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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Geheime Zeichen, Birgit Gürtler
Birgit Gürtler

Geheime Zeichen



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Der Motor des BMW heulte gequält auf, als Patrick einen Waldweg entlangraste. Im Rückspiegel blendeten die Scheinwerfer seiner Verfolger auf. Immer wieder brach der Wagen aus, schlitterte unkontrolliert auf dem schlammigen Boden. Die Äste der am Wegesrand wachsenden Tannen schabten an den Türen und entlockten der Karosserie ein unheilvolles Kreischen. Angst kroch in ihm hoch. Panisch wechselte Patricks Blick zwischen Rückspiegel und dem dunklen Weg vor ihm. Der Regen ließ alles zu einer konturlosen Masse verschwimmen. Eine scharfe Linkskurve tauchte unerwartet auf. Erneut schlingerte der Wagen. Der rechte Scheinwerfer knallte gegen einen Baum und erlosch. Mit aller Kraft versuchte Patrick den Wagen unter Kontrolle zu bekommen, gab Gas, riss am Lenkrad, doch die Hinterräder verloren festen Boden. Wie durch einen Sog angezogen, rutschte er bergab. Unter lauten Schlägen schleuderte der Wagen über Felsbrocken, durchbrach Äste, bis er qualmend zum Stehen kam. Patrick rieb sein Handgelenk, seine Lippen schmeckten nach Blut. Die Scheinwerfer der Verfolger schwenkten um die Kurve. Patrick schnappte sich das kleine Päckchen und kletterte aus dem Fenster der verklemmten Fahrertür. Der Wald lag in völliger Finsternis. Blitze, die am Himmel zuckten, erhellten das Dickicht. Stimmen waren nicht weit von ihm zu hören. Patrick wusste, er hatte eine Chance, sie hassten den Regen. Nach einigen Minuten erreichte Patrick einen Weg. Sein linker Fuß brannte bei jedem Schritt. Erleichtert registrierte er die ersten Lichter, die durch die Äste der Bäume schimmerten. Er hoffte, dort Unterschlupf zu finden. Stolpernd hastete er über eine Wiese, die hinter einer Kneipe lag.


 


Kapitel 1 Ariane verbrachte bereits den vierten Nachmittag vor dem alten Radio. Eine tiefe, monotone Stimme, die in einer ihr unbekannten Sprache einen Vortrag zu halten schien, weckte ihr Interesse. Anfangs hatte sie es auf den Rotwein geschoben, von dem sie sich wieder zu viel gegönnt hatte, doch dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ sie nicht mehr los. Es lag an der Sprache. Eine Sprache, die mit menschlichen Lauten nicht viel gemein hatte. Ob ein Gerät dafür verantwortlich war, das Worte verschlüsselt, um auszuschließen, dass Dritte das Gesagte verstehen konnten? Geheimdienste? Ariane lächelte und nahm einen Schluck Wein. Dies war keine Gegend, in der Außergewöhnliches passierte. Hier schien alles so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Selbst der Sommer verzog sich bereits, obwohl es in anderen Teilen Deutschlands noch angenehm warm war und an Frost noch kein Gedanke verschwendet wurde. In eine dicke Wolldecke eingewickelt saß sie an ihrem Schreibtisch. Ihr Blick wechselte zwischen dem alten Radio und den Kastanienbäumen, die im Garten vor ihrem Fenster wuchsen. Nur noch wenige vergilbte Blätter trotzten den Elementen. Weiter draußen auf den Feldern bildete sich Nebel, der während der Nacht die Landschaft in ein frostiges Eismärchen verwandeln würde. Eine halbe Ewigkeit saß sie nur so da und starrte vor sich hin. Selbst wenn heute nichts mehr passieren würde, wäre es völlig gleichgültig, dass sie ihren Nachmittag so verbrachte. Sie lebte allein, und niemand interessierte sich für sie. Ein lauter Piepton riss sie aus ihrer Lethargie. Auf diese Art fing es immer an. Gebannt lauschte sie der Stimme. Es klang wie ein mystisches Gedicht. Viele Laute, vielleicht Wörter, waren ihr mittlerweile vertraut. Mit immer der gleichen Formulierung begann der Sprecher seine Ansprache. Es schien eine Art Gruß oder Anrede zu sein. Der Vortrag endete jeweils nach einem erneuten Piepton, worauf nur noch leises Rauschen zu hören war. Es schien aussichtslos, Weiteres in Erfahrung zu bringen. Achselzuckend stellte sie das Radio aus und zündete eine Zigarette an. Hätte sie die Möglichkeit, das Gesagte in einem Wörterbuch nachzuschlagen, wäre sie in der Lage ein Drittel davon zu verstehen, war sie sich sicher. Wenn sie auch kein Glück mit Männern hatte, verstand sie sich bestens auf Fremdsprachen. Noch vor zwei Jahren arbeitete sie als Übersetzerin für eine malayische Firma, bis die Scheidung kam und sie in ein tiefes Loch katapultiert hatte. Die Sonne war bereits untergegangen. Nur die dunklen Silhouetten der Bäume hoben sich noch vom Rest der Umgebung ab. Ob sie Monika einen Besuch abstatten sollte? Sicher, Wein hatte sie genug getrunken, doch wollte sie die Hoffnung nicht aufgeben, eines Tages einen netten Kerl kennenzulernen. Ariane war überzeugt, mit ihren siebenundvierzig Jahren vielen Frauen Konkurrenz machen zu können, die weit jünger waren. Den Grund sah sie in ihrer Kinderlosigkeit. Wehmütig stiegen regelmäßig Erinnerungen von zermürbenden Diskussionen in ihr hoch. Axel, ihr Ex, hatte sich immer wieder aus der Affäre gezogen, bis sie kapitulierte. Nach langjähriger Ehe hatte er sie für eine Jüngere verlassen und war nun Vater von Zwillingen. Eine andere Frau lebte das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte. Ariane steckte ihr braunes Haar hoch. Ihr kam kurz der Gedanke Schminke aufzutragen, verwarf diese Idee aber wieder. Es würde ja doch keinem der Ignoranten auffallen, die sich bei Monika herumtrieben. Möglich, dass es an dem schummrigen Licht der Kneipe lag, das alles zu einem Einheitsbrei verschwimmen ließ. Die Scharniere knarrten laut, als Ariane die Holztür „Zum stillen Wäldchen“ öffnete. Monika lächelte und winkte ihr zu. Mit ihren langen roten Haaren, einem schrägen Pony und gepiercter Lippe wirkte sie wie ein Papagei zwischen Spatzen in diesem Dorf. Außer Monika waren wie immer die drei gleichen Gestalten anwesend. Misstrauisch schauten sie zur Tür, um zu sehen, wer ihre traute Gemeinschaft störte. Dieter, der seit Jahren unter einem chronischen Schluckauf litt und abends seinen Unmut über die amerikanische Politik zum Ausdruck brachte, Georg, ein kürzlich pensionierter Sozialarbeiter und Paul, ein wortkarger Fensterbauer in den Dreißigern. Lächelnd schenkte Monika zwei Gläser Prosecco ein. „Na, was gibt es Neues?