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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Nebelflut, Nadine d'Arachart und Sarah Wedler
Nadine d'Arachart und Sarah Wedler

Nebelflut



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Schicksalsschläge lassen sich ertragen – sie kommen von außen, sind zufällig.
Aber durch eigene Schuld leiden – das ist der Stachel des Lebens.

Oscar Wilde


-1-

Brady McCarthy konnte sich kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als die belebten Straßen Dublins hinter sich zu lassen und über die schlecht ausgebauten Regional Roads ins Landesinnere zu fahren. Die Lebendigkeit der Innenstadt, ihr ständiges Wachsen und Pulsieren, war ihm lieber. Er starrte aus dem Fenster und betrachtete die in überhöhter Geschwindigkeit vorbeiziehende Landschaft. Mit dem vielen Grün hier draußen konnte er nichts anfangen, genauso wenig wie mit dem Verfall, der sich wie ein dünner Schleier über die Gegend gelegt hatte. Nahezu unsichtbar und doch vorhanden. Die Morgensonne hatte nicht genug Kraft, die Wolkendecke am Himmel zu durchbrechen und so verschwamm alles zu einer matschig grauen Masse.
Brady rieb sich die Augen und gähnte. Der Anruf hatte ihn kurz vor der Dämmerung erreicht. Sein Partner Sean Callahan hatte ihm mitgeteilt, dass ein Frühsportler am River Camac zwischen Corbally und Brittas einen kleinen, blassen Körper im Wasser treiben gesehen hätte. Sie waren sofort aufgebrochen. Auch wenn Brady sich an Weihnachten etwas Schöneres vorstellen konnte, reizte ihn die ganze Sache. Der erste Mordfall konnte ein Sprungbrett sein – sofern er es richtig anstellte.
Aus dem Augenwinkel registrierte Brady vier Buchstaben auf dem Asphalt und sah durch die Heckscheibe. SLOW. Obwohl die Schrift rissig und verblasst war, konnte man sie gut lesen, dennoch schien Sean sie zu übersehen. Er fuhr viel zu schnell in die scharfe Kurve und wäre beinahe mit einem Zaun kollidiert, der die dahinter liegende Weide von der Straße abgrenzte.
»So ein Mist«, knurrte er, nur um dann mit nicht minderer Geschwindigkeit weiterzufahren.
Brady drehte sich der Magen um. Er hatte sich in der Heiligen Nacht ein paar Whiskey gegönnt und war dann am Morgen ohne zu frühstücken aufgebrochen. Eine Tatsache, die sich jetzt zu rächen drohte. Er ließ das Fenster ein Stück herunter und sog die frische Luft ein. Aus der Ferne hörte er ein aufgeregtes Wiehern. Frei laufende Pferde und Ponys waren nach der Krise keine Seltenheit. Abgemagerte Vollblüter, die in der Nähe der Autobahnen oder auf Müllkippen nach Futter suchten, herrenlose Tiere, die in den Vorstädten herum irrten, weil sie von ihren Besitzern einfach verjagt worden waren. Es war offensichtlich, dass die Pferdenation langsam aber sicher vor die Hunde ging.
»Sind wir bald da?« Brady konnte nicht abschätzen, wie lange sie schon unterwegs waren. Das immer gleiche Bild, das vor den Scheiben vorbeizog, hatte ihn jegliches Gefühl für Distanz verlieren lassen.
»Du kannst es ja kaum erwarten.« Sean grinste, aber es wirkte unecht.
»Glaubst du, es ist ein Kind?«
»Woher soll ich das wissen?«
Brady zuckte die Achseln und schloss das Fenster. »Gibt es irgendwas, das wir schon wissen?«
»Nein.«
»Hast du eine Vermutung, was–«
»Merk dir eins.« Sean blickte zu ihm herüber, wobei er die Straße für Bradys Geschmack viel zu lange aus den Augen ließ. »Vermutungen haben in unserem Job nichts zu suchen. Keine Mutmaßungen, keine voreiligen Schlüsse oder Bauchgefühle. Was zählt sind Fakten. Und wir haben keine Fakten, weil wir noch nicht einmal einen Blick auf den verdammten Leichnam geworfen haben, kapiert?«
Brady schwieg. Es machte keinen Sinn, mit Sean zu diskutieren, wenn er so war.

