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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe IM FAHRWASSER DER MACHT, Ute Bareiss
Ute Bareiss

IM FAHRWASSER DER MACHT



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Kann wohl des großen Meergotts Ozean
dies Blut von meiner Hand rein waschen?
Nein; weit eh’r kann diese meine Hand mit Purpur
die unermesslichen Gewässer färben -
und Grün in Rot verwandeln.
(William Shakespeare – Macbeth)

Prolog

Etwas stimmte nicht. Die Köchin richtete sich in ihren Kissen auf. Der Geruch nach verbranntem Fleisch hing in der Luft. Madre Mia! Die Reste des Saltimbocca alla Romana vom Vorabend standen abgedeckt auf dem Herd. Hatte sie etwa vergessen, das Gas abzuschalten? So etwas passierte ihr in letzter Zeit öfter. Sie schüttelte den Kopf, strich sich die grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht und stand auf. Ein Stechen fuhr durch ihre Glieder, die vermaledeite Arthritis. Zum Anziehen blieb keine Zeit, eine Wollstola musste ausreichen. Der Flur lag ausgestorben da, nur in den Nischen lauerten schwarze Schatten. Im Haus herrschte Stille. Sie eilte in Richtung Küche, nur das Klappern ihrer Pantoffeln auf den Terrakotta-Fliesen übertönte das heftige Klopfen ihres Herzens. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und verursachte ein Prickeln, das sich zwischen ihren Schulterblättern bis in den Nacken ausbreitete. Sie hielt inne. Mochte vieles nicht mehr so funktionieren wie früher, ihr Geruchs- und Geschmackssinn arbeiteten noch einwandfrei. Es roch eindeutig verbrannt. In der Küche war kein Glimmen unter dem gusseisernen Topf auf dem Gasherd zu sehen, der wie eine Insel in Küchenmitte thronte. Was für ein Glück, sie hatte nichts vergessen. Doch durch das Fenster fiel ein Flackern, das die Konturen beinahe gespenstisch erhellte. Sie hastete zum Fenster und spähte hinaus. Auf die Entfernung konnte sie nur vage tanzendes Licht ausmachen. Hatte etwa einer der Olivenbäume Feuer gefangen? Der Sommer war bislang viel zu trocken gewesen. Kleine Schweißperlen traten auf ihre Oberlippe. Sollte sie Hilfe rufen? Warum brachte Daniele ausgerechnet heute die Signora mit den beiden Bambini für die Sommerferien zu den Großeltern nach Terracina? Schließlich war er für die Bäume zuständig. Sollte sie den Signore wecken? Nein, sie würde selbst nachsehen, bevor sie falschen Alarm schlug. Beim Öffnen der Hintertür schlug ihr der penetrante Geruch mit voller Wucht entgegen. Sie drückte sich ein Ende der Wollstola vor die Nase und zog sie enger um ihre Schultern. Trotz der lauen Nachtluft fröstelte sie. Sie musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen über die unebene Wiese in Richtung des Lichtscheins zu setzen. Eine Windböe blies ihr warme Luft zu. Warme, nach verbranntem Fleisch riechende Luft. Beißender Qualm trieb ihr Tränen in die Augen. Sie blinzelte. Blinzelte nochmals. Dio mio! Sie schrie, laut und gellend. Als ihre Kehle den Ton versagte, schrie sie stumm weiter. Der Anblick des Menschenkörpers, der an einem Holzkreuz hing, eingehüllt in einen Mantel aus Flammen, die ihm das Fleisch von den Knochen leckten, brannte sich in ihr Gedächtnis.

