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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Kriminalboogie, Ines Eichelbaum
Ines Eichelbaum

Kriminalboogie



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Kapitel 1
Nach düst’rer Zeit wurd’s plötz lich bunter.
Es kam der Stil, doch auch viel Plunder.



Die Beerdigung von Cäcilie Reuter war vorüber und langsam kroch die Sonne hinter dicken Regenwolken hervor. Josef hatte während eines immensen Wolkenbruches Witwe Reuters Grabrede halten müssen, und das, obwohl er zu Lebzeiten ihr erklärter, jedoch wohlweislich im Verborgenen gebliebener Erzfeind gewesen war. Nun stand er mit triefend nasser Soutane neben dem noch off enen Grab. Dabei beobachtete er argwöhnisch Manni und Kalle, die – beide groß, übermäßig mit Muskeln bepackt und dumm wie Brot – begonnen hatten, Erde in das dunkle Loch und auf den schneeweißen Sarg zu schaufeln. Josef, selbst eher klein und kahlköpfig, trug seine Muskelmasse hingegen unter einer dicken Schicht  Wohlstandsfett versteckt. Trotz seines katholischen Glaubens hielt er sich für einen recht weltlichen Kirchenmann. Ihm war bewusst, dass es sich überhaupt nicht schickte, über Verstorbene schlecht zu denken oder schlecht zu reden. Trotz verzweifelter Bemühungen, dieser ethisch korrekten Vorgabe menschlichen Verhaltens zu folgen, hatte er Cäcilie Reuter aus tiefstem Herzen gehasst. Er hatte sie so abgrundtief gehasst, dass er während seiner wohlwollenden Grabrede unvorstellbar schmerzhaftes Sodbrennen bekommen hatte und er hasste sie, diese alte Natter Cäcilie, noch immer. Ganz bestimmt hatte die alte Krähe ihn mit gemeiner Hinterlist in ihrer Verfügung dazu verdonnert, den Beerdigungstanz zu vollführen und die Trauerrede in der Kirche und am Grab für sie zu halten. Er vermutete sogar, dass sie dem armen Petrus im Himmel so zugesetzt hatte, dass der nicht anders konnte, als sintflutartigen Regen genau in dem Moment hereinbrechen zu lassen, als das erste Wort seine Lippen verlassen hatte. Cäcilie Reuter, eine geborene Mahlstedt, war zu Lebzeiten eine eiserne Katholikin gewesen und wöchentlich zur Beichte erschienen. Sie hatte im Kirchenchor bis zum Schluss das Regiment geführt und den Witwenzirkel in der Gemeinde mit diktatorischer Strenge geleitet. Jetzt war sie tot. Endlich! Josef blickte bei diesem Gedanken schuldbewusst zum Himmel empor. Für die nächste Ewigkeit ruhten nun Cäcilies sterbliche Überreste in der feuchten Erde einer jener monumentalen, uralten Grabanlagen, wie sie zu längst vergangenen Kaisers Zeiten für mehr als nur gutbürgerliche Fabrikbesitz er ein finanziell beinahe ruinöses Muss gewesen waren. Die wirklich wenig bescheidene Grabstätte der Fabrikantenfamilie Mahlstedt war jedenfalls eine solche. Sie befand sich auf einem überaus großzügigen, nur fußhoch eingezäunten Stück Land und für alle Welt sichtbar an der linken Begrenzungsmauer des Friedhofs. Eine monumentale marmorne Grabtafel aus hellem Stein bildete die hintere Begrenzung. Acht griechische Säulen und ein alles überspannender Baldachin aus demselben edlen Gestein empfanden, zwar etwas vereinfacht, aber dennoch imposant, die über Athen thronende Akropolis in für diesen Gottesacker durchaus beängstigenden Ausmaßen nach. Unter dem majestätisch anmutenden Mahlstedtschen Überbau gab es genügend Platz für insgesamt zehn Särge. Diverse Büsche und Sträucher sorgten für einen immergrünen Eindruck. Eine seitlich stehende, gusseiserne und absolut unbequeme Sitzbank lud nur bedingt zum Verweilen bei den längst Verstorbenen ein. Schwere, an der hellen Rückwand befestigte Tafeln aus schwarzem Marmor mit goldener Schrift taten ausführlich kund, wer hier