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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Elche morden nicht, Henry-Sebastian Damaschke
Henry-Sebastian Damaschke

Elche morden nicht



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Kapitel 1


 


Henrik hatte lange überlegt, ob er diesen Weg nun gehen sollte. Früher hatte er nie gezögert, er war immer sehr spontan und konsequent seine Wege gegangen. Nur diesmal war alles so ganz anders. Klar, er hatte früher auch bei seinen Wegen immer die Menschen in seinem Umfeld berücksichtigt und war meistens sehr nachsichtig gewesen; er tat selten Dinge, die andere bewusst verletzen sollten, aber dieses Mal schien es ihm egal. Er wirkte müde und abgespannt.


Er wollte bloß weg. Weg von dem Terror seiner Ex-Partnerin, weg von seiner Befindlichkeit, weg von neu aufkommenden, großen Emotionen. Weg von der Nähe des Gefühls zu sich. Was hatte er sich dabei nur gedacht, sich einfach zu verlieben? Hatte er überhaupt gedacht? Er hasste sich bei dem Gedanken, seinen Mund nicht gehalten zu haben und einfach …, wie konnte er nur … Ach, zum Teufel, dachte er. Die Karre war nun eh völlig im Dreck.


Er sah traurig aus, aber die Würfel waren gefallen. Tief in seinem Herzen hatte er keine Optionen mehr. Er wusste es und es war sowieso gerade alles egal. Er dachte grimmig: Eines Tages werde ich vermutlich alle Weisheiten der Welt aufgeschrieben haben und dann in die nächste Riesendummheit rennen. Er hatte viele Weisheiten aufgeschrieben und war gerade dabei, in eine Riesendummheit zu rennen, aber darüber machte er sich nicht wirklich Sorgen.


 


Er hatte alles gepackt für seine Reise, die ihn in den Norden führen würde. Warum gerade nach Norden, er hätte auch eine warme Region wählen können? Er dachte an Dubai.


Dubai … die Stadt der Superlative.


Das berühmte Burj Al Arab, in der Presse als einziges 7-Sterne-Hotel der Welt gefeiert, die weltgrößte Ski-Halle, mitten in der Wüste mit einer gesamten Schneefläche von 22.500 m2 … Wie könnte es da anders sein, als dass das mit Abstand höchste Gebäude gerade im Bau stand?


Außen verspiegelte Wolkenkratzer, im Inneren nach Themen angelegte Shoppingcenter, dominiert von klingenden Namen wie Gucci, Prada, Chanel.


Hier ist man jemand. Oder eben nicht.


In ersterem Fall ist die Chance sehr groß, einer der insgesamt 53.000 US-Dollar-Millionäre zu sein, die laut Angaben des World Wealth Report hier leben. Hauptsächlich Emirate, was die Zahl noch mehr ins Licht stellt, da die Bevölkerung Dubais zu rund 85 % aus Ausländern besteht. Einheimische und hochqualifizierte wie auch wohlkonstituierte Arbeitsmigranten auf der einen, indonesische Hausmädchen, die für rund 100 Euro im Monat 16 Stunden täglich arbeiten – ohne freie Tage oder Wochenenden, versteht sich –, auf der anderen Seite.


Seit dem Ölfund ‘66 boomt die Wirtschaft.


Glamour und Luxus haben Einzug gehalten in die ehemals kleine Ansiedlung von Fischern und Perlentauchern am Persischen Golf. So entstand eine Oase des formenreichen Materialismus mitten in der Wüste. Eine strahlende Glimmerwelt des Seins und Scheins.


Und alles, was glänzt, ist aus echtem Gold, auch die Sterne.


 


Dem gegenüber standen: die Größe, die Weite, die Stille. Ein Land aus Wasser, Wald und Stein. Das nördlichste Europas, dahinter kommt nur noch die Arktis. Berühmt für seine eindrucksvollen Fjordlandschaften, bekannt für Eis und Schnee.


Norwegen ist etwas anders. Und anders als Dubai allemal. Auf Rollrasen und rund um die Uhr bewässerte Palmenparks trifft man hier selten. Oslo hat weder eine „Mall of the Emirates“ noch liegen künstlich erschaffene Luxusinseln vor seiner Küste im Meer.


Oslo ist pur. Ohne Schnickschnack. In jeder Hinsicht.


