Armen wedelt und ›Habe ich recht?!‹ ruft, antworte ich: »Bei RG denkst du tatsächlich sofort an Riding Club?« Bei ihrem Akzent, mit dem sich Club wie Glub anhört, wundert mich das allerdings nicht.
»Ja!« Übermütig hüpft sie erneut.
Ich lege meine Arme auf ihre Schultern, damit sie stillhält, und presse stürmisch meine Lippen auf ihre linke Brust. Genussvoll knabbere ich an ihrer Brustwarze, während ich nuschle: »Mäuschen, Club schreibt man mit C.«
Ihr Körper ist genau das, was ich jetzt brauche, um mich von dem Schock zu erholen. Bodyguard Dienst. Wie kann mir P.C. das nur antun? Habe ich meine letzte Aufgabe nicht mit Bravour gemeistert? Vielleicht kann ich ihn ja überreden, den Auftrag Jason zu geben, der wurde doch vor Kurzem angeschossen und muss erst wieder zu alter Form zurückfinden. Der Job eines Bodyguards ist selbst für einen mitgenommenen Royal Guardian unterfordernd. Das ist, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.
Wütend erobere ich den Körper der Blondine, bis sie laut stöhnend unter mir zu beben beginnt. Dennoch hat mein Frust nicht nachgelassen, und ich versuche erst gar nicht, ihr in den Orgasmus zu folgen. Mir ist klar, diese Mühe wäre vergebens. Also lasse ich von ihr ab, schlüpfe blitzschnell in meine Klamotten und verlasse mit wenigen Worten des Abschieds das Hotelzimmer, obwohl ich bereits für die nächsten zwei Nächte bezahlt habe. Ein Betrag, der bei meinem Gehalt nicht ins Gewicht fällt. Ich steige in meinen schwarzen Audi RS7 und schüttle innerlich den Kopf über meine Bettgefährtin. Riding Club! Sind wir heute Nacht etwa mit einem Motorrad hierhergefahren?
Selbstverständlich besitze ich auch eine Maschine, aber die verwende ich nicht, um Frauen aufzureißen. Auf dem Rücksitz eines Autos finde ich es lustiger als auf der Sitzbank eines Motorrads.
Inzwischen hat mir P.C. alle weiteren Informationen übermittelt. ›Ich dachte, ich hätte ein paar Tage frei‹, schreibe ich zurück.
Mein Boss weiß, dass ich bei einem aufregenderen Job nie versuchen würde, auf Freizeit zu bestehen. Daher bekomme ich als Antwort ein zwinkerndes Emoji, das mir die Zunge zeigt. Damit will er mir wohl sagen: ›Jammere nicht, weil du lieber eine interessantere Aufgabe hättest, lies dir erst die Infos durch und geh dann an die Arbeit, Workaholic!‹
Scheinbar beschwere ich mich im Vergleich zu den anderen Guardians recht häufig, denn soweit ich bisher in Erfahrung bringen konnte, bin ich der Einzige, dessen Beschwerden von P.C. meistens nur mit Emojis kommentiert werden. Diesmal folgt jedoch sogar eine Nachricht in Worten. ›Hurricane, unterschätze die Angelegenheit nicht!‹
Neugierig lese ich mir die Informationen zu diesem Lord durch. Er hat seine letzten fünf Bodyguards innerhalb von jeweils höchstens vier Wochen dazu gebracht, den Beruf an den Nagel zu hängen. Zwei von ihnen sind danach zum Militär zurückgekehrt. Ich überfliege deren Berichte. Als ich den Namen eines dieser fünf Leibwächter lese, stocke ich. Diesen Mann kenne ich von meinen Einsätzen, bei denen wir mit der gefährlichsten Spezialeinheit der Welt, dem britischen SAS, zusammengearbeitet haben. Schlagartig ist mein Interesse geweckt. Jetzt will ich wissen, wie dieser Duke of Norfolk aussieht, der es geschafft hat, einen der härtesten Soldaten, die ich je kennengelernt habe, beinahe in einen Nervenzusammenbruch zu treiben. Der Hinterhalt, in den er in Afghanistan geraten ist, konnte ihn nicht zum Rückzug bewegen, aber die Selbstgefälligkeit und Arroganz dieses Mitglieds der Königsfamilie sehr wohl? Je mehr ich über ihn lese, desto faszinierender wird Rupert Fitzalan, Duke of Norfolk, für mich. In den letzten Wochen verübte man etliche Anschläge auf ihn. Die meisten davon verhinderte er selbst. Einem seiner Bodyguards rettete er sogar das Leben.
Nachdem ich die Informationen studiert habe, lösche ich auch diese Nachrichten und überschreibe sie mehrfach mit einem speziellen Programm zur Datenvernichtung, damit der Speicher keine Anhaltspunkte zur Wiederherstellung bietet. Auf diese Weise wird der Speicherbereich nicht nur freigegeben, sondern mit nutzlosen Daten belegt.
Dass ich die Informationen nicht mehr abrufen kann, ist mir egal. Ich vergesse selten etwas. Deswegen habe ich in der Schule immer zu den Spitzenschülern gezählt. Ein überdurchschnittliches Gedächtnis ist alles, was es dafür braucht.
