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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Götterfluch, Birgit Gürtler
Birgit Gürtler

Götterfluch



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870 n. Chr. Palenque, Mexiko Wie ein steinernes Grab tat der unterirdische Fluss seinen Schlund auf und trug zwei Boote in einer schnellen Strömung, tief in ein Labyrinth aus Wasserstraßen und Höhlen hinein. Beinahe geräuschlos zogen die Männer ihre Paddel durch das Wasser. Die Feuer ihrer Fackeln spendeten ein spärliches Licht, das über die Felswände, gleich Geistern aus dem Totenreich, zuckte. Cuauthémoc, der Priester, hockte am Bug des Kanus. Aufmerksam beobachtete er den Verlauf der Strecke. Dabei blickte er aufmerksam zu allen Seiten, die sie passierten. »Wie weit mag es noch sein?«, fragte einer der Krieger. Seine Stimme klang fest, doch Cuauthémoc spürte die Beklemmung darin. »Wir sind bereits ganz nahe. Die Götter des Himmels werden uns den Weg zeigen«, antwortete er entschieden. Cuauthémocs Hand ruhte auf seiner Axt, mit den Fingern zog er die geschärfte Klinge aus Obsidian nach. Bilder vergangener Schlachten stiegen in ihm hoch. Wie alt er geworden war! 6 Er blickte zurück, um sich zu vergewissern, dass das zweite Kanu nicht zurückfiel. Im Schein der Feuer gewahrte er die entschlossenen Gesichter, das kampflustige Funkeln ihrer Augen. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass diese Männer ihn begleiteten. Sie Federschmuck und farbenprächtige Kleidung gegen die einfachen Baumwollsachen ausgetauscht hatten, um ihm ins Ungewisse zu folgen. In die Unterwelt von Xibalbá. Konnte er mit den wenigen Männern überhaupt einen Sieg erringen? Alle anderen Priester hatten ihn enttäuscht und sich dem Volk angeschlossen, das aus der Stadt flüchtete. Seine Hände ballten sich zu Fäusten bei dem Gedanken an ihre Kleingläubigkeit. Sie mussten doch wissen, dass die todbringenden Kreaturen der Unterwelt den Menschen nachfolgen würden. Der wasserführende Tunnel verbreiterte sich. Das felsige Ufer und die dahinterliegenden Gesteinsmassen boten mögliche Verstecke, die sie nicht einsehen konnten. Schemenhaft schälten sich bunte Bilder an den Wänden aus der Düsternis. Tonkrüge und Tierschädel 7 lagen aufgebahrt in kleinen Nischen und zeugten von einem spirituellen Leben an diesem unwirklichen Ort. Die Stille strahlte etwas Bedrohliches aus, als warne sie die Eindringlinge, weiter in das verbotene Reich vorzudringen. Die Kanus glitten um eine Kurve. Schatten erwachten hinter den Felsen. Der Priester gab ein Zeichen, mit dem Paddeln innezuhalten. Alle griffen zu ihren Waffen. Cuauthémocs Sinne schärften sich. Gebannt lauschte er dem Geräusch von knirschenden Steinen. Waren das Schritte? Ein Wächter brach aus der Dunkelheit hervor. Wie im Wahn stürzte er sich auf die schwankenden Boote. Der Anblick des muskelbepackten Körpers ließ die Krieger entsetzt aufstöhnen. Cuauthémoc spannte die Sehne seines Bogens. Zischend flog der Pfeil davon und traf den Angreifer in die Brust. Mit einem Klatschen fiel dieser ins Wasser, wo sein Blut in breiten Wolken auseinandertrieb. Cuauthémoc sprang auf. »Seht! Weder Magie, noch Göttlichkeit liegt in diesen Kreaturen.« 8 Die Haltung der Krieger änderte sich schlagartig. Kampflustig rissen sie Äxte und Bögen in die Höhe. Die Strömung ergriff den Körper und trug ihn fort. Die Krieger flüsterten aufgebracht miteinander. Nie waren sie den Wesen begegnet, die die Unterwelt bewachten. Cuauthémoc gab Befehl wieder zu den Paddeln zu greifen. Sie fuhren jetzt zügiger durch das Wasser, ohne Rücksicht auf irgendwelche Geräusche zu nehmen. Abzweigende Tunnel tauchten auf. »Wir folgen der Strömung!