Gläserne, stets wie frisch polierte Hochhausfronten sucht man hier vergebens, denn Oslo ist keine Hauptstadt, die einen mit ihren Sehenswürdigkeiten erschlägt. Eher zeichnet sich Oslo durch einen eklatanten Mangel an Eiffeltürmen, Big Bens und Towern aus. Doch wenn man sich Oslo vom Meer her nähert, geht einem das Herz auf, ob der unsagbaren Ausblicke, die der Fjord mit seinen wilden, zerklüfteten Naturschauspielen bietet.


Müsste man nach Paris durch einen hundert Kilometer langen Fjord, würden einem all die Sehenswürdigkeiten auch eher übertrieben vorkommen.


Wie die Stadt generell, so ist auch die Architektur. Pur und ohne Schnickschnack nämlich.


Den Besucher begrüßt am Hafen das Rathaus. Ein klotziger Backsteinbau, dessen realsozialistische Ausstrahlung nicht ansatzweise vermuten lässt, dass darin alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels nämlich, der Friedensnobelpreis verliehen wird.


Die Stadt, auf den ersten Blick, ist grau und ohne Herausragendes. Jedoch scheint jeder eingeladen, der gewillt ist, einen Moment zu verweilen, die wundersame Leichtigkeit und die zarte Harmonie, mit der dieses Land erfüllt zu sein scheint, zu erfassen. Auch die Menschen …, überall trifft man auf herzliche, hilfsbereite Leute, aber doch mit einer gewissen freundlichen Zurückhaltung. In jedem Fall unaufdringlich.


 


Wie kommt es nun, dass diese beiden, absolut gegensätzlichen Städte hier aufeinandertreffen?


Nun, er hatte die anfangs zweifelhafte Freude, beide im kürzesten Abstand zueinander zu bereisen. Damals, dachte er und schmunzelte.


So wechselte er dann ganz dezent die klimatischen Verhältnisse, den Kontinent, tauschte Kultur und Land, Ethnie und Zeitzone. Tauschte Mittleren Osten gegen den hohen Norden.


Mag dies als Grund für die Verbindung dieser beiden Städte auch etwas zufallsgesteuert oder willkürlich wirken, auch, da jeder Versuch eines Vergleichs unmöglich scheint, so hatte ihn diese Verbindung zwar auch erst bei näherer Überlegung, dann jedoch gänzlich in Verzückung versetzt.


Gegensätzlicher geht es kaum.


Konsumausgerichtete Wüstenmetropole dort und die ruhige,  skandinavische Kühle hier.


Er war froh über den Lauf, den die Dinge damals genommen hatten. Froh, dieser Stadt entgangen zu sein. Im Übrigen konnte er Hitze noch nie leiden, er war eher der nordische Typ.


Einer Stadt, von deren acht kulturellen Höhepunkten siebeneinhalb Luxushotels sind, dessen Scheich geschätzte 1,5 Milliarden US-Dollar in den Bau eines weiteren steckt … Nun ja, die 10.000 m2 Blattgold für die Verzierungen selbigen Hotels werden sich wohl auch ein wenig zu Buche geschlagen haben …


Er entging einer Stadt, in der man zweimal täglich zu den Hauptverkehrszeiten für je drei Stunden im Stau steht, weil die schlecht ausgebauten Buslinien das Arme-Leute-Image tragen und jedes bessere Dienstmädchen mit dem Taxi fährt.


Er entging einem Land, in dem Wasser teurer ist als Benzin.


Und mag Dubai auch noch so schillern und funkeln, dafür geht die Sonne in Oslo niemals unter, zumindest im Sommer nicht, und auch das langweiligste Wikingermuseum war ihm lieber als die kitschigen, durchgestylten Einkaufszonen.


Und wie Goethe schon sagte: „Was glänzt, ist für den Augenblick geboren!“ Und er musste es schließlich wissen.


So wird wohl Oslo als letztes untergehen …, weil echte Sterne eben doch unersetzlich sind, und Oslos Himmel ist voll davon.