In meiner Wohnung setze ich mich an den Computer und recherchiere ausführlich über meinen neuen Schützling. Interessanterweise scheint ihn die Öffentlichkeit kaum zu kennen. Auf den wenigen Fotos, die es von ihm zusammen mit seinem kürzlich verstorbenen Vater gibt, wendet er meist den Blick ab oder verschwindet halb hinter irgendwelchen dekorativen Gegenständen.
Mein Gefallen an diesem Auftrag wächst laufend. Ein geheimnisvoller Royal, dessen Familie etwas Düsteres anhaftet! Langsam wird die Angelegenheit interessant. Morgen stelle ich mich ihm als Bodyguard vor. Das heißt, ich habe zuvor noch ein wenig Zeit für mich. Weil es zu meiner täglichen Routine gehört, mich fit zu halten, beschließe ich zum Hyde Park zu fahren. Im Gegensatz zu vielen Agenten meide ich Fitnessstudios, so weit es möglich ist. Mich an Geräten zu verausgaben ist nicht mein Ding. Dazu begebe ich mich lieber ins Freie. Dort findet man unzählige Gelegenheiten, seine Muskeln zu stählen und sich auf Ausdauer zu drillen.
Im Hyde Park schnüre ich meine Laufschuhe fester und renne los. Immer wieder begegnen mir andere Jogger mit EarPods. Ich verstehe durchaus den Wunsch nach Zerstreuung beim Laufen, doch die Musik lenkt einen ab, irritiert die Sinne und lässt die Gedanken abschweifen. Deshalb verzichte ich normalerweise darauf. Momentan stehe ich aber zwischen zwei Aufträgen und darf mich ausnahmsweise einmal entspannen. Ich stoppe und aktiviere mein Bluetooth Headset, wodurch ich für einige Sekunden unaufmerksam bin.
Wie aus dem Nichts werde ich heftig angerempelt und komme ins Wanken. Dank meiner gut trainierten Reflexe schaffe ich es jedoch, mein Körpergewicht auszubalancieren, dem vermeintlichen Angreifer standzuhalten und ihm meinen Ellbogen in die Rippen zu rammen. Als ich mich schließlich in dessen Richtung drehe, kauert eine junge Frau in kurzen Hosen und Lauftop keuchend vor mir. Perplex betrachtet sie einen ihrer Handballen, von dem Blut tropft. »Sorry, ich habe Sie nicht gesehen«, stammelt sie verdattert.
Erschrocken knie ich mich neben sie und nehme ihre verletzte Hand. ›Wie heldenhaft von dir, dieses wehrlose Geschöpf unschädlich zu machen‹, schelte ich mich in Gedanken. »Es tut mir leid, ...«, stammle ich, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. ›... ich dachte, ich schalte meinen Angreifer vorsichtshalber mal aus‹ klänge wohl sehr merkwürdig. Eigentlich hätte ich sie gentlemanlike auffangen und vor ihrer eigenen Ungeschicklichkeit retten sollen, anstatt sie mit einem zusätzlichen Schlag außer Gefecht zu setzen.
Plötzlich fängt sie an, laut zu lachen. Ein Lachen, das wie ein Aufschrei beginnt und langsam an Lautstärke verliert. Mit gesenktem Kopf presst sie sich die Hände vor den Mund, um sich zu stoppen, aber sie schafft es nicht. Sogar einzelne Tränen rinnen über ihre Wangen.
Oh mein Gott, sie hat sich den Kopf gestoßen! »Ist Ihnen schwindlig oder schlecht?«
Wieder schreit sie beinahe auf, als sie ein neuer Lachanfall überkommt. »Keine Sor ... ge, mir ge ... ht es gut«, keucht sie, wobei sie die halben Wörter abtrennt oder gar verschluckt.
Dann endlich beruhigt sie sich. Grinsend hebt sie den Kopf und blickt mir direkt in die Augen. Es sind blaue Augen mit einer Tiefe, die mich ängstigt, voller Güte und Sanftmut, doch auch Dunkel- und Gerissenheit erkenne ich in ihnen. Sie funkeln wie Diamanten, schön und dennoch gefährlich. Wer weiß, wozu sie mich bewegen könnten. Ihre langen schwarzen Locken hängen wild um ihr Gesicht. Ein verräterisches Ziehen durchfährt mich, als sich ihr Grinsen in ein hinreißendes Lächeln wandelt. Ich will wissen, was sie denkt. Nicht, weil es mich drängt, sie zu verführen. Einzig zu verstehen, was an unserem Zusammenstoß so lustig ist, treibt mich an.



