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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Finderlohn, Werner Pfeil
Werner Pfeil

Finderlohn


..wer suchet, der findet

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Er schaute sich die Auslagen eines Uhrengeschäfts in Hövelhof an der Paderborner Straße an. Er mochte Uhren. Sie strahlten Präzision und Eleganz aus, etwas, was er auch an sich mochte. An einer Armbanduhr konnte man ja schließlich viel mehr ablesen als die schnöde Uhrzeit. Sie verriet viel über ihren Träger. Er bevorzugte normalerweise eine mehrere Tausend Euro teure Rolex, jedoch war sie zu auffällig. Deshalb zog er eine normale, digitale Uhr vor, wenn er wie heute seiner Arbeit nachging. Während er dort vor dem Schaufenster stand, schaute er immer wieder nach links, wo sein Klient jeden Augenblick auftauchen musste. Wie an jedem Morgen um 09:00 Uhr würde er sich auf die kleine Bank am Ehrenmal im Pfarrgarten setzen, um die Zeitung zu lesen. So zumindest lauteten die vagen Informationen, die er einige Tage zuvor neben einem Bild und einer satten Anzahlung in seinem Bielefelder Postfach vorgefunden hatte.


 


In wenigen Minuten würden die Damen, die bereits jetzt eifrig Schmuck in den Regalen zurechtrückten und die Kasse in Betrieb nahmen, die Türen des Geschäfts öffnen. Keine von ihnen würde sich mehr an den unscheinbaren kleinen Mann mit den dunklen, zurückliegenden Augen, dem gut geschnittenen Anzug und den feinen Lederhandschuhen erinnern, der eher gelangweilt die Auslagen betrachtet und sich fern des einsehbaren Winkels der Überwachungskamera gehalten hatte. Da war er sich sicher. Endlich erschien sein Klient. Er schob seine teuren Lederhandschuhe etwas hoch und blickte auf seine Armbanduhr, die eng am derben, aderndurchzogenen Handgelenk saß. Noch dreißig Sekunden.


 


Richard Klöppler, ein pensionierter Postbeamter und selbst ernannter Hobbyarchäologe, schlenderte um die dicke Eiche an der Senne-Apotheke. Er nahm Kurs auf „seine“ Bank, worauf er sich wie an jedem Morgen bei gutem Wetter mit einem leichten Seufzen fallen ließ. Der Wind ließ die alten Eichen an der Kirche und im Pfarrgarten rauschen, so dass es sich mit dem Lärm der Paderborner Straße zu einem leisen Gemurmel vermischte. Er lehnte sich leicht zurück, so wie er es immer machte, und schlug die Zeitung auf, ohne wirklich am Inhalt interessiert zu sein. Andere Gedanken ließen ihn in den letzten Wochen kaum noch zur Ruhe kommen. Sollte er mit seiner Fundsache an die Öffentlichkeit gehen? Vorsichtig hatte er bei einem alten Freund und Weggefährten aus Bielefeld angefragt. Der hatte ihn lediglich in seinem Zweifel berstärkt aber ihm letztendlich auch einen stattlichen Finderlohn verschafft, als er für ihn einen Käufer gefunden hatte. Ob es richtig war oder ob durch sein Dafürtun letztendlich alles in falsche Hände geraten war und er die ganze Sache nur schlimmer gemacht hatte? Diese Zweifel plagten ihn und es war schwer, seine Gedanken in andere Richtungen abschweifen zu lassen.


 


Vielleicht hätte er gleich zur Polizei gehen sollen … ja müssen. Selbstzweifel nagten an ihm, und er fühlte sich unwohl in seiner Haut. Auch dem Vergnügen, dem er sich ab und an hingab, hatte ihm gestern keine Zerstreuung bieten können. Richard Klöppler hob den Kopf,


 


„Kann man denn nicht einmal mehr in Ruhe lesen und seinen Gedanken dabei freien Lauf lassen“?, schimpfte er ins sich hinein, als ein gut gekleideter Mann mit einer Zeitung in der Hand ebenfalls die Bank anzusteuern schien.


 


Abgelenkt von den Glocken der Sankt-Johannes-Nepomuk-Kirche, die wie an jedem Tag unüberhörbar die vollen Stunden schlug, sah er nicht, dass der Mann die Hand mit der Zeitung etwas anhob. Als der zweite Glockenschlag ertönte, gab er aus einer Waffe, die darunter verborgen war, einen schallgedämpften Schuss ab, der Richard Klöppler mitten ins Herz traf und seinem Leben ein jähes Ende bereitete.


