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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Mord statt Sport, Hans Lebek
Hans Lebek

Mord statt Sport



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Ein durchdringender Schmerz durchfuhr Körper und Geist der zusammengesunkenen,




muskulösen Person, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war. In


ihren chaotisch verwirrten Gedanken vermischten sich Bilder eines Sturzes


von einer langen, elegant geschwungenen Freitreppe mit den huschenden


Fragmenten eines Lastwagens, unter dem sie sich verschwinden sah. Sie empfand


die Ungerechtigkeit. So viele Siege hätten noch errungen werden können,


wenn ...


Leises, verzweifeltes Stöhnen war zu hören.




E


s war schon weit nach Mitternacht, der Himmel klar. Sterne waren jedoch



keine zu sehen. Selbst um diese Zeit verbreitete die Großstadt noch so viel diffuse


Helligkeit, dass der Glanz der Himmelskörper nicht durchdringen konnte.


Die Temperatur war angenehm mild, und das genoss der Mann im Rollstuhl.


Er wartete schon seit Stunden in einer dunklen Nische eines alten Patrizierhauses


in der Rembrandtstraße und blickte starr auf die Stadtautobahn und


die Saarbrücke - und er würde auch noch weitere Stunden warten. Geduld zu


haben, hatte er in seinem Leben gelernt - ganz besonders in den letzten Jahren,


seit er seine Beine nicht mehr bewegen konnte. Die Querschnittslähmung


machte ihm in diesem Moment wieder besonders zu schaffen. Heftige Stiche


in den Wirbeln der Lendengegend ließen in ihm wieder den Hass hochsteigen,


der ihn schon seit seiner frühesten Kindheit verfolgte und der prägend für sein


Leben war. Er erinnerte sich wieder einmal, wie alles angefangen hatte. In seinem


Kopf liefen solche Erinnerungen immer so ab, als würde er sie gerade in


diesem Moment erleben. Es war, als würde ein Film ablaufen, in dem er die


Hauptrolle spielte. Vergangenheit und Gegenwart wurden eins.


Als Sohn eines Lehrers und einer Kindergärtnerin war er vor über vierzig


Jahren auf einem Restbauernhof in einem kleinen Kaff in der Lüneburger Heide


aufgewachsen. Seine Kindheit hätte so schön sein können, wenn da nicht


der zwei Jahre ältere Bruder gewesen wäre. Er konnte sich noch an ein Erlebnis


erinnern, welches er im Alter von ungefähr vier Jahren hatte. Sein Bruder,


erheblich größer, schwerer und kräftiger als er, jagte ihn an einem Sonntag


wieder einmal quer über den Hof. Obwohl er bereits ziemlich schnell laufen


konnte, gelang es ihm nicht zu entkommen. Das Resultat war, dass er an den


Haaren in eine Pfütze gezerrt wurde, sodass er über und über mit Dreck bespritzt


war. In diesem Moment empfand er tiefen Hass. Er mochte seinen Bruder


zwar sowieso nicht sonderlich und wäre lieber ein Einzelkind gewesen,


aber dauerhaft hassen konnte er ihn nicht. Als sie kurz darauf in das kleine,


alte Fachwerkhäuschen gerufen wurden, trottete er deprimiert hinter dem


großen Jungen her, der vergnügt und falsch vor sich hin pfiff.


Bereits in der Diele wurden sie von den Eltern empfangen. Seine Mutter war


sauer, schlug vor Ärger und Wut die Hände zusammen und herrschte ihn wütend


an, warum er so verdreckt aussähe. Noch ehe er antworten konnte, erzählte


der Ältere, dass er beim Herumtollen ausgerutscht und in eine Pfütze


gefallen sei, obwohl er selbst ihm verboten habe, derart zu toben. Das Hassgefühl


war wieder da, zumal die Gemeinheiten und Schikanen seines Bruders


sich beständig steigerten. In der Folgezeit fing er an, heimlich zu trainieren,


damit er endlich schneller laufen konnte. Denn der Ältere war und blieb die


Gehässigkeit in Person, und seine Eltern schienen es nicht einmal zu bemerken.


