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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Elefantenfieber, Klaus Sebastian
Klaus Sebastian

Elefantenfieber



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Thailand, Koh Chang, Montag, Regenzeit


 


 


Die erste Leiche des Tages fand Inspektor Chaichet von der Koh-Chang-Police um zwei Uhr nachts auf den feuchten Holzdielen seiner kleinen Terrasse. Der Polizist war von einem unheimlichen Schrei aus dem Schlaf gerissen worden. Er wusste zunächst nicht, ob er nur schlecht geträumt hatte, oder ob dieser Laut ganz real aus der Wirklichkeit dort draußen gekommen war. Schlaftrunken warf er das dünne Bettlaken beiseite und öffnete die blau gestrichene Eingangstür. Er scheuchte eine schwarze Libelle mit riesigen Augen auf, die wie ein Spielzeughubschrauber vom Boden seiner Terrasse abhob. Da unten lag ein wunderschön gemusterter, blaugelber Gekko, der von einem Raubtier in zwei Stücke gerissen worden war. Während der große Kopf des Gekko am äußersten Rand der Veranda abgelegt worden war, befand sich der Körper mit dem langen Schwanz direkt auf der Fußmatte.


Chaichet spürte, wie ihm das Chang-Bier vom Vorabend hochkam. Er schlurfte zurück ins Haus, ging zum Kühlschrank und trank einen großen Schluck Wasser direkt aus der Flasche. Er konnte sich denken, wer der Mörder der Echse war. Nie hatte er einen Fall schneller gelöst. Da kam wohl nur die schwarzweiße Katze in Betracht, die sich seit einer Woche bei ihm einschmeichelte, um seine Beine strich, wenn er erschöpft vom Dienst kam und die er, gutherzig wie er war, hin und wieder mit Essensresten fütterte. Sie hatte ihm den Gekko vermutlich als tierischen Treuebeweis auf die Matte gelegt.


Das hatte er nun von seiner Tierliebe. Der Inspektor ging wieder nach draußen, warf noch einen Blick auf die schöne Echse, schnappte sich dann den Besen, der an einem Haken an der Wand hing und fegte die Leichenteile von der Terrasse. Den Rest würden die Ameisen erledigen.


Wie die meisten Thais glaubte auch Chaichet an düstere Vorzeichen, die man als Warnung vor einem drohenden Unheil nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Er erinnerte sich noch sehr gut, wie er den letzten toten Gekko vor etwa vier Jahren auf seiner Veranda gefunden hatte. Am selben Tag war er mit seinem Motorrad in einer Kurve am White-Sand-Beach auf ein paar matschigen Durian-Früchten ins Schleudern gekommen und gegen einen Lichtmast aus Beton geprallt. Eine Narbe auf seiner Stirn erinnerte ihn bis heute an diesen Unglückstag. Chaichet war also gewarnt.


Er legte sich wieder ins Bett, brauchte aber fast eine Stunde, bis er in einen leichten Schlaf gefallen war. Bald darauf wurde er wieder geweckt. Er tastete im Dunkeln nach seinem Handy, dessen Leuchtziffern ihm die Uhrzeit anzeigten. 4:10. Innerlich fluchend ging er ran. Was ihm der Anrufer mitteilte, bestärkte den Inspektor in seinem Glauben an Zeichen und Vorahnungen. Denn nun hatte er es mit einer echten Leiche zu tun. Ein Mann war zu Tode gekommen. Mitten in der Nacht – in einem Elefantencamp.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Koh Chang, Montag, Nacht, 30 Minuten vorher


 


 


Die urzeitliche Szenerie war in ein fahles Licht getaucht, da der Mond sich hinter dem Vorhang einer dunklen Wolke verborgen hatte. So gab es keine Zeugen, als das staubbedeckte Erdungeheuer seinen rechten Stoßzahn noch einmal in den leblosen Körper des halbnackten Mannes rammte.


Boy George, der große Elefantenbulle, sah aus, als wäre er geradewegs aus der Erde gekrochen. Seine dicke Haut war mit einer Schicht aus ockerfarbenem Sand paniert. Der Elefant liebte es, die trockenen Erdbrocken mit seinem Rüssel aufzunehmen und sie dann in einer lässigen Bewegung auf seinen buckligen Rücken zu schleudern.


