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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Heißkalt, Manuela Klumpjan - Herausgeber!
Manuela Klumpjan - Herausgeber!

Heißkalt


Mörderische Kurzgeschichten

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Lorenzina Malvine Heiße Gruft

 


„Spüre den Schmerz! Genieße ihn, solange du noch kannst!“


Wie jämmerlich er aussah in seinen Lederklamotten. Was war das nur für ein Mann, der sich derart herablassen wollte? Der es genießt, von einer Frau geschlagen zu werden? Und genau diesen Menschen hatte ich mal abgöttisch geliebt. Nun lag er da, wimmernd, lächelnd und verschwitzt. Dabei fing alles so romantisch an, mit verliebten Blicken in der Disco. Der erste Tanz, ein schüchterner Abschiedskuss, danach die ersten Anrufe, Treffen, Kinobesuche.


 


Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als er mich nach 7 Monaten fragte, ob ich ihn heiraten wolle. Der Herr Ingenieur hat sich für seine Verhältnisse wirklich Mühe gegeben, indem er zuerst einen wackeligen Hochsitz im Wald auf seine Standfestigkeit überprüft hatte, mich dann hinauflockte und oben ein Teelicht entzündete, in dem engen Hochsitz auf die Knie ging und aus der Innenseite seiner viel zu warmen Jacke eine kleine Dose Champagner und eine beinahe schon verwelkte, aber immerhin rote Rose hervorzauberte. Natürlich sagte ich ja und fand es eher witzig als peinlich, dass er die Gläser vergessen hatte. Wer trinkt schon Champagner aus einer Blechdose? Nun ja, wir halt, damals, vor mittlerweile 5 Jahren. Die Standfestigkeit des Hochsitzes war jedoch nicht so sicher, dass er der Standfestigkeit meines Partners gerecht geworden wäre. Zumindest war das sein Argument, als ich ihn mit einer flotten Sexszene dort oben überfallen wollte. Da stand dann einfach mal nichts von dem, was ich mir gewünscht hätte. Damals schob ich es auf die Umgebung und die Umstände, heute weiß ich es besser!


 


Mit einem flotten Griff zog ich die Fesseln an seinen Händen etwas strammer. Es zeigten sich schon rote Spuren an den Handgelenken. Gut so! Möge es ihm so richtig wehtun. Ein leises Stöhnen hörte ich hinter dem Knebel, der seinen ach so süßen Mund verschloss. Aber die Wirkung war unübersehbar. Nicht nur seine Brustwarzen richteten sich vor Wonne auf.


Ich tropfte etwas heißen Wachs unterhalb seines Bauchnabels, der Romantik wegen. Wann hatten wir zuletzt bei Kerzenlicht gemütlich auf der Couch gesessen? Ich kann mich nicht mehr erinnern… Mit einem kräftigen Ruck riss ich das Wachs wieder ab – ups, da waren ein paar Schamhaare dabei. Schön, wenn der Schmerz nachlässt, oder? Dies schien er nicht ganz so zu sehen, denn kurz verlor seine Männlichkeit an Kraft, Tränen traten in seine Augen.


„Jammere nicht, du Kreatur! Was bist du nur für ein Schlappschwanz?“


In seine Augen trat so etwas wie Freude, er nickte soweit es die Halsfessel zuließ. Für mich war es die Genugtuung schlechthin, denn wie oft hatte ich mich in den letzten Jahren schmerzhaft enthaart, nur um ihm zu gefallen. Sollte er doch spüren, was ich alles für ihn getan hatte! Ja, irgendwie machte mir das Ganze hier auch irgendwie Spaß. Wie schade, dass es wohl das letzte Mal werden würde…


 


Ich rückte meine Maske ein wenig zurecht, so dass ich beherzt zubeißen konnte, mitten in den mittlerweile schwabbeligen Bauch. Der Herr Ingenieur hatte immer gut und gerne gegessen. Falls er zunahm, lag es natürlich an mir. Warum kochst duh auch so lecker?, lautete seine Ausrede, als aus dem Waschbrett ein Waschbär wurde. Tja, und dann war es auch plötzlich vorbei mit der Bewegung – Mann aß lieber als zu joggen. Und mit vollgefressenem Bauch macht auch der Sex keinen Spaß. Komisch, die Chips passten aber immer noch rein und der Weg in die Küche war auch nie zu lang…


