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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Jo, Süße! Das ist wohl so!, Evelin Heimann
Evelin Heimann

Jo, Süße! Das ist wohl so!



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Janina, die sich noch jenseits von Gut und Böse befindet und noch nicht einmal - zur Vollendung ihrer Maskerade - die dunkle Brille aufgesetzt hat, zuckt vor Schreck zusammen, fragt ängstlich flüsternd: „Bastian?", und begibt sich auf die Suche nach dem letzten, entscheidenden Teil ihrer Verkleidung. Während sie noch Tisch, Couchen und Kaminsims abtastet, erklärt ihr Cedric, dass es ausgeschlossen ist, jemand anderen vor der Haustür zu erwarten, streckt jetzt seine Arme nach ihr aus, betont mit Nachdruck, sich auf das Blindekuhspiel zu konzentrieren, während er sich um den Rest kümmert.

 

Wo auch immer er - nach ihr suchend - ankommt, ist sie schon wieder weg. Cedric kann sich ihre plötzliche Lebhaftigkeit kaum erklären, will jetzt endlich wissen, was sie da macht, als er hört, wie von außen ein Schlüssel ins Türschloss eingeführt und kurz darauf herumgedreht wird. Nur wenige Sekunden später vernimmt er das laute Fluchen seines Bruders, gefolgt von einem dumpfen Stolpern, den belanglosen Fragen: „Musst Du sparen Cedric? Gibt es in diesem Haus keinen Strom mehr?", und dem freudigen Geträller einer Sylvia, die es wieder einmal geschafft hat, den Moment abzupassen, in dem sie am allermeisten stört.


Sie muss das ahnen, da sie nicht wie gewöhnlich mit einem „Hallo(ho)!" durch die Tür stürzt, sondern nur ein etwas kleineres „Hallö(öö)chen!" durch das Foyer schallen lässt, Bastian währenddessen mit einer heftigen Armumwicklung beinahe die Luft abdrückt und danach trotz der geballten Dunkelheit mit einer Zielstrebigkeit auf Liebling zustöckelt, dass es Janina schier den Atem verschlägt.

Cedric kann es nicht fassen, sieht für Sylvias perfekt getimtes Auftreten lediglich die Möglichkeit, dass sie sich hinter die Büsche geschlagen und den Moment abgepasst haben muss und weiß jetzt nicht mehr, wie er seinen Plan zum Gelingen bringen soll.


Sylvia findet die Atmosphäre heute Abend geradezu atemberaubend, von einer gewissen, unerklärlichen Strenge geprägt, aber dennoch faszinierend und wird einen Teufel tun, sich dieses allabendlich stattfindende Spektakel bei Liebling entgehen zu lassen. Bastian hingegen könnte auf dieses Schauspiel hier sehr gut verzichten, schleicht zum Couchtisch hinüber, erkennt in der Dunkelheit kaum mehr als schattenhafte Umrisse, reißt sich jetzt genervt den Trenchcoat vom Leib und schleudert das benässte Kleidungsstück seinem Bruder wütend gegen den Körper.


Während der noch den glitschigen Mantel von seinem Gesicht abkratzt, macht sich Bastian zielstrebig auf den Weg zum Kamin hinüber, beginnt dort auf dem Boden in einer Kiste herumzukramen und zieht kurz darauf einige Kerzen hervor. Wenn die Gesellschaft hier schon bei voller Standfestigkeit ablaufen soll, kann seiner Meinung nach jeder der anwesenden Armleuchter auch zu einem Kerzenleuchter umfunktioniert werden. Ruckzuck drückt er allen Beteiligten jeweils einen gezündeten Docht in die Hand und verwandelt das vermoderte Spukschloss in ein Wachsfigurenkabinett.


Cedric hält das feurige Unterfangen für äußerst bedenklich und macht ihm klar, dass sich zwei erblindete Menschen in dieser Runde befinden, die nur wenig Interesse daran haben, wie Sprengstoff in die Luft zu fliegen. Papperlapapp und Blabla! Der einzige, der hier geladen ist wie eine Bombe ist Bastian.