“ Zuprostend hob Monika ihr Glas, in dem wild die Perlen tanzten. Ariane rollte mit den Augen, winkte ab und nahm einen Schluck. „Mein Hund hat Flöhe, bin nicht sicher, ob das eine aufregende Neuigkeit ist.“ „Bei mir war ′ne Menge los“, flüsterte Monika. Ein anrüchiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Es fällt mir schwer zu glauben, dass sich hier mehr als eine der aufgebrachten Ausführungen über die amerikanische Sozialpolitik zugetragen hat“, flüsterte Ariane schelmisch, leicht über die Theke gebeugt. „Ich bin nicht taub“, unterbrach Dieter seine Diskussion über den Anstieg der Benzinpreise, dessen Ursache bei den Amerikanern zu suchen war. Monika gab durch eine Handbewegung zu ver- stehen, dass er seinen Mund halten solle. Neugierig lehnte sich Ariane ein Stück weiter über die Theke, ohne wirklich zu hoffen, eine kleine Abweichung des täglichen Einerleis zu erfahren. „Vorgestern ist hier ein merkwürdiger Typ aufgetaucht. Sah eigentlich ganz süß aus. War aber ein Spinner.“ Enttäuscht verzog Monika ihren Mund. „Alle Männer sind Freaks“, pflichtete Ariane ihr bei, mit einem Blick über die Schulter. „Aber der war irgendwie speziell. Zuerst kam er hier total durchnässt rein, blickte wirr durch den Laden und setzte sich zu mir, genau da, wo du jetzt sitzt. Er holte ein verschnürtes Päckchen aus seiner Jacke. Seinen Blick hättest du sehen müssen. Er hat mir richtig Angst gemacht. Er wirkte, als sei der Teufel hinter ihm her. Er erklärte, ich solle es der Polizei übergeben, sollte er es am nächsten Tag nicht abholen kommen.“ „Ist er wieder aufgetaucht?“ „Nein.“ „Und was ist jetzt mit dem Päckchen?“ „Hab es Herbert gegeben. Er war gerade hier und hat sein Bier getrunken.“ „Ausgerechnet unserem kleinkarierten Dorfbullen? Da hättest du es auch den Dreien da am Tisch geben können. Was hat er damit angestellt?“ „Er hat das Päckchen an Ort und Stelle geöffnet, die Stirn gerunzelt und es mir, in seinen Bart brummelnd, zurück auf den Tresen gelegt.“ Monika zog genervt ihre gepiercte Augenbraue hoch, während sie Ariane Wein einschenkte, den sie hier immer trank. „Hat er es nicht weitergeleitet?“ „Nein. Er war der Meinung, jemand wolle sich einen Scherz mit ihm erlauben. Er würde sich nicht zum Gelächter der Wache machen mit diesem Blödsinn. Ein guter Bulle kennt den Unterschied zwischen einem Streich und einem Fall im Schlaf.“ Monika gab ihr Bestes, seinen Dialekt nachzuahmen. Ariane musste lachen. Sicher hatte er seine Qualitäten, doch die bestanden nicht im Lösen von Fällen. „Was war denn in dem Päckchen?“ „Keine Ahnung. Der Typ war ein Freak.“ Mit einem Griff unter die Theke holte Monika ein Päckchen hervor. Das Packpapier war unsanft aufgerissen. Ohne Eile wickelte sie es auf und zog einen Stoß Papiere heraus. Dieter, der mitbekam, dass es um die ominöse Hinterlassenschaft ging, gesellte sich zu ihnen. „Unmöglich dieser Herbert. Für nichts zu gebrauchen, hab ich schon immer gewusst“, beschwerte er sich aufgeregt, wobei sein Schluckauf ihn unterbrach. „Hab mich dann selbst darum gekümmert und auf der Wache angerufen. Haben mich abgewimmelt. Herbert würde schon wissen, was er tut. Alles faule Säcke, wenn ihr mich fragt.“ Abwartend schaute er auf die Papiere. Ariane folgte seufzend seiner schweigenden Aufforderung, hineinzusehen. Das Letzte, worauf sie an diesem Abend Lust hatte, war in eine längere Diskussion mit Dieter zu geraten. Es waren um die zwanzig Seiten Papier, auf DIN-A5 Größe zusammengefaltet. Auf der obersten Seite stand eine Überschrift, die ihr im ersten Moment nichts sagte. Langwelle, Frequenz 207 kHz. Sie las weiter. „Ich kenne das“, platzte es aus ihr heraus. Worauf sie von allen überrascht angestarrt wurde. „Wie, du kennst das?“, fragte Dieter, wobei sein Schluckauf ihn unterbrach. „Aus dem Radio.“ Noch während sie das sagte, war ihr klar, wie blöd sich das anhörte. „Typisch Frau, die zu lange keinen richtigen Mann mehr hatte“, grölte Paul und schwenkte seinen leeren Bierkrug. Ariane seufzte und schenkte dieser Bemerkung keine weitere Beachtung. „Halt mich auf dem Laufenden, falls du noch etwas herausfindest“, bat Dieter, wobei er sich nach jedem Wort Luft in die Lunge sog, um den lästigen Schluckauf zu unterdrücken. Zu ihrer Erleichterung trottete Dieter zu den anderen zurück, mit neuem Nachschub an Bier. Erst jetzt bemerkte sie Monikas amüsierten Blick. „Was? Glaubst du mir nicht?“ „Aus dem Radio. Wie kommst du denn da drauf?“ „Vor einer knappen Woche habe ich aus Langeweile alte Sachen rausgeräumt. Darunter war mein Radio. Als ich ausprobierte, ob es noch funktioniert, habe ich sie das erste Mal gehört. Eine merkwürdige Stimme, in einer noch nie gehörten Sprache. Es klang nicht mal menschlich. Das hier sieht aus wie eine Übersetzung von dieser Sprache, oder was immer es ist.“ Skeptisch verzog Monika ihren Mund und kicherte. „Den Fusel, den du an diesem Abend hattest, würde ich gern probieren. Vielleicht klang es komisch, weil es irgendwie verzerrt war.“ Um von diesem peinlichen Moment abzulenken, schenkte Monika einen Likör ein. „Auf Kosten des Hauses.“ Ariane lenkte das Thema auf den dubiosen Unbekannten. Sie wollte nicht noch mehr unliebsame Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Er sah gut aus. Ich schätze einsneunzig groß, dunkelbraunes Haar, grüne Augen, durchtrainierter Körper. Alles, was man sich unter einem richtigen Kerl vorstellt“, beschrieb Monika mit leuchtenden Augen. Ariane lachte. „Also das Gegenteil von den Typen hinter mir.“ Monika nickte und kicherte. Misstrauisch schauten die drei Männer auf, widmeten sich aber gleich wieder ihrem Gespräch über die bevorstehende Kürzung der Rente. „Ich schätze, das Ganze ist nur ein dummer Scherz. Vergiss den Kram.“ „Hast du keine Bedenken, dass der Mann in Schwierigkeiten steckt und Hilfe braucht?