Statt Champagner gab es in letzter Zeit nur Bier, war einfach billiger. Nun ja, setze auch mehr an, doch warum noch auf die Figur achten? Das Weib war ja brav daheim… So ging es viele Monate lang, bis plötzlich und unerwartet der Umschwung kam. Der Herr Ingenieur müsse mal wieder etwas für sich und seinen Körper tun. Er habe sich im Studio angemeldet, waren die damals so überraschenden Worte, die ich eines Abends nach Schweinebraten mit Klopsen und Weinkraut vernehmen durfte.


 


Der Gedanke an diesen Moment reicht, um ihm mit voller Wucht die Peitsche über seine Oberschenkel zu jagen! Oh, Wut verleiht Kraft, denn an einigen Stellen wird es blutig. Er zuckt nur kurz zusammen, dann genießt er den Schmerz, wie deutlich sichtbar wird. Ich gönne es ihm und hole erneut aus, diesmal etwas höher!


Dann klettere ich auf ihn und lasse ihn das raue Leder über meinem Knie spüren. Hinein, Onkel Otto, hätte meine Mutter jetzt gesagt, die diesen Jammerlappen da unten so abgöttisch verehrt. Der perfekte Schwiegersohn halt. Wenn die wüsste!


Er zappelt etwas unter mir und versucht zu sprechen. Doch der Knebel sitzt fest, ich kann und will ihn nicht verstehen. Er fängt an zu schwitzen, doch noch ist es kein Angstschweiß. Ich sollte so langsam mal zum Ende kommen, aber meine Wut reicht noch nicht aus. Also begebe ich mich erneut auf Gedankenreise, während ich die Fesseln verstärke, die Peitsche knallen lasse und gelegentlich zubeiße.


 


Ja, anfangs war ich stolz auf meinen Gatten, der fortan 3 mal die Woche ins Studio ging und danach immer sehr verschwitzt, glücklich, aber auch völlig ausgepowert zurückkam. Er erzählte immer, wie anstrengend die Übungen waren, wie das alles an die Substanz des Mannes ging. Alles war gut, bis ich fragte, ob ich mich nicht auch anmelden solle. Schließlich konnte auch mir ein wenig Sport nicht schaden. Die Antwort war niederschmetternd!


„Um Gottes Willen, das ist doch nichts für dich. Du hast doch zu Hause genug Bewegung. Wenn du die Putzlappen schwingst, reicht das allemal.“


Ganz kurz war ich nur überrascht und nahm es sogar als, nun ja, irgendwie, Kompliment. Ich hatte wohl in seinen Augen keinen Sport nötig. Doch dann, als ich wieder alleine zu Hause auf der Couch saß, holte mich der Ärger mit Wucht ein. Was sollte dieser dummer Spruch nur? Meine Zweifel waren geweckt. Da stimmt doch irgendwas nicht!


Als er zurückkam, fragte ich, wo denn dieses Studio eigentlich sei, nach den Geräten dort, und überhaupt hatte ich unendlich viele Fragen. Doch er wich einfach aus. Es hätte mich doch vorher auch nicht interessiert, außerdem sei er müde und kaputt. Er müsse duschen. Und so weiter und so fort!


Nun ja, das verstand ich ja irgendwie auch alles. Was ich nicht verstand, war, warum sein Sportdress noch immer völlig frisch roch, als ich es am nächsten Tag in die Waschmaschine stecken wollte. Er war gestern definitiv verschwitzt gewesen. Sein Deo hatte mal wieder versagt! Daran gab es nichts zu rütteln. Ich würde ihn abends mal danach fragen müssen.


