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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Roman mit Todesfolge, Michael Kothe
Michael Kothe

Roman mit Todesfolge


Leberechts erster Mord

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Prolog Rauch. Rauch, der seine Lungen verätzte, und Qualm, der in seinen Augen brannte. Dazu diffuser Lärm, Schreie nicht in seiner Muttersprache. Aber an das nächtliche Geschrei und an das Jammern hatte er sich gewöhnt. Folter war zwar nicht an der Tagesordnung, aber ebenso wenig ausgeschlossen. Nur der Rauch, der passte nicht zu seinem Traum, er war zu körperlich, zu real. Also wachte er auf. Weder verzog sich der Rauch, noch verstummten die Rufe. Langsam kehrten seine übrigen Sinne zurück. Er schmeckte verbranntes Gummi und öligen Dampf, aus dem Geplärre hörte er hektische Tritte heraus, das Quietschen ungefetteter Scharniere, das Nachfedern eiserner Gitter beim Zuschlagen und vereinzelte Schüsse. Dumpf drängte sich seinem Gehör das Prasseln von Flammen auf, und endlich, endlich klärte sich sein Blick. Er erkannte seine Zelle, graue, stinkende Schwaden zogen durch das Gitter vom Korridor quer durch den kleinen Raum und verwehten draußen vor dem winzigen, hoch oben in die Wand gehauenen Fensterloch. Er war allein, die drei Betten über und gegenüber von seinem waren leer, die Zellentür stand offen. Noch schlaftrunken drehte er sich zur Bettkante, suchte mit den Zehen seine Schnürschuhe ohne Schuhbänder, denn die hatte man ihm vor Ewigkeiten bei seiner Inhaftierung abgenommen, und schlüpfte hinein. Schritte und Schreie wurden leiser, sie entfernten sich in Richtung des Gebäudeflügels, aus dem das Prasseln von Feuer, die Schüsse und unverständliche Rufe herüberdrangen. Ihm schien es, als würde der Rauch sich verdichten. Er musste hier weg! Ein kurzer Rundumblick genügte ihm, um anzuzeigen, dass er nichts mitzunehmen brauchte, ja, nichts hatte, das er hätte mitnehmen können. Einzig das Taschenbuch kam ihm in den Sinn, daran lag ihm viel. Ausgerechnet hier in einem lateinamerikanischen Land hatte er es in der Gefängnis­bibliothek gefunden. Zwei Tatsachen hatten ihn zuerst überrascht und dann fasziniert, bevor er eine dritte erkannte. Erstens bestand die gesamte Gefängnisbücherei aus einem einzigen Aktenbock auf Rollen, und zweitens stand darauf zwischen die Bücher in spanischer Sprache gequetscht genau dieses eine auf Deutsch. Mehr aus einer Laune heraus hatte er es gegriffen, die Absicht, es zu lesen, drängte sich ihm erst auf, als er den Einband aufgeklappt hatte. Spontan weckte das Schwarzweißporträt der Schriftstellerin Erinnerungen. Mit dem Zeige­finger fuhr er darüber, zog Kreise um das Gesicht. Es waren Erinnerungen an seine Schulzeit. Erst vage, dann immer dichter. Ein Pseudonym konnte lügen, sollte es sogar, denn das war sein Zweck. Ein Foto aber, genauer gesagt dieses Foto, war untrüglich: Frieda … Frieda Deutsch, seine ehemalige Klassenkameradin und seine erste Liebe. Seine Gefühle hatte er ihr nie offenbart. Er vergewisserte sich, dass die losen Blätter, beschrieben in seiner Handschrift – erste Seiten eines Manuskripts, seines eigenen – nicht aus dem Einband herausfallen konnten, und ließ das Buch in die Tasche seiner Cargohose gleiten. Hastig verließ er die Zelle, die er die letzten Jahre über als sein Heim zu bezeichnen gezwungen war. Vom Treppenhaus her, in dem die Stimmen und das Getrappel nach unten hin verstummten, quoll ihm dichter werdender Rauch entgegen. Er hustete, wurde sich klar darüber, dass er dort weder atmen noch bei der Sichtweite einer Unterarmlänge die Orientierung behalten könnte. Zum entgegengesetzten Flurende hin machte er keine Hindernisse aus, zumindest nicht bis zur Feuerschutztür. Er betete, dass sie nicht von außen durch abgestellte Möbel oder aufgetürmte Akten versperrt sei, und hastete der erwarteten Rettung entgegen. Den Schmerz in seiner Schulter ignorierte er. Wichtiger war, dass sein Körpergewicht immer noch ausreichte, erfolgreich gegen das stählerne Türblatt und den Türschließer anzukämpfen und die Tür öffnen zu können. Ein Stockwerk tiefer bot sich ihm das gleiche Bild