“ „Selbst wenn? Wie soll ich etwas tun ohne die Hilfe der Polizei?“ Ariane nickte und strich über das Papier. „Kann ich das behalten?“ „Den merkwürdigen Papierkram? Klar. Will ja sonst keiner haben. Aber tu mir einen Gefallen und lern nicht diesen Mist. Sicher nur Wortverdrehungen. Wie die Löffelsprache, alle meine Freundinnen konnten das.“ „Aber das hier ist mehr, als eine dumme Alberei.“ „Tu, was du nicht lassen kannst.“ Demonstrativ verdrehte Monika die Augen. „Aber beschwer dich hinterher nicht, dass dich alle für sonderbar halten.“ Es vergingen zwei Tage, in denen sich Ariane mit der Übersetzung eines längeren Textes vertraut machte, ehe sie die fremdartige Stimme wieder hörte. Die drei ersten Worte konnte sie nun verstehen. Es handelte sich, wie sie vermutet hatte, um einen Gruß, der lautete: „Unsere Forschenden seien gegrüßt.“ Sie nahm die Rede mit ihrem Diktiergerät auf und machte sich mit der Aussprache vertraut. Die ganze Nacht saß sie an ihrem Schreibtisch, büffelte alles was ihr zur Verfügung stand, leerte dabei zwei Flaschen Wein und rauchte ein Päckchen Zigaretten. Je mehr sie verstand, desto unheimlicher wurde ihr zumute. Gewiss, es gab noch etliche Worte, deren Sinn sie nicht verstand, doch sicher war, dass es um medizinische Versuche ging. Versuche an Menschen. Wirklich glauben konnte sie nicht, was sie übersetzte. Ariane nahm sich vor, weiter nachzuforschen. Möglich, dass dieser Mann, der die Übersetzung angefertigt hatte, tatsächlich in Schwierigkeiten steckte. Schon wieder ein Fremder? Argwöhnisch beobachtete Monika, wie ein Mann, ungefähr Ende vierzig, ihr kleines Lokal betrat. Während er auf sie zugeschlendert kam, musterten seine Augen jeden Winkel des Raumes. Unter seinem hellbraunen Haar zeichneten sich Geheimratsecken ab. Er sah nicht sonderlich gut aus, doch seine Art, wie er sie ansah und sich bewegte, machte ihn interessant. „Bonsoir Madame, mein Name ist Jacques Dumont. Ich hätte Ihnen gern eine Frage gestellt“, erklärte er mit einem starken französischen Akzent. Ein Franzose in diesem Nest, das hatte sicher nichts mit Normalität zu tun. Zögerlich reichte Monika ihm die Hand. Sein weicher Gesichtsausdruck wurde von zwei klaren, grauen Augen dominiert. „Vor einiger Zeit ist mein Bruder bei Ihnen gewesen und hat hier etwas zurückgelassen. Ein Päckchen mit Papieren.“ „Das stimmt.“ „Was haben Sie damit gemacht?“ „Ich habe es aufbewahrt, wie er es wünschte.“ Sie wendete sich ab und räumte drei Biergläser in den Schrank. „Es ist wichtig, dass er es zurückbekommt. Deswegen bin ich hier.“ „Warum holt er es nicht selbst?“, fragte sie beiläufig und registrierte aus den Augenwinkeln, wie sich seine Stirn in Falten legte. „Er ist verhindert, Madame.“ „Es wundert mich, dass Ihr Bruder keinen französischen Akzent hatte.“ Sie täuschte Desinteresse vor und schenkte Dieter Bier nach. „Sie sind eine gute Beobachterin, Madame. Keine von den gleichgültigen Menschen, die nur sich selbst sehen.“ Anerkennend nickte er. „Mein Bruder ist in Deutschland aufgewachsen“, fuhr er in sanftem Ton fort. „Eine lange Geschichte. Natürlich kann ich mit leeren Händen nach Paris zurückreisen, und er muss selbst kommen, doch wäre es für ihn sehr ärgerlich. Er arbeitet an wichtigen antiken Übersetzungen und braucht es dringend.“ „Ich würde es Ihnen ja geben, habe es aber nicht hier.“ „Wo haben Sie es?“ „Bei einer Freundin. Ich hatte vor, ein paar Tage zu verreisen. Falls der Unbekannte auftauchen sollte und ich nicht da bin. Einen Scotch aufs Haus?“ „Gern. Kann ich Ihre Freundin heute noch erreichen?“ „Ich rufe bei ihr an, wenn Sie möchten.“ „Das wäre sehr nett von Ihnen. Sie können mich mit Inspektor Dumont von der französischen Polizei anmelden.“ Ein Bulle! Sie fragte sich, ob er Herbert Ärger machen würde, weil er sich nicht darum gekümmert hatte. Sicher, sie mochte Herbert nicht besonders, doch hier hielt man nun mal zusammen. „Was macht Ihre Freundin so? Ich meine, was arbeitet sie?“ Monika zuckte mit den Schultern, während sie den Scotch einschenkte. „Sie hat früher ebenfalls an Übersetzungen gearbeitet, allerdings nicht an antiken. Sie lässt sich seit ihrer Scheidung etwas hängen und arbeitet zurzeit nicht.“ Monika leerte ihr Glas Wein. Sie bemerkte, dass der Franzose sie anstarrte und ihre Wangen heiß wurden. Monika drehte sich weg, nahm den Telefonhörer auf und wählte Arianes Nummer. Kapitel 2 Nachdenklich legte Ariane den Hörer auf. Ein französischer Inspektor sei zu ihr unterwegs. Sie hoffte, keine Scherereien zu bekommen, weil sie im Besitz der Papiere war. Ob er wusste, was mit dem Mann passiert war, der das Päckchen hinterlassen hatte? Das Summen ihrer Klingel weckte ihren altersschwachen Hund Hannibal, der sich müde aufrappelte. Bellend brachte er sein Missfallen zum Ausdruck. Er war neben den beiden Katern, ihr einziger Mitbewohner. Sie meldete sich über die Sprechanlage, die draußen am schmiedeeisernen Tor installiert war. Der französische Akzent einer Männerstimme klang im Hörer. „Hier ist Inspektor Jacques Dumont von der französischen Polizei. Ich hätte gern das Päckchen abgeholt, Madame.“ „Ich mache Ihnen auf.“ Es klingelte abermals, diesmal unten an ihrer Haustür. Mit einem flauen Gefühl im Magen ging sie die geschwungene, hölzerne Treppe nach unten. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, doch George Clooney stand nicht vor ihrer Tür. Er war eher durchschnittlich, aber geschmackvoll gekleidet, trug einen grauen Anzug von guter Qualität unter seinem dicken schwarzen Mantel. Sanft lächelnd reichte er ihr die Hand. „Es tut mir wirklich sehr leid, Madame, dass ich Sie störe.“ „Ist schon gut“, winkte Ariane ab. „Kommen Sie nach oben, dort ist es wärmer.“ Gemeinsam setzten sie sich an den Kamin, der sie in eine wohlige Wärme einhüllte. „Sie haben ein wunderschönes Haus. Leben Sie allein hier?“ „Ja“, seufzte sie. „Aber erzählen Sie lieber, was es mit Ihrem Bruder auf sich hat. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein durchnässter Fremder etwas abgibt und von Leben oder Tod spricht.