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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Kennwort: Roter Mohn, Hermann Markau
Hermann Markau

Kennwort: Roter Mohn



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1. Kapitel


 


14.10.2009 16:58 Uhr, Nerja, Andalusien


Als sie das Apartment erreichten, war es 16 Uhr 58. Wenn Chris den früheren Bus genommen hat, dachte Angela, ist er bald hier. Also mussten sie sich beeilen. Sie waren völlig außer Atem, denn die steile Straße vom Cafe Bahia hoch zum Parador hatte ihnen alles abverlangt.  


   Sie öffnete die Außentür und trat in den Flur. Heike folgte ihr, blickte zurück auf die Straße, um sich zu vergewissern, dass niemand sie beobachtete, und ließ die Tür ins Schloss fallen. Angela blieb stehen.


   „Was ist?“, flüsterte Heike.


   „Pst!“ Angela legte den Zeigefinger auf den Mund. Die Tür zur Wohnung war nur angelehnt.


    „Da ist einer!“  


    Heike spürte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte. Sie schluckte, um die Trockenheit in ihrer Kehle zu beseitigen, schlich sich auf leisen Sohlen zu Angela und blieb hinter ihr stehen.


   „Was sollen wir machen?“


   Vorsichtig, um ja kein Geräusch zu verursachen, das sie hätte  verraten können, bewegte sich Angela in Richtung Tür. Sie hatte Angst. Aber sie spürte einen inneren Zwang, also ging sie weiter. Langsam hob sie die rechte Hand und drückte das Türblatt auf. Es schwang leise zurück und gab den Blick ins Wohnzimmer frei. Ein durchdringender, spitzer Schrei entfuhr ihr. Sie zog instinktiv beide Hände vors Gesicht und presste sie auf den Mund.


   Heike war hinter sie getreten. Schaute ihr über die Schulter. Und schrie ebenfalls. Nach einer Ewigkeit, wie es schien, hatten sie sich aus ihrer Lähmung befreit und traten in das Zimmer. 


   „Mach die Tür zu!“ befahl Angela. Sie bewegte sich mit starrem Blick weiter auf das zu, was da unten am Boden lag, und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Noch nie hatte sie einen Toten gesehen. Und schon gar nicht in ihrer eigenen Wohnung.


   Der Mann hatte auf dem Stuhl gesessen und war seitlich von ihm runtergerutscht. So sah es jedenfalls aus, wie er da lag. Der rechte Arm schaute seltsam verdreht unter dem Körper hervor. Das Gesicht war zum Boden gewandt. Er hatte eine kakifarbene Hose an und ein hellblaues T-Shirt unter einer leichten Sommerjacke. Sein Kopf lag in einer riesigen Blutlache. Und: Er hatte einen Pferdeschwanz.


   „Das ist er!“ rief Angela. Sie presste abermals ihre Hand vor den Mund und drehte sich zu Heike.


   „Das ist der Mann. Der aus dem Bus. Ich hab dir doch erzählt.“


   Rückwärts bewegte sie sich auf das Sofa zu und fiel zwischen die aufgestellten Sitzkissen.


   „Wir müssen zur Polizei!“ Heike hatte sich als erste gefangen.


   Ihre Freundin sagte nichts. Sie hielt immer noch ihren Mund mit der Hand verdeckt und versuchte, die Gedanken zu ordnen, die jetzt wie Salven eines Maschinengewehrs in ihrem Kopf hin und her schossen. 


   „Wir müssen zur Polizei!“ wiederholte Heike, jetzt sehr nachdrücklich.


   Angela wusste: Wenn sie aus dem Haus gingen, waren sie verloren. Draußen lauerte der Mörder und würde sie gewiss zwingen, ihm das Geld auszuhändigen. Und sie und Heike womöglich auch umbringen. Und Chris kommt gleich. Der weiß von nichts. Ich werde ihm eine Nachricht schreiben. Er wird sie finden. Und wenn er klug ist, wird er sie befolgen.


   Die Polizei ist das letzte, was wir jetzt brauchen. Und eines ist klar:: Ich muss das Geld wieder loswerden. Das hier wird mir zu heftig.


    „Komm!“


   Angela stemmte sich aus dem Sofa, riss einen Zettel vom Notizblock, der auf dem Küchentisch lag, und schrieb hastig einige Zeilen für Chris auf.


   „Komm!“ sagte sie ein zweites Mal, stürmte auf die Terrasse, ergriff das große Badetuch, das sie vor ihrem Besuch bei Heike über die Brüstung gehängt hatte, und zerrte es fort. Sie löste den Knoten, mit dem ein Tau am Geländer befestigt war und zog es nach oben. Am anderen Ende erschien die Tasche.


    „Komm endlich!“ rief sie Heike zu und stürzte an ihr vorbei zur Tür. Es war fast Viertel nach Fünf, und sie mussten sich beeilen.


   „Nicht vorne raus!“ Sie zerrte mit der freien Hand an Heikes Schulter und bugsierte sie zum Lift. Als die Tür sich öffnete, stieß sie Heike in die Kabine, folgte ihr und drückte auf  -2.


    „Parkdeck“, keuchte sie.  „Da gibt es einen Hinterausgang.“


   Heike nickte. Als sie unten waren und auf die große Parkfläche hinaustraten, war eine gähnende Leere das erste, was ihnen ins Auge fiel. Ihnen gegenüber an der Wand stand ein karamellfarbener BMW. Das war der einzige Wagen hier unten. Und in der linken Ecke hatte man das Terrassengestühl und sonstige Einrichtungsgegenstände eines Restaurants, das sich auf der Promenadenseite des Gebäudes befand, deponiert, weil es in der Nebensaison geschlossen war.


