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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Noir: Bruch einer Kinderseele, Jay Bélier
Jay Bélier

Noir: Bruch einer Kinderseele



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Prolog


Wenn du von einem Moment auf den nächsten alles verlierst, dir die wichtigsten Menschen genommen werden, und du dich binnen eines Augenblicks, in einer vollkommen fremden Welt befindest, dann bleiben dir nur zwei Möglichkeiten. Entweder du folgst den geliebten Menschen in den Tod, oder aber du reichst dem Fremden die Hand und lässt dich vom Teufel mitziehen in ein neues, unbekanntes Leben. Ich hatte mich als sechsjähriger entschieden zu leben. Meine Eltern lagen in einer riesigen Blutlache, auf unserem ehemals weißen Flokati, der sich mit ihrer Lebensflüssigkeit vollgesaugt und nun im tiefsten rot erstrahlte. Während Mutters weit aufgerissene, schockierte, Augen mein Gesicht taxierten, war Vaters Kopf der vor meinen Füßen lag furchteinflößender, als alles andere das ich je sah. Dieser Anblick brachte meinen Körper zum Beben. Plötzlich näherten sich mir Schritte, die so elegant und katzenhaft über den Boden schlichen, das ich aus meiner Panik gerissen wurde. Das ich mich vor Angst eingenässt hatte, bemerkte ich nicht. Mit dem Rücken zur Wand, presste ich mich gegen das kalte Gestein und starrte auf den grauenvollen Anblick der sich mir bot. Als die Schritte neben mir verstummten, überschlug sich mein Atem. Zitternd und trotz allem neugierig, wandte ich den Blick von meinen Eltern ab und sah mit verrotztem Gesicht, der maskierten Person in die Augen. Sie waren braun und sanftmütig. Ich verstand nicht wieso der Mörder meiner Eltern mich so anstarrte. Plötzlich sah ich in ein schwarzes kleines Loch, aus dem noch kurz zuvor mehrere Kugeln geschossen worden waren. Eine immer schwächer werdende Qualmspur züngelte sich vor meinen Augen nach oben und löste sich kurz unter der Zimmerdecke auf. Es war eine angsteinflößende Situation. Noch nie zuvor, sah ich direkt in die Mündung einer echten Waffe. Eigentlich spielte ich oft Cowboy und Indianer, schrie ″Peng, Peng!″, rannte wild kreischend durch die riesigen Räume des Hauses, oder ließ mich lachend, zusammen mit meiner Mama, auf den Boden fallen. Da machte es unheimlich Spaß mit „Waffen“ zu spielen, und sich vorzustellen, wie man sie abfeuerte. Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Man lachte nicht. Und wenn man hinfiel, stand man auch nicht mehr einfach so auf. Es fiel mir unglaublich schwer, zu verstehen, dass mein Lieblingsspiel, anders als die Realität zu sein schien. Laute Knalle hallten durch das Haus, und ich presste mir schnell meine Handflächen gegen die Ohren. Einen Moment später, sah ich meine Mama fallen. Doch statt wie üblich zu lachen, wimmerte sie schmerzerfüllt. Dieses Spiel machte mir Angst. Ich verstand die Gesten meiner Mama damals nicht, die mich dazu bringen sollten, dass ich mich verstecke, und so zog ich den Rotz einmal feste hoch und heulte bitterlich. „Das ist ein blödes Spiel. Ich will das nicht mehr. Steh auf! Mamaaaaaaa…. Bitte hör auf! Du machst mir Angst!