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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Gier eines Ehemannes, Joachim Hausen
Joachim Hausen

Gier eines Ehemannes



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                       Frühlingsblumen


 


 


                         1


 


Der Baustellenleiter Tobias Blau betrat am 29. Januar 2004, einem Donnerstag, den Aufzug im 12-stöckigen Hochhaus in der Dr.-Schier-Straße in St. Ingbert. »Da wird sich meine Frau freuen, dass ich bereits heute von der Baustelle in Ludwigshafen zurückkomme«, murmelte er. »Und auch noch vor vier Uhr. Dank des morgigen Urlaubs, werden wir uns ein gemütliches verlängertes Wochenende gönnen.«


Auf der achten Etage verließ er den Aufzug, zückte den Wohnungsschlüssel und eilte nach links. Der Schlüssel verharrte vorm Schloss. Die Tür flog auf. Die Ehefrau stand, in einen knielangen blauen Wollmantel, mittelblaue Jeans und schwarze Halbschuhe gekleidet, vor ihm. Sie riss die Augen auf und schüttelte sich. Das kupferrote Lockenhaar wallte bis auf die Schultern.


»Großer Gott, Tobias, hast du mich erschreckt!«, stieß sie hervor und fuhr übergangslos fort: »Was ist los? Ist etwas passiert? Du kommst genau zum richtigen Zeitpunkt.«


Herr Blau grinste, packte ihren Kopf und küsste sie auf den Mund. »Keine Hektik, Mariel«, rief er mit fröhlich wirkender Stimme. »Lass mich eintreten und dich aufklären.«


Sie nickte und trat drei Schritte zurück. Er folgte ihr, schloss die Tür und knöpfte seinen dunkelblauen Caban auf.


»Stopp!«, rief sie, sichtlich erregt. »Du musst sofort zu deiner Mutter fahren.«


Tobias grunzte. »Wieso das? Ist ihr etwas passiert?«


»Seit ungefähr zehn Minuten versuche ich erfolglos, sie telefonisch zu erreichen. Ich habe mich nach dem Mittagessen mit ihr verabredet. Ich sollte sie anrufen, bevor ich sie abhole. Wir wollen im Lidl und DM-Markt einkaufen.«


Sie schnaubte und packte ihn an einem Arm. »Fahr rasch hin und sieh nach. Vielleicht ist sie gestürzt.«


Der Ehemann knurrte: »Scheiße! So habe ich mir den Beginn unseres verlängerten Wochenendes nicht vorgestellt.«


»Jetzt geh endlich«, drängte Mariel, drückt ihm den Hausschlüssel der Mutter in eine Hand und schob ihn zur Tür.


Er winkte ab. »Ja, ja, hetz mich doch nicht.« Er eilte aus der Wohnung. »Bin mal gespannt, was die alte Krähe diesmal angestellt hat«, sagte er zu sich auf dem Weg in die Tiefgarage. »Im letzten Juli stürzte sie auf der Stufe zur Eingangstür und brach sich den linken Unterarm.«


Kopfschüttelnd fuhr er los und parkte wenige Minuten später in der Tulpenstraße vorm Haus der Witwe. Er sperrte die weiße Haustür auf, betrat die Diele, warf die Tür zu und brüllte: »Mutter? Wo steckst du?«


Keine Antwort. Die Tür zum Keller stand offen und Licht fiel heraus. Er hängte seinen Mantel an die Garderobe und spähte die Stufen der aus hellem Terrazzo gefertigten Treppe hinab. »Ach du heilige Scheiße!«, stieß er hervor. »Da unten liegt sie. Voll auf die Schnauze gesegelt.«


Er stürmte hinunter. Die 68-Jährige lag, in einen dunkelblauen Hosenanzug gekleidet, auf ihrer rechten Seite. Einer der schwarzen Pumps mit halbhohen Absätzen stand aufrecht neben dem bestrumpften Fuß.


Fluchend trat der Sohn gegen den roten rechteckigen Plastikkorb, der auf einer Breitseite lag. Kartoffeln hatten sich offenbar aus dem Korb auf dem weiß gefliesten Boden des Kellervorraumes verteilt.


