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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Ich erzähl dir alles, Bärbel Schwarz
Bärbel Schwarz

Ich erzähl dir alles



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„Doch“, sagte er, „ich erzähle dir, warum ich so schnell von diesen Jungen weg wollte. Sehr wahrscheinlich sind die Jungen, genau wie ich, obdachlos. Im Gegensatz zu mir nehmen sie aber Drogen. Ständig fragen sie nach Geld. Einer der Jungen hat dich heute gefragt, ob er es bei dir verdienen könnte.“


„Verdienen?“, fragte ich. „Womit denn?“


Nikolai druckste herum. „Nun ja, wie soll ich es dir erklären? Weißt du, der eine hat etwas Schlechtes über dich gesagt.“


„Wieso Schlechtes? Die kannten uns doch gar nicht.“


„Hm, ja, es ist mir peinlich, es zu wiederholen. Ich erzähl es dennoch. Einer der Jungen sagte, wenn du mich als Bettgenosse hast, könntest du ihn auch nehmen. Er wäre mit Sicherheit besser als ich. Weißt du, sie versuchen mit allen Mitteln an Geld zu kommen, auch mit Prostitution.“


„Ach so“, sagte ich, „die dachten, du machst das genauso?“


„Ja“, sagte Niki, „deshalb wollte ich so schnell wie möglich weg von denen. Es tut mir leid, dass das passiert ist. Ich weiß, dass du so etwas nie tun würdest. Sonst wäre ich erst gar nicht mit zu dir gekommen. Eigentlich können die Jungen gar nichts dazu. Meistens sind es Kinder, die kein Zuhause haben, weil sie Waisenkinder sind, oder die Eltern sind Alkoholiker. Vielleicht nehmen sie auch irgendwelche Drogen. Und wenn es zu Hause nur Krach und Schläge gibt und wenig zu essen da ist, laufen die Kinder lieber von zu Hause fort, bevor sie von den Behörden in ein Heim gesteckt werden. Das kann noch viel schlimmer sein.“


„Weshalb denn das?“, fragte ich. „Dort hätten sie wenigstens ein geregeltes Leben!“


„Nein, so ist es leider nicht immer“, erwiderte Nikolai. „In verschiedenen Heimen ist es schlimmer als bei den trinkenden Eltern. Oft werden die Kinder geschlagen und gedemütigt. Sie werden schikaniert und in kalte stinkende Zellen gesperrt, um sie gefügig zu machen. Die Öffentlichkeit weiß nichts davon oder will es nicht wissen. Aber wir, die wir auf den Straßen leben, hören so Manches voneinander. Es sind vergessene Kinder, ohne Zukunft. Sie können nichts mit sich anfangen. Betteln um etwas Geld, mit dem sie Gas oder Klebstoff kaufen.“


„Wofür Gas?“


„Um daran zu schnüffeln, sich zu betäuben. Damit ertragen sie ihr Elend besser, glauben sie. Besser als stehlen und betteln und…“, er stockte in seinen Erzählungen, holte tief Luft und sprach weiter. „Manche werden vergewaltigt. Später gehen sie dann freiwillig auf die Straße, um mit Prostitution ihr Geld zu machen. Egal ob mit einem Mann oder mit einer Frau. Wichtig ist für sie, Geld zu verdienen, für Drogen, Alkohol und Essen. Es ist ein Kreislauf, aus dem sie nicht mehr rauskommen. Wehe, sie werden wieder von der Miliz eingefangen. Dann wird es besonders schlimm. Dann folgen Prügel, Dunkelhaft und kaum etwas zu essen.“


Nun schwieg Nikolai. Mir aber dämmerte etwas Schreckliches. Ohne Umschweife fragte ich: „Niki, warst du auch ein Heimkind? Hast du deshalb solche Angst?“


„Ja“, erwiderte er leise, „unter anderem.“


Nun verstand ich einiges, aber längst nicht alles. Ich beruhigte mich aber damit, dass ich es sicher noch erfahren würde, wenn Nikolai dazu bereit war.


