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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Phasmida, Karin Holz
Karin Holz

Phasmida



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1


 


Der Wind weht über die braunen Felder und die blassgrünen Wie-sen. Aus den Wäldern steigen die Nebel hoch und legen sich schwer auf das Land – der tote Herbst ist da. Liebevoll blicken seine Augen den Toten an. Nach unten gebeugt, streichelt er den halb verwesten Körper. Das Gesicht seines jungen Liebhabers ist fast verschwunden. Von Maden zerfressen, liegt der Schädel im sanften, roten Herbstbett vor ihm. Langsam berührt er mit seinen Fingern die kalten Wangenknochen, streicht über die leeren Augenhöhlen und lässt seine Hände vorsichtig nach unten gleiten, um den verwesten Genitalbereich zärtlich mit seinen Finger-spitzen zu liebkosen. Er kniet auf dem nassen Boden und ertrinkt in seinen Träumen. Denkt an die erotischen Stunden mit dem Geliebten, die sein Leben erfüllten. In seine Welt versunken, wiegt er sich langsam in der Melancholie des Windes. Seine matten Lider fallen allmählich zu. Dichte Nebel umhüllen den leblosen Körper, die Dämmerung flüchtet in die Nacht. Leise flüstert er in die Stille. Träum manch sonnig Traumgebilde. Leis vom Himmel schwebt dahin jetzt die Nacht und neigt sich milde, Sterne lächelnd über ihm. Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt? Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Ver-lorenem im Dunkel unterbringen. An einer fremden stillen Stelle, die nicht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen. Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied... Nicht weinen mein Geliebter, überlasse es diesmal mir. Es ist das Ende, du musstest sterben. Aber das heißt nicht, dass du verschwunden bist. Andere Menschen werden dich finden, von dir träumen und dich immer lieben, so wie ich es getan habe. Such nicht nach mir, ich bin nicht mehr da. Lasse mich für dich leben. Er lässt von dem Opfer ab und faltet die Hände behutsam in sei-nem Schoss. Es ist ein trauriger, endgültiger Abschied. Bald finden sie ihn, er weiß es. Er zieht mit den Fingerspitzen den kaputten Stoff der Jeans über den leblosen Körper, als wolle er seinen toten Geliebten vor der Kälte schützen. Dann senkt er den Blick. Diese hochnäsige Gerichtsmedizinerin wird ihn auf dem kalten Metalltisch zerlegen. Alle Körperteile nebeneinander aufreihen und in kleine Stücke schneiden um die Todesursache feststellen zu können. Doch sie wird nichts finden. Nein, er ist sicher, dass die Polizei weiter im Dunkeln tappt und der Mord nicht geklärt wird. Langsam steht er auf, blickt ein letztes Mal auf den leblosen Körper, dreht sich um und geht langsam in gebückter Haltung durch das Wäldchen auf das angrenzende Feld zu. Mit einem Blätterzweig verwischt er die Spuren hinter sich. So wie er alle Spuren in seiner Traumwelt verwischt. »Eine Leiche liegt im Dickicht nahe der Autobahnausfahrt Hofolding«, er meldete sich von einer Telefonzelle aus bei der Polizei. »Er hatte seinen Spaß gehabt«, weiter sagte er nichts. Das Gespräch war kurz. Dann schleuderte er den Hörer gegen das Glas der Zelle und verschwand in der Menge der Menschen. Sie werden mich nicht finden. Ich bin wandelbar und unauffindbar. Während ich mich nach der Liebe junger Männer verzehre, werde ich nicht zulassen, dass mein Leben daran zugrunde geht. In Roses Bistro in der Nähe des Hauptbahnhofs bestellte er sich einen trockenen Rotwein und trank genüsslich aus dem hohen Kelch. Er plante seinen nächsten Mord, den er wieder im Herbst begehen würde. Getarnt, seiner Umwelt angepasst, so wird er durch das Leben wandern. Genauso wird es sein, einfach vollkommen. Heute werden sie wissen, dass es mich noch gibt. Die ganze Welt wird mich kennen.


