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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Für Königin und Vaterland, Dania Dicken
Dania Dicken

Für Königin und Vaterland


Profiler-Reihe 9

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Christy schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten. 


„Guck mal, was die machen!“ wisperte sie zwischen ihren Fingern hindurch. „Er steckt ihr ja fast die Zunge in den Hals.“ 


Julie grinste breit und beobachtete das Schauspiel auf der nahen Parkbank genauso fasziniert wie ihre Freundin. Im Woodlands Park gab es immer eine Menge zu sehen, vor allem bei so schönem Wetter. Es war schon richtig warm, in der Luft lag der Duft von Frühling. 


Ganz in der Nähe eines der großen Wege hatten Julie und Christy sich in einem Gebüsch auf den Boden gelegt. Inbrünstig hoffte Julie darauf, daß endlich etwas Verdächtiges passierte. Etwas, was sie Onkel Christopher hätte berichten können. Sie wollte ihm und der Polizei bei der Arbeit helfen. So wie eine Detektivin. 


So wie ihre Mutter. 


Christy kicherte schon wieder. Genau gegenüber auf der Bank saß ein pickliger Teenager mit seiner Freundin. Die beiden knutschten heftig und standen schon seit einigen Minuten im Mittelpunkt des detektivischen Interesses der beiden Mädchen. Ein wenig angewidert verzog Christy das Gesicht. 


„Das sieht ja aus“, kommentierte sie kritisch. 


Julie nickte stumm. Als der Junge seine Hand unter das T-Shirt seiner Freundin steckte, prusteten die Mädchen erstickt. Das Pärchen merkte noch immer nichts davon. 


So funktionierte das also, dachte Julie. Merkwürdige Sache, dieses Knutschen. Mit allem, was dazugehörte. Julie stellte sich vor, wie sich das wohl anfühlte, was der Junge da mit seiner Freundin machte. Seltsame Vorstellung, von jemand anderem so angefaßt zu werden. Julie fand Jungs allenfalls nützlich zum Verhauen. Erwachsenwerden hatte höchstens einen mittleren Rang auf der Erledigungsliste inne. 


„Komm.“ Christy gab ihr einen Wink. Julie folgte ihr so leise wie möglich, aber nicht leise genug. Das trockene Laub des Vorjahres raschelte verräterisch unter ihren Schritten. Aufgeschreckt starrte das Pärchen ins Gebüsch. Unerkannt und kichernd rannten Julie und Christy weg. Erst, als sie das Gebüsch auf der anderen Seite verlassen hatten, blieben sie lachend stehen. 


„Das hat total komisch ausgesehen!“ fand Christy und schnappte nach Luft. 


„Allerdings. Keine Ahnung, was daran so toll ist“, sagte Julie schulterzuckend. 


„Nee, wirklich nicht“, stimmte Christy zu. 


Amüsiert suchten die beiden sich ein anderes Gebüsch. Ein junger Mann mit Hund kam vorüber, gefolgt von einem telefonierenden Anzug, wie Christy respektlos kundtat. Diesen Anblick fanden beide Mädchen ziemlich witzig. Mit Headset und Aktentasche wollte der Manager unersetzlich wirken. Wenig später schlenderte ein älteres Pärchen den Weg entlang. Ein Junge, etwa im Alter der Mädchen, flitzte auf seinem Fahrrad vorüber. 


Kurz darauf verließ ein Mann mit filzigen Haaren und in ungepflegter, abgetragener Kleidung den Weg und näherte sich dem Gebüsch. Julie und Christy hielten die Luft an und beobachteten ihn. Es dauerte nicht lang, bis ein weiterer junger Mann auftauchte. 


„Hast du was?“ begrüßte er den ersten. Der hielt ihm die Hand hin. Nachdem sie etwas ausgetauscht hatten, ging der zweite wieder. Der erste wartete einen kurzen Moment und verschwand ebenfalls. 


„Was war das?“ wisperte Christy. 


„Das war bestimmt jemand mit Drogen!“ sagte Julie verschwörerisch. 


„Hm“, machte Christy. „Was du alles weißt.“ 


Wieder mußte Julie an Christopher denken und überlegte, ob sie noch wußte, wie der Mann ausgesehen hatte. Vielleicht konnte sie das ihrem Onkel erzählen. 


