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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Pension Vera, Ursula Maria Wartmann
Ursula Maria Wartmann

Pension Vera


Roman - Psychothriller

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Prolog: Die Frau stöhnte. Ihre Augen waren verklebt, und sie öffnete mühsam die bleischweren Lider. Ihr Kopf dröhnte. Sie drehte sich auf der Matratze herum und spürte schmerzhaft jeden Muskel. Als sie die Hand hob, um sich die Augen zu reiben, merkte sie, dass sie angekettet war. Eine Metallkette war an einem Eisenring in der Wand befestigt und mit einer Manschette um ihr rechtes Handgelenk gelegt worden. Die Kette war ungefähr drei Meter lang. Die Frau erschrak bis ins Mark. Sie versuchte, sich zu erinnern. In den Kerben der Fingerknöchel, die sie in die Augenhöhlen gerieben hatte, bröselte schwarze Tusche. Die falschen Wimpern waren verschwunden; die Lider schmerzten, wo sie abgerissen worden waren. Auf dem Ziffernblatt ihrer Armbanduhr tickte die Zeit. Es war fast Mittag. Oder fast Mitternacht. Die Frau richtete sich vorsichtig auf und schleppte sich zu der Chemie-Toilette, die in einer Ecke des winzigen Raumes stand. Der Raum war fensterlos; neben der Matratze ragte eine Holzleiter zu einer Falltüre hoch. Von der Decke baumelte eine matte Sparbirne. Sie hob den Deckel. Sie würgte. Sie presste das Gesicht an die Wand, atmete flach und versuchte, ihre Panik zu kontrollieren. Sie schob ihren Slip nach unten, hockte sich schwerfällig hin; ein langer brennender Strahl, der nicht enden wollte, und ein Geruch, der eine unbestimmte Erinnerung in ihr wachrief und Entsetzen. Zu ihrem Glück schützte sie ihr Instinkt: Die schwarzen Schemen waberten durch ihr Bewusstsein, ohne sich festzusetzen. Sie überlegte, versuchte mit aller Macht, sich zu konzentrieren. Sie erhob sich, griff nach einer Plastikflasche, die auf dem Boden stand, und trank keuchend und fast in einem Zug einen halben Liter Wasser. Sie schleppte sich zu ihrem Lager zurück und lag nun flach auf dem Rücken. Wieso trug sie diesen Slip mit den roten Spitzen? Unter dem T-Shirt diesen trägerlosen BH, der die Brustwarzen aussparte? Für Sekunden flackerte ein Bild hinter ihrer Stirn: Sie stand schwankend, von Mareks Arm gestützt, vor einer Schaufensterpuppe, die genau diese Wäsche trug, und sie wollte diese Wäsche haben. Kurz darauf hatte es eine heftige Auseinandersetzung zwischen Marek und einem jungen, glatzköpfigen Mann gegeben. Das Gefühl von Scham schoss heiß und hell wie Wetterleuchten durch ihr Bewusstsein. Ein saurer Geschmack von Erbrochenem machte sich auf ihrer Zunge breit. Sie war sehr betrunken gewesen, aber sie merkte, dass ihre Erinnerung zumindest in Bruchstücken wiederkam. Und wieder hob sie die Flasche an die Lippen. Gierige Schlucke, das durstige Ringen nach Luft. Sie hielt die Flasche schräg, spürte, wie das Wasser ihr aus dem Haar über die Stirn in die Augenhöhlen und die Ohrmuscheln sickerte. Irgendetwas sagte ihr, dass sie noch nicht sehr lange hier unten war, die Ausdünstungen ihrer Haut vielleicht: Der Geruch unter den Achseln war noch nicht so beißend, wie er bald sein würde, wenn sie sich nicht richtig wusch. Sie war unruhig, die Haut juckte. Sie setzte sich auf und beugte sich nach vorn, um sich ausgiebig die Waden zu kratzen. Am Fußende der Matratze lag ihre Jeans. Das T-Shirt, das sie neulich, in diesem anderen Leben, nach langem Überlegen angezogen hatte, war fleckig; es war ein T-Shirt, das Begehren anfachte und Anmache trotzdem verbat. Sie rieb sich die Schläfen und ächzte unter dem schalen Geschmack der Bilder. Sie hatte Marek getroffen, und natürlich hatte sie gewusst, dass er scharf auf sie war. Genau deshalb hatte sie dieses T-Shirt angezogen. Nicht irgendein T-Shirt. Nein, genau dieses, das