 


2


Heike Bruhns arbeitete seit sechs Uhr morgens in ihrem Büro der Gerichtsmedizin. Draußen machten sich dicke graue Nebelschwaden breit und verwandelten den Himmel wieder in eine tiefschwarze Nacht. Sie saß vor ihrem Laptop und wertete den Neuzugang aus, den sie letzten Mittwoch bekommen hatte. Eine weibliche Leiche, Opfer eines Raubmordes. Die dreiunddreißigjährige Frau wurde erdrosselt in ihrer Wohnung nahe Oberschleißheim aufgefunden. Den Todeszeitpunkt konnte Dr. Bruhns genau datieren. Die junge Frau war vor achtundvierzig Stunden durch das Strangulieren mit einem Tuch getötet worden. Normalerweise fand man bei einem Mord mit breiten weichen Tüchern kaum Spuren. Doch das Opfer musste sich verzweifelt gewehrt haben, da am Hals das mehrfache Zuziehen eines Seidentuches zu erkennen war. Die Drosselmarke verlief annähernd horizontal. Bei der Obduktion entdeckte Heike Bruhns auch Brüche des Kehlkopfskeletts und am Zungenbein. An den Bruchstellen war geronnenes Blut im Gewebe. Unter den Fingernägeln des Opfers befanden sich Fasern des Mordwerkzeuges. Hinweise auf den Täter gab es nicht. Es würde die Aufgabe der Polizei sein, dies zu klären. Die Gerichtsmedizinerin tippte Seite um Seite den genauen Obduktionsbericht und versuchte dabei immer wieder, den Tathergang zu rekonstruieren. Das Mordopfer war zwei Jahre jünger als sie. Heike vergaß dabei die Zeit und bemerkte nicht, dass es bereits Mittag war. Um dreizehn Uhr kehrte die Medizinerin endlich in das alte Bauernhaus in Kreuzpullach zurück. Schon beim Öffnen der schweren, eichenen Eingangstür hörte sie das gemütliche Knistern der Holzscheite im Kachelofen, der sich in der Stube des alten Bauernhofes befand. Sie zog im Flur ihre warme Jacke aus und ging in die geräumige Küche. Ariane stand an dem alten Herd, lachte ihr zu, ließ sich aber von den Vorbereitungen für das Mittagessen nicht stören. »Hallo«, begrüßte Heike sie und drückte dabei ihren Kopf an Aria-nes Hals. »Es gibt etwas Leckeres, lass dich überraschen«, Ariane zog sie näher an den Herd. Ein Duft von mediterranen Gewürzen stieg ihr in die Nase. Der Holztisch in der großen Küche war sehr liebevoll gedeckt. Ein kleiner, herbstlicher Blumengruß aus dem Garten stand in der dicken roten Vase auf der bunten Tischdecke. Während sich Ariane weiter um das Essen kümmerte, ging Heike in ihr Arbeitszimmer und hörte den Anrufbeantworter ab. »Das Telefon hat ein paar Mal geklingelt«, rief Ariane hinterher. »Ich war nur zu faul ran zu gehen. Ich will an meinem freien Tag meine Ruhe haben.« »Kann ich verstehen, ich freue mich auch auf morgen, da schlafen wir uns erst einmal richtig aus.« Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte fordernd. Es waren zwei Anrufe eingegangen. Heike drückte die schwarze Taste um die Nachrichten abzuhören. »Mist, schon wieder diese Automatenstimme! Hallo, Frau Bruhns! Ich habe Neuigkeiten in dem Fall Herbstmord. Es gibt eine weitere männliche Leiche. Etwa zwanzig Kilometer vom letzten Tatort ent-fernt. Rufen Sie mich sofort zurück!« Es war Kriminalhauptkommissar Leopold Luckner von der Kripo München. Das hörte sich nicht gut an. Der zweite Anrufer war wieder Luck-ner, etwas ungeduldiger als vorher brüllte er in den Apparat: »Ver-dammt, diese Scheißdinger!« Heike versuchte den Kommissar auf seinem Handy zu erreichen. »Luckner«, meldete sich mürrisch der Kommissar. »Heike Bruhns. Was ist passiert?«, fragte sie. Sofort wurde seine Stimme um eine Spur weicher. »Eine Leiche von unserem Serienmörder. Der Fundort ist gleich bei der Autobahnausfahrt Hofolding an der A8. Am besten Sie kommen gleich vorbei«. Sie verdrehte die Augen, schaltete das Handy aus und warf ihre blaue Regenjacke über. Sie packte ihre rote Tasche und schlüpfte in die braunen Sneakers. »Wird wohl nichts mit unserem Mittagessen?