„Ich freue mich schon auf deinen Geburtstag“, riß Christy sie aus ihren Gedanken. 


„Ich mich auch“, sagte Julie. „Hoffentlich regnet es nicht.“


„Ja, hoffentlich.“ 


In drei Wochen wurde Julie elf. Sie liebte es, Ende Mai Geburtstag zu haben, denn zu dieser Jahreszeit konnte man mit etwas Glück schon eine Gartenparty veranstalten. Ihre Vorfreude war riesig. 


Vielleicht bekam sie ja diesmal endlich einen Hund. 


In Christys Hosentasche piepte und dudelte eine Melodie. Sie zog ihr Handy heraus und verdrehte nach einem Blick aufs Display genervt die Augen. „Meine Mum.“ 


„Oh“, machte Julie und belauschte das Telefonat und Christys einsilbige Antworten mit halbem Ohr. Noch genervter als vorher steckte Christy das Handy schließlich wieder weg. 


„Ich muß nach Hause“, brummte sie. „Mum will, daß ich noch für den Mathetest lerne.“


„Pff“, machte Julie und fügte sarkastisch hinzu: „Viel Spaß ...“ 


„Danke“, erwiderte Christy in ähnlichem Tonfall und schlug sich aus dem Gebüsch. „Bis morgen.“ 


„Bis morgen“, rief Julie ihr hinterher und stand Augenblicke später ebenfalls auf. Allein im Park auf dem Boden zu liegen machte keinen Spaß. Sie kämpfte sich aus dem Gebüsch und schüttelte ihre langen dunklen Locken, um alle Zweige und Blätter loszuwerden. 


Gemächlich schlenderte sie zur Bushaltestelle, aber noch bevor sie dort eingetroffen war, beschloß sie, doch lieber nach Hause zu laufen. Der Weg war zwar vergleichsweise weit, weil sie von Christys Haus aus aufgebrochen waren, aber Julie wollte sich die Frühlingssonne ins Gesicht scheinen lassen. 


Sie verließ den kleinen Park in Richtung Norwich Community Hospital und schlenderte über das Krankenhausgelände. Dort kreuzten Spaziergänger ihren Weg, Patienten und ihre Angehörigen. Ein älterer Mann in Morgenmantel kam im Rollstuhl, irgendwo rannte ein kleiner Junge lachend über die Wiese. 


Ans Krankenhausgelände schloß sich der städtische Friedhof an. Julie beschloß, ihn zu überqueren. Sie liebte es, Grabsteine zu lesen und zu sehen, welche Namen die Leute getragen hatten. Außerdem mochte sie die ruhige Atmosphäre auf dem Friedhof und den Geruch frischer, feuchter Erde. So roch es auch, wenn es im Sommer regnete. Das war einfach herrlich. 


Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Hinter einer Hecke hörte sie leises Stimmengemurmel, ansonsten war da nur das Rauschen des Windes in den Bäumen. Es war friedlich und still. 


Die ersten Grabsteine fand Julie eher langweilig. Die Leute hießen Miller oder Parker. Erst der Name Archibald Bendworth erregte ihr Interesse. Grinsend nahm sie den verwitterten Grabstein in Augenschein und trottete weiter. Begonnen hatte ihr Weg auf der alten Seite des Friedhofs, so daß die Grabstellen und Inschriften auf den Grabsteinen immer jünger wurden. Der Grabstein eines Ehepaares fiel ihr auf, denn die Frau war hundert Jahre alt geworden. Ihr Name war Margaret Hartford gewesen. Margaret, so ein schöner alter Name, dachte Julie fasziniert. 


Edgar und Evelyn Eldridge stand auf dem nächsten Grabstein. Alle Namen begannen mit E. Das hätte Julie auch gefallen: Ein Vorname beginnend mit T, so daß er zu Thornton paßte. Zu schade, daß ihre Mum ihren deutschen Namen mit der Hochzeit aufgegeben hatte, denn sie hatte Jahnke geheißen. Wie praktisch. Aber sie hatte es vorgezogen, in England einen englischen Nachnamen zu tragen. Julie hatte sich manchmal gefragt, ob das Leben in Deutschland so anders gewesen wäre. Zum Glück beherrschte sie die Sprache. 