Als er zur Schule ging, war er Klassenbester, was ihm den Neid und die


Hänseleien vieler Mitschüler und seines Bruders eintrug. Speziell im Sport


zeichnete er sich aus, denn er war schneller, wendiger und durchtrainierter als


alle anderen seiner Klasse. Er übte das schnelle Laufen weiterhin und begann


ab der dritten Klasse sogar noch mit einem selbst erdachten Krafttraining. Im


nahe gelegenen Wald stemmte er heimlich Steine und Baumstämme und spürte


bald seine strammen Muskeln. Aber dies reichte immer noch nicht, dem


Bruder endgültig und dauerhaft zu entkommen. Als er elf Jahre alt wurde,


kam der Tag, an dem er nicht mehr eingeholt werden konnte. Er ließ den Älteren


eines Tages hinter sich herlaufen und nahm den Weg in Richtung einer


einsamen Kiesgrube. Er wartete immer wieder mal ein wenig ab, damit sein


Verfolger meinte, er könne ihn doch noch erwischen. Schwer atmend und keuchend


ließ er ihn dann inmitten der Kiesgrube endlich aufholen. Als dieser auf


ihn einschlagen wollte, wich er so geschickt aus, dass der Junge, geschwächt


vom Laufen und getragen von seinem eigenen Schwung, lang hinschlug. Mit


dem aufgestauten Hass der vergangenen Jahre im Kopf trat er mit dem Fuß


mit voller Wucht den Kopf seines Gegners in den harten Kiesschotter. Er genoss


es, Blut aus dessen Nase spritzen zu sehen und die Schmerzen zu ahnen,


die der am Boden Liegende verspüren musste. Danach spazierte er erst einmal


tief befriedigt eine längere Zeit durch den Wald, bevor er sich auf den Weg


nach Hause machte.


Zu Hause angekommen, wurde er vom Vater zur Rede gestellt. Die Mutter


stellte sich auf seine Seite und versuchte ihren Ehemann davon zu überzeugen,


dass der so viel kleinere und schwächere Kerl, doch unmöglich ... Zur


Verwunderung aller gab er unumwunden zu, dass er seinen Bruder wirklich


derart schlimm zugerichtet habe. Noch heute konnte er sich an die Prügel erinnern,


die ihm sein pazifistischer Vater, der bei jeder Friedensdemonstration


in der Gegend mit von der Partie war, daraufhin verabreichte. Und trotzdem


war von diesem Zeitpunkt an der Hass auf seinen Bruder verflogen. Er fühlte


den absoluten Triumph des Siegers in sich.


Wieder war eine Stunde des Wartens vergangen. Da es inzwischen doch ein


wenig kühler wurde, zottelte er mit geschickten Fingern eine kleine Decke aus


einem breiten Ablagekorb an der rechten Seite des Rollstuhls hervor und legte


sie sich um die Schultern. Die Laternen verbreiteten in der kleinen Straße nur


schwaches Licht, welches sein markantes, etwas verhärmt wirkendes Gesicht


düster aufleuchten ließ. Lediglich die Stadtautobahn war verhältnismäßig gut


ausgeleuchtet. Wenn heute nicht das eintrat, was er schon seit knapp zwei Wochen


erwartete, dann würde er auch die kommenden Nächte wieder an dieser


Stelle sitzen und Ausschau halten müssen.


Seine Gedanken schweiften wieder in die Vergangenheit ...


Die Hänseleien in der Schule wurden noch schlimmer. Trotzdem wurden


seine Leistungen immer besser. Er wusste, dass es genau das war, was ihn zum


Einzelgänger machte. Für Freundschaften blieb sowieso keine Zeit. Das heimliche


Trainieren hatte in ihm eine Befriedigung ausgelöst, die keinen Platz für


andere ließ. Sogar seinen Eltern hatte er sich entfremdet, obwohl er sich alle


Mühe gab, sie dies nicht merken zu lassen. Die Mutter schien es manchmal


ebenfalls zu spüren, sprach ihn aber nie darauf an.


Aus seinen überragenden, bestens antrainierten sportlichen Fähigkeiten


machte er in Schulsportwettkämpfen keinen Gebrauch und ließ sogar andere


nach Belieben gewinnen. Als er allmählich in das Alter kam, wo ihn Mädchen


zu interessieren begannen, fiel ihm seine Isolation, in die er geraten war, verstärkt


auf, und er hasste die anderen dafür. Noch schlimmer wurde es, als er


versuchte, einem bestimmten Mädchen, einer sommersprossigen, rothaarigen


Mitschülerin namens Susi zu gefallen. Diese gab ihm aber deutlich zu verstehen,


dass sie ihn für einen schleimigen Versager und Streber hielt. Sie stehe


nur auf sportliche Sieger. Dies war für ihn das Startsignal, sein heimliches


Training noch mehr voranzutreiben und an offiziellen Wettkämpfen teilzunehmen.


