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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Ihre innersten Dämonen, Dania Dicken
Dania Dicken

Ihre innersten Dämonen


Profiler-Reihe 3

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Du siehst, wie er den Kellerraum betritt. Gleich ist es soweit. Endlich. Wie gebannt sitzt du da und siehst zu. Beobachtest, wie er sich auf die Bettkante setzt, mit ihr spricht. Sie sieht ihn an. Fürchtet sich. Zwar hält sie sich erstaunlich tapfer, aber du weißt genau, was sie fürchtet.


Und es wird passieren.


Hast du Angst?“ fragt er sie. Mit geweiteten Augen blickt sie zu ihm auf und nickt schließlich. Mehr bleibt ihr geknebelt auch nicht übrig.


Das ist gut“, sagte er. „Weißt du, das macht es perfekt. Du bist einfach perfekt, kleine Andrea.“


Sie schließt die Augen, wimmernd. Dein Herz pocht, als du siehst, wie er sie anfaßt. Du würdest alles dafür geben, dabei sein zu können. Seine Hand gleitet von ihrem Oberkörper bis in ihren Schoß und sie kann nichts dagegen tun. Gefesselt und splitternackt liegt sie da, starrt ihn an. Sie weint. An ihren schnellen Atemzügen und dem Ausdruck in ihren Augen liest du ihre Angst ab. Das fühlt sich gut an. Es ist richtig, daß sie Angst hat.


Dann hält er inne. Jetzt ist es soweit.


Nein, ich glaube, so mache ich es jetzt nicht. Ich will, daß du vor mir kniest“, sagt er.


Erneut bricht sie in Tränen aus und zappelt, gerät in Panik. Will schreien, kann aber nicht. Er läßt sie nicht. Sie zappelt und schluchzt, aber er schlägt sie. Danach bindet er sie los. Sie versucht, sich zu wehren, doch ihre Gliedmaßen gehorchen ihr nicht. Außerdem kommt sie niemals gegen ihn an.


Er drückt sie vor dem Bett auf den Boden. Ihre Hände sind immer noch gefesselt; sie verharrt reglos, weinend. Dich ergreift eine ekstatische Freude, als du das siehst.


Warum stellst du dich denn so an?“ fragt er. „Dein Freund hat das doch auch getan. Genau so, nicht wahr?“


Er packt sie an den Haaren, was dem Ganzen einen animalischen Ausdruck verleiht. Komm, tu es. Besorg es ihr, so wie sie es noch nie hatte.


Sie weint, wischt sich mit den zitternden, gefesselten Händen die Tränen ab. Armes Mädchen.


Er löst seinen Gürtel mit der einen Hand und berührt sie mit der anderen. Ja, komm schon. Gleich ist es soweit!


Geräusche. Erst klingt es wie ein Rascheln, aber dann begreifst du, daß es Schritte sind. Du siehst zwei Gestalten, eine davon in Uniform. Die andere ...


Das kann nicht sein. Er sagte doch, ihr Freund sei tot!


Aber das ist er nicht. Er ist sehr lebendig, wenn auch mit einem Verband am Kopf. In der Hand hält er eine Waffe, die er entsichert. Seelenruhig. Er steht gleich daneben und läßt sich nicht aus der Ruhe bringen.


Das würde ich dir nicht raten“, sagt er und zielt auf Jons Kopf. Du wagst kaum zu atmen.


Doch Jon bleibt ruhig. Er wendet den Kopf. „Du bist doch tot.“


Du bist nicht nur krank, sondern auch dumm“, erwidert ihr Freund. „Weg da, und zwar ein bißchen plötzlich, ist das klar?“


Nein. Das darf nicht wahr sein. Wie kommt er dorthin? Mit der Polizei ...


Du hast eine hübsche Freundin“, sagt Jon. Er läßt sie nicht los, nicht einmal dann, als der Polizist ihn anbrüllt.


Eher will er sie töten.


Dein Herz rast und dir ist heiß, als du beobachtest, wie Jon sie würgt. Dann ein Knall und du zuckst zusammen. Ungläubig mußt du mitansehen, wie Jon schwer und ungebremst zu Boden geht. Tot. Erschossen, mit einem Loch im Kopf.


Du schreist. Du brüllst geradezu. Du starrst auf die Szene, ohne noch etwas wahrzunehmen. Du siehst nur ihn, wie er daliegt und sich eine dunkle Lache unter ihm ausbreitet.


Tot.


In dir fühlt sich alles genauso an. Das kann nicht wahr sein. Das ist unmöglich. Es war doch alles perfekt geplant. Es sollte jetzt soweit sein.


Plötzlich traust du deinen Ohren kaum.


Niemand kann Ihnen dafür einen Vorwurf machen.“


Fast fegst du deine Tasse vom Tisch. Dann erst wird dir klar, daß sie dich kriegen, wenn du die Übertragung nicht sofort unterbrichst. Impulsiv ziehst du den Stecker aus der Buchse und sinkst zitternd zurück auf deinen Stuhl. Keuchend starrst du auf den Bildschirm und das Standbild, das darauf eingefangen ist. Andrea in den Armen ihres Freundes.


Das werden sie bereuen.


Dann verlierst du die Beherrschung.


 


 


 


Overkill


 


Ihre Hände waren nicht nur eiskalt, sondern auch schweißnass. Nervös wischte Andrea sie an ihrer Jeans ab und atmete tief durch. Sonores Murmeln erfüllte die Luft des Hörsaals, die ihr in diesem Augenblick stickig vorkam, ohne es zu sein.


Dann hob sie den Blick.