»Aha, klarer Fall«, murmelte er. »Sie wollte aus dem Vorratskeller ihre Einkaufskörbe holen und stolperte auf der ersten Stufe über diesen Scheißkorb und stürzte hinunter.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe der dusseligen Kuh mindestens tausendmal gesagt, sie solle den Kartoffelkorb nicht auf der Treppe abstellen. Aber nein, meine stinkfaule Mutter hört ja nicht auf mich. Jetzt hat sie den Salat.«


Er umrundete die Gestürzte, beugte sich hinab und begutachtete ihren Kopf in der Blutlache. Geschlossene Augen. Er hielt den rechten Handrücken gegen den halb geöffneten Mund. »Aha, ein Hauch von Wärme«, flüsterte er. »Sie lebt noch.«


Mit gerunzelter Stirn richtete er sich zeitlupenhaft auf. Er stand wie erstarrt. Im hellen Blau der Augen erschien ein merkwürdiger Ausdruck. Wahn? Gier? Er ging hinter dem Oberkörper der Mutter in die Hocke, griff ins dunkelblond gefärbte Haar und schmetterte den Kopf mit sichtbarer Wucht auf den blutigen Boden. Widerliches Knacken. Weiteres Blut floss. Fasziniert starrte der Sohn auf die schmierige Masse, die aus einem Riss in der unteren Schädelseite quoll. Er ließ den Kopf fallen, sog hörbar Luft ein und atmete aus. Er wartete etwa eine Minute und überprüfte Atmung und Halsschlagader.


»Mausetot«, murmelte er, richtete sich auf und streckte seine 1,74 Meter. Er ging die Treppe hoch, stellte sich im Wohnzimmer an die Terrassentür und starrte in den Garten. Ab und zu sah er auf die Armbanduhr. Nach rund zehn Minuten nickte er, drehte sich um und trat zu dem hüfthohen Schränkchen neben dem Sofa. Mit blutverschmierten Fingern packte er das schnurlose Telefon und rief den Notarzt. Er eilte in die Küche und wusch akribisch die Hände.


Sein Handy zwitscherte. Er verdrehte die Augen und nahm das Gespräch entgegen. »Halt, halt, Mariel!«, sagte er. »Mutter stürzte die Kellertreppe hinab. Ich glaube, sie ist tot. Reg dich nicht auf.« Er lauschte und schüttelte den Kopf. »Ist unterwegs. Nein, du brauchst nicht kommen. Ich regele alles. Einzelheiten erzähle ich dir später.« Er schaltete ab und brummte: »Nervensäge.«


Er öffnete die Haustür. Grauer Himmel. Fünf Grad.


Sirenenplärren näherte sich.


Mit blitzenden Dachlichtern fegte ein Krankenwagen heran. Bremsgeräusche. Die Beifahrertür flog auf und ein schlanker, hochgewachsener Mann mit Halbglatze eilte mit flatterndem Kittel durch den Vorgarten. In der Linken trug er einen Alukoffer. Der Fahrer öffnete die Hecktüren und zerrte eine Rolltrage heraus.


»Kommen Sie schnell!«, rief ein aufgeregt wirkender Sohn.


In der Diele deutete er auf die offene Tür zum Keller. »Meine Mutter. Dort unten.«


Der Arzt stürmte die Treppe hinab. Der Sanitäter stand mit der Trage vor der Haustür.


Der Notarzt kehrte zurück, stellte den Arztkoffer ab, räusperte sich, sah dem betrübt wirkenden Sohn in die Augen und sagte: »Ihre Mutter ist tot.«


Der jetzt Mutterlose krächzte: »Wann ... äh ... ich meine ... wie lange ...?«


»Ungefähr 20 Minuten.«


»Mist«, brummte Herr Blau. »Da ich kam ich nur ein paar Minuten zu spät, um ihr den Kellergang abzunehmen und diesen blöden Korb wegzuräumen. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr sagte, sie solle den Kartoffelkorb nicht oben abstellen.«


Der Arzt nickte nur.