2. Kapitel Lydia


 


Nicht zu glauben, dass ich vor ihm auf dem Boden hocke, blute, und er mich ansieht, als sei ich geisteskrank. Nur einmal wollte ich mich wie ein ungeschicktes Mädchen benehmen, dazu über meine eigenen Füße stolpern und von einem gut aussehenden Mann Ende zwanzig aufgefangen werden. Erst neulich habe ich beobachtet, wie eine zierliche Frau einem Jogger entgegengetaumelt ist und von ihm heldenhaft gerettet und gestützt wurde. Genau das wollte ich auch einmal erleben. Der Zeitpunkt erschien mir passend, da mir heute erstmals in meinem Leben eine Möglichkeit geboten wurde, aus den Familiengeschäften auszusteigen, und damit auch die Chance auf ein normales Leben. Konzentriert, um nicht mit zu viel Schwung in den Mann zu stürzen, sondern ihn nur leicht anzurempeln, habe ich eine Bodenmulde übersehen und bin tatsächlich gestolpert. Im freien Fall flog ich auf ihn zu. Ich war mir sicher, ihn mit mir niederzureißen, doch der Kerl blieb gnadenlos stehen. Zuerst war ich an ihm wie an einer Betonmauer abgeprallt, dann rammte er mir obendrein noch den Ellbogen in die Rippen. Perplex schnappte ich nach Luft und konnte es nicht glauben, aber als ich mich wieder gefasst hatte, begann ich hysterisch zu lachen. Warum sollte es denn bei mir auch anders kommen? Zu meinem Leben gehörten noch nie kitschige Klischees. Ein Beispiel dafür ist schon, wie ich aufgewachsen bin. Jeder kennt diese Mafiafilme, in denen Mafiabosse ihre kleinen Töchter behüten und ihnen vorspielen, brave Bürger zu sein. Klar, dieses Detail stellt meistens nur einen minimalen Nebenschauplatz dar. Für mich jedoch waren diese Szenen das Tollste am ganzen Film. Sogar bei ›Starsky und Hutch‹ ergeht es mir so, obwohl das Pony, das für das Mädchen in der Garage versteckt ist, von den beiden unfähigen Polizisten erschossen wird. Diese Töchter werden von ihren Vätern wie Prinzessinnen behandelt und von allem Bösen abgeschottet. Diese Väter lieben ihre Töchter wirklich.
Auch ich bin die privilegierte Tochter eines Mafiabosses. Mein Name ist Lydia Moore. Da meine Mutter nie mit meinem Vater verheiratet war, trage ich offiziell nicht denselben Nachnamen wie er, aber für alle bin ich eine Marzzoni. Zu meinem elften Geburtstag gab es für mich eine große Torte mit Marzipanfiguren und eine Menge bunter Lampions, die überall in unserem Park an langen Schnüren in den Bäumen hingen. Meine gesamte Familie verfolgte gespannt, wie ich mein Geburtstagsgeschenk entgegennahm. Nur war es bei mir kein Pony, sondern eine Barrett M24. Eines der berühmtesten Scharfschützengewehre, und die Lampions dienten als weit entfernte Zielscheiben. Wehe mir, ich hätte damals danebengeschossen. Mein Vater hätte mich wochenlang täglich fünf Stunden zum Training geschickt. Und um ehrlich zu sein, ich hasse Marzipan.
Ja, während diese netten und freundlichen Mafiabosse in den Filmen alles taten, um ihre süßen Mädchen zu beschützen, konnte mich mein Vater nicht früh genug in die Familiengeschäfte einbinden. Eine Marzzoni muss wissen, wie das Business läuft. Auch einem Familienmitglied kann man nur zu hundert Prozent vertrauen, wenn es selbst Dreck am Stecken hat. Daher setzte er mich mit fünfzehn auf einen aufsteigenden Drogenhändler an, der unser Geschäft bedrohte. Gemeinsam mit einigen seiner besten Männer schickte er mich zu einem angeblich friedlichen Treffen. In Wahrheit war es ein Attentat, und es war schon genau abgesprochen, wie ich den Mann töten sollte. Bei der Vorstellung, jemandem das Leben zu nehmen, drehte sich mir beinahe der Magen um. Ich glaube bis heute, ich wäre dazu nie imstande gewesen, hätten die Gegenspieler nicht ebenfalls einen Hinterhalt geplant und zu den Waffen gegriffen, noch bevor wir es konnten. Im Zuge des Feuergefechtes und der Mann-gegen-Mann-Kämpfe tötete ich ihn, jedoch aus Selbstschutz.
Noch heute sehe und spüre ich, wie sein Blut über die Messerklinge, die ich ihm an jenem Tag ins Herz rammte, auf den Griff und weiter auf meine Haut rann. Dieses Gefühl der Endgültigkeit, als vor mir das Licht in seinen Augen erlosch, beschert mir fast jede Nacht Albträume. Ich bin einfach nicht zur Killerin geboren, doch wie sagt Vater immer: ›Eine Marzzoni muss das können.‹
Die Tatwaffe nahm er damals selbstverständlich sofort an sich, um auf Lebzeiten eine Erpressungsgrundlage gegen mich zu besitzen. Ja, die Liebe meines Vaters ist unergründlich.
Wie gerne würde ich zu einer rechtschaffenen Familie gehören. Auf den Luxus, die Butler und die tollen Autos könnte ich gut verzichten. Okay, nicht auf die tollen Autos, aber sicherlich auf den Rest.
Vor einer Stunde hat mir mein Vater zum ersten Mal angeboten, aus den Familiengeschäften auszusteigen. Im Gegenzug müsste ich nur noch einen letzten Auftrag übernehmen.
Vielleicht schlummert ja doch ein Hauch Liebe für mich in meinem Vater.
Ich soll ein Druckmittel gegen Rupert Duke of Norfolk finden, denn er droht, die bestehenden Verbindungen zwischen dem Königshaus und uns platzen zu lassen, wodurch sich unser Transport und Verkauf von illegalen Waren um ein Vielfaches verkomplizieren würde. Seit dem Tod seines Vaters macht der feine Lord meinem alten Herrn das Leben schwer. Der Duke soll ein aufrechter und standhafter Kerl sein, der sich von keinem etwas sagen lässt. Gelingt es mir, ihn durch Erpressung unter Kontrolle zu bringen, darf ich den Familienbetrieb verlassen, wenn nicht, verliert meine Zielperson ihr Leben, und ich meine wahrscheinlich einzige Chance auf ein normales Dasein.