Bereits die ersten Herausforderungen gewann er lässig - es handelte


sich um eine ganze Serie von Laufwettbewerben von der Kurzstrecke bis zur


Langstrecke über fünf Kilometer. Er ging überall als Sieger hervor und war


plötzlich der gefeierte Held der Schule. Nur Susi zeigte ihm weiterhin die kalte


Schulter und schäkerte mit einem grobschlächtigen Architektensohn mit riesigen


Händen und großen Muskelpaketen, der ihm in der Vergangenheit schon


oft zugesetzt hatte.


Wieder begann er zu hassen und die Welt als ungerecht zu empfinden. Und


wieder überlegte er intensiv, wie er diesen Angeber und Muskelprotz in die


Schranken weisen und Susi für sich gewinnen konnte. Reiner Kraftsport war


nicht seine Sache, eher der Ausdauersport. Aber es half nichts, wollte er siegen,


musste er sich dieser Aufgabe stellen. Und so begann er zusätzlich mit


einem Muskelaufbautraining. In dieser Zeit verflog seine kurzfristige Beliebtheit


schnell wieder. Allerdings ließ man ihn jetzt weitgehend in Ruhe. Seine


Lehrer und Eltern sahen es mit Besorgnis, aber er ließ keinen an sich heran.


Er benötigte mehr als ein halbes Jahr, bis er endlich das Gefühl hatte, gegen


Susis Freund antreten und ihn besiegen zu können. Durch einige Sticheleien


hatte er ihn schnell so weit, dass dieser ihn während einer Pause vor allen Mitschülern


und vor allem vor Susi auf dem Schulhof angriff. Wieder war er erstaunt,


wie schnell und problemlos er diesen Kerl flachlegen konnte. Noch


größer wurde sein Erfolg, als er drei Freunde seines Gegners, die sich plötzlich


einmischten, im Handumdrehen ausschaltete. Er hätte am liebsten laut gejubelt


und sich noch stundenlang an den Schmerzen und der Niederlage seiner


Gegner geweidet. Es entschädigte ihn für die fiesen Sticheleien der vergangenen


Jahre. Der Sieg war perfekt, und der Applaus enorm. Susi schaute ihn jetzt


nicht mehr achtlos an, sondern begann sogar, ihm schöne Augen zu machen.


Um ihren alten Freund kümmerte sie sich von dieser Sekunde an nicht mehr.


Voller Glück nahm er sie wenige Tage später in die Arme und ihre Beziehung,


seine erste Liebe, hielt fast ein halbes Jahr.


Dieser Kampf war sein endgültiger Durchbruch. Er trat in den örtlichen


Sportverein ein, trainierte weiter wie besessen und gewann alles, was an kleinen


Wettkämpfen in seinen Disziplinen angesetzt wurde. Jeder im Ort und


sogar im Landkreis kannte und beachtete ihn nun. Er war jetzt ein Jemand,


kein Niemand mehr. Der Hass hatte ihn zu Höchstleistungen getrieben, und er


war erst sechzehn Jahre alt ...


Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es kurz vor zwei Uhr war.


Er befürchtete nun schon, dass er auch diese Nacht wieder vergeblich warten


würde. Der Verkehr war inzwischen abgeflaut. Hin und wieder brauste noch


ein Fahrzeug die Autobahn entlang. Noch seltener passierten Lastwagen die


Straße. Die kleine Parallelstraße zur Autobahn war schon seit mehreren Stunden


kein Fahrzeug mehr entlang gefahren, und Passanten gab es ohnehin keine


mehr.


Ein Gähnen unterdrückend, bewegte er kreisend seine Arme, um sich wachund


seine muskulösen Schultern beweglich zu halten. Plötzlich fuhr er hoch


und starrte auf die Saarbrücke, die in hohem, langen Bogen über die Autobahn


führte. Auf dem Bürgersteig der Brücke schien sich eine Person auf einem


Fahrrad dem Geländer zu nähern.


Mit flinken Fingern nahm er aus einem geräumigen Kasten, der auf der linken


Seite seines schweren, übergroßen Elektrorollstuhls angebracht war, ein


massives, wuchtiges Fernglas, drückte auf einen kleinen Schaltknopf und hielt


es an seine Augen. Nach kurzem Suchen hatte er die Person, die inzwischen


am Geländer stand und nach unten auf die Autobahn blickte, ganz deutlich im


Ausschnitt des Restlicht verstärkenden Fernglases.