“ Jacques schien überrascht, doch sie konnte sich nicht erklären, warum. Sie ging davon aus, dass Monika ihm bereits alle Details erzählt hatte. „Patrick hat an alten Übersetzungen gearbeitet, die man in Afrika entdeckt hat. Jemand verfolgte ihn.“ „Wieso?“ „Wahrscheinlich, um die Unterlagen zu stehlen und gewinnbringend zu verkaufen.“ „Ich frage mich, warum in dieser Sprache, oder was immer es ist, alle paar Tage ein Vortrag über Funkwellen verbreitet wird. Wissen Sie etwas darüber?“ Jacques zögerte. „Wie haben Sie davon erfahren?“, fragte er mit einer Stimme, in der Bewunderung klang. „Niemand hat sich wirklich für den Fremden oder die Papiere interessiert, da nahm ich das Päckchen an mich. Ihr Bruder ist schließlich nicht mehr aufgetaucht - also, es tut mir leid wenn …“ Er unterbrach sie mit einer abwehrenden Geste. „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Genauso hätte ich auch gehandelt. Erzählen Sie weiter.“ Ariane fühlte sich nicht wohl. „Ich habe mehrere Sprachen studiert und kenne mich auf diesem Gebiet aus“, fuhr sie trotzdem fort. „Woher wissen Sie von den Vorträgen?“ „Zufall. Als ich die Aufzeichnungen sah, wusste ich sofort, dass ein Zusammenhang besteht.“ „Alle Achtung. Wir wissen noch nicht, wer die Ansprachen hält. Wie lange haben Sie daran gear- beitet? Vielleicht konnten Sie etwas herausfinden, das meinem Bruder weiterhilft.“ Ariane fühlte sich geschmeichelt. Endlich jemand, der ihre Fähigkeiten auf dem Gebiet des Über- setzens schätzte. „Nicht lange, drei Tage. Ich kann nur sagen, dass der Bericht von medizinischen Versuchen handelt, vielleicht an Menschen.“ Sie zuckte unsicher mit den Schultern. „Würden Sie mir die Aufzeichnungen bitte bringen?“ „Ja, sicher“, antwortete Ariane mit einem Hand- griff in die Schublade des Sekretärs, der neben ihrem Sessel stand. Ariane war dieser Mann sympathisch, doch etwas stimmte nicht mit ihm. Er wirkte zeitweilig, als wäre er mit seinen Gedanken woanders. Ariane fiel auf, dass sie sich nicht einmal seinen Dienstausweis hatte zeigen lassen. Sie versuchte ihr Misstrauen mit der Begründung, dass dies auf ihr langes Single-Leben zurückzuführen war, zu verscheuchen. „Hier, das ist alles, was in dem Päckchen war.“ „Merci. Dann möchte ich Sie nicht länger be- lästigen. Können Sie mir ein Restaurant und ein Hotel empfehlen?“ Bei dieser Frage erhob er sich, stand nah vor ihr und sah ihr sanft in die Augen. Sein Eau de Toilette verbreitete einen angenehmen Duft. Ein Kribbeln durchzog ihren Magen. „Ich kann weder mit dem einen noch mit dem anderen dienen. Sie müssen in die nächste Stadt, etwa dreißig Kilometer von hier. Wenn Sie es nicht falsch verstehen, mache ich Ihnen gern das Gästezimmer zurecht und etwas zu essen wird der Kühlschrank auch noch hergeben.“ Hin- und hergerissen, ob es richtig war, einem Wildfremden so ein Angebot zu unterbreiten, wartete sie seine Reaktion ab. Nur zu gern hätte sie mal wieder etwas Gesellschaft gehabt. „Das wäre wirklich sehr liebenswert. Ich bin seit dreißig Stunden auf den Beinen und kaum noch in der Lage, einen Schritt vor den Nächsten zu setzen.“ Lächelnd ließ er sich zurück in den Sessel sinken. Begeistert über die Zusage, stellte Ariane ihren besten Wein auf den Tisch. Prüfend drehte Jacques die Flasche in der Hand. „Oh, ein Pinot Noir aus Frankreich. Sie haben Geschmack“, säuselte er, wobei ihr wieder dieser abwesende Blick auffiel. Sie stand auf und wollte ein kleines Abendessen vorbereiten. Auf halber Strecke fiel ihr noch etwas ein und ging zurück. Sie hatte gerade die Tür erreicht, als sie innehielt. Durch den Türspalt sah sie Jacques herumhantieren. Er hielt ein braunes Fläschchen in der Hand und leerte einige Tropfen daraus in ihr Weinglas. Ariane schluckte. Angst stieg in ihr hoch. Leise schlich sie über das Parkett und schloss sich im Bad ein. Was hatte er vor? Wollte er ihr K.-o.-Tropfen verabreichen? Sie verstand die Welt nicht mehr, fühlte sich unendlich gedemütigt. Das Schlimmste war, dass sie keine Ahnung hatte, was für ein Kerl hier wirklich saß. Was, wenn er ein mordender Psychopath war? Vielleicht ein Perverser? Jemand, der nur konnte, wenn er ein lebloses Stück Fleisch vor sich liegen hatte, aus Angst zu versagen? Unheilvolle Gedanken jagten durch ihren Kopf, während sie an der Badezimmertür lehnte und die mit Rosen verzierten Wandfliesen anstarrte. Doch alles Grübeln machte keinen Sinn. Schließlich konnte sie nicht für alle Zeiten im Bad bleiben. Sie wollte den Kerl so schnell wie möglich loswerden. Bei dem Gedanken, ihm gleich wieder gegenüberzutreten, stieß ihr bittere Magensäure auf. Ihre Hände zitterten, als sie das kalte Metall des Türgriffs auf der Haut spürte. Ariane hatte sich einen Plan zurechtgelegt, den Wein nicht trinken zu müssen, doch was ihr Angst machte war, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie den französischen Mistkerl aus dem Haus bekommen sollte. Sie atmete tief durch und lief zurück ins Wohnzimmer. Das Feuer knisterte friedlich im Kamin und Jacques lächelte. Sicher war sie nicht die erste Frau, die er mit diesem Lächeln hinters Licht geführt hat, dachte sie bedrückt, während sie sich in den Sessel setzte. „Nett, dass Sie schon eingeschenkt haben.“ Mit gespielter Begeisterung nahm sie das langstielige Weinglas. Nie zuvor hatte sie so bewusst ein Glas in der Hand gespürt. Mit gespreizten Fingern hielt sie den kühlen Bauch, in dem verführerisch der rote Wein funkelte. „Dürfte ich Ihr Bad benutzen?“, fragte Jacques unerwartet und hinderte sie gerade noch daran, ihren weißen Berberteppich für immer zu ruinieren. „Ja natürlich.“ Sie spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Es in ihren Schläfen wild pochte. „Den Flur rechts ganz durch.“ Verdutzt sah sie ihm nach. Sie realisierte, dass dies ihre Chance war, beide Probleme auf einmal zu lösen. Eilig beugte sie sich vor und vertauschte ihr Glas mit dem seinen. Ihr Herz raste heftig, als würde sie eine schwere Straftat verüben. Nervös wartete sie auf Jacques Rückkehr. Ob er sich extra viel Zeit ließ, um sie bereits bewusstlos am Boden liegend vorzufinden? Hätte sie nicht so eine Angst, würde sie ihn anschreien und hochkant hinauswerfen. Das Klicken der Badezimmertür verriet, dass er gleich da sein würde. Sie schluckte ihre Wut hinunter, verdrängte ihre Bedenken und richtete sich gerade auf. „Sie hätten mit dem guten Wein nicht auf mich warten müssen.