Die meisten Plätze waren bereits besetzt. Über einhundert Studenten waren schon anwesend, durch die Tür stießen noch weitere dazu. Andrea schluckte. Niemals hätte sie mit einem solchen Andrang zu ihrer allerersten Vorlesung gerechnet. Nicht einmal mit der Hälfte. Sie hatte unterschätzt, wie attraktiv die Disziplin des Profiling in Zeiten von Fernsehserien wie CSI auf junge Menschen wirkte.


Erneut atmete sie tief durch und versuchte, sich an den Anblick der vielen Studenten zu gewöhnen. Manche waren nicht viel jünger als sie. Zwei Mädchen steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Andrea versuchte, es zu ignorieren. Schlimm genug, daß das ihre erste Vorlesung war, doch sie war nicht einfach nur eine aufgeregte junge Dozentin, die gleich ihre Feuerprobe durchstehen würde. Es war viel mehr als das.


Der Blick auf die Uhr verriet ihr, daß es Zeit war, anzufangen. Sie schaltete das Mikrofon ein und öffnete die Präsentation auf ihrem Laptop. Das Tuscheln der Studenten wurde leiser.


„Ich freue mich, Sie alle hier begrüßen zu dürfen“, begann sie mit erstaunlich fester Stimme. „Mein Name ist Andrea Thornton. Wenn Sie hier sind, um die Einführungsveranstaltung der Vorlesung Psychologische Grundlagen des kriminalistischen Profiling zu hören, sind Sie hier richtig!“


Einige der Köpfe nickten. In den meisten Gesichtern las Andrea Interesse und Neugier, was ihrer Motivation einen ordentlichen Schub verlieh. Allmählich legte sich ihre Nervosität.


„Diese Vorlesung findet nun zum allerersten Mal statt, wie Sie vielleicht wissen. Bislang gab es nicht die Möglichkeit, die speziellen Fertigkeiten, die ein psychologischer Profiler benötigt, an der University of East Anglia zu erlernen. Ich selbst habe dieses Wissen im Profiling-Seminar von Dr. Joshua Carter in London erworben, während ich hier meinen Master in Psychologie abgeschlossen habe. Entsprechend bin ich ein ähnlicher Pionier wie Sie!“


Einige der Studenten lachten, was Andrea ein Gefühl der Sicherheit gab. Sie würde das schaffen. Sie würde die Vorlesung erfolgreich halten, ohne daß jemand einschlief - und sie würde kein Thema und keine Frage auslassen.


„Nach Abschluß meiner Fortbildung habe ich in London als Profilerin gearbeitet, bis ich Anfang des Jahres wieder nach Norwich zurückgekehrt bin, um die hiesige Polizei als Polizeipsychologin und Profilerin zu unterstützen. Das nur als kurze Einführung zu meiner Person, bevor wir uns nun dem eigentlichen Thema widmen.“


Andrea öffnete die nächste Seite ihrer Präsentation. „Vermutlich wissen Sie bereits, daß das US-amerikanische FBI Pionierarbeit auf dem Gebiet der psychologischen Fallanalyse geleistet hat. Seinen wirklichen Anfang nahm das Profiling bereits in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Psychiater James Brussel versucht hat, dem Mad Bomber von New York auf die Spur zu kommen. Er charakterisierte den Mad Bomber als einen unverheirateten Einzelgänger, der es nie geschafft hat, sich von seiner Mutterfigur zu lösen und vermutlich bei seiner Verhaftung einen zweireihigen Anzug mit zugeknöpftem Jackett tragen würde. Sie können sich denken, was los war, als vier Wochen später George Metesky gefaßt wurde - ein unverheirateter Mann, der bei seinen Schwestern lebte und tatsächlich die von Brussel beschriebene Kleidung trug. Seither haftet dem Profiling ein Ruf der Zauberei an, der natürlich Unfug ist.“


Es war mucksmäuschenstill, als Andrea die folgende Folie aufrief. „Von Zauberei ist die operative Fallanalyse weit entfernt. Studien, Statistiken und Falldaten stützen die Profile, die wir erstellen. Die Merkmale, die für wir einen zu ermittelnden Täter annehmen, treffen jeweils mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu. Wichtig ist, nur gesicherte Daten zu berücksichtigen - Befunde vom Tatort, dem Fundort, aus der Obduktion. Die Profilerstellung wird natürlich ungleich schwieriger, wenn etwa der Tatort gar nicht bekannt ist oder aufgrund eines zu starken Verwesungszustands keine Obduktion mehr durchgeführt werden kann.“


Die nächste Seite der Präsentation zeigte die Fotos zweier Männer. Andrea warf einen kurzen Blick darauf. „Die FBI-Agenten John Douglas und Robert Ressler gelten als die Urväter des Profiling. Nach Gesprächen mit Serienmördern kamen sie zu dem Schluß, daß solche Täter sich in zwei Kategorien einteilen lassen: den organisierten und den unorganisierten Typ. Inzwischen wissen wir, daß diese Kategorisierung etwas zu kurz greift.“


Im Augenwinkel bemerkte Andrea eine Bewegung. Einer der Studenten, ein modisch gekleideter junger Mann, hob die Hand.


„Bitte“, sagte Andrea.


„Hatten Sie während Ihrer beruflichen Tätigkeit als Profilerin auch mit Serienmördern zu tun?“ fragte der Student.