Kapitel 1

Korsika

Ein Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg von der Schläfe über die Wange und tropfte auf den Neoprenanzug. Alex schloss widerwillig den Reißverschluss. Es wurde Zeit, ins Wasser zu kommen. Selbst für Anfang August war es noch ungewöhnlich warm. Kein Windhauch bewegte die blank polierte See des Golfe de Porto Vecchio, die Lichter der Häuser am Ufer spiegelten sich darin. Alex gab Jean-Luc das Zeichen zum Abtauchen. Langsam ließen sie sich in die Tiefe sinken. Die Konturen der Pecorella schälten sich aus der Schwärze des Meeres. Ein angenehmes Kribbeln lief Alex den Rücken hinauf, als das gesunkene Schiff immer größer wurde, fast bedrohlich auf ihn zukam. Gespenstisch huschte der Strahl ihrer Tauchlampen über das Wrack, das aufrecht auf dem Grund stand. Wie Rubine leuchteten die Augen zweier Langusten auf dem Kabinendach auf, bevor sie rückwärts flüchteten. Das Äußere des Wracks war mit leuchtend gelben Krustenanemonen übersät, die ihre Knospen in der Nacht allesamt zu eindrucksvollen Blütenkelchen geöffnet hatten, und das Steuerhaus wie ein sonnenblumenfarbiger Teppich überzogen, nur unterbrochen von Tupfen orange- und lilafarbener Schwämme. Ein Barrakuda schoss aus dem Dunkel, um die vom Lampenschein angezogenen kleinen Fische und Krebse zu jagen. Alex schrak zusammen und musste grinsen. Hatte er dem Fisch ein Abendessen spendiert? Der pfeilförmige Körper des Tieres funkelte wie mit Silberglitter überzogen, dennoch konnte dies nicht von den messerscharfen Zähnen ablenken, die hervorstachen, als der Barrakuda nach einer Sardine schnappte. Durch Handzeichen verständigte sich Alex mit Jean-Luc, ins Wrackinnere zu tauchen. Ihre Atemgeräusche wirkten zugleich beruhigend und unheimlich in der Düsternis des engen Wracks. Vor ihnen teilte sich ein Schwarm Sardinen wie ein Vorhang, als sie hindurchtauchten. Alex’ Lampenstrahl huschte über den Grund, kreuzte sich manchmal mit dem von Jean-Luc. In der Ecke funkelte etwas. Er ließ sich absinken, es war ein herzförmiger Strass-Anhänger, wie sie oftmals an Badekleidung angenäht waren. Achtlos steckte er ihn in die Tasche seines Tauchjackets und deutete fragend zum Ausgang. Jean-Luc bestätigte. Die Laderaumluke wurde fast vollständig von einem Meeraal blockiert, der sie neugierig anstarrte. Seine bei Tag dunkelgrau erscheinende Haut schimmerte bläulich irisierend, als er sich davonschlängelte und ihnen den Weg freimachte. Plötzlich hallte ein lauter Knall durch die Tiefe. Alex zuckte zusammen. Was war das? Die Schallwellen drückten gegen seinen Brustkorb und legten sich schmerzhaft auf sein Trommelfell. In Jean-Lucs weit aufgerissenen Augen spiegelte sich sein eigener Schreck wider. Gleichzeitig zeigten ihre Daumen zur Wasseroberfläche. So schnell es möglich war, schossen sie nach oben. Ein mächtiger Feuerball erleuchtete unweit nördlich von ihnen in der Cala Rosa den Horizont. Funken stoben in die klare, schwarze Luft. „Verdammt! Sieht aus, als wäre ein Boot explodiert!“, brüllte Alex. „Merde! Lass uns bloß hoffen, dass es unbewohnt war“, rief Jean-Luc und traf damit genau Alex’ Gedanken. Mit einem Satz schwang er sich an Bord des Tauchschiffes und startete den Motor, während Alex, sein Tauchgerät nur notdürftig verzurrt, zum Bug sprintete, um den Anker aufzuholen. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät! Er klammerte sich an der Reling fest, als die Sirène unter Vollgas zur Unfallstelle preschte. In sicherer Entfernung stoppte Jean-Luc. Schwarze Rauchwolken quollen von dem Boot auf. Alex blinzelte. Das kleine Motorboot war in der Mitte gespalten. Flammen fraßen sich durch das völlig zerstörte Heck und schmolzen den Kunststoff. Beißender Gestank verätzte seine Schleimhäute. „Mon Dieu!“ Jean-Luc spuckte über Bord. Die Wasseroberfläche schillerte in allen Regenbogenfarben, kleine Flammen tänzelten darauf. „Sieht aus, als wäre der Tank explodiert.“ Er deutete auf die Trümmer und hustete. „Wenn dort jemand war …“ Alex brach schaudernd ab. Vorsichtig steuerte Jean-Luc auf den noch verankerten Bug zu, der, halb aus der Wasseroberfläche ragend, das seltsam groteske Bild einer bettelnden Hand bot. Alex versuchte, mit einem Hundert-Watt-Strahler den dichten Rauch zu durchdringen. Da! Erschrocken zuckte er zurück, biss die Zähne so fest zusammen, dass sie schmerzten. Schwamm dort ein abgetrennter Körperteil? Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Nein, nur ein Stück Cockpitpolster. Erleichtert ließ er die Schultern sinken. „Hier ist nichts. Probier es mal auf der Backbordseite“, rief er gegen das Dröhnen des Motors an. Jean-Luc nickte. Seinen Lippen bildeten einen schmalen Strich, als er abermals aufstoppte und die Sirène zur anderen Seite manövrierte. Etwas polterte gegen den Schiffsrumpf. Alex’ Herzschlag beschleunigte sich. Hoffentlich war es nur eine der Holzbohlen, die umhertrieben. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Im Standgas umrundete Jean-Luc die zerstörten Bootsfragmente. Ein Geräusch drang zu Alex, das weder von den knisternden Flammen, noch von dem UKW-Funkgerät stammte, über das er Hilfe angefordert hatte. Was war das? Er lauschte angestrengt. Da, wieder! Ein Husten. Husten konnte nicht zu vereinzelten Körperteilen gehören. Hinter dem noch halbwegs unversehrten Bug bewegte sich etwas. Der Scheinwerferkegel erfasste einen Kopf. „Jean-Luc, dort hinten!“ Seine Stimme überschlug sich beinah. Doch die Person paddelte von ihnen weg. * Rom. Zur Ermordung von Präsidentschaftskandidat Ernesto Branduardi gibt es neue Hinweise. Der für die kommende Wahl im Herbst als Spitzenkandidat der Opposition geltende Politiker wurde vorletzten Freitag in seinem Garten auf grausame Weise getötet. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft verkündete am Morgen, dass der inhaftierte Tatverdächtige Alfonso Fratinelli, Mitglied der rechtsradikalen Bewegung Legione Fascista, nach Prüfung der Indizienlage angeklagt werden soll. Wie gewöhnlich gut informierte Kreise verlauten ließen, soll das Tatmotiv in den Absichten des Ermordeten begründet liegen, die Aufnahmebedingungen für die Flüchtlinge aus den afrikanischen Krisenstaaten zu lockern. Die Legione Fascista leugnet bislang ihre Beteiligung an dem Attentat. Im Anschluss an die Nachrichten hören Sie eine Sondersendung mit Informationen zu den neuesten Ermittlungen. Als Gast begrüßen wir den Leiter des Sondereinsatzkommandos Ispettore Vergnelli, der mit seinem Team den Verdächtigen verhaftet hat. Mario Monteleone griff zur Fernbedienung und schaltete den Ton des Plasmafernsehers aus. Zufrieden lehnte er sich gegen die glatte Oberfläche des Ledersofas und schloss für einen Moment die Augen. Endlich hatten sie den Täter gefasst, das war beruhigend. Allmählich konnte in Marios politischer Welt wieder Ruhe einkehren. Er erhob sich und trat an das Barfach der Mahagoni-Schrankwand. Dies