Der Mörder räusperte sich. »Was geschieht jetzt?«


»Ich rufe einen ... Leichenwagen. Im hiesigen Krankenhaus ermittelt man die genaue Todesursache und schreibt den Totenschein. Zunächst warten wir auf die Polizei.«


Blau riss die Augen auf. »Warum das?«


»Vorschrift«, meinte der Arzt. »In derartigen Fällen muss man ein Fremdverschulden ausschließen.«


Minuten später betraten zwei Polizisten die Diele. Händeschütteln. Beileidsbezeugungen. Der Notarzt stieg mit den Beamten die Treppe hinab. Nach ihrer Rückkehr schrieb der schlankere und jüngere Polizist die persönlichen Daten des mutterlosen Sohnes und den Ablauf der Ereignisse, beginnend mit dessen Ankunft zu Hause, in einen Notizblock.


Der dickliche und ältere Beamte fragte: »Verkehrt außer Ihnen und Ihrer Frau noch jemand regelmäßig im Haus und wer besitzt einen Hausschlüssel?«


»Nur wir. Jeden Freitagnachmittag kommt gegen 14:00 Uhr eine Putzkraft.«


Die Polizisten blickten sich an und nickten. Der Dickliche sah Tobias an. »Wir fertigen einen Bericht. Kommen Sie morgen Nachmittag auf unsere Dienststelle und unterschreiben Ihre Aussage.«


Die Beamten verabschiedeten sich. Der Arzt füllte in der Küche ein Formular aus. Herr Blau eilte ins Badezimmer der Mutter. »Will nichts von der unappetitlichen Sache sehen«, brummte er.


Motorbrummen erstarb. Autotüren klappten. Tobias wartete mehrere Minuten. Er drückte die Toilettenspülung und wusch die Hände. Er ging bis zur Diele. Zwei Männer schleppten einen Sarg aus dem Haus. Der Arzt klärte ihn auf und verabschiedete sich.


Herr Blau eilte ins Wohnzimmer und genehmigte sich einen doppelten Birnenschnaps. Er marschierte ins Gäste-WC, betrachtete den schmalen Mann im deckenhohen Spiegel über dem Waschbecken und fuhr mit der Rechten durch das kurze blonde Haar. Er betastete das breite Gesicht, das markante Kinn, die messerschmale Nase und die zu groß geratenen Ohren. »Tobias, du bist wahrhaftig kein Adonis und wirst im Februar bereits 41«, sagte er. »Trotzdem hat dich die neun Jahre jüngere Mariel geheiratet, die scharfe Mariel. Sie kennt sich offenbar mit Männern aus und hat mit dir einen Volltreffer gelandet. Du bist nämlich ein cleveres Kerlchen mit wachem Verstand und rascher Auffassungsgabe und – ein großartiger Liebhaber.«


Der großartige Liebhaber grinste, nickte und fuhr fort: »Mit meiner kreativen Tat habe ich die alte Hexe, die sich Mutter nannte, ausgetrickst. Die erzählte mir doch glatt – nach ihrem Sturz im letzten Jahr – dass sie im Testament die Kirchengemeinde St. Konrad und ein Altersheim mit jeweils 10.000 Euro bedacht habe. Saugemein. Unerhörte Frechheit. Ich bin ihr einziges Kind und mir steht das komplette Erbe zu. Ich konnte überhaupt nicht anders handeln. Jeder Sohn hätte genauso gehandelt, davon bin ich 100-prozentig überzeugt.«


Der Überzeugte grinste erneut und drehte sich um. An der Wand über der Toilette hing ein Spiegelschränkchen. Mit der Rechten tastete Blau am hinteren Ende der Seitenwand entlang. Klicken. Er schwang das Schränkchen nach links. Ein Safe mit einem Zahlenfeld in der Tür erschien. Er lächelte und murmelte: »Die Kombination kann ich nicht vergessen. 280263, mein Geburtstag, und die 36, Geburtsjahr der jetzt toten Hexe.«