«, Ariane lehnte am Türrahmen und wartete die Antwort ab, die sie eh schon kannte. »Wir essen es am Abend, ich bin sicher bald wieder da!« Heike küsste sie rasch auf den Mund, öffnete die alte Eichentür, schlüpfte hinaus und ließ die Tür ins Schloss fallen. Ariane schaltete den Herd aus und schob die Töpfe auf die Seite. Schon wieder ein Wochenende ohne Heike. Langsam ging es ihr auf die Nerven. Momentan hatte sie mit ihrer Dissertation ja noch einiges zu tun. Sie langweilte sich bestimmt nicht, hatte auch sehr viel Verständnis für Heikes Beruf. Doch manchmal wäre es auch schön an einem Wochenende gut zu Essen und sich in den Tag fallen zu lassen. Der graue Nebeltag und die herrlich knisternden Holzscheite im Ofen, das versetzte sie in eine besondere Stimmung. Die Biologin schnappte sich ein Lehrbuch, ging damit ins Wohnzimmer und kuschelte sich in den alten Ohrensessel. Bis jetzt waren es drei Leichen. Junge Männer im Alter zwischen achtzehn und dreißig Jahren. In einem Umkreis von sechzig Kilometern. Die Fälle, die in der Presse unter Herbstmord liefen, waren bis jetzt mysteriös. Keiner konnte sich die Morde erklären. Nicht einmal das LKA, das in der Lage war, vermisste Personen nicht identifizierten Leichen zuzuordnen. Als vor drei Jahren das erste Opfer gefunden wurde, hatte Kriminalhauptkommissar Leopold Luckner von der Münchner Kripo den Fall übernommen. Nach einem Jahr wurde eine zweite männliche Leiche gefunden. Ein weiteres Jahr später der dritte Mord. Jetzt wohl das vierte Opfer. Keine Spur am Tatort, immer das gleiche Schema. Die Leichen lagen nahe der Autobahn Nürnberg - München - Rosen-heim. Heike Bruhns erreichte die Autobahn A8 über die Auffahrt Brunnthaldreieck und beschleunigte trotz der dichten Nebelschleier, die ihr die Sicht nahmen, ihren Sportwagen und fuhr in Richtung Hofolding. In ihrem Kopf liefen die vorherigen Leichenfunde wie ein Film ab. Knochen unter feuchten, rot gefärbten Blättern, junge Männer die als vermisst galten, Skelette auf ihrem Sektionstisch. Von den vorherigen Leichen waren nur noch Knochen übrig, das Gewebe fehlte, damit waren auch die Hinweise auf äußerliche Verletzungen verschwunden. Für Heike Bruhns war es nicht möglich, die Todesursache festzustellen. Und nun ein viertes Opfer. Dr. med. Heike Bruhns arbeitete seit fünf Jahren an der Gerichtsmedizin München. Als Oberärztin hatte sie die Stelle bei Professor Buchner angenommen. Seit zwei Monaten war die Gerichtsmedizinerin habilitiert und strebte nun eine Professorenstelle an. Hier begann auch ihre Beziehung zu der Biologin Ariane Falk. Vor einem Jahr hatten sich die beiden Freundinnen ein altes Bauernhaus in Kreuzpullach, im Süden von München, gekauft. Ihre Neigung zueinander blieb im Institut unbemerkt. Ariane und Heike lebten in dem kleinen Ort sehr zurückgezogen und genossen dort ihre unbekannte Zweisamkeit. An der Autobahnausfahrt Hofolding war die Standspur durch Poli-zeifahrzeuge abgesperrt. Der Verkehr lief zähflüssig vorbei. Neugierige verlangsamten ihre Geschwindigkeit um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Ein uniformierter Polizist winkte die Schaulustigen jedoch energisch weiter. Heike Bruhns lenkte ihren Wagen ebenfalls auf die Standspur neben die Leitplanke, hinter den Aufnahmewagen der bayerischen Fernsehgesellschaft. Ein junger Polizeianwärter kam eilig auf sie zu, als sie gerade aus dem Auto stieg. »Tut mir leid, hier können Sie nicht stehen bleiben. Ich muss Sie bitten, weiterzufahren!« Der junge Polizist deutete auf Dr. Bruhns Wagen. »Ich bin Dr. Heike Bruhns, Gerichtsmedizinerin. Herr Luckner erwartet mich.