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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Finsteres Schweigen, Peter Nimtsch
Peter Nimtsch

Finsteres Schweigen


Psychothriller

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2016
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Der Tag als Alien


 


1


 


Mehr entsetzt als belustigt jauchzte er laut auf.


Er saß auf einer einsamen, sonnigen Parkbank, Vögel zwitscherten unter einem herrlich lichtblauen Firmament, es war angenehm warm, ringsherum blühten Kirschbäume, er aber wusste weder, wo, noch wer er war. Mit ihm schien etwas passiert zu sein, über das ein normaler Mensch höchstens in einem Roman oder in der Zeitung las.


Er schaute zum zweiten Mal an sich herab, aber alles blieb ihm fremd. Vom schwarzen T-Shirt, das einen beachtlichen Brustkorb umspannte, über die ausgeblichenen Jeans, in denen kräftige Beine steckten, bis zu den Joggingschuhen einer unbekannten Marke an seinen Füßen. Die Pranken an den behaarten, muskulösen Unterarmen schienen zu einem Mann zwischen Mitte zwanzig und Ende vierzig zu gehören, der sich die Hände kaum schmutzig machte, zumindest nicht im Wortsinn.


Sein Blick verharrte auf der goldglänzenden Uhr am linken Handgelenk.


„Fünf vor Acht“, murmelte er. Vor dem weißen Ziffernblatt überholte der schwarze Sekundenzeiger zuerst den kleinen, dann den großen goldenen Zeiger. Aus dem vorderen Datumsfenster lugte eine Sieben, aus dem hinteren eine Fünf.


Die beiden Großbuchstaben MO im mittleren Fenster können MONDAY bedeuten, aber die Kirschblüte ist eher im Mai als im Juli, also wird das Datum in der deutschen Reihenfolge dargestellt, kombinierte er. Der siebente Fünfte also ... aber in welchem Jahr? Zweitausendneunzehn?


Nicht einmal dessen war er sich ganz sicher.


Er schaute sich nach allen Seiten um, dann in die Morgensonne blinzelnd geradeaus, in der Hoffnung, irgendetwas in seiner Umgebung würde ihm verraten, wo er hergekommen war. Oder wo er hatte hinwollen. Oder wenigstens, wo er sich befand. Die Kieswege zwischen den Grünflächen erschienen ihm immerhin vertraut. Ebenso die Hochhäuser, hinter dem Grashügel am Ende der Wiese. Aber mehr als diesen vagen Eindruck gab sein Gehirn nicht frei.


Wo bin ich? Wer bin ich? Was ist passiert?


Die erste und letzte Episode seines Lebens, an die er sich erinnerte, lag nicht mehr als fünf Minuten zurück: Mit einem Brummschädel war er auf dieser Bank liegend aufgewacht. Er musste geschlafen haben oder bewusstlos gewesen sein. Anfangs hatte er sich ziemlich elend und benommen gefühlt. Die ersten beiden Zustände waren inzwischen verflogen, nur diese alberne Denkblockade hielt hartnäckiger an als erhofft.


Sein Herz begann zu rasen, weil die Angst in ihm hochkroch, die Leere in seinem Kopf könnte noch viel, viel länger andauern.


Retrograde Amnesie, schoss ihm plötzlich ein, so nennt man das doch.


Mühelos fielen ihm einige mögliche Ursachen für so einen Erinnerungsverlust ein. Er versuchte einzuschätzen, welche davon in Frage kamen: War er verletzt? Das spräche für einen Verkehrsunfall.


Noch einmal begutachtete er seinen ansehnlichen Körper. Äußerlich schien alles bestens. Vorhin, beim Aufsetzen aus der liegenden Position, hatte nichts wehgetan. Vielleicht sollte er versuchen aufzustehen.