“ Sein Blick wirkte konfus, als er sich wieder an den kleinen mosaikverzierten Tisch setzte. „Ich war zwischenzeitlich in der Küche und habe etwas vorbereitet“, log sie und stand mit ihrem Glas in der Hand auf. „Ich wollte mich nur versichern, dass Ihnen scharfes Essen nichts ausmacht, bevor ich weitermache.“ Lachend schwenkte sie ihr Glas und wartete seine Antwort ab. Ariane hätte nicht gedacht, mit solch einer schauspielerischen Begabung beseelt zu sein. Tatsächlich konnte sie es vor Schadenfreude kaum noch abwarten, bis er endlich aus seinem Glas trank. „Sicher nicht. Salut!“ Bereitwillig nahm er ihre Geste an und nahm einen kräftigen Schluck. Zum Schein klapperte sie im Kühlschrank mit diversen Flaschen, hoffte inständig, ja betete, dass er dieses verdammte Glas leer trinken und friedlich dahindämmern würde. So sah es gleich einfacher aus, ihn loszuwerden. Sie wollte ihn am Kragen die Treppe hinunterzerren und mit seinen Blessuren im feuchten Garten liegen lassen. Zufrieden setzte Jacques sein Glas an und ließ den guten Wein seine Kehle hinuntergleiten. Gleich würde sie sich am Boden krümmen und er musste sich dieses Drama nicht einmal mit ansehen. Ein wenig bedauerte er diese Verschwendung. Sie war absolut sein Typ, doch sie wusste zu viel. Dieses Risiko konnten sie nicht in Kauf nehmen. Noch während er sich seine nächsten Schritte ausmalte, durchfuhr ein stechender Schmerz seinen Körper. Er wollte schreien, seine Kehle war wie zugeschnürt. Vergeblich versuchte er, sich zu bewegen. Seine Muskeln waren wie gelähmt. Noch ehe sich sein Körper krümmte, wusste er, dass es aus war. Sein letzter Blick streifte ungläubig das Glas, das er nochimmer in der Hand hielt. Ein großer roter Fleck breitete sich auf dem Teppich aus, als es mit ihm zu Boden fiel. Ariane steckte sich bereits die zweite Zigarette an, während sie dasaß. Wäre alles normal, hätte sich Jacques bestimmt schon bemerkbar gemacht und gefragt, wo sie so lange blieb. Was, wenn ihm etwas aufgefallen war? Es kostete sie Überwindung, als sie die Tür nach nebenan öffnete. Der Geruch von Rotwein lag in der Luft. Erleichtert stellte sie fest, dass Jacques zusammengerollt wie ein schlafender Embryo auf ihrem teuren Berberteppich lag. „Wer anderen eine Grube gräbt“, murmelte sie, als sie sich ihm näherte. Sie würde ihn einfach rausschmeißen, wie einen alten Kartoffelsack. Sie zog ein letztes Mal tief an der Zigarette und krempelte sich die Ärmel hoch. Hannibal begutachtete gleichgültig den am Boden liegenden Mann und trabte Richtung seines Stammplatzes unter dem großen Schreibtisch. Unsicher ging Ariane in die Hocke, beugte sich über Dumont und drehte ihn unsanft auf den Rücken. Der Anblick seiner fahlen grauen Augen, die verloren an die Decke starrten, ließ ihre Fassung schwinden. Ein entsetzter Schrei entwich ihrer Kehle, wild wirbelte sie mit den Armen um sich. Unkontrolliert kippte sie zurück. Atemlos rappelte sie sich auf und schüttelte Jacques wie von Sinnen. Nichts rührte sich, seine Lebensgeister waren gewichen. Verzweifelt sprang sie auf und ging im Zimmer hin und her, so als könne sie die Zeit wieder zurückdrehen, oder aus diesem Albtraum erwachen. „Das ist alles nicht wahr, das ist alles nicht wahr“, murmelte sie hysterisch vor sich hin. Sicher, den schlafenden Jacques hätte sie einfach rausgeworfen, doch ein toter Jacques in ihrem Garten? Der verschwand nicht von allein. Am naheliegendsten schien, die Polizei zu rufen. Würde man ihr diese mysteriöse Geschichte überhaupt glauben? Der Gedanke, einen französischen Polizisten umgebracht zu haben, wenn auch ungewollt, machte ihr Angst. Schließlich war sie es gewesen, die die Gläser vertauscht hatte. Wenn sie dann noch die Story mit dem Radio erzählte, landete sie womöglich in der Klapse. Doch konnte sie dieses wichtige Detail einfach übergehen? Da lag er nun, tot, starrte an die Decke, und sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. In diesem Moment wurde ihr einmal mehr bewusst, dass sie niemanden hatte auf dieser Welt, dem sie vertrauen konnte. Verzweifelt setzte sie sich in die Küche, zündete sich hektisch eine Zigarette nach der anderen an, die sie bereits nach der Hälfte wieder ausdrückte, und starrte das Telefon an. Sie durfte nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen. Mit zitternden Händen nahm sie den Hörer ab. „Ein Toter liegt in Ihrem Wohnzimmer?“, tönte es ungläubig aus der Leitung. Wenn in dieser Gegend was passierte, handelte es sich in der Regel um bekritzelte Wände oder umgeworfene Blumenkübel. Widerwillig erklärte sich der Polizist bereit, sein warmes Büro gegen feuchtkalte Nachtluft zu tauschen.Nie wäre Ariane in den Sinn gekommen, dass in ihrem Leben einmal etwas Schlimmeres passieren könnte, als es ihre Scheidung gewesen war. Zögerlich spähte sie durch den Türspalt. Jacques lag noch immer so da, wie sie ihn verlassen hatte. Seine grauen Augen hatten nichts von ihrem vorwurfsvollen Ausdruck verloren. Eigentlich sollte sie das der Polizei überlassen, doch wuchs in ihr die Befürchtung, mehr Ärger als Hilfe zu bekommen. Wie betäubt durchsuchte sie seine Taschen. Sie fragte sich, ob das, was sie gerade tat, real war. Außer dem Fläschchen, das sie vermied anzufassen, fand sie ein Portemonnaie und zwei Schlüsselbunde. Sie verzog sich mit der Geldbörse aus braunem Büffelleder in die Küche. Laut seinem Pass war er Kanadier und nicht Franzose. Ein Polizeiausweis war nicht darin. Vielleicht hatte sie ja auch ein wenig Glück in dieser Geschichte und es handelte sich bei ihm um einen Kriminellen statt eines Polizisten. Neben einer ganzen Menge Geldscheine entdeckte sie ein Papieretui eines Wiesbadener Hotels, in dem sich eine elektronische Schlüsselkarte befand. Sie kannte dieses