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> Krimi Thriller > In den Ketten der Angst
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe In den Ketten der Angst, Dania Dicken
Dania Dicken

In den Ketten der Angst


Libby Whitman 11

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„Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt“, sagte er, während er nach einem Hefter suchte und ihn herauszog. 


„Der erste Fall ist neun Wochen alt – Jordana Pine, 17, sie stammte ursprünglich aus Baltimore. Instabile Familienverhältnisse, abgehauen ist sie mit 15. So ganz genau wissen wir noch nicht, was sie in der Zwischenzeit getrieben oder wo sie gelebt hat, aber die Vermutung liegt nah, dass sie auf den Strich gegangen ist. Laut Toxscreen hat sie die verschiedensten Drogen konsumiert.“ Benny warf Libby einen eindringlichen Blick zu. „Das wird jetzt hässlich, okay?“ 


Libby nickte. „Okay.“ 


Benny öffnete den Hefter und zeigte ihnen Fotos der Leiche. Sie trug noch ein winziges Tanktop und einen verrutschten BH, am Unterleib war sie jedoch nackt. Am Hals hatte sie Würgemale, ihre Augen waren blutunterlaufen, eins war zugeschwollen. Auf ihrem Mund klebte noch immer Klebeband, ihre Hand- und Fußgelenke wiesen Fesselmale auf, aber keine Stricke oder Ähnliches. Ihre Arme und ihr Oberkörper waren von blauen Flecken übersät, an ihren Oberschenkeln waren ebenfalls Hämatome und außerdem getrocknetes, verschmiertes Blut zu sehen. Unwillkürlich erstarrte Libby am ganzen Leib und vergaß für einen Moment zu atmen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Augen. 


„Wie gesagt, wenn dir das zu viel ist ...“ begann Benny, aber Libby schüttelte den Kopf. 


„Gib mir nur einen Moment, okay?“ 


„Klar.“ 


Libby öffnete die Augen wieder und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er ihr den Hefter geben sollte. Wortlos schaute sie die Fotos durch – Jordanas Leiche war in Brentwood in der Böschung unweit von Bahngleisen gefunden worden. 


„Der Gerichtsmediziner hat uns bestätigt, dass sie über mehrere Tage irgendwo festgehalten worden sein muss, bevor sie getötet wurde. Todesursache war Erwürgen. Sie wurde wiederholt vergewaltigt – auf alle Arten, die man sich denken kann, es wurden entsprechende Verletzungen im Vaginal- und Analbereich entdeckt.“ 


Libby schlang die Arme um den Oberkörper und atmete tief durch, bevor sie nickte. „Was sonst.“ 


„Für eine Prostituierte ein ziemlich hässliches Ende, aber anfangs waren die Kollegen deshalb noch nicht allzu nervös. Etwa drei Wochen später tauchte die Leiche von Melissa Perkins, 19, an einer Unterführung auf. Sie stammte hier aus DC, war ein Junkie und Gelegenheitsprostituierte. Bei ihr wurden zwar keine Hinweise auf Vergewaltigung gefunden, aber sie sah trotzdem übel aus.“ 


Benny nahm den nächsten Hefter und zeigte ihnen Fotos der Toten. Für einen Moment wandte Libby den Blick ab. Melissa war totgeschlagen worden, ihre Leiche war bis zur Unkenntlichkeit erstellt. Sie hatte Schwellungen an beiden Augen, an Wangen und Lippe, Hämatome überall am Körper, einer ihrer Arme war seltsam verrenkt und ihre Finger standen in unnatürlichen Winkeln ab. An ihren Armbeugen war noch sichtbar, dass sie sich regelmäßig Drogen gespritzt hatte. 


„Der Gerichtsmediziner sprach von mehreren Knochenbrüchen, unter anderem die Rippen und ein Schlüsselbein, der Arm, ein Unterschenkel. An ihr hat sich jemand abreagiert. Sie wurde durch stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Schädel getötet. Interessant ist, dass auch sie gefesselt war. Sie scheint ihren Mörder ziemlich gegen sich aufgebracht zu haben, er hat ihr an einer Hand mehrere Finger gebrochen.“ 


„Mein Gott“, murmelte Owen betroffen. 