Andrea antwortete nicht gleich. „In London nicht, nein. Ich war an den Ermittlungen im Entführungsfall der Millionärstochter Trisha Michaels beteiligt, aber wir hatten keinen Serienmord auf dem Tisch. Serienmorde kommen in der Praxis nicht allzu häufig vor, aber wenn, dann sind es oft sehr extreme Beispiele. So auch zum Beispiel in Gloucester im Fall des von der Presse so genannten House of Horrors. Den Fall werden viele von Ihnen sicherlich kennen.“


Ihre Überleitung war gerettet. Sie öffnete die nächste Seite der Präsentation und wandte sich wieder den Studenten zu. „Im Keller des Hauses von Frederick und Rosemary West wurden im Jahr 1992 zwölf Leichen gefunden. Das Ehepaar hat in einer eigens eingerichteten Folterkammer in ihrem Keller nicht nur mehrere Kindermädchen, sondern auch eine ihrer eigenen Töchter sadistisch gequält und ermordet. Der Fall ist in mancherlei Hinsicht sehr speziell, denn es gibt nicht häufig solche Mörderpaare wie die Wests. Was allerdings häufiger vorkommt, sind Täter wie Frederick West. Der sexuelle Sadist ist der häufigste Serienmördertyp.“


Andrea zog die Schultern hoch und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie konnte das. Sadisten jagten ihr keine Angst ein, das sagte sie sich innerlich gebetsmühlenartig auf. Immer wieder. Schließlich fuhr sie fort.


„Frederick West zeigte früh ein manifestes deviantes Sexualverhalten. Das ist auch der Grund dafür, daß bei der Suche nach einer Partnerin seine Wahl auf Rosemary Letts fiel. Bei ihrem Kennenlernen war sie wesentlich jünger als er und sexuell unerfahren. Frederick West hatte jede Möglichkeit, sie in ihrem Verhalten so zu formen, wie es seinen Zwecken dienlich war. Die beiden gingen eine krankhafte Symbiose ein, waren voneinander abhängig. Rosemary war ihm behilflich, wo sie konnte. Vermutungen legen nah, daß sie später sogar die treibende Kraft war. Sie zog mit ihm los und wiegte so zum Beispiel ihr Opfer Caroline Owens in trügerischer Sicherheit, als es darum ging, sie zum Einsteigen in den Wagen zu bewegen. Das Ehepaar folterte Caroline daraufhin eine ganze Nacht lang. Erst am nächsten Tag bot sich ihr eine Chance zur Flucht, doch obwohl sie das Verbrechen zur Anzeige brachte, fiel die Strafe für die Täter lächerlich gering aus. Man hätte sie damals stoppen können und die Gefahr erkennen müssen, die von den beiden ausging.“


Eine junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt und eckiger Brille hob die Hand. Andrea nickte ihr zu.


„War das nicht auch beim Campus Rapist so?“


Die Frage hallte in Andreas Kopf nach. Sie schluckte. Innerhalb von Sekunden waren ihre Handflächen wieder voller Schweiß. Ihr war heiß und sie schloß kurz die Augen, um sich zu fangen. Die Frage kam zu früh. Viel zu früh.


Sie stützte sich auf das Pult und hielt den Blick gesenkt, während sie antwortete. „Ja, beim Campus Rapist hätte man auch rechtzeitig erkennen können, wer er eigentlich ist. Seine Frau hätte es gekonnt.“


„Wissen Sie, warum sie nicht gehandelt hat?“


Andrea blickte wieder auf. „Wer gesteht sich schon gern ein, daß er ein Monster geheiratet hat?“


Sie wandte sich dem Laptop zu und suchte in der Präsentation, bis sie das Foto gefunden hatte - das Foto eines durchaus gutaussehenden Mannes Ende zwanzig mit blonden Haaren und stechend grünen Augen.


„Der Vierwochenrhythmus, in dem er gemordet hat, hätte seiner Frau auffallen müssen. Aber sie hat es verdrängt. Anders als viele andere Lebenspartnerinnen von Sexualmördern wurde sie nicht von ihm mißhandelt, deshalb hätte sie es nur erahnen können. Aber vermutlich war sie der Grund dafür, daß seine Opfer Studentinnen waren. Sie selbst hatte ebenfalls studiert, er jedoch nicht. Sie war ihm intellektuell vermutlich überlegen, entsagte sich ihm zudem als Ventil für seine Phantasien. Seine Opfer waren Stellvertreterinnen für seine Frau.“


Ein anderer Student meldete sich. „Aber anders als Frederick West hat er immer allein gehandelt, oder?“


Andrea nickte sofort. „Er wäre kein Typ dafür gewesen, mit einem Partner zu handeln. Bei Mörderpaaren gibt es immer einen dominanten und einen unterwürfigen Partner, aber so wie ich ihn einschätze, hätte er keinen Partner akzeptiert, egal wie unterwürfig. Nein, er war allein.“


Die Studentin mit der eckigen Brille hob wieder die Hand. „Sind Sie seinetwegen Profilerin geworden?“


Ein leichtes Zittern machte sich in Andreas schweißnasser Hand bemerkbar, als sie sich eine Strähne ihres rotbaunen Haares hinters Ohr zurückstrich. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich wollte schon Profilerin werden, bevor ich ihm begegnet bin. Deshalb habe ich auch die Polizei inoffiziell bei den Ermittlungen unterstützt und ihnen ein Profil des Campus Rapist geliefert - zumindest, soweit das möglich war, denn die Spurenlage war damals mehr als dürftig. Irgendwann kannte ich seine Psychopathologie ... aber leider hat das nicht zu seiner Ergreifung geführt. Es hat mir nur geholfen, zu überleben.“


Plötzlich war es totenstill im Saal. Andrea versuchte, die Unsicherheit auszuhalten, die die zahllosen auf sie gerichteten Augenpaare in ihr auslösten.