Hotel, etwas für Leute mit Geld. Als der melodische Klang ihrer Klingel ertönte, schreckte sie hoch. Hannibal hob kurz seinen zotteligen Kopf, um ein heiseres Bellen aus seiner Kehle zu pressen. Ariane atmete tief durch und steckte sich noch schnell einen Pfefferminz in den Mund, um den Geruch des Alkohols zu verbergen. „Die Polizei. Sie haben angerufen“, tönte es aus der Sprechanlage. Es kam ihr alles unwirklich vor, erst die Stimme von Jacques und nun die der Polizei. Hätte sie doch nie dieses verdammte Radio entdeckt. Schemenhaft sah sie das Blaulicht durch den dicken Nebel. Sie wusste, dass ihr Haus abseits genug lag, doch ärgerte sie sich trotzdem über diese Indiskretion. Musste doch nicht jeder mitbekommen, dass die Polizei da war. Sie beobachtete fröstelnd die zwei dunklen Gestalten, wie sie durch den Garten auf sie zukamen, als das aufgeregte Bellen Hannibals nach unten drang. Verwundert schaute sie hoch, konnte ihn aber nicht sehen. Es war ungewöhnlich für ihn, solch einen Wirbel zu machen. Er war ein Hund, dem ziemlich alles egal war. Er hatte keine Ahnung von Beschützerinstinkt, geschweige ungebetene Gäste zu vertreiben. Einem Einbrecher würde er dumm dreinschauend zusehen, wie dieser das Haus in aller Ruhe leer räumte. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Zwei Polizisten in Uniform betraten ihr Haus. Der eine noch jung, mit wachsamen braunen Augen und durchtrainiertem Körper, dem anderen wucherte ein ungepflegter Vollbart im Gesicht. Die Mimik des Mannes machte seine Frustration über diesen nächtlichen Ausflug deutlich. Ariane fragte sich, wie er mit diesem Wams Kriminelle verfolgen wollte. Fünf Minuten, mehr gab sie ihm nicht. Doch das alles spielte keine Rolle. Jacques würde sicher nicht den Versuch unternehmen, davonzulaufen. „Er liegt oben“, erklärte sie, wobei ihr die Stimme versagte. Die Polizisten nickten und folgten ihr die weiße Marmortreppe hinauf. Hannibal stand im Flur und wedelte aufgeregt mit seinem Schwanz, was überhaupt nicht zu ihm passte. „Geh uns aus dem Weg!“, befahl sie müde, worauf er sich, zu ihrer erneuten Verwunderung, in die Küche verzog, anstatt auf seinen bevorzugten Platz unter dem Schreibtisch. „Da drinnen“, erklärte Ariane und hielt unbewusst die Hand vor ihr Gesicht. Sie ließ den Polizisten den Vortritt. Ihr stieß es abermals sauer auf. Als sie ebenfalls das Zimmer betrat, blickte sie in zwei fragende Mienen. „Wo soll er denn sein?“, fragte der Ältere mit missmutiger Stimme und strich über seinen dunklen Vollbart, während sein Blick erwartungslos durchs Zimmer wanderte. „Na hier.“ Ungläubig blickte sie auf den großen roten Fleck im Teppich. Von Jacques keine Spur, nicht einmal das zweite Glas war noch da. „Aber er lag genau dort“, rief sie hysterisch, während sie auf den Teppich starrte. „Vielleicht wäre es besser für Sie, nicht so viel zu trinken“, brummelte der Ältere in seinen Bart. Kopfschüttelnd ließen sie Ariane im Zimmer stehen. „Aber ich habe sein Portemonnaie in der Küche liegen“, rief sie den beiden Polizisten verzweifelt nach, in der Hoffnung, doch noch ernst genommen zu werden. Zügig überholte sie die beiden, um ihnen ihren einzigen verbliebenen Beweis vorzuführen. Sie befürchtete, dass auch dieser einfach verschwunden sein könnte. Erleichtert stellte sie fest, dass alles auf dem Tisch lag. „Hier sehen Sie, die war in seiner Jacke.“ Misstrauisch nahm ihr der Ranghöhere die Geldbörse ab. „Ich will direkt zu Ihnen sein“, begann er scharf. „Man munkelt, dass Sie ein ernstes Alkoholproblem haben seit Ihrer Scheidung. Vielleicht war der Abend lang und Sie haben sich das alles nur eingebildet.“ Sein starrer Blick machte sie nervös. Unruhig strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. „Ich dachte, die Polizei geht Beweisen nach und nicht irgendwelchem Geschwätz von erfolglosen Kollegen. Aber wenn Sie mir nicht glauben wollen.“ Resigniert zuckte sie mit den Schultern. Sie hatte einfach keine Worte mehr, die sie zu ihrer Verteidigung hätte anführen können. „Natürlich werden wir der Sache nachgehen“, sagte der jüngere Polizist freundlich. „Woher kannten Sie denn Herrn …?“ Prüfend drehte er den Ausweis in seinen Händen. Erleichtert, dass er ihr zuhören wollte und zumindest so tat, als würde er sie nicht als eine Irre abtun, begann sie zu erzählen. „Vor fünf Tagen ist in der Dorfkneipe ein Kerl aufgetaucht, der ein Päckchen abgab, in dem sich mehrere Seiten Papier befanden. Er soll völlig verstört gewirkt haben, und wollte, dass man die Polizei verständigt, falls er sie nicht mehr abholen würde. Die Polizei hat sich aber nicht für das Schicksal dieses Ärmsten interessiert“, erklärte sie vorwurfsvoll. „Ich nahm daraufhin die Unterlagen an mich, weil mir diese seltsame Sprache bekannt vorkam. Jacques, der Tote, gab sich als französischer Polizist aus und wollte die Dokumente haben.“ Im Detail erzählte sie, wie er irgendwelche Tropfen in ihr Glas schüttete, sie die Gläser daraufhin austauschte und als Resultat einen Toten auf dem Teppich liegen hatte. „Wo sind die Papiere jetzt?“ „Die sind auch weg.“ „Wollen Sie wissen, wie ich die Sache sehe?“, mischte sich der andere wieder ein. Ariane nickte unsicher. „Der Typ wollte Sie lediglich eine Weile außer Gefecht setzen, wenn dies alles überhaupt passiert ist. Schließlich ist er zu sich gekommen und hat sich aus dem Staub gemacht, um nicht zur Rede gestellt zu werden.“ Am liebsten hätte sie ihm auf seinen hässlichen Kopf gehauen. Er tat, als sei sie eine Idiotin oder eine Wahnsinnige. „Sie können mir glauben oder nicht, aber ich weiß, was ich gesehen habe“, antwortete sie resigniert. „Wir kümmern uns darum. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, verlangen sie nach Rotmann“, schlichtete der Jüngere. „Sie müssen verstehen, dass wir ohne den kleinsten Beweis nichts machen können.