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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Fließende Nebel, Heiger Ostertag
Heiger Ostertag

Fließende Nebel



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Ein Septemberabend
Eiserne Klammern am Hals. Immer enger der Atem und der Wille wird schwach. Schwindende Sinne. Arme, zur verzweifelten Abwehr erhoben, sinken zur Erde. Mit dumpfem Schlag pulsiert noch das Blut. Wird matter und matter in versiegenden Bahnen. Still steht das Herz. Der letzte Atem erstirbt. Dann erstarren die Augen und brechen. Leblos der Körper, grotesk verrenkt. Und gleitet langsam hinab in das Dunkel. Nichts weiter mehr, das Denken zerfällt in fließenden, grauschwarzen Nebel: „Stille führet uns der Nachen, nach dem unbekannten Land, wo die Sonne nicht wird tagen, an dem ewig finstern Strand."

Ein warmer Septemberabend glitt in die Nacht über. Ein leichter Wind wehte. Die Stocherkähne suchten das Ufer auf, das Wasser des Neckars wurde dunkel und reflektierte glitzernd den Schein der Laternen. Die Sonne hatte mit ihren Strahlen den Tag verwöhnt, die Mauern der Häuser füllten sich mit letzter Spätsommerhitze und strahlten diese jetzt breitflächig wider. In der warmen Enge der großen und kleinen Gassen der alten Universitätsstadt herrschte noch immer touristisches Treiben. Der Herbst, und mit ihm das Wintersemester, lagen heute in weiter Ferne. Die Menge bewegte sich über die Pflastersteine der Innenstadt, vom Lustnauer Tor durch die Pfleghofgasse hin zum Holzmarkt, an der Stiftskirche vorbei, die Kirchgasse entlang, über die Kirchgasse hinaus weiter zum eigentlichen Markt und dann in Richtung Stiefelhof. Andere spazierten durch die Bursagasse hoch zur Burgsteige und zum Schloss. Hier oben schaute man von den Mauern auf die Silhouetten der alten Häuser der Stadt, hörte das geschäftige Tönen und Treiben, die unruhigen Laute eines späten Abends. Unten am Markt leuchtete die Fassade des Rathauses im Strahlen der Laternen und die blauen Fenster der Giebelhäuser an der Stiftskirche wechselten zu gelblichen Lichtern.

Eine junge Frau lief die Treppenstufen von der Eberhardsbrücke hinunter zur Neckarinsel. Sie wollte dem turbulenten Treiben entgehen, ohne große Menschenberührung in Ruhe am Ufer entlang laufen. Der Weg war für den milden Abend erstaunlich leer und still. Lediglich auf der anderen Seite am Turm oberhalb der Anlegestelle der Stocherkähne saßen auf den Stühlen der Pizzeria einige Pärchen und unterhielten sich. Hier auf der Inselseite im Schatten der Platanenallee war die Frau ganz für sich. Vielleicht hielt sie deshalb in ihrem raschen Gang inne und blieb stehen. Sie schaute sich um, setzte sich dann am Uferhang auf den grasbedeckten Rand und blickte hinab auf die ruhig fließenden Wasser des Neckars. Ihr Platz lag im Schatten. Die Scheinwerfer, die sonst den auf der anderen Seite liegenden Turm anstrahlten, zeigten noch kein Licht. Das Wasser kräuselte sich im trägen Fluss, die Zeit stand nahezu still. Die junge Frau saß einfach da, das lange, helle Haar auf dem Rücken verknotet, den Blick auf das Wasser gerichtet. Eine unmerkliche Falte auf der Stirn. Leichte, noch sommerliche Kleidung mit freien Schultern, am linken Arm eine silbernfarbenes Uhrband. Volle, feste rote Lippen, grünblaue Augen. Ein Musikstück schwebte durch das Denken der Frau, eine leichte Melodie voller Sehnsucht und unbestimmter Melancholie. Sie hob den Blick. Einige fedrige Wolken am Himmel, noch kein Mond, ein sanfter Nachtwind. Das Atmen und Rauschen der nahen und fernen Stadt.

Heute Abend sollte es endlich sein. Sie hatten sich verabredet, sie würden sich bald treffen.

Sie schloss träumerisch die Augen, die Worte Hölderlins aus einem seiner frühen Gedichte kamen ihr plötzlich in den Sinn:

„Freunde! Freunde! wenn er heute käme,

Heute mich aus unserm Bunde nähme,

Jener letzte große Augenblick -
Wann der frohe Puls so plötzlich stünde

Und verworren Freundesstimme tönte

Und, ein Nebel, mich umschwebte Erdenglück."