 


Genau dahin sollte seine Reise gehen und von da aus weiter nach Bergen, der Hafenstadt mit dem wunderbarsten Flair der Welt, dem Fischmarkt und den einfachen und fröhlich wirkenden Leuten. Er besaß in der Nähe seit vielen Jahren eine kleine Blockhütte, und genau in die zog es ihn. Er wollte eigentlich mit dem Motorrad von Oslo nach Bergen – früher war er immer so gereist –, aber er hatte sich anders entschieden und würde von Oslo nach Bergen fliegen. Das war nicht so anstrengend für ihn und von dort aus würde er dann mit einem Geländewagen zu seiner Hütte aufbrechen.


Ulf und Ole, seine alten Norweger, wie er sie liebevoll nannte, hatten schon alles für ihn vorbereitet. Er freute sich auf die beiden und ihre Familien, die sich in seiner Abwesenheit um das kleine Anwesen kümmerten, das direkt an einem Fjord lag, eingebettet in Felsen, umgeben von Bäumen und einer spärlichen und doch üppig wirkenden Vegetation.


 


Elche, dachte er und unwillkürlich zog ein Lächeln in sein Gesicht. Diese urwüchsigen Tiere mit ihren lustigen Nasen und ihren wunderschönen Augen. Dazu sahen sie immer ein wenig verschmitzt aus. In seinem Herzen war er schon lange selbst ein Elch geworden.


Er erinnerte sich an seine erste Begegnung mit einem. Es war um fünf in der Früh an dem Fjord gewesen. Der Elch hatte dagestanden und getrunken. Bis zum Brustkorb hatte er im Wasser gestanden und Henrik hatte nur erahnen können, wie groß er wirklich gewesen war.


Er hatte sich langsam genähert und ihn genauer angeschaut. Dieser sanft wirkende Riese hatte seinen Kopf gehoben und in seine Richtung geschaut. Er und der Elch, der Elch und er. Blicke waren getauscht worden und einen Moment hatte es so ausgesehen, als ob der Elch gelächelt hätte. Das war der Moment gewesen, wo zwischen ihm und diesen Tieren eine unglaubliche Liebe entstanden war. Henrik grinste bei der Erinnerung und dachte an seine Blockhütte, einen Ort der Ruhe, des Rückzuges und Ankerplatzes für seine Träume. Träume, ging es ihm wehmütig durch den Kopf.


Dort konnte er jedenfalls in Ruhe schreiben, fernab der Welt.


Henrik war Schriftsteller geworden, nachdem er seinen Beruf aufgegeben hatte. Sein erster Infarkt hatte ihn damals dazu gezwungen. Er konnte die stressigen Tage in der Klinik nicht mehr durchhalten und so machte er aus seinem Hobby einen Beruf. Er begann, Krimis zu schreiben und das tat er erfolgreich, wie fast alles in seinem Leben, denn er tat es mit großer Liebe.


Er benötigte aber Orte der Ruhe, um arbeiten zu können, um seine Gedanken zu bündeln und seinen Ideen freien Lauf zu lassen.


So war es früher zumindest und heute brauchte er einen Ort der Zuflucht, um in Ruhe die Dinge für sich zum Abschluss zu bringen.


 


 


Kapitel 2


 


Er brach auf. Ein Freund brachte ihn zum Airport. Die beiden schwiegen fast die ganze Fahrt. Ob sie sich je wiedersehen würden, war ungewiss. Beide wussten das, aber sie schwiegen. Sie erreichten nach zwanzig Minuten den Airport.


Achim half beim Ausladen des Gepäcks, gemeinsam gingen sie zum Gate. Henrik gab das Gepäck auf, schaute auf seine Uhr und sagte dann:


„Na, ein wenig Zeit habe ich ja noch.“


Achim nickte und sah ihn an. Sie waren sich seit Jahren vertraut, irgendwann waren sie schließlich Freunde geworden. Er schaute ebenfalls auf die Uhr, es wurde langsam Zeit zum Check-in. Achim umarmte Henrik mit den Worten:


„Komm gesund wieder, alter Norweger.“


Dies war jedoch nur eine Phrase und beide wussten das. Diese so ungleichen Freunde, die eine ganze Menge Gegensätzliches verband.


„Es wird Zeit“, flüsterte Henrik und nahm seine Tasche.


Er winkte lässig zum Abschied und ging in Richtung Gate, ohne sich umzudrehen. Er spürte den Blick des Freundes im Rücken.