„Niki, es tut mir leid, dass du in deinem Leben schon so viel mitmachen musstest. Ich hoffe, dass du all das Schlechte, was dir zugestoßen ist, irgendwann vergessen kannst.“


Nikolai antwortete nicht, er machte nur wieder sein typisches „Hm“.


Vier Wochen lebte Nikolai nun schon bei mir. In dieser Zeit zeigte er mir so viel von seinem Land. Selbst einige Worte Russisch verstand ich inzwischen, zum Beispiel “Guten Tag“, “Auf Wiedersehen“, “Vielen Dank“ und vieles mehr. Es bereitete Nikolai einen Riesenspaß, wenn ich mir meine Zunge verbog, um die Aussprache hinzubekommen. An einigen Abenden übersetzte er mir die Filme, die wir uns gemeinsam ansahen. Wir lachten viel. Ich hatte das Gefühl, dass sich Niki langsam erholte und dass er mehr und mehr zur Ruhe kam. Von Tag zu Tag erzählte er mehr über seine Vergangenheit. So auch bei einem unserer Spaziergänge.


„Weißt du, Lea, nachdem mein Vater starb, war meine Mutter noch lange krank. Sie hatte ihren ganzen Lebensmut verloren. Erst als ich geboren wurde, ging es ihr besser. Sie hatte eine Verpflichtung und viel Freude an mir, weil ich meinem Vater sehr ähnlich sehe. Dies alles erzählte mir meine Mutter später, als ich es verstehen konnte. In den ersten drei Jahren nach meiner Geburt gab sie zu Hause Klavierunterricht, auch Nachhilfe in Mathe und Geschichte. Damit verdiente sie sich etwas Geld für unseren Lebensunterhalt. Die Witwenrente allein reichte nicht. Glücklicherweise hatten wir ein eigenes kleines Häuschen mit Garten, in dem sie Obst und Gemüse anbaute. Selbst wunderschöne Blumenbeete gab es dort. Später kam ich in den Kindergarten. So konnte meine Mutter wieder voll ihren früheren Beruf ausüben. Sie hat nie wieder geheiratet. Uns ging es gut. Dachte ich. Meine Mutter klagte nie. Ich merkte gar nicht, dass sie krank war. Eines Tages, ich kam gerade von der Schule, stand ein Auto vor unserer Haustür. Ich stürmte in die Wohnung. Meine Mutter lag im Bett. Ein Arzt war bei ihr. Ich hörte, dass er ihr riet, besser ins Krankenhaus zu gehen. Ängstlich fragte ich, was ihr fehlte. Der Doktor sagte nur, dass meine Mutter es mir erklären würde und ging hinaus. Meine Mutter lachte aber nur und sprach von einem kleinen Schwächeanfall. Es sei weiter nichts. Aber von da an veränderte sie sich. Immer öfter wurde sie krank. Sie ahnte wohl, dass sie nicht mehr lange leben würde. Von nun an unterrichtete sie mich zusätzlich nachmittags zu Hause. Das wurde mir manchmal zu viel. Vormittags der Unterricht in der Schule und am Nachmittag zu Hause noch ein paar Stunden. Gerne hätte ich mich mit Freunden zum Fußball verabredet. Aber ich war gehorsam und gelehrig dazu. Mir schien es, als wollte meine Mutter mich auf Vorrat mit Wissen vollstopfen. Als ich sie danach fragte, sagte sie nur: »Das tue ich nur für dich, mein Sohn. Später sollst du einmal die Universität besuchen. Für deine Zukunft ist gesorgt. Ich habe jeden Monat Geld für dich zurückgelegt. Du wirst keine finanzielle Not haben.«


Die Worte meiner Mutter beunruhigten mich sehr. Warum erzählte sie mir all diese Dinge? Außerdem hatte sie in den letzten Monaten einen regen Kontakt zu einer Frau, die ein Kinderheim leitete. Oft fragte ich mich, weshalb meine Mutter einen so engen Kontakt zu dieser Frau hatte. Mir war sie völlig unsympathisch.


