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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Fida, Stefanie Maucher
Stefanie Maucher

Fida



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Eiligen Schrittes überquert sie die Straße und hastet mit gesenktem Kopf den Gehweg entlang. Vorbei an dem zerfallenden Gemäuer eines alten Wohnhauses, von dem der Putz in großen Brocken abblättert, und der kargen, brachliegenden Wiese, die daran angrenzt. Der Wind drückt ihr von hinten den grauen Mantel gegen die Beine. Er weht das klirrende „Ping“ einer Fahrradklingel heran, eine Sekunde, bevor sie es gerade noch schafft, einem Radfahrer auszuweichen, der sie von hinten überholt und dabei mit dem Schmutzwasser aus einer abgestandenen Pfütze vollspritzt. Sie gerät ins Straucheln und wäre beinahe an dem Gebüsch hängen geblieben, das den Wegrand säumt. Zwischen den kahlen dornigen Zweigen eines abgestorbenen Strauches, in dem sich Draht, Schnur und anderer Unrat verfangen haben, ragen Brennnesseln hervor und verbergen nur notdürftig die dahinter liegende Ödnis. Gleich neben dem Haus rostet eine alte Wäschespinne vor sich hin, deren Schnüre zerrissen sind oder ganz fehlen. Weiter hinten auf dem verlassenen Gelände decken morsche Bretter nur unzureichend einen alten, vermutlich längst ausgetrockneten Brunnenschacht ab, von dessen gemauerter Umrandung nicht mehr viel übrig ist. Fast schon, als wolle der Eigentümer dieser Ruine, dass sich früher oder später jemand beim Herumstreifen auf seinem Besitz den Hals bricht.


Sie mag diesen ungepflegten Teil des Weges nicht besonders, beschleunigt hier meist ihre Schritte. Zu sehr erinnert sie das verfallene Anwesen an ihre eigene Ödnis, die sie mit sich herumträgt. An die Leere, die sie empfindet, seit sie damit begonnen hat, diesen Weg regelmäßig zu beschreiten.


Nur manchmal geht sie langsamer, fragt sich, was dieses Haus wohl zu erzählen hätte. Dann denkt sie sich Geschichten darüber aus, mit denen sie versucht, sich von ihren düsteren Gedanken abzulenken, die sie ständig begleiten. Vielleicht lebten darin einmal Menschen, die einander sehr liebten. Die miteinander glücklich waren, bis ins hohe Alter, obwohl sie keine Kinder bekommen konnten. Samstags wusch der Mann sein Auto, polierte den Lack, bis er fleckenlos glänzte, während seine Frau die Wäsche im Garten aufhängte, den sie liebevoll pflegte. Vielleicht wurde ein Nachbarsjunge fürs Rasenmähen bezahlt. Seit das Paar verstarb, stellt sie sich vor, steht das Haus leer. Von niemandem mehr betreten. Aber wenn man hineinginge, so könnte man noch immer die Zeugnisse eines erfüllten Lebens darin finden. Möglicherweise arbeitete der Mann in der inzwischen ebenfalls leerstehenden Fabrik auf der anderen Straßenseite. Als sie und ihr eigener Mann in diese Gegend zogen, mehr als ein Jahrzehnt ist das nun her, wurde darin noch gearbeitet, doch schon seit ein paar Jahren wird hier nichts mehr produziert. Auch dieses Gebäude verfällt langsam. Graffitis zieren die einstmals roten Backsteinwände und die Fensterscheiben sind verdreckt, blicklos oder bereits ganz zerschlagen.


„Arschloch!“, schreit die Frau im Mantel dem Radfahrer nach, während sie noch darum kämpft, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ihr rechter Absatz verfängt sich im Draht, der wie eine primitive Stolperfalle aus den Büschen herausragt. Sie knickt um. Ein stechender Schmerz schießt durch ihren Knöchel, aber sie schafft es, nicht hinzufallen. Nur das, was sie bei sich trägt, gleitet ihr aus der Hand und fällt zu Boden. Tränen schießen ihr in die Augen, die sie energisch wegblinzelt, während sie von einer Welle der Wut erfasst wird. Auf den Radfahrer, auf die Stadt, die an dieser Stelle keinen Radweg gebaut hatte. Auf den Dreck in den Büschen, für deren Pflege sich niemand verantwortlich fühlt und in die sie beinahe gefallen wäre.