Ein Fahrrad lehnte schief am Geländer.


„Wusste ich es doch", zischte er vor sich hin und lachte hart auf. „Dich hab


ich, du Schwein!"


Er vergewisserte sich noch einmal, dass es sich wirklich um die richtige Person


handelte. Befriedigt stellte er fest, dass ein Irrtum ausgeschlossen war: Am


Geländer stand ein dunkelhaariger Mann, noch keine zwanzig Jahre alt, mit


Jeans und Jeansjacke bekleidet. Er trug einen Gürtel, an dem verschiedene


längliche Behälter befestigt waren, und hatte ein langes Seil um die Schulter


gewickelt. Dieser junge Mann sah wiederholt prüfend auf die Autobahn hinunter


und begann dabei, das Seil von der Schulter zu nehmen, das eine Ende


am Geländer mittels eines Karabinerhakens zu befestigen und danach das andere


Ende am eigenen Gürtel anzuhängen. Erst jetzt erkannte er, dass der


Jüngling auf der Brücke sogar zwei Seile mit mehreren Karabinerhaken am


Körper trug und nun das andere Seil gute zehn Meter entfernt ebenfalls am


Brückengeländer verklinkte, das zweite Ende ebenfalls an der Seite des Gürtels


festmachte, weitere unverständliche Verklinkungen an einem Rollensystem


vornahm, wieder an das Geländer trat und nach unten schaute.


Mit überlegenem Lächeln holte der Mann im Rollstuhl einen massiven Bügel,


an dessen beiden Enden Zapfen zu erkennen waren, aus einem geräumigen


Kasten, der an der Rückseite seines Fahrzeugs angebracht war. Danach drückte


er die Zapfen bedächtig in extra für diesen Zweck an den stabilen, breiten


Lehnen vorgesehene Öffnungen und drückte so fest dagegen, bis er sie einrasten


hörte. Der Bügel hätte als schmales Tischchen vor der Brust des Mannes


dienen können, wenn nicht ein gut dreißig Zentimeter hohes, gabelartiges Gebilde


diesen Eindruck gestört hätte. Nun nahm er aus den beiden vorderen,


senkrechten Teilen der Lehnen jeweils ein längliches rohrartiges Gestell,


schraubte diese beiden Teile zusammen, klappte an einem Ende eine kleine


Strebe aus und klinkte das entstandene Gebilde in die Gabel ein. Als Letztes


griff er wiederum in den geräumigen Kasten, holte ein Zielfernrohr heraus


und setzte es auf das röhrenähnliche Gebilde. Mit einem Schnalzen der Zunge


sah er durch das Fernrohr und stellte am Okular die Sehschärfe ein.


Er registrierte, dass sich der junge Mann inzwischen über das Geländer geschwungen


hatte. Nun ließ dieser sich langsam an seinen eigenen Seilen absinken,


bis er unterhalb des Geländers an der dunkelgrau gefärbten Betonwand


der Brücke hing. Er schien prüfend mit der Hand über die saubere, ein


wenig nach hinten versetzte Fläche zu fahren und holte danach mit der rechten


Hand einen der länglichen Gegenstände aus dem Gürtel, hielt ihn gegen


die Wand und bewegte ihn hin und her.


Der Mann im Rollstuhl nickte mit dem Kopf und lächelte noch breiter. Mit


sicherer, ruhiger Bewegung nahm er aus der Brusttasche seines Hemdes einen


kleinen, länglichen Gegenstand und ließ ihn mit einem deutlichen Ratschen


und Klicken im Rohr verschwinden. Stolz sah er die Konstruktion an. Es handelte


sich, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht erkennen konnte, um


ein speziell konstruiertes Präzisionsgewehr, Kaliber 7,65, mit gezogenem, spezial


gehärtetem Lauf, fest installiertem Schalldämpfer und nur angedeutetem


Schulterstück. Das Zielfernrohr war eine Meisterleistung an Lichtempfindlichkeit


und Präzision. Bei flüchtigem Hinsehen hätte man dieses Gebilde auch für


eine ausgesprochen dünne Version einer Panzerfaust halten können, denn das


Schulterstück konnte nicht in die Achselhöhle eingepresst, sondern musste auf


die Schulter aufgelegt werden. Nur eine kleine, senkrechte Strebe verhinderte


ein Abrutschen.