wie auf seiner Etage. Ein Stöhnen ließ ihn verharren, und als er die Stimme erkannte, siegte sein Verantwortungs­gefühl über den Fluchtinstinkt. Echte Freundschaft war in diesen Mauern kaum zu Hause, aber Kameradschaft, wenn auch meist zweckgebunden, ließ einen das Leben leichter ertragen. Er ballte die Fäuste, als er sah, dass die Gefangenen auf ihrer Flucht nicht nur ihn, sondern auch den zweiten Deutschen seinem Verhängnis überlassen hatten, seinen einzigen Freund in dieser Hölle. Der lag in seiner Zelle und starrte reglos das Bettgestell über sich an. Als er eine Bewegung bemerkte, drehte er den Kopf und lächelte den Ankömmling an, der sich zu ihm herabbeugte und ihm die Arme entgegenstreckte. »Häng dich auf meine Schultern, ich schleppe dich hier raus.« »Vergiss es, mein Freund!« Sein Lachen ging in einem Husten unter, ein Faden blutigen Speichels löste sich langsam aus seinem Mundwinkel und sackte aufs Kissen. »Es ist zu spät. Lass mich, es ist mir eine Genugtuung, diese Hölle brennen zu sehen. Mit diesem Bild vor Augen verlasse ich die Welt gern.« Ein schleimiger Husten bäumte ihn zwei-, dreimal auf, in seinen Speichel mischte sich mehr und mehr Blut. »Du sieh zu, dass du Land gewinnst! Vorher, vorher aber muss ich dir etwas geben.« Mit der Rechten öffnete er seinen Hosenbund und nestelte an seinem Unterleib. Als er die Hand hervorzog, streckte er sie seinem Besucher hin. Seine Stimme war stockend, wohl gleichermaßen dem Bluthusten wie auch einem Lachanfall geschuldet. »Da haben sie ... da haben sie nie gesucht. Zim.., Zimmer 115. Pension Esplanade. Unter ... dem Bett ist eine Kassette ... eingelassen. Es ist nur ein kleiner Dank dafür, wie du mir in deinen zwei Jahren hier geholfen hast. Wem sonst sollte ich es auch geben? Und nun geh!« Länger als nötig drückte der Besucher dem Sterbenden die Hand. Dass er gegen die Lungenkrankheit, der sich nun die Rauchvergiftung hinzugesellen würde, nichts tun konnte, wusste er schon seit einiger Zeit. So zog er den Abschied lediglich ein wenig hinaus, bis die erschlaffte Hand einen winzigen Schlüssel freigab, der an zwei handlangen geflochtenen Kordeln hing. Deren Farbe glich der Haarfarbe des Toten, über diese Entdeckung wollte er sich aber keine Gedanken machen. So senkte er kurz den Blick in Erinnerung an einige gemeinsame Erlebnisse und drückte dann dem Toten die Augen zu. Der Weg aus dem Gefängnis führte ihn in den Flügel, in dem die Gefängnisverwaltung residierte. Offensichtlich war er nicht der Erste, der sich hier Zugang verschafft hatte. Blutspuren führten zur gegenüberliegenden Tür hinaus, Einschusslöcher in den Wänden und umgestürzte Möbel zeugten davon, dass Wärter und Personal der Revolte nicht gewachsen gewesen waren. In Zustimmung für die Absicht seiner Mitgefangenen, diese Hölle in Flammen zu setzen, lachte er grimmig. Auf den am Boden aufgehäuften Polstern zerstörter Schreibtischstühle tänzelten Flammen, als suchten sie in bewusster Absicht einen Weg zu dem hölzernen Mobiliar daneben. Eilig stieg er über angekohlte Ordner und einzelne Blätter, getrieben von der plötzlichen Eingebung, in einem der Schränke vielleicht seine Akte zu finden. Was er damit hätte anstellen wollen, war ihm selbst nicht klar. Sie mitnehmen? Oder sie vernichten, damit er nach einer Flucht nicht zur Fahndung ausgeschrieben werden konnte? Während er nacheinander die Schubladen des blechernen Aktenschrankes aufzog und die Hängeregister durchwühlte, schnüffelte er daran. Zweifels­ohne hatte sich der Brandgeruch auch hier festgesetzt, intensiver wehte er aber nun durch die Tür herein, durch die er gekommen war. Er schaute sich um. An den Wänden des Korridors waberte Flammenschein. Seine Suche musste er aufgeben, wieder musste er weg. Die Tür, durch die das Aufsichts- und Verwaltungspersonal geflohen war, stand offen. Sein Weg in die Freiheit, denn noch war der Qualm nicht so dicht, dass er gänzlich die Sicht genommen hätte. Fast hatte er die Tür erreicht, als er strauchelte. Mit dem Ellbogen fing er seinen Sturz an einem Schreibtisch ab, sein Blick suchte auf dem Boden das Hindernis. Auf einem Stapel von vier, fünf postkartengroßen, dünnen