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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Nur fünf Tage, Ella Dälken
Ella Dälken

Nur fünf Tage



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Prolog


Es ist kalt. Sie sieht ihre Hand vor sich. Ihre Finger be-wegen sich von allein, kratzen auf dem grauen Boden. Hin und her, leise. Ihr Fingernagel ist dunkel, an einer Stelle abgebrochen. Etwas tropft aus ihrem Mund hinun-ter auf den Betonboden, läuft in einem langsamen Fluss zu der Pfütze, verbindet sich sämig damit. Es ist ganz dickflüssig. Ob es Fäden zieht, wenn sie die Hand hineinlegt? Sie will sie anheben, aber die Finger sind immer noch mit dem Kratzen beschäftigt. Das Scharren ihrer Nägel wird übertönt von Schritten. Stufen, eine Treppe hinunter. Sie möchte die Augen schließen, aber die bleiben offen. Die Pfütze vor ihr glit-zert im Schein der Lampe. Zwei Füße stehen davor. Sie kennt die Schuhe, sie hat sie erst vor Kurzem gesehen. Als er damit nach ihr getreten hat. Hinter ihm zeichnet das Licht einen Heiligenschein um seinen Kopf. Ihr Magen verkrampft sich, sie sieht wie ihre Finger zittern. Sie will sich aufrichten, stützt die Hand ab. Die Pfütze ist warm und glitschig. Rot, ihre Hand ist rot. Er sagt etwas, sie muss hinhören, nicht mehr auf die Hand sehen. Ein Tropfen läuft schmierig daran hinunter. Sein Gesicht ist ihrem ganz nah. Er hält etwas in der Hand, im Gegenlicht schimmert es. Nun hockt er neben ihr, sie riecht seinen Schweiß, scharf und streng. Er drückt mit seinem Knie ihr Bein hinunter. Der Hammer saust auf ihren Knöchel. Sie schreit, bekommt keine Luft, muss atmen, aufhören zu schreien, atmen. Er hat seine Hand auf ihren Mund gelegt. „Ruhig“, sagt er, „ruhig.“ Sie zieht die Luft ein, stoßweise, sieht ihren Knöchel, weiß und rot. Der Hammer liegt daneben. Er nimmt ihn wieder auf. Sie schreit, es schrillt in ihren Ohren, sie hört sich und kann nicht aufhören. Versucht ihn wegzustoßen, Spucke und Blut läuft ihr in die Lunge, sie hustet, würgt. Er setzt sein Knie auf ihr Bein, zwingt es hinab. Der Hammer schwingt, leises Krachen, Knochen splittern. Überall Schmerz, dann endlich Ohnmacht. Sie will die Augen nicht öffnen. Nichts sehen, besser ist es, liegen zu bleiben. Da ist Regen, ebenmäßig. Sie fühlt ihren trockenen Mund, die Zunge ist rau, angeschwollen. Durst. Sie hebt ihren Kopf, versucht sich zu orientieren. Sie braucht etwas zu trinken. Im Raum ist es dämmrig, etwas Licht fällt durch die Schlitze des vernagelten Fensters. Dahinter das Rauschen des Regens. Unerreichbar fern. An der Wand sammelt sich Kondenswasser. Winzige Tropfen auf rauem Putz. Dazu der Geruch von Schim-mel. Sie muss näher heran, stemmt die Hände auf den Boden, zieht sich ein Stückchen vor. Stöhnen, es hört sich fremd an, und doch ist es ihre Stimme. Sie beißt sich auf die Zunge, die ihren Mund ausfüllt, sie am Atmen hindert. Dann ein weiteres Stück vorwärts. Sie wimmert, als sich ihr Fuß bewegt. Schräg steht er ab, trockenes Blut klebt daran. Auf dem Betonboden eine Lache, die längst von Rot in Schwarz gewechselt ist. Daneben winzige Spuren, Krallen, klein nebeneinander. Nun ist sie nah genug an der Wand. Hier riecht der Schimmel noch stärker, nimmt ihr die Luft zum Atmen. Doch sie braucht das Wasser. Jeden einzelnen Tropfen. Sie leckt über die modrige Wand, kleine Stellen vom Putz brechen ab, bleiben an ihrer Zunge hängen, genauso wie das Wasser. Sie fährt noch mal über die Wand. Dann hört sie etwas. Er kommt zurück! Sie lauscht. Nein, es ist ruhig. Sie schließt die Augen, alles ver-schwimmt. Wieder das Geräusch. Es kommt aus der Ecke, neben den offenen Käfigen. Etwas bewegt sich, kleine huschende Schatten. Dann sieht sie die Tiere. Eine der Ratten stellt sich auf die Hinterbeine, wittert. Die Barthaare zittern, die Nase zuckt hin und her. Sie weiß, was es bedeutet. Das Tier ist durstig, es riecht das Blut. Ein weiterer Schatten, dann noch einer. Plötzlich verschwinden sie, tauchen Sekunden später wieder auf und nähern sich ihr, langsam und vorsichtig. Der Durst lockt sie an. Bald sind sie bei ihr.