Sorgfältig überprüfte er, ob die Bremsen seines Rollstuhls arretiert waren


und die hinteren Räder dicht an der Wand des alten Hauses standen. Er wusste,


dass der Rückstoß bei einem Schuss überdurchschnittlich stark war und ihn


gnadenlos umwerfen würde, wenn er nicht die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen


traf.


Genau beobachtete er danach, wie der junge Mann begann, mit hellen Farben


die Betonfläche der Brücke zu besprühen. Er wusste, dass das, was dort


ablief, unter die Kategorie „taggen" fiel und dass diese „Künstler", wie sie sich


selbst gerne nannten, dies nur taten, weil es verboten war und sie den Nervenkitzel


genossen. Er selbst nannte es unerlaubtes Beschmieren und Beschädigen


von fremdem Eigentum.


Das farbige Bild, eine Art Namenszug, war schon zu erkennen. Neidlos


musste er anerkennen, dass dieser Sprayer sehr geübt vorging. Wenn das Gemälde


fertig wäre, würde seine Fangemeinde mit Achtung von ihm sprechen,


das wusste er und musste ungewollt leise auflachen. Es würde noch einige


Minuten dauern, davon war er überzeugt.


Langsam ließ er das Zielfernrohr nach links oben wandern. Das Fadenkreuz


entfernte sich vom Rücken des Jünglings und näherte sich konstant dem Geländer,


um genau an der Stelle zu stoppen, an der das Seil angeklinkt war. Mit


ruhiger Hand nahm er das Auge des Karabinerhakens ins Visier, schaute noch


einmal kurz über das Zielfernrohr hinweg zu dem Sprayer, blickte wieder


durch das Fernrohr und justierte erneut etwas nach. Das Hakenauge lag ruhig


in der Mitte des Fadenkreuzes. Noch ruhiger drückte er ab. Ein harter Ruck


und ein Plopp, welches kaum lauter als ein satter Kuss war, machte deutlich,


dass das Geschoss zu seinem Ziel unterwegs war. Zufrieden registrierte er, wie


der Karabinerhaken genau an der richtigen Stelle mitsamt Seil zerfetzt wurde


und Letzteres sich augenblicklich vom Geländer löste, hinunter fiel und kurz


darauf lose bis zur Fahrbahn reichte. Er beobachtete durch das Fernrohr, wie


der junge Mann steil nach unten stürzte, eine Spraydose dabei aus dessen


Hand glitt, auf die Mitte der Fahrbahn fiel und zur Seite rollte. Er sah den entsetzten


und ängstlichen Blick des Abgestürzten, als dieser ganz knapp über


der Fahrbahn hin und her schwang. Es war dem jungen Mann sichtlich unerklärlich,


warum sich das Seil gelöst hatte.


Er genoss die Verzweiflung des Knaben, der nun begann, sich Zentimeter


um Zentimeter an dem hin und her schaukelnden Seil, welches nur noch auf


der rechten Seite am Geländer befestigt war, nach oben zu ziehen.


Der Mann im Rollstuhl verfolgte die Bemühungen des Mannes weiterhin mit


Genugtuung. Lächelnd kippte er mithilfe eines Hebels die heiße Patronenhülse


aus seinem Lager hoch, nahm sie mit spitzen Fingern heraus und steckte sie


in die große Seitentasche. Danach holte er eine weitere Patrone aus seiner


Brusttasche, legte sie ein und verriegelte das Lager erneut. Das Zielfernrohr


wanderte nach rechts oben und zeigte nach kurzer Zeit auf den Karabinerhaken


des anderen Seiles. Der junge Mann war keinen halben Meter vom rettenden


Geländer entfernt, als der Mann im Rollstuhl auch diesen Haken fest im


Visier hatte und nur noch darauf wartete, bis das Opfer glauben musste, es


geschafft zu haben. Als er die Hand des Mannes nach dem Rand der Brücke


greifen sah, drückte er erneut ab. Wieder sah er das Metallhakenauge zerspringen.


Das Seil löste sich in Sekundenbruchteilen. Mit einem lauten, entsetzten


Aufschrei, den er sogar bis zu seinem entfernten Ort hören konnte,


stürzte der Jüngling rückwärts aus einer Höhe von gut sechs Metern auf die


Fahrbahn und blieb dort liegen.