“ ″Sei endlich still! Die werden nicht mehr aufstehen und auch nie wieder mit dir spielen! Verstanden? Die sind tot! Dein Leben ändert sich genau jetzt und hier!“ Die Stimme klang monoton und eiskalt. Eines jedoch erkannte ich. Die Stimme der bösen Person, klang wie die Stimme einer Frau. Verwirrt zog ich meinen Schnodder nach oben und sah, dem Teufel, in der Gestalt eines Mädchens, mit blutunterlaufenem, verheulten Blick in die Augen. Sie wirkten so warm. Wie konnte eine Person, die so viel Wärme ausstrahlte, meinen Eltern so weh tun? Ich rieb mir mit meinen Händen über die Glubscher und fing erneut an zu weinen, denn allein der Gedanke daran, dass ich nie wieder mit meiner Mama und meinen Papa lachen würde, machte mich unendlich traurig. „Ich habe dir gesagt, dass du still sein sollst! Ich hab´ noch keinen Plan, was ich mit dir anfangen soll!“, zischte sie mir entgegen, berührte mit der linken Hand ihre Wange, glitt mit ihrem Zeigefinger über den Stoff, ihrer schwarzen Maske, schob ihren Daumen unter den weichen Bund und zog sich schwungvoll die dunkle Maske vom Haupt. Einige lange, blonde Strähnen fielen in das engelsgleiche Gesicht der jungen Frau. Sie hatte einen blassen Teint und glich meiner Vorstellung eines Engels. Aber ein heiliges Wesen, würde niemals einem Kind, die geliebten Eltern nehmen, oder? Ihre Hand streckte sich mir entgegen und sie fuhr mich mit harschen Worten an. ″Deine Wahl. Komm mit mir, und lebe. Bleib´, und du wirst so enden, wie deine Eltern!″ Ich hatte mich, in jener verhängnisvollen Nacht dazu entschieden, die Hand des Teufels zu greifen. Ob es daran lag, dass mir die Frau die Chance gab, dieses Grauen zu überleben, oder daran, dass meine Angst vor dem Tod so unglaublich groß war, ich kann es bis heute nicht sagen. Papa und Mama hatten starke Schmerzen, denn sie wurden nicht sofort von ihrem Leid erlöst. Es dauerte endlos lange bis das Wimmern endlich verstummte und noch heute höre ich in meinen Träumen, die schrecklichen Schreie, die sich in meine Seele gebrannt hatten. Selbst jetzt, 12 Jahre nach dem grausamen Mord an meinen Eltern, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, was mich damals geritten hat, dieser Frau meine Hand zu reichen und einfach mitzugehen. Ich meine, was ist nur aus mir geworden? Ein Monster! Eine Bestie, die vielen Menschen die gleiche Hölle zuteil werden lässt, die ich selbst erlebte. Klar hatten es meine Opfer verdient. Immerhin wurden sie von der Justiz freigesprochen, obwohl ihre Schuld unbestreitbar war. Aber so war die Welt eben. Wenn man Geld besaß, konnte man sich fast alles erlauben ohne Konsequenzen oder gar harte Strafen fürchten zu müssen. Im Nachhinein betrachtet, würde ich mich jetzt anders entscheiden. Der Tod wäre damals die richtige Wahl für mich gewesen. Das Leben, mein Leben, ist unendlich schwer. Ich könnte niemals jemandem zumuten, an meiner Seite zu sein. Freundschaften konnte ich mir nie leisten, denn ich hätte sie unwiderruflich aus dem Weg räumen müssen. Ein Leben in Einsamkeit, ohne sich jemanden wirklich anvertrauen zu können, ist die Hölle. Sterben ist um ein vielfaches leichter! Dessen bin ich mir sicher. Man wäre endlich frei von all den Gedanken, die einen jeden Tag auffraßen.