war eine der seltenen Gelegenheiten für ein Glas seines gut gehüteten Limoncellos, den seine vor zwei Jahren verstorbene Nonna noch selbst angesetzt hatte. Als er die gelbe Flüssigkeit in das Kristallgläschen goss und ihm der Geruch nach Zitrone in die Nase stieg, erinnerte er sich unwillkürlich die Zeit seiner Jugend. Pizzo, am Golfo di S. Eufemia, im Süden von Kalabrien, wo er Zitronen gepflückt hatte und erst wieder nach Hause gegangen war, wenn der Weidenkorb so schwer war, dass er ihn kaum noch hatte tragen können. Doch wenn der Duft der Zitronenschalen durch den Raum geschwebt war, und seine Nonna ihren Holzlöffel geschwungen und ihm dabei von seiner vielversprechenden Zukunft erzählt hatte, waren die Mühen des Schleppens und Schälens vergessen gewesen. Seine Nonna hatte schon immer an ihn geglaubt. Wie stolz sie dagesessen hatte in ihrem Samtkleid, dessen Spitzenkragen sie selbst bestickt hatte, als Mario zum führenden Staatssekretär, der rechten Hand des Ministerpräsidenten, ernannt worden war. Die Farbe ihrer Wangen hatte sich zu einem dunklen Rot vertieft, als der Ministerpräsident ihr kurz darauf persönlich die Hand geschüttelt hatte. Noch auf ihrem Sterbebett hatte sie von diesem Erlebnis geschwärmt. Wehmütig verzog er seine Mundwinkel. Wie bedauerlich, dass sie seinen weiteren Weg nach oben nicht mehr verfolgen konnte. Mario nippte an seinem Glas und die wohlige Wärme der Erinnerung vermischte sich mit dem Brennen des Alkohols. Mit einer kubanischen Zigarre bewaffnet, die er sonst für bedeutende Gäste bereithielt, öffnete er die Flügeltüren zur Veranda. Die Lichter von Rom erhellten den mondlosen Nachthimmel. Die drückende Hitze des Tages hatte sich noch nicht verflüchtigt. Mit einem tiefen Atemzug sog er die Nachtluft ein. An die marmorne Verandabrüstung gelehnt, ließ er seine Blicke über die Ewige Stadt schweifen. Wie viele bedeutende Männer hatten hier schon regiert und Geschichte geschrieben? Ein zufriedenes Lächeln überzog sein Gesicht. Er würde es ihnen gleichtun. Gedankenverloren angelte er nach einem Feuerzeug in seiner Jacketttasche. Er zuckte zusammen, als sein privates Mobiltelefon an seiner Hand zu vibrieren begann. Die Tonfolge zeigte ein Gespräch auf der abhörsicheren Leitung an. Wollte jemand die gute Nachricht mit ihm besprechen? „Pronto?“ Die Stimme am anderen Ende klang gepresst. „Salve, Ma…“ „Emilio? Was gibt’s?“, unterbrach Mario unwirsch seinen Gesprächspartner. Emilio räusperte sich. „Ich … Wir … Also, es gibt da ein kleines Problem.“ Der Limoncello verursachte ein saures Brennen in Marios Kehle. „Was ist passiert?“ „Wir haben uns der Sache schon angenommen, keine Sorge, das ist fast schon wieder erledigt.“ Emilios Tonfall war hektisch geworden. „Es gab da einen kleinen Zwischenfall. Ich wollte es dich nur wissen lassen, damit du …“ „Was soll das heißen? Cretinos! Sei in zehn Minuten bei Nello, wir treffen uns dort!“ Marios Stimme überschlug sich beinah. Er drückte das Gespräch weg, ohne eine Antwort abzuwarten. Die unangerauchte Zigarre schleuderte er zu Boden und zertrat sie. Als er ins Haus stürmte, stolperte er über die Katze seiner Frau, die es sich vor der Verandatür bequem gemacht hatte. Wutentbrannt trat er nach ihr. „Scheißvieh!“ Türknallend stob er aus dem Haus – so schnell, dass ihm sein aufgeschreckter Leibwächter kaum folgen konnte. * „Hallo?