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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Holzperlenspiel, Irene Dorfner
Irene Dorfner

Holzperlenspiel


Der 10. Fall für Leo Schwartz

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„Der sieht aber gar nicht gut aus,“ sagte Hans Hiebler mit einem flauen Gefühl im Magen, als er auf den Toten vor sich blickte. Der Ordensbruder lag auf dem Boden der St. Anna-Basilika Altötting in einer Blutlache und schien ihn mit offenen Augen anzustarren. „Stimmt,“ sagte Leo Schwartz. „Hast du auch das Gefühl, dass er dich mit diesen stahlblauen Augen beobachtet?“ Ein Schauer lief dem Beamten der Kriminalpolizei Mühldorf über den Rücken. Für den 50-jährigen gebürtigen Schwaben, der vor über einem Jahr nach Mühldorf versetzt wurde und sich mittlerweile gut eingelebt hatte, war die Umgebung hier mitten in der Basilika, wo sich sonst jede Menge Wallfahrer tummelten, unheimlich. Außer der Tatsache, dass er nicht katholisch war und sich deshalb mit katholischen Kirchen und dem Drumherum nicht auskannte und ihn das alles auch herzlich wenig interessierte, passte die Leiche und das viele Blut des Ordensbruders überhaupt nicht in die glanzvolle, pompöse Umgebung – genauso wenig wie die vielen Polizisten, die Leute der Spurensicherung in ihren weißen Schutzanzügen, natürlich er selbst und die Absperrbänder, die von übereifrigen Polizisten zuhauf angebracht wurden und einen unpassenden farblichen Kontrast zu den stilvollen Gemälden und Kunstgegenständen abgaben. In den frühen Morgenstunden wurden sie von einer Reinigungskraft alarmiert, die den Toten gefunden hatte. Sie mussten bereits wenige Minuten nach ihrem Eintreffen in der Basilika wegen der vielen Wallfahrer zusätzliches Personal anfordern, denn immer wieder drangen von allen Seiten Fremde zu ihnen, die den Tatort und damit die Ermittlungen störten. „Was können Sie uns sagen Fuchs?“ fragte Viktoria Untermaier, die Leiterin der Mordkommission Mühldorf. Die 48-jährige, etwas pummelige Frau war mit ihren 1,65m zwar nicht sehr groß, fiel aber durch ihr attraktives Äußeres und ihr bestimmtes Auftreten sofort auf. Sie sprach laut und bestimmt, wobei sie so ganz nebenbei alle möglichen Leute delegierte und sie dabei ständig im Auge hatte. Viktoria hatte die völlig verstörte Reinigungskraft vernommen, was nicht einfach war. Die Frau sprach nur gebrochen Deutsch und Viktoria war beinahe drauf und dran gewesen, einen Dolmetscher zu rufen, denn die Frau fiel während der Vernehmung immer wieder in ihre Muttersprache, was sie als polnisch identifizierte. Aber schließlich hatte sie mit sehr viel Geduld und etlichen Rückfragen die Aussage der Frau verstanden, die den Mann nur gefunden und sonst niemanden bemerkt hatte. Friedrich Fuchs, Leiter der Spurensicherung Mühldorf, konnte jetzt den Beamten der Mordkommission seinen momentanen Wissensstand mitteilen, denn Werner Grössert war nun endlich auch anwesend. Er war von Passanten aufgehalten worden, die scheinbar Wichtiges auszusagen hatten, was sich aber als unwichtiges Gequatsche und pure Neugier herausstellte. Friedrich Fuchs war jetzt ganz in seinem Element, da die komplette Aufmerksamkeit nun auf seiner Person lag. „Männliche Leiche, ca. 50 Jahre alt. Er trug keine persönlichen