«, befahl Cuauthémoc. Schmale Stollen, die sie immer enger zu umschlingen schienen, erweckten den Anschein, den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Trotz seiner inneren Zweifel beharrte er darauf, dem Lauf des Wassers zu folgen. An manchen Stellen zogen sie die Köpfe ein, um nicht an die felsige Decke zu stoßen. Plötzlich wurde es heller und der Tunnel verbreiterte sich. Der Fluss mündete in einer von Licht erfüllten Halle. Eine bizarre Schönheit aus Stein und Kristall. In die Höhlenwände waren stuckverzierte Balkone, Reliefs und Muster 9 eingearbeitet. Kristallfiguren in allen Größen, bis zu lebensechten Darstellungen von Tieren, waren in den Nischen der Wände platziert. Licht ging von ihnen aus, das die Farben der Wandbilder erleuchtete. Cuauthémoc entdeckte den heiligen Gegenstand sofort. Er lag aufgebahrt auf einer Steinsäule in der Mitte der Halle. Ein Schädel aus Kristall, etwas größer, als der eines normalen Menschen und an der Hinterseite um das Doppelte verlängert. Aus den Augenhöhlen drangen rote Lichtstrahlen, die wiederum Kristallschädel anleuchteten. Sieben Stück reihten sich nebeneinander und lagen auf einem steinernen Tisch gegenüber. Schädel, die dem eines Menschen nachempfunden waren. Die Bewohner dieses Ortes schienen zu ahnen, worauf die Eindringlinge es abgesehen hatten und positionierten sich in die Nähe der Säule. Ein weiteres Dutzend wandte sich ihnen zu, bewaffnet mit Messern und Äxten. Cuauthémoc entdeckte ihren Anführer. Er war schlank und trug eine lederne, mit Edelsteinen besetzte Schürze. Aus honigfarbenen Augen funkelte er die 10 Eindringlinge an und zog dabei langsam eine stabförmige Waffe. Ein roter Lichtstrahl ging von ihr aus. Wie die Strahlen der Sonne und die Klingen der Messer zerschnitt sie Raum und Fleisch. Fassungslos beobachtete Cuauthémoc, wie zwei seiner Krieger, die ihm seit ihrer Kindheit vertraut waren, die Gliedmaßen abgetrennt wurden. Blutüberströmt sackten sie in sich zusammen und schrien gequält. Cuauthémoc gewahrte, dass auch seine anderen Krieger strauchelten. »Kämpft!«, brüllte Cuauthémoc und stürzte auf den fremdartig Bewaffneten zu. Geschickt wich er der seltsamen Waffe aus, indem er hinter einem Felsen in Deckung ging. Stein zerbarst unter dem feurigen Strahl der Waffe. Die Staubwolke tarnte Cuauthémocs Angriff. Nahe vor dem Feind kam er wieder zum Stehen. Die Augen des Unterweltbewohners schienen zu glühen und jeder Muskel war zum Zerreißen gespannt. Der Priester holte mit seiner Axt aus und traf den Arm seines Feindes. Ein gequältes Stöhnen entwich dessen Kehle. Der Feuerstab entglitt seiner Hand und fiel zu Boden. Cuauthémoc holte erneut aus. Mit dem zweiten Schlag traf er ihn an der Stirn. Durch 11 die Wucht trieb er die Klinge tief hinein und spaltete den Schädel. Ohne weitere Gegenwehr fiel der Feind zu Boden. Cuauthémoc griff sich den Schild, den der Kämpfer bei sich getragen hatte, und stürmte sogleich in die Wogen des Kampfes. Seine Krieger hatten sich in verschiedene Lager aufgeteilt. Die Bogenschützen standen hinter denen, die vergiftete Pfeile aus den meterlangen Blasrohren schossen. Auf beiden Seiten hatte es schwere Verluste gegeben. Ein unbeschreibliches Massaker, das er seit den Tagen des Krieges nicht mehr gesehen hatte. Blutlachen färbten das Gestein rot, die Kämpfenden stolperten inmitten der Leichen und abgetrennten Glieder. Niemand beachtete mehr den Kristallschädel. Cuauthémoc stürzte zur Säule. Er war bereits