Fast freundschaftlich steckten die beiden aber ihre Köpfe zusammen. Hielt ich mich in der Nähe auf, so redeten sie sehr leise oder verstummten mitten im Satz, wenn ich zu ihnen ging. Ich verstand es nicht. Immer wieder sagte meine Mutter, dass Svetlana eine gute Freundin sei. Es könnte sein, dass ich sie einmal bräuchte. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Mir kam sie immer hinterhältig vor. Ihre Freundlichkeit mir gegenüber war gespielt. Das konnte ich ganz deutlich spüren. Ich fragte mich, warum meine Mutter nichts davon merkte. So verging eine ganze Zeit und irgendwann überschlugen sich dann die Ereignisse. Ich war gerade zwölf Jahre alt geworden, als meine Mutter plötzlich starb. Woran, hatte mir niemand erklärt. Von da an war es vorbei mit meinem umsorgten Leben. Auch die Liebenswürdigkeit dieser Svetlana war wie weggewischt. Brutal eröffnete sie mir, dass sie von nun an mein Vormund sei. Und da ich nicht allein zurecht käme, müsste ich ins Kinderheim umsiedeln. Da hätte sie mich besser im Auge. Das klang eher nach einer Drohung, als dass sie mich so behandelte, wie meine Mutter es wohl gewollt hätte. Ich war verzweifelt. Hatte ich gerade erst meine geliebte Mutter verloren, musste ich nun auch noch meine vertraute Umgebung aufgeben und mit dieser Schlange gehen. Sie hatte es sehr eilig, mich aus dem Haus zu schaffen. Ehe ich mich versah, wurden ein paar Sachen in eine Tasche geworfen. Dann zerrte sie mich unter Protest und Geschrei meinerseits ins Auto und ich landete im Kinderheim. Das ganze Wehklagen half nichts. Im Gegenteil, damit brachte ich sie noch mehr gegen mich auf. Somit fing ich mir die erste Ohrfeige ein. Auch die Schule musste ich wechseln. Mir kam es vor, als wollte sie mich von allem wegbringen, was mit meinem bisherigen Leben zu tun hatte. Und mit meiner Vermutung lag ich richtig. Einmal, als meine Mutter noch lebte, betrat ich ihr Schlafzimmer. Svetlana saß am Bett meiner Mutter. Sie führten ein ernstes Gespräch und blätterten in einem roten Aktenordner. Bei meinem Erscheinen ließ ihn Svetlana schnell in ihre Tasche verschwinden. Es war mir damals schon recht sonderbar vorgekommen. Erst später im Heim wusste ich, dass dieser Aktenordner für mich von großer Bedeutung war. Von nun an setzte ich alles daran, diesen Ordner in meine Finger zu bekommen. Ich war mir sicher, dass das, was mit mir geschah, von meiner Mutter völlig anders festgelegt worden war. Svetlana versuchte mit aller Macht, zu verhindern, dass ich Einblick in die Akte bekam. Sämtliche Papiere, die mich betrafen, verbarg sie in ihrem Schreibtisch in der untersten Schublade, die stets verschlossen war. Das wusste ich, weil ich einmal heimlich ins Büro schlich, um die Akte zu lesen. Leider erwischte Svetlana mich dabei. An den Ohren zog sie mich hoch; begleitet von schlimmen Beschimpfungen. »Du Rotzbengel, was hast du hier verloren? Willst du mich bestehlen?«


Ich erwiderte nur, dass ich das Recht hätte, in die Akte zu sehen.