inzwischen seine letzte Ruhe gefunden hatte. Auf der linken Seite lagen Cäcilies Eltern, der Fabrikant Ferdinand Mahlstedt und seine Frau Agathe, eine geborene Timmermann. Cäcilies in frühesten Kindertagen verstorbene Brüder Franz Ferdinand und Hubertus Wilhelm sowie die als alte Jungfer erst vor wenigen Jahren zu Grabe getragene Schwester Adele lagen gleich daneben. Rechts ruhte Cäcilies zweite, mitteljung verstorbene Schwester Clementine, weiterhin Cäcilies Ehemann August Wilhelm Reuter und der gemeinsame, aber tot geborene Sohn August Ferdinand. Und nun auch Cäcilie Reuter selbst. Josef überflog, zitternd vor Nässe und Kälte, die Aufschriften auf den Marmortafeln. Er kannte sie längst auswendig. Das Familienoberhaupt Ferdinand Mahlstedt war im Ersten Weltkrieg als Kompanieführer und Träger des kaiserlichen eisernen Verdienstkreuzes für eben jenen und das geliebte Vaterland während eines Sturmangriffs den Heldentod gestorben. Sein einziger Schwiegersohn August Wilhelm Reuter war dessen Beispiel tapfer gefolgt und hatte sich Jahre später im Zweiten Weltkrieg an der eisigen Ostfront im Range eines Majors niedermetzeln lassen. Kein Wunder, dass die alte Cäcilie nach Jahrzehnten der familiären Schicksalsschläge und des Witwendaseins und auch noch ohne neues Lebensglück in Aussicht, zu einer bösartigen Krähe mutiert war. Josef schickte ein weiteres Stoßgebet gen Himmel, auf dass der Heilige Vater dafür Sorge tragen möge, dass die Letzte der Familie zukünftig nicht als ruheloser Geist herumspuken würde. Er blickte etwas geistesabwesend auf seine Armbanduhr und stellte erschrocken fest, dass er sich sputen musste, wollte er sich zum Leichenschmaus nicht allzu sehr verspäten. Manni und Kalle hatten derweil einen ordentlichen Hügel Erde auf dem Grab aufgetürmt und waren im Begriff, die nächste Schaufelarbeit wenige Grabreihen weiter hinten in Angriff zu nehmen. Josef segnete noch einmal die Grabstätte der Mahlstedts, bekreuzigte sich und verließ den Friedhof. Die Trauerfeier fand in einigen Kilometern Entfernung vom Begräbnisort statt und seine Fahrkünste waren nicht die besten. Es dauerte eine Weile, bis er seinen alten Wagen zum Laufen gebracht hatte und die stark befahrenen Straßen entlangschleichen konnte. Als er nach einer geschlagenen Stunde endlich im Lokal eintraf, war die Veranstaltung bereits in vollem Gange. Cäcilie Reuter hatt e alle Verwandten und Bekannten, Freunde und Feinde, Gönner und Neider dazu verdonnert, ihr Ableben in allerfeinster Umgebung, nämlich in der eines erstklassigen Grunewalder Restaurants, zu begießen. Unzählige schwarz gekleidete Personen standen mit Champagnergläsern in Händen in der Gegend herum und übten sich, dem Anlass entsprechend, in oberflächlichen Kurzgesprächen. Emsige Kellnerinnen huschten mit silbernen Tabletts zwischen den Stehenden umher und boten diskret Häppchen und Kanapees an. Ein elfengleiches Wesen in langer schwarzer Schürze schwebte unvermittelt heran und hielt Josef einige der feilgebotenen Delikatessen unter die Nase. Er hatte die freie Auswahl zwischen Schnittchen mit Kaviar, Schnittchen mit Lachs, Schnittchen mit geräucherter Forelle, Schnittchen mit Anchovis und Schnittchen mit Krabben. Er hasste Fisch. Wie es für ein erstklassiges Restaurant dieser Gegend zu erwarten war, erahnte die Elfe, wo das Problem lag und winkte schnell, aber unauff ällig, eine Kollegin heran. Das Tablett, das sie mitbrachte, war schon mehr nach seinem Geschmack. Diesmal waren es dunkle Schnittchen mit Roastbeef, helle Schnittchen mit Schinken und Vollkornschnittchen mit Käse. Beherzt griff er zu und schaufelte sich gleich fünf der kleinen Teilchen auf eine steife Stoff serviette.


»Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?«, säuselte ihm unvermittelt ein schleimiger, in unterwürfig gebückter Haltung dastehender Ober ins Ohr.


»Ein Bier.« Eine Antwort ohne großes Nachdenken.Und ein Fehler. Der Ober verzog unschön das Gesicht und bedauerte zutiefst, dass das wohl nicht möglich wäre. Die Verstorbene habe präzise Anweisungen gegeben und so könne er alles haben, nur eben kein Bier. Du alte Mistkrähe, dachte Josef missmutig. »Bringen Sie mir, was die anderen hier trinken«, sagte er jedoch freundlich.


»Champagner. Kommt sofort, Hochwürden.« Der Ober schleimte davon, um nur Sekunden später mit einem winzig kleinen Silbertablett , auf dem ein einzelnes, noch leeres Glas stand, wie ein lautloser Geist wieder aufzutauchen. Mit der Flasche in der rechten Hand jonglierte er die luxuriöse goldfarbene und lustig prickelnde Flüssigkeit in dem Glaskelch auf dem Tablett. Dann reichte er es ihm formvollendet. Josef erkannte die Falle zu spät, griff einfach zu und hatte jetzt ein echtes Problem. In der einen Hand die übertrieben gestärkte Stoffserviette mit den fünf Schnittchen und in der anderen den Champagner. Trinken ging, aber wie sollte das mit dem Essen laufen? Weit und breit war keine Ablagefläche, kein Tisch, kein Nichts zu sehen. Nicht einmal die Fenster hatten Fensterbretter, denn sie reichten bis zum Boden. Himmel!


»Kann ich Ihnen behilfl ich sein?« Vor Josef war eine junge Frau erschienen und lächelte ihn mit einer beängstigenden Mischung aus Mitgefühl und Schadenfreude an. Seine Irritation schien unübersehbar zu sein. »Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Mara Lahnsteiner. Tante Cäcilie war die Patentante meiner Mutter.« Beherzt nahm sie ihm die Serviette inklusive der herzhaften Miniaturstullen aus der Hand. »Wenn Sie erlauben, halte ich Ihr Essen, dann ist es bequemer für Sie.« Ein listiges Zwinkern folgte.


»Oh, oh … äh«, war vorerst das Einzige, was über seine Lippen kam. Seine Wangen brannten wie Feuer und er spürte, wie sein Antlitz immer mehr wie ein Feuermelder zu leuchten begann. »Kein Problem. Tante Cäcilie hatt e eine Vorliebe dafür, alles und jeden in eine unangenehme Situation zu bringen. Ihre erklärte Leidenschaft war es, die Leute auf gesellschaftlichem Parkett ins Trudeln zu bringen.« Mara lächelte aufmunternd. Aber es half nichts. Josef wusste sich nicht wirklich elegant aus der Situation zu befreien. Er trank den Champagner in einem Zug aus, stellte das Glas auf das Tablett des nächstbesten Kellners inmitten von Fischschnittchen und nahm seine feste Nahrung wieder an sich. Er hatte völlig vergessen, dass er noch nichts zum Frühstück gegessen hatte und die Wirkung des seidig perlenden Getränks somit mächtig unterschätzt. Ein heißes Brennen breitete sich in Windeseile in Speiseröhre und Magen aus. Oh nein. Er hatte doch vorhin schon Sodbrennen, resümierte er frustriert. Vom Genuss des Alkohols wurde ihm schwindlig. Um die Wirkung einzudämmen, griff er zu den Schnittchen in der Stoffserviette, aß die Kanapees allerdings viel zu hastig und verschluckte sich prompt. Eine überaus peinliche und laute Hustenattacke folgte, und die umstehenden Trauergäste richteten ihre neugierigen Gafferblicke auf ihn. Was für ein grauenhafter Tag! Freilich, was konnte er schon erwarten, wenn die Beerdigung von Cäcilie Reuter gleich als erstes Ereignis an diesem Sonnabend auf der Tagesordnung stand. Vom peinlichen Husten halbwegs erholt wechselte er anstandshalber noch ein paar Worte mit dem einen oder anderen Gast des Trauermahls und verschwand alsbald in seine heiligen vier Kirchenwände. Er wollte für Cäcilie beten und innigst darum bitten, sie möge ihn fortan in Ruhelassen.


 


Kapitel 2


Die Herr’n rasierten ihre Schnäuzer.


Sie fuhren lieber Straßenkreuzer.


