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ER – Im Schatten der Vogelscheuche


von Christine Richter

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783957163226
Ausstattung:
232 Seiten
Preis:
14.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Verlag-Kern.de
Leseprobe

„Mein Kind! Mein Kind! Bitte, bitte nicht!“, schrie Lea hysterisch und rannte zum Treppenaufgang. Kopflos stolperte sie die Stufen hoch. Mit letzter Kraft, da die Beine zu versagen drohten, rannte Lea zu Pascals Zimmer und riss die Türe auf. Ihre zittrige rechte Hand drückte den Lichtschalter. Die grausamen Ängste wurden zur Realität. Pascals Bettchen war leer! Lea, die kraftlos den Türrahmen umklammerte, schrie aus Leibeskräften:
„Pascal! Pascal, wo bist du?“
Völlig verwirrt und mit lähmender Angst durchsuchte sie verzweifelt das gesamte Kinderzimmer. Sie riss die Schranktüre auf, warf sich auf den blauen Teppichboden, um unter dem Bett nachzusehen, doch der liebevoll eingerichtete Raum war leer. Ein beißender Geruch lag in der Luft. Lea konnte kaum atmen. Hysterisch rannte sie von Zimmer zu Zimmer.
„Pascal, Pascal, wo bist du?“
Keine Antwort! Bäche von Tränen überschwemmten das blasse Gesicht. Der Kopf drohte zu zerplatzen. Im Gehirn herrschte Stillstand. Der Magen rebellierte so sehr, dass sie sich beinahe übergeben musste. Kraftlos sank sie zu Boden, den Kopf in beiden Händen versunken, und jammerte:
„Ich muss mich konzentrieren. Lea, bleib ruhig! Bleib ruhig! Es ist alles gut. Du wirst jetzt im gesamten Haus nachsehen. Auch die Kellerräume. Jeden Winkel der verdammten Bude. Irgendwo ist dein Kind.“
Komplett ferngesteuert und nicht mehr Herr der Sinne durchsuchte Lea das große Haus. Mittlerweile war sie vor der Waschküche im Keller angelangt. Ein laues Lüftchen streifte ihr Gesicht. Mit leerem Blick, der an tote Augen erinnerte, starrte sie auf die weit geöffnete Außentüre. Innerlich war Lea bereits gestorben. Ein letztes Mal schrie sie wie von Sinnen nach ihrem Kind. Definitiv umsonst! Der Sohn war spurlos verschwunden. Apathisch, ausgebrannt und am Ende der Kräfte stand Lea nun völlig hilflos, wie angewurzelt, an der offenen Türe. Eine Brise des warmen Windes streifte das starre Gesicht. Ein heftiger Ruck riss ihren zarten Körper nach hinten. Ein Tuch, mit übel riechender Flüssigkeit getränkt, das jemand gewaltsam auf die Nase und den Mund drückte, raubte Lea augenblicklich die Sinne. Die Augenlider begannen zu flattern. Sie sank in sich zusammen und die Beine kippten kraftlos weg. Im Garten herrschte eine friedliche Idylle. Die Grillen zirpten und einige Kröten quakten munter durch die Stille der lauen Vollmondnacht. Das einzige, das nicht ins Bild passte, war eine bizarre, gruselige Vogelscheuche mit drohendem Gesichtsausdruck, die genau an der Stelle, wo Lea vor einigen Stunden im feuchten Gras stand, offensichtlich mit großer Wucht in die Erde gerammt wurde. Innerhalb eines Wimpernschlages änderte sich die Idylle. Einige Wolken schoben sich nun vor das grelle Mondlicht. Das laue Lüftchen verwandelte sich in Sekundenschnelle in pulsierende, heftige Windstöße. Die höllische Fratze der Vogelscheuche ließ bei genauerer Betrachtung ein provokantes, beklemmendes Grinsen erahnen. Der Hauch des Todes lag in der Luft.