Die Tür schwang auf. »Na also, da liegt ja das Kuvert mit dem Testament und der Notgroschen – 2.000 Euro.«


Er legte beides auf den Toilettendeckel. »Die Unterlagen der Wertpapiere interessieren mich momentan nicht«, brummte er und ergriff eines der zwei hölzernen Schmuckkästchen. »Zum Schluss ein Präsent für meine Liebste.« Er öffnete den Deckel, nahm einen der fünf Ringe heraus und hielt ihn gegen das Licht. »Das letzte Weihnachtsgeschenk meines Vaters, bevor ihn im letzten Frühjahr ein Herzinfarkt dahinraffte. 18 Karat Gold und drei Brillanten.«


Der Sohn steckte das Schmuckstück in die Brustasche des rot-blau karierten Flanellhemdes, stellte das Kästchen zurück, schloss den Safe und drückte das Schränkchen in die vorherige Position. Mit Geld und Umschlag eilte er in die Diele, zog den Mantel an, verstaute die Beute in der linken Tasche, verließ das Haus und sperrte dreimal ab. In seinem stahlblauen 3-er BMW Kombi fuhr er mit zufriedenem Gesichtsausdruck los.


In der Wohnung empfing ihn eine aufgeregte Ehefrau. Der Ehemann legte den Mantel ab, umarmte sie, küsste sie gierig, knetete ihren Busen und streichelte den Hintern.


Sie stieß ihn keuchend weg und sagte: »Bist du verrückt, Tobias? Deine Mutter starb vor einer Stunde und du fummelst an mir rum.«


Er winkte ab. »Tot ist tot. Der ist piepegal, was wir treiben.«


Sie verdrehte die Augen. »Jetzt komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer und du erzählst die schreckliche Geschichte.«


Er erzählte. Mariel äußerte sich schockiert.


Herr Blau präsentierte Frau Blau den Diamantring. »Ein vorgezogenes Erbstück. Zeige ihn bitte aber noch nicht deinen Freundinnen.«


Die Beschenkte strahlte wie die Sonne im Hochsommer, umarmte den Gatten und küsste ihn – heftig.


Schnaufend löste er sich. »Am Abend führe ich dich in den Goldenen Stern und wir feiern ein bisschen meine Erbschaft – und zu Hause feiern wir weiter ...«


Sie rollte die Augen und stand auf. »Ich marschiere ins Bad und mach mich fertig. Ich will nicht nach sieben essen.«


Tobias lächelte. »Ja, Schatz. Richte dich verführerisch her und zieh etwas Schickes an. Ich möchte mit meiner Frau glänzen.«


Sie nickte und drehte sich um.


»Halt!«, rief er. »Ruf zuerst unsere Nachbarn Schreiber an und lade sie für Samstagabend zum Essen ein. Ich will an diesem Abend kein Fernsehen glotzen und brauche Ablenkung, angenehme Abwechslung. Der Kerl hat immer ein paar nette Geschichten auf Lager.«


Mariel sah ihn an. »Ja, prima Idee. Ich rufe Magdalena sofort an.«


Chic angezogen mit einem dunkelgrünen Kleid, das zwei Handbreit über ihren wohlgeformten Knien endete, und schwarzen Pumps mit hohen Absätzen, präsentierte sich Frau Blau dem Ehemann. Offen wallte das glänzende Haar. Im großzügigen Ausschnitt schwoll der Busenansatz. Das Augen-Make-up betonte das Strahlen grasgrüner Augen. In gedecktem Rot leuchteten die vollen Lippen und die Fingernägel.


»Donnerwetter!«, rief Tobias. »Eine Augenweide und dein straffer Hintern wird die Männer im Lokal verrückt machen.«


Sie lächelte. Grübchen in den Wangen. »Ich will nur einen Mann verrückt machen.«


Er strahlte. »Bereits geschehen.«


Lachend verließen sie die Wohnung.