Aber dann verdrängte ich diesen Vorsatz erneut. Denn es gab ja etwas zu planen! Immerhin stand sein 50-ster Geburtstag kurz bevor. Da hatte ich mir ob seiner ganzen Aktivitäten nun etwas Besonderes ausgedacht. Ich würde ihm eine Wellnessreise mit aktivem Sportprogramm schenken. So hatte er seinen Spaß und seine körperliche Ertüchtigung – ich hatte Zeit mit ihm und vielleicht dann ja doch auch Gelegenheit, etwas für meine Figur zu tun. Aber dafür musste ich erst mal wissen, wie viel Geld ich denn ausgeben konnte. So schaute ich seit langem Mal wieder auf unser Gemeinschaftskonto.


 


Meine Wut kletterte bei diesem Rückblick gerade ins Unermessliche, so schlug ich ihm mit voller Kraft mitten ins Gesicht. Er zuckte fürchterlich! Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet! Richtig so, denn auch mich traf damals fast der Schlag, als ich sah, was seine Studiobesuche so kosteten. Jedes Mal eine Abbuchung von 150,- €.


3 mal die Woche, immer mit der Kreditkarte gezahlt! Was war das denn für ein Studio? Mir lief es damals heißkalt den Rücken herunter, mein Gehirn wollte nicht glauben, was meine Augen sahen. "Studio 69" hieß der Abbucher. Das konnte doch nicht sein. Das war ein Zwingerclub, an der Stadtgrenze. Ich war schon öfter daran vorbeigefahren und hatte immer insgeheim darüber gelacht, wenn ich mal abends die Gestalten sah, die davor standen und rauchten. Denn selbst im Zwingerclub ist ja mittlerweile Indoor-Rauchen verboten. Welch eine Ironie! Doch nun blieb mir das Lachen im Halse stecken. Der Kerl ging ins Sado-Maso-Studio! Dieser Drecksack!


 


Dieser Gedanke holte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich merkte, wie mein Puls raste. Eine kleine Zigarette täte jetzt wirklich gut! Da ich selbst nicht rauchte, zündete ich sie genüsslich an. Hm, ein Zug täte ja wirklich gut jetzt… Langsam nahm ich daher meine Maske ab und drehte mich zu meinem Gatten um. Meine Augen müssen eine klare Sprache gesprochen haben. Da war er endlich, der Angstschweiß, als er mich erkannte. Er zog so sehr an seinen Fesseln, dass nun noch mehr Blut floss. Seine Schreie verhallten im Knebel. Der Raum war ja eh schalldicht! Solle er ruhig schreien. Die anderen würden es, sofern überhaupt jemand etwas bemerken würde, mit einem wissenden Lächeln kommentieren. Oh ja, da hatte jemand mal richtig Spaß! Und somit gönnte auch ich ihm dieses Vergnügen aus tiefster Seele.


 


Ganz langsam beträufelte ich seinen gesamten Körper mit eiskaltem Absinth. Der Gute sollte es sein, mindestens 77 Promille! Der brennt so schön und hatte uns in der Anfangszeit unserer Beziehung zu vielen netten Lustspielen im Bett animiert. Kurz schwelgte ich in wohliger Erinnerung… Ich zeigte ihm die Flasche mit sinnlichem Lächeln. Komisch, nun schaute er gar nicht so erfreut. Diesmal gab es Cocktail flambiert. Ich leckte ein wenig dieser Köstlichkeit direkt aus seinem Schoß – bevor ich die Zigarette danebenlegte, mich lächelnd umdrehte, noch einmal locker mit Brüsten und Po wackelte und danach ganz entspannt hinter mir die Tür der "Heißen Gruft" verschloss. Der Name war also für meinen Gatten zum Programm geworden. Solle er es auskosten, bis es für ihn statt heiß nur noch endlos kalt wurde…


 


Ich freute mich schon auf die Schlagzeile morgen, wenn es in seinem Lieblingsblatt hieß: "Unglück im Studio 69 – mehrere Tote und Verletzte nach unachtsamen Zigarettenbrand."


 


Er hatte sich doch immer so sehr einen Zeitungsauftritt gewünscht – doch leider war seine Arbeit zu Lebzeiten nie gut genug gewesen, als dass jemand über ihn berichtet hätte…


 


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Daniela Möller Mörderischer Tango

 


Widerwillig zog ich meine schwarzen Schuhe an. Sie waren hart und eng. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick auf meine ausgelatschten Sneakers, während ich den Schnürschuh zuband.