„Nur eine Woche später wurde die Leiche von Olivia Dominguez gefunden – vergewaltigt, verprügelt und, anders als die anderen, verdurstet.“ Benny zog den nächsten Hefter aus dem Karton und zeigte ihnen Fotos. Olivia war noch an Händen und Füßen gefesselt, außerdem geknebelt und splitternackt. Deshalb konnten sie mühelos sehen, wie brutal man sie zugerichtet hatte – an ihren Armen, ihrem Oberkörper und an den Brüsten hatte jemand Zigaretten ausgedrückt, die Verbrennungen waren noch frisch. 


„Sie war erst sechzehn. Vor einem Jahr ist sie als Illegale mit ihrem Bruder aus Kuba gekommen, nachdem die Eltern gestorben sind. Der Gerichtsmediziner hat festgehalten, dass sie vor ihrem Tod ziemlich brutal vergewaltigt wurde, die Details erspare ich euch. Danach hat man sie gefesselt irgendwo liegenlassen, bis sie verdurstet ist.“ 


Libby ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Augen, als ihr heiß wurde und ihr Herz zu rasen begann. Sie versuchte, sich aufs Atmen zu konzentrieren, um die aufsteigende Panik zurückzudrängen. 


„Geht es?“, fragte Owen, dem ihre Verfassung nicht verborgen blieb. 


Als Libby die Augen wieder öffnete, sah sie alles durch Tränen. „Ich brauche nur einen Moment, okay?“ 


„Ich hätte es lassen sollen“, murmelte Benny, aber Libby schüttelte den Kopf. 


„Ich bin FBI-Profilerin. Das gehört zu meinem Job. Soll ich jetzt nie wieder solche Fälle bearbeiten, nur weil dieser beschissene Sadist Bailey mich so etwas auch hat spüren lassen? Das Gegenteil sollte der Fall sein – ich sollte solche Typen jagen und zur Strecke bringen.“ 


„Ich kann das nicht verantworten.“ Benny wollte den Hefter schon zuschlagen und wegnehmen, aber Libby legte ihre Hand darauf und sah Benny eindringlich an, während sie den Hefter festhielt. 


„Lass es mich selbst entscheiden, okay?“ 


„Ich weiß nicht“, murmelte Benny verhalten, doch dann meldete Owen sich zu Wort. 


„Es ist okay, Benny, sie kann das selbst einschätzen.“ 


„Nicht, dass du mir den Kopf abreißt, weil ich deiner Frau so etwas zumute ...“ 


„Tue ich nicht. Ist okay.“ 


Benny entspannte sich wieder und holte zwei weitere Hefter aus dem Karton. 


„Die bisher letzten Fälle. Sie sind jetzt zwei Wochen alt, zwischen ihnen lagen nur drei Tage Abstand. Das erste Opfer war Ana de Reyes, 19. Sie war eine Illegale aus Brasilien, die vergewaltigt und erwürgt wurde. Auch sie wies Verbrennungen von Zigarettenstummeln auf, hatte Fesselmale an Händen und Füßen – das ganze Programm.“ Benny zeigte ihnen Fotos der Leiche, die übel zugerichtet worden war. 


„Drei Tage später haben wir Norah Boone gefunden, die einzige Afroamerikanerin unter den Opfern. Sie lag in der Nähe von Müllcontainern in einem Hinterhof, man hat sie verprügelt und erschlagen.“ 


„Warum seht ihr einen Zusammenhang zwischen den Morden? Ein Opfer wurde erschlagen, drei erwürgt, eins hat man einfach sterben lassen. Nicht alle wurden vergewaltigt. Der Modus Operandi ist unterschiedlich“, sagte Julie. 


„Das stimmt, aber der Opfertyp ist ähnlich – und bei allen wurde Fentanyl im Blut nachgewiesen. Es war allerdings nicht von allen bekannt, dass sie abhängig waren. Womit wir es hier zu tun haben, weiß ich nicht – ein sadistischer Serienmörder, ein Frauenhasser?“ 


Libby beugte sich vor. „Gute Frage. Wie lang waren die Opfer denn verschwunden, bevor sie tot aufgefunden wurden?“