 


Im Gegensatz zu Pfarrer Josef Leutner hatte Mara noch ein langes Tagesprogramm vor sich. Erst am Morgen war sie aus ihrer Wahlheimat in Berlin eingetroff en und nicht ganz pünktlich zum Trauergottesdienst erschienen. Sie hatte in Trauerkleidung fliegen müssen, weil nach ihrer Ankunft keine Zeit mehr zum Umziehen geblieben wäre. Sämtliche griechischen Mitpassagiere hatt en sie angstvoll angeblickt, unaufh örlich getuschelt und sich nach jedem Blick in ihre Richtung drei Mal bekreuzigt. Irgendwann war es Mara zu bunt geworden. Sie hatte sich in den Gang des Flugzeugs gestellt und lautstark erklärt, dass sie nur zu einer Beerdigung fliege und nicht etwa den Verstorbenen höchstselbst im Gepäck mitnehme. Geglaubt hatten ihr die Griechen zwar nicht, aber sie hatten wenigsten aufgehört, sie anzustarren, als hätte sie Pest und Cholera gleichzeitig. Mara hatte nie eine sonderlich enge Beziehung zu Tante Cäcilie gehabt. Zu Lebzeiten war sie lediglich die Patentante ihrer Mutter Annemarie gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Die gestrenge Cäcilie hatte man lediglich zu allen wichtigen Festen eingeladen, insbesondere, nachdem ihre Schwester Adele, die bis dahin einzig noch lebende direkte Verwandte, vor über zehn Jahren verstorben war. Und so war Tante Cäcilie an Weihnachten, zu Ostern und an den Geburtstagen erschienen. Zu den Namenstagen hatt e sie eine Glückwunschkarte und Geld mit der Post geschickt, wie sich das für eine gute Katholikin gehörte.  Ansonsten war sie eine dieser typischen Wilmersdorfer Witwen gewesen, alt und zänkisch, besserwisserisch und rechthaberisch, arrogant und hochgradig spießig. Bei jedem Aufeinandertreffen hatte Mara Rede und Antwort stehen müssen, warum sie denn noch nicht verheiratet sei und längst zum Fortbestand des Heimatlandes durch mehrere, artig erzogene Kinderlein beitrage. Als abschreckendes Beispiel führte Tante Cäcilie immer ihre verknöcherte Schwester Adele an. Mit Vorliebe beschuldigte sie Mara – gern in größtmöglicher Öffentlichkeit – der Verschwendung des überaus fruchtbaren Schoßes der Mahlstedts. Das war zwar nicht ganz richtig, denn die weibliche Linie der Familie entsprang dem Zweig der Timmermanns, zudem war Mara mit Tante Cäcilie gar nicht blutsverwandt, aber wer fragte schon danach? Mara hatte es sich unter großen Anstrengungen stets verkniffen, darauf hinzuweisen, dass eben dieser Schoß nie sonderlich fruchtbar gewesen war und somit für den Fortbestand des Heimatlandes gewirkt hatte. Doch Tante Cäcilie war Tante Cäcilie. Und jetzt war sie tot. Unmittelbar nach Cäcilies Dahinscheiden hatte Mara von deren Anwalt einen Brief erhalten, der wohl nicht nur Gutes verhieß. Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach erwartete sie zu einer ersten Unterredung direkt nach Beendigung der Trauerfeierlichkeiten in seiner Kanzlei. Auch das noch! Hoffentlich hatte das alte Mädchen sie nicht testamentarisch dazu verdonnert, bis zum Sankt Nimmerleinstag ihre Gruft zu pflegen. Mara hatte Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach nur beim Trauergottesdienst gesehen. Offensichtlich war er danach sofort wieder in seiner Kanzlei verschwunden. Vermutlich saß der bleiche Hagen jetzt steif hinter seinem riesigen, massiven Eichenschreibtisch und verfasste ein Testament nach dem anderen. Doppeldoktor Hagen war der auserkorene Liebling von Tante Cäcilie und ihren Freundinnen. Seine Mandantschaft bestand überwiegend aus verknitt erten alten Weibern einer längst vergangenen Epoche. Mara hatte ihren Eltern von dem Brief und dem angeordneten Treffen erzählt und bei der Gelegenheit erfahren, dass bislang kein Termin für eine Testamentseröffnung bekannt war. Es gab bei Tante Cäcilie vielleicht einiges zu erben, aber Mara wollte sich definitiv nicht um alte Couchen, Schränke, Wäschestücke oder Küchenutensilien kümmern. Sie hatte die Wohnung der Verstorbenen lebhaft vor Augen. Es war eine dieser riesigen Berliner Altbauwohnungen mit Stuck an den Decken, einer hochherrschaftlichen Klingelanlage und sogar einem Dienstbotenaufgang. Beeindruckend und gruselig zugleich. Es war bereits früher Nachmittag, als sich die Trauergemeinde endlich aufzulösen begann und sich Mara auf den Weg zu Bleichi machte. Maras Vater, Wolf Lahnsteiner, hatte dem Rechtsverdreher diese und weitere Namensverstümmelungen schon vor Jahren verpasst und bei jeder Neuerfindung hämisch gegrinst. Nur gut, dass Tante Cäcilie davon nie Wind bekommen hatte. Familie Lahnsteiner