 


Charlotte 1. Tag, Dienstag, 15. April


Die Sonne ging mit einem fahlen Schein auf und hüllte die Stadt in ein unwirkliches Licht. Redding saß am Fenster und starrte hinaus. Erneut waren ein Tag und eine Nacht vergangen, unwiderruflich vorbei. Er war viel zu früh aufgewacht, draußen war es noch dunkel gewesen. Während er den langsam beginnenden Morgen betrachtete, lauschte er auf die Stille im Raum hinter sich. Da war niemand. Niemand, der im Bett lag und atmete. Donner grollte. Die Wettervorhersage hatte davon ge-sprochen, dass es vor allem am Morgen zu Gewittern kommen würde. Wie spät war es? Kurz vor sieben? Er würde bald zur Arbeit müssen. Das erste Mal seitdem. Redding stand ruckartig auf. Kaum stand er, wusste er nicht, was er als Nächstes tun sollte. Nichts würde etwas ändern. Drei Wochen war es jetzt her. Wann würde es endlich wieder normal sein, er sich daran gewöhnt haben? Konnte man sich an den Tod gewöhnen? Er lachte bitter. Zuerst hatte er geglaubt, sie beide könnten sich an ihre Krankheit gewöhnen, all die Unannehmlichkeiten, die sie mit sich brachte. Marie und er würden es nur gemeinsam aushalten müssen, dann wäre alles wieder gut. Aber nichts war wieder gut geworden. Der Tumor hatte sich in ihrem Kopf ausgebreitet, in ihrem Körper Metastasen. Als er in ihre Augen sah, nachdem sie die Diagnose bekommen hatte, war ihm mit einem Mal bewusst geworden, dass er die Prioritäten in seinem Leben falsch gesetzt hatte. Wäh-rend er einem Fall nach dem anderen hinterhergejagt war, verschwendete er die gemeinsame Zeit mit Marie. So viel war ihm wichtiger erschienen, die vergewaltigte Frau aus Benrath, der tote Obdachlose im Hofgarten oder der Überfall auf den Juwelier an der Königsallee. Alles, nur nicht Marie. Wozu auch? Es schien ja noch so viel Zeit zu geben. Doch es war falsch gewesen. Seine Arbeit hatte nichts verändert, Verbrechen gab es noch immer und würde es immer geben. Aber sein Leben mit Marie war vorbei. Ein leises Knurren ließ ihn zur Seite blicken. Helga zog ihre Lefzen hoch und gab im Schlaf Drohgeräusche von sich. Vermutlich träumte sie von der Jagd. Die Pfoten der Deutschen Dogge zuckten, als ob sie rennen würde. Wahrscheinlich hatte Helga noch nie erfolgreich gejagt. Als Marie die Hündin damals am Straßenrand entdeckte, sah das Tier verwirrt den Autos hinterher. Niemand beachtete die Dogge, obwohl sie kaum zu übersehen war. Marie hatte darauf bestanden, dass er hielt. Kaum war sie ausgestiegen, stürmte die Hündin jaulend auf sie zu und hielt anklagend ihre Pfote hoch. Keine fünf Minuten später waren sie auf dem Weg zum Tierarzt. Die Hündin war nicht sterbenskrank, wie man meinen könnte, sondern hatte nur einen Dorn in der Pfote. Jeder andere Hund wäre vermutlich in der Lage gewesen, ihn selbst herauszuziehen. Helga hatte gewartet, bis ihr jemand half. Für Marie war es keine Frage, dass der Hund zu ihnen kam. Sie gab eine Anzeige in der Zeitung auf. Natürlich rief niemand an, keiner wollte Helga zurück. Redding war sehr bald klar geworden, warum. Helgas Größe und Stärke gingen einher mit einer ebenso großen Einfältigkeit. Sie liebte es, durch die Gärten zu streunen, vergaß aber nach wenigen Schritten, welches Grundstück ihr Zuhause war. Dann stand sie verwirrt auf fremdem Rasen und wartete ab, bis Marie sie wieder zurückholte. Gott, ein Hund! Wie war er damals gegen die Entscheidung gewesen, Helga zu behalten. Die Verpflichtung, die Mühe, die der Hund bereitete. Und nun war Helga die einzige Verbindung zu Marie, die ihm geblieben war. Im Badezimmer war es kalt, und er überlegte, die Hei-zung aufzudrehen. Er entschied sich dagegen, stellte sich unter die Dusche und fuhr sich über die Bartstoppeln. Eigentlich müsste er sich rasieren. Nein, morgen würde auch noch reichen. Marie hatte immer gefunden, dass es ihm ein verwegenes Aussehen gab. Als Redding aus dem Badezimmer kam, stand Helga auf Maries Seite des Bettes und legte schnüffelnd ihren Kopf auf das Kissen. „Helga, weg da!