Sylvia hat gewusst, dass sich ein Erscheinen am heutigen Abend lohnen würde und beginnt heller zu leuchten als die Kerze, die sie vor sich in ihrer Hand hin und herschwenkt. Janina ist in die Rolle einer blinden Frau geschlüpft, hat damit über Nacht eine sehr überzeugende Metamorphose vollzogen, für die sie Sylvia aber so was von beneidet! Lieblings Wirkungskreis ist effektiv besser als jeder Schauspielunterricht, für den Sylvia schon ein kleines Vermögen ausgegeben hat.     

Die Atmosphäre ist gruselig, Cedrics dunkle Brillengläser sorgen für einen berauschenden und blitzenden Verdoppelungseffekt des Kerzenscheins in seiner Hand, eine Szenerie einer Geisterbahnfahrt gleich, was Sylvia nur bewundern kann. Wie Liebling das wieder hinbekommen hat!

 

„Bist Du eigentlich noch zu retten Cedric?" Bastians Fassungslosigkeit schwappt nur so über und er bringt bei all seiner Aufregung sein eigenes Flämmchen vor sich zum Strecken und Beugen. Ihm ist nicht klar, welche Schweinerei Cedric ihm vorwirft, zumal der Gestank hier wesentlich stärker ist, als es in jeder noch so großen Stallung der Fall sein könnte.


Bastian muss feststellen, dass der ätzende Geruch seine körperlich schwächste Stelle, die Nasennebenhöhlen, attackiert und zu einer Verstopfung der nasalen Atemwege führt, die ihm beim Sprechen allmählich Schwierigkeiten bereitet. „Du hast Dir Deine Meinung von mir gebildet.  Genauso wie unser Vater das auch getan hat. Und Ihr beide habt immer Recht!"

Bastians Stimme soll verachtend klingen, erzeugt allerdings bei Cedric das Bild eines Mannes, der mit übergestülptem Blecheimer zu ihm spricht, als er ihn weiter sagen hört: „Du schaust Dir nach drei Jahren ein paar läppische Zahlen an und schon bist Du im Bilde. Du bist zwar blind, doch lässt dabei tief durchblicken!"


Janina kann diesem Schlagabtausch kaum noch folgen, kämpft gegen die Hitze vor ihrem Gesicht an und befürchtet schon, dass sich ihre dunkle Brille bald den Flammen ergeben und nur so an ihrem Gesicht herunter laufen wird.


„Was soll das hier werden Bastian?", unterbricht Cedric in diesem Augenblick den Redefluss aus dem hohlen Eimer. „Rede nicht in Rätseln, sondern nenne das Kind beim Namen. Willst Du am Montag unser Geschäft zu Grunde richten?  Dann rate ich Dir, Dich mehr anzustrengen kleiner Bruder. Dein Vorhaben ist zu leicht zu durchschauen. An Deine Konten wirst Du nicht heran kommen Bastian. Dafür sorge ich."

Cedric macht ihn noch darauf aufmerksam, dass er sich eine Überlegenheit aufgrund des vorhandenen Augenlichts abschminken kann, da Blindheit nichts mit fehlender Intelligenz und Inkompetenz zu tun hat und meint noch zusätzlich provozierend: „Du willst mich herausfordern? Das kannst Du bekommen Bastian."

Janina merkt, wie sich Cedric allmählich in Rage redet und kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass dieser kleine, brüderliche `Viehtrieb` auf dem besten Wege ist, sich als Irrläufer zu vergaloppieren. Sylvia sieht indes nur Lieblings durchbrennende Wildfänge, klammert sich vor Verzückung mit beiden Händen an ihrer Kerze fest.


Janina, die ihre Augen - in einem Moment wie diesem - selbstverständlich nicht geschlossen hat, erkennt, dass Bastian immer wieder auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr schaut, dabei zunehmend nervöser wird und hört ihn schließlich leicht frustriert sagen: „Ich kann Dir doch erzählen, was ich will Cedric. Du wirst mir ohnehin nicht glauben. Du bist davon überzeugt, dass ich Geld unterschlagen will und damit ist doch alles gesagt."