„Kommst du, Max? Wir müssen los.“ Eva schien ein Kleid zu tragen, denn unter ihrem schwarzen Mantel traten nackte Beine zum Vorschein. Na ja, fast nackte. Eine Strumpfhose wird sie wohl angehabt haben. So schick hatte ich meine Kollegin noch nie gesehen.


„Ja, ich komme“, mürrisch zog ich die Haustür zu und folgte ihr zum Wagen. Ich hasste bestimmte verdeckte Ermittlungen und diese war ganz sicher einer davon.


„Ist doch eigentlich ganz praktisch. Wir ermitteln und gleichzeitig lernen wir noch was dabei“, redete sie freudestrahlend als wir durch die Stadt fuhren.


„Total praktisch, als wenn man das zum Leben bräuchte. Tze.“


 


Was hatte sich unser Chef nur dabei gedacht? Gut, es galt drei Morde aufzuklären und allem Anschein nach handelte es sich um einen Serienkiller. Alle Frauen hatten aufgeschlitzte Beine und eine durchtrennte Kehle, sie trugen in der Mordnacht alle ein Kleid. Ansonsten waren sie aber grundlegend verschieden. Der Mörder hatte es nicht auf eine bestimmte Haarfarbe oder Größe oder sogar Statur abgesehen. Was alle aber gemeinsam hatten: Sie hatten das gleiche Hobby.


Mir wurde schlecht, als ich mir die Bilder der toten Frauen ins Gedächtnis rief. Aufgeschnittenes Fleisch aus dem jede Menge Blut gelaufen war, bevor der Mörder Erbarmen hatte und den tödlichen Schnitt durch die Kehle vollzog.


Wieso mussten ausgerechnet wir diesen Fall bekommen? Ich kramte in meiner Jackentasche nach einem Kaugummi und steckte ihn mir in den Mund.


 


Wir waren da.


Friedvoll und einladend erschien das Gebäude, in dem der Mörder seinen Umlauf nahm. Wir traten ein und zogen unsere Jacken und Mäntel aus. Ich hätte Eva wohl aus ihrem Mantel helfen sollen, aber ich war zu sehr mit der Abneigung beschäftigt, was ich gleich tun sollte. Sie kannte mich schon zwei Jahre, daher erwartete sie keine besonderen Gentleman-Gesten von mir.


 


„Sieht das nicht toll aus?“ Ihre Augen strahlten. Mein Blick fiel über ihr schwarzes enges Kleid. Ich wusste gar nicht, dass sie so eine gute Figur hatte.


„Willkommen in der Tanzschule. Zu welchem Kurs haben Sie sich angemeldet?“, begrüßte uns eine junge Frau, die hier wohl ihre Ausbildung machte.


„Zum Tangokurs“, erledigte Eva die Formalitäten. Ich sah mich derweil in der Tanzschule um. Lauter Menschen, die strahlten, um endlich tanzen zu lernen oder um es, dank einiger Kurse, endlich zu können. Ich war wohl der einzige, der dazu gezwungen wurde.


Wo steckte denn wohl unser Verdächtiger?


Alle drei Opfer hatten an dieser Schule einen Tangokurs besucht und zwar bei dem gleichen Lehrer, den wir bekommen würden. Unsere Kollegen hatten ihn schon verhört, aber nichts heraus bekommen. Dafür wurden wir nun eingeschaltet. Das hätte auch gern jemand anderes machen können. Unruhig hüpfte ich von einem Bein aufs andere, ich war diese blöden Schuhe nicht gewohnt. Das letzte und einzige Mal hatte ich sie bei der Hochzeit meiner Schwester an. Tja, mittlerweile waren sie wieder geschieden. Wozu dann der ganze Zirkus erst?


„Kommen Sie hier entlang, dort ist Ihr Tanzsaal.“


Eva und ich folgten der jungen Frau und mein Blick fiel sofort zu einem Mann, der bei der Musikanlage stand. Schwarzes Hemd, schwarze Hose. Zurückgegelte schwarze Haare, das musste der Tanzlehrer sein. Er wirkte nicht besonders kräftig, aber die Vermutung lag nahe, dass er die Frauen beim Tanzen getötet hatte. Sie hatten keine Abwehrspuren an ihrem Körper.