Obwohl Sean den Wagen so nahe wie möglich am Ufer geparkt hatte, mussten sie noch einige Meter über feuchte Wiese und Gestrüpp zurücklegen, bis sie endlich den Fluss vor sich entdeckten. Die Wasseroberfläche lag ruhig unter einer morgendlichen Schicht aus Dunst, nur hier und da zeugten kleine Strudel von der Kraft des Gewässers.
»Da vorne ist es«, sagte Sean und stapfte durch einen Nebelschleier.
Brady zog fröstelnd seine Jacke enger um die Schultern und schloss den Reißverschluss. Dann beeilte er sich, seinem Partner zu folgen.
Ein Streifenbeamter stand neben einem Jogger am Flussufer und blickte ihnen erleichtert entgegen. »Da sind Sie ja, Detectives. Mister O’Donald hier hat den Körper entdeckt und uns direkt benachrichtigt.«
»Sehr löblich«, brummte Sean in den Fellkragen seiner Jacke. »Also, wo ist es genau?«
Brady warf einen Blick über das Wasser. Es schien nirgends besonders tief zu sein und die Strömung nicht stark genug, um einen Menschen einfach mitzureißen.
»Da vorne.«
Er schaute dem ausgestreckten Finger des Joggers hinterher. Sean tat es ihm gleich, nur der Streifenbeamte hielt den Kopf gesenkt.
»Sehen Sie? Dort am Schilf in der Mitte des Flusses. Ein weißer Körper mit schwarzem Haar.« Mister O’Donalds Hand begannen zu zittern. Er nahm sie herunter und vergrub sie in der Tasche seiner Sporthose.
Brady trat einen Schritt näher. Zwischen verdorrtem Schilf und abgeknickten Ästen waberte ein helles Etwas an der Wasseroberfläche. Ein Körper oder zumindest ein Teil davon. Dunkle, nasse Haarsträhnen bewegten sich sanft mit den Wellen.
»Hat sich wohl verheddert.« Sean stellte sich neben Brady und kniff die Augenbrauen zusammen.
»Soll ich die Spurensicherung informieren? Sollen wir Polizeitaucher–«, begann der Streifenbeamte, aber Sean brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Dann runzelte er die Stirn und ging ein paar schnelle Schritte am Ufer entlang.
»Was tut er denn?«
Brady konnte nur mit den Achseln zucken. Auch wenn sie beide eigentlich ein Team sein sollten, lief Seans Teamarbeit größtenteils in seinem Kopf ab. »Fall nicht ins Wasser!«
»Sollen wir nicht doch besser Taucher rufen?«, versuchte es der Beamte erneut, wobei er Sean keine Sekunde aus den Augen ließ. Dieser hatte einen Ast aufgehoben und hangelte nun nach dem bleichen Körper.
»Ich denke, er kriegt das schon hin«, sagte Brady und lächelte dem Jogger aufmunternd zu, dessen Gesicht immer noch die Farbe von trockenem Moos hatte. Er war vermutlich nicht auf diese Art von Schrecken am frühen Morgen vorbereitet gewesen.
»McCarthy, hilf mir mal!« Sean hatte es irgendwie geschafft, einen Teil des Astes unter dem Leichnam zu verkeilen. Das andere Ende hatte er sich übers Knie gelegt und drückte es nun mit aller Kraft nach unten, als wolle er eine Art Hebelwirkung erzielen.
Brady eilte zu ihm herüber und half ihm. »Was tust du denn da?«
»Ich angle dieses Ding aus dem Wasser. Drück!«