Draußen der Abend und drinnen der Mann mit der Erinnerung an den Anfang: Der Bildschirm flimmerte in Tausenden von Pixel. Er saß davor, dann kam der Link. Er hatte versucht, sich in das Literaturforum der Universität Erlangen einzuloggen. Irgendwie geriet er dabei mit einem Klick in ein privates Forum, wollte sich schon ausloggen, blieb aber im Chat „hängen". Er war fasziniert von der in ihrer Einfachheit eindrücklichen Art der dort ablaufenden Kommunikation:

„Hallo? An alle: Hallo! Wie gehts? Was geht up? Wo gehts hin? Seh euch! Hör euch! Seht mich? Hört mich? Lest mich? Wer will sprechen? Wer hört? Wer spricht? Wer? Ich bin. Und du, bist du auch? Er ist, sie ist. Und wir sind. Seit wann? Und was? Was machst du? Kennst du auch? Wie siehsten aus? Groß, klein, schlank, rank oder schwer? Haare, Augen, Zentimeter, Kilos, Farben, Gesichtsform? Am liebsten Musik hören, Sport, tanzen, Fußball. Reiten. In-Liner. Rapper, Snapper. Kennste auch? Warste schon in? Lieblingsbands, Lieblingsschauspieler, mein Star! Oh, Madonna! Oh, Engel der Nacht! Warum nicht? Wieso auch nicht? Und dann? Wer biste, bist du?"

Das waren Sprachformen und Lebensbereiche, die ihm völlig unbekannt waren. Eine Zeitlang fand er Gefallen daran, sich dort hinein zu begeben und zu lesen, was man in diesen Foren mitteilungswürdig fand. Eine nette Spielerei, Kommunikation jenseits aller Theorien, einfach nur so, ohne Hintergrund, ohne Realität. Ein schöner Schein ohne Sein!

Er startete den PC, checkte sich ein. Ging online, gab Zahlen und Buchstabenkombinationen ein, las, schrieb jetzt selbst, tippte und wurde angeklickt. In-line, online, vernetzt, verstrickt. Weltweit und rund und dauernd. Immer mehr, immer öfter. So viele Menschen! So viele Hoffnungen! Bunte Bilder, tiefe Töne, mehr Musik, mehr Infos, mehr Kontakte, mehr und mehr. Wer bist du? So viele Anfragen, so viel Austausch. Jede Menge von Identitäten, wohl auch Scheinidentitäten. Und Namen, Worte, Situationen. Ein Name fiel ihm auf: Diotima. Er klickte ihn an, sprach und flüsterte.

Der erste Austausch war irgendwie zunächst flach. Dann eher leicht und locker, noch betont neutral, alles in allem aber schließlich interessiert. Und ausbaufähig, wie es sich in den nächsten Tagen zeigte.

Die Begrüßung, ein „Hallo" an alle, dann kam der Kontakt:

/flüster: Hallo, bist du es? Freude! Hab´ dich vermisst! Schön, dass du kommst! Du bist da. Erzähle, was war los. Ich hab an dich gedacht... Das war dann kein Geflüster gewesen. Kein Schein, sondern Teil der realen Welt, der Wirklichkeit, ein Kontakt, der sich zu einer echten Beziehung entwickelte.

Sie waren immer stärker in einen Austausch gekommen, Sprache und Inhalt entfernten hatte sich weit vom Ursprungsniveau. Sie hatte ihm viel von ihrer Welt erzählt. Er kommentierte, riet zu und ab. Er tröstete, ermahnte, half weiter. Sie ließ ihn ihre Lebensfreude, ihre Jugend spüren. Die Vielfalt ihrer Gedanken faszinierte, ihre Frische ergriff ihn. Langsam erwuchs die Sehnsucht, die trennende Wand zu durchbrechen. Und heute, nach fast vier Monaten war endlich der Augenblick gekommen. Sie würden sich erstmalig treffen, miteinander sprechen und dann, ja, was dann? Er wusste es nicht, aber er konnte sich viel vorstellen ...

Sie hatten sich auf der Insel gegenüber vom Hölderlinturm verabredet, ein romantischer Ort, der richtigen Treffpunkt für die erste Begegnung.



Jetzt stand er oben im Garten des Hauses, das dem Freund gehörte und starrte hinab zum Wasser. Gleich würde er aufbrechen, um sie zu treffen. Sicher war sie schon drüben auf der Gegenseite des Turms. Saß auf der Böschung, blondverweht und erwartete ihn.

Gut, er wagte es, ging hinunter zu ihr. Was konnte schon passieren? Selbst, wenn sie überrascht war, ihn zurückwies, lachte. Das musste er ertragen können, es gehörte sozusagen zum Spiel. Aber er glaubte nicht, dass sie lachen würde.



