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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe FREISPRUCH?, Christer Tholin
Christer Tholin

FREISPRUCH?


Ein Schweden-Krimi

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erit lag immer noch im Bett, sie konnte sich heute nicht richtig aufraffen. Es war Dienstag, der Tag in der Woche, an dem sie von zu Hause aus arbeitete. Ihr Chef fand das gar nicht toll, aber das war ihr egal, schließlich hatte die Firma das vor ein paar Jahren so eingeführt, und damit stand ihr das zu. Jesper konnte von ihr aus meckern, so viel er wollte. Sie wusste, dass die anderen Kollegen in der Abteilung sich nicht trauten, dem Chef die Stirn zu bieten, aber sie war nicht so eine Memme. Sie war sich sowieso nicht sicher, wie lange sie diesen bescheuerten Job noch machen würde. Vor Kurzem war ihre Tante verstorben, und Berit hatte etwas Geld und das Haus geerbt. Ihr Bruder war sauer gewesen, dass er leer ausgegangen war, und belatscherte sie dauernd, mit ihm zu teilen. Auf gar keinen Fall. Was bildete der sich ein? Hatte er sich jemals um ihre Tante gekümmert? Egal, jetzt würde sie das Haus verkaufen. Wenn alles gut lief, hätte sie bald eine Menge Kohle zur Verfügung, dann könnte sie endlich ihren Webshop aufmachen und alles flexibel von zu Hause aus erledigen. Keine täglichen Autofahrten nach Umeå mehr, kein blöder Chef und vor allem nicht diese dumme Kuh Gertrud, die ihr im Büro ständig auf den Zeiger ging. Berit guckte auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand, schon zwanzig vor neun. Sie musste aufstehen, ab neun könnten die ersten Telefonate kommen, vielleicht sogar der Idiot Jesper mit seinem Kontrollanruf. Berit schwang die Beine aus dem Bett und zog ihr Nachthemd aus. Die Dusche würde heute mal ausfallen, sie wollte jetzt einen Kaffee und sich gleich an den PC setzen. Mal sehen, wie es mit dem guten Ingemar war – ob der sich schon gemeldet hatte, denn schließlich war heute die Zahlung fällig.


Rasch zog sie sich an. Das war ein weiterer Vorteil, wenn man zu Hause arbeitete, man brauchte sich nicht aufzubrezeln; Make-up war nicht nötig, und ein labberiges T-Shirt mit Jeans störte hier auch niemanden. Sie grinste – was Jesper wohl für ein Gesicht ziehen würde, wenn sie einmal so im Büro aufkreuzte. Sie betrat das angrenzende Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen. Wieder einmal lag die Zahnpaste offen auf der Ablage, und im Waschbecken fanden sich in Klumpen eingetrocknete Reste, die sie natürlich wegmachen musste. Dass Tor sich das nicht merken konnte, fast jeden Tag ärgerte sie sich darüber. Wie über alles andere, was er im Haushalt nicht oder nicht ordentlich erledigte. Aber auch das würde bald Geschichte sein. Wie sie sich auf ihr neues Leben freute! Endlich hier alles alleine regeln können – niemand, der einen störte und Unordnung machte. Und sie würde nie wieder zulassen, dass jemand ihr eine verpasste, das war sein größter Fehler gewesen, das würde sie ihm nie verzeihen. Seitdem schlief er im Gästezimmer. Es war vorbei zwischen ihnen, das hatte sie ihm klargemacht. Mit seinen vielen Nachlässigkeiten hatte sie sich arrangieren können, aber wenn sie ihm die nicht einmal mehr vorhalten konnte, ohne dass er ausrastete und gewalttätig wurde, bedeutete das die Trennung. Am Freitag hatte sie einen Termin mit einer Anwältin, dann würde sie die Scheidung einreichen. Es würde einfach und schnell gehen, zum Glück hatte sie ja nie nachgegeben, wenn Tor mit seinem Wunsch nach Kindern gequengelt hatte. Damit wäre sie Tor los und musste auch ihr Geld nicht mit ihm teilen. Sein schmaler Lohn trug sowieso kaum etwas bei. Sie grinste wieder, der hatte vielleicht blöd geguckt, als sie ihm gesagt hatte, dass sie es mit der Scheidung ernst meinte. Er hatte doch tatsächlich geglaubt, dass seine dümmlichen Entschuldigungen und dieser lumpige Strauß Blumen alles wieder ins Lot bringen würden. Nicht mit ihr. Sie hatte sich schon früh geschworen, dass sie sich von niemandem je schlagen lassen würde. Das blaue Auge würde sie ihm nie vergessen, vier Tage Urlaub hatte sie nehmen müssen, damit niemand diese Schande bemerkte. Ja, wenn Tor sonst ein Traum-Ehemann wäre, vielleicht hätte sie ihm dann verziehen. Aber davon konnte keine Rede sein. Wie oft ärgerte sie sich über seine Unzulänglichkeiten. Und seit er diesen Bierbauch hatte, war er noch nicht einmal mehr attraktiv. Im Bett war es sowieso immer nur um seinen Spaß gegangen, und der war immer schnell vorbei. Das brauchte sie wirklich nicht.