« Sie suchte den Ausweis in ihrer Handtasche und hielt dem Polizisten das Dokument unter die Nase. Ein Kameramann schwenkte seine Kamera gerade auf sie zu, als ihr Luckner zurief: »Was ist denn? Kommen Sie, kommen Sie!« »Sie können Ihr Auto hier stehen lassen«, bemerkte der Uniformierte sichtlich verlegen und wandte sich eilig von ihr ab. Die Medizinerin sperrte den Kofferraum ihres Autos auf und holte den schwarzen Asservatenkoffer heraus. Schnellen Schrittes ging sie zur Straßenabgrenzung und hob die schwere Tasche mit einem Schwung über die weiße Planke. Luckner half ihr über die Leitplanke. Es wimmelte von Reportern, Uniformierten und Beamten in Zivil. Seit die Morde begonnen hatten, hatte Luckner keine ruhige Minute mehr. Die Leute von der Presse riefen immer wieder in seinem Büro an und stellten immer die gleichen taktlosen Fragen. Die letzten Nachrichtenmeldungen schilderten den Leichenfund des dritten Opfers dramatisch und mit beängstigenden Details. Eigentlich sollte die Presse die Bürger sensibilisieren. Doch die Kriminalberichterstattung wurde immer aggressiver. Ein Reporter versuchte sogar, an den Ob-duktionsbefund heranzukommen. Er hatte sich für eine der Fortbil-dungen von Dr. Bruhns angemeldet und sich heimlich in ihr Büro geschlichen, um an die Daten zu kommen. Ein Doktorand, der zufällig dazu kam, hatte ihn kurzerhand aus Heike Bruhns Büro geworfen. Der Journalist faselte etwas von Pressefreiheit, doch der junge Mediziner sperrte die Bürotür ab und ließ den Zeitungsmenschen einfach stehen. Der Kollege von der Spurensuche hatte die Nummernschildchen platziert, als Heike auf die Leiche zuging. Der dichte Nebel legte sich um die Ärztin wie ein nasses Laken. Sie zog ihre Jacke fester zu, stülpte die dazugehörende Kapuze über ihre blonden Haare und stapfte hinter Luckner durch das nasse, hohe Gras. Das Opfer lag etwa dreißig Meter von der Autobahnauffahrt entfernt. Ein leichter Wind brachte eine Brise Leichengeruch mit. Karl Kellner, von der Spurensicherung, kam auf die beiden zu: »Viel wissen wir noch nicht«, erklärte er in einem Ton, als teilte er etwas ungeheuer Wichtiges mit. Er rückte dabei seine Brille zurecht, um diese Aussage zu unterstreichen. »Diesmal gibt es aber Spuren«, sagte Kellner und starrte Bruhns durch seine Brille an wie die Insektenaugen der Käsefliege. »Merkwürdig, der Serientäter hat uns dieses Mal eine Spur gelegt. Sollte das ein Zeichen sein oder wird er leichtsinnig«, resümierte Heike. Das Geäst von Unterholz und Sträuchern war so dicht, dass man nur eine Blätterwand sah. Obwohl Hofolding nahe der Großstadt München lag, war dieser Abschnitt noch unberührt. Das angrenzende Wäldchen lud zum Entspannen ein. Doch heute wirkte die schöne Gegend düster im Nebelgrau. »Die Leiche ist nur zum Teil skelettiert. Das ist mal was Neues. Die anderen drei waren ja vollkommen verwest, wie Sie wissen. Es waren nur noch Knochen zu finden. Unser Täter sucht sich die Plätze genau aus. Er weiß, dass an diesen Stellen kaum jemand vorbeikommt. Auch, dass es hier im Herbst sehr feucht und warm ist, da setzt die Verwesung schneller ein. Dieses Mal hat der vermeintliche Täter schon eher angerufen. Bevor nur noch Knochen zu finden sind. Meinen Sie, das hat was zu bedeuten?«, fragte der Kommissar. »Es ist doch immer massenhaft Betrieb auf der Autobahn. Der Verkehrsfluss ruht auch nachts nicht. Es muss doch auffallen, wenn jemand auf der Standspur sein Auto anhält und etwas Großes auslädt.« Dr. Bruhns sprach mehr zu sich selbst, als dass sie eine Antwort von Luckner erwartete. »Richtig. Er kann aber auch von der anderen Seite, hier aus dem Waldstück, gekommen sein.