„Ich war selbst noch Studentin hier an der Uni, als er den Campus in Atem hielt. Als Studentin hat man sich im Dunkeln kaum vor die Tür getraut. Zufällig bin ich Zeugin geworden, als er Caroline Lewis hier um die Ecke am Parkplatz vergewaltigt hat. Ich wollte ihr nur helfen, indem ich ihn angegriffen habe, doch das habe ich später immer wieder bereut. Das hat sein Handeln eskalieren lassen. Dadurch ist er zum Mörder geworden - und damals muß er sich in den Kopf gesetzt haben, sich an Caroline und mir zu rächen.“


Ihr war kalt. Eiskalt. Schon im Vorfeld hatte sie sich bewußt gemacht, daß es sich wohl nicht vermeiden ließ, über ihn zu sprechen. Deshalb hatte sie ihn auch in ihren Vortrag aufgenommen.


Auch nach über vier Jahren wußte man in Norwich noch, wer sie war. Sie hatte als Einzige die Entführung durch den Campus Rapist Jonathan Harold überlebt und sich damals geschworen, fortan alles zu tun, um solche Täter zu stoppen.


„Jonathan Harold ist, verglichen zum Beispiel mit Frederick West, erst sehr spät aktiv geworden“, fuhr Andrea fort. „Erst nach dem Tod seiner Eltern hat er sich getraut, seinen Phantasien freien Lauf zu lassen. Er hat schon bei seinen Vergewaltigungen immer tunlichst darauf geachtet, keinerlei hilfreiches Spurenmaterial zurückzulassen. Auch nach Monaten hatte die Polizei nicht mehr als seine DNA, einen Zahnabdruck und ein blondes Haar. Bis dahin hatte er aber auch schon drei junge Frauen getötet - zwei weitere und ein Polizist sollten noch folgen.“


Die Studentin meldete sich wieder, so daß Andrea ihr zunickte. „Ich hoffe, das ist okay, wenn ich das frage ... aber Sie waren dort, als er Caroline Lewis getötet hat, oder?“


„Ja.“ Andrea nickte und holte tief Luft, um dem Zittern in ihrer Stimme Herr zu werden. „Er hatte erst Caroline entführt ... das war in der Nacht zum neunten Februar. Zwei Tage später stand er vor mir. Er hat mich zu Caroline gebracht und sie am nächsten Morgen vor meinen Augen erwürgt.“ Die zitternden Hände zu Fäusten geballt, versuchte Andrea, den gewaltigen Kloß im Hals zu ignorieren. „Sie war meine Freundin.“


Für einen Moment schloß sie die Augen. Es war immer noch still im Hörsaal. Schweigend und staunend zugleich warteten die Studenten ab, während Andrea mit scheußlichen Erinnerungen an Angst, Schmerz und Folter rang. „Vielleicht überlasse ich auch dir die Wahl. Überlege es dir. Willst du sterben oder willst du bei mir bleiben? Du könntest leben, als meine Gefangene.“


Sie blieb ruhig, während sie die Gedanken aus ihrem Kopf verbannte. Schließlich sprang sie in ihrer Präsentation an die Stelle zurück, an der sie mit ihrem regulären Vortrag stehengeblieben war, und fuhr fort. Um sich abzulenken, sprach sie einfach weiter und als sie an der Stelle im Vortrag angekommen war, die sich Jonathan Harold widmete, übersprang sie die Seiten, denn eigentlich war alles gesagt.


Alles, was in diesen Hörsaal gehörte. Sie hatte nicht vor, auch nur ein einziges weiteres Wort über die schlimmsten achtzehn Stunden ihres Lebens zu verlieren.


Die Studenten waren während der gesamten Vorlesung sehr still und hörten aufmerksam zu. Nicht nur aus Respekt ihrer Dozentin gegenüber, der man nicht angesehen hätte, was in ihr steckte. In Jeans und Turnschuhen stand sie vor ihren Studenten und unterschied sich rein äußerlich kaum von ihnen. Tatsächlich waren die Studenten einfach von ihren Ausführungen gefesselt.


Am Ende der Vorlesung trommelten sie auf die Tische, so daß Andrea verlegen lächelte. Als sie beobachtete, wie die Studenten mit ihren Rucksäcken über den Schultern ausschwärmten und den Hörsaal verließen, dachte sie beinahe ein wenig sehnsüchtig an ihre eigene Studienzeit zurück. Besonders an den Anfang - damals, als noch alles normal und in Ordnung gewesen war.


Sie hatte noch nicht ganz zusammengepackt, als Dr. Marlowe in der Tür erschien. Seine Geheimratsecken waren tiefer geworden, seit sie damals selbst als Studentin in seinen Vorlesungen gesessen hatte.


„Scheint ein richtiger Krimi gewesen zu sein“, sagte er. Sie hob den Blick und er fügte hinzu: „Mir kamen Trauben aufgeregter Studenten entgegen, die völlig gefesselt von Ihrem Vortrag waren.“


„Das hoffe ich doch!“ Andrea packte ihren Laptop ein.


„Sie haben es also wirklich getan.“


„Was?“


„Sie haben von Jonathan Harold gesprochen“, präzisierte er.


Achselzuckend griff Andrea nach ihrer Tasche und schulterte sie. „Sie glauben gar nicht, wie leicht man erkannt wird.“


„Trotzdem finde ich das mutig.“


„Es war auch nicht ganz einfach.“


Dr. Marlowe lächelte ihr zu. „Ich bin froh, daß wir Sie als Dozentin gewinnen konnten. Mit dieser Profiling-Vorlesung gewinnt unser Lehrstuhl noch an Profil.“


„Und ich freue mich, daß ich dabei sein darf“, erwiderte Andrea ebenfalls mit einem Lächeln. Gemeinsam schlenderten die beiden zum Treppenhaus und verabschiedeten sich dort voneinander. Gern hätte Andrea sich mit ihm unterhalten, doch sie mußte los.