Es klappte schmerzfrei, doch kaum stand er, begannen sich die Hochhäuser hinter dem Hügel eigenartig zu krümmen. Auch die Bäume verschwammen auf einmal wie hinter einer welligen Glasscheibe. Ihm wurde schwindlig. Bevor sich die beunruhigende Dunkelheit von den Rändern her über sein Gesichtsfeld ausbreiten konnte, saß er wieder. Der Schwindel ließ sofort nach. Die Sehstörungen blieben noch einige Sekunden, dann standen Häuser und Bäume wieder gerade.


Also gut, ein Unfall ist nicht ausgeschlossen, resümierte er.


Sein Blick fiel auf die beige Lederjacke, die er vorhin neben sich auf der Bank abgelegt hatte. Als er aufgewacht war, war sein Kopf auf ihr gebettet gewesen. Mechanisch griff er in die Innentasche, und keine zwei Sekunden später schaltete er mit klopfendem Herzen ein Smartphone ein. Dieses kleine Gerät würde ihm gleich helfen, einiges über sich und seine Umwelt in Erfahrung zu bringen – sobald er die PIN eingegeben hätte ...


Aber genau das gelang ihm nicht. Die Nummer fiel ihm nicht ein. Enttäuscht steckte er das Handy wieder zurück. Dann setzte er seine Suche nach möglichen Auslösern für eine Amnesie in seinem Inneren fort.


Von einem Trauma abgesehen gab es ja noch einige weitere. Allesamt nicht weniger unangenehm. Im Gegenteil. Eine Epilepsie oder eine Hirnhautentzündung waren wirklich keine ermutigenden Alternativen. Oder hatte sein Gehirn durch eine Langzeitbehandlung mit bestimmten Medikamenten Schaden erlitten? Oder durch Drogen? Durch Alkoholmissbrauch? Aber als Alkoholiker müsste er wohl zittern, was nicht der Fall war.


Warum weiß ich über diese ganzen Ursachen überhaupt so gut Bescheid?


Dass dieses Wissen vorhanden war und sich so problemlos abrufen ließ, erfüllte ihn einen Augenblick mit Hoffnung. Dann fiel ihm ein, dass das bei dieser Art von Gehirnleistungsstörung normal war.


Das episodisch-autobiografische Gedächtnis ist blockiert, das Wissenssystem ist vorhanden.


Genauso war es. Die abrufbaren Fakten waren lediglich die zweite Seite ein und derselben Medaille. Es änderte nichts an seiner Situation. Dieses Wissen konnte als ein Hinweis auf seinen Beruf dienen, es konnte aber genauso gut darauf hinweisen, dass er als Patient betroffen war und sich deshalb auskannte. Passierte ihm das womöglich nicht zum ersten Mal? Wachte er öfter desorientiert an ihm fremden Orten auf und wusste nicht einmal mehr, wer er war?


Geistig verwirrt schien er immerhin nicht zu sein. Jedenfalls nicht permanent. Immerhin reflektierte er seine Situation. Seine situative Orientierung war also nicht verloren gegangen.


Er schaute zum wiederholten Mal skeptisch an sich herunter. War er wie jemand gekleidet, der aus einer Psychiatrie entlaufen war?


Möglich. Oder auch nicht. Fest stand lediglich, dass seine Kleidung weder beschädigt noch verschmutzt war, was gegen einen Unfall sprach. Er war wie jemand gekleidet, der mal eben seine Wohnung verlassen hatte, um ein paar Schritte zu laufen oder zum Supermarkt um die Ecke zu gehen.


Angenommen, er war kein entlaufener Psychiatrieinsasse, dann musste er doch eine ... Ja!


Wieso kam er erst jetzt drauf? Triumphierend zog er die Brieftasche, die er in seiner Gesäßtasche spürte, heraus und öffnete sie. Sein Herz machte einen Freudensprung, als sie ihm neben ein wenig Bargeld und einer EC-Karte einen Führerschein sowie einen Personalausweis präsentierte.