Weil mich die Aussicht, von den familiären Bürden endlich erlöst zu werden, euphorisch gestimmt hat und ich diesem Lord erst morgen begegnen soll, wollte ich den Vormittag nutzen, um zu joggen, und wurde dabei übermütig. Das habe ich nun davon. Während andere Frauen heroisch aufgefangen und vergöttert werden, muss ich vermutlich froh sein, dass er mich nicht gleich mit einer Waffe bedroht oder gar erschossen hat. Aber wer weiß? Was nicht ist, kann ja noch werden.
Lächelnd betrachte ich den Mann, der nach Schutz und Geborgenheit aussieht und dies sicher jeder anderen unverzüglich angeboten hätte.
Plötzlich scheint auch er sich wieder zu fassen. »Geht es Ihnen wirklich gut?«, vergewissert er sich und hilft mir auf die Beine.
Unbewusst reibe ich mir die schmerzenden Rippen. Ob der Schlag unabsichtlich gewesen ist? Sehen kann ich seine Muskeln durch den Sweater nicht, da ich aber wie ein Insekt an einer Windschutzscheibe an ihm abgeprallt bin, gehe ich davon aus, dass an ihm kein Gramm Fett zu finden ist. Sofort mustere ich ihn von Kopf bis Fuß. Eine Schusswaffe entdecke ich unter seiner Kleidung ebenfalls nicht, aber unter seiner weiten Laufhose könnte er seitlich am Schienbein ein Messer verbergen. Meine Augen bleiben einen Moment zu lange an der kaum merklichen Wölbung hängen, an der sich die Falten anders legen, als sie sollten, denn er folgt meinem Blick. »Alles in Ordnung?«
»Ja!«, schnappe ich frustriert zurück. Zu diesem misstrauischen Wesen, das in jedem Fremden eine potenzielle Gefahr sieht, hat mich mein Vater erzogen.
»Es tut mir wirklich leid. Normalerweise fange ich fallende Ladys auf und ramme ihnen nicht noch den Ellbogen in die Rippen«, entschuldigt er sich.
Erneut beginne ich ohne Sinn und Halt zu lachen. Also bin ich die Erste, die dieser edle Ritter nicht gerettet hat. Voller Selbstironie lachend nicke ich ihm zu und hinke davon.
»Warten Sie!«, ruft er mir unerwartet hinterher und ehe ich weiß, wie mir geschieht, schwebe ich auf seinen Armen. Fürsorglich drückt er mich an sich und trägt mich rasch zur nächsten Parkbank. »Springen Sie beim Joggen öfter Männer an?«, neckt er mich, bevor er mich absetzt und mein Knie betrachtet, das noch von meiner Bruchlandung pocht. Vorsichtig bewegt er es.
Ich lasse es widerstandlos über mich ergehen. Anstatt zu entgegnen, ob er öfter kleine Mädchen zusammenschlägt, schießt mir Hitze in die Wangen. Warum werde ich rot? Seit Jahren ist mir das in der Gegenwart von Männern nicht mehr passiert.
Augenscheinlich entgeht ihm mein Farbwechsel nicht, denn er beginnt frech zu grinsen. »Ich denke, Sie haben sich nicht ernsthaft verletzt«, informiert er mich und zwinkert mir flirtend zu. »Sie hätten mich stattdessen einfach ansprechen können.«
Da er mit der Mutmaßung, mein Sturz wäre eine billige Anmache gewesen, ja tatsächlich recht hat, schnappe ich entrüstet nach Luft.
Er gibt vor, es nicht zu bemerken, und streckt mir die Hand entgegen. »Kommen Sie, ich begleite Sie zu Ihrem Auto ... oder zur Tube, ... oder wohin auch immer Sie müssen.« Das angenehme Timbre seiner Stimme versprüht Charisma und wirbelt in mir seltsame Emotionen auf. Auf merkwürdige Weise zieht es mich an. Seine dunklen Augen scheinen unterdessen direkt in meine Seele zu blicken. Doch genau das macht mir Angst. Wer weiß, welche Abgründe er dort entdeckt?
»Eigentlich wollte ich noch eine Weile rennen«, entgegne ich, um der Musterung zu entkommen, stehe auf und beginne langsam zu gehen, bis der Schmerz in meinem Knie nachlässt. Sofort spaziert er neben mir her. Also fange ich wieder an zu joggen. Ungefragt passt er sich meinem Tempo an und wechselt zum Du: »Lass uns gemeinsam laufen«, schlägt er vor, obwohl wir es schon längst tun. »Kommst du oft hierher?«
Ich nicke und erhöhe meine Geschwindigkeit.