                    **********

Es war ein Uhr dreißig. Joe Malek saß im alten Omega und fuhr ziellos durch die Nacht. Sein Gesicht glich einer starren Maske. Im rechten Mundwinkel hing eine Kippe. Der Rauch stieg unaufhörlich in die Augen, was natürlich den Tränenfluss anregte. Joe spürte es nicht. Der Alkoholpegel war wieder einmal enorm. Wenn er jetzt in eine Polizeikontrolle geraten würde, wäre er erledigt. Beruflich wie auch privat. Joe war das egal. Es war wieder einer der Momente, wo ihn alles ankotzte und er das Leben nur im Suff ertragen konnte. Die Nacht war lau und wolkenlos. Der glasige Blick des Kommissars streifte den sternenbehangenen Himmel und blieb beim Mond hängen, der voll war. Vollmond! Jetzt wusste Joe, warum er wieder keinen Schlaf finden konnte. Mittlerweile war Joe Malek in dem Waldstück angelangt, wo sich vor einiger Zeit grausame Morde ereignet hatten. In dieser Zeit hatte er sich einigermaßen gefangen, da sein Arbeitskollege, Kommissar Fabian Geher, bei ihm logierte, um ein eventuelles Opfer in Eigenregie zu überwachen. Damals war die Weihnachtszeit angebrochen. Joe erlebte seit dem Tod seiner kleinen Familie, die er abgöttisch liebte, wieder einmal ein richtig schönes Weihnachtsfest. Das vermeintliche Opfer, Mia Zeltig, hatte die zwei ungleichen Kommissare eingeladen, was natürlich super passte. Joe und Fabian konnten die Frau beschützen und der Heilige Abend war auch in trockenen Tüchern. Mia Zeltig! Obwohl er immer der Meinung war, seine Frau könne niemals durch eine andere ersetzt werden, ertappte Joe sich sehr oft dabei, an Mia zu denken. Joe verlangsamte die Fahrt auf der holprigen, spärlich beleuchteten Landstraße und steuerte den alten Karren in den kleinen Waldweg, der rechts neben der Fahrbahn lag. Er machte den Motor aus und blieb noch eine Weile im Auto sitzen, bevor er den Zündschlüssel abzog, ausstieg und den alten Wagen verriegelte. Nachdem er sich kurz umgeblickt hatte, zog er den Reißverschluss der ständig getragenen Lederjacke zu, zündete sich erneut eine Fluppe an, steckte die linke Hand in die Hosentasche und verschwand mit hängenden Schultern, den Kopf nach unten geneigt, in der gespenstischen Stille des unheimlichen Waldstückes. Wenn er nach einigen Kilometern Fußweg bei sich zu Hause ankommen würde, wäre er wohl wieder etwas ausgenüchtert und der Kopf von den ständig marternden Gedanken ein wenig befreit. Ein schauriges Heulen riss Joe aus seiner Lethargie.
„Es ist ja unglaublich. Jetzt sind die Wölfe auch schon in unseren Wäldern angekommen“, meinte er kopfschüttelnd, drehte sich nochmal um und ging dann weiter. Einige Meter vor ihm überquerte plötzlich eine Wildschweinrotte den düsteren Weg. Joe blieb wie angewurzelt stehen und sagte ziemlich laut:
„Ist das ein Verkehr heute Nacht.“
Sein Gesichtsausdruck nahm langsam wieder menschliche Züge an.
„Alter, jetzt wird es aber Zeit, dass du nach Hause kommst. Die Nacht wird immer kürzer. In einigen Stunden sitzt du wieder in dem Scheißladen und kannst dich erneut mit den verblödeten Zweibeinern auseinandersetzen.“
Zurzeit war ihm einfach alles zuwider. Das eintönige Leben und der nervenaufreibende Job bei der Kripo. Der einzige Mensch, mit dem Joe einigermaßen zurechtkam, war sein Kollege Fabian Geher. Wobei es aber auch hier einige gravierende Startschwierigkeiten zu Beginn ihrer Zusammenarbeit gegeben hatte. Joe Malek war eben Joe Malek. Ein menschenverachtender, ungehobelter Stinkstiefel.