Cedric hat kein Verständnis mehr für das Herumeiern seines Bruders, ist von dem penetranten Gestank mittlerweile wie eingenebelt und will Bastian endlich dazu bringen, auf den Punkt zu kommen. Wenn das nicht möglich sein sollte, stellt er ihm großmütig frei:


 


„Oder hau wieder ab!"

Janina hegt die schwerwiegende Vermutung, dass Cedric zu direkt und zu hart mit Bastian umspringt. Doch der seufzt nur, lässt die harten Worte seines Bruders einfach an sich abprallen und zerplatzten Wassertropfen gleich, an sich herabfließen.

Bastian neigt seinen Oberkörper leicht vor, als bereite er sich auf den entscheidenden Absprung vor, Janina rechnet schon mit dem Schlimmsten, als Bastian nur sagt: „Ich habe auch eine tolle Frau kennen gelernt Cedric. Du kennst sie. Ihr Name ist Rosalind."

Bastian reibt sich die mehr stechende als juckende Nase, weiß kaum noch, wo er die Luft zum Atmen herholen soll, quält sich ein Lächeln aus dem Gesicht und bringt das Gespräch auf die Krüger.


Bei Cedric klingelt daraufhin die Portokasse, was Bastian leicht pampig zu kommentieren weiß: „Das ist alles, was Du über diese Frau weißt. Etwas Anderes hat Dich ja auch nie interessiert!" Der eigene Vater hat ihn ausgelacht, als er von der Liebschaft erfahren hat und hält Rosalind schlichtweg für zu alt. Die Stiefmutter ist nur zehn Jahre älter als Bastian, aber das ist für den Vater völlig in Ordnung.

Klar! Wenn der Vater eine Frau heiratet, die zwanzig Jahre jünger ist als er selber, ist das eine moderne und richtige Entscheidung. Wenn der Sohn sich in eine zwölf Jahre ältere Frau verliebt, ist das selbstredend unmoralisch und dumm.  So ist das in der Tat! Bastian hat die Spielregeln verstanden. 

„Unser Vater ist ein selbstherrlicher Mann, der immer das Richtige tut und bei jeder Diskussion die besseren Argumente hat. Wenn er sich nur streiten kann, ist er die glücklichste Kreatur auf diesem Planeten."

Bastian erklärt Cedric, in den letzten drei Jahren öfter mit dem Vater gestritten zu haben, als er es in seinen besten Zeiten je getan hat. Dieser Mann hat speziell in dieser Zeit mehr Fehlentscheidungen für die Firma getroffen als Cedric je für möglich halten würde, wobei viel Geld verloren gegangen ist, das Bastian nicht retten konnte.

Seine Meinungen und Ratschläge haben ihn nicht interessiert. Die väterlichen Argumente sind stets stichhaltiger gewesen als seine. Und die Zahlen, die eine eigene Sprache sprechen, hat er versucht, vor ihm weg zu streiten.


„Du wärst ihm wahrscheinlich besser gewachsen gewesen als ich. Doch Du bist nicht da gewesen." Bastian hat die Stellung gehalten, während Cedric damit beschäftigt gewesen ist, nichts mehr sehen zu wollen. Er hat sich hierher in sein dunkles Loch verkrochen und Bastian konnte zusehen, wie er mit dem alten Herrn klar kam. 


Rosalind ist für ihn wie eine Erleuchtung gewesen. Sie hat ihm über Vater und Bruder die Augen geöffnet. „Du hast sie genauso herablassend und arrogant behandelt wie unser Vater sich mir gegenüber verhält. Rosalind hat sich damals nur 150 Euro übers Wochenende ausleihen wollen, woraus Du den Diebstahl des Jahrhunderts gemacht hast." In diesem Fall muss Bastian dem Vater den Rücken stärken, der etwas Gnade vor Recht ergehen ließ. Wäre es nach Cedric gegangen, hätte diese Lappalie Rosalind glatt ihren Job gekostet.