 


Jetzt schien er erschöpft zu sein. Boy George hatte kaum Schlaf gefunden. Lustlos wandte er sich von dem Toten ab, und machte seiner Erregung mit einem grellen Trompetensignal Luft. Wenige Minuten später war das gesamte Elefantencamp in Aufruhr. Die ersten Mahouts hatten den Schlafplatz des Bullen erreicht, hatten versucht das Tier zu beruhigen, seine Fußketten gelöst und Boy George in die äußerste Ecke des Grundstücks geführt. Mae Chi, die Chefin des Elefantencamps, stand kurz darauf im Nachthemd neben der fürchterlich entstellten Leiche ihres Cousins und war nicht in der Lage, die Nummer des Notrufs in ihr iPhone zu tippen.


„Ruf den Krankenwagen an!“ kreischte sie die an ihrer Seite stehende Nok an. „Er lebt noch“, winselte sie. Tatsächlich konnte man mit etwas Fantasie noch eine nervöse, zuckende Bewegung des Herzens wahrnehmen. Das dunkelrote Organ hatte den schützenden Brustraum verlassen und ragte deutlich sichtbar zwischen den gebrochenen Rippen hervor.


„Boy George hat ihm das Herz aus der Brust gerissen!“ jammerte die Tochter der Mae Chi und verdeckte ihr Gesicht mit den Händen.


 


Es vergingen fünfzehn Minuten bis der Rettungswagen aus dem nahegelegenen Bangkok-Chang-Hospital im Camp eintraf. Wie zu erwarten war, konnte der junge thailändische Arzt nur noch den Tod des Mahouts feststellen.


Dass sich wenig später auch die Polizei am Unglücksort blicken ließ, war eher ungewöhnlich. Doch in den letzten Wochen hatten sich auf der Ferieninsel Koh Chang gleich mehrere Unfälle mit Elefanten ereignet. In einem Fall hatte ein Bulle eine italienische Touristin beim Baden mit seinem Stoßzahn schwer verletzt. Inspektor Chaichet hatte nach diesem Ereignis strikte Anweisung erhalten, jeden Unfall mit Elefantenbeteiligung zu melden und genaue Untersuchungen anzustellen.


 


Seit einigen Jahren florierte der Tourismus in der Region Trad, und das sollte auch so bleiben. „Schlagzeilen wie: 'Elefant tötet Urlauber' können wir wirklich nicht gebrauchen“, hatte Somchai, Chaichets oberster Vorgesetzter, ihm noch vor wenigen Tagen eingeschärft.


Deshalb war der Inspektor um halb fünf in der Frühe ungeduscht in das Elefantencamp gerast, um sich ein Bild von dem neuerlichen Unglücksfall zu machen.


Als er das freie Feld betrat, auf dem die Elefanten in der Nacht angebunden wurden, war er beinahe erleichtert, dass es sich bei dem Getöteten nicht um einen Touristen handelte. Zwei Hunde folgten ihm mit lautem Gekläff. Anscheinend mochten sie keine Uniformen. Chaichet bückte sich kurz, tat so, als wollte er einen Stein aufheben. Die Hunde verstanden die Warnung und zogen knurrend ab.


„Auch schon wach, Khun Chaichet?“ witzelte Pong, wobei er seine Handflächen übertrieben devot vor seiner Nasenspitze zusammenlegte.


„Sawadii krap“, brummte der Inspektor ohne den Wai zu erwidern. Es wurmte ihn, dass dieser uniformierte Polizistendarsteller Pong schon vor ihm an der Unfallstelle eingetroffen war.


„Was hat denn die Tourist Police hier zu suchen?“ maulte er den schlanken Kollegen an. „Sogar ohne Brille erkenne ich, dass der Tote wie ein Thai aussieht.“


Pong nahm seine schwarze Uniformmütze ab und kratzte sich am Kopf.