Eine Kellnerin mit wippendem dunkelblondem Pferdeschwanz führte das Paar, von den Blicken der Anwesenden verfolgt, zum reservierten Tisch. Tobias steckte in einem dunkelblauen Anzug mit Kreidestreifen, seinem besten. Das blütenweiße Hemd zierte eine violett irisierende Seidenkrawatte.


Das Ehepaar Blau verzehrte zunächst Miesmuscheln in Weißweinsud und anschließend Filet vom Wildlachs mit Meerrettich und Reibekuchen. Sie tranken einen trockenen Riesling von den Hängen der unteren Saar, einen Ayler Kupp. Eis- und Fruchtvariationen, mit Schlagsahne verziert, bildeten die Nachspeise.


Rund zwei Stunden später wälzte sich das Ehepaar nackt und lustvoll keuchend und stöhnend im Bett. Tobias massierte die üppigen Brüste seiner Frau und knabberte an den Warzen.


»Nicht so fest«, flüsterte sie. »Ich bin kein stählernes Objekt auf deiner Baustelle.«


Er grunzte und streichelte sie zwischen den Beinen. Hechelnd begann er wenige Minuten später mit der Liebestätigkeit. Er schnaubte, prustete und stammelte Liebes- und Lustworte.


Mariel wand sich, gurrte und quiekte.


»Ja, ja!«, stieß Tobias hervor und sackte auf ihr zusammen. Er rollte auf seine Bettseite und brummte: »Saugeil.« Er schlüpfte in Shorts und ein gelbes T-Shirt, hauchte der Ehefrau einen Kuss auf die Lippen, murmelte: »Gute Nacht«, zog die Decke hoch und drehte sich um. Wenig später schwang dezentes Schnarchen durchs Schlafzimmer.


Mariel verdrehte die Augen und wisperte: »Ich lieg hier rum, wie bestellt und nicht abgeholt. Lichtjahre von einer erfüllenden Befriedigung, von Hochgenüssen, entfernt.«


Sie seufzte, stand auf, schlüpfte in die Hausschuhe und eilte ins gegenüberliegende Badezimmer. Sie stellte sich vor das Doppelwaschbecken und musterte sich im wandhohen Spiegel. Sie tätschelte ihren flachen, festen Bauch, kniff in Oberarme und Schenkel, hob die straffen Brüste an und streichelte sie. »Der Kerl hat in den fünf Jahren Ehe null dazugelernt«, flüsterte sie. »Der fuhrwerkt meistens nur ein paar Minuten auf mir herum und lädt einfach ab. Ab und zu erlebe ich einen Höhepunkt, von mehreren will ich erst gar nicht reden.«


Sie bückte sich, öffnete die unterste Schublade des weiß lackierten Metallschränkchens neben ihrem Waschbecken und nahm unter ein paar Gästetüchern einen schwarzen Dildo hervor. »Muss mich jetzt mit diesem Ding fliegen lassen«, brummte sie, legte ein zusammengefaltetes Handtuch auf den ledergepolsterten Stuhl an der Stirnwand und setzte sich. Mariel begann, sich zu verwöhnen. Sie stöhnte. Sie wimmerte. Sie hechelte. »Tolle Sache, dieser Ersatzpimmel«, flüsterte sie mit heiserer Stimme, »der verabschiedet sich erst, wenn ich will.« Mit der Linken zwirbelte sie die Brustwarzen. Die rechte Hand arbeitete hektisch. Sie keuchte. Sie zitterte. Sie schnaufte. Zarte Röte überzog Gesicht und Hals. Der Körper bebte. Aufbäumen. Leiser Schrei. Schweratmend sank sie zurück. »Super«, wisperte sie.


Sie atmete tief ein und aus. »Ich will mehr, weiter, höher fliegen.« Mit geschlossenen Augen nahm sie erneut die Verwöhntätigkeit auf. Minuten später zuckte sie und schüttelte sich. Sie sackte zusammen. Sie seufzte. Sie lächelte. Lächelnd duschte sie den Unterleib ab. Lächelnd schlich sie ins Schlafzimmer. Immer noch lächelnd schlief Mariel Blau ein.