“ Alex konnte einen dunklen Haarschopf und ein weißes T-Shirt auf der öligen Wasseroberfläche erkennen. Ungelenk steuerte der Schwimmer aufs entfernte Ufer zu. „Hallo? Monsieur, attendez!“ Alex nahm ihn mit dem Strahler ins Visier, doch er paddelte nur noch hektischer und hustete. „Der ist verletzt. Da stimmt was nicht. Ich muss ihn rausholen, bevor er uns absäuft“, brüllte Alex Jean-Luc gegen den Motorlärm zu und griff nach seiner Tauchmaske und den Flossen. „Merde, pass bloß auf!“ Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Der Verletzte wurde von einem erneuten Hustenanfall geschüttelt und verschwand kurzzeitig unter der Oberfläche. Kaum, dass Jean-Luc den Motor ausgekuppelt hatte, sprang Alex ins Wasser und kraulte auf den Verletzten zu. Das Neopren schützte seinen Körper zwar, doch er machte das Schwimmen auch mühseliger. Öliges Wasser gelangte beim Atmen in seinen Mund. Angewidert spukte er aus, versuchte den Würgreiz zu unterdrücken und holte wieder tief Luft. Er hustete, als beißender Rauch in seine Lungen drang. Kurzfristig verlor er sein Ziel aus den Augen, doch Jean-Lucs Lampenstrahl wies ihm den Weg zu dem Verunglückten. Alex wandte den Kopf so gut es ging vom Qualm ab, pumpte seine Lungen voll und zog mit gleichmäßigen Armzügen und kräftigen Flossenschlägen voran. Die Zeit drängte. Gerade als ein Hustenanfall den Verletzten wieder unter Wasser zog, bekam er ihn zu packen. Die linke Schulter sah übel aus, rohes Fleisch blitzte ihm im Lampenschein entgegen. Das weiße T-Shirt war zerfetzt und hatte sich rot gefärbt, blutige Schlieren zogen durchs Wasser. Vorsichtig verstärkte er seinen Griff. Plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch seine Nase. Verdammt, was sollte das? Völlig unerwartet hatte ihn der Verletzte, mit einer Kraft, die er ihm nicht zugetraut hätte, mit der Faust mitten ins Gesicht geschlagen. Seine Tauchmaske, die ihn wahrscheinlich vor einer gebrochenen Nase gerettet hatte, war verrutscht. Er blinzelte, spülte Blut aus der Maske. Angewidert spuckte er aus. Als er wieder nach dem Verunglückten griff, musste er sich erneut Schlägen und Tritten erwehren. Ein Schwall italienischer Worte, von Husten unterbrochen, brach über ihn herein, von denen er nur „stronzo“ verstand. „Selber Arschloch! Ich will dich retten, verdammt noch mal!“ Er musste unbedingt die Panik des anderen durchdringen. Fest packte er ihn am rechten Arm, um weitere Schläge zu unterbinden. Der Rauch biss in seinen Lungen, ruhig zu sprechen fiel ihm schwer. Der Italiener verstummte, der Blick der schwarzen Augen irrte ziellos umher. Im Licht des Strahlers leuchtete das Weiß seiner Augen gespenstisch auf, doch sein Widerstand schien zu erlahmen. „Alles okay, du bist in Sicherheit. Alles ist gut. Tutto bene!“ Alex redete weiter beruhigend auf ihn ein. Es schien zu funktionieren, der Andere gab seinen Widerstand auf. „Sono altre persone a bordo?“, konnte Alex ihm endlich die dringendste Frage stellen. Er musste wissen, ob noch mehr Personen in Gefahr schwebten. Der Verletzte bäumte sich so abrupt auf, dass Alex kurz unter Wasser gedrückt wurde. Öliges Salzwasser drang in seine Atemwege, er hustete und würgte den ekelhaften Geschmack hinaus. Verdammt, wenn noch jemand an Bord war? Er wiederholte eindringlich seine Frage. Nun schien der Italiener zu verstehen und schüttelte den Kopf. „Non, solo io.“ Erleichtert seufzte Alex auf, da zuckte der Verletzte wieder. Als wollte er ihn hypnotisieren, fixierte er ihn mit seinem Blick. „La borsa.