Hysterisch schrie sie mich an. »Was, du und Recht? Hier hast du keine Rechte. Ab in die Küche, hilf den anderen! Das ist dein Recht. Sogar deine Pflicht, du Faulenzer.«


Das Rechtsempfinden war dort ein völlig anderes, als das, was meine Mutter mir beigebracht hatte. Jetzt erst recht!, dachte ich. Es war sonnenklar, dass sie etwas zu verbergen hatte. Nächtelang überlegte ich, wie ich unbemerkt ins Büro kommen könnte, um an die Papiere zu gelangen. Eines Abends sah ich vom Fenster aus, dass Svetlana in ihrem Auto wegfuhr. Meine Stunde war gekommen. Ich ging in die Küche, nahm ein Messer aus der Schublade und schlich leise zum Büro. Dann brach ich mit dem Messer die Tür auf. Durch den Krach aufmerksam geworden, kam ein Betreuer aus seinem Zimmer. Fast hätte er mich erwischt. Schnell flüchtete ich hinter einen Vorhang am Fenster. Mein Herz klopfte so laut, dass ich fürchtete, er könnte es hören. Ich hatte Glück, er sah sich nur um, brummelte etwas in seinen Bart und verschwand kopfschüttelnd in seinem Zimmer. Ich wartete einige Minuten, bis alles wieder ruhig war, dann schlich ich leise zum Schreibtisch und hebelte mit dem Messer die Schublade auf. Schnell fand ich den roten Aktenordner, welcher versteckt unter anderen Akten in der hintersten Ecke der Schublade lag. Ich zog ihn heraus und schob ihn unter meine Jacke. Leise verließ ich das Büro und flüchtete auf den Dachboden des Heimes. Der schien mir in diesem Moment der einzige Ort zu sein, an dem ich ungestört sämtliche Dokumente durchlesen konnte. Ich zitterte vor Aufregung. Gleich auf der ersten Seite las ich, dass meine Mutter die Vormundschaft über mich auf Svetlana übertragen hatte. Allerdings mit der Option, dass all die Dinge, die vorher lange besprochen und testamentarisch festgelegt worden waren, auch voll und ganz erfüllt wurden. Schließlich bekam Svetlana für ihre Bemühungen einen regelmäßigen Betrag. Weiter las ich, dass Svetlana, das von meiner Mutter angesparte Geld bis zu meiner Volljährigkeit verwalten sollte. Ferner sollten davon sämtliche Verbindlichkeiten beglichen werden. So zum Beispiel die Kosten für das Internat, auf das ich ursprünglich kommen sollte. Diese Schlange!, dachte ich, sie steckt mich hier ins Heim und spart sich die Kosten. Des Weiteren, so las ich, sollte Svetlana aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in der Lage sein, die Vormundschaft über mich aufrecht zu erhalten, möge sie meine Tante ausfindig machen und mich ihr anvertrauen. Unser Haus sollte bis zu meiner Volljährigkeit vermietet werden. Später dann könnte ich mich entscheiden, ob ich es behalten oder verkaufen wollte. Es folgten noch ein paar persönliche Worte an Svetlana. Wie froh meine Mutter doch sei, eine so gute Freundin gefunden zu haben, die sich völlig selbstlos ihres Jungen annahm und immer ein waches Auge über ihn halten werde. Und wenn der Tag gekommen sei, an dem sie nicht mehr auf dieser Welt lebe, möge Svetlana mir einen Abschiedsbrief übergeben. Als ich das las, blätterte ich sogleich in der Akte und hoffte, den Brief zu finden. Ich fand einen Briefumschlag, der schon einmal aufgerissen worden war. Mit zitternden Händen zog ich zwei Schriftstücke heraus. Das erste war eine Urkunde, die legte ich zur Seite. Das zweite Blatt faltete ich auseinander und tatsächlich, es war der Brief meiner Mutter an mich.“


Er machte eine Pause, atmete tief durch, holte einen Zettel aus seiner Tasche, der abgegriffen aussah. Ich begriff, dass er den Brief bei sich trug – Tag für Tag. Er begann, ihn mir vorzulesen:


Mein lieber Sohn Nikolai.