Gelassen schließt er zu mir auf und redet weiter, als würden wir spazieren. »Ich normalerweise auch. Was hältst du davon, wenn wir ab und zu zusammen laufen?«
Verdutzt stoppe ich und mustere ihn. Mir gefallen seine dunkelblonden Haare und die dunklen Augenbrauen. Warum konnte ich nicht erst nach dem erledigten Auftrag in ihn rennen? Ich denke, er ist vermutlich das, was ich mir wünsche. Mein Traum – ein normaler Mann mit einem normalen Leben, ohne Waffen und Gefahren, aber dafür bin ich noch nicht bereit. Zuerst muss ich meine letzte Aufgabe erledigen, denn bisher hat es immer schlimm geendet, sobald ich mich auf einen wehrlosen Durchschnittsmann eingelassen habe. Meinen Ex-Freund habe ich durch meine Verbindung zur Mafia beinahe getötet. Solange ich zur Organisation gehöre, sind gewöhnliche Männer wie er für mich tabu. Noch einmal betrachte ich sein makelloses Gesicht, das mich sofort in den Bann gezogen hat.
Trotzdem darf man hoffen. Als Antwort stelle ich mich auf die Zehenspitzen, lege die Hände auf seine Wangen und küsse ihn. Es hätte nur ein Spaß werden sollen, aber seine weichen Lippen fühlen sich unverschämt gut an und bringen etwas in mir zum Vibrieren. Erschrocken lasse ich von ihm ab.
»Hätte ich dich doch erst in ein paar Wochen kennengelernt.« Mit diesen Worten renne ich los, während er noch völlig desorientiert zurückbleibt. Diesmal sprinte ich, um so schnell wie möglich von ihm wegzukommen, verschwinde zwischen ein paar Bäumen aus seinem Sichtfeld und löse mich für ihn praktisch in Luft auf. Denn, wie man verschwindet, habe ich von meinen Familienmitgliedern gelernt.


 


3.  Aidan



Ich stehe doch gar nicht auf dunkelhaarige Lockenköpfe. Wobei man das kaum noch als Locken bezeichnen kann. Ein wildes undefiniertes Wirrwarr aus Haaren.
Ich stelle mir vor, wie sich meine Finger in die dichte Haarpracht schieben, sich um ihren Hinterkopf legen, ihre Flucht verhindern und diese wohlschmeckenden Lippen zu meinen dirigieren. Warum habe ich es nicht rechtzeitig geschafft, sie festzuhalten?
Der laute Signalton der Apple Watch reißt mich aus meinen Tagträumen. P.C. hat mir gerade weitere Informationen zu dem Auftrag geschickt. Scheinbar soll ich den neuen Schützling morgen mit einem schwarzen Mercedes an seinem Palast abholen. Das Auto steht seit heute Morgen eine Querstraße entfernt für mich bereit. Auf dem Rückweg vom Park habe ich es durchgecheckt, um bei Dienstantritt auf keine unliebsamen Überraschungen zu stoßen. Wie sehr ich es hasse, mit fremden Autos unterwegs zu sein. Ich bevorzuge meine eigenen, bei denen ich jegliche GPS-Chips und auch allen anderen technischen Schnickschnack, der einem Verfolger verraten könnte, wo ich mich befinde, deaktiviert habe. Aber ein Bodyguard fährt für gewöhnlich nicht mit dem eigenen Auto. Normalerweise würde ich als Leibwächter neben dem Chauffeur sitzen. Doch der gnädige Lord weigert sich vehement einen Fahrer zu beschäftigen. Nicht aus finanziellen Gründen, denn sowohl Fahrer wie Leibwächter würde das englische Königshaus stellen, sondern weil er seine Privatsphäre liebt.
In Wahrheit bin ich froh, dass ich den Wagen selbst lenken werde, denn sollten wir tatsächlich in eine brenzlige Situation geraten, möchte ich nicht auf die Fahrkünste eines Unbekannten angewiesen sein.
Am nächsten Morgen chauffiere ich das Fahrzeug pünktlich die Einfahrt zum Norfolk-Anwesen hinauf. Auf dem Feld vor mir galoppiert ein unattraktiver dicklicher Herr mit Glatze und Mondgesicht um die vierzig in standesgemäßer Reitkleidung. Damit hätte sich auch geklärt, warum sich mein Schutzbefohlener auf Fotos vorzugsweise versteckt. Wobei sein Pferd eine wahre Schönheit ist.
Ich parke den Wagen vor dem Haupteingang und warte auf weitere Instruktionen. Es dauert nur wenige Minuten, bis ein großgewachsener Mann in brauner Lederjacke und Jeans, gefolgt von einem Butler, der einen augenscheinlich schweren Koffer zum Auto trägt, die Treppe herabeilt. Selbstverständlich steige ich sofort aus, um den Angestellten des Dukes of Norfolk zu Hilfe zu eilen.
»Sie sind spät!«, beschwert sich der Mann mit der Lederjacke.
»Entschuldigen Sie, mir wurde mitgeteilt, ich sollte um zehn Uhr vor dem Haupteingang sein.«
Frustriert schnaubt er und macht eine abfällige Bewegung, als wolle er fragen: ›Bin ich denn nur von Idioten umgeben?‹
»Abfahrt um zehn Uhr. Da erwarte ich mir doch zumindest, dass Sie eine Stunde früher erscheinen und nicht erst um neun Uhr fünfzig.«
»Entschuldigen Sie«, lasse ich mich auf keine Diskussion ein und will ihm nahelegen, den Duke über mein Eintreffen zu informieren, als ich im Seitenspiegel sehe, wie der Butler zu grinsen beginnt. In diesem Moment wird mir mein Irrtum bewusst. Ich verbeuge mich förmlich vor dem unhöflichen Kerl und öffne die Autotür für ihn. »Darf ich bitten?«
Für einen Sekundenbruchteil verlieren seine Gesichtszüge an Arroganz, ehe er anmutig einsteigt. »Woher wussten Sie, wie ich aussehe?«, interessiert es ihn.