Sie blickte auf die Uhr, schon viertel nach Acht, jetzt müsste er langsam eintreffen. Einige waren gekommen, gingen drüben vorüber oder blieben stehen, schauten aufs Wasser zum anderen Ufer oder einfach in die Nacht. Andere Pärchen wanderten Hand in Hand vorüber und weiter am Ufer entlag, küssten sich selbstvergessen - eine letzte, eine warme Spätsommer- oder Frühherbstnacht.



Er stieg bedachtsam die Stufen zur Brücke hinab. Es würde Mut erfordern, sich ihr zu offenbaren. Sie würde gewiss verstehen, bestimmt würde sie das. Denn der Geist allein zählte, nur der Geist, sonst nichts.

Der Mann stand auf der Brücke und schaute nach links auf die Insel. Die Zweige der Bäume reichten bis zum Wasser nieder, schwach war das Gelände der Inselanlegestelle für Stocherkähne zu erkennen. Sie musste weiter vorn sein. Von den Bäumen verdeckt, eine helle Gestalt an der Uferböschung. Hingestreckt, den Blick nach oben in die Nacht gerichtet. Oder sie saß am Rand, schaute in die Richtung, aus der er käme und wartete. Er stieg die Stufen hinab, jemand hastete an ihm vorbei, er schritt ruhig weiter, tauchte in das dunkle Blattwerk der Platanen ein. Bevor er weiterging, drehte er sich noch einmal zum Licht der Brücke um, keiner würde ihn von dort sehen können.

Drüben die Trauerweide und unter ihr die Kähne. Stimmen aus dem Café, die Plätze von den Büschen verdeckt. Keiner sah sie hier, sie würden ganz allein für sich sein. Das Mädchen legte sich langsam zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, streckte die langen Beine kurz in die Höhe und winkelte sie dann leicht an. Sie zog den Rock gerade, blickt erneut nach oben. Vereinzelte Nachtwolken am Himmel, dort ein dunkler Vogelflug. Ein kühlerer Wind, melancholisches Rauschen in den Bäumen. Eine Nacht mit Licht und Dunkel.



Und dann umschloss sie in einem plötzlichen, harten Zugreifen eine widerliche, bösartige Dunkelheit. Ehe sie noch richtig wahrnahm, was eigentlich und wirklich geschah, umfassten zwei raue Hände sie brutal von hinten, drückten sie mit herber Gewalt zu Boden. Harte Knie pressten ihren Leib fest an die Erde. Dann griffen diese schrecklichen Hände wieder nach ihr. Sie wollte schreien, doch die harten Pranken umklammerten im stählernen Griff ihren Hals. Eine Hand löste sich kurz, um anderes zu berühren. Der Stoff ihres Shirts riss in Fetzen. Ihre Brust wurde gewaltsam gepackt, ihr kurzer Rock mit einem Ruck verschoben. Sie röchelte, wand sich, trat mit den Beinen nach dem Angreifer. Eine harte Last warf sich auf sie. Schmerzhafte Gewalt durchfuhr sie. Speichel tropfte ihr ins Gesicht. Der Atem wurde eng. Die Sinne schwanden und mit ihnen der Wille. Ihre Arme, die sie zur letzten Abwehr erhob, sanken ermattet zurück und fielen taub zur grasigen Erde. Die Augen erstarrten, brachen. Der Körper lag leblos. Der Tod betrat nachtschwarz die Bühne.



Ein Mann stand jetzt an der Böschung über ihr, sah die grotesk verrenkte Gestalt und merkte, was geschehen war. Hastig wandte er sich ab und rannte in Richtung Silcherdenkmal davon. Stolpernd, stürzend, fast taumelnd. Ein junges Paar sah ihm verwundert nach.

Die Frau merkte das alles nicht mehr. Gekrümmt lag ihr Körper im Licht der in diesem Augenblick aufleuchtenden Scheinwerfer.

Am gegenüber liegenden Ufer kamen Leute vorbei. Sie blieben stehen, starrten von ihrer Seite herüber auf die angestrahlte Tote. Einer unter ihnen, ein Mann in einer dunkelgrünen Joppe, zog eine Kamera, schoss ein Foto, dann verschwand er rasch. Auf der Insel näherten sich Schritte. Ein Hund drängte durch die Büsche, stoppte abrupt und begann ein heiseres, widriges Jaulen.



Sieh! er lauscht, schnaubend Tod -

Ringsum schnarchet der Hauf,

Des Mordes Hauf, er hörts, er hörts, im Traume hört' ers,

Ich irre, Würger, schlafe, schlafe.

Friedrich Hölderlin

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