Ein paar Schritte weiter entdeckte sie den zwölf Jahre alten Grabstein einer Frau Anfang zwanzig. Mary Hillthorpe war ihr Name gewesen. Julie fragte sich, ob sie krank gewesen war oder einen Unfall gehabt hatte, der schuld an ihrem frühen Tod war. 


Zwei Grabsteine weiter entdeckte sie noch einen, der die Lebensdaten einer ähnlich jungen Frau zeigte. Jenny Morsdale. Sie war kurz vor Weihnachten gestorben. Das fand Julie gruselig. 


Auch der übernächste Grabstein gehörte zu einer jungen Frau. Sie hatte Andrea Jackson geheißen und war nur ein paar Wochen nach Jenny gestorben. 


Julie blieb stehen überlegte, dann kehrte sie zurück zum Grabstein von Mary Hillthorpe. Gestorben im November, genau vier Wochen vor Jenny. Andrea Jackson war vier Wochen nach Jenny gestorben. 


Ein eiskalter Schauer überlief Julie, als ihr klar wurde, wessen Gräber sie gefunden hatte. Wie angewurzelt stand sie da und fröstelte urplötzlich. Der Sonnenschein erschien ihr wie purer Hohn. 


Ihre Mutter hatte ihr von dem Mann erzählt, der Studentinnen hier in Norwich getötet hatte. Immer im Abstand von vier Wochen. Insgesamt fünf Frauen waren ihm zum Opfer gefallen. 


Konnte das wirklich sein? Oder war das Zufall? 


Zweieinhalb Jahre vor ihrer Geburt war das passiert. Julie zählte an den Fingern nach und verglich mit der Jahreszahl auf den Grabsteinen. Das Jahr stimmte. Es hätte schon mit dem Teufel zugehen müssen, wenn sie plötzlich drei völlig andere Gräber junger Frauen gefunden hätte. 


Sie wußte, wie wie letzte tote Frau hieß. Die Freundin ihrer Mutter. Mit klopfendem Herzen folgte Julie dem Weg und suchte nach dem Grabstein von Caroline Lewis. Ihr wurde innerlich noch kälter, als sie ihn schließlich fand. 


Das Grab war mit den schönsten Blumen in der ganzen Gräberreihe geschmückt. Traurig las Julie die Lebensdaten von Caroline Lewis: am elften Februar im Alter von siebenundzwanzig Jahren gestorben. Das Grab existierte.  


Plötzlich wurden die Erzählungen ihrer Mum real. Es war nicht mehr bloß eine ferne, vergessene Erinnerung, mit der Julie nichts zu tun hatte. Das war wirklich echt. Es hatte diesen Mörder wirklich gegeben. Den Mann, der auch ihre Mum hatte töten wollen. 


Julie zog die Schultern hoch und grübelte über seinen Namen. Sein Nachname fiel ihr schließlich ein: Harold. 


Mit einer seltsamen Mischung aus unterschwelliger Angst und morbider Neugier stapfte sie weiter über den Friedhof und suchte nach dem Grabstein des Mannes, der all diese jungen Frauen auf dem Gewissen hatte. Sie wollte ihn sehen. Wollte sich vergewissern, daß er genauso echt war wie die anderen. 


Ein Serienmörder. Der erste, mit dem ihre Mutter es zu tun bekommen hatte. 


Julie lief kreuz und quer durch die Gräberreihen und hielt geduldig nach dem Namen Harold Ausschau. In einer abgelegenen, etwas verwilderten Ecke neben uralten Gräbern entdeckte sie schließlich die Grabstelle. Jonathan Harold stand auf dem mit üblen Schimpfwörtern beschmierten Grabstein. Gestorben am elften Februar, genau wie sein letztes Opfer. 


Es war genau, wie ihre Mutter gesagt hatte. Zwar hatte Julie es nie bezweifelt, aber davon zu hören und es zu sehen waren zwei verschiedene Dinge. 


Fröstelnd zog Julie die Schultern hoch und starrte feindselig auf das Grab. Die Hände in die Hosentaschen gesteckt, stand sie einfach nur da und streckte schließlich einfach so die Zunge heraus. Er hatte ihrer Mum weh getan. Für diesen Mann empfand sie nur Haß, ohne ihn je kennengelernt zu haben. 