 


Kapitel 1 - Der gefallene Engel


Die letzten beiden Wochen, seit dem verfluchten Zwischenfall im Bus, verbrachte ich damit, eine Liste meiner Opfer zu erstellen. Diese reichte bis ins Parlament, eine Tatsache, mit der ich nicht gerechnet hatte. So wie es aussah, war selbst mein Ziehvater, der für meine ´Ausbildung´ gesorgt hatte, in die Intrige verwickelt. Konnte das wirklich sein, dass dieser Bastard mich lieber tot als lebend sah, nach all dem was ich durch ihn und seine ach so ´tollen´ Freunde ertragen musste? Ich sah mich in dem kleinen Café um, in das ich mich vor über einer Stunde zurückgezogen hatte. Es roch nach Zigarettenqualm. Man hätte die Luft förmlich schneiden können, so tief hing der weiße Rauch. Der Gestank mischte sich mit dem köstlichen Aroma der frisch gemahlenen und gerösteten Kaffeebohnen. Eine widerliche Mischung. Schon zwei Mal hatte die Bedienung mir von der schwarzen Plörre nachgeschenkt und abermals bot sie mir den Kuchen des Hauses an, den ich mürrisch abgelehnt hatte. So auch diesmal. Ich beobachtete die Menschen, wie sie lachend die Räumlichkeiten betraten. Kinder die fröhlich an den Händen ihrer Eltern zogen und mit strahlenden Augen darum bettelten, eine der köstlichen Leckereien zu bekommen. Das erinnerte mich an meine Kindheit. Ich hatte als kleiner Junge, immer Spaß daran, fröhlich hüpfend meine Mutter in das kleine Café zu ziehen. Mit großen Kulleraugen bettelte ich sie um ein Stückchen Kuchen an. Meine Eltern, konnten meinen treuen Kinderaugen nie widerstehen, und so bekam ich immer was ich wollte. Seit meiner Kindheit kannte ich dieses kleine Café, das in der südlichsten Provinz von Los Angeles lag. Es hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ein Umbau jagte den nächsten, doch sein Flair hatte es nie verloren. Es war einer der wenigen Orte, die ich nie aufgeben würde. Hier allein konnte ich mich an meine Mutter und meinen Vater erinnern. Sie wären entsetzt, wenn sie wüssten, was für ein abscheulicher Bastard aus ihrem ach so geliebten Sohn geworden ist. Vermutlich würde Vater mich sogar höchstpersönlich zu den Bullen schleppen, so gerechtigkeitsliebend wie er war. Mittlerweile war ich nicht mehr das süße kleine geliebte Kind, aber ich fragte mich immer wieder, zu was für einem Menschen ich geworden wäre, wenn mein Schicksal eine andere Richtung genommen hätte. Ein Anwalt oder vielleicht ein Immobilienmakler? Wäre ich in die Fußstapfen meiner Mutter getreten? Hier an diesem Ort verfiel ich regelmäßig den depressiven Gedanken, denn in diesem Gebäude, am letzten Tisch an dem ich saß, existierte das einzige Stück Vergangenheit, das ich noch besaß. Kleine rot-braun-marmorierte Tische, mit gedrechselten Standbein, geflochtene Sessel und Grünpflanzen die ein wirklich schönes Ambiente zauberten, standen genauso wie in meinen Erinnerungen. Hier war ich meinen Eltern nach all der Zeit noch immer nah, auch wenn sie vermutlich schon längst verrottet waren, und ihre Leichen irgendwo den Boden düngten. Wo dieses ´Irgendwo´ war, wusste ich nicht. Denn ein Grab fanden sie, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, nie. Ich stützte meine Ellenbogen auf der rot-braun-marmorierten Tischplatte ab, bettete mein Kinn auf meine Hände und starrte vor mich hin, während ich wiederholt der Erinnerung verfiel. Nebel durchdrang meine sonst so kontrollierten Gedanken, die Stimmen die mich umgaben verstummten und die finsteren Schatten meiner eigenen Kindheit zogen vor meinem inneren Auge auf. Ich stand in einer kleinen Ecke, glitt mit meinen knochigen Fingern, über die dicken Buchrücken, der abgenutzten alten Bücher und war gerade dabei ein Werk von Shakespeare, aus dem Regal vor mir, herauszuziehen, als ich meinen neuen Ziehvater sah, der mit einem alten ranzigen Mann sprach. Sofort richtete ich den Blick wieder auf den Band, pustete einmal kräftig darüber und sah wie der Staub davongetragen wurde. Ich war überglücklich, endlich ein wenig Zeit für mich zu haben. Doch man durfte mich