 


Tags darauf verabschiedete sich Tobias nach dem Frühstück mit einem Kuss auf den Mund der Gattin. »Ich fahre zu einem Beerdigungsinstitut. Den Erbschein kann ich erst nach Vorlage der Sterbeurkunde beantragen. Vorhin rief ich in der Firma an. Ich bekam Montag und Dienstag Sonderurlaub.«


Mariel nickte. »Schön.«


Er eilte in die Diele, kehrte nochmals zurück, umarmte die 32-Jährige, küsste sie auf die Stupsnase mit den drei Sommersprossen und flüsterte: »Echt sauscharf gestern, oder?«


Sie lächelte und nickte erneut. »Supergeil.«


Grinsend verließ er den Raum.


Mariel räumte den Esstisch ab und die Küche auf. Sie schrieb einen Einkaufszettel. Im Vorratsraum packte sie die zwei Einkaufskörbe, stellte sie in die Diele, schminkte sich im Gäste-WC, zog festes Schuhwerk und einen karamellfarbenen Kurzmantel an, schnappte Körbe und eine rotbraune Handtasche und verließ die Wohnung.


 


                        2


 


Am frühen Samstagabend saßen Magdalena und der 35-jährige Marco Max Schreiber im Esszimmer ihrer Gastgeber am runden Tisch aus Mahagoniholz, den eine schneeweiße Tischdecke mit roten Röschen zierte. Das Ehepaar wohnte in einer Eigentumswohnung auf der gleichen Etage.


Tobias schenkte Rotwein in die bauchigen Gläser, einen Château Siran der Appelation Margaux aus dem Médoc.


Marco studierte das Etikett. »Hervorragender Wein«, lobte er. »Den tranken wir an Weihnachten, vergleichbar mit einem Grand Cru Classé, allerdings preiswerter.«


Der Gastgeber strahlte. »Du musst Mariel loben, die kaufte ihn gestern. Im Gegensatz zu mir besitzt sie einige Weinkenntnisse, merkwürdigerweise aber erst seit letzten Herbst.«


Herr Schreiber lächelte.


Mariel hob ihr Glas und sagte: »Ich habe mehrere Bücher über Weine studiert, will in den Geschäften nicht, wie ein Dummchen vom Land wirken. Und jetzt lasst uns endlich anstoßen und die Köstlichkeit genießen.«


Heiterkeit.


Vier Gläser klangen. »Auf unsere Gesundheit, ein langes Leben und – auf die Liebe«, deklamierte Marco.


Alle tranken und lobten den Wein.


Die Gastgeberin servierte gespickten Rinderbraten in einer dunklen Soße, Makkaroni, Salzkartoffeln, Karotten- und Weißkrautsalat.


»Eines meiner Lieblingsessen«, rief ein sichtlich begeisterter Herr Schreiber und langte ordentlich zu. Mit der blütenweißen Stoffserviette betupfte er die Lippen und sah die Köchin an. »Hervorragend gekocht, Mariel. Ein Gedicht. Ich bin hin und weg.«


Die Gelobte strahlte.


Die Ehefrau verdrehte die Augen. »Mich lobst du nie so überschwänglich.«


Der Gerügte grinste und küsste sie auf eine Wange. »Aber Schätzelein, du hörst mir nur selten zu. Ich lobpreise deine Koch- und anderen Künste pausenlos.«


Prusten und Lachen.


Tobias erzählte vom Besuch im Beerdigungsinstitut. Abschließend meinte er mit Glanz im Wasserblau der Augen: »In ein paar Wochen können Mariel und ich mein Erbe genießen. Am Dienstag schätzt ein Makler das Haus. Ich verkaufe es aber nicht, sondern werde es vermieten, prima Altersvorsorge. Ich weiß, dass Mutter Wertpapiere und Gold im Wert von rund 115.000 besitzt ... besaß. Auf dem Girokonto und drei Sparbüchern warten 80.000, dass wir sie verjubeln.« Er lachte und rieb die Hände.


Die Ehefrau warf ihm vorwurfsvolle Blicke zu.