wäre glatt enterbt worden. Nichtsdestotrotz, Bleichi war tatsächlich ein doppelter Doktor, sehr bleich und zudem von kleiner, spindeldürrer Gestalt. Mit den dünnen, durchsichtigen Fingern eines alternden Klavierspielers nestelte er unablässig an seiner unmodernen Krawatte oder zupfte sich geistesabwesend am Ohrläppchen. Die dunklen Haare waren stets mit Tonnen von Pomade am Kopf festzementiert und verstärkten seine kranke Ausstrahlung um ein Vielfaches. Maras Vater chauffierte sie bis vor dessen Haustür, nicht ohne ihr beim Aussteigen ein ironisches »Schönen Gruß an den Mehlzwerg« hinterherzurufen. Der absolute Unterwürfigkeit erzwingende Altbau, in dem der bleiche Mehlzwerg anzutreffen war, hatte zwei Weltkriege unbeschadet überstanden und beherbergte neben seiner Kanzlei die Praxen eines Schönheitschirurgen und eines Zahnarztes für die oberen Zehntausend Berlins sowie das Büro eines Landschaftsarchitekten. Letzterer kümmerte sich ausschließlich um die Ordnung und den Stil der Villengärten in Grunewald und Wannsee. Mehlzwerg Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach residierte im zweiten Stock. Mara entschied sich gegen den antiken Aufzug und für die breite, geschwungene Treppe. Im Kassenschlager Vom Winde verweht hatte Clark Gable alias Rhett Butler am Fuße einer solchen gestanden und die aristokratisch herabschreitende Vivien Leigh alias Scarlett O´Hara fasziniert beobachtet. Das hier war allerdings nicht die berühmte Baumwollfarm Tara in der Nähe von Atlanta zu amerikanischen Bürgerkriegszeiten, sondern Berlin-Wilmersdorf im Deutschland des dritten Jahrtausends. Die Tür zur Kanzlei war verschlossen und so musste Mara klingeln. Ein wahres Glockenkonzert ertönte auf der anderen Seite der schweren, doppelflügligen Tür. Es dauerte einen Moment, bis quietschende Dielenbretter verrieten, dass jemand geruhte, ihr zu öffnen. Mara kannte zwar Bleichi von der einen oder anderen Veranstaltung zu Lebzeiten Tante Cäcilies, aber in seiner Kanzlei war sie nur ein einziges Mal gewesen. Sie konnte sich nach über einem Jahrzehnt einfach nicht erinnern, was sie hinter der Tür erwartete. Eine unauffällige Erscheinung im mittleren Alter öffnete ihr und bat sie, noch einen Augenblick zu warten. Mara kam sich vor, als hätt e man sie lebendig in einem überdimensionalen Eichensarg begraben. Alles war mit dunkelbraunem Holz vertäfelt. Die Wandverkleidungen reichten bis unter die hohen Decken und der Geruch nach Bohnerwachs und stinkender Möbelpolitur war ekelerregend. Wenige Minuten später wurde sie zum Herrn des Hauses vorgelassen. Das Büro glich dem Empfangsbereich in jedem einzelnen Detail und ließ den alten Hagen noch kleiner, kränklicher und unappetitlicher erscheinen. Der Mehlzwerg erschien ihr wie ein blasses Spiegelbild in einer dünnen Mehlsuppe. Laut etwas sagenhaft anmutender Gerüchte entstammte das Refugium noch aus Zeiten des hochgelobten letzten Kaisers. Und Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach entstammte schließlich einer wahren Anwalts- und Notardynastie. Sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater und sein Ururgroßvater waren allesamt Anwälte und Notare gewesen und hatt en in dieser wohl von Anbeginn unverändert eingerichteten, niemals renovierten oder gar modernisierten Kanzlei ihre Dienste versehen. Riesige Ölschinken mit den Portraits sämtlicher männlicher Ahnen schmückten das ballsaalgroße, gruftähnliche Büro. Bleichi hockte mickrig auf seinem antiken, mit dunkelgrünem Leder bespannten Holzdrehstuhl und befingerte wie üblich fahrig seine Krawatte. Die Begrüßung war steif, ohne einen Händedruck, und das kleine Männlein kam sofort zur Sache. Aus einer noblen Aktenmappe nahm er ein mehrseitiges Schriftstück und erklärte feierlich, dass dies das Testament von Frau Cäcilie Reuter, geboren am 4. August 1914 als Tochter des Fabrikanten Ferdinand Mahlstedt und dessen Ehefrau Agathe, verstorben am 31. März 2009 sei. Im gleichen Atemzug erklärte er weiter, dass Mara darin als alleinige Erbin bestimmt war. Hatte sie sich verhört? Was hatt e sie denn mit dem Nachlass von Tante Cäcilie am Hut? Warum hatte ihre Mutter nicht geerbt, schließlich war sie doch Tante Cäcilies Patentochter? Rechtsanwalt und Notar Dr. Dr. Hagen von Bleichenstein-Saalbach ließ sich nicht beirren und begann, mit sonorer Stimme den Letzten Willen der Verstorbenen vorzulesen. Mara bekam nur die Hälfte mit, denn ihre Gedanken kreisten ständig um all die plötzlich aufgeworfenen Fragen.