„Das wissen wir nicht bei allen. Es war teilweise schwierig genug, sie überhaupt zu identifizieren. Die Kollegen waren mit ihren Fotos auf dem Straßenstrich unterwegs, um sich dort nach ihnen zu erkundigen. Das ist auch das Problem, das wir haben: Das sind junge Frauen, die niemand vermisst. Wir wissen nichts über ihr Verschwinden, es hat sie niemand als vermisst gemeldet, sie hatten teilweise keinen festen Wohnsitz – es ist ein Alptraum. Wir haben keine Ahnung, ob sie von einem Serienmörder entführt wurden und wie lang er sie möglicherweise festgehalten hat. Mich macht es auch stutzig, dass da so viele Unterschiede bestehen, aber dennoch glaube ich, dass die Fälle zusammenhängen.“ 


„Das einzig Ähnliche am Opfertyp ist, dass es sich um junge Frauen handelt“, sagte Julie. „Um Ausreißerinnen und Prostituierte. Für mich spricht gegen einen Serienmörder, dass es zwei Weiße, zwei Latinas und eine Schwarze sind. Serientäter morden üblicherweise in ihrer eigenen ethnischen Gruppe, da gibt es nur ganz wenige Abweichungen wie den Nightstalker Richard Ramirez.“


Libby nickte. „Organisiertes Verbrechen? Vielleicht derselbe Zuhälter?“ 


„Das haben wir uns auch schon überlegt, bloß fehlt uns da jeder Ansatz. Die Opfer waren wochen- oder sogar monatelang verschwunden, bevor sie tot aufgefunden wurden. Wir konnten zwar bei den Vergewaltigungsopfern Spermaspuren sichern, aber natürlich gab’s in der Datenbank keinen Treffer. Ganz ehrlich? Wir stehen mit leeren Händen da.“ 


„Ich verstehe auf jeden Fall euer Problem“, sagte Libby. „Durch die Opferwahl sind eure Ermittlungen erschwert und weil da keine klare Linie erkennbar ist, ist auch das Motiv auf den ersten Blick nicht klar.“ 


„Ich weiß nicht, ob mich das jetzt beruhigt“, murmelte Benny. 


Libby tauschte einen Blick mit Julie. „Das sieht so komplex aus, dass wir uns damit genauer beschäftigen sollten. Am besten stellen wir es dem Team vor.“ 


„In der Hoffnung, dass Nick uns Zeit dafür einräumt“, sagte Julie. 


„Das müssen wir sehen. Ich glaube nicht, dass es sich hier um den klassischen sadistisch motivierten Sexualmörder handelt, auch wenn es auf den ersten Blick danach aussieht. Damit würde ich mich gern in Ruhe beschäftigen und die Meinungen des Teams hören.“ 


„Klar, kein Problem“, sagte Benny. „Ich kann euch die Akten vorübergehend hierlassen, damit ist der Sergeant einverstanden.“ 


„Okay, wir sehen uns das morgen an und dann geben wir dir Bescheid“, versprach Libby. 


„Danke, ihr seid großartig.“ Benny war sichtlich erleichtert, was Libby gut verstehen konnte. Sie wusste auch noch nicht, was sie von diesem Fall halten sollte – aber sie wusste, dass es eine große Herausforderung für sie werden würde. 


Benny blieb noch ein bisschen, doch Julie verzog sich bald ins Arbeitszimmer, um sich ihrer Doktorarbeit zu widmen. Daran arbeitete sie, bis sie schließlich schlafen ging. Owen und Libby sahen noch ein wenig fern, bis sie ebenfalls ins Bett gingen. 


„Süß von Benny, dass er sich Sorgen macht, du könntest ihm den Kopf abreißen, weil er mich in einem solchen Fall um Hilfe bittet“, sagte Libby, während sie sich zu Owen ins Bett gesellte. 


Grinsend erwiderte er: „Das zeichnet einen Freund doch aus, oder? Nein, im Ernst, ich fand das auch nett. Er hat ja Recht, das trifft deinen wunden Punkt – aber ich bin wirklich der Meinung, dass du das selbst entscheiden solltest.“ 


Libby lächelte. „Ich finde es toll, dass du da so entspannt bist.“ 


„Es stimmt doch – du bist FBI-Profilerin. Immer noch. Ich weiß, dass du stark bist und damit klarkommst. Es muss ja auch weitergehen.“ 


„Stimmt“, sagte Libby und gab ihm einen Kuss. 


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