 


Der Schütze brauchte keinen zweiten Blick auf sein Opfer, das noch immer auf der Bank saß und nur auffiel, weil der Kopf leicht nach hinten gesackt war. Er kannte sich und seine Fähigkeiten, und einen weiteren Blick hätte seine Eitelkeit einfach nicht zugelassen. Er fühlte sich gut, denn er hatte mal wieder absolut perfekt und effizient gearbeitet, und nicht umsonst lag seine Gage höher als bei vielen anderen. Es gab viel zu wenige Aufträge vor der Haustür, so wie heute. Er liebte diese kurzen Einsätze, bei denen viel Geld zu verdienen war und man nicht mit unkalkulierbaren Risiken rechnen musste, nicht mal dann, wenn Publikum anwesend war. So ging er gemächlichen Schrittes zur Ampel an der großen Kreuzung im Zentrum, überquerte die Straße bei einer Grünphase und steuerte das in der Nacht zuvor gestohlene Auto auf dem Hövelmarktplatz an. Ein kleiner Rundumblick - kein Augenpaar war voller Neugierde auf ihn gerichtet, und so stieg er erleichtert ein.


 


Nachdem er die Waffe, die eigentlich nicht seinem Standard entsprach, die aber für diesen Auftrag die einzig richtige war, gründlich abgeputzt, mit Ballistol, einem Waffenreinigungsöl eingesprüht und im Handschuhfach verstaut hatte, tauschte er die feinen Lederhandschuhe gegen normale Plastikhandschuhe. Erst dann startete er den Wagen und verließ die Sennegemeinde so, wie er sie etwa eine Stunde zuvor erreicht hatte. Nun brauchte er nur noch den Wagen auf einem Parkplatz im Holter Wald mit dem eigenen tauschen und zurück nach Bielefeld fahren, wo in den nächsten Tagen ein dicker Umschlag mit der zweiten Hälfte seines Honorars eintreffen würde.


 


Ohne dass sich sein Gewissen regte, erreichte der kleine, gut gekleidete Mann, der noch vor einer guten halben Stunde einen kaltblütigen Mord begangen hatte, den Parkplatz am Holter Wald, unweit des Schlosses. Nachdem er alle Spuren im und am Fluchtauto beseitigt hatte, nahm er die Waffe aus dem Handschuhfach und ging die wenigen Schritte zu seinem Fahrzeug, dass ihn schnell nach Hause bringen sollte. In Gedanken sah er sich schon auf einem der besseren Kreuzfahrtschiffe in der Karibik treiben. Nicht auf einem mit komischen Zeichen am Bug, wo jeder Hans und Schwanz mitfahren konnte, nein ..., etwas Gehobeneres musste es schon sein. So hatte er es nach jedem Auftrag gehandhabt, und er sah keinen Grund, dieses Mal davon abzuweichen. Ein Drittel des Geldes verprassen, eins für die laufenden Kosten und das Letzte auf die hohe Kante, die bei ihm aufgrund seiner Fähigkeiten schon eher einem steilen Gebirgsgrat glich. Er öffnete die Fahrertür, stieg ein, legte seine Waffe in eine extra dafür angefertigte ausgepolsterte Schatulle und startete den Motor. Im selben Moment explodierten an verschiedenen Stellen versteckte Ladungen, die das gesamte Fahrzeug einige Meter in die Luft hoben, bevor es sich in tausend Einzelteile auflöste. Aber davon bekam er schon nichts mehr mit.


 


Weithin war der aufsteigende Feuerball zu sehen. Unzählige Anrufe registrierte die Notrufzentrale. Feuerwehr, Rettungskräfte und die Polizei trafen nur wenige Minuten nach der Explosion am Ort des Geschehens ein. Im Umkreis von hundert Metern gab es gleich mehrere Brandherde, die vorrangig bekämpft wurden. Erst nach und nach legt sich der Rauch. Was blieb, war der eklige Geruch von Plastik, Gummi, geschmolzenem Metall, verdampften Löschmitteln und verbranntem Fleisch. Nachdem der Brandmeister grünes Licht gegeben hatte, arbeiteten sich Ermittler in Schutzanzügen durch die großflächige Brandstelle. Die Art und Weise, wie das Feuer entstanden war und die etwas abseits gefundenen Überreste einer mittlerweile eingetüteten abgerissenen Hand ließen keinen Zweifel darüber offen, dass es sich um einen Tatort handelte. Schnell wurden Spurenermittler hinzugezogen und alles weiträumig abgesperrt.


 


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