Dinge bei sich. Von dort oben ist er runtergestürzt und hier auf der Bank aufgeschlagen,“ schilderte er den Hergang, wobei er hektisch hin und her lief. „Dann wurde er hierher geschleift und abgelegt, die Spuren sind sehr deutlich zu erkennen – es steht außer Frage, dass er verblutet ist. Der Tote hat Hämatome an den Schultern und am Rücken, die ihm unmittelbar vor dem Mord zugefügt wurden. Auffällig ist diese Holzperle, die der Tote in der rechten Hand hielt. Sonst hatte er nichts bei sich.“ „Sind Sie sicher, dass es sich um Mord handelt? Er könnte doch auch von dort heruntergefallen sein und das Ganze ist ein bedauerlicher Unfall.“ „Bezweifeln Sie meine Ausführungen Frau Untermaier? Die Spuren sind eindeutig, sehen Sie selbst.“ Fuchs drehte die Leiche zur Seite und legte die Rückenpartie frei. „Die Stellen hier am Rücken zeigen deutlich, dass der Mann dort oben heftig gegen das Geländer gestoßen oder mit Gewalt dagegen gedrückt wurde. Und diese Spuren an den Schultern deuten darauf hin, dass er sehr fest gehalten wurde.“ „Vielleicht ist er auch nur gestolpert?“ „Aber nein, dann würden die Spuren am Körper anders aussehen. Die Höhe des Geländers stimmt exakt mit diesen Stellen am Rücken überein. Er selbst hat keine Abwehrspuren, keine Anzeichen, dass er aktiv geworden wäre. Sehen Sie doch her,“ schrie er beinahe und zeigte auf die verschiedenen Verfärbungen an den Schultern und am Rücken. „Ist ja schon gut, reagieren Sie doch nicht gleich so empfindlich, ich mache auch nur meine Arbeit. Müssen wir von einem Mann als Täter ausgehen?“ Fuchs schüttelte den Kopf, er war zwar schnell beleidigt und reagierte gereizt, war aber nicht nachtragend. „Nicht unbedingt. Das Opfer war sehr schmächtig und Frauen sind bei Weitem nicht diese schwachen Wesen, als sie sich gerne selber sehen. Ich lege mich hier nicht fest, es könnte sich um einen Täter oder um eine Täterin handeln.“ „Todeszeitpunkt?“ „Grob geschätzt ca. 5.00 Uhr heute Morgen.“ „Jetzt ist es gerade mal halb 9.00 Uhr – was wollte der Mann um diese unchristliche Zeit hier?“ murmelte Viktoria und erwartete keine Antwort. Wie dem auch sei: wenn Sie mit ihm fertig sind, lassen Sie ihn in die Gerichtsmedizin bringen.“ „Das weiß ich selbst,“ schnauzte Fuchs, „ich mache meine Arbeit auch nicht erst seit heute.“ Viktoria verdrehte die Augen – dieser Fuchs war heute mal wieder besonders gut gelaunt. „Weiß irgendjemand, um wen es sich bei dem Toten handelt?“ Zaghaft meldete sich ein Mönch, der augenscheinlich dem selben Orden angehörte wie der Tote, beide trugen braune Kutten, die mit einem hellen Strickgürtel zusammengehalten wurden. Hatte der Mann dort in der Ecke schon lange gestanden? Viktoria Untermaier ging auf ihn zu. „Wer sind Sie und wie kommen Sie eigentlich hier rein? Die Türen sind durch Polizisten abgeriegelt.“ „Gott zum Gruße, mein Name ist Bruder Siegmund. Ich habe die heilige Messe im Bruder-Konrad-Kloster vorbereitet und natürlich war mir nicht entgangen, dass die Polizei in der Basilika ist. Ich habe sofort gespürt, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Da mir der Zugang durch das Haupt- und Seitenportal von den Polizisten verwehrt wurde, bin ich von der Bruder-Konrad-Kirche über den Klostergarten durch den normalerweise verschlossenen Seiteneingang hinein – ich habe den Schlüssel. Leider muss ich gestehen, dass ich sehr neugierig bin. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.“ Der kleine, dicke Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem Rauschebart sah sie schuldbewusst an. Er musste fast 60 Jahre alt sein und hatte ganz bestimmt schon sehr viel mit den Händen gearbeitet, die schrundig und mit Narben übersät waren. Außerdem sprach er zwar hochdeutsch, hatte aber einen deutlich schweizerischen Akzent. „Neugier kenne ich, ich bin selbst damit geplagt, aber für meinen Beruf ist dieses Laster sehr von Vorteil, Sie dürften in ihrem Job damit Probleme bekommen. Ist Neugier nicht eine der Todsünden?“ Energisch schüttelte Bruder Siegmund den Kopf. „Aber nein junge Frau, da irren Sie sich. Neugier gehört nicht dazu.“ „Wie dem auch sei, wenn Sie nun schon mal hier sind: einer Ihrer Glaubensbrüder wurde tot aufgefunden, er wurde ermordet. Sehen Sie sich in der Lage, den Mann zu identifizieren?“ Als Bruder Siegmund diese Nachricht hörte, schlug er die Hände vors Gesicht, nickte und folgte Viktoria. Vor dem Toten blieben sie stehen. „Kennen Sie den Mann?“ „O mein Gott!“ rief er laut aus und bekreuzigte sich mehrfach. „Das ist Bruder Benedikt.“ „Er wurde ca. gegen 5.00 Uhr früh getötet.“ „Das darf doch nicht wahr sein,“ rief er aus und bekreuzigte sich abermals. „Um diese Uhrzeit durfte Bruder Benedikt eigentlich nicht hier sein. Es ist mir unbegreiflich, warum er sich überhaupt hier in der Basilika aufgehalten hat.“ „Was soll das heißen?“ „Zum einen ist der Tagesablauf in unserem Orden streng festgelegt. Wir beginnen unseren Tag erst um 6.30 Uhr mit dem stillen Gebet, 5.00 Uhr ist auch für uns eine sehr frühe Zeit. Und zum anderen wird von einem Mitbruder die Messe hier in der Basilika vorbereitet, Bruder Benedikt ist nicht Teil unserer Gemeinschaft in Altötting. Er ist zu Besuch bei uns, um unsere Arbeit näher kennenzulernen, wir sind weit über die Grenzen hinaus für unsere gute und erfolgreiche Arbeit bekannt. Was hatte er um diese frühe Uhrzeit in der Basilika zu suchen?“ „Woher kommt Bruder Benedikt?“ „Aus Österreich, genauer gesagt aus Wiener Neustadt. Das dortige Kapuziner-Kloster ist verhältnismäßig klein und möchte auch mit unserer Hilfe die Aufgaben und Arbeiten erweitern und neu strukturieren. Natürlich sind wir da gerne behilflich, wir helfen uns untereinander und stützen uns, wo wir nur können. Aber ich schweife ab, das interessiert Sie bestimmt alles nicht. Sie sind aus einem schrecklichen Grund hier und ich plappere einfach darauf los. Entschuldigen Sie bitte, aber wenn ich nervös bin, rede ich ohne Punkt und Komma. Sagen Sie mir bitte, was mit Bruder Benedikt geschehen ist. Sind Sie sicher, dass es sich nicht um einen Unfall handelt?“ „Leider ja, Bruder Benedikt wurde ermordet.“ Wieder bekreuzigte sich Bruder Siegmund mehrfach, nicht bewusst, sondern nur um irgendetwas zu tun. „Aber Näheres erfahren wir nach der Obduktion.“ „Sie wollen ihn gerichtsmedizinisch untersuchen lassen?“ rief Bruder Siegmund entsetzt. „Das dürfen Sie nicht und ich bezweifle, dass Ihnen der Orden eine Obduktion erlaubt.“ „Ich fürchte, dass wir darauf keine Rücksicht nehmen können.