 


Andrea hatte gerade aufgelegt und wollte das Telefon in die Ladestation stellen, als die Haustür ins Schloß fiel. Die hastigen kleinen Schritte verrieten ihr, daß Julie gekommen war. 


„Du bist schon wieder da?“ rief Andrea überrascht aus dem Wohnzimmer. Als sie sich umdrehte, stand plötzlich ihre Tochter vor ihr und umarmte sie wortlos. Sie glühte regelrecht und atmete stoßweise. 


„Hey, Süße, was ist denn?“ fragte Andrea beinahe zärtlich und strich über Julies Locken. Sie hatte ihren Kopf an Andreas Brust vergraben und sagte noch immer kein Wort. Ihre Anspannung blieb Andrea nicht verborgen. 


„Was ist los?“ fragte sie sanft. „Hattest du Streit mit Christy?“ 


„Nein“, kam es gedämpft aus ihrem Pullover zurück. Es klang weinerlich. 


„Ist etwas passiert?“ 


„Nein.“ Julie hob den Kopf, um ihre Mutter anzusehen. „Es ist nur ... ich bin froh, daß du da bist, Mami.“ 


Irritiert zog Andrea eine Augenbraue in die Höhe. Damit gab sie sich nicht zufrieden. „Junge Dame, du weißt doch, daß du nichts vor mir verheimlichen kannst. Irgendetwas ist garantiert passiert.“ 


Langsam löste Julie sich von ihr. „Christy mußte nach Hause. Wir waren im Woodlands Park und ich bin nach Hause gelaufen. Über den Friedhof.“ 


Andrea fragte sich, was daran problematisch war, bis sie begriff. Der städtische Friedhof lag in der Nähe vom Woodlands Park. Verstehend nickte sie. „Was hast du entdeckt?“ 


Julie wandte sich schweigend ab und ging zum Sofa, auf dem sie sich langsam niederließ. Andrea folgte ihr. 


„Die ganzen Gräber“, sagte Julie leise. „Alles, was du erzählt hast ...“ 


„Das muß unheimlich gewesen sein“, sagte Andrea verständnisvoll. 


Julie nickte. „Das war total gruselig. Drei Gräber von jungen Frauen. Dann habe ich das Grab von Caroline entdeckt. Das ist alles so verrückt! Ich meine, ich weiß ja, daß das alles passiert ist. Aber jetzt ... das macht es so ...“ 


„Ich verstehe.“ Andrea griff nach Julies Hand und drückte sie.  


„Ist das nicht total schlimm für dich, wenn ich davon spreche?“ fragte Julie. 


Gerührt durch die Besorgnis ihrer Tochter lächelte Andrea. „Nein. Es ist schon so lang her. Das ist nicht mehr schlimm.“ 


Skeptisch blinzelte Julie in Richtung Terrassentür. Sie war nur angelehnt, weil Gregory im Garten war. Das ahnte das Mädchen, aber sie sprach trotzdem weiter, solange sie die Gelegenheit hatte, mit Andrea allein zu reden. 


„Ich habe dann auch sein Grab gesucht“, fuhr sie fort, ohne den Blick von der Tür zu wenden. „Ich wußte noch seinen Nachnamen. Sein Grab habe ich auch gefunden.“ 


„Du kannst seinen Namen ruhig sagen.“ Andrea lächelte gelassen. „Das ist halb so schlimm.“


„Wirklich?“ Das wollte Julie nicht glauben. „Ich meine ... das war ein Mörder. Du hast mir doch erzählt, was der gemacht hat. Daß er dir weh getan hat. Er hat Dad fast umgebracht!“ 


Mit flammendem Blick sah sie ihre Mutter an. Andrea zog die Schultern hoch und seufzte, aber Julie kam einer Antwort zuvor. 


„Es ist nur ... ich verstehe das immer noch nicht. Seit du mir davon erzählt hast, denke ich darüber nach und versuche zu verstehen, was da passiert ist. Aber ich verstehe es nicht. Ich bin noch nicht alt genug dafür. Du hast mir ja auch bestimmt nicht alles erzählt.“


„Das stimmt“, gab Andrea unumwunden zu. 