Obwohl um diese Zeit nur noch wenige Fahrzeuge die Autobahn frequentierten,


brauste genau in diesem Moment ein kleiner Lastwagen auf der Spur,


auf die unmittelbar zuvor der junge Mann gestürzt war, entlang und hatte


keine Chance, dem auf der Fahrbahn Liegenden auszuweichen. Zufrieden registrierte


der Mann im Rollstuhl, wie mit einem dumpfen Knirschen und


leichtem Holpern der Lastwagen über den Knaben hinwegrollte und ihn noch


einige Meter mitschleifte. Tief befriedigt, innerlich jubelnd, riss der Mann im


Rollstuhl eine Faust hoch. Tränen der Genugtuung traten in seine Augen. Mit


unerschütterlicher Ruhe baute er das Gewehr nebst Zielfernrohr und den Bügel


wieder ab, verstaute alles sorgfältig, legte sich die Decke ein wenig fester


um den Körper und fuhr leise summend mit dem kräftig motorisierten Elektrorollstuhl


davon. Er war schon weit vom Tatort entfernt, als er hörte, wie sich


aus mehreren Richtungen Polizeifahrzeuge mit eingeschaltetem Martinshorn


näherten.


Zu Hause angekommen, begab er sich in sein Arbeitszimmer, schaltete eine


kleine Stehlampe ein und schaute versonnen und träumend eine Sammlung


ausgewählter Pokale und Medaillen an. Wieder spürte er die entsetzlichen Stiche


im Rückenbereich. Das gedämpfte Licht der Lampe warf einen düsteren


Schatten seiner Silhouette auf den Holzfußboden.




H


auptkommissar Adam betrachtete den Toten schockiert. Dass ein Mensch



von einer Brücke auf eine Autobahn fiel, war ausgesprochen selten. Nicht


einmal Selbstmörder nutzten diese Variante, ihrem Leben ein Ende zu setzen.


Zu unsicher. Wenn da nicht die Spraydosen, die Seile einer Bergsteigerausrüstung


und die Schmierereien an der Brücke gewesen wären, hätte er intuitiv


sofort auf Mord getippt. Irgendjemand musste den Knaben dann von der Brücke


gestoßen haben. Aber so handelte es sich wohl um einen tragischen Unfall


- oder?


Aufmerksam fixierten seine dunkelgrünen Augen die beiden Enden der Seile,


die der Tote an einem Gürtel befestigt hatte. Dieser Gürtel war eindeutig


eine Spezialanfertigung, wie sie normalerweise von Bergsteigern getragen


wurde, und die Seile waren zerrissen und zerfetzt. Sollte jemand auf der Brücke


diese Seile bewusst zerstört haben? Dann war es Mord. Aber wie konnte


man das bewerkstelligen? Hätte es sich um glatte Schnittspuren gehandelt,


wäre die Sache schon eindeutiger gewesen - aber so? Warum waren gleich


beide Seile zerrissen? Fragen über Fragen.


„Wissen wir schon, um wen es sich handelt?", fragte er den Polizeibeamten,


der als Erster am Tatort gewesen war.


Er war nervös. In seinen zwanzig Dienstjahren hatte er einen derart mysteriösen


Todesfall noch nicht erlebt.


„Nein, leider nicht", antwortete der Gefragte und kratzte sich verlegen am


Kopf. „Er hatte keine Papiere bei sich. Das ist übrigens für diese Sprayer normal.


Sie wollen sich mit einem falschen Namen herausreden können, wenn sie


mal erwischt werden."


Die schlanke, muskulöse Gestalt Adams setzte sich geschmeidig in Bewegung.


Ein kleiner Ring an seinem linken Ohrläppchen blitzte grell auf, als ihn


der Lichtstrahl eines vorüber fahrenden Autos traf. Über die Schulter rief er


laut nach seinem Mitarbeiter, der in diesem Moment die zerquetschte Spraydose,


die der Tote bei seinem Sturz verloren haben musste, untersuchte. Er


konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen, als er sah, wie sich sein Mitarbeiter


verlegen an der Nase kratzte, die leicht rötlich, wie eine kleine Knolle,


aus dem etwas teigig wirkenden Gesicht herausragte. Sie ließ diesen Mann in


diesem schummrigen Licht ein wenig gnomenhaft aussehen. Die schütteren,


dunkelblonden Haare, die dunkelbraunen Knopfaugen und eine ziemlich


dickliche Gestalt machten diesen Mann nicht gerade zum Schwarm der weiblichen


Welt, und so war es für Adam auch nicht verwunderlich, dass die Familie


seines Mitarbeiters inzwischen die Dienststelle war. Seine Vorliebe für amerikanische


Seifenopern und das Abkürzen von Namen ließen ihn zudem äußerst


schrullig wirken und hatten ihm den Namen G.G. eingebracht.