nicht erwischen, von daher musste ich still sein, auch wenn ich viel lieber vor Freude gejubelt hätte. Schließlich weckte das Getuschel der beiden doch meine Neugier. Ein ungutes Gefühl stieg in mir auf. So oft wurde ich schon bestraft, wenn ich Fehler gemacht hatte. War es diesmal etwa wieder so? Ich musste es wissen. Auf leisen Sohlen schlich mich näher heran, wollte hören, was die beiden zu besprechen hatten und war gespannt auf den Grund, warum die beiden so geheimnisvoll taten. Dass ich mein Handeln bald bereuen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich wollte doch nur wissen, ob ich schon wieder etwas gesagt oder getan hatte, dass den Mann, der mich bei sich aufgenommen hatte, wütend machte. Und vor allem musste ich wissen, welche Strafe auf mich wartete, sollte ich wieder etwas falsch gemacht haben. Vielleicht konnte ich mich ja verstecken, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte? ″Denk dran, nur nen´ Blowjob. Alles andere kommt, wenn der Bengel älter ist″, hörte ich meinen Vormund sagen, sah wie er seine Augenbraue nach oben zog und mahnend den Zeigefinger hob. Was meinte er und warum ermahnte er den Älteren? War es etwa ein Fehler zu lauschen? In meinem Inneren machte sich Angst breit, denn die Strafen, die mir immer auferlegt wurden, waren alles andere als angenehm. Wie ich doch meine Eltern vermisste. Mama und Papa hätten mich niemals zu solchen Dingen gezwungen und gewiss hätten sie auch nicht ihre Hand gegen mich erhoben. Andererseits wusste ich von meinem Vater, dass nichts umsonst war und das was ich hier, tagein tagaus erlebte, war der Preis den ich zahlen musste, damit ich am Leben bleiben durfte. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und bestimmte Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Dass musste ich hier sehr schnell und auf brutale Weise lernen. Ich verstand nicht wirklich was die beiden wisperten, doch umso mehr mein Ziehvater gestikulierte, desto mehr Angst hatte ich mit einem mal. ´Oh Gott ich habe doch die Kartoffeln geputzt und die Kacheln auf Hochglanz poliert. Bitte lass mich nicht wieder die Böden mit der Zahnbürste schrubben. Ich bin doch vorhin erst fertig geworden und ich spüre meine Finger immer noch pochen.´ ″Ja, ja schon verstanden. Nur den Schwanz ins Maul stecken, schon klar. Ich sag dir, sobald er älter ist, fick ich den nach Strich und Faden durch! Sieh dir den Bastard doch mal an, da bekommt man jetzt schon Hunger“, konterte der Alte, reichte meinem Ziehvater eine Akte und stellte sich aufrecht hin. Er grinste süffisant, so dass sich seine gelb verfärbten Eckzähne zeigten. Mächtige Falten zogen sich wie tiefe Gräben über sein Gesicht. Allein der Anblick des Mannes sorgte für einen eisigen Schauer, der meine Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Das Bücherregal schien mir das ideale Versteck zu sein. Wenn ich nur leise genug war, würden mich die beiden Männer vielleicht gar nicht bemerken, so hoffte ich zumindest. Ich beobachtete die angeregte Situation weiter und kaute vor lauter Nervosität auf meiner Unterlippe herum. Für einen Moment war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Der alte Mann wiederum atmete schwerer als zuvor und durchbrach die Ruhe, die zuvor noch geherrscht hatte. ″Reiß´ dich gefälligst zusammen!″, mahnte mein Ziehvater ein weiteres Mal und presste seine flache Hand gegen die Schulter des anderen Mannes. Dieser stolperte rückwärts und krachte gegen die Wand. Sofort hob er beide Hände an, und lächelte schief, was meinen Ziehvater zu beruhigen schien. Trotz allem machte er deutlich, dass ihm missfiel wie er sprach. Ich hatte den alternden Mann zuvor schon oft gesehen, doch diesmal wirkte er wie einer der Hunde, die über das Anwesen trotteten. Ausgehungert und begierig auf Beute. ″Komm schon, lass mich wenigstens den Finger reinstecken und ihn beobachten!″ ″Na, meinetwegen! Aber mehr läuft da nicht!