“ Der Hund zuckte unter seiner lauten Stimme zusammen. Sofort tat es ihm leid. „Ist schon gut“, murmelte er. Sie legte ihren Kopf schief, überlegte offenbar und trabte dann schwanzwe-delnd auf ihn zu. Keine Sekunde später hatte er ihre nasse Schnauze auf seiner Hose. Nachtragend war sie nicht. Er streichelte ihr über den Kopf. „Ja, wir gehen gleich raus.“ Das Donnergrollen war stärker geworden. Außer Hun-debesitzern, die wie er den Kopf tief eingezogen hatten und schweigend hinter ihren Tieren hergingen, war kaum ein Mensch auf der Straße. Helga trabte neben ihm her, hin und wieder blieb sie stehen, um zu schnüffeln. Im Park knapperte ein Kaninchen nur wenige Meter neben ihr an den frischen Gräsern. Helga starrte auf den Schat-ten, doch als sich das Kaninchen nicht bewegte, verlor sie das Interesse. Marie war mit der Zeit immer stiller geworden, redete kaum noch. Er hatte versucht, sie aufzuheitern, las ihr vor, legte die Musik auf, die sie mochte. Aber sie reagierte nicht. Dann kam der Tag, an dem das Morphium nicht mehr wirkte. Für einen Moment kam wieder Regung in sie. Sie brüllte ihn an, schrie, schließlich wimmerte sie nur noch. Er sah die Angst in ihren Augen. Lass es nicht so enden, sagten sie. Lass es nicht so enden. Irgendwann kam der Rettungswagen. Ruhig und professionell legten die Sanitäter Kanülen, spritzten Morphium in die Vene, hielten Maries Hand, bis die Medikamente wirkten, strichen ihr beruhigend über das Gesicht. Er beobachtete es von der Küche aus, wie ein Fremder, weit entfernt. Als Marie endlich schlief, informierte ihn der Arzt, dass sie die Dosis des Morphiums erhöhen mussten. Aber auf Dauer würde auch das nicht ausreichen. Er nickte, notierte alles für das Krankenhaus, räumte den liegen gebliebenen Müll weg. Später saß er in der Küche, dachte daran, was er den Arzt nicht gefragt hatte. Wie lange noch? Wie lange würde es noch so gehen? Die Angst, die Schmerzen, die durchwachten Nächte. Das Warten auf das un-vermeidliche Ende. Er dachte daran, wie er gehofft hatte, alles wäre bald vorbei. Sie würde sterben und er konnte sein normales Leben weiterführen. Keine Entscheidungen, keine Angst, einfach nur Zeit für sich. Sich in Arbeit verlieren und alles vergessen. Und nun war es so weit, heute würde er wieder anfan-gen zu arbeiten. Er hasste sich für die Gedanken, die er gehabt hatte. Im Präsidium hatte sich nichts verändert. Das gleiche alte Backsteingebäude, der muffige Geruch, die Kollegen, die hin und her hetzten, ihn mit einem kurzen Nicken begrüßten. Karen war noch nicht im Büro. Stattdessen lag ein riesiger Zettel auf seinem Schreibtisch beschwert mit dem Kaktus, der vor Jahren im Rahmen eines Mordes im Zuhältermilieu eine Rolle gespielt hatte und seitdem in ihrem Büro stand. Komme gegen zwölf Uhr, Besprechung mit der Drogenabteilung. Kann mein Glück kaum fassen. Daneben hatte sie mehr oder weniger geschickt jemanden gezeichnet, der sich übergab. Redding legte den Zettel beiseite und fuhr den Rechner hoch. Normalerweise lagen hohe Aktenstapel auf seinem Schreibtisch. Es war nie die Frage gewesen, was er tun sollte, sondern in welcher Reihenfolge. Jetzt war sein Schreibtisch befremdlich leer. Er schob ein paar Bleistifte zur Seite, um ein wenig Unordnung auf den Tisch zu bringen. In