Die anderen Tanzpaare standen schon in einem Kreis aufgestellt, Eva und ich taten es ihnen gleich.


Der Tanzlehrer trat mit einer Schülerin in die Mitte und erzählte ein paar Worte zum Tango, bevor er den Unterricht begann.


„Nach vorne, du musst nach vorne gehen“, korrigierte mich Eva.


„Ist doch egal.“


„Nein, das ist nicht egal.“ Eva wurde ein wenig zornig, weil sie mit mir nicht weiter kam.


„Eigentlich schon“, kam der Tanzlehrer zu uns. „Der Herr hat schon recht. Eigentlich ist es im Tango egal, wie rum man geht. Das darf der Herr entscheiden, jedoch sollten wir mit dem Austaxieren erst später beginnen. Für den Anfänger ist es leichter, sich erst mal eine bestimmte Schrittfolge zu merken. Fangen Sie noch mal von vorne an. Rück, seit, vor, vor, seit, schließen. Ja, geht doch.“ Er ging weiter zum nächsten Paar.


Super, er hatte mir die Schritte ja auch vorgesagt. Ich hatte keine Zeit, mir das zu merken, viel mehr war ich beschäftigt, den Widerling zu überführen, wenn der wüsste.


„Aua!“


Ups, ich war Eva auf den Fuß getreten.


In der Pause setzten wir uns alle an die Theke und löschten unseren Durst.


Der Moment würde kommen. Der Tanzlehrer ging von einem zum anderen Paar, um ein kurzes Schwätzchen zu halten.


„Sie machen das schon sehr gut - und Sie lassen sich bitte nicht entmutigen, Sie sind noch ein wenig zu verkrampft. Versuchen Sie nicht so viel nachzudenken, dann geht es viel leichter.“


Bevor ich etwas erwidern konnte, begann Eva schon zu reden.


„Danke, ich habe den Tipp von meiner Freundin bekommen, die schwärmte schon seit Wochen von Ihnen.“


„Wie heißt Ihre Freundin denn?“


„Maria“, Eva schluchzte, „sie ist letzte Woche gestorben.“


„Was? Maria ist tot?! Sie war doch höchstens Mitte dreißig!“ Der Tanzlehrer sah Eva mit entsetztem Gesicht an.


Lügner.


„Umgebracht. Sie wurde getötet!“ Evas Weinen wurde stärker.


„Das gibt’s doch nicht. Und ich hab mich schon gewundert, dass sie Dienstag beim Fortgeschrittenen Kurs nicht mit dabei war, sie wollte unbedingt weiter machen.“ Bestürzt sah der Tanzlehrer zu Boden. Er spielte seine Rolle echt gut, aber mir konnte er nichts vormachen. Eva schluchzte noch lauter und ließ sich in meine Arme fallen. Ich tat so, als würde ich sie trösten.


„Sie ist echt fertig deswegen. Der Mörder läuft nämlich immer noch frei rum“, sagte ich über ihren Kopf hinweg.


„Schrecklich.“


„Marcel, die Pause ist um“, kam seine Schülerin zu uns und warf einen flüchtigen Blick auf die weinende Eva in meinen Armen.


„Ja, ja, ich komme“, er schüttelte seinen Kopf, als könnte er damit das eben Gehörte vergessen und ins Alltagsgeschehen wieder übergehen.


„Wir kommen gleich nach“, sagte ich ihm, als er sich zu uns noch einmal umdrehte.


Eva wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und fuhr mit ihren Händen durch ihre braune Lockenmähne.


„Du solltest Schauspielerin werden.“


„Seine Reaktion sah echt aus, findest du nicht?“, überging sie meine Bemerkung.


„Alles nur Mache, so wie du ja auch. Wir müssen ihn weiter damit konfrontieren und ihn nervös machen, bis er sich verplappert.“


Wir gingen zurück zum Kurs und beendeten die zweite Halbzeit.


 


In der Woche darauf hatte ich natürlich schon wieder alles vergessen. Eva erzählte mir, dass sie allein in ihrem Wohnzimmer geübt hatte. Das könnte mir nicht passieren.