“ Alex blinzelte verständnislos. „Non capisco.“ „La borsa! My bag! Molto importante! Very important!“ Alex nickte beruhigend. „Ja, um deine Sachen kümmern wir uns später.“ Seltsam, wie irrational der Verstand in Notsituationen funktionieren konnte. Vorsichtig begab Alex sich in Rückenlage, manövrierte den Italiener über sich. Als er die verletzte Schulter anstieß, zuckte der zusammen und schrie schmerzerfüllt auf. „Scheiße, ja, ich glaube, dass das wehtut, tut mir leid! Scusa! Tutto bene?“ Sein Schweigen nahm Alex als Zustimmung. Er spreizte die Beine, versuchte zu flosseln und den Verletzten zu ziehen, ohne ihm unnötige Schmerzen zuzufügen. Die Anstrengung forderte ihr Tribut. Seine Muskeln verkrampften sich. Jean-Luc wies ihm von Bord aus die Richtung, doch die Sirène schien kaum näher zu kommen. Nur langsam erhellte sich die Schwärze um ihn. „Soll ich die Rettungsschlinge werfen?“, rief Jean-Luc, als sie schließlich beim Boot eintrafen. Alex keuchte. „Geht nicht, er ist an der Schulter verletzt. Ich bringe ihn hoch.“ An die Badeleiter gelehnt, atmete er ein paar Mal tief durch, bevor er Jean-Luc seine Flossen reichte. Vorsichtig packte er seinen Schützling. Seine Beine zitterten vor Anstrengung, als er mit der Last versuchte, so ruhig wie möglich nach oben zu steigen. Beinahe wäre er abgeglitten. Der Ruck, als er wieder nach der Leiter griff, äußerte sich sofort in einem Aufschrei des Verletzten. Sie betteten den Verletzten vorsichtig auf die Tauchplattform. Geschafft! Jean-Luc übernahm die Erstversorgung, so konnte Alex durchatmen. Aus der Kühlbox holte er sich eine Dose Cola. Den ersten Schluck spuckte er über Bord. Bloß diesen ekelhaften Geschmack aus dem Mund bekommen! Er wandte den Kopf, als Jean-Luc den Verletzten auf Italienisch befragte. Doch der sprach zu schnell, als dass Alex allen Sätzen folgen konnte. „Was sagt er?“ „Er heißt Silvio. Wie das mit der Explosion passiert ist, kann er nicht sagen. Ich habe den Eindruck, dass er bei dem Unfall einen Schlag auf den Kopf gekriegt hat. Macht sich hauptsächlich Sorgen um irgendeine Tasche, die er auf dem Boot hatte“, raunte Jean-Luc und verdrehte die Augen. „Als ob das jetzt wichtig wäre, so übel, wie der aussieht. Er hat viel Blut verloren. Ich weiß nicht, ob es reicht, seine Beine hochzulegen, damit er uns nicht wegsackt. Hoffentlich schickt die Küstenwache bald Hilfe.“ Er angelte nach der Schere im Verbandskasten. „Um die Tasche hat er sich schon im Wasser Sorgen gemacht.“ Alex stieß die Luft aus. So langsam normalisierte sich sein Atem. Er kniete sich neben den Verletzten und legte seine Hand auf dessen gesunden Arm. Jean-Luc übersetzte, während er das T-Shirt aufschnitt und die Wunde desinfizierte. „Er sagt, du hättest ihm versprochen, seine Wertgegenstände von Bord zu bringen.“ Der Verletzte nickte. „Si, si!“ Ein Stakkato an Worten folgte. Jean-Luc zuckte mit den Schultern. „Es scheint ihm wirklich überlebenswichtig zu sein.“ Alex beugte sich hinunter. „Dov’è la borsa?“ „Sag mal, hast du einen Knall? Da brennt es noch, du hast sie doch nicht mehr alle!“ Jean-Luc warf Alex einen verärgerten Blick zu. Seine Kiefernmuskeln zuckten, während er mit ruhigen Händen eine Lage Mull auflegte. Der Verletzte klammerte sich an Alex’ Hand. „Isse vorne. Una borsa nera. Tasche schwarze. Molto importante! Wichtig!“ Beruhigend gab Alex den Händedruck zurück. „In front, no kaputt.“ „Ich denke, diese Tasche müsste im Bug liegen.