»Das ist doch Irrsinn, wir sollten–« Plötzlich ließ der Widerstand nach und Brady und Sean landeten unsanft auf dem Hosenboden. Etwas flog über ihre Köpfe hinweg und kam mit einem nassen Plumpsen hinter ihnen zum Liegen. »Gott, Sean, war das …?«
Sean rappelte sich auf, wobei er sich auf den Ast stützte, und schaute sich suchend um. »Es ist irgendwo hier gelandet.« Brady deutete hinter sich und erhob sich, während Sean an ihm vorbei hastete und einen triumphierenden Schrei ausstieß.
»Wusste ich’s doch!«
»Was wusstest du?«
»Quatsch nicht und komm rüber. Sieh es dir an.«
Bradys Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an und er musste ein paar Mal schwer schlucken, um den Knoten zu lösen. Seit Ewigkeiten wartete er darauf, einmal in einen Mordfall involviert zu sein, doch jetzt, wo es soweit war, hatte die Realität etwas Hartes an sich. Er war nicht sonderlich scharf daraus, dass seine erste Leiche direkt eine Wasserleiche war. Natürlich kannte er den Anblick aus den Polizeibüchern. Aufgedunsene Körper, entstellte Gesichter, verformt und verfärbt. Doch die Vorstellung, gleich eine echte Leiche zu sehen, hatte so gar nichts mehr mit den bunten Bildern aus den Lehrbüchern gemein.
»McCarthy, komm und sieh dir unseren Schatz an!«
»Das ist pietätlos.« Brady riss sich zusammen und lief zu Sean herüber.
»So ein Unsinn.« Er hockte auf dem Boden und stocherte mit einem Stock in einem weißen, durchnässten Bettlaken herum, an dem überall dunkelgrüne Algen hingen.
Brady hätte am liebsten laut aufgelacht.
»Eine Leiche sieht anders aus, was?« Sean grinste zu ihm hoch, während er weiter an dem Stoff herumfledderte.
»Entwarnung!«, rief Brady dem Polizisten und dem Jogger zu. Selbst auf die Entfernung konnte er noch sehen, wie beide aufatmeten.
»Da hat wohl jemand seine Klamotten nicht mehr gebraucht.« In Seans Stimme schwang Erleichterung mit. »Was haben wir denn hier?« Mit dem Ast förderte er ein helles Kleid zutage. Es war klein, als würde es einem Kind gehören.
»Das ist ein Nachthemd.« Brady ging neben seinem Partner in die Knie. »Ist noch mehr in dem Sack?«
Sean nickte und legte das Hemdchen auf der Wiese ab. Sein Blick hatte sich verfinstert und von seiner anfänglichen Erleichterung war nun nichts mehr zu spüren. Er nahm seine Hände zur Hilfe und riss das Bettlaken auseinander.
»Ein Teddybär?« Brady hob das triefende Stofftier auf und betrachtete es genauer. Der Bär schien einmal weiß gewesen zu sein. Jetzt war er schmutzig und schwer, vollgesogen mit Flusswasser. Ein Auge war herausgerissen und das Fell fehlte an einigen Stellen. Um den Hals prangte eine Schleife, die irgendwann einmal rot gewesen war, die Enden waren aufgeribbelt und verfilzt.
»Heilige Scheiße.« Sean schüttelte fassungslos den Kopf. »Weißt du, was das ist?«
Brady ließ das Stofftier sinken. »Nein.«
»Ich hole einen Plastikbeutel, wir packen den ganzen Kram ein. Ich muss dringend etwas überprüfen.« Sean stand auf und ließ Brady alleine zurück.