seinem Postfach waren nur wenige Mails eingegan-gen. Vermutlich war das meiste auf Karen umgeleitet worden. Er öffnete die oberste Nachricht, es war ein Willkommensgruß von seinen Kollegen. Er löschte die Nachricht. Ihre betroffenen Gesichter, die Beileidsbe-kundungen. Er hatte es schon auf der Beerdigung nicht ertragen können. Auf Karens Platz herrschte das gleiche Chaos wie im-mer. Sie hortete die Akten, an denen sie gerade arbeitete, in großen Stapeln. Er fischte sich eine vom größten Haufen, der daraufhin bedenklich wackelte. Ein Raubmord, es gab Hinweise auf einen Verdächtigen aus dem Drogenmilieu. Daher also die Sitzung. Er klappte die Akte wieder zu und sah aus dem Fenster. Als das Telefon läutete, zuckte er zusammen, saß daneben, wartete, unfähig zu reagieren. Was sollte das bringen? Nur eine neue Meldung, ein neuer Fall, neue Anforderungen. Sie sollten es später noch mal probieren. Wenn Karen da war. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Anrufer aufgab. Redding nahm einen Bleistift und malte Kreise auf sei-ne Schreibtischunterlage. Als er etwa die Hälfte des Pa-piers ausgefüllt hatte, klingelte es erneut. Er blickte auf, wartete, endlich hörte es auf, nur um sofort wieder loszugehen. Irgendwann legte er genervt den Bleistift beiseite und hob den Hörer ab. „Polizei Düsseldorf, Redding.“ Seine Stimme klang fremd. Und doch vertraut. Am anderen Ende der Leitung begann jemand zu re-den, laut, eindringlich. Ein zwanzigjähriges Mädchen war verschwunden. Redding schloss die Augen. Wieso war Karen nicht hier? Sie hätte drangehen sollen, er war noch nicht so weit. Der Anrufer wurde immer lauter. „Wir waren verabredet, und dann ist sie nicht gekommen! Sie meldet sich nicht, und zu Hause ist sie auch nicht.“ Eine erwachsene Tochter, die nicht zu einer Verabre-dung mit ihrem Vater kam. Vermutlich würde sie irgend-wann im Laufe des Tages auftauchen, vielleicht mit einem netten Jungen an ihrer Seite. Er ließ den Mann weiterreden. Langsam stellte sich ein Gefühl der Sicherheit ein. Er wusste, welche Fragen er stellen musste, wusste, was zu tun war. Lang erprobte Routine, eine Frage auf die nächste. Er versprach dem Vater, zu kommen. Julius Steiner, Geschäftsführer einer großen Privatbank, entsprach nicht dem, was Redding erwartet hatte. Nach dem Anruf hatte er sich einen alten Mann im konservati-ven Zweireiher vorgestellt. Ihm gegenüber saß jedoch ein sportlicher Mittfünfziger, das weiße Hemd leger geöffnet, keine Krawatte. Kalte graue Augen. Bei der Begrüßung musterte ihn Steiner wie ein Wolf, der seinen Gegner einschätzt. Redding fühlte seinen eigenen schlaffen Händedruck, konnte aber keine Energie für mehr aufbringen. Steiner wies auf den Stuhl gegenüber von seinem Schreibtisch und begann, ohne Einleitung zu reden. „Meine Tochter Charlotte wurde entführt. Was werden Sie veranlassen?“ Er sprach fordernd, laut, war kein Mann, der zurückhaltend wartete. Er wirkte vollkommen beherrscht. In seinem Gesicht zeichnete sich keine Sorge ab, nur Verärgerung. „Warum glauben Sie, dass Ihre Tochter entführt wurde? Sie könnte auch bei einem Freund sein, die Zeit vergessen haben“, sagte Redding mühsam in die eingetretene Stille. Steiner zog die Augenbrauen zusammen und klopfte ungeduldig mit dem Bleistift auf den Schreibtisch. Tak, tak, tak, jeder Schlag ein Wort. „Charlotte wurde ent-führt.“ Redding lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen. Warum war er nicht im Büro geblieben? „Charlotte ist absolut verlässlich. Wir wollten uns ges-tern um halb vier Uhr treffen, mein Chauffeur sollte sie um drei Uhr abholen. Aber sie war nicht da, als er kam.