Marc Beck hieß er also, am dritten Oktober 1970 in Heilbronn geboren. Den Breitkopf auf dem Passfoto hatte er noch nie gesehen, aber wer sonst als er selbst sollte das sein? Mit seiner mächtigen Stirn, die das schüttere Haar auf ein paar Inseln zurückgedrängt hatte, und mit seinem ausdrucksvollen, beinahe stechenden Blick strahlte der Mann Autorität aus. Ja, allein das Gesicht konnte einem Respekt einflößen. War er eine Respektsperson?


Er hatte es vergessen.


Die Rückseite des Ausweises verriet seine Körpergröße, 183 cm, seine Augenfarbe, blau, und seine gegenwärtige Anschrift. Er wohnte noch immer oder wieder in seiner Geburtsstadt, mit der er allerdings noch immer kein noch so winziges persönliches Erlebnis verband, in einer Straße, die ihm nichts sagte.


Dennoch voller frischer Zuversicht hob Marc Beck den Kopf. Falls die Hochhäuser da hinten zu Heilbronn gehörten, dann sollte er schleunigst die in seinen Papieren angegebene Adresse aufsuchen. Er tastete sich weiter ab und zog aus der linken, vorderen Hosentasche einen Schlüsselbund hervor. Von den fünf verschiedenen Schlüsseln konnte einer durchaus ein Wohnungsschlüssel sein.


Na also, ... Er atmete tief aus. Alles würde sich klären.


Eine Frau, die sich gewaltige Sorgen um ihn gemacht hatte, würde ihn zuhause empfangen, erleichtert, dass er endlich wieder auftauchte. Ihr Anblick und ihre Stimme würden es in seinem inneren Schaltkasten klicken lassen und er würde sie als seine Frau wiedererkennen. Auch alles andere würde ihm wieder einfallen: Der Fuchs, dem er mit seinem Wagen ausgewichen war. Die Säule, gegen die er daraufhin geknallt war und der er eine Gehirnerschütterung und diese ganze verrückte Situation verdankte. Alles würde sich klären. Er würde auch seine Kinder in die Arme schließen, dann die Versicherung anrufen und zuletzt seinen Arbeitgeber, um sich krank zu melden ...


Ein Verkehrsunfall, das wäre in der Tat die akzeptabelste Erklärung. Unter Schock stehend war er nach dem Crash einfach losgelaufen und dann hier auf der Parkbank zusammengeklappt. Den Autoschlüssel hatte er natürlich stecken gelassen. Deshalb hatte er ihn nicht in seinen Taschen gefunden.


In die Hoffnung mischten sich neue Bedenken: Habe ich jemanden verletzt? Oder werde ich als Unfallflüchtiger gesucht?


Wie dem auch sei, schwarzzusehen half nicht weiter. Er kannte nun immerhin seinen Namen und seine Wohnanschrift.


„Marc Beck“, sprach er langsam und spürte dabei dem Vibrieren im Hals nach.


Während er den Stimmtest wiederholte, sah er sich nach beiden Seiten um, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtete. Menschen, die öffentlich mit sich selbst redeten, wurden für verrückt gehalten.


Zum Glück schien der Park, so weit das Auge reichte, menschenleer zu sein.


Er beschloss, seine Wohnung zu suchen. Es musste ihm doch möglich sein, ein paar Schritte zu laufen. Zumindest vorerst so weit, bis er auf eine Menschenseele traf, die ihm den Weg zu dieser Friedhofstraße erklären konnte. Er stützte sich ab, um es noch einmal mit dem Aufstehen zu versuchen, blieb aber doch sitzen, weil das Schwindelgefühl noch nicht völlig abgeklungen war. Auch die Sehstörungen waren teilweise noch da. Er schien an einer Art Tunnelblick zu leiden und wenn er die Hochhäuser fixierte, zerflossen die weißen Wölkchen dahinter wie Sahne, die man in einer Suppe verrührte.