“ Ariane nickte gedankenverloren. Sie beobachtete die Polizisten, wie sie miteinander diskutierten und zu ihrem Streifenwagen zurückliefen. Als sie die Tür abschloss und allein im Raum stand, kam die Erkenntnis schlagartig. Ihr Herz begann zu rasen. Jemand musste unbemerkt in ihrem Haus gewesen sein, war vielleicht immer noch hier. Jetzt begriff sie, weshalb sich Hannibal so merkwürdig verhalten hatte. Sie überlegte krampfhaft, wo und wie einer reingekommen sein sollte, doch es fiel ihr nichts ein. Mit zittrigen Händen nahm sie den dicken Knüppel, Hannibals Spielzeug, als er noch agiler gewesen war. Bewaffnet mit dem schweren Ast, untersuchte sie jedes Zimmer im Haus. Sie spürte Übelkeit in sich hochsteigen, während das Parkett gespenstisch unter ihren Füßen knarrte. Ihr Mund war trocken. Vorsichtig griff sie nach der Türklinke zum Schlafzimmer. Geräuschlos glitt die Tür auf. Ariane hörte etwas. Ihre Handknöchel traten weiß hervor, so fest umschloss sie den Knüppel. Ihr Körper zitterte, als sie das Licht anknipste. Im Bruchteil einer Sekunde erhellte sich der Raum bis in den letzten Winkel. Der Duft von Birkenholz lag in der Luft, was von den neuen Möbeln herrührte, die sie sich erst vor einer Woche gekauft hatte. Ariane sah gleich, was hier nicht stimmte, aber es machte keinen Sinn. Das Fenster stand weit offen, die zarten Gardinen flatterten im Wind. Ungläubig starrte sie auf die dicken Matschflecken auf ihrem Teppichboden. Sollte hier tatsächlich jemand eingestiegen sein, um Jacques fortzuschaffen? Doch wie war das möglich? Ihr Schlafzimmer lag im oberen Stock, sie schätzte vier bis fünf Meter hoch. Kapitel 3 Träge krochen die ersten Sonnenstrahlen über den östlichen Horizont und zauberten einen rosa Schimmer zwischen die Wolkendecke. Ariane hatte während der Nacht in der Küche gesessen und gegen die Müdigkeit gekämpft. Fremde waren in ihrem Schlafzimmer gewesen, nie hätte sie dort auch nur ein Auge zubekommen. Im Wohnzimmer lag nach wie vor der Geruch von verschüttetem Wein. Das Gästezimmer blieb, doch was, wenn sie noch einmal zurückkamen? Sie hatte Jacques’ Geldbörse bereits etliche Male untersucht und verweilte immer wieder bei der Türkarte eines Hotels. Sie war schon mal dort gewesen, mit Axel, kurz nach ihrer Hochzeit. Alte Erinnerungen, verblasste Bilder, zogen vorüber, bis sich ihr Blick erneut auf die Karte fokussierte. Niemand nahm sie ernst und würde es ohne einen Beweis auch nie tun. Jederzeit konnten sie wiederkommen, wer immer es geschafft hatte, Jacques aus ihrem Haus zu entfernen. Sie rieb sich die schmerzenden Schläfen und steckte sich ihre letzte Zigarette an. Ihr Entschluss stand fest: Sie wollte in dieses Hotel fahren und sich in Jacques’ angemietetem Zimmer umsehen. Wer weiß, ob danach nicht alles klarer sein würde. Es war sieben Uhr, als Ariane durch verschlafene Dörfer und kurze Waldabschnitte fuhr, um auf die Autobahn aufzufahren. Der ICE-Zug schoss rechts neben der Fahrbahn vorbei.Sie folgte einem Konvoi aus Karosserien in die Stadt und ärgerte sich, dass sie den Berufsverkehr nicht bedacht hatte. Doch länger hätte sie es nicht mehr in ihrem Haus ausgehalten. Sie konnte genauso gut im Verkehr feststecken. Müde rieb sie sich die Augen, während sie auf das Bremslicht eines vor ihr fahrenden Kleintransporters starrte. Verschwommen drang die Szenerie der Umgebung in ihr Bewusstsein. Bunte Auslagen an Obst und Gemüse, kleine Kioske und Dönerbuden wechselten sich am Straßenrand ab, doch mit ihren Gedanken verweilte sie bereits an der gläsernen Flügeltür des Hotels. Ob noch alles so aussah wie damals, als sie mit Axel dort ein romantisches Wochenende verbracht hatte? Sie hatte ein komisches Gefühl bei dem Gedanken, einfach ins Hotel zu spazieren und Jacques Zimmer zu durchsuchen. Nervös gruben sich ihre Fingernägel in das weiche Leder des Lenkrads. Eine hübsch angelegte Grünanlage säumte den Straßenrand, ehe sie an ihrem Ziel ankam. Ariane blickte sich suchend nach einem Parkplatz um. Es kam ihr vor, als würde sie in einer Endlosschleife festsitzen und ständig im Kreis fahren. Sie wollte bereits aufgeben und eines der Parkhäuser ansteuern, als sich eine Lücke auftat. Ihre Knie fühlten sich kraftlos an, als sie ausstieg. Es lag wohl am fehlenden Frühstück und den vielen Zigaretten. Doch sie mochte keine Zeit vertrödeln und die Sache hinter sich bringen. Sie wischte sich die nass geschwitzten Hände an ihrer Jeans ab, ehe sie auf den gläsernen Eingang zulief. Die Rezeption war im Vergleich zu dem großen Hotel klein. Rötliche Marmorsäulen und ein kleiner Kronleuchter verwiesen auf den Anspruch an Exklusivität. Selbstbewusst nickte Ariane der jungen Dame hinter der Rezeption zu und ging geradewegs zu dem in Marmor gearbeiteten Treppenaufgang. Sie konnte aus den Augenwinkeln erkennen, dass die Frau gerade ihren Mund öffnete, um scheinbar etwas zu sagen, unterließ es aber. Der Nummer nach zu urteilen, musste das Zimmer im dritten Stock liegen. Ein Angestellter, der sie nach kurzer Begrüßung nicht weiter beachtete, kreuzte ihren Weg. Ihr Mund war trocken und ihr Herz ging schneller, als sie die Tür erreichte. Flüchtig kam ihr der Gedanke, anzuklopfen. Was, wenn dort jemand auf Jacques wartete? Nach knappem Zögern drückte sie den kleinen Knopf, der daraufhin rot aufleuchtete, und zog die Karte durch. Vor ihr lag ein aufgeräumtes Zimmer mit edler Einrichtung. Sie spähte über die Schulter und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Ihr Blick wanderte vom Bett über den Sekretär zur Badezimmertür. Es sah nicht danach aus, als wäre von Jacques noch etwas zu finden. Unschlüssig starrte sie in das unberührte Zimmer, als sie schabende Geräusche aus dem Badezimmer hörte. Sie hielt für einen Moment die Luft an. Hatte sie sich das nur eingebildet? Vorsichtig schlich sie zur Tür und hielt inne. Sie zuckte zusammen, als es wieder da war, dieses Schaben. Ariane musste lächeln, als ihr auffiel, wie paranoid sie sich gerade aufführte. Das Hotel hatte über hundert Zimmer und etliche Angestellte. Ein Schrei und es kämen bestimmt ein Dutzend Leute angerannt, machte sie sich Mut. Ohne ein Geräusch zu verursachen, öffnete sie die Tür. Das Badezimmer lag in völliger Dunkelheit. Während sie nach dem Lichtschalter tastete, kroch Angst in