Dieses Mal trug sie ein royalblaues Kleid mit weitem Ausschnitt. Ihre braunen Locken waren hochgesteckt. Meine Hände kribbelten, als ich sie in der Tanzposition umfasste. Ihr zierlicher freier Nacken schrie förmlich danach, von mir geküsst zu werden. Was war denn bloß los mit mir?


Die Musik erklang und zum ersten Mal wusste ich, was es hieß, den Tango zu fühlen. Mein Herz zitterte, meine Beine wurden weich. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf unsere Körper, die sich im Einklang bewegten. Ihr Parfüm raubte meine Sinne, ich hätte so gern meinen Händen erlaubt, mehr von ihr zu berühren.


„Sehr gut!“, ging der Tanzlehrer an uns vorbei und holte mich aus meiner Trance. Prompt trat ich ihr auf den Fuß.


„Mmpfh.“ Sie beschwerte sich nicht, ein flüchtiger Blick in ihre Augen verriet mir, dass sie eben auch auf einer anderen Bühne getanzt hatte.


„Wir wollen eine neue Figur lernen“, kündigte der Tanzlehrer an, als das Lied zu Ende war.


Wir stellten uns auf, um die Figur anzusehen und nachtanzen zu können. Ich brachte Eva gleich in die richtige Position, erst gucken, dann nachmachen – das würde ich mir doch wieder nicht merken. Also gleich mitmachen.


„Die Frau streckt jetzt ihr Bein. Und wenn der Herr möchte, kann er die Figur noch ein wenig ausschmücken.“


Eva machte es der Schülerin nach und ging etwas in die Knie und streckte ihr anderes Bein lang durch. Wie mechanisch ahmte ich die Bewegungen des Tanzlehrers nach. Als ich dabei meine Hand zärtlich über ihr gestrecktes Bein strich, lief es uns heißkalt den Rücken runter. Erschrocken sahen wir uns an. Das musste die Figur gewesen sein, bei dem der Mörder die scharfe Klinge in die Beine seiner Opfer gerammt hatte, um sie von unten nach oben aufzuschlitzen. Wir ordneten uns und standen gerade vor uns. Eva zupfte vor Nervosität an ihrem Kleid. Die Situation war schon etwas unheimlich. Wir wussten jetzt wie der Mörder tötete, aber wir konnten ihn noch nicht überführen.


In der Pause gab es diesmal leider keine Möglichkeit, unauffällig mit dem Tanzlehrer in ein Gespräch zu kommen, er war im Büro verschwunden.


„Mir war gerade schon ein wenig anders“, gab Eva zu, als sie ihr Wasser trank.


„Mir auch.“


„Obwohl es eigentlich eine schöne Figur ist.“


Bildete ich mir das ein oder sahen ihre rehbraunen Augen mich tatsächlich ein wenig zu lang an, als es von Nöten gewesen wäre?


 


Es ging in die zweite Runde.


Die Musik erklang und mein Blick fiel in ihr Dekolleté. So nah konnte ich ihre handvoll großen strammen Brüste erkennen, für einen Mann unmöglich, da noch klar bei denken zu können.


Mein Gesicht errötete und ich musste tief einatmen, um mich unter Kontrolle zu bringen. Tango war wirklich eine gefährliche Mischung. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, wir waren Kollegen, basta.


Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass auch Eva sich irgendwie anders verhielt. Kleine, kaum auffallende andere Gesten, für einen kurzen Moment längere Blicke und ihr Körper presste auch ein wenig enger an meinen als noch letzte Woche.


Als die Stunde vorbei war, verschwand ich sofort aufs WC. Ich brauchte dringend kaltes Wasser zum abkühlen. Beruhig dich, Max, sagte ich zu mir selbst. Es war wie verhext, plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge lauter Szenen, in denen sie lachte, in denen wir uns kollegial berührten und erst recht die Szenen vom Tanzen.


Nachdem ich mich so einigermaßen wieder in den Griff hatte, ging ich raus, um zu ihr zurück zu gehen und sah noch, wie ein anderer Mann mit ihr gesprochen haben musste und sich gerade zum Gehen wandte.