“ Immer wieder wurden die Beamten mit Hinterbliebenen konfrontiert, die nicht wollten, dass die Verstorbenen obduziert werden – verständlicherweise. Trotzdem waren sie nicht in der Position, das zu verhindern, denn auch sie mussten sich an Gesetze halten. Viktoria hatte es sich schon lange abgewöhnt, mit den Hinterbliebenen deswegen zu diskutieren und dachte nicht daran, sich auch jetzt nicht mit diesem Orden und seinen Anhängern diesbezüglich auseinanderzusetzen. Sie hielt das Tütchen mit der Holzperle vor Bruder Siegmunds Gesicht. „Diese Holzperle haben wir bei dem Toten gefunden.“ „Darf ich?“ fragte Bruder Siegmund und Viktoria gab ihm das Tütchen. Er hielt sich die Holzperle vors Gesicht und gab sie wieder zurück. „Ich würde sagen, dass das eine Perle ist, wie sie massenweise für die Herstellung von Rosenkränzen verwendet werden. Früher benutzte man dafür Nüsse und Obstkerne, dann ging man über zu Holzperlen, die man zum Glück auch heute noch hauptsächlich verwendet. Aber auch die Rosenkränze gehen mit der Zeit, werden zwischenzeitlich mit den verschiedensten Materialien gefertigt, z.B. Rosenquarz, was ich ja noch verstehen kann, Amethyst, bunte Glasperlen, sogar Gold und Silber – alles, was das Herz begehrt. Aber das gebräuchlichste Material sind diese Holzperlen, die mir persönlich immer noch am besten gefallen. Wir haben in unserem Bruder-Konrad-Kloster alte Rosenkränze ausgestellt, die Sie sich gerne ansehen können.“ „Interessant, das werde ich vielleicht auch tun. Warum glauben Sie, hielt Bruder Benedikt diese Holzperle in der Hand?“ „Das weiß ich nicht, da kann ich Ihnen nicht helfen. Wir haben zumindest keine dieser losen Perlen in unserem Kloster. Früher, als ich noch jung war, haben wir Rosenkränze noch selbst hergestellt, verkauft und verschenkt – aber das ist lange her. Jeder von uns besitzt selbstverständlich einen schlichten Rosenkranz. Vielleicht ist Bruder Benedikts Rosenkranz kaputt gegangen? Haben Sie schon nachgesehen?“ „Aber sicher haben wir das, aber konnten nicht eine einzige Perle finden.“ Viktoria war sich sicher, dass Bruder Siegmund ein Krimifreund war. „Sie wissen doch sicher, wo der Tote während seines Aufenthalts in Altötting gewohnt hat?“ „Selbstverständlich bei uns im Kloster. Glaubensbrüder sind bei uns immer willkommen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen seine Zelle zeigen.“ Viktoria nickte, natürlich wollte sie das Zimmer sehen. „Dann folgen Sie mir bitte, ich gehe voraus.“ Leo Schwartz machte Anstalten, sie zu begleiten, obwohl ihr Hans Hiebler lieber gewesen wäre. Leo war zwar ein sehr netter und überaus kompetenter Polizist, aber er war gebürtiger Schwabe und sie vermutete starken, bayrischen Dialekt bei den Glaubensbrüdern, bei denen sie hauptsächlich alte Männer erwartete. Außerdem war Leo nicht katholisch und war obendrein durch sein heutiges T-Shirt, auf dem eine Rockband mit einem Totenkopf abgebildet war, in ihren Augen für ein Kloster nicht passend gekleidet. Es folgte eine Diskussion, die von den Umstehenden amüsiert verfolgt wurde: Viktoria brachte ihrem Kollegen und Lebensgefährten Leo Schwartz zuerst schonend und dann immer bestimmter ihre Argumente vor, während Leo dagegenhielt. Ihm waren ihre Einwände egal und er ließ sich nicht abwimmeln. Er fand seine Kleidung sehr, sehr schön und er interessierte sich nicht dafür, ob jemand an seiner Kleidung Anstoß nahm – ihm gefielen die für seine Begriffe veralteten, fast mittelalterlichen Gewänder dieser Kuttenträger ebenfalls nicht und musste sie trotzdem ansehen und hinnehmen. Viktoria Untermaier stöhnte auf, sie kannte Leo und seine Sturheit. Schließlich gab sie klein bei und willigte ein. „Um welchen Orden handelt es sich eigentlich? Klär mich auf.