»Fräulein Lahnsteiner, ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich Bleichi, als er geendet hatte, und Mara reichlich dümmlich mit offenem Mund vor sich hinstarrte.


»Ja, ja.« Der Mehlzwerg hatte sie gerade Fräulein genannt. Himmel, der Typ stammte wirklich noch von Vorvorgestern.


»Ihre Tante hat Ihnen noch einen Brief hinterlassen. Darin erklärt sie ihre Gründe.« Damit reichte er Mara einen verschlossenen Umschlag aus schwerem, gelblichem Bütt enpapier und einen Schlüsselbund. »Das sind die Schlüssel zur Wohnung. Sie hat Anweisung gegeben, dass nach ihrem Tod nur noch Sie die Wohnung betreten dürfen.« Mara hatte sich immer noch nicht vollends im Griff . »Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser? Oder etwas Stärkeres?« »Etwas Stärkeres, das heißt, lieber etwas ganz Starkes.« Die unauffällige Erscheinung im mittleren Alter, die sie eingelassen hatte, kam mit einem kleinen Tablett herein und servierte geschickt zwei doppelte Cognacs aus einer schweren Kristallkaraffe. Die braune Flüssigkeit glitt Mara die Kehle hinunter und verbreitete ein wohliges Gefühl im Bauch. Normalerweise hasste sie Cognac, aber nach dem Schock galt nur eine Devise: Hauptsache hochprozentig. »Wenn Sie irgendwelche Fragen oder Sorgen haben, Fräulein Lahnsteiner, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung.« Hagen von Bleichenstein-Saalbach versuchte ein Lächeln und entblößte kleine, spitze Mäusezähnchen in unappetitlichem Braun. Das war genau das, was Mara auf gar keinen Fall wollte: den trödeligen Nachlass einer alten Frau auflösen, zu der sie im Grunde überhaupt keine Beziehung gehabt hatte. Und warum nannte dieses pomadige Wiesel sie immer Fräulein? Eine Frechheit! Sie war seit vielen Jahren keine achtz ehn mehr und in ihrem Alter, also mit Anfang dreißig, hörte sich Fräulein wie die missglückte Umschreibung einer alten Jungfer an. Blödmann! Sein Angebot eines zweiten französischen Weinbrands hingegen nahm Mara dankend an, bevor sie sich verabschiedete. Zehn Minuten später stand sie leicht angesäuselt wieder auf der Straße und betrachtete zuerst grimmig Tante Cäcilies Brief in ihrer Hand und dann die rasant heraufziehenden schwarzen Wolken am Himmel. Der nächste Regenguss kündigte sich mit Donnergrollen und unfreundlichen Sturmböen an. Es war April in Deutschland!


 


Kapitel 3


Vorm Eigenheim ein schöner Zaun


und drinnen spross der Gummibaum.


 


Wolkenbruchartiger Regen hatte den Nachmittag und frühen Abend dominiert und Mara die Heimkehrlaune gründlich verhagelt. Während es in der deutschen Hauptstadt bei lausigen vierzehn Grad Celsius wie aus Kübeln schüttete, herrschten in ihrer neuen Heimat Thessaloniki bereits stramme dreißig Grad und ununterbrochener Sonnenschein...


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