»Ihr Ruf eilt Ihnen voraus«, entgegne ich kryptisch.
»Tatsächlich? Meines Wissens ist es umgekehrt.«
»Arroganz und egozentrische Selbstgefälligkeit sind schwer zu übersehen«, erkläre ich frech, nachdem ich selbst eingestiegen und startbereit bin. Sollte er sich bei P.C. beschweren, dass ich mich ungebührlich verhalte, wählt er beim nächsten Mal wenigstens jemand anderen aus, wenn er einen überqualifizierten Bodyguard braucht.
»Sehr wertvolle Eigenschaften«, prallt meine Bemerkung aalglatt an ihm ab. Skeptisch beäugt er mich von der Rückbank aus. »Ich hoffe, Sie haben auch einen anständigen Anzug im Gepäck.«
Tja, da hat er Pech, damit kann ich nicht dienen. Zwar habe ich als Royal Guardian viele maßgeschneiderte Anzüge im Kleiderschrank, aber weil ich mich als Bodyguard tarne, habe ich mir gestern in einem Einkaufszentrum extra einige billige von der Stange besorgt. Kein einfacher Bodyguard trägt einen Zehntausend-Dollar-Anzug.
Ich rümpfe die Nase. »Sagt der Mann in der Lederjacke.«
Selbstgefällig beginnt der Duke hinter mir zu lachen, ehe er mir endlich verrät, wohin wir fahren: »That Amazing Palace in Harlow. Dort findet eine Hochzeit statt.«
Ich nicke, um ihm zu signalisieren, dass ich verstanden habe.
»Sie werden nicht als mein Bodyguard auftreten, sondern als mein Neffe.«
Er lehnt sich nach vorne und diktiert mir eine Adresse, die ich in das integrierte Navi des Nobelschlittens eingebe. »Sie sind mein Lieblingsneffe, gehören zum bürgerlichen Teil der Familie und besitzen keinen offiziellen Titel«, informiert er mich.
Sekunden darauf ändert das Navigationsgerät die geplante Route und leitet uns von der Hauptstraße ab.
Zufrieden lässt er sich gegen die Rücklehne sinken. »In diesem Geschäft besorgen wir Ihnen erst mal etwas Ordentliches zum Anziehen.«
Eine halbe Stunde später verlasse ich den besagten Shop in einem teuren Anzug.
Kaum fahren wir weiter, beginnt er erneut zu sprechen. »Kennen Sie den Film, ›Die Hochzeitscrasher‹? Genau so ein Verhalten erwarte ich von Ihnen.«
Warum musste ich ausgerechnet den Verrücktesten aller Royals zum Babysitten bekommen? Jeden Moment wird er vermutlich verlangen, dass ich mir den Bart abrasiere, meine langen Haare schneide und mindestens drei Frauen aufreiße.
Verstohlen grinse ich in mich hinein. Was tue ich nicht alles für die Krone? Mein Leben mag sie fordern, aber meine Haare bekommt sie nicht.
»Eines noch ...«, überlegt er.
Wie ein braver Untergebener nicke ich. »Ja, Sir?«
»Sparen Sie sich jede falsche Höflichkeit. Da wir in einer Stunde Neffe und Onkel sein werden, sind wir ab jetzt per Du.«
»Sehr gerne«, bestätige ich und verkneife mir eine freche Bemerkung, die sich auf Rupert den Bären und den Weihnachtsmann beziehen würde. »Ihr Vorname ist Rupert?« Denn sehe ich mir Lord Norfolk mit den krausen Koteletten, die von seinen Ohren bis zur Hälfte seines Unterkiefers reichen, so an, hat er tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Bären. Als kleines Kind liebte ich diese Serie.
»Genau, und deiner Aidan. Wir fahren zuerst ins Down Hall Hotel & Spa. Dort habe ich für uns zwei Zimmer gebucht.«
Natürlich halte ich mich an seine Anweisungen. Stelle das Auto am Hotelparkplatz ab, hole das Gepäck aus dem Kofferraum und übergebe es dem Pagen. Ich will für Rupert zur Rezeption gehen, aber er besteht darauf, selbst einzuchecken. Mit einem hämischen Grinsen überreicht er mir den Schlüssel für ein Zimmer im ersten Stock, wohingegen seines im dritten liegt. Nach allem, was ich von ihm gehört habe, hätte ich eigentlich damit rechnen müssen.
Als ich um ein anderes Zimmer in seiner Nähe bitte, sind angeblich alle vergeben. Also überprüfe ich zuerst Lord Ruperts Suite auf Wanzen, Kameras und andere Gefahren. Anschließend nehme ich meinen Laptop zur Hand, hacke mich über das verschlüsselte WLAN der Hotelcomputer in deren System und reserviere mir die Suite neben seiner, deren Gäste in wenigen Stunden anreisen sollten. Dann begebe ich mich erneut zur Rezeption und bitte die Front Office Managerin, noch einmal nachzusehen, ob sie sich nicht doch vertan haben könnte. Schuldbewusst entschuldigt sich die nette Dame am Empfang mehrfach für das Missverständnis und händigt mir hektisch die neue Keycard aus.