„Da mögen Sie wohl Recht haben, Inspektor,“ antwortete er lächelnd. „Aber auch wir von der Touristenpolizei haben Anweisung von ganz oben erhalten, jeden Zwischenfall mit Dickhäutern zu protokollieren.“


Chaichet drückte sein Missfallen mit einer wegwerfenden Handbewegung aus und ging einen Schritt näher an den grausam zugerichteten Körper heran.


„Fragt sich, was der Mann hier mitten in der Nacht bei dem gefährlichen Tier zu suchen hatte. Als einfachen Unfall können Sie das nicht in ihr Protokoll aufnehmen“, ließ er den diensteifrigen Kollegen von der Tourist Police wissen.


„Wenn Sie schon mal hier sind, Sergeant Pong – vielleicht hätten Sie Zeit und Lust, mir bei der Vernehmung der Camp-Bewohner zu helfen? Ich würde mir dann vorher noch die Unterkunft des Opfers ansehen.“


Pong wunderte sich ein wenig über das Friedensangebot des Inspektors, willigte aber sogleich mit Freude ein. Vermutlich hatte der Kollege noch nicht gefrühstückt und war darauf bedacht, die lästige Prozedur möglichst schnell hinter sich zu bringen.


„Alle, die hier rumstehen: Folgen Sie mir nach vorn in den Coffee-Shop!“ herrschte er die immer noch fassungslosen Camp-Bewohner an.


Seit Tagen hatte er gelangweilt in seinem stickigen Büro gesessen. Stickig, weil die Klimaanlage seit zwei Wochen defekt war. Es war zwar recht kühl für die Jahreszeit, doch eine funktionierende Air-Condition hätte wenigstens etwas frische Luft in den winzigen Raum pumpen können.


 


Ein paar läppische Motorradunfälle hatte er protokollieren müssen und den leicht verletzten Touristen den Weg zur nächsten Klinik beschrieben. Aber das hier war etwas anderes – ein richtiges Drama, eine echte Leiche. Trotz der frühen Morgenstunde fühlte sich Pong hellwach. Er kontrollierte noch einmal den Sitz seiner engen Uniformjacke, dann marschierte er mit energischen Schritten in Richtung Coffee-Shop. Im Geiste formulierte er schon die ersten Fragen für die anstehende Vernehmung.


 


Die aus ihrer Nachtruhe gerissenen Mahouts boten einen erbärmlichen Anblick. Mit gesenkten Köpfen, fettigen Haaren, die meisten noch in Shorts und fadenscheinigen T-Shirts, saßen sie auf den Holzbänken der Cafeteria und warteten auf die Befragung.


Pong rief den erstbesten Elefantenmann zu sich an den Tisch.


„Wie heißt du?“


„Nonn.“


„Alter?“


„46.“


„Ok, Khun Nonn. Hast du eine Erklärung dafür, warum der Getötete sich vor Sonnenaufgang zu seinem Elefanten begeben hat?“


„Entschuldigung Sie, Khun Pong, Sergeant. Aber das war gar nicht der Elefant von Mister Jimm. Sein Elefant ist eine Lady mit Namen Num Nim.“


 


An diese Möglichkeit hatte Pong noch gar nicht gedacht. Er überlegte kurz, ob diese Aussage von Belang war. Er wusste natürlich, dass jeder Mahout in der Regel für ein bestimmtes Tier zuständig war. Die meisten bildeten über Jahre ein eingespieltes Team. Manche blieben sogar ihr ganzes Leben zusammen. Das hatte den Vorteil, dass der Betreuer die Vorlieben und Eigenheiten des Dickhäuters sehr genau kannte. Also gut - die Aussage von Nonn war wohl doch von Belang. Dass der Mahout sich nachts an einen Elefantenbullen herangewagt hatte, kam dem Sergeant höchst verdächtig vor.


 


„Aber bis vor zwei Jahren war es noch sein Elefant. Dann hat die Chefin ihm Num Nim anvertraut. Also - er kannte den Bullen natürlich schon.“


„Verstehe. Wie viele Bullen gibt es denn im Camp?“ fuhr Pong mit der Vernehmung fort.


„Nur den einen Bullen – Boy George.“


„War der denn besonders gefährlich?“


Khun Nonn starrte auf seine nackten, rissigen Füße, als suchte er dort unten nach einer Antwort.


 


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