Adam hatte sich längst daran gewöhnt und akzeptierte ihn, so wie er war.


Mit schnellen Schritten marschierte er zur Brücke.


„Was machen wir hier oben?", wollte sein Mitarbeiter wissen, als dieser ihn


endlich heftig keuchend eingeholt hatte und versuchte, mit ihm Schritt zu halten.


„Das weiß ich selbst noch nicht, G.G.", gab er ehrlich zu, wobei er die Silben


G.G. wie ein lang gezogenes Dschiii]dschiii melodiös aussprach, „aber man


weiß ja nie. Wir schauen uns die Brücke mal näher an. Hell genug ist es inzwischen."


Bei diesen Worten schob er den Ärmel seiner feinen Anzugjacke zurück und


blickte auf seine feingliedrige, schwarze Armbanduhr: halb fünf Uhr morgens.


Er war todmüde, wusste aber, dass er frühestens in sechzehn Stunden ins Bett


kommen würde. Er hasste diese Nachtschichten.


Das Fahrrad gab nichts her. So genau er und G.G. es auch untersuchten, einen


Hinweis auf den Eigentümer und den Tathergang fanden sie nicht. Als


Nächstes nahmen sie die Stäbe des Geländers in Augenschein.


Der Morgen brach an. Es schien ein wunderschöner Tag zu werden. Die ersten


Vögel zwitscherten bereits, der Verkehr nahm allmählich zu. Das Licht war


weich und angenehm.


„Hey! Hier hab ich was", winkte ihn G.G. zu sich.


Der senkrechte, schmutzigblaue Geländerstab wies eine sehr massive Absplitterung


des Lacks und eine tiefe Schramme auf. Am untersten Ende des


Stabes hing ein silbrig glänzender Teil eines Karabinerhakens. Wie ein Detektiv


aus dem letzten Jahrhundert holte er ein flaches Etui aus der Außentasche


seiner Jacke und klappte eine Lupe heraus. Gewissenhaft betrachtete er damit


die Schramme und den Haken.


„Ruf umgehend die Spurensicherung hierher", forderte er seinen Mitarbeiter


auf und ging langsam am Geländer entlang, bis er auch den zweiten Stab gefunden


hatte, der eine ähnliche Spur, allerdings keinen zerstörten Haken aufwies.


Nachdenklich schaute er auf die Fahrbahn hinunter und konnte deutlich die


dunklen Blutspuren und die weißen Kreideumrisse des Toten auf der Fahrbahn


erkennen. Immer mehr Fahrzeuge rasten darüber, so wie auch der Alltag


über den Tod eines blutjungen Menschen hinwegbrauste. Er erschauderte.


Am späten Nachmittag saß Adam mit G.G. und zwei Mitarbeitern der Spurensicherung


in seinem düsteren, schmucklosen Büro in der Keithstraße. Die


beiden Schreibtische waren so übersät mit Unterlagen und Aktendeckeln, dass


die Telefone nicht mehr zu sehen waren. Der Computer war eingeschaltet, und


der Bildschirm zeigte das Konterfei eines junges Mannes, welches jedoch mit


dem des Toten nicht übereinstimmte.


„Ihr seid also ganz sicher, dass irgendjemand die Karabinerhaken quasi zerschossen


hat?", wollte er noch einmal von den beiden Spezialisten wissen und


schaute sie prüfend an.


„Klar, Kommissar A..., äh ... Herr Kommissar Adam, wir sind uns ganz sicher,


auch wenn wir die Projektile noch nicht finden konnten", bestätigte einer


der beiden Beamten etwas stotternd, „Sie erhalten den schriftlichen Bericht


darüber noch."


Adam hätte beinahe aufgelacht, blieb aber nach außen hin bierernst. Der


auskunftsfreudige Kollege, der noch nicht sehr lange bei der Behörde tätig


war, kannte zwar die Besonderheit seines Familiennamens, war aber noch


nicht so ganz in der Lage, die Klippe mühelos zu umschiffen und ihn nur, mit


dem nötigen Respekt selbstverständlich, bei seinem Vornamen anzusprechen.


„Hmm, das kann doch überhaupt nicht sein", meinte er, kopfschüttelnd.


„Wer kann denn dermaßen gut schießen?"


Mit einer leicht wegwerfenden Bewegung mit der rechten Hand unterstrich


seine Äußerung noch.