Da mir die Zeit, die ich benötigt habe, um eine adäquate Unterkunft zu erhalten, fehlt, eile ich in meine Suite und ziehe mir in Windeseile den neuen Anzug an. Meine Waffe verstecke ich am Rücken unter dem Sakko, und mein Jagdmesser, das ich immer mitnehme, binde ich mir mit einem Lederhalfter an den Unterschenkel. Danach recherchiere ich über das Gebäude, in dem die Hochzeit stattfindet, und sehe mir die Blueprints davon und von unserem Hotel an. Ich bemühe mich, sie mir zu verinnerlichen, bis ich höre, wie die Tür des Nachbarzimmers geöffnet wird. Sofort lasse ich alles liegen und springe auf. Zeitgleich mit meinem angeblichen Onkel trete ich auf den Gang und genieße seinen sichtlich überraschten Blick, als er mich bemerkt.
»Es gab ein Missverständnis mit den Zimmern. Aber zum Glück konnte ich es klären.«
Einen Augenblick scheint er die Fassung zu verlieren, doch dann ist er wieder die Selbstgefälligkeit in Person. »Sind die Waffen nötig?«
Diesmal schaffe ich es nicht, meine Verwunderung zu verbergen. Für wenige Sekunden starre ich ihn perplex an. Eigentlich sollte er mein Messer und die Pistole nicht bemerken. Nur ein sehr geschultes Auge dürfte dazu fähig sein.
›Du bist Bodyguard. Er hat geblufft‹, tadle ich mich. Wie konnte ich auf seinen Trick hereinfallen? Man muss nun wirklich kein Hellseher sein, um zu vermuten, dass ein Bodyguard bewaffnet ist.
»Wer heiratet?«
Er nennt mir einen Namen, der mir sofort bekannt vorkommt. Wenn es sich um den handelt, von dem ich glaube, dass er es ist, verkehrt er in hochrangigen Mafiakreisen, und der Bräutigam soll dessen Neffe sein. Jetzt stellt sich nur die Frage, wie mein Royal zu so einer Einladung gekommen ist.
Während wir die paar Minuten bis zum Amazing Palace fahren, rufe ich mir alles ins Gedächtnis, was ich über die besagten Personen weiß.
»Wie lange betätigst du dich schon als Bodyguard?«, erkundigt sich Rupert, der nun neben mir sitzt, betont beiläufig.
»Seit fünf Jahren«, gebe ich die Information, die zu meiner vorübergehenden Identität gehört, weiter. P.C. hat wie immer ganze Arbeit geleistet und meinem temporären Ich eine fünfzehnseitige Agenda beigefügt. Sogar angebliche Kinderkrankheiten und Verletzungen sind angeführt.
»Bei wem hast du zuvor gearbeitet?«
»Herbert Fratison.«
»Dem Getränkemagnaten?«
»Ja«, entgegne ich, während ich mich über sein gesteigertes Interesse an meiner Person wundere.
»Wieso der Wechsel zum Königshaus?«
Irritiert blicke ich zu ihm hinüber. »Fragst du das ernsthaft?«
»Selbstverständlich. Fratison soll außergewöhnlich gut bezahlen.«
»Ja, aber wir sprechen hier vom britischen Königshaus. Hierbei geht es nicht nur ums Geld, sondern darum, etwas Wichtiges zu tun. Was kann bedeutender sein, als das Königshaus zu beschützen? Die Queen gibt unserem Land durch ihre Präsenz Hoffnung und Stabilität wie ein Wahrzeichen.«
»Die Queen würde es sicher lieben, als Wahrzeichen bezeichnet zu werden.«
Ja, dieser Fauxpas war Absicht, damit meine Antwort nicht zu perfekt klang.
»Ein Patriot also«, nuschelt der Duke, während er sich mit dem Handy beschäftigt.
Langsam lenke ich den Wagen die Zufahrt zum Veranstaltungsort hinauf zum Haupteingang des Gebäudes. Rupert fasst nach dem Türgriff. »Nicht vergessen, wir sind Verwandte. Bitte keine formellen Handlungen. Halte mir nicht die Tür auf und rede mich nicht mit Sir an, sondern mit Rupert. Nennst du mich auch nur einmal anders, sorge ich dafür, dass du nie wieder als Leibwächter arbeitest.«
Frustriert verdrehe ich die Augen. »Selbstverständlich, Onkel Rupert.« Ich bin doch kein Anfänger.
Ich übergebe dem Parkservice den Autoschlüssel und folge Rupert.
The Amazing Palace wirkt wie das Landhaus einer Adelsfamilie. Alles ist mit weißen Schleifen und Bändern verziert. Weiße Rosen schmücken die Eingänge - der Traum jeder Braut. Ein bekanntes Gesicht aus der Mafiabranche eilt sofort auf uns zu. »Rupert, du hast es geschafft! Mir kommt es vor wie gestern, als du dich noch hinter den Beinen deines Vaters versteckt hast.«
Er nimmt mich kurz in Augenschein. »Wer ist dein Freund?«
»Tomi, kannst du dich nicht an meinen Neffen Aidan erinnern?«
Nachdenklich wiegt der Kerl den Kopf. »Ich wusste nicht, dass deine Geschwister bereits erwachsene Kinder haben.«
»Meine Schwester war seit jeher heißblütig.«
Schlagartig scheint sein Interesse an mir völlig zu verfliegen. Diese Gelegenheit nutze ich, um nach unserem Wagen Ausschau zu halten. Zum Glück habe ich die Zweitschlüssel dabei. Sollte ein Notfall eintreten, werde ich nicht zuerst die Autoschlüssel zurückholen müssen.