Die Hände auf die Knie gestützt, nahm er ein Knirschen wahr. Aufgrund seines leicht eingeschränkten Gesichtsfeldes musste er sich weit umdrehen, um zu erkennen, was sich ihm auf dem schmalen Weg näherte: Eine schlanke Blonde in einem orangen Kleid. Eine riesige Sonnenbrille verdeckte ihr halbes Gesicht.


Das leise Knirschen ihrer Schritte verstummte. Offenbar über seine ungewöhnlich ausladende Bewegung erschrocken, verharrte die Frau, mindestens zwanzig Meter von ihm entfernt. Zwei schwarze Gläser über leicht geöffneten rosa Lippen fixierten ihn angespannt. Es schien, als würde sie abwägen, ob es ratsam sei, an ihm vorbeizugehen.


Wieder erschien der blasse Geist einer Erinnerung, doch er verflüchtigte sich, als die Frau sich überraschend abwandte und in die Richtung entfernte, aus der sie gekommen war.


Hatte sie ihn erkannt, unschlüssig gezögert und sich dann entschieden, lieber Abstand von ihm zu gewinnen?


„Bitte warten Sie!“, rief er, aber seine Stimme erinnerte ihn beunruhigend an das klägliche Piepsen eines aus dem Nest gefallenen Vogeljungen. Sein Organ war gerade ebenso angeschlagen wie sein Kreislauf.


Doch er musste der Frau folgen! Nichts war offensichtlicher, als dass sie und er sich kannten. Und wie angekratzt ihr Verhältnis zueinander auch immer sein mochte, er befand sich in einer akuten, hilflosen Situation – und sie konnte ihm helfen! Sie musste ihm helfen, wenn er ihr erklärte, wie es um ihn stand.


Immerhin rannte sie nicht panisch vor ihm davon. Gerade verschwanden ihre orangen Hüften wiegend hinter einem der ersten Baumstämme eines Laubwäldchens.


Während ein Sperling eine wütende Salve in die Stille mit den leiser werdenden knirschenden Schritten tschilpte, stemmte Marc sich hoch. Wieder begann der Park um ihn herum zu schwanken. Die Hände in die Hüften gestützt, stand er wie ein Betrunkener da und wartete darauf, dass die Kirschbäume sich auspendeln und schließlich senkrecht stehen bleiben würden.


Wieder ein leises Knirschen. Im ersten Moment hoffte Marc, seine mutmaßliche gute Bekannte, Freundin, Geliebte, oder wer auch immer sie war, hätte es sich anders überlegt und käme nun zurück; doch dann erkannte er, dass die Schritte sich von hinten näherten. Im selben Moment, als er sich langsam danach umdrehte, tauchten dort unter einer Baumkrone zwei Beinpaare auf. Der Kiesweg verlor sich in jener Richtung nach einer seichten Kurve unter dem weißen Blütenmeer, das die Oberkörper der zwei Personen noch verdeckte.


Es handelte sich um zwei Männer, Marc hörte sie nun leise reden. Ein pendelnder Arm kam zum Vorschein, gefolgt von einer Hälfte des dazugehörigen Oberkörpers, und noch bevor der erste Mann ganz zu sehen war, wusste Marc, warum die beiden die gleichen Hosen trugen.


Ohne erkennbaren Grund beschleunigte erneut sein Puls. Wie paralysiert starrte er auf das junge Gesicht mit der Schirmmütze im selben Schwarz wie Hose und Hemd. Obwohl ihm nicht bewusst war, seinen Muskeln entsprechende Befehle erteilt zu haben, nahm er plötzlich wahr, dass er den beiden Männern den Rücken zukehrte, seine Jacke ergriff, sie sich überstreifte und zugleich langsam losschlenderte. Ein letzter Blick während des Umwendens hatte bestätigt, was ihm eigentlich schon längst klar gewesen war: Die beiden waren in einem Partnerlook gekleidet, der ihm aus irgendeinem Grund überhaupt nicht gefiel.