Andrea verließ das Gebäude Richtung Parkplatz. Es war ein goldener Herbsttag, wenn auch nicht sonderlich warm. Gruppen von Studenten schwärmten über die Wege oder standen plaudernd am Rand. Das zu sehen, fühlte sich sehr vertraut für Andrea an, regelrecht heimisch. Der moderne, angenehm grüne Campus hatte sich kaum verändert.


Gedankenversunken kramte sie nach ihrem Autoschlüssel. Im Schein der tiefstehenden Sonne stieg sie in ihr Auto, legte die Tasche auf den Beifahrersitz und fuhr los. Sie war müde, es war bereits früher Abend.


Inzwischen störte Andrea sich nicht mehr am Linksverkehr. Es fühlte sich an, als hätte sie schon immer in England gelebt; alles wirkte so vertraut. Die Häuser mit den roten Fassaden, englische Plakatwände, die üppig bunt dekorierten Vorgärten. Und nicht zu vergessen: der unvermeidliche Tee.


Im Radio wurde ein Lied von Mumford and Sons gespielt, während Andrea der Straße durchs Wohngebiet zum Haus ihrer Schwiegermutter Anna folgte. Leise summte sie die Gitarrenmelodie mit und freute sich auf das nahe Wochenende.


Minuten später erreichte sie ihr Ziel und stellte den Wagen vor Annas Haus ab. Nach dem Aussteigen streckte sie sich und griff nach ihrer Tasche. Sie hatte die Auffahrt noch nicht betreten, als die Haustür aufschwang und ein kleines Mädchen mit wehendem Lockenschopf freudestrahlend auf sie zustürmte. „Mami!“


Andrea ging in die Knie und fing ihre Tochter in den Armen auf. In diesem Moment wurde sie schlagartig ruhig und war ganz bei sich selbst. Wenn sie ihre kleine Julie an sich spürte, war alles andere vergessen. Das war seit ihrer Geburt vor zweieinhalb Jahren so. Jede böse Erinnerung, Streß und Ärger - alles war einfach weg. Das hätte sie sich vorher auch nicht träumen lassen.


Fröhliches Gebrabbel brach über ihr herein, während sie Julie auf die Stirn küßte und den kleinen warmen Körper fest an sich drückte. Zufrieden suchte Andrea den Blick ihrer Tochter und strich ihr über die dunkelbraunen Locken. Die hatte sie von ihrem Vater, ihre Stupsnase hingegen von Andrea.


Das war ein perfekter Moment. Er währte zwar nur kurz, aber er machte Andrea mühelos glücklich.


Im Hintergrund erschien Anna. Trotz ihrer geringen Körpergröße umarmte sie Andrea über Julies Kopf hinweg. Andreas Schwiegermutter war eine zierliche Frau, der man ihr Alter nicht ansah. Nur die weißen Haare verrieten es.


„Du bist früh dran“, sagte Anna überrascht. Wie immer sprach sie ihre Schwiegertochter auf Deutsch an, denn immerhin war es ihre gemeinsame Muttersprache.


„Findest du?“ erwiderte Andrea.


„Wenn Julie bei mir ist, bist du immer zu früh!“


Andrea grinste belustigt. „Das ist das Privileg der Großmutter. Es macht in der Hauptsache Spaß!“


„Ja!“ stimmte Anna zu und schloß die Tür, als alle im Haus waren. „Endlich habe ich das kleine Mädchen, das mir selbst verwehrt geblieben ist!“


Grinsend dachte Andrea daran, wie ein kleiner Greg und ein noch kleinerer Jack ihr vor dreißig Jahren das Leben zur Hölle gemacht hatten. Denn das hatten sie bestimmt. Dabei war aus beiden etwas geworden - ein liebenswerter Chaot aus dem einen, ein wunderbarer Vater aus dem anderen. Andrea war froh, den beiden damals auf dieser Party begegnet zu sein, auch wenn sie nicht damit gerechnet hatte, an diesem Abend ihre große Liebe zu treffen.


„Wann macht Greg Feierabend?“ fragte Anna.


„Schwer zu sagen. Er ist heute vor Ort beim Kunden.“


„Dann hat er bestimmt auch Hunger auf Lasagne.“


Gespielt streng zog Andrea eine Augenbraue in die Höhe. „Du hast also doch gekocht!“


Über die Schulter hinweg warf Anna ihrer Schwiegertochter ihren schönsten Unschuldsblick zu. „Mir war langweilig.“


„Aber natürlich!“ Andrea lächelte kopfschüttelnd.


„Gib ihm doch Bescheid, daß er herkommen soll.“


Widerrede war zwecklos. Grinsend griff Andrea zu ihrem Handy und schrieb Gregory eine Nachricht, während Julie aufgeregt um ihre Mutter herumsprang. Sie war das hübscheste kleine Mädchen der Welt. Selbstverständlich war sie das - sie war immerhin Andreas Tochter. Die stolze Mutter hatte massive Probleme, ihr etwas abzuschlagen, wenn Julie sie berechnend mit ihren Kulleraugen ansah.


Andrea steckte ihr Handy weg und setzte sich in den Sessel, der mitten in Annas gemütlichem Wohnzimmer stand. Im Kamin glomm noch ein wenig Asche, ab und zu knackte es. Auf dem Kaminsims hatte Anna einen regelrechten Foto-Altar errichtet, doch davon abgesehen war es bei ihr nicht so kitschig wie in vielen anderen englischen Wohnzimmern.