“ „Si, si“, nickte der Italiener. Zum ersten Mal zeigte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. „Vorne.“ Alex zögerte. Der Ärmste war mit dem Verlust des Bootes schon genug gestraft. Jean-Luc warf ihm einen scharfen Blick zu und schüttelte den Kopf. „Von mir aus können wir morgen noch mal herkommen und nach dem Ding suchen.“ Bevor sie reagieren konnten, machte der Italiener Anstalten, sich ins Wasser zu stürzen. Alex konnte ihn gerade noch rechtzeitig packen. „Herrgott noch mal!“ Er ballte seine Hand zur Faust. „Ich hol den nicht ein zweites Mal aus dem Wasser. Bevor er durchdreht, gehe ich diese verflixte Tasche holen. Wir müssen ohnehin warten, bis Hilfe kommt, du hast ja unsere Position durchgegeben.“ Bevor sein Partner ihm ins Wort fallen konnte, hob er abwehrend die Hand. „So ein Wrack ist schneller ausgeschlachtet, als ein Kind bis drei zählen kann. Die Leichenfledderer sitzen bestimmt schon in den Startlöchern, um alles abzuschrauben, was nicht niet- und nagelfest ist. Wir würden doch auch versuchen, unser Equipment zu retten, wenn etwas mit der Sirène wäre. Ich tauche rein, hole mir das Ding und bin sofort wieder zurück.“ Jean-Luc schüttelte den Kopf. „Mon Dieu, Alex, du bist echt nicht ganz dicht. Ich gebe dir zehn Minuten. Zehn!“ Alex konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Ich bin in neun zurück!“ Er schnappte sich seine Tauchausrüstung, ließ sich erklären, wo die Tasche exakt zu finden war, zwinkerte dem Italiener zu und bat Jean-Luc, ihn in der Nähe des Bugs abzusetzen, dessen Spitze wie ein mahnender Finger aus der Wasseroberfläche ragte. Alex ließ sich durch den öligen Film in die Tiefe gleiten, die Schwärze umhüllte ihn. Wie ein Schwert durchschnitt der Lichtstrahl seiner Lampe das Wasser. Obwohl er reine Luft aus seinem Tauchgerät atmete, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, das Verschmorte um ihn herum auf der Zunge zu schmecken. Die Verpestung hatte sämtliche Fische vertrieben. Die Konturen der Bugkabine, von der der Italiener gesprochen hatte, schälten sich aus dem Dunkel. Die Schallwellen übertrugen das Knistern der entfernten Flammen. Er holte tief Luft, die Atemgeräusche dröhnten in seinen Ohren. Obwohl er schon viel in engen Höhlen getaucht war, und ihm das nie etwas ausgemacht hatte, bekam er plötzlich Beklemmungsgefühle. Was, wenn die Flammen den Bug ergriffen und sich dort etwas Explosives befand? Unwillkürlich beschleunigte sich sein Atem. Such jetzt das verdammte Ding, die Zeit läuft. Er fasste in seine Neopren-Halsmanschette, lockerte sie etwas und zwang sich, ruhig zu atmen. Suchend huschte sein Lichtstrahl durch das Schiff. Dort war die Truhe, unterhalb der Dachluke – hier musste es sein. Plötzlich ein Ruck. Etwas zog an seinem Atemregler. Er schluckte trocken, sein Puls raste. Doch er hatte sich nur an einem Regalbrett verhängt. Noch fünf Minuten. Der Truhendeckel klemmte. Geh auf, verdammt! Er rüttelte daran. Das Adrenalin peitschte durch seine Adern. Endlich! Knarrend öffnete sich der Deckel. Da war sie, die schwarze Tasche. Ein wasserdichter Seesack. Erleichtert atmete Alex auf und packte den schweren Sack. Hatte der Bursche Goldbarren darin verpackt? In der Kabine war es zu eng, um sich umzudrehen. Er musste rückwärts hinaustauchen. Noch vier Minuten. Alex hangelte sich mit den Ellbogen vorsichtig an den Schränken entlang. Verdammt, wenn er nur sehen könnte! Immer wieder stieß er mit seiner Tauchflasche gegen die Decke, blieb hängen und zerrte sich ungeduldig frei. Ruhig bleiben! Die Ausatemluft blubberte an seinen Ohren vorbei. Noch drei Minuten. Endlich hatte er es geschafft. Mit einem Rundumblick orientierte er sich. Der Lichtschein der Sirène erschien ihm wie ein heller Stern, der ihm den Weg wies. Er schob sich die Tasche über den Arm, um die Hand für die Tarierung freizuhaben und tauchte Richtung Oberfläche. Noch zwei Minuten. .