So ist das eben! Cedric hat für das gefühlsbetonte Wehklagen seines Bruders kaum noch Verständnis. Wenn man für 150 Euro den eigenen Job aufs Spiel setzt, muss man mit dem Verlust des Einsatzes rechnen und damit leben können. So einfach ist das!  

Bastian, dem mittlerweile die Augen leicht anzuschwellen beginnen, knallt seinem Bruder wütend  die eigenen Lebensweisheiten vor den Latz zurück, erzählt ihm noch was von: „Nicht alles im Leben ist schwarz oder weiß.", und benötigt jetzt dringend ein Taschentuch. Er drückt Janina seine Kerze in die noch freie Hand, entdeckt dabei ihre Armbanduhr, die er persönlich für wenig blindentauglich hält und hört auf dem Weg zu seinem Mantel Janinas gestammelte Erklärung eines Erbstückes mit sentimentalem Wert.

Nachdem Bastian versucht hat, sich laut schnaubend die Nase frei zu blasen, lässt er sich stöhnend auf die Couch fallen, meint nur zu Cedric, dass auch er, der große Bruder, ab und zu Fehler macht und will jetzt wissen, warum Cedric nicht einfach zugibt, Rosalind im Streit geschlagen zu haben? Er erinnert ihn noch ganz nebenbei daran, dass er die eigene Mutter damals im Streit geschlagen hat, versteht nicht, dass er dieses Erlebnis vergessen haben soll und erlebt nunmehr einen Cedric, der sich in der Tat vergisst.


Einem wilden Stier gleich, wirft der sich auf Bastian, der noch mit seinem Taschentuch herumwedelt, sieht den großen Bruder wie aus heiterem Himmel von oben auf ihn zuschnellen, kann sich kaum mehr mit einer gewagten Seitenrolle in Sicherheit bringen und bleibt unter dem wutentbrannten Koloss auf der Couch wie begraben liegen. 

„Ich habe Deine Rosalind nicht ein einziges Mal angefasst!", hört er Cedric über sich schreien und weiter erklären: „Diese Frau spielt Dir etwas vor, so wie sie auch unserem Vater einiges vorgemacht hat. Mir kann sie nichts vormachen. Ich weiß wie sie ist, denn ich habe sie durchschaut. Wenn Du sie liebst Bastian, ist das ganz allein Dein Problem. Ihr beiden habt Euch wohl gesucht, gefunden und einander verdient."


Janina steht wie angewurzelt da, die Hände voller Kerzen, gespielter maßen blind, aber eigentlich auch wieder nicht! Sylvia findet den Echtheitscharakter dermaßen überzeugend und einfach nur beeindruckend, dass sie auf Janinas Frage, ob man vielleicht eingreifen sollte, mit Abwimmeln bei flackerndem Kerzenschein reagiert. Manchmal muss man die Dinge eben laufen lassen, damit sie zur wahrlich freien Entfaltung gelangen können.


Cedric ist noch lange nicht mit seinem Catchen durch und erklärt Bastian nunmehr, wie sich die Sache damals mit der Mutter abgespielt hat. Sie hat ihn nämlich von hinten überrascht, als sie in ihrer Blindheit nach ihm suchte. Nachdem sie ihn gefunden hatte, legte sie von hinten ihre Arme um seinen Hals, hat ihm dabei fast die Kehle zugeschnürt und wusste nicht, was sie in diesem Moment tat.

Er ist damals ein neunjähriger kleiner Junge gewesen, der im ersten Schreck mit den Armen herumgefuchtelt und ihr dabei mit der kleinen Faust auf die Nase gehauen haben muss. Sie bekam davon sogar Nasenbluten, daran kann sich Cedric noch sehr genau erinnern. Ihm ist überhaupt nicht klar gewesen, was er angerichtet hat und ist aus Angst einfach weggelaufen. 

Die Mutter hat ihn nie auf diesen Vorfall angesprochen, ist ihm nicht böse gewesen und hat ihn auch nicht dafür bestraft. Doch von diesem Tag an hat sie ihn nie wieder hinterrücks überrascht, da sie wusste, wie wild er werden kann, wenn man ihm keine Möglichkeit zum Entkommen bietet.