“ „Das sind Kapuziner. Sie sind schon sehr lange in Altötting, haben ein eigenes Kloster und leisten wertvolle Arbeit in der Seelsorge, aber auch in der Organisation der Gottesdienste und vor allem der vielen Wallfahrer, die täglich in Massen nach Altötting strömen.“ Kapuziner also, davon hatte Leo zwar schon gehört, aber für ihn waren diese Kuttenträger alle gleich und er scherte sie über einen Kamm. War das nicht zu oberflächlich? Egal, ihm waren diese Klöster und deren Anhänger suspekt und er hatte vorher noch nie mit ihnen zu tun – das würde auf jeden Fall interessant werden, einmal hinter die Kulissen eines Klosters zu blicken. Sie folgten dem kleinen, dicken Bruder Siegmund, der forschen Schrittes voranging. Vor der Basilika hatte sich eine riesige Menschenmenge gebildet, die diese Kirche besichtigen wollte oder sich aus reiner Neugier hier versammelte. Dass hier ein Toter gefunden wurde, hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Und natürlich zogen auch die vielen Polizei- und Rettungsfahrzeuge die Menschen wie ein Magnet an, daran hatten sich die Beamten längst gewöhnt. Bruder Siegmund grüßte einige Passanten, ließ sich aber nicht aufhalten und ging zügig weiter. Überraschenderweise stoppte er nicht an dem angrenzenden Bruder-Konrad-Kloster, sondern lief daran vorbei. Es ging über den Kapellplatz, an der Gnadenkapelle vorbei, über die Straße – schließlich hielt Bruder Siegmund rechts neben der Magdalenenkirche direkt auf einen Eingang zu – jetzt sahen sie das Schild Kapuziner-Kloster. Gab es hier in Altötting etwa zwei Klöster von diesem Orden? Viktoria stutzte einen Moment, denn diese Tatsache war ihr neu. Bruder Siegmund war für sein Alter absolut fit, während Leo und Viktoria schwer atmen mussten, der schnelle Marsch hatte beiden ganz ordentlich zugesetzt – Bruder Siegmund zeigte diesbezüglich keinerlei Anzeichen. Sie standen nun vor einer verschlossenen Tür, neben der sich ein kleines Fenster befand, über dem das Wort Pforte stand. „Guten Morgen Bruder Andreas. Es ist etwas Schreckliches passiert, Bruder Benedikt wurde ermordet, mitten in der Basilika. Die beiden Herrschaften hier sind von der Kriminalpolizei und möchten seine Zelle sehen. Würdest du bitte öffnen?“ Viktoria war erstaunt, denn Bruder Andreas war bestimmt noch keine 30 Jahre alt – sie hatte sich offenbar in dem Alter der Glaubensbrüder mächtig getäuscht. Leo war genervt, denn es folgte nun ein Dialog zwischen den beiden Kapuzinern und er hatte keine Lust darauf, hier noch länger zu warten. „Nun machen Sie schon auf,“ rief er deshalb ungeduldig und viel zu laut. Beide Glaubensbrüder erschraken, denn Leo war nicht nur wegen seiner dunklen Kleidung, sondern vor allem wegen seiner stattlichen Körpergröße von 1,90 m sehr beeindruckend und respekteinflößend. Bruder Andreas öffnete hastig die Tür und die Beamten konnten endlich eintreten. „War das denn nötig?