„Und weißt du was? Ich bin froh, daß ich das noch nicht verstehe, denn ich weiß, diese Sachen würden mir Angst machen.“ Julie sagte das sehr bestimmt, um keine Widerrede gelten zu lassen. „Vorhin haben Christy und ich ein Pärchen beim Knutschen beobachtet. Das war auch so seltsam. Das alles finde ich noch so eigenartig. Aber obwohl mir das nichts sagt, finde ich unheimlich, was ich mir vorstelle.“ 


„Hey.“ Andrea seufzte und legte einen Arm um Julies schmale Schultern. Frustriert dachte sie daran, daß sie genau diese Reaktion immer hatte verhindern wollen. 


„Wenn du möchtest, versuche ich, dir noch mehr zu erklären“, bot sie trotzdem an. 


„Nein.“ Julie schüttelte mit einer unglaublichen Vehemenz den Kopf. „Ich will das gar nicht hören. Es macht mich verrückt, mir vorzustellen, daß das passiert ist. Ich will das nicht. Ich stelle mir immer vor, daß du ...“ Sie brach ab. 


„Was?“ fragte Andrea zaghaft nach. 


„Daß du furchtbare Angst hattest. Daß ... das darf dir nicht passiert sein, Mami! Das hast du nicht verdient.“ Tränen brannten in ihren Augen, aber sie sprachen von Zorn. 


„Ach, Süße.“ Andrea versuchte, ihre Tochter zu umarmen, die steif wie ein Brett dasaß. Dennoch ließ Julie es zu. In diesem Augenblick wollte sie sich anlehnen. 


Andrea spürte, wie Julies Anspannung ganz langsam nachließ, aber sie brauchte einen Moment, um zu merken, daß Julie leise weinte. Sie drückte Julies Kopf an ihre Brust, schlang die Arme um ihren Körper und drückte sie ganz fest an sich. 


„Es ist okay“, sagte sie leise. „Es geht mir gut. Das ist ewig her. Er hat mir ja nichts getan.“ 


Julie gab ein wimmerndes Geräusch von sich. „Aber du hast doch von diesen anderen Männern erzählt und ich weiß doch auch, daß du jahrelang solche Verbrecher gejagt hast und ...“ Sie schluckte. „Ich finde das so traurig. Ich will das alles nicht für meine Mum.“ 


„Nicht doch.“ Tröstend wiegte Andrea ihre Tochter in den Armen und atmete tief durch. Natürlich hatte sie diesen Moment immer gefürchtet. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, daß Julie Angst vor einem Phantom hatte. Sie hatte hauptsächlich deshalb Angst, weil sie die Hintergründe noch nicht verstand. Aber sie war immer noch ein Kind. Sie interessierte sich nicht für Jungs, sie hatte immer noch die Figur eines ganz jungen Mädchens, wartete noch auf ihre erste Regelblutung. Sexualität kam noch nicht mal in ihrer Gedankenwelt vor. 


Aber es erschütterte Andrea, daß dieses Phantom ihr Angst machte - und daß Julie eine solch altkluge Angst um sie hatte. Es ging ihr doch gut. Sie hatte es längst überwunden. Jonathan Harold hatte sie vor zwölf Jahren entführt und seitdem jagte sie als Profilerin Verbrecher wie ihn. Serienmörder, Triebtäter, psychisch kranke Straftäter. 


Sie wußte, warum. 


„Was ist denn hier los?“ 


Andrea blickte auf, so daß ihr Blick den ihres Mannes traf. Gregory war von draußen hereingekommen und sah auf den ersten Blick nur seine Tochter in den Armen ihrer Mutter liegen. 


„Julie war auf dem Friedhof“, erklärte Andrea. „Sie hat die Gräber gesehen.“ 


Gregory nickte verstehend. Er schloß die Tür hinter sich, setzte sich auf der anderen Seite neben Julie und legte eine Hand auf ihre Schulter. 


„Was ist denn daran so schlimm für dich?“ fragte er. 


„Daß ich mir immer vorstellen muß, wie schlimm das für Mami war, dabei versteh ich doch nicht mal, was eigentlich passiert ist ...“ murmelte Julie. 