                    **********

Professor Alexander Haubit fuhr langsam die Auffahrt zur Garage hoch, die sich nach einem Klick auf der Fernbedienung automatisch öffnete. Nachdem er das Gefährt abgestellt hatte, stieg er mit lautem Räuspern, da er sehr nervös war, aus der Edelkarosse aus. Nach einem Seelenstriptease während der Heimfahrt und einem beschissenen Tag, an dem alles nicht so lief, wie es sollte, hatte Alexander die lähmende Angst, sich erneut Leas Vorwürfen stellen zu müssen. Geplagt von Schuldgefühlen schlich er mit hängendem Kopf stirnrunzelnd zur Türe, die von der Garage direkt ins Hausinnere führte. Der leere Magen knurrte laut, als er die Klinke nach unten drückte und leise die Diele betrat. Im Erdgeschoss war alles dunkel und still. Hastig drückte er auf den beleuchteten Lichtschalter, schlüpfte aus dem dunkelblauen Seidenblouson und hing es an den Garderobenhaken. Auf dem Weg ins Wohnzimmer fiel der angespannte Blick zur Kellertüre. Sie war sperrangelweitoffen und unten brannte das Licht.
„Seltsam, Lea hat noch nie vergessen, die Türe abzuschließen. Warum ist um diese Zeit das Licht an?“ Er streckte den Kopf in die Türe und rief ihren Namen. Es kam keine Antwort. Kopfschüttelnd blieb er stehen und grübelte, was das alles zu bedeuten hatte. Erst jetzt bemerkte er den unangenehmen, beißenden Geruch, der in seine Nase stieg. Als langjähriger Arzt erkannte er den übelriechenden Gestank sofort. Chloroform, Chloroform! In wirren Gedanken versunken, stieg Alexander mit ungutem Gefühl wie ferngesteuert die Stufen der Kellertreppe hinunter. Der Geruch wurde immer intensiver. Eine unbeschreibliche Angst fuhr in seinen Körper. Am Treppenende angelangt, bemerkte er sofort die weit offenstehende Außentüre. Was war hier los? Vorsichtig und mit stark ansteigendem Herzschlag schlich er mit zittrigen Beinen hinaus in den großen Garten. Alles war dunkel und ruhig. Nur ein unangenehmer Wind blies in sein Gesicht. Vom Mondlicht konnte man nicht mehr viel erkennen, da es mittlerweile sehr bewölkt war. Alexander blickte hektisch in sämtliche Richtungen. Nach einigen Schritten, die ihn zur Terrasse führten, blieb er abrupt und erschrocken stehen, da ihm die Umrisse einer Gestalt fast die Luft zum Atmen raubten.
„Hallo, wer sind Sie? Was haben Sie auf meinem Grundstück zu suchen?“
Keine Antwort! Etwas besorgt, da er keine Abwehrwaffe bei sich hatte, ging Alexander fest entschlossen auf die unheimliche Gestalt zu. Genau in dem Augenblick riss die Wolkendecke auf und gab das Licht des Mondes für einen kurzen Moment frei.
„Meine Güte, bin ich blöd! Das ist ja eine Vogelscheuche. Was hat die in unserem Garten zu suchen?“
Kopfschüttelnd und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck lief er, sich mehrfach umdrehend, zurück zu den Kellerräumen, die er nun akribisch durchsuchte. Der üble Geruch war immer noch präsent. Alexander konnte bis auf einige umgeworfene Blumentöpfe absolut nichts Besorgniserregendes feststellen. Wo aber kam der Chloroformgeruch her? Warum standen die Keller- und Außentüre offen? Irgendetwas stimmte hier nicht.

Klappentext

Ein Serienkiller verbreitet Angst und Schrecken in einer finsteren, ländlichen Gegend. Eine gespenstische Vogelscheuche ist sein Markenzeichen. Der Mörder setzt seine Opfer einer massiven psychischen Folter aus, bevor sie auf grausame Art und Weise sterben. Der psychisch labile Kommissar Joe Malek, der die Todesfälle aufklären muss, steht vor der Herausforderung seines Lebens. Noch hat er keine Ahnung, welch seelische Qualen auch ihn erwarten.