mehr zeigte, als es verbarg. Tiefer Ausschnitt, Rüschen, ein paar Strass-Applikationen. Er hatte Mühe gehabt, seine Blicke im Zaum zu halten. Seine rastlosen Augen kreisten wie watteweiche Vögel über ihrem Dekolleté, flatterten davon, kehrten zurück; unschlüssig, zaudernd. Sie kannte solch bemühtes Desinteresse – und die Verlegenheit angesichts seiner Aussichtslosigkeit: Hier wurde gezeigt, was gesehen werden wollte. Mit dem Nachdenken kehrte ein Stück Kraft in sie zurück. Unter ungeduldigen Verrenkungen entledigte sie sich des Büstenhalters. Sie zog die Knie an, überlegte weiter. War er wirklich nur scharf auf sie gewesen? Vielleicht war es ihm eigentlich auf etwas anderes angekommen, etwas, von dem er glaubte, dass der Weg dorthin über Sex und rote Spitzenwäsche ging. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, sie wusste nur, dass der Typ ziemlich kaputt war und gefährlich. Gefährlich verrückt; sie hatte das unterschätzt. In der Pension war er ihr unbeholfen vorgekommen, schüchtern, ein Koloss mit weichem Kern, den zu handhaben sie sich zutraute; wenn sie ihn erst an der Angel hätte, würde er Wachs in ihren Händen sein. Sie waren im Spirit hinter der Brückstraße gewesen, sie hatte getanzt und getrunken, während er am Tresen stand, das Wasserglas in der schweren Faust, und immer steifer geworden war. Sie hatte Angst. Sie verbot sich, weiter zu denken. Sie schluckte nervös, als sie sich steifbeinig erhob und beinahe auf ein paar Notenblättern ausrutschte, die verstreut auf dem Boden lagen. Sie nahm eines der Blätter und hielt es vor ihre Augen – Klaviernoten mit Liedtexten von den Beatles. Die Melodie war sofort wieder da. Seine Lippen, die Speichelfäden in den Mundwinkeln, das Blitzen der Augen, als er mit den fetten, wedelnden Armen zum Refrain ansetzte. Sie runzelte die Stirn. Das … , das war nicht möglich … , das konnte nicht sein! Oder konnte es sein, dass sie hier unten … gesungen hatten? Sie griff sich an die Kehle, würgte an einem beißenden Brocken wütenden Schluchzens. Doch! Es konnte sein. Sie hatte hier unten mit diesem vollkommen übergeschnappten Typen gesungen. We all live in a yellow submarine. Sie lachte, bis sie nach Luft schnappte und auf dem Boden zusammensackte. Ein paar zähe Minuten tickten vorüber, dann rappelte sie sich wieder hoch, zog mit langsamen Bewegungen die Jeans an und machte eine paar vorsichtige, kurze Schritte. Sie lotete ihre Gefangenschaft aus. Trotz der Kette an ihrem Handgelenk konnte sie jeden Winkel ihres Kerkers erreichen; die Matratze an der Wand links neben der steilen Holztreppe, das Chemie- Klo rechts, der Kinderhocker daneben, auf dem eine eckige Plastikschüssel stand. Ein Ikea-Regal – ihr Sohn Lech hatte das gleiche in seinem Zimmer; er sammelte Flugzeugmodelle –, in dem einige Handtücher, eine Großpackung Toilettenpapier, Duschgel und eine durchsichtige Plastikbox verstaut waren, darin zwei Tüten H-Milch, Wasser in Plastikflaschen, ein paar Dosen Cola. Käse, der ohne Kühlung hielt, Knäckebrot. Fischkonserven. Der Plattenspieler daneben war alt, Teakholz, die Abdeckung aus Plexiglas war zerkratzt. Zwei winzige Boxen an den Seiten. Die Plattenhüllen waren sorgfältig hochkant gestellt. Lech sagte seit neuestem Kristina zu ihr, obwohl sie das nicht mochte. Sie hatte Lech lange nicht mehr gesagt, wie sehr sie ihn liebte. Gegenüber der Leiter befand sich eine breite Tiefkühltruhe. Als sie den Deckel hob, dampfte ihr eisige Luft entgegen. Die Truhe war in Betrieb, aber sie war leer. Die Frau legte sich auf die Matratze zurück. Sie drückte die Wange in die tröstende Feuchtigkeit des Kissens und wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, bevor eine große Mattigkeit sie zurück in den Strudel der Alpträume zog.


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