   Die beiden Frauen marschierten quer über die Fläche auf eine Metalltür zu, durch die man ins Freie und über eine Rampe, die nach oben führte, auf die Straße gelangen konnte. Sie hörten eine Autotür, die irgendjemand zuschlug. Die Freundinnen hatten den Ausgang fast erreicht, als Angela eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Panik durchschoss ihren Körper. Die Tasche entglitt ihren Fingern.


   Sie riss die Tür auf und schubste ihre Freundin ins Freie. Fast gleichzeitig drehte sie sich um hundertachtzig Grad und stieß dem Angreifer mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ihr Knie zwischen die Beine.  Ein lauter Schmerzensschrei zeigte ihr, dass sie gut getroffen hatte. Der Mann ließ sie los, fasste sich mit beiden Händen in den Schritt und fiel vornüber auf die Knie. Er stöhnte und rang nach Luft.


   Blitzschnell ergriff sie die Tasche. Und als sie draußen bei Heike war, bog sie nach rechts ab und lief, so schnell sie konnte, in Richtung Litoral. Hier hatte sie vor einigen Jahren eine Wohnung mit Chris gehabt, und sie kannte sich gut genug aus, um einen Verfolger abzuschütteln und sich zu verstecken. Heike konnte kaum folgen. Sie mussten einige Treppenstufen hinauf, aber das schien den beiden, vor allem Angela, nicht viel auszumachen.


   Hinter einem Mauervorsprung hielten sie an, um Luft zu holen. Angela lugte vorsichtig um die Ecke und sah tief unten die Parkhaustür, durch die sie vor wenigen Minuten geflüchtet waren. Jetzt erst fand sie Zeit, sich um Heike zu kümmern, die auf der anderen Seite des Durchgangs stand und nach Atem rang.


    „Tut mir leid, Heike.“ Sie ließ das Gebäude nicht aus dem Auge.  „Das konnte ich nicht ahnen.“


    „I wo“, japste die. „Ich hab´ doch gewusst, worauf ich mich einlasse.“


    „Aber dass es so schlimm kommt!“ Eine Zeit lang sahen die beiden sich schweigend an. Was Angela erstaunte, war, dass sie in der letzten Stunde nicht einen Gedanken an ihren verletzten Fuß verschwendet hatte. Sie verspürte keinerlei Schmerzen.


    „Was ist mit deinem Laden?“ fragte sie dann.


   Heike schaute auf die Uhr und zuckte mit den Schultern.


   „Wenn ich nicht aufhab´, hab´ ich nicht auf. So einfach ist das hier in Spanien. Ich glaube auch nicht, dass ich heute noch Lust auf Verkaufen hab´. Der Laden bleibt geschlossen. Aber die Frage ist: Was machen wir jetzt?“


   Der Mörder hatte sie aus den Augen verloren. Davon konnte man erst einmal ausgehen. Und sie hatten Zeit gewonnen, wenn diese Annahme natürlich auch illusorisch war. Denn ab jetzt mussten sie mit allem rechnen und stets auf der Hut sein.     „Was sollen wir tun?“ fragte Angela. „Wo sollen wir hin?“


    „Wir sollten vielleicht zu mir“. erwiderte Heike. „Es weiß niemand, dass ich mit der Sache zu tun habe. Und es weiß auch keiner, dass wir befreundet sind.“


   Angela überlegte. Nickte mit dem Kopf und sagte: „Außer Chris. Aber gut. Ich glaube, das ist das Klügste, was wir im Augenblick tun können.“


 


Chris und Angela hatten sich vor mehr als fünfzehn Jahren an dem Tag kennengelernt, an dem der damalige Außenminister Genscher in der westdeutschen Botschaft in Prag den geflohenen DDR-Bürgern ihre Ausreise in die BRD in Aussicht stellte. Man war bei gemeinsamen Freunden in Süderstedt zu einer Geburtstagsparty geladen und hatte sich gerade entschlossen, den Tag – die Nacht – im domino ausklingen zu lassen, als einer der Gäste auf den Fernseher zeigte, der nebenher lief, und den Ton laut stellte.


   Man hörte Genschers Worte: “… um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …“, als die Begeisterung und Freude der Anwesenden, aber auch die Anspannung der letzten Tage des Wartens und Hoffens sich in einem orkanartigen Lärm entluden, der die letzten Worte des Ministers unter sich begrub.


   Die Party im domino war wie immer laut und schön. Der Alkohol floss reichlich. Der Bedarf zu tanzen und zu feiern war aber hinter dem Wunsch, miteinander zu reden, zurückgetreten. Und so hatte sich der größte Teil der Geburtstagsgäste in den Kaffeeraum zurückgezogen, wo man verstehen konnte, was der andere sagte.


    „Ich heiße Chris.“ Er stieß mit seinem Glas gegen das ihre und sah sie erwartungsvoll an.


   Sie drehte sich ihm zu und blickte unverwandt auf seine Brust. Sie antwortete nicht, schwankte langsam vor und zurück.


    „Chris!“ wiederholte er.


    „Macht nichts!“  Sie musterte ihn – ohne eine Regung. Und er starrte sie an, mit halboffenem Mund und gekrauster Stirn. Endlich entspannten sich ihre Gesichtszüge. Und ihre Lippen formten ein leises Lächeln, als hätte Chris eine Art Prüfung bestanden, zu der sie ihm nun gratulieren wollte.


    „Prost! Ich … bin Angela.“ Dann stellte sie ihr Glas geräuschvoll auf den Tresen. Sie machte einen Schritt auf Chris zu und fiel ihm um den Hals. „Mir ist so … Halt mich fest!“


 


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