Cedric lässt von seinem Bruder ab, rollt sich völlig außer Puste neben ihn auf die Couch und meint nur noch: „Wenn Du schon heimlich Dinge beobachtest, schildere sie im Nachhinein so, wie sie sich wirklich ereignet haben. Und wenn Dir Deine Rosalind schwere Blessuren zeigt, überlege Dir genau, woher sie stammen können und woher nicht." 


In diesem Augenblick geht im gesamten Haus das Licht an und Janina zuckt nur so zusammen. Fritz muss das brüderliche, sehr unliebsame Gerangel als Gefahr der Alarmstufe Rot gewertet und die vereinbarten Konsequenzen eingeleitet haben. Cedric erholt sich schnell wieder, beginnt zu stutzen und will jetzt wissen, was Bastian damit meint, dass der Vater schlechte Entscheidungen für das Geschäft getroffen haben soll?


Bastian, der sich über die unerwartete Erhellung der Räume sichtlich freut, erklärt ihm daraufhin, dass diese Fehlentscheidungen unter anderem der Auslöser für seine Idee gewesen sind. Wenn der Patriarch nicht so engstirnig und bockig wäre, wäre er vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, diesen verdammten Verlag kaufen zu wollen.

Bastian weiß nicht, welche Zahlen Cedric sich angeschaut hat, glaubt allerdings kaum, dass er sich die Mühe gemacht hat, die Bilanzen der letzten drei Jahre miteinander zu vergleichen. In dieser Zeitspanne liegt die Offenbarung und nicht in dem erbärmlichen Zahlenmaterial der letzten drei Monate.


Beide Brüder wissen, dass sich die Bilanzen oben im Safe in der Bibliothek befinden und Cedric wird diesem leidlichen Rätselraten jetzt ein Ende bereiten. Er erhebt sich, meint nur: „Ich gehe rauf und hole die Beweise hierher!", worauf sich Janina an Sylvias Beinen vorbeischlängelt, mit beiden Händen seinen Oberarm umschließt und damit, das aus ihrer Sicht mehr als waghalsige Abenteuer, zu beenden versucht.

In einem Reflex reißt sich Janina auch noch die dunkle Brille von der Nase, woraufhin Bastian die Finte erkennt, wenngleich ihm der tiefere Sinn noch verborgen bleibt. Er springt von der Couch auf, packt Janina seinerseits am Oberarm, meint nur: „Du bist ja gar nicht blind!", und sieht einen leicht verstörten Bruder neben sich, der mit Händen und Füßen versucht, jeden weiteren Störfaktor von sich zu weisen.


Janina erkennt die Ausweglosigkeit ihres Vorhabens, lässt den reisenden Cedric ziehen und nimmt stöhnend neben Sylvia Platz. Die tätschelt daraufhin nur leise lächelnd ihr Knie, Janina pfeffert ihre dunkle Brille patzig quer über den Tisch und Bastian schaut kopfschüttelnd auf seine Uhr.  

„Hoffentlich dauert das hier nicht mehr so lange.", sagt er für Janina völlig unerwartet und fügt noch hinzu, dass er nur unter den allergrößten Schwierigkeiten hierher kommen konnte. Rosalind hat morgen Geburtstag, das Haus ist voller Gäste, die alle auf ihn warten, um in den freudigen Anlass hineinzufeiern. Vor allem wartet Rosalind auf seine Rückkehr, die ihm die Hölle heiß machen wird, wenn er Ihren Geburtstag nicht bei ihr, sondern hier bei seinem Bruder feiert. 


Janina, die mehr oder weniger auf einem Pulverfass sitzt, das jede Sekunde hochgehen wird, fällt es sichtlich schwer, ihm ruhig zuzuhören. Was interessiert sie Rosalinds Geburtstag? Sie rutscht nervös auf der Couch herum und springt plötzlich wie von einer Tarantel gestochen hoch und stürmt auf Bastian zu. Janina trommelt dem mit den Fäusten auf dessen Schultern herum, beschimpft ihn als verantwortungslosen Bruder, dem Partys offenbar wichtiger sind als ernstzunehmende Familien Angelegenheiten, als doch noch die Stimme von `Cedric Wallace` durch die Räume hallt und kurz darauf ein wildes Sirenengejaule einsetzt.