ihr hoch. Als das Licht den Raum erhellte, schlug sie die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Ein Mann lag am Boden. Am ganzen Körper gefesselt, starrte er sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Kopf machte hektische Bewegungen in Richtung seiner Fesseln, während er vergeblich versuchte, einen Laut aus seinem geknebelten Mund zu pressen. „Du meine Güte“, stammelte sie und wich einen Schritt zurück. Der Unbekannte schüttelte heftig den Kopf, verdrehte seinen Körper um die halbe Achse und streckte ihr seine Fesseln entgegen. Ariane fasste allen Mut zusammen, ging auf die Knie, friemelte den doppelt geknoteten Stoff auf, der sein Gesicht bedeckte und zog aus seinem Mund ein durchnässtes Baumwolltaschentuch. „Schneiden Sie die Fesseln auf. Wir müssen hier raus, bevor er wiederkommt“, presste der Mann erschöpft hervor, dessen Lippen trocken und eingerissen waren. „Wenn Sie Jacques meinen, der kommt nicht mehr.“ Nachdenklich schaute sie auf die Kabelbinder, die sich tief in seine Haut schnürten. „Wie meinen Sie das, er kommt nicht mehr? Woher kennen Sie ihn überhaupt?“ „Jacques wollte bei mir gewisse Papiere abholen. Sicher hätte er mich in Ruhe gelassen, wenn ich nicht von den Vorträgen im Radio erzählt hätte und dass ich einiges davon durch die Unterlagen übersetzen konnte.“ „Was machen Sie da?“, fragt er misstrauisch. Ruckartig rutschte er auf den Knien näher und starrte in ihre Handtasche, in der sie kramte. „Mit bloßen Händen werde ich Ihre Fesseln nicht losbekommen.“ Triumphierend hielt sie eine Nagelschere hoch. „Beeilen Sie sich lieber. Jacques war nicht allein.“ Vorsichtig schob sie die Spitze der Schere unter das Plastikband und schnitt nacheinander alle Kabel durch. Sie beobachtete, wie er sich schmerzverzerrt die Handgelenke rieb, zum Wasserhahn stürzte und hastig einige Züge trank. Urplötzlich drehte er sich zu ihr um, packte sie am Arm und zog sie aus dem Badezimmer. „Wir sollten sofort weg. Kennen Sie sich hier aus?“ „Was meinen Sie mit auskennen? Wir sind nur einige Meter von der Fußgängerzone entfernt, viel mehr kann ich auch nicht sagen.“ „Immerhin. Lassen Sie uns dort in ein Café gehen. Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen.“ „Wie heißen Sie?“ Seine Augen waren von einem tiefen Grün. Sein nussbraunes Haar fiel wild in sein markantes Gesicht. „Ariane. Ariane Hees, aber nennen Sie mich bei meinem Vornamen.“ „Gern. Ich bin Patrick.“ Er lächelte und hielt ihr seine Hand entgegen. „Ich schulde Ihnen was.“ Patrick rieb seine geröteten Handgelenke und lehnte sich wieder zurück. „Eben im Hotel, da erwähnten Sie Papiere, hinter denen Jacques her war.“ „Ja. Ein Päckchen mit Papieren wurde in unserer Dorfkneipe abgegeben. Waren Sie der ominöse Unbekannte? Die Beschreibung könnte passen.“ „Ja, dieser Ominöse war wohl ich“, bestätigte er, grinste und nippte an seiner Kaffeetasse. „Es war nicht leicht, die Aufzeichnungen zu retten. Eigentlich sollten die bei einer Polizeidienststelle liegen. Sind Sie von der Polizei?“ Ariane fühlte ihre düstere Vorahnung, dass es sich um wichtige Dokumente gehandelt hatte, bestätigt. Sie schüttelte den Kopf. „Die Polizei wollte die Papiere nicht haben. Da ich die Worte mehrfach in einem Radiosender gehört hatte, nahm ich sie an mich.“ Wieder fiel ihr Jacques ein, wie er am Boden gelegen hatte, mit weiten, starren Augen. „Was ist los? Woran denken Sie gerade?“ Das grausige Bild verblasste, als sie in seine besorgte Miene blickte. Ausführlich erzählte sie von Jacques Besuch und wie er am Ende verschwunden war. Kein einziges Mal unterbrach er sie. Allen Kummer, der sich angesammelt hatte, redete sie sich von der Seele. „Ich hatte bereits geahnt, dass die Polizei mit meinem Hinweis auf die Radiowelle nichts anzufangen weiß. Und jetzt habe ich auch noch Sie hineingezogen. Das tut mir leid.“ „Warum gehen Sie nicht einfach zur Polizei?“ Nachdenklich rieb er sich über sein stoppeliges Kinn. „Würden Sie mich ernst nehmen, wenn ich Ihnen von Außerirdischen erzähle, die sich hier auf der Erde befinden und an Menschen medizinische Versuche unternehmen?“ Ariane musste lächeln, als sie seinen schalkhaften Ausdruck wahrnahm. „Nein. Außerirdische?“ „Sehen Sie, Sie offenbaren genau diesen Blick, den alle haben würden. Besitzen Sie die Möglichkeit die nächsten Tage irgendwo unterzukommen, wo Sie sicher sind?“ „Wieso?“ „Na ja, die waren bei Ihnen zu Hause. Vielleicht kommen sie wieder.“ Ariane wurde heiß und das Übelkeitsgefühl stieg wieder in ihr hoch. Daran hatte sie die ganze Zeit nicht denken wollen. „Sie meinen, die kommen wieder?“ „Nur eine Vorsichtsmaßnahme.“ Ariane starrte auf den grau gefliesten Boden und versuchte, mit den Händen ihr vor Hitze glühendes Gesicht zu kühlen. „Mir fällt niemand ein.“ Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als sie die Tränen wegblinzelte. Als sie aufsah, fiel ihr Patricks misstrauischer Blick auf, der auf das Schaufenster gerichtet war. „Ist was?“ „Weiß nicht. Besser wir gehen. Ich habe einen Freund, der wird uns erst mal Unterschlupf gewähren und dann sehen wir in Ruhe weiter.“ Eine hässliche, graue Wolke entwich ihrem Auspuff, als Ariane den Wagen startete. Ihr tat der Magen weh und ihre Hände zitterten. Aus den Augenwinkeln konnte sie Patricks versteinerte Miene sehen, mit der er sich nach allen Richtungen umsah. „Sie sollten mal zur Inspektion.“ Er grinste sie an, als sei dies ihr größtes Problem. „Ja. Sicher. Wo fahren wir eigentlich hin?“ „Jetzt schauen Sie nicht so betroffen, es kommt schon wieder alles in Ordnung.“ Sie wollte ihm gern glauben und tat es beinahe, als sie in seine sanften Augen sah. „Fahren Sie auf die Autobahn Richtung Köln. Wenn ich das Gefühl habe, dass uns niemand folgt, nehmen wir wieder den entgegengesetzten Kurs.“ „Na, wenn das kein Plan ist.“ „Den ironischen Unterton habe ich überhört und fühle mich geschmeichelt.“ Gelassen lächelte er vor sich hin, doch Ariane war sich sicher, dass es in seinen Gedanken nicht so ruhig ablief.


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