auf Armlänge herangekommen, als er meinte, den wachsamen Blick eines Wächters in seinem Rücken zu spüren. Er wirbelte herum, konnte aber nichts entdecken. Er streckte die Hände nach dem unheimlich leuchtenden Schädel aus. Ein Bersten von Stein neben ihm ließ ihn zurückweichen. Einer der todbringenden Strahlen hatte ihn nur knapp verfehlt. Instinktiv riss Cuauthémoc 12 den schweren silbernen Schild vor sich. Ein weiterer Lichtstrahl traf darauf, ohne, dass er etwas davon spürte. Der Strahl wurde zurückgeworfen. Eine mächtige Feuerwolke riss einen Krater in das Gestein, wo der Schütze gesessen haben musste. Hastig riss Cuauthémoc den Schädel von seinem Podest. Die roten Strahlen aus den Augäpfeln verschwanden und gleichzeitig nahm das Licht der Höhle zur Hälfte ab. Hastig stopfte er den Schädel in seine Tasche. Dann rannte er, so schnell er konnte, zurück in die Schlacht. Das Geschrei und Stöhnen der Kämpfenden erfüllte alles um ihn herum. Die Wächter hatten die Distanz zu den Kriegern verringern können. Die wenigen Übriggebliebenen waren gezwungen, mit der Axt zu kämpfen. Cuauthémoc ging hinter einem Stein in die Hocke und legte das Blasrohr an. Er hatte nur noch diese eine Chance. Sollte er versagen, war ihr Kampf umsonst gewesen, das Leben vieler nutzlos geopfert worden. Seine Hände zitterten. Er griff in seinen Brustbeutel und schob den ersten vergifteten Pfeil in das Blasrohr. Jeder seiner Pfeile traf. Zusammensackende Körper bedeckten schon bald den Boden. Doch die Meute hatte ihr 13 Angesicht auf ihn gerichtet, sein Schlupfloch entdeckt. Ihre glühenden Augen fixierten ihn. Sie setzten zum Angriff an. Zwischen ihm und den Wächtern stand nur noch ein Krieger. Er warf sich den Kreaturen entgegen und riss zwei in den Tod, bis auch er übermannt wurde. Mit bloßen Händen brachten sie ihn zu Tode, wie ein Rudel Wildtiere, das über ihr Opfer herfiel und es zerfleischte. Die übriggebliebenen Wächter stürzten sich auf Cuauthémocs Versteck. Die Giftpfeile bohrten sich in ihre Muskeln und ließen sie niedersinken. Ein Wächter blieb aber übrig. Er nahm Deckung hinter den Steinen und toten Körpern. Er kroch näher, bis nur noch ein geringer Abstand zwischen ihnen lag. Cuauthémoc wich zurück und ließ das Blasrohr fallen. Die Entfernung war bereits zu gering, um ihn damit abzuwehren. Eine Masse aus Muskeln richtete sich auf und stürzte sich auf ihn. Cuauthémoc schleuderte die Axt. Ein dumpfes Geräusch entstand, als die Klinge in die Rippen getrieben wurde und sich tief in dessen Brust bohrte. Ein Blutstrom färbte die Gestalt rot, die taumelnd zu Boden fiel. 14 Schwer atmend schritt Cuauthémoc durch die toten Leiber. War noch jemand am Leben? Seine Augen blickten umher, doch er konnte nichts als grausame Vernichtung entdecken. Ein schwaches Stöhnen ließ ihn aufblicken. Einer seiner Krieger saß verletzt am Boden, angelehnt an einen Stein. Klaffende Wunden bedeckten seinen gesamten Körper. »Wir haben gesiegt!«, hauchte er und verzog sein Gesicht zu einem gequälten Grinsen. Cuauthémoc ging neben ihm in die Hocke. »Ja, wir haben gesiegt«, antwortete er und legte die Hand auf seinen Kopf. »Geh nur und bring es zu Ende. Ich werde zu den Göttern aufsteigen und dort auf dich warten.