Diesem Alarmruf von Fritz folgt eine Stille, die Janina nur so den Schrecken in die Glieder fahren und die Kniescheiben klappern lässt. 


Bastian versteht überhaupt nichts mehr, schaut fassungslos zu Sylvia hinüber, die sich vor Begeisterung kaum noch auf der Couch einkriegt, als sie genau in diesem Moment alle drei ein polterndes Geräusch vernehmen, das vom oberen Stockwerk an ihre Ohren hinunterdrängt. Kurz darauf folgen schwere Schritte, Cedric Ruf von wenigen, unverständlichen Worten, es ertönt ein dumpfer Aufprall und Cedrics Aufschrei. Ein finales, noch schwereres Poltern als zuvor. Und Ruhe.

Janina reißt die Augen auf, beginnt hysterisch Cedrics Namen zu kreischen,  Bastian gerät daraufhin vollends in Panik und Sylvias Gesichtszüge lassen eindeutig erkennen:




Das Spiel ist aus!

Bastian packt Janinas Oberarme, versucht kraftvoll, sie davon abzuhalten, kopflos und ohne Plan nach oben zu rennen, meint nur: „Warte doch! Wir werden die Polizei rufen.", und zerrt dabei an ihrer Kleidung herum, als wollte er sie ihr vom Leib reißen. Die löst sich nach einer Weile aus Bastians Fängen, rennt ins Foyer hinaus, ruft Sylvia hinterrücks zu, von der Küche aus die Polizei zu alarmieren und hilft Bastian nur so auf die Sprünge. 


Janina taumelt und stolpert die ersten Stufen der großen Treppe hoch, zieht sich am Geländer hinauf, schiebt und drückt ihren Oberkörper schneller vorwärts als ihre Beine dabei zu folgen vermögen und kommt mehrfach zu Fall. Immer wieder ruft sie Cedrics Namen, kämpft mit den Tränen und ringt nach Luft.


Sie hat sich schon einige Stufen nach oben geschleppt, als sie Bastians Hand auf ihrer Schulter spürt. „Renn doch schon los Basti!", schreit sie ihn verzweifelt an und sieht aus dem Augenwinkel heraus, dass er völlig verstört neben ihr verharrt. Mit `Basti` scheint er überhaupt nicht gerechnet zu haben, kommt damit für einen kurzen Moment regelrecht aus dem Gleichgewicht und schießt erst los, nachdem sie ihm noch um die Ohren haut: „Verdammt Basti! So feige kann doch keiner sein!"


Er stürmt mit Schwung in die halboffene Tür zur Bibliothek und ruft im selben Moment: "Oh Gott Cedric! Was ist hier nur passiert?"


Janina hat die schlimmsten Bilder vor Augen und die Stufen nach oben wollen einfach kein Ende nehmen.  Janina sieht die Öffnung zur Bibliothek, erkennt zudem, dass die Tür daneben ebenfalls nur angelehnt ist, gelangt endlich auf dem oberen Treppenabsatz an und wird von dem geöffneten Spalt geradewegs magisch angezogen.

Nur mit ihren Fingerspitzen drückt sie sanft gegen das Holz, worauf sich der kleine Türschlitz langsam weiter öffnet. Sie setzt ihren Fuß in den dunklen Raum hinein, riecht Süßes und Moschus.

Im selben Augenblick glaubt sie eine dunkle, größere Gestalt neben sich zu sehen, mit Hut und Mantel bekleidet, einen erhobenen Arm, der auf sie zukommt. Janina spürt einen dumpfen Schmerz an ihrem Schädel, verliert das Bewusstsein und fällt zu Boden.