Büchern war er ausgerutscht. Er grinste, als habe er dem Gefängnisdirektor persönlich einen Schatz abgejagt. Instinktiv ging er in die Hocke, sammelte die Reisepässe ein und stopfte sie in die Seitentasche seiner Hose. Neben dem Taschenbuch trugen sie nicht weiter auf. Das Esplanade war eine abgewohnte Absteige in einem heruntergekommenen Viertel. Mehr Neugierde als Überzeugung hatte ihn hierher getrieben. Die Zwanzigdollarnote, gefunden im Büro der Gefängnisverwaltung, war das Einzige, was er außer dem Buch und den Pässen mitgenommen hatte. Als Kaution für einen Zimmerschlüssel in diesem Etablissement schien sie ihm überzogen, aber er hatte nicht im Voraus zu bezahlen, und immer noch konnte er sich auf Französisch empfehlen. Das Bett hatte er zur Seite gewuchtet – immer drei Seiten hochgestemmt und lautlos auf dem letzten Bettpfosten gedreht – und tatsächlich beim Abklopfen der Holzdielen einen Hohlraum erkannt. Dass er mit dem Flaschenöffner, den er in der Schublade des Nachttisches gefunden hatte, die Diele beim Heraushebeln ziemlich ramponierte, interessierte ihn nicht. Die Kassette gab es wirklich, der Schlüssel passte, und nun saß er auf dem Bett und zählte Geldscheine der US-Notenbank, der Bank of England und der Europäischen Zentralbank. So fand er im Nachhinein, dass seine zwanzig Dollar an der Rezeption eine verdammt gute Investition gewesen waren. Das Taschenbuch in seiner Hosentasche tauschte er gegen die Banknoten, stieg die Treppe hinab, grinste überheblich den selbsternannten Empfangschef an und überquerte die Straße zur schräg gegenüber liegenden Cantina. Als er es sich später mit einer Flasche Wermut, wenn auch nicht mit seiner Lieblingsmarke – aber wer denkt in diesem Land schon so weit? –, und einem Glas, das er unbemerkt von einem Tisch im Außenbereich der Cantina gegriffen hatte, auf dem Bett gemütlich machte, kam ihm ein Gedanke. Er holte die Pässe hervor und begann zu blättern. Ihn schauderte. Der zweite Pass hatte dem einzigen Freund gehört, den er im Gefängnis gehabt hatte und in dessen früherem Pensionszimmer er nun saß: Gottfried Liebermann. »Bitte, Señor. Schauen Sie noch einmal nach, ob alle Daten richtig sind!« Er blätterte in dem neuen Reisepass, fand sämtliche Angaben zu seiner Zufriedenheit und schenkte seinem Gegenüber ein bestätigendes Nicken. Unter den übrigen Dokumenten entdeckte er eine Urkunde, die ihm seine Begnadigung bescheinigte, wenn auch seine Freiheit eher mit dem Abbrennen des Gefängnisses und mit der darauf folgenden Amnestie wegen fehlender Unterbringung als mit einer Entlastung vom vorgeworfenen Drogendelikt begründet wurde. Für ihn war es unwichtig. »Soll ich die Gebühren bei Ihrem Sekretär bezahlen oder möchten Sie selbst …« »Das Geld nehme ich lieber selber. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es auch für mich ist, wirklich ehrliches Personal zu bekommen. Und bei dieser Summe …« »Das verstehe ich vollkommen. Schließlich hatten in der letzten Zeit in meinem Umfeld die wenigsten eine reine Weste.« Mit einem breiten Grinsen schob er ein Bündel Dollarnoten über den Schreibtisch. Sofort legte sein Gegenüber die Hand darauf und wischte das Geld hastig in die rasch geöffnete Schublade. Gerade so, als befürchtete er, von außen durchs Fenster beobachtet zu werden, oder als könnte sein unzuverlässiger Sekretär ins Zimmer stürmen und einen Anteil fordern. Beinah genauso eilig erhob sich nun der Gast, steckte die Ausweispapiere in die Innentasche seines Sakkos und verabschiedete sich nach einem kurzen Händedruck mit einer knappen Verbeugung. Bevor er die Türklinke niederdrückte, atmete er erleichtert auf. Alles ist gutgegangen. Entweder hat er meine „Korrekturen“ an dem angesengten Ausweis wirklich nicht bemerkt oder er hat sie nicht bemerken wollen. Egal, Hauptsache, die Papiere wirken echt. Neuer Name, neues Leben! Als ihm der Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland noch etwas nachrief, drehte er sich ein letztes Mal um. Erleichtert hörte er die Abschiedsworte. »Viel Glück für Ihre Zukunft, Señor Gotthilf Leberecht! Hasta la vista!«


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