Julie kletterte auf Andreas Schoß und schlang die Ärmchen um sie. Seufzend vergrub Andrea ihre Nase in Julies duftenden Haaren und spürte, wie ihr warm ums Herz wurde. Anna setzte sich den beiden gegenüber und beobachtete ihre Enkelin voller Liebe.


„Wie war es in der Uni?“ erkundigte sie sich.


„Ganz schön aufregend“, sagte Andrea. „Es hätte mir gereicht, meine erste Vorlesung zu halten. Aber ich mußte ihn ja unbedingt thematisieren!“


Anna seufzte ergeben. „Mute dir nicht zuviel zu.“


„Nein, es geht schon“, erwiderte Andrea und lachte über Annas zweifelnden Gesichtsausdruck. „Ehrlich!“


Dabei hatte sie anfänglich selbst ihre Zweifel gehabt. Es war schon nicht ganz einfach für sie gewesen, nach Norwich zurückzukehren. In der Hauptsache hatte sie es Gregory zuliebe getan, der zuvor auch mit ihr nach London gegangen war, damit sie dort als Profilerin arbeiten konnte. Ein Beruf, der mehr Berufung war.


Er hatte schon so viel für sie getan. Mehr, als sie jemals erwartet hätte - als sie hätte erwarten dürfen. Aber er hatte es trotzdem getan. Deshalb war es längst überfällig gewesen, ihm etwas zurückzugeben.


Sie beschloß, das Thema zu wechseln. „Hast du etwas von Jack gehört?“


Anna schüttelte den Kopf. „Nein, mein Herr Sohn macht sich gerade ziemlich rar. Warum fragst du?“


„Nur so. Bei uns macht er sich auch rar.“


„Ach so? Wie interessant.“


„Warum?“


„Ich glaube, da hängt der Haussegen schief.“


„Oh nein.“ Andrea stöhnte. Für Gregorys jüngeren Bruder war es bereits eine Leistung, daß er mit seiner Freundin nun schon genau so lang zusammen war wie Gregory mit Andrea. Die bildschöne Krankenschwester Rachel hatte es irgendwie geschafft, den unverbesserlichen Schürzenjäger zu zähmen. Doch seit Julie auf der Welt war, beneidete Rachel Andrea um dieses Glück und wünschte sich sehnlich ein eigenes Kind. Jack war jedoch der Meinung, daß man mit zweiunddreißig viel zu jung zum Heiraten und zum Gründen einer Familie war. Da bevorzugte er die Pest!


„Haben sie dir nichts erzählt?“ riß Anna ihre Schwiegertochter aus ihren Gedanken. Als Psychologin war Andrea der offizelle Familienkummerkasten, ob sie wollte oder nicht.


„Nein. Obwohl ich auf Jacks Geburtstag den Eindruck hatte, daß etwas nicht stimmt.“


„Oh ja, ich auch. Sonst rede doch mal mit ihnen!“


„Anna“, stöhnte Andrea. „Ich werde hier niemanden therapieren.“


„Aber ihr seid doch befreundet! Wenn da etwas nicht stimmt, kannst du es einrenken!“


„Die beiden sind erwachsen.“ Zwar wußte Andrea, Anna meinte es nur gut, aber sie würde sich da nicht einmischen. Nicht ungefragt.


„Vielleicht hast du Recht.“ Anna stieß einen Seufzer aus. „Arme Rachel.“


Damit war es für Andrea nicht getan. Sie wußte, daß Rachel litt. Das war ein grundsätzliches Problem. Entweder die beiden konnten sich einigen oder es würde eine große Krise geben - was Andrea nicht hoffte.


Sie kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, weil es klingelte. Anna ging zur Tür. Mit gespitzten Ohren lauschte Andrea und lächelte, als sie Gregorys Stimme erkannte. Der dunkle, sanfte Klang war ihr nicht nur vertraut, er sorgte bei ihr auch für ein Gefühl der Geborgenheit. Vor allem mochte sie seinen ganz leichten englischen Akzent, wenn er deutsch sprach.


 Julie rannte in den Flur, als sie ihren Vater hörte. Sie liebte es, ihn zu begrüßen, wenn er nach Hause kam.


„My sweetheart!“ sagte Gregory. Augenblicke später betraten alle drei das Wohnzimmer. Greg hielt Julie auf dem Arm, was ihn nicht davon abhielt, Andrea an sich zu drücken. Mit einer Hand fuhr sie durch seine lockigen dunklen Haare und gab ihm einen Kuß. Dazu mußte sie sich größer machen, als sie war. Gregory überragte sie um mehr als einen Kopf und hatte einen muskulösen Körperbau, so daß Andrea sich immer winzig neben ihm vorkam.


„Ich war fast zu Hause, als ich deine Nachricht erhalten habe. Hier gibt‘s Lasagne?“ fragte er.


„Oh ja“, sagte Anna. „Ich schiebe sie gleich in den Ofen!“


„Ich bitte darum.“ Zufrieden ließ er sich noch mit Julie auf dem Arm aufs Sofa fallen. Daß sie sich mit den Schuhen gegen seinen Anzug stemmte, war ihm egal. Er griff nach ihren Zöpfchen und stupste ihre Nase mit seiner an. „I missed my little princess.“


Sie schenkte ihm ein fröhliches Lächeln. Gedankenversunken beobachtete Andrea, wie Gregory mit Julie spielte. Immer wieder staunte sie darüber, wie er jeden Tag sofort und uneingeschränkt in die Vaterrolle schlüpfte, sobald er von der Arbeit kam. Von diesem Zeitpunkt an gab es für ihn nur Julie und Andrea. Die Kleine zu haben, bedeutete ihm alles. Sie war sein absolutes Wunschkind.