„So, wir können. Hattest du Gelegenheit, mit dem Tanzlehrer zu sprechen?“


„Nein, leider nicht. Aber nächstes Mal gehe ich direkt auf ihn zu. Es gab seit zwei Wochen keine Tote mehr, das wird nicht mehr lange anhalten. Es muss ihn schon förmlich in den Fingern jucken.“


„Grausige Vorstellung“, sagte ich, als wir die Tanzschule verließen.


Im Auto dann, als ich mich verabschiedete um auszusteigen, war es, als wüssten wir nicht so recht, wie wir uns verabschieden sollten. Unbeholfen versuchte ich eine freundschaftliche Umarmung, was im Auto sitzend wirklich nur krampfhaft rüberkommen konnte. Und doch hielt sie mich ein wenig fest, als ich die peinliche Geste lösen wollte. Unsere Gesichter waren ganz nah nebeneinander. Meine Lippen vibrierten fast vor Verlangen, ich spürte, wie sie mit ihren zarten Fingern an meinem Nacken strich und bekam an der Stelle sofort eine Gänsehaut, gleichzeitig wurde mir ganz heiß. War die Geste beabsichtigt oder ein Versehen von ihr?


Ich wollte mir die Blöße nicht geben, wenn das Letztere zutraf und stieg aus.


 


Es war eine unruhige Nacht. Ich konnte es kaum erwarten, am nächsten Tag auf die Dienststelle zu kommen. Und hatte prompt vergessen, dass sie sich den Freitag frei genommen hatte. So ein Mist. Es ließ mir keine Ruhe, ich musste wissen, ob sie ähnlich fühlte wie ich. Wie lange konnte ein Mann seinem Verlangen schon trotzen? Dann lieber ein Ende mit Schrecken.


 


Also ging ich kurzerhand mit einer Flasche Rotwein abends los, um zu ihr zu gehen. Ein Auto besaß ich nicht. Es war eine kühle und feuchte Nacht. Nachmittags hatte es geregnet. Nicht viele Menschen gingen jetzt schon wieder nach draußen, sondern machten sich einen gemütlichen Abend auf dem Sofa.


Als ich bei Eva ankam, wollte ich schon auf die Klingel drücken, als ich Licht aus ihrem Wohnzimmerfenster sah. Wie ein Stalker schielte ich in das Fenster, um sie zu beobachten. Und dann das!


Sie tanzte mit einem anderen Mann! Ihre Körper waren eng beieinander! Hatte ich mir doch nur alles eingebildet? Wieso tanzte sie Tango mit dem? Wütend drehte ich mich um und überlegte, die Flasche in die Ecke zu schmeißen. Beinah hatte ich mich zum Deppen gemacht. Wie konnte ich nur denken, dass sie für einen so mürrischen Typen wie mich Interesse haben könnte? Wahrscheinlich hatte die Ermittlung für sie mehrere Vorzüge. Sie lernte mit mir Tango, um ihrem Liebhaber etwas bieten zu können. Was war das bloß für 'n Typ? Sie hatte nicht ein einziges Wort über ihn verloren. Widerwillig drehte ich mich doch wieder um, um mir den Vogel genauer anzusehen.


War das nicht der Kerl aus der Tanzschule? Als ich auf der Toilette verschwunden war? Sie drehten sich beim Tanzen und ich konnte sein Gesicht komplett sehen. Natürlich war er es! Er führte sie in die neue Figur, Eva ging etwas ins Knie und streckte ihr Bein – da sah ich etwas aufblitzen in seiner rechten Hand und ehe ich nur einen Atemzug machen konnte, rammte er ihr die Klinge in den Unterschenkel! Eva schaltete sofort und stieß ihn von sich weg. Wütend ging er auf sie zu, sie versuchte sich zu wehren, kämpfte. Ich fing an, wild am Fenster zu klopfen.