-2-

Grace hatte die Beine angezogen und lehnte an Patrick. Tammie saß auf dem Schoß ihres Großvaters und ließ ihre neue Stoffkatze, ein plüschiges rosa Ungetüm, aus ihrem leeren Saftglas trinken. Im Fernsehen lief einer dieser typischen, grellbunten Weihnachtsfilme, irgendein Unsinn über ein paar Kinder, eine Schokoladenfabrik und deren psychisch angeknacksten Chef.
Unauffällig sah Patrick auf die Uhr. Es war jedes Jahr aufs Neue hart, die Zeit von der Kirche bis zum Essen zu überbrücken. Er blickte zur Küche. Seine Mutter Evelyn würde noch lange nicht fertig sein. Mindestens zwölf Töpfe dampften in aller Ruhe vor sich hin.
»Schatz, konzentrier dich doch mal auf den Film.« Grace grinste zu ihm hinauf und er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Sie lachte leise und schmiegte sich wieder an ihn. »Wenn du so weitermachst, verstehst du das Ende nicht.«
»Frustrierende Vorstellung.« Er beugte sich vor und nahm sein Whiskeyglas vom Tisch. »Da halte ich es doch lieber wie Tammies Katze und trink mir einen. Dad?«
Sein Vater blickte auf und Patrick erkannte, dass auch er mit den Gedanken woanders war. Jack rang sich ein Lächeln ab und griff ebenfalls nach seinem Glas, dann prostete er in die Runde.
Patrick leerte den Whiskey in einem Zug. Sein Vater und er tranken an Weihnachten immer zu viel und bereuten es hinterher – doch eine andere Möglichkeit, mit Familienfesten wie diesem zurechtzukommen, hatten sie beide in all den Jahren nicht gefunden.
»In einer halben Stunde essen wir«, rief seine Mutter aus der Küche.
»Das behauptest du jetzt seit zwei Stunden«, gab Jack zurück und rettete sich sogleich in ein gutmütiges Grinsen, als sie in der Tür erschien und ihm einen tadelnden Blick zuwarf. Dann schrillte die Türklingel und durchschnitt die weihnachtliche Atmosphäre wie ein scharfes Messer.
»Ich gehe.« Evelyn tupfte sich mit einem Küchentuch die Stirn ab und trat in den Korridor.
»Wer kann das sein?« Patricks Vater blickte auf seine Armbanduhr, ein klobiges Altherrenmodell, das er besaß, seit Patrick denken konnte.
»Vielleicht die Nachbarn«, sagte Grace.
Jack blickte in Richtung Flur, wo Evelyn leise mit einem Mann sprach. Dann kam sie mit steifen, zombiehaften Schritten zurück ins Wohnzimmer.
»Was ist? Was hast du?« Jack sprang auf und wirkte schlagartig um mindestens ein Promille nüchterner.
»Die Polizei. Es ist die Polizei.« Evelyns Stimme klang heiser, ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Hinter ihr betraten zwei Männer den Raum, von denen Patrick einen auf Anhieb erkannte.
Sean Callahan, der seit ihrer letzten Begegnung grau geworden war, wandte sich gleich an seinen Vater. »Mister Namara. Es tut mir wirklich Leid, dass wir an Weihnachten hier aufkreuzen.«
»Haben Sie sie?« Jack hörte sich an, als sei er soeben einen Marathon gelaufen. »Haben Sie sie gefunden?«
»Daddy«, wisperte Tammie und zupfte an Patricks Ärmel, doch er hatte jetzt kein Ohr für sie. Am Rande seines Gesichtsfeldes nahm er wahr, wie Grace aufstand, sich die Kleine schnappte und sie aus dem Zimmer brachte.
Callahan schüttelte den Kopf. »Nein, wir …«