Auch für Andrea war ihre Familie das Wichtigste. Bei Gregory hatte sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Familie nicht mehr einsam gefühlt. Der sechs Jahre ältere Engländer hatte von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, daß Andrea ihm viel bedeutete. Er hatte seinen Charme spielen lassen und sie auf Händen getragen, sie immer unterstützt und an sie geglaubt. Die beiden teilten eine besondere Verbundenheit.


„Wie war die Vorlesung?“


Andrea schrak aus ihren Gedanken hoch, als Gregory sie ansprach, und lächelte.


„Die Studenten waren toll. Sehr aufmerksam, sehr interessiert. Ein besseres Publikum kann man sich nicht wünschen!“


„Das meine ich nicht“, sagte Gregory. „Hast du über ihn gesprochen?“


„Ja. Sie haben mich auch erkannt. Aber es war nicht so schlimm, wie ich dachte.“


Gregory nickte stumm und blickte ins Nichts. Andrea schwieg ebenfalls, denn sie wußte, daß er sich Sorgen machte. Schließlich war er mit ihr durch die Hölle gegangen, als Jonathan Harold sie gejagt und sie deshalb wochenlang unter Polizeischutz gestanden hatte. Wie ein Löwe hatte er sie verteidigt, als Jonathan Harold in ihre gemeinsame Wohnung eingebrochen war, um sie zu entführen, und dafür beinahe selbst mit dem Leben bezahlt. Aber noch aus dem Krankenhaus heraus hatte er mit Gehirnerschütterung und gebrochener Nase die Polizisten solange mobilisiert, bis sie Jonathan Harold gefunden hatten. Er war an vorderster Front dabei gewesen, als sie das Versteck und den Folterkeller des Campus Rapist gestürmt hatten - und er hatte sie Jonathan Harold entrissen und ihn getötet, bevor er Andrea etwas hatte antun können.


Fünf Monate später hatten sie geheiratet. Es war Gregorys Idee gewesen. Nach jedem Alptraum hatte er sie gehalten und beruhigt, war immer für sie da. Für sie und ihre kleine Tochter.


Ihr Blick wanderte zu den Fotos auf den Kaminsims. Neben den Hochzeitsfotos seiner Eltern und denen, die sie, Greg und Jack zeigten, stand nun auch schon das Hochzeitsbild von Gregory und Andrea. Ihr wurde warm ums Herz, als sie sah, wie glücklich Gregory darauf wirkte. Er strahlte regelrecht, mehr als sie. Und er sah so gut aus mit seinen markanten Gesichtszügen und den sanften braunen Augen. Auf dem Foto hatte er den Arm um sie gelegt, als wolle er sie gar nicht mehr loslassen.


Andrea wußte, daß das nicht nur so aussah.


Schon bald ließ der köstliche Duft der Lasagne ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Glücklicherweise war sie wenig später fertig und Anna rief zum Essen.


Es war köstlich. So köstlich, daß Julie nach dem Essen so aussah, als hätte sie dringend ein Bad nehmen müssen, aber in Annas Lasagne konnte man prima herummatschen. Andrea beschloß, sich das zu merken. Lasagne gehörte auf die schwarze Liste.


„Alles gut bei der Arbeit?“ erkundigte Anna sich bei ihrem Sohn.


„Alles bestens“, erwiderte Gregory. „Auch wenn die Aufträge hier anders sind als in London. Mehr öffentliche Gebäude und weniger Penthousewohnungen!“


Seit vier Jahren arbeitete Gregory als Innenarchitekt. Er war ähnlich kreativ wie sein Bruder, der sich als Mediendesigner verdingte.


„Das bleibt ja auch nicht aus“, kommentierte Anna. „Aber solange es Spaß macht!“


„Oh, das macht es.“


„Und bei dir, Kind?“ fragte Anna mit Blick zu Andrea. „Wie geht es dem Sergeant?“


„Bestens“, erwiderte Andrea. „Er ist ein prima Kollege, so wie die anderen auch. Es ist nicht ganz wie die Arbeit in London, aber es gefällt mir.“


Seit Jahresbeginn arbeitete Andrea sehr zu ihrer Freude mit Detective Sergeant Christopher McKenzie zusammen - dem Polizisten, mit dem sie sich während der Suche nach dem Campus Rapist angefreundet hatte. Wochenlang hatte er sie gemeinsam mit seinem Kollegen beschützt - und doch hatte er ihre Entführung nicht verhindern können. Jonathan Harold hatte ihn mit dem Messer lebensgefährlich verletzt und seinen Partner John sogar getötet, bevor er bei Andrea und Gregory eingebrochen war.


„Ich bewundere das“, sagte Anna. „Als Greg so alt war wie Julie jetzt, gab es ja auch schon Jack. Ich hätte mir nie vorstellen können, mit zwei Kindern zu arbeiten, so wie du es tust! Und du machst gleich auch noch zwei Jobs.“


„Das ergänzt sich gut“, fand Andrea. „Und mit deiner Hilfe ist das alles kein Problem!“


„Oh, ich mache das gern, das wißt ihr doch. Julie ist ein Engel!“


Gregory warf einen Blick auf die Soßenspritzer, die sich rund um Julies Teller ausgebreitet hatten. Engel war nicht ganz die Bezeichnung, die er gewählt hätte.


Als sie wenig später aufbrachen, trug Greg die Kleine auf den Schultern aus dem Haus. Anna verabschiedete ihre Enkelin mit einem Kuß.