Wenn du diesen Brief liest, bin ich schon in einer anderen Welt.


Ich kann dir nicht mehr beistehen und auch nicht mehr zusehen, wie du aufwächst. Zum Glück habe ich eine liebe Freundin gefunden, die es gut mit dir meint und alles zu deinem Wohl regelt. Ich habe seit Jahren eine Herzmuskelerkrankung. Dir habe ich absichtlich nichts davon erzählt. Du solltest glücklich und unbefangen aufwachsen.


Leider war es mir nicht vergönnt, alles gemeinsam mit dir zu erleben. Deinen Weg aufs Gymnasium und später die Universität hätte ich so gerne mitverfolgt. Ich bin mir sicher, dass du so viel Kraft und Ehrgeiz besitzt, dies alles zu bewältigen. Nun stehst du sozusagen auf eigenen Füßen. Ich habe für dich das beste Internat ausgesucht, in dem du nicht nur lernen musst, sondern auch anderen Interessen nachgehen kannst. Vielleicht vertiefst du dich weiterhin in deine Vorliebe fürs Klavierspiel, du hast im letzten Jahr große Fortschritte gemacht.


Bleib immer ein guter Mensch, sei stark und verlerne nie das Lachen und deinen Frohsinn.


In finanzieller Hinsicht brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Das alles regelt Svetlana, ihr habe ich die Vormundschaft über dich und dein Erbe anvertraut. Das Haus wird sie bis zu deiner Volljährigkeit vermieten. Später dann kannst du entscheiden, ob du es weiter vermietest oder selbst wieder darin wohnen möchtest. Svetlana hat für mich sämtliche Dinge, wie auch mein Testament von einem Richter beglaubigen lassen, ich war zu schwach, um mich persönlich darum zu kümmern. Noch eines, Svetlana wird dich persönlich ins Internat bringen und dich von Zeit zu Zeit besuchen. Sollten irgendwelche Schwierigkeiten aufkommen, lass es sie wissen, sie regelt alles.


Also, mein Sohn, ich wünsche dir das Allerbeste auf der Welt. Lebe Wohl. In Liebe. Deine Mutter.“


Sein Atem zitterte ein wenig, nachdem er mir diese Zeilen vorgelesen hatte. Doch er erzählte nach einem tiefen Atemzug weiter: „Als ich den Brief gelesen hatte, weinte ich fürchterlich und konnte lange nicht mehr aufhören. Ich nahm noch einmal das erste Schriftstück in die Hand. Darunter fand ich die zittrige Unterschrift meiner Mutter. Sie war von einem Richter beglaubigt und bestätigt worden. Ich verstand es nicht. Entweder hatte Svetlana eine zweite Urkunde gefälscht, oder der Richter steckte mit ihr unter einer Decke. Das konnte nicht sein. Ein Richter machte doch so etwas nicht mit. Es wäre ihm doch aufgefallen, dass Svetlana nichts von dem befolgte, was in der Urkunde festgelegt wurde. Ich war mir sicher, dass nur Svetlana die Betrügerin war. Was sollte ich tun? Vielleicht meine Tante ausfindig machen? Nur wusste ich nicht, wie und wo ich sie suchen sollte. Einmal, vor langer Zeit, hatte mir meine Mutter erzählt, dass ich eine Tante habe. Sie sei die Schwester meines Vaters und lebe in Deutschland. Nach dem Tode meines Vaters habe man sich aus den Augen verloren.