« Der Kommissar deutete mit seiner rechten Hand in die entgegengesetzte Richtung. »Wir haben zwar keine Reifenabdrücke gefunden, doch nach dem Zustand des Opfers ist die Ablegung schon eine Weile her.« Heike Bruhns starrte in Richtung Wald, um sich ein Bild von der Theorie des Kommissars zu machen. Luckner zog eine halb volle, zerknitterte Zigarettenschachtel aus seiner Manteltasche und nahm eine Zigarette heraus. Er steckte sie zwischen die Zähne und kaute daran. »Sie haben vergessen, sie anzuzünden«, Bruhns grinste ihn an. »Keine Witze, ich rauche immer noch nicht. Aber es beruhigt, eine Zigarette zwischen den Zähnen zu haben«. Luckner rollte den kalten Glimmstängel zwischen seinen Lippen hin und her. Heike Bruhns lächelte und stapfte weiter durch das Unterholz. »Warten Sie, ich komme mit«, Luckner begleitete die Ärztin und versuchte, ihr die Äste aus dem Weg zu räumen. »Sie hatten sicher an diesem Wochenende etwas vor?«, mutmaßte der Kommissar. »Na ja, eigentlich schon. Aber so geht es doch immer, nicht wahr? Irgendetwas kommt immer dazwischen.« »Sie haben sich bestimmt mit Ihrem Freund ein schöneres Wochenende vorgestellt!« Luckner hatte schon lange ein Auge auf die attraktive Frau geworfen. Heike Bruhns wusste das, doch sie erzählte ihm nichts über ihre Neigung und ließ ihn in dem Glauben, einen Freund zu haben. Insgeheim freute sie sich, ihr Geheimnis gut gehütet zu haben. »Ihr Freund wird sicher nicht begeistert sein, wenn Sie dieses Wo-chenende im Institut sind«, Luckner ließ nicht locker. »Mmmh…mir ist etwas eingefallen«, wechselte Heike das Thema. »Es müssten doch einige Äste abgebrochen sein, ich meine, wenn man eine Leiche hierher schleppt.« »Ah ja!« Sie wollte über ihr Privatleben nicht sprechen. »Dort ist altes abgeknicktes Geäst, sehen Sie! Hier könnte er den Mann über den Schultern getragen haben«, er deutete auf den Weg nach vorne und rollte seine Zigarette weiter von dem linken Mund-winkel zum rechten. Er würde sie schon noch kriegen, das wusste er. Zufrieden hielt er ihr die Zweige aus dem Gesicht, bis sie bei der Leiche waren. »Nichts! Nicht einmal Reifenspuren, keine Zigarettenkippen, nichts! Es ist zum Haare raufen«, Kellner kratzte sich an seiner be-ginnenden Glatze und wollte seinen Haarausfall damit entschuldigen. »Ekelhafter Job, diese von Fliegen zerfressenen Toten, pfui Teufel.« Er starrte dabei auf die Gerichtsmedizinerin. »Ich werde langsam zu alt dafür!«, knurrte er. Kellner war ein notorischer Nörgler und er-schien am Tatort stets mit Widerwillen. Luckner arbeitete schon so lange mit ihm zusammen, dass er sich mittlerweile daran gewöhnt hatte. Doch diesmal war ihm die üble Laune des Spurentechnikers unangenehm. Vor Heike Bruhns wollte er den rüden Ton nicht erlauben. »Vielleicht hat er Krach mit seiner Frau«, entschuldigte er sich mit gedämpfter Stimme bei ihr. Luckner fuhr mit der rechten Hand durch seine kurzen Haare, die nass glänzend vom Kopf standen. Heike sah Kellner zweifelnd an. Sie spürte deutlich dessen Abneigung. Ihr Blick ruhte auf seinem Bauch, der vom jahrzehntelangen Biertrinken mittlerweile über seinen Hosengürtel hing. Seine unmodisch breite rotweißgestreifte Krawatte war speckig und stand von seinem Körper ab. Er entsprach dem Klischee eines Puffbesuchers, der daheim den Couchtisch voller Sexmagazine hatte und sich damit scharfmachte. Heike wandte ihren Blick dem Toten zu. Der kalkweiße Schädel war ein Schock für die Ärztin. Die Zweige und Äste der Sträucher knisterten und raschelten im Wind. Heike Bruhns stemmte sich schaudernd gegen eine Böe. Wie oft hatte sie das nun schon gesehen. In gewisser Weise lebte sie nur dafür, die Todesursachen von Mordopfern zu finden, und doch schien