Patricks Mutter unterbrach ihn mit einem gequälten Schluchzer. Sogleich eilte Jack zu ihr und schloss sie in die Arme.
»Wir haben etwas gefunden, das Sie sich ansehen sollten. Ich muss Sie bitten, es zu identifizieren.« Er nickte seinem Kollegen zu, einem jüngeren Beamten in sportlicher Kleidung, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.
»Mister und Misses Namara, ich bin Detective McCarthy«, stellte er sich vor. Erst jetzt, wo er aus Callahans Schatten trat, entdeckte Patrick die zwei Plastikbeutel, die er in den Händen hielt.
»Zeigen Sie das mir.« Patrick brachte endlich die Kraft auf, aufzustehen. Seine Mutter weinte noch immer an der Schulter seines Vaters und er wollte nicht, dass sie noch mehr belastet wurde. Nur zu gut erinnerte er sich an den desolaten Zustand, in dem sie sich nach Amys Verschwinden befunden hatte.
Callahans Kollege trat näher und blieb vor Patrick stehen. »Ein Jogger hat diese Sachen im River Camac gefunden.« Er zeigte Patrick den ersten Beutel, darin ein zusammengeknülltes Kleidungsstück. Blassrosa Blütenornamente auf weißem Stoff. Das musste gar nichts heißen. Vermutlich hatte die Hälfte aller irischen Mädchen ein solches Nachthemd im Schrank.
»Es könnte ihres sein.« Patrick sah, wie seine Mutter zusammenzuckte. »Aber es muss nicht.«
McCarthy nickte und zeigte ihm den anderen Beutel. Ein schwarzes Plastikauge starrte ihn an, darunter eine schmutzige, aufgestickte Schnauze. Schlagartig bekam Patrick keine Luft mehr. Er presste sich die Faust vor den Mund und nahm seine eigenen kalten Finger wahr wie die eines Fremden.
»Mister Namara?«
»Es ist ihrer.«
Aus der Richtung seiner Eltern ertönte ein dumpfer Knall. Evelyn war in die Knie gegangen und krallte sich mit beiden Händen am Bein seines Vaters fest. Jack war sichtlich überfordert.
»Sind Sie sich sicher?« McCarthy blickte zurück zu seinem Kollegen, dann sah er Patrick an.
»Absolut sicher.«
»Wieso jetzt?« Jack klang gefasster, als Patrick erwartet hatte. »Wieso jetzt und nicht vor neunzehn Jahren?«
»Wir gehen davon aus, dass sich der Täter der Beweisstücke entledigen wollte«, antwortete Callahan geradeheraus. »Vielleicht zieht er um. Vielleicht zieht jemand bei ihm ein. Vielleicht hat er schlicht und einfach das Interesse verloren.«
»Woher wollen Sie das wissen?« In Jacks Stimme lag eine unüberhörbare Drohung, die allerdings weder Callahan noch McCarthy sichtbar beeindruckte.
»Ich denke, wenn Sie ehrlich sind, wissen Sie es selbst, Mister Namara. Ich möchte und kann Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Es tut mir Leid.«
»Raus.« Jack rührte sich nicht von der Stelle, hob lediglich die Hand und zeigte in Richtung Korridor.
»Mister Namara …« McCarthy schlug einen beschwichtigenden Ton an, doch Patricks Vater hörte ihm gar nicht zu.
»Verlassen Sie mein Haus!«
Die beiden Beamten warfen einander einen kurzen Blick zu, dann räumten sie das Feld. Patrick blieb wie versteinert vor dem Sofa stehen, unfähig sich zu rühren. Dies war der Zeitpunkt, auf den sie seit neunzehn Jahren warteten und er fühlte sich noch schrecklicher an, als er es je für möglich gehalten hatte.