In derselben Nacht verschwand ich aus dem Heim. Es war nicht vorzustellen, was Svetlana mit mir angestellt hätte, wenn sie die aufgebrochene Schreibtischschublade entdeckt hätte. Gleich am nächsten Morgen in aller Frühe ging ich zur Miliz. Es war ein kleiner Posten, ganz in der Nähe. Egal, mir war es wichtig, Svetlana anzuzeigen und mein Recht einzufordern. Es ging drei Stufen hoch, dann stand ich vor einer alten, grauen Haustür. Eine Schelle gab es nicht. Also klopfte ich an. Es tat sich nichts. Ich klopfte noch einmal, dieses Mal kräftiger. Endlich hörte ich jemanden heranschlurfen. Ein Mann öffnete. Ich denke, er war etwa zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, ich weiß es nicht genau. Er öffnete also die Tür, nur mit einer Hose bekleidet. Mit seinen struppigen Haaren, unrasiert und halb nackt, machte er nicht unbedingt einen vertrauensvollen Eindruck auf mich. Ungeniert kratzte er sich seine haarige Brust. »Was ist los?«, schnauzte er mich an. Eingeschüchtert von seinem barschen Ton drehte ich mich um und wollte wieder gehen.


Er schrie mich an: »Was ist, verdammte Scheiße, wolltest du mich etwa nur aus dem Bett jagen? Sag schon, was willst du?«


»Eine Anzeige«, stotterte ich, »ich möchte eine Anzeige machen.«


»Was willst du anzeigen? Komm rein und setz dich.« Dabei packte er mich unsanft an der Schulter und zog mich rüde herein. »Setz dich auf den Stuhl und rede.«


Ängstlich setzte ich mich auf einen alten Lehnstuhl. Die Polster waren verschlissen. Der ganze Raum wirkte so wüst wie mein Gegenüber. Ich fragte mich, ob es richtig gewesen war, ausgerechnet diesen Milizposten aufzusuchen. Hätte ich nicht besser gleich zum Gericht gehen sollen?


»Nun rede schon!«, ertönte wieder diese barsche Stimme. Dabei ließ er sich in seinen schmutzigen Sessel fallen, gähnte ungeniert und riss dabei seinen Mund so weit auf, dass ich seine braunen Zähne sah. Ich zog die Mappe unter meinem Hemd hervor und erzählte in wenigen Worten, was geschehen war. Der Milizer wurde immer hellhöriger. Vor allem als die Worte “Svetlana“ und “Heim“ fielen, merkte er auf. Eilig stand er auf und sagte: „Warte hier einen Moment, ich zieh mir nur schnell ein Hemd über. Gib mir schon mal die Dokumente.“


Das tat ich nicht. Zum Glück, wie sich noch herausstellen sollte. Vielmehr klammerte ich mich daran fest und sagte: »Nein, wozu, Sie kommen doch gleich wieder!«


»Sicher, sicher, sofort komm ich wieder. Warte hier.« Und schon verschwand er hinter der Tür in seine Privaträume.


Mir kam seine Reaktion seltsam vor. Deshalb stand ich auf, öffnete leise die Tür, durch die der Milizer verschwunden war. Im selben Augenblick hörte ich seine Stimme. Sie klang sehr aufgeregt. Er sprach mit einer zweiten Person. »Der Bengel ist hier. Er hat es wohl geschafft, an die Papiere heranzukommen. Er will dich anzeigen!«


Dann hörte ich Svetlanas Stimme. Wütend schrie sie: »Dieser verdammte Hurensohn, warte, dem werde ich Feuer unterm Arsch machen, dass die Schwarte kracht.«


Das glaubte ich ihr aufs Wort. Nun wusste ich, wo diese ordinäre Betrügerin ihre Nächte verbrachte. Die beiden steckten unter einer Decke! Ich musste schleunigst dort weg. Während die beiden noch redeten, schloss ich leise die Tür und machte mich eilig davon. Noch nie zuvor bin ich so schnell gerannt. Ich sah nicht zurück, wollte an Vorsprung gewinnen. Schließlich war ich überzeugt, dass sie mich verfolgten und sollten sie mich fangen, dann gnade mir Gott.


