Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern

zurück zum Buch

Flucht ins Viertel


Ein Schanzenviertelkrimi

von Cord Buch

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783958130883
Ausstattung:
Taschenbuch
Preis:
12.00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Verlag Edition Oberkassel
Kontakt zum Autor oder Verlag:
cordbuch@aol.com
Klappentext

Eine Gruppe Flüchtlinge kommt aus Lampedusa nach Hamburg. Ihr Sprecher wird brutal ermordet. Nicht nur die Polizei sucht nach dem Mörder und schlägt sich mit verschiedenen Motiven herum, auch die Journalistin Nele und Freunde des Opfers wollen den Täter finden. Nachdem die Flüchtlinge Unterschlupf in einer Kirche gefunden haben, geschieht ein weiterer Mord im Viertel. Eine tiefe Beziehungskrise mit ihrem Lebensgefährten und die Finanznot ihres Zeitungsprojekts belasten Nele stark. Als sie auch noch erpresst wird und ihr Sohn in große Gefahr gerät, ist sie zu jeder Verzweiflungstat bereit.

Rezension

Über das Meer nach Italien und weiter nach Norden kommen 800 Flüchtlinge aus Lampedusa in Hamburg an und fordern Gruppenasyl. Darauf lässt sich der Senat natürlich nicht ein. Als es immer kälter wird, findet ein Großteil von Ihnen Unterschlupf in der Kirche des Viertels. Einem von ihnen, Ngana, gibt die Journalistin Nele Deutschunterricht. Als der totgeschlagen und gefoltert in einem Bunker gefunden wird, machen sich Nele und zwei seiner Freunde auf, seinen Mörder zu finden. Dann gibt es im Viertel einen weiteren Toten und die Zeitung, bei der Nele arbeitet hat Finanzprobleme. Dass ihr Freund Tjark Sex mit einem Mann hat, ist da gerade ihr geringstes Problem.

Nele, ihren Wochenendfreund Tjark, ihren Sohn Cairo und dessen Freundin Isa habe ich bereits bei dem Mord im Viertel kennengelernt. Daher ist es für mich, wie zurückkommen zu guten Bekannten.
In dieser Geschichte geht es um Flüchtlinge aus Syrien, die in Hamburg Fuß fassen wollen. Mit den Schwierigkeiten der Eingewöhnung, den Problemen bei so vielen Männern auf engsten Raum untereinander, dem Misstrauen der Bevölkerung auf der einen, der Unterstützung auf der anderen Seite mache ich hier Bekanntschaft. Cord Buch lässt mich ziemlich weit hinter die Kulissen blicken. Es erschreckt und berührt mich, wenn ich lese, wie sich die Männer in unserer Welt fühlen, mit der sie sich jetzt auseinander setzen müssen. Der Lebensmut und Optimismus auf ein besseres Leben der Flüchtlinge ist ungebrochen, obwohl sie schon so viel Schlechtes und fast unüberwindbar scheinendes erlebt haben. Im Nachwort gibt mir Cord Buch einen noch tieferen Einblick in die Dinge, mit denen die meisten von uns nicht konfrontiert werden oder werden wollen.
Auch Neles Privatleben mit ihren Höhen und Tiefen kommt nicht zu kurz. Außerdem will die Zeitung, für die sie arbeitet gerettet werden. Also Baustellen an allen Ecken und Enden. Trotzdem habe ich auch hier und da schmunzeln können.

Die Polizeiarbeit nimmt in diesem Fall wieder eine große Rolle ein. Ihre Ermittlungen laufen neben der Suche von Nele und Nganas Freunden. Hier wird sehr gut deutlich, mit welchen Hürden und Schwierigkeiten die Polizei zu kämpfen hat. Durch Hauptkommissar Werner Jensen, die junge Polizeimeisterin Conny Schrader und Wiebke Müller bekomme ich einen tollen Einblick in ihre Arbeit und bin bei den Fortschritten direkt dabei.
Die Gedanken des Mörders bzw. Erpressers lese ich zwischendurch in kursiver Schrift.

Ich hatte mich sehr auf das Wiederlesen mit Nele und den Freunden aus dem Viertel gefreut und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn der Plot ein düsterer ist, finde ich die Einblicke, die ich hier bekommen habe sehr interessant, lesenswert und auch unterhaltsam. Meine Leseempfehlung für alle, die gerne auch mal eine ernste Geschichte mit Spannung bis zum Schluss lesen wollen.