“ flüsterte Viktoria verärgert. „Auf jeden Fall. Ich möchte gleich von vornherein klarstellen, dass mich dieser ganze katholische Orden überhaupt nicht beeindruckt. Wir ermitteln in einem Mordfall in unserem Zuständigkeitsbereich und mich interessieren die Gepflogenheiten eines Klosters herzlich wenig – ich möchte nur meine Arbeit machen.“ „Reiß dich gefälligst zusammen, die Kapuziner genießen in Altötting großes Ansehen und dir könnte etwas Respekt nicht schaden.“ Leo interessierte sich nicht dafür, ob jemand angesehen war oder nicht, für ihn waren alle Menschen gleich. Er war nun mal kein unterwürfiger Mensch, der sich gerne anpasste oder auf irgendjemanden Rücksicht nahm. Er hatte seinen eigenen Kopf, seine eigene Meinung und das sollte auch hier in dieser für ihn unwirklichen Umgebung so bleiben. Sie folgten Bruder Siegmund in den Anbau neben der Magdalenenkirche, der sich als riesiges Kloster herausstellte. Sie gingen über den dunklen, sauberen Gang die große Treppe nach oben und befanden sich schließlich in einem Flur, von dem mehrere Zimmer abgingen. Leo fand das alles äußerst interessant, niemals zuvor war er im Inneren eines Klosters gewesen. In seinen Vorstellungen war das viel spektakulärer, als er es nun in der Wirklichkeit vorfand – alles spärlich, ziemlich dunkel und sehr hellhörig – und außerdem roch es überall nach Geschichte und vor allem nach Putz- und Desinfektionsmittel. „Dort hinten sind die Zellen der Altöttinger Brüder, das sind die Verwaltungs- und Wirtschaftsräume, und dort hinten sind die Besucherzellen,“ erklärte Bruder Siegmund, während er rasch voranging und immer wieder abwechselnd erklärend auf die verschiedenen Türen zeigte. „Bruder Benedikts Zelle ist diese hier.“ Bruder Siegmund blieb stehen. Man konnte auch mit dem spärlichen Licht deutlich das rote, pausbackige Gesicht und die funkelnden Augen sehen – der Mann war sehr aufgeregt und fand das alles spannend. „Haben Sie einen Schlüssel?“ „Den brauchen wir nicht, bei uns gibt es keine Schlüssel, alle Türen sind stets offen. Wir sind ein Bettelorden und haben keine privaten Besitz- oder gar Reichtümer. Was sollte man also stehlen?“ „So etwas wie Privatsphäre gibt es bei Ihnen nicht?“ „Selbstverständlich. Wir respektieren diese gegenseitig, dafür brauchen wir doch keine Schlüssel.“ Die beiden Polizisten betraten das spärlich eingerichtete Zimmer und Leo rümpfte sofort die Nase – das hier war alles andere als einladend. In dem Raum befand sich ein Bett, über dem ein schlichtes Holzkreuz hing. Am Fenster stand ein kleiner Tisch mit einem Stuhl, an der Wand gegenüber befand sich ein schmaler Kleiderschrank, dessen Türen nur angelehnt waren, da sie so verzogen waren, dass sie sich nicht mehr schließen ließen. Das kleine Fenster brachte nur spärliches Licht und zeigte in den Garten des Innenhofes. Im Mittelpunkt des Raumes stand ein Gebetsstuhl aus Holz, der schon sehr abgenutzt war – Leo sah sich diesen genauer an; hier zu knien und zu beten musste mit der Zeit höllisch wehtun, denn es war kein Polster und weit und breit kein Kissen zum Schutz der Knie zu sehen – naja, jeder so, wie er will! Die beiden zogen sich Handschuhe über und begannen mit ihrer Durchsuchung, die nach wenigen Minuten bereits beendet war – es gab hier schlichtweg nichts zu durchsuchen! Sie fanden von dem Toten nur wenige Kleidungsstücke, eine leere Reisetasche und eine schmale, alte Ledertasche, die über dem Stuhl hing. Leo zog ein altes, abgegriffenes Gotteslob und einen Rosenkranz hervor. „Da haben wir ja den Rosenkranz von Bruder Benedikt. Wie viele Holzperlen hat so ein Rosenkranz?