Seitdem bin ich auf der Flucht. Irgendwie wollte ich mich nach Deutschland durchschlagen. Dazu brauche ich aber Geld und einen Pass. Um einen Pass zu beantragen, brauchte ich wiederum eine Geburtsurkunde. Ausgerechnet diese fand ich aber nicht unter den Schriftstücken in dem Ordner. Sie muss noch im Schreibtisch im Heim liegen. Jedenfalls tauchte ich erst einmal unter. Tagsüber versteckte ich mich und abends wenn es dunkel war, besorgte ich mir etwas zu essen. Manchmal stahl ich etwas oder bettelte an den Hintertüren verschiedener Restaurants. Ich war sehr vorsichtig. Svetlana ließ mich sicherlich von der Miliz suchen. Offiziell natürlich, um mich wieder ins Heim zu bringen. Wenn es ihnen gelang, fürchtete ich, dass sie mich in ihrer unbändigen Wut vielleicht umbringen würde. Ständig hatte ich Angst.


Eines Abends, ich schlich wieder einmal zum Hintereingang eines Restaurants und durchsuchte gerade die Abfalltonnen nach Essensresten, ging plötzlich die Tür auf und ein Mann sprach mich an. Schnell wollte ich flüchten. Der Mann rief: »He, bleib stehen, ich weiß doch, dass du jede Nacht hier herkommst und nach Essensresten suchst. Ich weiß auch, dass du im Holzschuppen übernachtest! Komm her.«


Vorsichtig und auf alles gefasst, ging ich zu ihm. »Na, wie heißt du denn?«, fragte mich der Mann.


Viel wollte ich nicht von mir preisgeben, deshalb wandelte ich meinen Namen ab und sagte nur »Nick!«


»Soso, Nick heißt du«, wiederholte der Mann. »Suchst du Arbeit, ich könnte nämlich jemanden brauchen, der mir etwas in der Küche hilft, du weißt schon, Geschirr spülen und so weiter. Da bekommst du wenigstens etwas zu essen. Einen Schlafplatz werde ich auch schon für dich finden. Willst du?«


Meine Gedanken überschlugen sich. Sollte ich annehmen? Blieb ich hier unentdeckt? Der Verstand sagte “nein“, doch mein Magen sagte “ja“.


Der Mann drehte sich schon halb um und sprach weiter: »Wenn nicht, ist es mir auch egal. Hier lungern genug Jungen herum. Die warten nur auf solch ein Angebot.«


Damit hatte er recht. Es gab zu viele Kinder, die auf der Straße lebten. Waisen wie ich.


»Okay«, sagte ich deshalb schnell, »ich bleibe«. Im Stillen dachte ich, dass ich ja immer noch jederzeit verschwinden könnte.


»Dann komm mit!«, raunte der Mann schroff. »Übrigens, ich heiße Joscha.«


Das war wahrscheinlich die Abkürzung von Alijoscha. Egal, ich folgte ihm. Neben der Küche öffnete Joscha eine Tür. Er deutete auf eine schmuddelige Pritsche und brummte: »Da kannst du schlafen.« Besser als im Wald oder im undichten Holzschuppen, dachte ich mir. Vor allem musste ich den baldigen Winter überstehen. Draußen würde ich sicherlich erfrieren. Und so blieb ich einige Monate dort. Die Arbeit war schwer. Abends fiel ich ins Bett und schlief sofort ein. Viel Geld verdiente ich nicht, da Joscha mir doch einen Schlafplatz und täglich zu essen gab, wie er immer betonte. Sollte es mir nicht passen, könne ich gehen. Der nächste Junge würde schon warten. Das nutzte er schamlos aus. Ab und zu warf mir jemand eine Münze zu, die ich dann zu den wenigen anderen legte, die ich bei Joscha verdiente.


 


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