″ Mein Ziehvater gab dem Drängen seines Gegenübers nach. Dieser lachte nun triumphierend auf und leckte sich gierig die Lippen. Er fuhr sich mit der Hand durch sein lichtes Haar und auf seinem Gesicht ließen sich seine Gelüste und sein Vorhaben genau ablesen. Von alledem hatte ich jedoch keine Ahnung. ´Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es gar nicht um mich geht! Puh, was für ein Glück… Vielleicht bekomme ich heute dann mal keine Prügel und darf sogar ein Stück vom Weißbrot abhaben. Das wäre so schön! Ich muss nur lieb sein!´ Menschen waren abgrundtief böse und keinem von ihnen durfte und konnte man trauen. Zwei Jahre verbrachte ich bereits auf dem Landgut, fernab jeglicher Zivilisation. Jeden Tag bezog ich mit einem Rohrstock Prügel, wurde aufs schlimmste beleidigt, erlebte wie es sich anfühlte, wenn die Peitsche sich in die Haut einschnitt und wurde immer wieder stranguliert. Damit zeigte man mir, immer wieder aufs Neue, wie schnell mein jämmerliches Leben beendet werden könnte. Nachts legten sie mich in schwere Eisenketten, die an meinen Handgelenken tiefe Spuren hinterließen, und tagsüber schuftete ich mir mit den primitivsten Mitteln die Finger wund. Wie oft fragte ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre den Tod zu wählen. Doch ich biss die Zähne zusammen, heulte Rotz und Wasser nach der Prügel die ich einstecken musste, und versorgte später selbst meine Wunden. Jeder Tag war der Horror und doch entschied ich mich zu kämpfen, stärker zu werden, bis zu diesem einen Tag im September, an dem ich das Gespräch meines Ziehvaters mit einem alten ranzig wirkenden Kerl belauschte. Ohne dass ich es ahnte, sollte sich an diesem Tag mein Leben drastisch ändern. Ich bekam nicht mit, wie der Tattergreis den Raum verließ. Als mein Vormund mich bemerkte, zischte er erbost meinen Namen, was mich panisch zusammenzucken ließ. Innerhalb eines Augenblickes fiel mir das schwere Buch aus der Hand und landete laut krachend auf dem Boden. Ich riss meine Augen auf. Panik überrollte mich. Sofort sank ich zu Boden, nahm das alte Buch in meine zitternden Hände, wischte es ab, erhob mich und presste es an meinen bebenden Körper. „Leg das Buch auf den Beistelltisch und komm her, Allan!“, knurrte er mir entgegen. Da war sie wieder, diese panische Angst vor meinen Ziehvater, die mich innerlich auffraß. Verunsichert lief ich auf den kleineren rotbraunen Holztisch zu, legte das Buch ab und spielte nervös an dem Saum meines schmuddeligen, gelblich schimmernden Leinenhemdes. Ein schiefes Grinsen bildete sich auf seinen Lippen, als er meine Unsicherheit bemerkte. Er wusste genau, dass ich ihn fürchtete und wie er mich kontrollieren konnte. Was war mit ihm? Wieso rastete er nicht aus? Er winkte energisch mit seiner Hand in meine Richtung. Mir war klar was es für mich bedeutete, wenn ich trödelte. Also folgte ich seiner Anweisung. Etwas anderes hätte ich auch nicht machen können, ohne am Ende eine gewaltige Tracht Prügel zu kassieren. Ich vergrub meine Finger fest in dem Stoff meiner kurzen Jeanshose und krallte mich schutzsuchend darin fest. Jeder Schritt, den ich setzte, war so schwer, dass ich mich nur sehr langsam vorwärtsbewegte. Bis zu dem Moment, als ich über meine eigenen Füße stolperte und gegen seinen mächtigen Körper prallte. Ich sah ängstlich nach oben und machte mich darauf gefasst, gleich wieder verdroschen zu werden. Er erhob seine Hand. Mein Herz sprang mir vor Angst beinahe aus der Brust. Hastig kniff ich meine Augen zu, spannte jeden einzelnen Muskel in meinem Körper an und schluchzte. Doch dieses Mal kam kein Schlag. Vielmehr fuhr er mir mit seiner Hand durch mein kurzes, weißblondes Haar und lächelte kühl. „Sei ein braver Junge! Komm mit mir! Heute habe ich eine Überraschung für dich! Aber davor musst du noch eine winzige Aufgabe erfüllen.