»Das ist ein hübscher Ort für eine Hochzeit«, bemerkt Onkel Rupert beinahe herablassend, als ich den schwarzen Mercedes aus dem Augenwinkel entdecke.
Schuldbewusst zuckt Tomi mit den Achseln. »Ja, ich weiß. Wir hätten uns auch etwas Größeres gewünscht.«
Ich bin nun wirklich kein Hochzeitsexperte, aber für dieses Ambiente würden sicher viele Bräute töten.
»Danke, dass du gekommen bist. Nach der Zeremonie würde ich mich gerne kurz unter vier Augen mit dir unterhalten«, erklärt Tomi scheinheilig.
Rupert strafft selbstgefällig die Schultern. »Warum bin ich wohl hier?«
»Direkt, wie eh und je.«
Eigentlich lautet mein Auftrag für Ruperts Schutz zu sorgen, doch wie soll ich ignorieren, dass mein Schützling in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Dass die Welt nicht aus Schwarz und Weiß besteht, weiß ich schon lange. Sollte er jedoch mit seinen Handlungen der Krone schaden, würde ich früher oder später gezwungen sein, einzugreifen.
Wir betreten durch den Haupteingang das Gebäude, durchqueren einen mit Orangen- und Rosenbäumchen gesäumten Korridor und verlassen es durch ein beinahe ebenso großes Tor in einen prachtvollen Garten.
Vor einem weißen Pavillon sitzen bereits viele Gäste auf weißen Lederbänken. Ein Platzordner reicht uns ein Hochzeitsprogramm, von dessen Cover das glückliche Paar strahlt, und führt uns auf unsere Plätze. Unentwegt scanne ich das Umfeld, bis mich Rupert am Arm packt, mich spielerisch an sich zieht, als würde er mit einem Kumpel scherzen, und mir mit belustigter Stimme zuflüstert: »Wenn du dich weiterhin verhältst, als befänden wir uns in einem Kriegsgebiet, fliegen wir schneller auf, als du Hallo sagen kannst. Wir sind hier nicht von den üblichen leichtgläubigen Idioten umgeben. Fast jeder hier ist ein Profi.«
Ja, mein Lord scheinbar auch, denn für jeden anderen hier muss es wohl aussehen, als würde er sich mit seinem Neffen über erheiternde Anekdoten aus gemeinsamer Vergangenheit amüsieren.
»Selbst der Bräutigam könnte dich ausschalten, ohne seine Hände zu verwenden«, fährt er fort.
Das wage ich nun jedoch zu bezweifeln. Wenigstens scheine ich meine Rolle als Bodyguard überzeugend zu spielen.
Wir rücken in der Bankreihe nach innen bis zu den letzten unbesetzten Plätzen. So ergibt es sich, dass Rupert direkt neben einer Frau in einem knallroten Cocktailkleid zu sitzen kommt. Mehr als die gebräunte Haut, die gute Figur und die dunklen glatten Haare kann ich von meiner momentanen Position aus nicht erkennen. Mein Schützling versperrt mir die Sicht. Durch sein höfliches Nicken mutmaße ich, dass sie ihn gegrüßt hat. Ich glaube, er lächelt sogar. Wahrscheinlich ist sie genauso hinreißend wie ihr stilvolles Kleid.
Ich lasse mein Hochzeitsprogramm fallen, beuge mich nach vorne und nütze die Gelegenheit, die Lady unauffällig in Augenschein zu nehmen. Für einen Sekundenbruchteil sehe ich wunderschöne himmelblaue Augen, die mir ungemein bekannt vorkommen, bevor sie sich wegdreht und mit ihrem Begleiter spricht. Ich richte mich wieder auf und scanne weiter gelangweilt meine Umgebung, bis die Hochzeit beginnt und das Paar von dem Priester mit romantischen Worten über den Wert der Ehe aufgeklärt wird. Ich frage mich, wie ich die kommenden Stunden durchstehen soll. Nach einer Weile beteuert der Bräutigam der Zukünftigen mit eigenen Worten seine Liebe. Er philosophiert über die Tiefe seiner Gefühle. Darüber, dass sie ihm wichtiger sei als seine Blaser BS 97 Bergstutzen Imperial oder als sein Compoundbogen, den Sylvester Stallone in ›Rambo II‹ benutzt hat.
Tomi, der mit einigen extravagant gekleideten Männern zusammensitzt, wischt sich gerührt über die Wangen. Vermutlich streicheln sie gerade alle unter den Sakkos ihre Waffen. Ich kann mir ein Kichern kaum verkneifen.
Plötzlich übertönt ein helles Lachen das Liebesgesülze von nieder- bis hochkalibrigen Waffen und panzerbrechender Munition. »Pass auf, dass er dich nicht mit seiner Barrett betrügt«, keucht die Braunhaarige neben Rupert ungeniert.
...


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