Kurz dreht sich der Kopf des Radfahrers nach ihr um. Vielleicht hat ihn ihre Beschimpfung erst auf seine Rücksichtslosigkeit aufmerksam gemacht, denn er bremst ab und wendet. Tatjana hat sich wieder gefangen, stemmt die Hände in die Hüften und starrt ihm wütend entgegen. Sie erwartet, dass er umdreht und zurückkommt, um sich bei ihr zu entschuldigen. Stattdessen fährt er an ihr vorbei, wendet und – so viel Dreistigkeit und Bosheit kann sie kaum fassen – brettert dann noch einmal mit voller Absicht durch die Pfütze. Er hat ein süffisantes Grinsen auf den Lippen und ruft ihr zu: „Ist doch nur ein bisschen Wasser!“, bevor er kräftig in die Pedale tritt und schnell davonradelt.


„Du Drecksau!“, schreit sie ihm empört hinterher. „Dich sollte man anzeigen!“ Hätte sein Fahrrad ein Nummernschild, würde sie schnurstracks zur Polizei gehen. Die Lackierung ist auffällig, ein orange-rotes Flammenmuster auf schwarzem Grund, doch sie bezweifelt, dass die Polizei danach suchen, ihn finden und ihn sogar für seine Frechheit bestrafen würde. Obwohl der Radfahrer schon fast außer Sichtweite ist legt sie noch einmal nach und brüllt: „Du Arsch!“


Es ist eine unbestimmte Wut auf alles, der sie mit diesem Aufschrei und ihrem Gemecker freien Lauf lässt. Für den Moment überdeckt sie ihre anderen Emotionen und lenkt von den morbiden Gedanken ab, die sich auf diesem verlassenen Stück ihres Weges noch mehr in Tatjanas Bewusstsein drängen als sonst. Außerdem hält die Wut sie davon ab, sich an den Straßenrand zu setzen und ihren Tränen freien Lauf zu lassen.


In diesem Moment des Zorns hat sie etwas Furioses und Aufrechtes an sich, doch schon einen Augenblick später sacken ihre schmalen Schultern wieder hinunter und sie wirkt ebenso verlassen wie der Ort selbst. Als würde sie hierher gehören. Mit ihrem grauen Mantel und den fransigen Haaren, die seit Monaten keinen Frisör gesehen haben und kraftlos im Wind flattern. Ebenso verloren wie die Blätter, die auf dem Boden liegen, oder die im Gestrüpp hängende, ausgefranste Schnur, welche der Straßendreck und die Abgase einfärbten.


Eilig sammelt sie ihre nun herabgefallenen Klarsichthüllen ein und wischt die Tropfen des Spritzwassers ab, die auf ihnen landeten. Dann presst sie die Hüllen, die alle dasselbe beinhalten, wie einen Schatz an ihre Brust. Langsam, nun leicht hinkend, geht sie weiter. Sie sieht älter aus als sie ist. Würde sie sich die Haare tönen und anders kleiden, dazu noch ein Lächeln aufsetzen, käme man nicht umhin, sie als attraktive Frau zu beschreiben. Doch während des letzten Jahres ist sie um Jahrzehnte gealtert. Vor allem innerlich. Ihre Sorgen und die quälende Ungewissheit haben auch Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen; Falten, die sich auf der Stirn und seitlich der nun meist zusammengekniffenen Lippen eingruben, die früher gern und viel lachten. Vor allem aber hinterließen sie Narben in ihrer Seele. Sie rauben ihr den Schlaf, was man ihr auch ansieht. Ihre Haut ist blass, mit dunklen Schatten unter den Augen, und würde Edvard Munch sie malen, hieße das entstehende Gemälde vielleicht „Vor dem Schrei“.


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