„Eva, lass mich rein!! Ich bin’s! EVA!!“


Schon klar, ich war Polizist und bat eine um ihr Leben ringende Frau mich rein zu lassen, damit ich ihr helfen konnte. Es ist einfach unfassbar, was Hormone mit einem anstellen können. Ich spürte diesen stechenden Schmerz in meiner Brust, konnte nicht sagen, ob mir kalt oder heiß vor Entsetzen war. Für einen Moment war ich einfach wie gelähmt. Dann schnappte ich mir einen Stein und warf die Scheibe ein. Drückte mich auf die Fensterbank hoch und sprang ins Wohnzimmer. Eva blutete an mehreren Stellen, trotz ihrer guten Ausbildung war der Mann ihr ebenbürtig. Ich ging dazwischen und haute ihm mit voller Wucht meine Faust in die Fresse. Er baumelte leicht zurück, war zäh wie ein Bulle und startete einen neuen Angriff. Diesmal wollte er wohl zunächst mich beseitigen, um dann in Ruhe sein Ritual zu Ende zu bringen. Ob er mal im Boxring gekämpft hatte? Ganz unbeholfen war er nämlich nicht. Ich konnte seinen Messerangriff abwehren, bekam dafür aber seine Linke in die Magengrube und sank kurz auf die Knie. Er wollte meine kurze Kampfunfähigkeit ausnutzen und mir das Messer in den Hals rammen, doch ich schlug im rechten Moment gegen seinen Arm und das Messer fiel ihm aus der Hand und rutschte über das Laminat. Beide hetzten wir auf das Messer zu, um es zu ergattern, doch leider war er dichter dran, schnappte es und hielt es mir sofort an die Kehle, so schnell konnte ich gar nicht gucken.


„Fallen lassen“, hörte ich den harten Befehlston von Eva.


Ich versuchte mich umzudrehen, um sie mit meinen Augen erfassen zu können. Sie stand da, Blut tropfte aus ihrem Bein, an ihrem Arm und aus ihrer Wange, in den Händen hielt sie fest umklammert ihre Dienstwaffe, die sie während unseres Kampfes aus ihrem Versteck geholt haben musste.


„Ich sagte, fallen lassen!“


Der Typ schien krank zu sein, er griente nur höhnisch und drückte mir das Messer noch fester gegen den Kehlkopf.


Evas Blick huschte von meinen Augen zu seinen. Schweißperlen rannen ihr übers Gesicht. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wir waren so dicht beieinander, dass es ein Risiko war, den einen zu überführen und den anderen gleichzeitig nicht zu verletzen.


Ich drückte einmal zuversichtlich meine Augen zusammen. Sie holte ein wenig Luft und tat es mir gleich. In derselben Sekunde ertönte der Schuss und die Kugel zog an meinem Gesicht vorbei. Blut spritzte mir ins Gesicht, aber der Druck vom Kehlkopf war weg. Mein Herz pochte wie verrückt in meiner Brust, das war wirklich ganz knapp gewesen, auch wenn ich ihren Schießkünsten vertraute.


„Oh Gott!“ Bleich ließ sich Eva auf die Knie sinken und schluchzte. Ich robbte zu ihr.


„Hey, alles ist gut. Er ist tot, du hast mich nicht erwischt.“


Sie heulte kurz ihren Schock an meiner Schulter aus.


„Wenn ich dich erwischt hätte, ich hätte… aber der Typ hatte so 'n irren Blick, ich glaub, er hätte jeden Moment zugestochen.“


„Es war Notwehr. Du hast genau richtig gehandelt. Gut, dass er dich nicht überrumpeln konnte.“ Schnell betrachtete ich ihre Schnittwunden, die Gott sei Dank nicht tief waren. Die am Bein musste vielleicht genäht werden, aber das würde schnell wieder verheilen.


„Max, ich hatte so eine Angst.“


„Das ist ja auch etwas völlig anderes. Ob man im Einsatz einer Gefahrensituation ausgesetzt ist, wo man sich mehr oder weniger darauf vorbereitet oder ob man selbst heimtückisch in den eigenen vier Wänden überrascht wird“, versuchte ich ihr die Selbstzweifel zu nehmen.


„Ich hatte Angst um dich“, gab sie zu und sah mir tief in die Augen.


Da wusste ich es. Ich nahm ihr Gesicht in beide Hände und nach einem kurzen intensiven Blickkontakt küsste ich sie.



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