(Quelle: Amazon, gaby2707)

Leseprobe

 

Freitag (1. Woche), 14:10 Uhr

Auf dem Holztisch in der Küche liegen verstreut Papiere: unregelmäßige deutsche Verben, Deklination von Sub­stantiven und Grundregeln der Pluralbildung. Nele hat diesen Streifzug durch die deutsche Grammatik ausgedruckt und wartet auf Ngana.

                                               Vier Wochen ist es her, dass ihr Sohn Cairo abends vorbeikam und sie mit einer Bitte überraschte: Ob sie nicht einem Freund Deutsch beibringen könnte? Sie als Journalistin kenne sich doch aus mit allem, was Sprache betrifft.

                                               »Wer ist dieser Freund?«, hatte sie ihn gefragt. Sie erinnerte sich noch immer ungern daran, wie Cairo ein halbes Jahr vorher mit Joe vor ihrer Tür gestanden hatte. Und was anschließend passiert war.

                                               »Er ist einer der Flüchtlinge aus Lampedusa, die in die Stadt und ins Viertel gekommen sind. Du weißt, ich arbeite in der Unterstützergruppe mit.«

                                               Augenblicklich wusste Nele, dass ein Nein nicht infrage kam, und auch, dass Cairo ihr keinen lukrativen Nebenjob vermittelte, sondern dass sie aus Solidarität zusagen musste. Sie sagte zu.

                                               Als ihr Sohn die beiden einander vorstellte, brach er in lautes Gelächter aus. Seine kleine und stämmige Mutter stand vor einem großen Mann, der mit geschätzten zwei Metern Körpergröße Cairo knapp überragte, und sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um dem Gast ins Gesicht schauen zu können.

                                               Das Klingeln an ihrer Wohnungstür reißt Nele aus ihrer Erinnerung. Ngana ist gekommen, wie immer mit einem breiten Lachen im Gesicht. Seine Augen, die noch dunkler als Neles sind, blitzen fröhlich. Wie kann ein Mensch, der so viel Schreckliches erlebt hat – und Nele weiß nicht, was er erlebt hat, sie ahnt nur, dass es schrecklich gewesen sein muss –, wie kann so ein Mensch fröhlich sein, Lebensmut und Optimismus ausstrahlen?

                                               »Komm herein«, begrüßt sie ihn.

                                               »Ich lerne heute Deutsch.« Ngana lacht. Zum Glück beherrscht er die englische Sprache, sodass Nele ihm Vokabeln und Grammatik verständlich erklären kann. Bambara, seine Heimatsprache aus Mali, und Arabisch beherrscht sie nicht. Sie spricht weniger Sprachen als Ngana, der gerade seine vierte lernt, lernen muss.

                                               Sie stellt für jeden einen Teebecher auf den Holztisch, die sie aus einer Thermoskanne befüllt. Nele beginnt mit Alltagskonversation. Sie glaubt, dass man sich auf diese Weise am einfachsten in eine fremde Sprache hineinfindet. Nebenbei versucht sie, die Regeln der deutschen Sprache zu erklären.

                                               »Bei maskulinen und sächlichen Hauptwörtern hängst du ein e dran. In siebzig Prozent der Fälle hast du dann den richtigen Plural.«

                                               »Ich will aber hundert Prozent.« Ngana zeigt sein optimistisches Lachen, und ohne dieses zu unterbrechen, mit ernster Miene auf seine Uhr. Zwei Stunden nehmen sie sich zweimal jede Woche, um Nganas Sprachkenntnisse zu erweitern, um ihn zu befähigen, in diesem kalten europäischen Land zu überleben. Heute unterbricht er Nele nach gut einer Stunde.

                                               »Ich muss los. Es ist etwas zu tun. Du weißt, meine Freunde verlassen sich auf mich.«

                                               »Ja, ich weiß.« Nele ist enttäuscht, sie hat mit Ngana nicht alle vorbereiteten Themen durchsprechen können. »Nächste Woche haben wir mehr Zeit. Dann koche ich für uns, ein Gericht aus meiner Heimat.« Ngana hat ihre Enttäuschung bemerkt.

                                               »Eine schöne Idee.« Auf Neles Gesicht zieht ein Lächeln ein.