der Schock dieser ersten Augenblicke nie geringer zu werden. Die Ärztin sah sofort, dass das Opfer von Tieren angefressen war. Sie stellte ihren Koffer ins nasse Gras und beugte sich über die Leiche. Die Maden hatten die Organe der Brust und Bauchhöhle vollständig vernichtet und die Weichteile in einen schmierigen Brei verwandelt. An einigen Stellen war dieser lederartig vertrocknet. Die Fliegenlarven hatten an den Armen und Beinen eine graubraune Hautverfärbung verursacht. Wenigstens war die Leiche diesmal für eine gerichtsmedizinische Untersuchung verwertbar. Immerhin etwas. Vielleicht kamen sie damit auf die Spur des Täters. Mit angestrengtem Blick versuchte sie makroskopisch die Todesursache zu finden. Dr. Bruhns machte ihren Koffer auf, holte Latexhandschuhe aus einer Schachtel und streifte sie über ihre schmalen Hände. Der Verwesungsgeruch war fast unerträglich. Luckner beobachtete die Ärztin, wie sie sich der Opfer annahm, mit steter Bewunderung. Ihre Augen glitten langsam über den Leichnam; kräftiger Körperbau, mittelgroßer Schädel, ein ausgeprägtes Stirnbein, männlich. »Hier, sehen Sie, Herr Luckner! Da sind Käfer- und Fliegenpup-pen!« Auf der übrigen Leiche waren tausende, hell gefärbte springende Maden der Käsefliege sowie zehntausende Eier. »Meine erste Einschätzung zur Liegezeit des Toten ist wohl 2-3 Monate. Es ist bestimmt schon die zweite Generation der Käsefliege. Ich muss die Maden und Käfer im Labor aber erst genau untersuchen.« Dr. Bruhns pickte einige Insekten mit einer Einmalpinzette in vorbereitete Plastikfläschchen, die sie mit Alkohol befüllt hatte. Die Schraubdeckel ließen eine geringe Belüftung zu. Mit einem Stift beschriftete sie die Behälter. »Hier sind noch Stichverletzungen, endlich Spuren zum Tather-gang.« Luckner deutete auf kleine Einstiche in der Haut. Sein rundes Gesicht wirkte gestresst. »Nein, das sind keine Stichverletzungen. Das stammt von Ratten. Hier am Oberschenkel sind von den Nagezähnen herrührende Wunden.« Bruhns fuhr mit dem Zeigefinger über die Stelle. »Ekelhaft!«, meldete sich nun auch Kellner zu Wort. Er beobachtete die Gerichtsmedizinerin in einem gewissen Abstand. Frauen dieses Berufzweiges mochte er nicht. Sie hatten nichts Weibliches an sich, wie er immer wieder für sich feststellte. »Sind denn Hunde vor Ort?«, Luckner wollte seinen Kollegen loshaben. »Eben angekommen.« Kellner, der mittlerweile den weißen Schutzanzug angezogen hatte, deutete auf den Hundeführer mit den zwei Bluthunden an einer langen Leine, die er an seinem Gürtel befestigt hatte. Er hielt die Hunde an den Geschirren fest und stapfte durch das hohe nasse Grass auf den Kommissar und die Gerichtsmedizinerin zu. Kellner streckte seine Hand aus, um die Hunde zu begrüßen. »Wie geht es denn euch beiden?« Cherry und Cora belohnten seine Freundlichkeit mit einem nassen Stups ans Knie. Der Hundeführer strahlte eine stoische Ruhe aus und hatte seine Tiere im Griff. Sie gehorchten ihm aufs Wort. Jahrelanges Training und Ausbildung machten sich bezahlt. An der Art, wie die Hunde an dem Toten schnüffelten, merkte man, dass sie bereit waren und ihre Arbeit aufnehmen wollten. Erwin Bauer kraulte Cherry hinter den Ohren und zeigte nicht die geringste Regung, als er auf die halb verweste Leiche sah. Bauer packte seine beiden Hunde straff am Geschirr und lenkte sie durch das Gras, um einen Hinweis auf die Tat zu finden. Mit dem Geruch des Opfers in der Nase schnüffelten die Hunde weiter durch den Nebel im wilden Gestrüpp. Dr. Bruhns drehte die Leiche auf die Seite und sah die Totenfle-cken. Das Opfer wurde also erst nach seinem Tod hierher gebracht. »Eine erste Frage gibt es schon mal zu beantworten«, Bruhns sah zu Luckner auf. »Hier wurde das Opfer nicht umgebracht. Sehen Sie, Herr Kommissar. Wir haben hier verschiedene Totenflecken.