 


Als Janina wenig später wieder zu sich kommt,

öffnet sie ganz langsam ihre Augen, sieht nur verschwommene Bilder über und neben sich und hat im ersten Moment keinerlei Orientierung. Sie versucht sich aufzurichten, wird jedoch von einem leichten Schwindelgefühl ergriffen und sinkt wieder auf das Polster zurück. 

Eine Vielzahl verschiedener Stimmen, die Janina kaum zu identifizieren vermag, vermitteln den Eindruck, auf einem Rummelplatz gelandet zu sein.  Nach einer kurzen Verschnaufpause erkennt sie Gloria, die neben ihr auf dem Rand der Couch sitzt, ihre Hand hält und wie auf einen lahmenden Gaul auf sie einredet. Sylvia, die ihrerseits auf sie einsingt, meint nur: „Ihr zwei macht vielleicht Sachen!", und wedelt dabei mehr scherzhaft als bitterernst mit ihrem Zeigefinger vor Janinas Nase herum.


„Wo ist Cedric?", flüstert Janina noch etwas heiser, akzeptiert keine Ablenkungsmanöver, wie „Trink erst mal was!" oder „Schone Dich noch!", und erfährt von Gloria, dass Cedric niedergeschlagen worden ist, die Sanitäter recht schnell eingetroffen sind, ihn umgehend behandelt und keine lebensgefährliche Verletzung festgestellt haben. Er befindet sich derzeit auf dem Weg ins Krankenhaus und wird von seinem Vater begleitet.


Janina ist entschlossen, unmittelbar in Richtung Krankenhaus aufzubrechen, richtet sich mit Schmerz verzerrtem Gesicht auf und sieht plötzlich Bastian in Augenhöhe vor sich auf dem niedrigen Couchtisch sitzen. „Du solltest Dich beeilen!", rät sie ihm nach einem schnellen Blick auf ihre Armbanduhr, da die Geisterstunde naht und Rosalind bestimmt schon das Feuer ihrer Hölle anfacht.

Bastian, der diesen Scherz nicht besonders komisch findet, aus Nettigkeit allerdings gerne lächeln würde, stößt sehr schnell an das Limit seiner aufgequollenen Spannkraft im Gesicht, sucht wieder einmal nach einem Taschentuch und meint nur: „Was zieht Ihr beide hier eigentlich für eine zum Himmel stinkende Show ab?" Er hat zwischenzeitlich begriffen, warum ihm dieses Haus die schwersten Atembeklemmungen bereitet, aber die Show, mit der er ganz offensichtlich fertiggemacht werden sollte, bedarf noch einiger Erklärungen.

„Dieses Haus hier ist das Heim für große Gefühle. Hier gibt es nichts zu sehen, dafür jedoch jede Menge zu erspüren."




Oh welch poetische Ausströmungen! Während sich Bastians Nebenhöhlen dem Verstopfen hingegeben haben, soll er auch noch den klugen Sprüchen einer Frau folgen, deren Namen er bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal kennt. Diese Wissenslücke kann Janina mit Leichtigkeit stopfen, wohingegen sie sich tunlichst verkneift, Bastian in den Plan seines Bruders einzuweihen. So sehr sie auch geneigt ist, diesem Kerl glauben zu wollen, so wenig sicher kann sie sich bei dessen Spiel im Endeffekt sein.

Bastian kann seinen Bruder nicht verletzt haben und Rosalind ist ganz offensichtlich genauso wenig dazu in der Lage gewesen. Doch spricht das Bastian von irgendetwas frei?


Während sie noch ratlos vor dem schnaubenden Bastian sitzt, eilt eine flotte Mittvierziger Mischung aus Columbo und Derrick herbei, schwingt sich neben den Hansen Junior auf den Couchtisch, meint nur: „Schlicht!", woraufhin Bastian ihn von oben nach unten und wieder retour zu mustern beginnt.

„Seien Sie tapfer!", versucht er den Mann zu beruhigen, der doch nichts dafür kann, dass er aussieht wie er eben aussieht. Schließlich macht sich keiner selber, wird als Geschöpf von irgendwoher nach irgendwohin geschickt und trägt dabei die passende oder unpassende Kleidung im schlimmsten Fall als Ausdruck von fehlendem, guten Geschmack.