Nach einigen Metern, die er schwankend zurücklegte, schien eine Springflut aus Adrenalin seinen Kreislauf stabilisiert und Schwindel wie Sehstörungen ausgeschaltet zu haben. Instinktiv beschleunigte er seine Schritte. Er nahm den Weg, auf dem die Frau in Orange entschwunden war.


Wieso laufe ich weg?, fragte er sich. Was, zum Teufel, habe ich gegen Uniformierte?


Er wusste ja nicht einmal, ob es sich um Streifenpolizisten, Parkwächter, Armeeangehörige oder etwa nur um Mitarbeiter der Bahn, eines Hotels oder einer Fluggesellschaft handelte. Keine passende Erinnerung stellte sich ein. Mechanisch, wie von unsichtbaren Fäden geführt, lief er weiter, mit dem Gefühl, mit seinem Verhalten erst recht die Aufmerksamkeit der potentiellen Ordnungshüter geweckt und sie veranlasst zu haben, ihm nun zu folgen.


Eine unerklärliche Angst stieg in ihm auf. Tatsächlich nahm er inzwischen rasche Schritte auf dem Kies, dreißig, vierzig Meter hinter sich wahr. Bei den beiden handelte es sich zweifellos um irgendeine Art Wächter, die ihn als verdächtiges Subjekt anvisiert hatten. Dass er sich nicht einmal daran erinnern konnte, was für Monturen seine Verfolger trugen, und er keine Ahnung hatte, warum er überhaupt vor ihnen weglief, erhöhte seine Herzschlagfrequenz weiter. Offenbar enthielt sein Wissensspeicher Informationen, die er zwar dem Großhirn vorenthielt, aber ans Kleinhirn weiterleitete.


Zum Beispiel, die, dass er alles andere als nur ein Unfallopfer mit einem Blackout war?


Am Ende des Wäldchens, das er gerade betreten hatte, teilte sich der Weg. Von der Blonden in Orange war weit und breit nichts zu sehen. Aber ihr nachzulaufen, stand ohnehin nicht mehr ganz oben auf Marcs Prioritätenliste. Etwas in ihm wollte die beiden Uniformierten dringend loswerden.


Links des Weges duckte sich ein grobverputztes Häuschen unter das Blätterdach wuchtiger Laubbäume. Grüne Schildchen mit weißen Piktogrammen an zwei gegenüberliegenden Ecken der Vorderfront wiesen auf separate Eingänge für Frauen und Männer hin.


Sieben große Schritte, um vom Weg aus nicht mehr gesehen zu werden, kalkulierte Marc, benötigte dann aber nur fünf. Beim Springen über die Betonplatten hatte er kurz zurückgesehen und keine Verfolger erblickt. Gleichwohl meinte er erneut ihre Schritte zu hören, noch bevor er das dunkle Wäldchen unmittelbar hinter der öffentlichen Toilette erreichte. Verdammt, sie rannten!


Dornen stachen ihn beim Auseinanderdrücken der Hecke in die Hände. Er spürte keinen Schmerz. Unmittelbar dahinter, im Schatten großer Laubbäume, ging es senkrecht zwei Meter nach unten. Am Grund eines von Mauern eingefassten Grabens plätscherte ein stinkendes Rinnsal. Unmöglich, ohne Anlauf auf die andere Seite zu gelangen, ebenso, nach einem Sprung unversehrt unten, im müllgespickten Abwasserkanal, anzukommen. Der vermeintliche Fluchtweg war eine verdammte Falle.


Zurück!


Die kümmerlichen Sträucher auf der Wiese zwischen Bach und Parkweg boten definitiv keinen Platz zum Verstecken. Deutlich vernahm er jetzt das Geräusch über Kies hastender Schuhe. War die Toilette offen?


Ein Türknauf als rettender Strohhalm.