“ „59“ riefen Viktoria und Bruder Siegmund im Chor. Leo zählte nach – es waren 59 Holzperlen, der Rosenkranz war vollständig. Auch bei genauerem Hinsehen war keine Stelle sichtbar, an der der Rosenkranz geöffnet worden sein könnte – die Verschlussstelle war unberührt. Trotzdem steckte Leo den Rosenkranz in eine Tüte, um sie später der KTU, der kriminaltechnischen Untersuchung, zu übergeben. „Keine Papiere und kein Geldbeutel,“ stellte Leo fest. „Seltsam, er hatte nichts bei sich, aber irgendwo müssen diese persönlichen Dinge doch sein. Vielleicht handelt es sich um einen Raubmord.“ „Sie meinen, Bruder Benedikt wurde ausgeraubt? Das kann ich mir nicht vorstellen, denn wir haben selten irgendwelche Papiere oder eine Brieftasche bei uns, und wenn, dann ist nur wenig Bargeld drin – wie gesagt, wir sind ein Bettelorden. Unser Habit hat keine Taschen und wenn wir etwas vorhaben, nehmen wir eine Tasche mit: für das Gesangbuch, die Bibel, Taschentücher und ein paar Euro. Aber Bruder Benedikts Tasche ist hier, er hatte sie nicht bei sich.“ Bruder Siegmund stand in der offenen Tür und setzte keinen Fuß in das Zimmer, sondern beugte sich so weit wie möglich vor – er drohte, jeden Moment aus seinen Latschen zu kippen, während er auf die Ledertasche am Stuhl zeigte. „Für mich persönlich sieht das nicht normal aus, denn auch als Geistlicher in einem Kloster besitzt man doch bestimmt irgendwelche persönlichen Dinge. Zumindest Bücher, vielleicht ein Adressbuch, Fotos, irgendwas, was einem lieb und teuer ist. Fuchs soll sich das genauer ansehen, wenn er in der Basilika fertig ist.“ Leo nahm sein Handy und wählte die Nummer von Fuchs, was von Bruder Siegmund mit einem strengen Blick beobachtet wurde. „Handys sind bei uns nicht erlaubt,“ bemerkte er und schüttelte den Kopf. Leo war das herzlich egal und telefonierte unbeeindruckt weiter. Er hatte hier seine Arbeit zu machen und dachte nicht daran, sich irgendwie einschränken zu lassen. Das hier war schließlich nicht der Vatikan, wo eigene Gesetze galten. „Wer hat hier das Sagen? Gibt es bei Ihnen so etwas wie einen Abt?“ „Bei uns ist das der Guardian, er ist der Hüter der Gemeinschaft und achtet darauf, dass alles rund läuft, schließlich gibt es auch bei uns Probleme. Dem Guardian zur Seite steht der Vikar, er ist sein Stellvertreter.“ Nach dieser Erklärung war Leo auch nicht wirklich schlauer, denn wie die hier alle betitelt wurden, war ihm ebenfalls egal. „Kann ich mit dem Guardian oder dessen Stellvertreter sprechen?“ sagte Leo daher etwas genervt. „Selbstverständlich, wenn Sie mir folgen würden,“ sagte Bruder Siegmund und ging auch schon davon. Zaghaft klopfte er an eine schlichte Tür auf dem gleichen Flur, nur gefühlte tausend Meter entfernt. Diese Gänge hier waren sehr verwinkelt und sahen aufgrund ihrer Schlichtheit endlos lang aus. Bruder Siegmund öffnete die Tür und bat die Beamten, einen Moment zu warten – nach einigen Minuten erschien er wieder. „Bitte, Bruder Paul erwartet Sie.