« Der Priester nickte wortlos und bestieg dann eines der Kanus. Mit letzter Kraft steuerte er durch das unterirdische Labyrinth. Als er die dunkle Welt hinter sich ließ und ins Freie trat, empfing ihn heiße, mit Feuchtigkeit geschwängerte Luft. Cuauthémoc schleppte sich durch den dicht bewachsenen Wald. Seine Kehle brannte vor Durst und seine Glieder schmerzten, als er den verlassenen Tempel erreichte. Steine waren an vielen Stellen aus den Mauern 15 herausgebrochen und Pflanzen begannen, das Gebäude zu bezwingen. Hier hatte er mit seinen Kriegern einen alten Schacht freigelegt, der dazu gedient hatte, die darunterliegenden Gänge mit Luft zu versorgen. Ein Erdbeben hatte die unterirdische Anlage verschüttet, der richtige Ort, um den Kristallschädel für immer zu verbergen. Cuauthémoc ließ den heiligen Gegenstand der Unterweltbewohner hineingleiten und verschloss den Schacht dann mit Steinen, Erde und Lehm, bis nichts mehr von einer Öffnung im Boden zu erkennen war. Erschöpft sank er zu Boden. Niemand durfte je von diesem Ort erfahren. Niemand die Möglichkeit bekommen, ihn zu zwingen das Versteck zu verraten. Er schleppte sich wie in Trance durch den Dschungel, soweit ihn seine Füße trugen. Entkräftet blickte er noch einmal in den blauen Himmel und stürzte sich in sein Messer. 16 2009 n. Chr. Mexiko Die rotierenden Rotorblätter des Hubschraubers dröhnten über der grünen, undurchsichtigen Natur. Leif Boerson stand an der geöffneten Kabinentür eines SA 330 Puma, ein militärischer Transporthubschrauber, der Platz für eine kleine Eliteeinheit bot. Er starrte auf die Baumkronen, die undurchdringlich unter ihm vorbeizogen. Der Flugwind nahm der schwülen Hitze die Kraft und ließ ihn tief durchatmen. Noch etwa zehn Kilometer, dann würden die Männer ihren letzten Sprung in seiner Begleitung machen. Er bildete im Auftrag eines reichen Mexikaners eine Gruppe Halbstarker und Krimineller im Fallschirmspringen aus. Spätestens als Boerson dem Sammelsurium von Kriegsgeräten und dem Mexikaner gegenübergestanden hatte, war ihm bewusstgeworden, dass es sich um den Kopf eines Drogenkartells handelte, der dabei war, eine eigene kleine Armee aufzubauen. Doch diese Tatsache hatte ihn nicht davor zurückschrecken lassen, den Auftrag 17 anzunehmen. Ihm war es egal, wer ihn bezahlte. Heute war sein letzter Tag, worüber er nicht unglücklich war. Der Lohn, eine fünfstellige Summe, lag bereits auf dem Konto seiner Bank, sodass er sich wieder dem Studium der Parasitologie widmen konnte. Dieses Mal jedoch, ohne auf die Almosen seines Vaters spekulieren zu müssen. Ein metallenes Glitzern auf einer Lichtung im Dschungel riss ihn aus seinen Überlegungen. Noch ehe er das Fernglas angesetzt hatte, gab es einen ohrenbetäubenden Knall. »Ausweichen auf neun Uhr!«, brüllte Boerson dem Piloten zu, der versuchte, an Höhe zu gewinnen. Dieser schien keine Notiz von seinem Kommando zu nehmen. Ein weiteres Geschoss eines Granatwerfers zischte längsseits an ihnen vorbei und verfehlte den Hubschrauber nur um wenige Zentimeter. »Verdammt noch mal, zieh den Vogel nach links!« Sein Herz hämmerte hart gegen seine Brust. Er entdeckte den Schützen hinter den Büschen, der bereits zu einem erneuten Schuss ansetzte. Boerson war nicht bewaffnet. Er zog einen der Auszubildenden näher und deutete 18 in Richtung des Schützen am Boden, doch die wenigen Schüsse, die sie noch erwidern konnten, verfehlten in der Hektik und dem Schwanken des Hubschraubers ihr Ziel. Die nächste Granate erwischte sie voll und ganz. Der hintere Teil des Hubschraubers wurde unter ohrenbetäubendem Bersten weggerissen. Der Helikopter begann zu trudeln. Eine schwarze Rauchwolke stieß aus dem zerfetzten Heck. Boerson wusste, sie mussten springen. Wie ein Teppich lag der lückenlose Wald unter ihnen. Wenn sie jetzt sprangen, würden sie sich alle Knochen brechen. Die sonst so harten Männer drängten sich an der Kabinentür zusammen wie verängstigte Weiber. Boerson gab den Befehl sein Kommando abzuwarten. Ihr Protest und Fluchen hielt ihn nicht davon ab, den Absprung hinauszuzögern, um eine wenigstens geringe Überlebenschance herauszuarbeiten. Eine Fläche, die mit Buschwerk bewachsen war, tauchte in einiger Entfernung auf. Das Fluggerät taumelte in der Luft. Der Pilot gab sein Bestes. Ihm blieb nichts anderes übrig, denn er hatte keinen Fallschirm. 