Gregory war sichtlich verwirrt. Mit großen Augen sah er Andrea an, staunte ebenso über diese altklugen Worte zu staunen wie sie. 


„Du mußt nicht traurig sein, Jules. Das ist länger her, als du auf der Welt bist“, sagte er tröstlich. 


Julie löste sich aus Andreas Umarmung und blickte zu ihrem Vater. Wortlos begann sie, mit den Fingern in seinen Locken herumzufühlen und verzog das Gesicht. Greg legte seine Hand auf ihre und nickte langsam. Sie hatte die Narbe gefunden, die man zwar nicht sehen, aber sehr deutlich fühlen konnte. Sie war nicht sehr gut verheilt. Das war die Stelle, an der Jonathan Harold Greg fast den Schädel eingeschlagen hatte. 


„Dad“, stieß sie schluchzend hervor und warf sich ihm um den Hals. Greg schloß sie fest in die Arme und sah Andrea hilflos an. Unhörbar und nur mit seinem Gesichtsausdruck fragte er sie, was da eigentlich los war. Andrea verzog nur die Lippen. Ohne Worte konnte sie ihm das nicht erklären. 


„Ist ja gut“, sagte Greg und ließ Julie weinen. Sie kauerte sich auf seinem Schoß zusammen und weinte über eine Sache, die ihr aufgrund ihrer Fremdheit Angst machte. 


Als sie sich kurz darauf endlich beruhigt hatte, krabbelte sie vom Sofa und straffte die Schultern. „Bin oben.“ 


„Ist gut“, sagte Andrea und blickte ihr hinterher. Greg und Andrea schwiegen, bis Julies Zimmertür hinter ihr zugefallen war. 


„Was zum Teufel war das?“ fragte Gregory gestikulierend. 


„Sie versteht die ganze Angelegenheit nicht und das ist ihr unheimlich“, begann sie ihre Erklärung. Er hörte ihr aufmerksam zu, nagte dann aber unzufrieden an seiner Unterlippe herum. 


„Können wir gar nichts tun, um dieses Gespenst wegzusperren?“ fragte er. 


„Ich weiß nicht, was“, sagte Andrea. „Ich habe ihr schon vorgeschlagen, es ihr noch besser zu erklären. Das möchte sie nicht, wahrscheinlich würde ihr das noch mehr Angst machen. Sie muß einfach älter werden.“ 


„Ein verfluchter Mist ist das“, brummte Greg gereizt. „Zwar denke ich manchmal, es würde mich sehr beruhigen, wenn sie ihren ersten Freund mit achtzehn hat ... aber das alles muß doch einen bestimmten Effekt auf sie haben! Das kann nicht spurlos an ihr vorüber gehen. Ich will nicht, daß sie deshalb ein falsches Bild bekommt.“ 


„Meinst du, ich?“ erwiderte Andrea resigniert. „Aber wir können das nicht von ihr fernhalten. Das geht nicht.“ 


„Natürlich nicht. Wir müssen darüber mit ihr sprechen und ihr den Unterschied erklären. Gewalt kommt in normaler Sexualität nicht vor.“ 


Andrea erwiderte nichts. Sie haßte es, wenn etwas ihre Tochter belastete. 


„Ist dir aufgefallen, warum ihr das so zu schaffen macht?“ riß Gregory sie aus ihren Gedanken. 


Fragend erwiderte Andrea seinen Blick. „Keine Ahnung. Ehrlich. Das ist eine gute Frage.“ 


„Ich sage es dir“, begann er. „Sie liebt dich über alles. Ich weiß nicht, ob dir das klar ist, aber was glaubst du, aus welchem Grund sie mit Christy Detektiv spielt? Das ist Bewunderung für dich. Sie ist unglaublich stolz auf dich. Für dich empfindet sie eine ganz andere Liebe als für mich. Sie erträgt den Gedanken nicht, daß irgendetwas mit dir nicht in Ordnung sein könnte. Du bist so ein tolles Vorbild für sie und sie identifiziert sich so stark mit dir. Aber deine Vergangenheit ist etwas, was ihr Angst macht.“ 


Sprachlos sah Andrea ihren Mann ob dieser Offenbarung an. Er hatte recht. Allerdings beunruhigte dieser Gedanke sie mehr, als daß er ihr half. 


 


 


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