Einen Moment dachte er an seine Tochter. Einen Moment dachte er auch an sie und spürte, dass auch sie ihn letztlich verstehen würde, auch wenn ihre Begegnung nur kurz und intensiv gewesen war. Sie war ihm mächtig ins Herz geraten und genau das hätte auf gar keinen Fall passieren dürfen. Warum zu diesem Zeitpunkt? Er schüttelte den Kopf und ging in Richtung Gate. Aus dem Kopf bekam er sie raus, aber aus seinem Herzen?


 


Er lächelte freundlich, als er eincheckte und das Boarding begann. Er mochte diese leichte Betriebsamkeit, bei der immer alles wie am Schnürchen klappte. Er nahm in der Maschine Platz, die ihn nach Hamburg und dann weiter in sein so geliebtes Oslo bringen würde. Er entspannte ein wenig, seine Gesichtszüge wirkten nicht mehr so hart und wild entschlossen. Seine Augen sahen traurig aus, sonst blitzten sie immer. Er war müde und fühlte sich leer.


Anstrengende Monate lagen hinter ihm. Monate, die sein Leben völlig auf den Kopf gestellt hatten, die letztlich auch …? Er hielt inne und wischte sich über die Stirn, so als wolle er die trüben Gedanken beiseite wischen. Er wollte die Dinge nicht zu Ende denken. Zu oft hatte er sie durchdacht und dieses lästige Grübelmonster in seinem Kopf schien ihm unerträglich.


 


Ohne dass er es bemerkte, hatte sich ein älterer Herr neben ihn gesetzt. Henrik schaute auf das Rollfeld, seine Gedanken waren bei ihr und sein Blick wurde wieder traurig. Er war verliebt in sie, aber genau das durfte ja nicht sein.


„Es war völlig sinnlos“, murmelte er in sich hinein.


Das Leben war nicht fair, aber was hatte er denn erwartet? Dass einfach mal alles problemlos sein würde? Nein, sein Leben hatte immer kompliziert zu sein, so kompliziert, wie er eben war. Es schien so, als ob es da oben einen gab, der immer von ihm das Optimum fordern würde.


Es gab so vieles, was sie verband, von dem er schon wusste, und den Rest würde er vermutlich nie erfahren … und vielleicht war es auch gut so. Wer wusste schon, was, wann und wo gut war, und wie und wohin alles letztlich führen würde?


Seine Gesichtszüge entspannten sich. Sie … Sein Herz schlug eine Spur zu schnell und er schob es darauf, dass die Maschine nun den Kontakt zum Boden verlor.


Der ältere Herr neben ihm stellte sich als Gustav Hennig vor und fragte mitten in seine Gedanken hinein:


„Wo geht es denn für Sie hin?“


Henrik schaute zur Seite und seufzte.


„Wenn ich das nur wüsste, aber der Zielflughafen ist Oslo mit Zwischenstopp in Hamburg.“


„Oh, dann haben wir ja das gleiche Ziel.“


Henrik lächelte.


„Sie fliegen auch nach Oslo.“


„Ja, zu meiner Frau.“


Er fragte der Höflichkeit halber nach:


„Zu Ihrer Frau, sind Sie Norweger?“


„Nein“, erwiderte der ältere Herr. „Wir haben nur vor ein paar Jahren beschlossen, ein halbes Jahr in Deutschland zu leben und ein halbes Jahr in Norwegen. Wir haben uns damals in das Land und ineinander verliebt, aber das ist nun 40 Jahre her und wir lieben noch immer Norwegen und einander.“


Henrik dachte: Schön, dass es noch glückliche Menschen gibt und dass man sie manchmal trifft. Er fand, dass sie das Leben bereicherten. Sie machten Mut und Hoffnung.


Früher hatte er niemals aufgegeben und immer den Mut gehabt, den er brauchte. Er war ein Mutmacher, für andere und auch ein bisschen für sich.


„Ja, und meine Frau ist schon vorgeflogen. Ich hatte hier noch was zu erledigen und jetzt wollen wir ganz in diesem wundervollen Land leben, sozusagen bis zum Rest unserer Tage.“


Henrik lächelte noch immer. Es wirkte wie eingefroren, denn seine Augen, die sonst immer lachten, lachten nun nicht.


„Und Sie? Was bringt Sie in dieses wundervolle Land?“


„Mich …? Ich bin auf der Flucht“, entfuhr es Henrik ganz unwillkürlich.