  -3-

Genau wie zu Hause hatte Tammie auch im Haus ihrer Großeltern ihr eigenes Reich. Amys altes Kinderzimmer war extra für sie renoviert und völlig neu hergerichtet worden. Patrick konnte nicht ausmachen, ob ihn das erleichterte oder kränkte, doch auf jeden Fall war es so einfacher für ihn, den Raum zu betreten.
Tammie fürchtete sich nicht im Dunklen und war keines dieser Kinder, die nachts ins Bett ihrer Eltern kamen. Im Gegenteil: Sie schlief, als gäbe es nichts auf der Welt, vor dem sie Angst haben müsse.
Patrick trat ans Fenster und blickte hinaus in die trübe Nacht. Automatisch suchte er die Umgebung mit den Augen ab, den Garten mit der alten Reifenschaukel und den Waldrand, doch es rührte sich nirgends etwas. Was erwartete er auch? Eine Gestalt, die sich aus den Schatten löste und herauf zu Tammies Fenster stierte? Ja, vielleicht. Vielleicht verbarg sich dort jemand, regungslos abwartend und bereit, sich die Nächste zu holen …
Patrick wandte sich ab und versuchte sich zu beruhigen. Tammie würde nichts geschehen, sie war im Haus und somit sicher. Amys Geschichte würde sich nicht wiederholen.
Amy. Seit dem Auftauchen der Polizisten hatte Patrick das Gefühl, dass sich eine eiserne Faust um sein Herz geschlossen hatte, die es nun mit aller Erbarmungslosigkeit zusammendrückte. Amys Sachen, in einem Fluss treibend, halb verrottet und achtlos weggeworfen. Müll, den keiner mehr brauchte. Allein die Vorstellung war so bitter, dass Patrick sie kaum aushalten konnte und er wusste, dass es seinen Eltern nicht anders ging. Nachdem Callahan und sein Kollege gegangen waren, war Weihnachten schlagartig vorbei gewesen. Grace hatte die Regie übernommen. Sie hatte zuerst Evelyn halbwegs beruhigt und sie dann alle an einen Tisch gebracht. Sie hatten noch eine Weile zusammengesessen und versucht, mit der Situation zurechtzukommen, sich Mut zu machen, neue Hoffnung zu schöpfen, dann aber schließlich entnervt und entkräftet aufgegeben. Noch nie hatten Patricks Eltern so desillusioniert, so müde auf ihn gewirkt wie heute Abend. Er selbst hingegen spürte eine Spannung in sich, an der auch Graces beschwichtigende Worte und die einlullende Stille dieses Dezemberabends nichts ändern konnten.
Nachdem seine Frau ins Bett gegangen war, hatte er rastlos versucht, ein bisschen Ordnung im Haus zu machen, und sich schließlich zu Tammie geschlichen, in der Hoffnung, beim Anblick seiner schlafenden Tochter ebenfalls Ruhe zu finden. Doch ihre Unschuld, ihre offensichtliche Wehrlosigkeit hatte ihn nur umso mehr aufgestachelt.
Er warf einen letzten Blick auf Tammie, die friedlich wie ein Engel da lag, dann verließ er das Zimmer und beschloss, auch das stickige Haus zu verlassen. Vielleicht würde die kühle Dezemberluft ihm helfen, seine Gedanken zu ordnen.