Noch schnell mit der Bürste durch die Haare, schon war sie fertig. Jetzt ein bisschen klar Schiff machen, dann konnte sie nach unten gehen und die Kaffeemaschine einschalten. Sie zog im Schlafzimmer die Gardinen auf. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war keine Wolke in Sicht. Sie blickte über ihr Grundstück, die Apfelbäume trugen eine Menge Früchte, sie würde bald ernten können. Weiter hinten glänzte der neue Schuppen in den Sonnenstrahlen, immer wieder freute sie sich darüber. Darin war eine Menge Platz, endlich konnten die Gartengeräte geschützt stehen. Wie die Beckmans darüber gemeckert hatten! Von wegen: der Abstand zur Grenze wäre weniger als viereinhalb Meter. Tja, wenn man nicht wusste, wo sein Grundstück endete, dann konnte man natürlich auch nicht richtig messen. Und bloß weil jemand vor Jahren mal einen Zaun an der falschen Stelle errichtet hatte, hieß das ja nicht, dass dort nun die Grenze war. Die hatten gezetert und geklagt, vor allem Inga, bis Berit mit der offiziellen Karte kam, die deutlich zeigte, dass die Grenzlinie nicht gerade verlief wie der Zaun, sondern im letzten Drittel ein paar Meter nach links versetzt war; der Schuppen stand nun genau an der Ausbuchtung, die in Beckmans Mark hineinragte. Jetzt redeten sie nicht mehr mit ihr, aber machen konnten sie nichts. Denen hatte sie es gezeigt! Berit lächelte zufrieden.


Sie schüttelte gerade die Bettdecke auf, als sie von unten ein Geräusch hörte. War Tor zurückgekommen? Hatte der Tüffel wieder mal etwas vergessen? Sie lauschte, aber nun war alles still. Hatte sie sich verhört? Berit strich das Bett glatt, griff nach ihrem Handy, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging die Treppe hinunter. Sie lauschte wieder, doch es war nichts mehr zu hören.


Sie blieb stehen. „Tor, bist du das?“ Keine Antwort. Sie musste sich getäuscht haben.


In der Küche nahm sie die Filtertüte mit dem alten Kaffee aus der Kaffeemaschine – das lernte Tor natürlich auch nie. Sie setzte eine frische ein, füllte fünf Löffel gemahlenen Kaffee hinein, goss entsprechend Wasser in den Wassertank und schaltete die Maschine ein. Während sie sich einen Toast machte, gluckerte die Maschine, und der erste Kaffeeduft breitete sich aus. Sie hielt inne, jetzt hatte sie wieder etwas gehört. Kam das aus dem Wohnzimmer? Berit legte den Toast weg.


„Hallo? Ist da jemand?“ Sie hielt den Atem an und ging vorsichtig durch den Flur. Sie schaute ins Wohnzimmer – nichts zu sehen, hier war niemand. Kamen die Geräusche doch von draußen? Sie blickte durchs Fenster zur Auffahrt. Dort stand nur ihr Auto, niemand sonst zu sehen. Sie atmete aus. Vielleicht die Katze der Beckmans, dieses blöde Vieh. Die trieb sich in letzter Zeit häufiger bei ihnen herum. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie annehmen, dass die Beckmans sie absichtlich hierherschickten, nur um sie zu ärgern. Na, sie würde eine Schüssel Wasser holen und dem Streuner eine Dusche verpassen. Die würde es noch lernen, dass Berit sie hier nicht wollte. Rasch schritt sie durch den Flur in die Waschküche und drehte sich zur Spüle. In diesem Moment hörte sie Schritte hinter sich. Das war das Letzte, was sie in ihrem Leben wahrnahm. Denn bevor sie sich umdrehen konnte, traf sie etwas Hartes mit voller Wucht am Hinterkopf.



 


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