“ Unsicher folgte ich dem großgewachsenen Mann den langen Gang entlang. Roter Teppich wellte sich unter meinen Füßen. Als ich aufblickte, sah ich goldene Kerzenleuchter an den Wänden und fragte mich, wieso sie da waren, wo doch Halogenlampen den Flur mit Licht fluteten. Ein riesiges Ölgemälde hing an der Wand. Es zeigte einen alten Mann, um dessen Hals ein weißer Spitzkragen hing. Er hatte speckige Haare, eine spitze Hackennase und ein mondrundes Gesicht. Er gehörte zu den eher unansehnlichen männlichen Exemplaren der Gattung Mensch. Das Kunstwerk zierte ein goldener Bilderrahmen, der verschnörkelte Rundungen hatte und das Gemälde so um ein vielfaches größer wirken ließ. ´Dem würde ich nur ungern im Dunkeln begegnen. Naja, wem es gefällt! Also wenn ich groß bin, werde ich mir ein Bild von den Transformers an die Wand hängen! Oder etwas anderes. Aber definitiv nicht so etwas hässliches!´ Er stieß mit der Hand gegen meine Schulter, wie immer, wenn ich es wagte zu träumen, starrte mich mahnend an und zischte. „Hör gefälligst auf, deinen Tagträumen zu frönen. Du hast noch etwas Arbeit. Wenn du das gut erledigt hast, darfst du für heute etwas freie Zeit genießen.“ Seine Worte ließen mich vorfreudig nicken. Dankbar lächelte ich ihn an. Ich sah, wie er seine Hand an die Klinke legte, sie herunterdrückte und so die schwere Holztür öffnete, deren Scharniere sofort ein quietschendes Geräusch durchs Haus jagten. Bei dem Klang, der beinahe genauso schrecklich war wie Fingernägel, die über eine Tafel gezogen wurden, überzog ein Schauer meine Haut. ″Geh rein, Allan, ich möchte dir jemanden vorstellen. Das ist ein Geschäftskunde aus Deutschland. Sei nett zu ihm und befolge was auch immer er sagt. Du weißt was passiert, wenn ich eine Beschwerde höre!″ Ich schluckte schwer und betrat mit meinen Ziehvater den Raum. Mit seiner Hand, die von hinten zwischen meinen Schulterblättern lag, drückte er mich immer weiter voran. Mein Blick wanderte umher. Ein schwarzes, riesiges Sofa, mit weißen und roten Kissen, befand sich vor einem der vielen Regale. Ein massiver Eichentisch stand seitlich am Fenster. Mittig befand sich ein überdimensionales Kreuz, an dem viele Ketten und Lederbänder hingen. Ich fragte mich warum es sich so separiert befand. Aber es würde vermutlich einen ganz simplen Grund geben, den ich nicht verstehen würde. Ich hatte bisher geglaubt, schon jedes Zimmer gesehen zu haben. Doch dieser Raum war mir neu, umso größer war die Verwunderung über das seltsame Mobiliar. Um Ärger zu vermeiden, fragte ich erst gar nicht nach und nickte zügig. Ich wollte nicht erneut zwei Tage lang an einem Pfahl im Maisfeld angekettet werden. Raben und Krähen waren unheimliche Geschöpfe, und ihre Schnäbel schmerzten wirklich sehr, wenn sie sich in mein Fleisch bohrten. In der Stille verlor man sich und ich hatte Angst, dass ich wieder eine dieser speziellen Strafen über mich ergehen lassen musste, wenn ich seiner Aufforderung nicht folgte. Ich sah den älteren Mann kurz mit einem Lächeln an, reichte dem Gast meine Hand und begrüßte ihn freundlich. Mein Vater in Spe quittierte es mit einem kühlen Schmunzeln, wandte sich doch kurz darauf von uns ab, und lief mit großen schweren Schritten zur Tür. Er verließ das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ließ mich einfach mit dem Fremden allein. ″Ich bin Oscar! Du wirst also alles machen was ich dir sage, Allan?″ ″Ja, Sir!″, entgegnete ich dem alten Herrn, der an seinem Gürtel herumspielte um dann, aus mir unbegreiflichen Gründen, seine Hose zu öffnen. Ich hielt mir sofort beschämt die Hände vor die Augen. „Was ist los? Sag nicht, dass du noch nie einen nackten Mann gesehen hast?“ Ich schüttelte den Kopf und hörte wie die Federung des Sofas quietschte, als er sich auf die dicken Polster setzte. Plötzlich spürte ich wie er mein Handgelenk grob umfasste und mich zu sich riss. Ich schrie kurz vor Schreck auf. Vor ihm stehend, schnalzte er nur verächtlich mit der Zunge und fuhr mit seiner bulligen Hand über den Stoff meiner Hose. „Nicht! Bitte!“, stammelte ich mit vor Angst bebender Stimme und erhielt nur ein zorniges Grollen als Antwort. „Du hast versprochen, dass du alles machst, was ich will!“


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