19 »Versuch uns dort hinzubringen!«, schrie Boerson und beugte sich zu dem Piloten vor. Zwei der Männer, die panisch die näher kommenden Baumkronen betrachteten, verloren die Nerven und sprangen einfach. Fluchend stürzte Boerson zur Tür, um weitere Narren davon abzuhalten, im Geäst der Urwaldriesen zu landen. »Jetzt!« Boerson winkte einen nach dem anderen raus, bis auch er, nach einem kurzen Blick zum Piloten, heraussprang. Schützend hielt er die Arme vor das Gesicht, als er inmitten von stacheligen Büschen zu Boden fiel. Dornen und Äste kratzten brennend an seinem Körper entlang. Ein Stich fuhr in seine linke Schulter. Der Schirm zerriss und die Leinen verfingen sich im Geäst, bis ein heftiger Ruck durch seine Glieder ging und der Fall plötzlich stoppte. Schmerzerfüllt stöhnte er auf. Sein Blick richtete sich nach unten. Nur noch drei Meter. Er schnitt die Gurte los und landete mit weiteren Verletzungen im Dickicht. Ein dumpfer Knall in einiger Entfernung kündigte den Absturz des Helikopters an. Kurz tauchte das Bild des vor sich hinmurmelnden Piloten vor ihm auf. 20 Boerson zog ein langes Messer hervor und schlug sich zu den verteilt gelandeten Männern durch. Nach einer halben Stunde hatten sich alle gegenseitig aus den verfangenen Gurten und Schirmen befreit und hockten in einer scheinbar undurchdringlichen grünen Stachelhölle. Keiner der zehn Mann, die auf sein Absprungkommando gewartet hatten, war ums Leben gekommen, waren jedoch zum Teil schwer verletzt. Tiefe Schürf- und Schnittwunden überzogen ihre Körper. Blut sickerte aus verschiedenen Wunden. Der Versuch, die zwei Männer, die zu früh aus dem Helikopter gesprungen waren per Funk zu erreichen, scheiterte. Sie antworteten nicht. Nach ihnen zu suchen, verwarf Boerson, noch ehe er wirklich darüber nachgedacht hatte, denn ihre Standorte lagen zu weit voneinander entfernt und es war unwahrscheinlich, dass sie noch lebten. Vor dem Sprung hatte er das Satellitentelefon retten können. Er wählte die Nummer von Ramirez, seinem Auftraggeber. »Hört mir mal zu!«, unterbrach Boerson die Männer, die durcheinander spekulierten, wer auf sie geschossen haben könnte. »Laut 21 Ramirez soll sich nur ein Kilometer von unseren jetzigen Koordinaten entfernt eine Höhle befinden. Dort werden wir morgen früh abgeholt.« Unzufriedenes Raunen und Murren machten sich breit. »Wieso erst morgen früh?«, nörgelte Juan Cortez. Boerson warf ihm einen abwertenden Blick zu. »Es wird bald dunkel.« Zu mehr Worten wollte er sich nicht herablassen. Er hasste dumme Fragen. Als ehemaliger Ausbilder in der schwedischen Armee war er es gewohnt, zu akzeptieren, wer in welcher Situation das Sagen hatte und am längeren Hebel saß und hier war es eindeutig Ramirez. Boerson teilte die Gruppe auf, um die Verwundeten, die nicht mehr laufen konnten, zu tragen. Drei der Männer hatten Beinbrüche oder Schlimmeres. Jeweils zwei trugen einen Verletzten. Boerson ging mit Juan Cortez voran. Mit ihren Messern schlugen sie sich durch das dicht gewachsene Grün, um den Weg von den störendsten Pflanzen zu befreien. Ihre Kleidung klebte am Leib, die sämtliche Moskitos aus der Umgebung anzuziehen schien. Das Surren der Viecher war so laut, 22 dass Boerson unbeherrscht fluchte und immer wieder vergeblich nach ihnen schlug. Die feuchte, heiße Luft drang wie warme Watte in seine Lunge und trieb seinen Puls in die Höhe. Nach einer knappen Stunde tat sich eine Lichtung auf. Schnaufend steckte er das Messer ein. Sie liefen über große Quader, die am Boden lagen und eine glatte Oberfläche bildeten, wie eine Straße. Alte knorrige Brotnussbäume säumten den Weg. Ein untrügliches Zeichen für eine ehemalige Maya-Stätte. »Da vorne ist die Höhle!