« Mit dem rechten Zeigefinger deutete sie auf die unterschiedlich dunklen Flecken. »Die Leiche sollte jetzt in die Gerichtsmedizin. Hier kann ich nichts mehr tun.« Heike Bruhns wollte das Opfer in sicherer Obhut wissen um es zu obduzieren. »Kellner! Bist du fertig mir deiner Arbeit? Hast du genügend Fotos gemacht?«, Luckner stellte sich energisch vor Heike auf und gab seiner Frage die nötige Schärfe mit. Er wusste, dass Kellner sich gerne Zeit ließ, wenn es um die Medizinerin ging. »Wir haben jedes noch so kleine Detail fotografiert. Aber es wird schwierig sein etwas zu finden. Er liegt ja schon länger hier, wie ihr bemerkt habt. Da wird die Chance nach Hinweisen verschwindend gering.« Kellner sah über seinen Brillenrand hinweg provozierend zu Heike Bruhns und wartete, wie sie auf seinen abwertenden Tonfall reagierte. Doch sie überhörte den Sarkasmus in der Stimme des Kriminaltechnikers und räumte sorgfältig ihre Utensilien in ihren Lederkoffer. »Wir können hier nichts mehr tun. Das ist jetzt Aufgabe unserer Frau Doktor. Nicht wahr, Frau Doktor?« Der gut trainierte Eselsverstand seines Kollegen ließ Luckners Innerstes brodeln. Doch Heike Bruhns fasste ihn beruhigend am Arm und drückte ihn leicht. »Er ist halt so.« Der Kommissar half Bruhns, den Asservatenkoffer einzuräumen und klappte diesen zu. Zwei Männer im hellen Schutzanzug kamen mit einem weißen Lei-chensack durch die dichten Nebelschwaden auf die Beamten zu, breiteten den Sack auf dem Boden aus und legten die menschlichen Überreste vorsichtig hinein. Die Gelenke und Bänder waren noch so intakt, dass die Leiche nicht auseinander fiel. Muskelgewebe, Sehnen und Knorpel waren sehr haltbar. Obwohl die Leiche von Tieren angefressen wurde, brauchte es mindestens ein Jahr, bis sie in einzelne Teile zerfiel. Luckner stand neben dem Plastiksack. Seine Kiefermuskeln zuckten, als der grobe Reißverschluss zugezogen wurde. Der penetrante Geruch mitsamt den Maden verschwand. Kellner suchte an der Stelle, wo der Leichnam gelegen hatte, nach Stoffresten, Knochensplittern und anderen kleinen Dingen, soweit es in der nassen Erde möglich war. Doch je mehr Leute herumliefen, desto mehr wurde zertreten. »Es bringt wohl nichts mehr. Es wird sich wohl in den nächsten Tagen hier auch nichts verändern. Wir sperren das Gebiet ab und wärmen uns erst einmal im Büro auf «, ärgerlich gab Kellner Luckner zu verstehen, ihm den Tatort zu überlassen. Die Kommissare beendeten die Aktion und begleiteten Heike Bruhns zu ihrem Wagen. Der Hundeführer traf die Kommissare gleichzeitig an der Leitplanke zur Autobahn. Er hatte die Suche nach Leichenteilen ergebnislos abgebrochen. Bauer öffnete die Hecktür seines Transporters und forderte die beiden Hunde mit dem Schnalzen seiner Zunge auf, in das Auto zu springen. Cherry und Cora schüttelten ihr nasses Fell, sprangen auf das Heck des Wagens und machten es sich in ihrem Transportkäfig gemütlich. Sie schnappten gierig nach den Crackern, mit denen Bauer sie belohnte. Er schloss die Hecktür und tippte mit dem Finger an seine Wollmütze. »Stets zu Ihren Diensten«, grüsste er die beiden Beamten und stieg in sein Auto. »Der hat wohl ein bisschen abgespeckt? Sieht ganz anders aus, besser als vorher.« Luckner sah Kellner fragend an. »Keine Ahnung, ich pass da nicht so auf. Ich habe Wichtigeres zu tut. Ich brauche jetzt dringend etwas Warmes zu Trinken!«, ver-schnupft stieg er zu seinem Kollegen ins Auto. An ihnen fuhr der Leichenwagen mitsamt den sterblichen Überresten des Opfers vorbei.


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