“ Bruder Siegmund trat nicht mit ein, sondern schloss die Tür von außen. Ein großer, schlanker Mann Ende fünfzig trat auf die beiden zu. „Ich heiße Sie trotz der schrecklichen Umstände bei uns willkommen, mein Name ist Bruder Paul, ich bin hier der Guardian, nehmen Sie bitte Platz. Wie ich eben erst erfahren habe, wurde Bruder Benedikt tot in der Basilika aufgefunden?“ Bruder Paul sprach sehr ruhig, aber man konnte ihm ansehen, dass er von dem Tod des Mitbruders sehr bestürzt war. „Nach den ersten Erkenntnissen können wir davon ausgehen, dass es sich um Mord handelt, Einzelheiten erfahren wir nach der Obduktion.“ Viktoria machte eine kurze Pause, denn sie erwartete Einwände gegen die Vorgehensweise, aber Bruder Paul sagte nichts dazu. „Wir haben das Zimmer des Toten bereits in Augenschein genommen, die Spurensicherung wird es sich später genauer vornehmen.“ „Ich kann Ihnen versichern, dass Sie keine Spuren finden werden, denn Fremde haben zu unserem Kloster keinen Zugang, ohne unser Wissen kommt hier niemand rein. Wir vermeiden es auch so gut wie möglich, Fremde einzulassen, das geschieht nur im äußersten Notfall – so wie heute.“ Er blätterte in einem dicken, schwarzen Terminkalender. „Seit 8 Wochen war kein Fremder mehr in unserem Kloster.“ „Sie schreiben die Besuche tatsächlich auf?“ „Natürlich. Das sind die Eintragungen der Pforte, die ich wöchentlich aktualisiere. Auch wir müssen über alles Buch führen, was hier innerhalb der Klostermauern passiert.“ „Also keine Fremden in den letzten 8 Wochen? Auch keine Bekannten? Freunde? Familie?“ „Nein, niemand. Diese Spur können Sie also streichen. Und dass irgendein Mitbruder mit diesem schrecklichen Verbrechen zu tun hat, schließe ich kategorisch aus. Sie sehen also, dass dieses schreckliche Verbrechen nichts mit unserem Kloster zu tun haben kann. Aber Sie müssen Ihre Arbeit machen, das verstehe ich. Ich werde der Pforte die Nachricht weitergeben, dass Ihren Kollegen Zugang gewährt wird.“ „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wir vermissen persönliche Dinge des Toten. Papiere, Geldbeutel oder ähnliches.“ „Das konnten Sie auch nicht finden, denn das befindet sich bei mir im Schrank. Bruder Benedikt hat mich nach seiner Ankunft gebeten, seine persönlichen Dinge aufzubewahren, da er befürchtete, beides zu verbummeln. Ja, Bruder Benedikt war in der Tat sehr schusselig.“ Bruder Paul stand auf, öffnete einen Schrank und übergab den Beamten eine verschlissene Brieftasche, in der sich sein Personalausweis, eine Krankenversichertenkarte und ein Bahnticket befanden. Außerdem bekamen sie einen kleinen Lederbeutel überreicht, in dem vierzig Euro in Scheinen und etwas Kleingeld waren. Bruder Paul sah zu, wie Leo die wenigen Habseligkeiten auf den Tisch legte und bemerkte dessen Verwunderung. „Wir Kapuziner haben uns der Armut verschrieben und leben und arbeiten nur zum Wohle unserer Mitmenschen. Das, was Bruder Benedikt besaß, reichte aus, um wieder nach Hause zu kommen, hier bei uns lebte er natürlich unentgeltlich.“ „Es wurden schon Morde für weniger Euros begangen,“ sagte Leo. „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Bruder Paul sah Leo in die Augen.


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