«, Juan zeigte in Richtung eines Felsmassivs. Ein mannshohes Loch von drei Metern tat sich darin auf. »Wir sollten draußen unser Lager aufschlagen«, schlug einer der Schwerverletzten stöhnend vor. »Wer weiß, was für Viecher dort drinnen hausen.« »In der Höhle wird es kühler sein.« Boerson nahm weitere Proteste, nur noch schemenhaft wahr. Selbst wenn es darin spukte, würde er die Kühle dem grünen Backofen jederzeit vorziehen. »Hier gibt es Wasser!«, rief er von drinnen und ließ sich etwas von dem frischen Nass über die aschblonden Haare laufen und trank einen Schluck. Das Wort Wasser schien alle 23 Bedenken der Männer vergessen zu lassen. Durstig hasteten sie in das Innere der Höhle und tauchten ihre Hände in den kleinen Bach. Boerson verfolgte interessiert den Lauf des Wassers, das unter einer Felswand verschwand und unterirdisch weiterfloss. Die Höhle wirkte unspektakulär. Es roch muffig und außer den nackten, löchrigen Kalksteinwänden und dem glatten Steinboden, gab es hier nichts zu entdecken. Erschöpft ließ er sich in der Nähe des Eingangs zu Boden sinken. »Ich halte die erste Wache. Wir sollten auf Feuer verzichten«, mahnte er, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, dass jemand Holz zusammentrug. Es dämmerte bereits, als einer der Männer plötzlich aufsprang. Er ruderte wild mit den Armen. Es hatte den Anschein, als ob er fantasierte. Er schrie erst, dann lachte er. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht ließ er sich an der Felswand zu Boden gleiten und blieb dann mit geschlossenen Augen sitzen. Boerson sprang auf. Im dämmrigen Licht leuchtete das Weiß, der entsetzt aufgerissenen Augenpaare der Männer hell auf. »Was ist los Enano?«, rief einer, blieb aber wie versteinert am Boden sitzen. Boerson 24 wurde das Gefühl nicht los, dass die Männer abergläubisch waren und sich vor der Höhle fürchteten. Er ging neben Enano in die Hocke. Er war ein kleiner schmächtiger Mann, weshalb sie ihn übersetzt Zwerg nannten. Sein Jähzorn und Prahlen hatte jedoch nichts mit Zwergenhaftigkeit zu tun. Vorsichtig tätschelte Boerson den bewusstlosen Mann. »Er scheint ohnmächtig zu sein«, murmelte er und fühlte daraufhin den Puls. Mit einer Taschenlampe, die nicht größer als eine Zigarette war, leuchtete er Enano in die Augen. Die Pupillen waren extrem geweitet, wie nach dem Konsum einer starken Droge. Ob er sich mit Kokain vollgedröhnt hatte? Ramirez würde das hart bestrafen, wenn dem so war. Etwas glitzerte plötzlich am Nacken des Mannes. Boerson leuchtete dorthin. Ungläubig starrte er auf ein panzerartiges Tier, das fest an Enanos Wirbel hing. Es reflektierte das Licht der Taschenlampe in allen Regenbogenfarben, wie das Innere der Perlmuttschicht einer Muschel. Fasziniert glitt Boerson mit seinen Fingern über den harten, chitinartigen Panzer. 25 »Was hat er denn?«, rief eine verunsicherte Stimme. »Bloß Erschöpfung«, log Boerson, »aufgrund von Wassermangel und Hitze. Morgen ist er wieder fit.