„Aber Sie haben keine Bank ausgeraubt?“


Henrik lachte.


„Nein, das nicht.“


Gustav schaute Henrik an.


„Ja, das nahm ich auch nicht an. Ich beobachte Sie schon eine Weile. Wovor laufen Sie davon?“


„Vor mir, vor der Liebe, vor meiner Angst, vor der Unsicherheit des Seins, vor … meiner Krankheit. Vor vielen Dingen eben, aber am meisten wohl vor mir.“


Gustav schaute ihn lächelnd an.


„So schlimm?“


„Noch viel schlimmer“, entfuhr es Henrik.


Gustav begann zu lachen:


„Na, na, so dramatisch kann es doch gar nicht sein.“


„Noch dramatischer“, lachte nun auch Henrik.


„Was ist denn passiert?“


„Oh je, wenn ich das mal wüsste. Es passierte einfach so, völlig unkontrollierbar und völlig ohne Absicht.“


„So was passiert immer so“, erwiderte Gustav. „Und wieso müssen Sie da fliehen?“


„Weil es sinnlos ist und ich zudem erkrankt bin und mich wahrscheinlich bis auf die Knochen blamiert habe. Weil ich alles Gute und Positive vermutlich in den Orkus gejagt habe.“


Gustav lachte.


„Junger Mann, ich bin sicherlich gut 25 Jahre älter als Sie, ich bin auch schon davongelaufen, viele Jahre sogar, aber geändert hat sich erst etwas in meinem Leben, als ich stehen blieb. Als ich begann, die Dinge und mich auszuhalten. Nachdem ich erkennen musste, dass man sich mit allem, was einen ausmacht, immer und überall mit hinnimmt. Erst da wurde ich wirklich glücklich ... Meine langjährige Ehe begann mit einem Riesenstreit und wir haben uns ein halbes Jahr nicht gesehen. Damals bin ich auch davongelaufen, aber ich konnte sie nicht vergessen und sie konnte mich auch nicht vergessen.“


„Und wie haben Sie sie dann wiedergefunden?“


Gustav entgegnete schmunzelnd:


„Dafür hat einer da oben gesorgt und natürlich habe ich stets behauptet, dass es ein Zufall gewesen sei, während meine Frau von Schicksal spricht. Sie hat mir verziehen und glauben Sie mir, das war mir eine Lehre.“


„Was haben Sie denn getan?“


„Na ja, es hatte mit der Wahrheit zu tun und ich habe nicht mal direkt die Unwahrheit gesagt, sondern lediglich Dinge verschwiegen, sodass es zu Halbwahrheiten kam. Und glauben Sie mir, junger Mann, ich bin durch die Hölle gegangen, aber danach habe ich nie wieder was verschwiegen, geschweige denn gelogen. Meine Frau ist das sturste Frauenzimmer, das Sie sich vorstellen können.“


Henrik lachte und sagte:


„Das ist sie auch und das wird sie mir nie verzeihen.“


„Na, na, junger Mann, man soll nie ‚nie‘ sagen und Frauen ticken ganz anders als wir.“


„Ja, wie Zeitbomben … oder schlummernde Vulkane.“


Henrik schaute in das freundliche und von Lachfalten sowie dem Leben gezeichnete Gesicht. Die wachen blauen Augen sprühten vor Lebensfreude.


„Wir sind sehr glücklich geworden.“


„Glück ist nur der Moment zwischen zwei Unglücken“, flüsterte Henrik leise.


Er schaute nachdenklich.


„Das stimmt in gewisser Weise, junger Mann, aber was wären wir ohne Unglücke? Wir würden das Glück gar nicht erkennen. Nur reines Glück wäre doch auch nicht so ganz das, was wir vom Leben erwarten. Und so ein richtiger Krach belebt das Leben doch auch, umso schöner sind die Versöhnungen.“


„Na ja“, seufzte Henrik, „aber manchmal kommt es schon knüppeldick, und wenn man sich dann noch dazu benimmt wie ein Elefant im Porzellanladen, dann ist es perfekt.“


„Auch das vergeht“, lächelte Gustav. „Es wird immer und überall mit Wasser gekocht. Und letztlich: Hat sie denn gesagt, dass Sie sich blamiert hätten? Hat sie Sie denn ausgelacht?“