Die Stahltür schwang geräuschlos auf und ließ ihn hineinschlüpfen, bevor sie sich mit einem gedämpften Plopp schloss.


Dunkelheit.


Was hatte er nun gewonnen? Zeit? Wofür? Die beiden Parkwächter mussten nicht einmal die Tür zuschlagen gesehen oder gehört haben, um sich denken können, wohin sich das verdächtige Subjekt geflüchtet hatte.


Widerlicher Geruch nach Urin vermischt mit Reinigungsmittel und anderen Substanzen stieg ihm in die Nase.


Doch was, zum Kuckuck ...? Wie um das Anpassen seiner Pupillen an das Dämmerlicht zu beschleunigen, riss er die Augen auf. Je mehr sich das groteske Farbspiel vor ihm zu einem plastischen Bild formte, umso bedrohlicher wuchs der Kloß in seinem Hals. Wieder wurde ihm schwindlig, sein Puls begann zu rasen, Sterne tanzten vor seinen Augen. Sein Versuch, laut zu fluchen, begann und endete mit einem kraftlos gehauchten Zischlaut.


In und auf den Urinalen sowie an den Wänden um das Pissoir herum befanden sich Unmengen einer purpurn glänzenden Flüssigkeit. Stellenweise war sie mit hellgrauem Schleim versetzt. Die unten herumliegenden Knochensplitter einschließlich des größeren Bruchstücks einer Schädeldecke ließen Marc nicht daran zweifeln, dass es sich bei dem, was da an den Fliesen klebte, um Blut und Gehirnmasse handelte. Dies würde auch eine der Nuancen des Miefs erklären, den Metallgeruch. Dem Anschein nach war hier ein Schädel mit gewaltiger Wucht zerfetzt worden.


Ein menschlicher Schädel? Wenn ja ...


In Erwartung des Anblicks weiterer, noch eindrucksvollerer Leichenteile fuhr Marc herum, blickte aber nur auf blutbespritzte, geschlossene Kabinentüren sowie auf eine weitere geflieste Wand, von der dieselbe rötliche, zähflüssige Masse wie gegenüber nach unten strebte. Und genau das war das Unbegreiflichste: Die Substanz an den Wänden war frisch. Was immer hier passiert war, es musste unmittelbar vor seinem Eintreten geschehen sein.


Heftiges Würgen kroch ihm den Hals hoch. Wenn er nicht die nächsten Atemzüge draußen, an der frischen Luft, nahm, würde er sich übergeben. Er machte einen Schritt auf die Eingangstür zu – und verharrte in seiner Bewegung, denn die Tür öffnete sich.


Ein Lichtkegel fiel auf die Bodenfliesen und fegte die Blutlachen und Knochensplitter wie ein magischer Lichtbesen weg.


Sie waren plötzlich verschwunden!


„Sind Sie hier drin?“, fragte eine angespannt klingende, junge Männerstimme.


Hinter den Staubpartikeln, die durch den Sonnenstrahl wirbelten, präsentierten sich mit Kritzeleien übersäte, aber ansonsten einigermaßen saubere Fliesen. Der ganze blutige Spuk hatte sich in nichts aufgelöst. Er war offensichtlich nichts anderes, als eine makabere Halluzination gewesen! Kein Zweifel, sein Gehirn hatte einen nachhaltigen Schaden erlitten; die Amnesie war leider nicht das einzige Symptom. Doch um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, blieb keine Zeit. Er musste eine Entscheidung treffen.


„Wir wissen, dass Sie hier drin sind; kommen Sie bitte heraus, wir möchten nur Ihre Personalien überprüfen.“


Etwas in der Stimme des Mannes widersprach dem harmlosen Inhalt seiner freundlich formulierten Bitte. Marc drückte sich an die Wand. Er fühlte sich wie ein aus einem Hochsicherheitsgefängnis entflohener Strafgefangener am Ende einer Verfolgungsjagd. Nur hatte er keinen Schimmer, warum das alles passierte.




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