“ Das Mädchen war Anfang zwanzig. Es gab tausend Gründe, warum sie nicht zu einer Verabredung mit ihrem Vater kam. Ein Freund, ein Streit oder einfach Vergesslichkeit. Andererseits konnte Steiners Position mit ihrem Ver-schwinden zu tun haben. Redding seufzte. „Was ist denn genau passiert?“ „Sie hat mich angerufen, so gegen eins, wollte mich unbedingt treffen. Ich hatte eigentlich keine Zeit, aber ihr war es wichtig. Und dann war sie nicht da. Es muss etwas passiert sein.“ Besorgte Väter sind nur selten neutrale Zeugen, auch wenn sich Steiner die größte Mühe gab, beherrscht zu wirken. Reddings Blick glitt auf das abstrakte Bild, das an der Wand hinter Steiner hing. Gedankenverloren folgte er einer blauen Linie, die in Kreisen über die gesamte Leinwand lief, um dann in einem grünen Klecks zu enden. Dann fiel sein Blick wieder auf Steiner. „Hat Ihr Chauffeur etwas beobachtet?“ „Nein, sie war einfach nicht da.“ Steiners Stimme hatte einen schneidenden Ton angenommen. Anscheinend war er mit seiner Geduld am Ende. „Also, was werden Sie unternehmen?“ Das war eine unmissverständliche Aufforderung. Er wollte Taten sehen, das Gefühl bekommen, etwas würde geschehen. Redding kannte dieses Verhalten. Es war die Ohnmacht, die die meisten Angehörigen von Verbre-chensopfern in den Wahnsinn trieb. Sie konnten nichts tun, außer zu warten. Wenn es tatsächlich eine Entfüh-rung gab, würde Steiner sich jedoch beherrschen müssen. „War in der Wohnung etwas Auffälliges? Etwas, das auf eine gewaltsame Entführung hinweist?“ „Nein, es war alles wie immer. Außer, dass die Tür nur zugezogen war. Charlotte schließt immer ab, wenn sie geht.“ „Gab es Spuren, zerbrochene Gegenstände vielleicht?“ „Es war alles ganz normal, keine umgeworfenen Vasen, keine eingeschlagenen Fenster, nichts. Charlotte ist einfach weg.“ Steiner wurde lauter. „Ich gehe davon aus, dass sie schon vor die Haustür gegangen ist. Nowak, mein Chauffeur, hat sich verspätet. Wäre er pünktlich gewesen, wäre sie vermutlich noch da.“ Es war so einfach einen Schuldigen zu haben, jeman-den, den man für alles verantwortlich machen konnte, weil man sonst nicht wusste, wohin mit diesen Gefühlen. „Wer wusste davon, dass Sie sich mit Charlotte treffen wollten?“ „Meine Sekretärin, mein Chauffeur, vermutlich auch einige Angestellte.“ „Könnte Charlotte es sich anders überlegt haben? Viel-leicht hat sie einen Anruf von einem Freund bekommen und …“ Ein Klopfen unterbrach ihn. Eine Frau Ende zwanzig trat zögerlich ein, lächelte Redding mit künstlich aufge-plusterten Lippen an. Sie sah aus wie ein Boxer, der gerade aus einem Kampf kam. Steiner zog ungeduldig die Augenbrauen zusammen. „Was ist denn, Eva? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nicht gestört werden will.“ Sie verzog ihren künstlichen Mund und eine Reihe zu weißer Zähne wurde sichtbar. „Entschuldigen Sie.“ Ihre Stimme klang erstaunlich leise gegenüber Steiners dröh-nendem Bass. „Frau Kisting sagte, ich soll es sofort rein-bringen.“ „Warum sagen Sie das nicht gleich?“, raunzte Steiner. Offenbar maß er Frau Kistings Einschätzung mehr Wert bei als dieser Eva. Er nahm ihr einen Umschlag aus der Hand. Sie ging mit einem unsicheren Lächeln hinaus. Mit einem energischen Ruck entnahm Steiner dem Umschlag ein Blatt. Nachdem er es überflogen hatte, reichte er es wortlos an Redding weiter, sein Blick ein einziger Vorwurf. Der Brief enthielt nur wenige mit einer Schreibmaschi-ne geschriebene Zeilen. Ihre Tochter wird sterben. Ich werde sie Ihnen nehmen, so wie Sie mir das Wichtigste in meinem Leben genommen haben.


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