„Danke für alles.“ Andrea umarmte ihre Schwiegermutter. „Das Essen war toll.“


„Siehst du! Und du wolltest nicht, daß ich koche!“


Gregory verkniff es sich, etwas zur Eigenwilligkeit seiner Mutter zu sagen und verschwand in seinem Auto. Julie winkte ihrer Großmutter, bis diese schon längst nicht mehr zu sehen war.


Wenige Straßen weiter waren die drei schon am Ziel. Ihr neues Haus war ein vollkommen unauffälliges, backsteinverkleidetes Reihenhaus mit Erker und kleinem Vorgarten. Very british, wie Andrea immer wieder dachte. Ihr gefiel es.


Greg hielt Frau und Tochter die Haustür auf, als sie die Auffahrt hinaufkamen. Ganz der Gentleman. Gleich darauf hielt er Julie davon ab, mit ihren Schuhen ins Wohnzimmer zu rennen. Neben dem Computer stellte Andrea ihre Tasche mit dem Laptop ab und seufzte. Sie liebte diese Normalität. Die hatte ihr viel zu lang gefehlt.


Voller Elan stürmte Julie die Treppe hinauf und verschwand in ihrem Zimmer. Andrea ertappte ihren Mann dabei, wie er Julie verträumt hinterherschaute. Sie trat neben ihn und legte einen Arm um ihn, woraufhin er sie ansah.


„Ich bin so froh, daß wir sie haben“, sagte er.


„Ich auch“, stimmte Andrea ihm zu. Dabei war es Greg gewesen, der sich am meisten eine Familie gewünscht hatte. Er war immer ein Familienmensch gewesen und freute sich, nun schon Vater zu sein.


Als Andrea sich von ihm löste und in die Küche ging, blickte er ihr nachdenklich hinterher. Ein Leben ohne sie konnte er sich nicht vorstellen, auch wenn ihre Beziehung schon viel mitgemacht hatte. Ihre Liebe war ein Geschenk, dessen war er sich jeden Tag aufs Neue bewußt. Eigentlich verdiente er sie gar nicht, seit er nicht verhindert hatte, daß Jonathan Harold sie in seinen Folterkeller sperrte.


 


 


Norwich, Wohngebiet


 


Irgendwann wird sie kommen. Dann wirst du wissen, ob du hier richtig bist. Warte ab. Sie wird kommen, wenn sie hier wirklich wohnt. Hab einfach ein wenig Geduld. Wenigstens fällst du hier an der Bushaltestelle niemandem auf. Mit der Zeitung in der Hand siehst du aus, als würdest du lesen. Dabei beobachtest du jeden Wagen, der vorbeikommt und in die Straße einbiegt. Irgendwann wird sie kommen.


Zur Tarnung blätterst du um. Den Skater im Kapuzenpulli interessierst du sowieso nicht. Auch die alte Frau hat nicht wirklich auf dich geachtet. Die Gleichgültigkeit der Menschen verschafft dir Deckung.


Ein Wagen bremst und biegt ab. Nein, das ist sie nicht. Du bist enttäuscht. Bist du sicher, daß du hier richtig bist?


Sie hast du nicht gefunden, also hast du über ihn gesucht. Du hast herausgefunden, wo Gregory Thornton lebt. Du hast aufs Türschild geschaut und da stand auch ihr Name. Warum sollte es nicht stimmen?


Es ist ein stilles Wohngebiet. Alles macht Sinn.


Aber wo bleibt sie?


Du weißt, Jon hat sie damals auch beschattet. Er ist ihnen gefolgt. Aber er hatte ein Auto und das fehlt dir. Egal - es muß auch ohne gehen.


Da kommt noch ein Wagen und verringert seine Geschwindigkeit. Du hebst den Kopf und bist elektrisiert, als du sie erkennst. Wie hypnotisiert starrst du dem kleinen Auto hinterher, faltest die Zeitung zusammen und stehst auf. Der Skater ignoriert dich, als du über die Straße gehst und dem Wagen langsam folgst. Du willst sie nur von weitem beobachten.


Noch ist es nicht soweit. Du hast Pläne.


Sie hält vor dem Haus. Du siehst, wie sie aussteigt - durchschnittlich groß, durchschnittlich schlank. Seit damals hat sie sich kaum verändert. Sie ist gut gekleidet, hat sich die rotbraunen Haare schlicht zurückgebunden, wirkt unauffällig. Du würdest es nicht merken, wüßtest du nicht, wer sie ist. Daß Jon seine Spielchen mit ihr gespielt hat.


Sie öffnet die linke hintere Tür und beugt sich hinein in den Wagen. Was tut sie da? Du verlangsamst deine Schritte, während du sie beobachtest. Erkennen kannst du nichts.


Dafür, daß sie etwas herausnimmt, dauert das aber verdammt lang. Was macht sie bloß? Sie kommt wieder zum Vorschein, hält die Hand in den Wagen.


Du traust deinen Augen nicht.


Ein kleines Mädchen.


Sie hat ein Kind! Du kennst dich zwar damit nicht aus, aber du würdest die Kleine auf weniger als drei Jahre schätzen.


Sie hatte nichts besseres zu tun, als ein Jahr später ein Kind zu zeugen? Mit einem Mörder?


Du siehst der Kleinen ihren Vater an. Sie hat seine dunklen Haare.


Du kannst es nicht fassen. Deine Füße werden lahm, aber du zwingst dich, weiterzugehen. Nicht auffallen.


Sie haben geheiratet und ein Kind bekommen. Sie haben deine Welt zerstört und machen weiter, als sei nichts geschehen!


Jetzt wirst du ihre Welt zerstören. Und es wird mit ihrem Tod enden.


 


Der Haß in dir kocht immer stärker hoch, als du sie mit dem kleinen Engel siehst. Warum sollte diese Kleine es besser haben als du? 


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