-4-

Das Erste, was Amy fühlte, war Überraschung. Es war wie an ihrem Geburtstag, wenn sie aufwachte und die ganze Familie an ihrem Bett stand, um Happy Birthday zu singen. Oder wie das eine Mal, als sie in einen Apfel gebissen hatte und ihr ein Wurm entgegen schaute, weiß und klein und glänzend.
Bis jetzt war die Sache mit dem Wurm die schlimmste Überraschung ihres Lebens gewesen – doch das hier war schlimmer. Sie war aufgewacht, hatte die Augen geöffnet und um sie herum war alles dunkel gewesen, bis auf ein kleines Viereck aus Licht. Ein Fenster, das von einem dicken blauen Vorhang verdeckt war. In ihrem Zimmer gab es aber keine Vorhänge und ihre Mum hätte es niemals so dunkel darin gemacht.
Amys Herz begann zu pochen und ganz automatisch wollte sie aufspringen und einfach wegrennen, nach Hause laufen und alles ihrer Mum erzählen. Sie versuchte es. Sie versuchte, von diesem Bett aufzustehen und merkte, dass sie ihre Arme nicht bewegen konnte. Sie waren an den Bettpfosten festgebunden und wenn sie zog, fühlte sich das dicke Seil auf ihrer Haut wie Brennnesseln an. Ihre Beine waren mit dem gleichen Seil zusammengebunden, ihre Fußknöchel aufgescheuert und taten weh.
Sie gewöhnte sich langsam an die Finsternis und entdeckte dunkle Flecken an ihren Beinen. Vielleicht war das Blut. Vielleicht war sie schon vorher aufgewacht und hatte das Gleiche versucht wie jetzt, gestrampelt und an den Seilen gezogen. Sie wusste es nicht mehr. Sie wusste auch nicht, wie sie hierher gekommen war und falls ihr jemand erklärt hatte, warum sie hier sein musste, hatte sie es vergessen. Ihre Augen begannen zu brennen und sie fühlte dicke Tränen auf ihren Wangen. Eine davon rollte über ihre Lippen und sie merkte, dass sie Durst hatte, so schlimmen Durst wie noch nie zuvor, und der Durst machte ihr zusätzlich Angst. Sie konnte nicht einfach runter in die Küche laufen und sich ihren pinken Barbie-Becher von Mum mit Saft füllen lassen. Sie konnte gar nichts machen.
Erschöpft ließ sie sich zurück auf die Matratze fallen, die nach Schlamm und Keller roch. Sie machte die Augen zu und stellte sich vor, dass das alles hier nur ein Traum wäre, dass es gar nicht anders ging, weil ihre Eltern nie erlauben würden, dass sie jemand an einen Ort wie den hier brachte. Sie musste nur aufwachen, es musste irgendeinen Trick geben, um wach zu werden. Sie dachte an Toast mit Marmelade und roten Früchtetee, im Winter warm, im Sommer kalt. Sie dachte an Bugs Bunny, den sie sich samstags und sonntags morgens früh im Fernsehen ansehen durfte. Sie dachte an Mia und Sally und Abigail, die Nachbarsmädchen, die oft schon vor der Tür warteten, bis sie endlich zum Spielen raus kam. Sie wollte aufwachen, sie wollte es wirklich, aber als sie die Augen aufmachte, war sie immer noch in dem fremden Zimmer.
Jetzt erkannte Amy, wie klein der Raum war und sie sah die Tür. Sie konnte auch die Wand erkennen, auf der ein Blumenmuster war wie in ihrem eigenen Zimmer. Aber die Blumen waren an manchen Stellen von großen schwarzen Sprenkeln verdeckt, wie in Die unendliche Geschichte, wo das Nichts immer mehr von der Welt auffraß. Amy wollte nicht von dem Nichts aufgefressen werden. Sie wollte wieder nach Hause und ihren Eltern alles sagen und dann in ihr eigenes Bett, wo es keine Seile und keinen Schlammgeruch gab. Sie presste die Augen zusammen und wünschte es sich ganz fest und dann dachte sie an ihre Kindergärtnerin, die gesagt hatte, dass man sich manche Dinge auch von Gott wünschen durfte.
»Lieber Gott«, flüsterte sie. »Tut mir leid, dass ich nicht die Hände falte, aber ich hoffe, du hörst mir trotzdem zu. Bitte mach, dass ich aus diesem Zimmer raus darf. Bitte mach, dass meine Eltern mich abholen und alles gut wird. Ich verspreche dir, dass ich dafür auch nie wieder ungezogen bin.«
Sie hörte Schritte und riss die Augen auf. Es funktionierte. Gott hatte ihr zugehört und schickte ihren Dad, der sie nach Hause holte. Sie hörte einen Schlüssel, der sich drehte, dann öffnete sich die Tür. Doch es war nicht ihr Dad, der ins Zimmer kam. Es war der schwarze Mann.


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