„Du siehst, ich bin noch nie unpünktlich gewesen“, rief Alex, als er neben dem Tauchboot die Wasseroberfläche durchstieß. Jean-Luc erwiderte sein Lachen, doch sein Gesichtsausdruck drückte Besorgnis aus, als er Alex die Flossen abnahm. „Wir müssen zurück, wir können nicht länger warten, bis Hilfe kommt. Unser Freund hat zwar getobt, als ich ihm vom Krankenhaus erzählt habe, dagegen scheint er eine Aversion zu haben, doch nun ist er still. Ich denke, er hat schon zu viel Blut verloren. Sein Puls rast und ist flach. Kümmer dich um ihn. Ich fahre los und gebe per Funk Bescheid.“ Im Weglaufen schlug er ihm auf die Schulter. „Gut, dass du heil wieder da bist, imbécile.“ Nachdenklich blickte Alex ihm nach, dann ergriff er den Sack und kniete sich neben den Verletzten. Der hatte die Augen geschlossen, die Gesichtshaut wirkte durchscheinend blass im fahlen Licht. Vorsichtig nahm Alex die schlaffe Hand und legte sie auf die Tasche. „Ey, amico, tua borsa.“ Der Verletzte blinzelte, Tränen traten in seine Augen. „Mille grazie“, hauchte er. „Mille, mille grazie! „Schon okay, Kumpel.“ Alex schluckte und tätschelte seine heile Schulter. „Can you … take the aluminium box … per favore?“ Der Verletzte war auf ein hart klingendes, gebrochenes Englisch umgeschwenkt. Alex öffnete die Tasche. Eine silberne Kassette schimmerte schwach im Schein der Navigationsbeleuchtung der Sirène. Sie war so groß und schwer wie ein dickes Buch, außen leicht feucht, in den Seesack musste etwas Wasser eingedrungen sein. Er wollte sie dem Italiener in die Hand legen, doch der wehrte ab. Seine Stimme wurde mit der zunehmend schwindenden Kraft beinahe unhörbar und vom Dröhnen des Motors der Sirène übertönt, die Richtung Porto Vecchio raste. Alex beugte sich mit dem Ohr an seinen Mund. „Please … the box … bring to my friend Sam … molto importante … sailing boat … name Escape … in Santa Teresa di Gallura in Sardegna … isse very important …“ Seine Finger krallten sich schmerzhaft in Alex’ Arm. Verblüfft erwiderte Alex den bohrenden Blick aus schwarzen Augen „Du möchtest, dass ich die Kassette zu deinem Freund Sam nach Sardinien bringe, auf ein Schiff namens Escape?“, versicherte er sich auf Englisch. „Si … please … di gran valore … very valuable … do not tell anybody.“ Herrje, was war so wertvoll, dass er niemandem etwas davon sagen durfte? Als er nicht sofort antwortete, schlossen sich die Finger fester um seinen Arm. „Promise … please … tell nobody … very important … molto importante.“ Alex nickte verwirrt. „Promise …“ „Ja, ich verspreche es, ich sage niemandem etwas davon.“ Der Italiener sackte in sich zusammen, sein Griff lockerte sich und die Hand sank zu Boden. Alex rieb sich den Arm. „Weiß denn dieser Sam Bescheid, wenn ich sage, dass ich von Silvio komme?“ Der Verunglückte öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, zollten der Blutverlust und die Anstrengung ihr Tribut. Er versank in einer gnädigen Ohnmacht.


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