„Ja, das wundert mich auch", gab der Spezialist zu und blickte bei diesen


Worten auf den Boden.


„Vielleicht ein Kunstschütze oder ein ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit,


der GSG 9 oder so", mutmaßte G.G.


„Das kann in der Tat alles möglich sein. Da müssen wir wohl kräftig Archive


filzen", stellte Adam fest und fragte, einen nach dem anderen anblickend:


„Konnte inzwischen die Identität des Opfers festgestellt werden?"


Einhelliges Kopfschütteln war die Folge. G.G. schob sich ein Stück Schokolade


in den Mund und wischte einige Krümel von seinem Oberschenkel.


„Die Sonderabteilung Graffiti ist bereits mit Fotos in der Szene unterwegs.


Spätestens morgen wissen wir, um wen es sich handelt. Außerdem werden


wegen der Waffe, bei der es sich um ein Präzisionsgewehr handeln muss,


sämtliche Geschäfte und Hersteller europaweit angeschrieben", nuschelte G.G.


und setzte noch sehnsüchtig hinzu: „Deshalb könnten wir jetzt auch aufhören


und uns hinhauen. Immerhin sind wir schon seit achtzehn Stunden im


Dienst!"


Das war Adam egal.


„Hat die Pathologie schon ein Kurzinfo herausgegeben, was die Todesursache


war?"


„Ja und nein", kam prompt die Antwort eines Spurensicherers.


„Was ja und nein, Kollege?", wollte G.G. wissen, der die Antwort scheinbar


nicht richtig zuordnen konnte, sichtlich irritiert von einem zum anderen blickte,


und dabei genießerisch ein weiteres Stück Schokolade in seinen Mund


schob.


„Ein Kurzinfo existiert, aber die genaue Todesursache ist noch unbekannt.


Allerdings wurde er mit Sicherheit nicht erschossen oder erstochen."


„Das hatte ich auch schon festgestellt", brummte G.G., „immerhin war ich


ebenfalls am Tatort."


Ein eisiger Blick Adams ließ ein einsetzendes Lachen der Spurensicherer verstummen


und auch ein Restlächeln auf den Gesichtern verschwinden.


„Gut. Haben Sie den Ort, an dem die Schüsse abgegeben worden sein müssen,


ausfindig machen können?"


„Ja. Wir glauben sicher zu wissen, wo es gewesen sein muss. Wir haben von


dieser Stelle alle möglichen Proben genommen und unzählige Aufnahmen


gemacht, aber wir haben nicht die geringsten aussagefähigen Hinweise gefunden.


Auch von den Patronenhülsen fehlt jede Spur ... und kein Anwohner hat


etwas gesehen, gehört oder bemerkt."


„Es waren keine Patronenhülsen zu finden?", staunte Adam. Da niemand


etwas sagte, ordnete er an, dass die Spurensicherung weitersuchen sollte und


verabredete ein erneutes Treffen für den kommenden Vormittag.


Die beiden Beamten verließen den Raum und schlossen die Tür leise hinter


sich.


„Haben wir es etwa mit einem selbsternannten Gott oder einem wahnsinnigen


Weltverbesserer zu tun, der glaubt, das Gesetz selbst auslegen und in die


Hand nehmen zu müssen, und für den diese Schmierfinken zu wenig bestraft


werden?", fragte G.G., holte bei diesen Worten langsam eine Tüte Flips aus


einer blauen Plastiktüte, auf der groß das Logo der WWL prangte. Er schob


einen Flip nach dem anderen in den Mund.


„Wenn ja, dann schießt dieser Psychopath aber verdammt gut", stimmte Adam


zu und stellte sich vor eine große, weiße Tafel, die hinter seinem Schreibtisch


an der Wand angebracht war, und wischte sie mit einem schmuddligen


Lappen einigermaßen sauber. Danach nahm er einen Filzstift vom Schreibtisch


und unterteilte die Fläche durch einen senkrechten Strich in zwei Hälften. Auf


die linke Seite schrieb er Opfer, auf die rechte Seite Täter und unterstrich diese


Begriffe. Auf der Opferseite notierte er „Schmierfink", auf der Täterseite „Superschütze"


und „keine Patronenhülsen."


„Wenn das einer von der Presse sieht, dann zerreißen die dich, weil du den


Toten als Schmierfink bezeichnest."


„Macht nichts. Ich will nur den Fall lösen. Über die psychologischen, moralischen


oder künstlerischen Aspekte können sich Klügere den Kopf zerbrechen


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