Der Mann hört sich Bastians Philosophielektion geduldig an, weist sich schließlich als Inspektor der hiesigen, städtischen Polizei aus und fügt dem schlichten `Schlicht` noch ein wuchtiges `Makkabäus` hinzu.


Das verändert selbstverständlich alles! Nachdem sich schon Hans-Friedrich Hansen vor der Befragung gedrückt hat, da er zu einer rasanten Abreise an der Seite des niedergeschlagenen Sohnes gezwungen gewesen ist, soll nunmehr der aufrecht sitzende Filius die vielen, offenen Fragen beantworten, die Herr Schlicht sich kaum selber stellen wird. 

Bastian hat die Faxen dicke, nutzt die Gunst der Stunde zum Entladen seines emotionalen Überlaufbeckens, wird dem Beamten jetzt so richtig einheizen und legt los. Schäbigste Veruntreuung von Firmengeldern, geheimnisvolle Devisentransits von A nach B und nächtliche Transaktionen vor und zurück, eine Mordinszenierung, die spielerisch begonnen hat, danach allerdings zum Todernst ausgeufert ist, sagenhafte Massenerblindungen und pestilenzialische Feuersbrunst im Vorfeld des Geschehens, machen dem Polizisten mehr als deutlich, dass er zu einer Alkoholkontrolle übergehen muss.

Bastian pustet ins Röhrchen, Janina, obwohl sie nicht mal piep gemacht, lediglich ein oder zwei Mal mit dem Kopf genickt hat, wird zu dito genötigt und dem Inspektor bleibt kopfschüttelnd die Spucke weg, als er den Promillefaktor negativ abblitzen sieht.  


Das hätte der Mann nicht gedacht, kommt an dieser Stelle der Befragung auf gar keinen Fall mehr weiter, wird sich lieber dem Tatort weiter oben zuwenden, selbigen sichern und beäugen und stellt die beiden Interviewten für heute zunächst einmal frei. Sie dürfen die Stadt nicht verlassen, sollen sich am kommenden Morgen unter allen Umständen für die Fortsetzung dieser Aussprache zur Verfügung halten, et cetera blabla. Janina sieht sich schon in Handschellen abgeführt als Streifenhörnchen hinter schwedischen Gardinen bei Wasser und Brot herumsitzen. Bastian hat hingegen ein üppiges Buffet vor Augen, muss lediglich zu der bevorstehenden Party eilen und wird sich morgen wieder bei Cedric melden.

Für Janina bedeutet dies, die Angel nach Fritz als Krankenhausfahrer auswerfen zu müssen, der seinerseits in der Gegend herumläuft und seine Crewmitglieder zusammenfischt. Er vermisst speziell das einzig weibliche Glied in seiner ansonsten fachmännischen Kette, das ihm bisher mehr als hilfreich, wenn auch extrem schüchtern und wortkarg, zu seiner elektrotechnisch versierten Seite gestanden hat.

Der Rauschgoldengel sieht keinen Grund, der gegen seinen Chauffeurdienst spricht, wartet noch, bis sich Janina frisch gemacht und umgezogen hat und beginnt zu lachen, als er sie mit der dunklen Brille auf ihrer Nase aus Cedrics Zimmer herauskommen sieht.

Bei allem, was sie bisher hier erlebt hat, ist ihr eines klar. Es ist noch nicht vorbei!


Janina hakt sich bei Fritz ein, marschiert mit ihm zum Auto, nimmt kurz nach der Abfahrt ihre kleine Verkleidung ab und sagt leise lächelnd zu Fritz: „Je öfter ich diese Brille aufsetze, desto mehr lerne ich die Dinge so zu verstehen, wie Cedric sie wohl sieht."

Der junge Mann pflichtet ihr Kopf nickend bei und erklärt, dass er Cedric erst seit wenigen Stunden kennt, doch mit Sicherheit weiß, dass er diesem Mann blindlings überall hin folgen würde.



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