« Unauffällig schob er den Kragen des Hemdes hoch und verschloss diesen. Es schien sich um einen Parasiten zu handeln. Vielleicht eine bislang noch unentdeckte Art? Er musste es verheimlichen. Wenigstens bis morgen früh, um das Tier besser betrachten zu können. Er setzte sich zurück an den Höhleneingang. Seine Gedanken kreisten voller Ungeduld. Eine unentdeckte Art mit einem Namen zu benennen, wäre der Zenit seiner Forschungen. Er malte sich bereits das dumme Gesicht seines Vaters aus, der ihm immer nur Kopfschütteln und Abneigung entgegengebracht hatte, seit er den Dienst in der schwedischen Armee quittiert hatte. Er würde ihm in den Arsch kriechen, um von seinem Ruhm kosten zu dürfen, sinnierte er. Ob es hier noch weitere dieser Tiere gab? Was wenn sie die anderen Männer in der Höhle ebenfalls befallen? Er verzog sarkastisch das Gesicht. Es waren alles skrupellose Mörder, oder sie würden bald zu welchen werden. Unzugänglich, jähzornig und 26 undiszipliniert. Was scherte es ihn, was mit ihnen geschah. Leif Boerson blieb die ganze Nacht wach am Höhleneingang sitzen, auch als einer der Männer kam, um ihn abzulösen. Seine Ungeduld auf Tageslicht steigerte sich mit jeder Minute, in der er in die Dunkelheit starrte. Die Sterne am Nachthimmel pulsierten, als wäre das Firmament ein eigenständiger, riesiger Organismus, der auf die Erde hinabstarrte. Boerson war in der Nacht noch ein paar Mal bei dem ohnmächtigen Opfer gewesen, doch der Mann blieb weiterhin bewusstlos. Als es bereits dämmerte, kämpfte Boerson gegen seine müden Augen an. Sie brannten und ließen sich nur noch unter größter Anstrengung aufhalten. Als ein Schrei durch die Höhle hallte, zuckte er zusammen. Mit einem Satz sprang er auf und hastete nach drinnen. »Was ist los?« Die Männer saßen an der gleichen Stelle und blickten verstört zu einem ihrer Kollegen, der am Wasserlauf stand. Er rieb sich wie wild im Gesicht und schabte über seine Stoppeln am Kinn. »Was ist denn los?«, schrie ihn Boerson an. 27 »Da war eine Gestalt aus der Unterwelt«, stammelte er. »Wir müssen hier sofort raus!«, schrie er und wollte sich panisch an Boerson vorbeidrücken, doch dieser hielt ihn am Arm fest. »Immer mit der Ruhe. Was meinst du mit einer Gestalt aus der Unterwelt und wo ist Enano?« Alle blickten verstört zu der Stelle, wo Enano gelegen hatte. Sie schienen erst jetzt zu registrieren, dass er nicht mehr da war. »Es hat ihn mitgeschleift. Am Arm hat es ihn gepackt und in den Fels gezogen. Ein Monster. Eine widerwärtige Kreatur. Riesengroß und hässlich. Wir müssen hier sofort weg!« Seine Erklärung hatte sich von einem verschreckten Stammeln in ein Schreien verwandelt. Hektisch riss er sich von Boerson frei und stürmte hinaus. Boerson musste nicht lange warten, bis auch der Rest der Mannschaft das Innere der Höhle verlassen hatte. Wachsam schlich Boerson etwas tiefer hinein. Bestimmt lauerte irgendwo ein wildes Tier, das Enano als Mahlzeit auserkoren hatte, ging es ihm durch den Kopf. Ein Knirschen ließ ihn herumfahren. 28 Hinter ihm stand Juan und grinste breit. »Ich bin es nur. Obwohl ich auch schon als hässliche Kreatur bezeichnet worden bin.« Sie untersuchten nun zusammen die Umgebung. Einige der Männer kehrten ebenfalls zurück. Aber nichts war zu sehen. Weder Hinterlassenschaften eines Tieres, noch eine Möglichkeit, die Höhle auf anderem Wege zu verlassen. Als Boerson im Hubschrauber saß, der die Mannschaft aus dem Dschungel abholen kam, fluchte er innerlich. Er hatte die Entdeckung seines Lebens gemacht und diese hatte sich einfach so in Luft aufgelöst. Er würde wiederkommen, denn er musste ein weiteres Exemplar ausfindig machen.


 


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