Marco fuhr sich durchs halblange, glatte tiefschwarze Haar und lächelte. »Eine erfreuliche Sache in einer traurigen Angelegenheit.«


Magdalena schüttelte den Kopf.


Frau Blau servierte die Nachspeise: selbst gebackenen Baumkuchen mit einer Füllung aus Himbeergelee, Sahne und Mascarpone. Dazu reichte sie Espresso.


Lobeshymnen des männlichen Gastes, missbilligende Blicke des weiblichen. Strahlen im Grün des Augenmeeres der Gastgeberin.


Zur Verdauung kippte jeder einen achtjährigen Himbeergeist.


Gegen 23:15 Uhr stand das Ehepaar Schreiber in seinem Schlafzimmer und zog sich aus. Magdalena packte Marco an einem Arm und warf ihm missmutige Blicke zu. »Du hast ziemlich unverschämt in Mariels großzügigen Ausschnitt und auf ihren Hintern gestarrt«, zischte sie. »Typisch Mann. Nichts im Kopf als dicke Titten, pralle Ärsche und Sex.«


Der Gescholtene winkte ab. »Aber Maus, jetzt dramatisier doch nicht. So ticken eben Männer. Ich bewunderte nur die prachtvollen Werke der Natur.«


»Ich weiß, ich weiß, du stehst auf ausgeprägten Rundungen«, giftete die 34-Jährige. »Mit dieser Sexbombe kann ich nicht mithalten. Mein Busen ist zu klein, ich besitze zu dicke Oberarme und Schenkel, ein Speckbäuchlein und einen Riesenhintern. Ich weiß, dass ich bei meiner Körpergröße von 1,66 Meter mit 83 Kilo etliche zu viel auf die Waage bringe. Alle Versuche, an den erwähnten Stellen abzunehmen, scheiterten bisher.«


Marco seufzte und verdrehte die Augen. »Aber Schätzelein, auf deinem etwas fülligen Körper liege ich hübsch weich und Busen und Hintern gefallen mir, hätte ich dich sonst geheiratet?«


»Rede keinen Mist. Bei unserer Hochzeit vor acht Jahren wog ich 70, hatte eine Superfigur.«


Er nahm sie in die Arme und küsste sie zärtlich. »Jetzt reg dich nicht auf, Maus. Ich liebe dich so, wie du aussiehst. Punkt.«


Er tappte ins Badezimmer und wusch sich. Er ließ die elektrischen Zahnbürste schnurren und spülte mit Mundwasser. Die Ehefrau kam herein. Sie lächelten sich an.


Im Schlafzimmer schaltete Marco die Nachttischlampe ein, löschte das Deckenlicht, warf sich ins Bett und begann, in einem Taschenbuch zu lesen.


In einem knielangen blauen Nachthemd betrat Magdalena 25 Minuten später das Zimmer und kroch ins Bett.


Der Ehemann legte das Buch auf den Nachttisch und drehte sich nach links. Er küsste seine Frau auf den Mund und strich ihr durchs kinnlange dunkelbraune Haar mit ein paar mittelblonden Strähnen. Er ließ die Rechte unter Bettdecke und Nachthemd von ihrem Bauch zum Busen wandern. Er warf die Decke weg, kniete sich, schob das Nachthemd ganz hoch, küsste sie innig und streichelte die Brüste.


Magdalena schloss die Augen.


Marco küsste die Brüste und die rechte Hand schmeichelte sich über den Bauch bis zwischen ihre Oberschenkel.


Sie öffnete die Augen und packte die Hand.


»Was ist los, Maus?«, flüsterte der ausgebremste Liebhaber.


Die Maus seufzte. »Ich will jetzt keinen Sex«, beschied sie ihm mit rauer Stimme. »Du würdest dich doch vor deinen inneren Augen an Mariels Titten und ihrem Hintern aufreizen und sie in deiner Gedankenwelt vögeln. Ich will nicht als Sexobjekt dienen, bin keine Sklavin wie im alten Rom.«


 


 


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