„Nein, hat sie nicht. Das würde sie niemals tun.“


„Na, dann kann es ja auch nicht so dramatisch gewesen sein.“


„Sie sagte nur, sie sei überfordert und dass es wohl schlimm bei mir sein müsste und sie gerade andere Dinge machen müsste, was ja auch stimmte.“


Gustav lachte und entgegnete:


„Immerhin schaffen Sie es, eine Frau zu überfordern. Das schafft auch nicht jeder.“


Henrik schmunzelte und dachte an die vielen Mails und an den schönen Nachmittag, den sie vor der Abreise zusammen verbracht hatten. Mich muss man sich erst einmal nervlich leisten können, dachte Henrik. Er war eben kompliziert.


„Ich zum Beispiel habe Flugangst und jedes Mal, wenn ich in so eine Kiste steige, dann ist das ein wahrer Albtraum für mich. Da ich aber nicht anders zu meinem Lieblingsland gelange, vor allem mit einer Zeitersparnis, überwinde ich diese Angst und unterhalte mich dann gerne, so vergeht diese Angst und die Zeit.“


Henrik lächelte und dachte unwillkürlich an seine Tochter … Seine Gesichtszüge nahmen einen harten Ausdruck an und seine Augen lachten nun gar nicht mehr, wie sie es sonst immer bei ihm taten.


„Gustav, ich kann Sie beruhigen: Bevor Sie mit einem Flieger abstürzen, würden Sie im Lotto gewinnen.“ Gustav lachte und Henrik stimmte in sein fröhliches Lachen scheinbar ein. Nur bei Henrik klang es sarkastisch, als er sagte: „Das Fahren mit Autos ist viel gefährlicher.“


„Wo geht es denn hin in Norwegen?“, fragte Gustav nach einer kurzen Weile.


„Erst einmal nach Oslo, da werde ich übernachten und dann wollte ich eigentlich mit dem Motorrad nach Bergen, durch den norwegischen Sommer, aber das schaffe ich nicht von meiner Gesundheit her. Ich werde also von Oslo nach Bergen fliegen und dann mit einem Mietwagen zu meiner Hütte aufbrechen.“


„Sie haben da eine Hütte?“


„Ja, ich habe sie vor vielen Jahren von meinem Freund vererbt bekommen. Lars hat mir diesen Ort der Ruhe, Stille und einen Ankerplatz für Träume geschenkt.“


„Das ist ein wunderschönes Geschenk“, grinste Gustav. „Es muss ein wirklich guter Freund gewesen sein.“


„Ja, das war er“, flüsterte Henrik. Er dachte an Lars, den er durch Zufall – war es denn Zufall? – vor vielen Jahren getroffen hatte, der dann auf so grausame Weise Opfer eines Mordes geworden war. „Lars ist Pastor gewesen und ist von einer Gruppe fehlgeleiteter Jugendlicher umgebracht worden, in seiner eigenen Kirche.“


Mord …, fast sein ganzes Leben hatten ihn Morde und deren Aufklärung beherrscht: in der Rechtsmedizin, bevor er ausgestiegen war und als Schriftsteller zu arbeiten begonnen hatte, und selbst da hatten ihn Morde immer noch weiter beschäftigt.


Gustav durchbrach seinen Gedanken mit der Frage:


„Ist Ihnen nicht gut, Sie sehen auf einmal so blass aus?“


„Doch, alles ist in Ordnung. Ich dachte gerade nur an meinen Freund. – Wo geht denn Ihre Reise hin?“, fragte er höflichkeitshalber, denn seine Gedanken weilten ganz woanders.


„Ich werde in Oslo von meiner Frau abgeholt und dann reisen wir auch weiter nach Bergen und von dort aus nach Stavanger.“


„Das kenne ich auch“, sagte Henrik lakonisch und strich sich dabei über seinen Bart. „Eine schöne Stadt, ich habe sie vor Jahren einmal besucht.“


„Sie müssen uns dort unbedingt besuchen kommen“, lachte Gustav.


„Gerne, wenn es sich ergibt“, erwiderte Henrik, denn er wusste nur zu gut: Wenn er erst einmal in Bergen bei seinen Freunden angekommen war, dann würde er dort unter Beschlag genommen werden. Ulf und Ole, ihre Frauen Marit und Vicky, dann deren Kinder und vor allem Thor, dieser Riesenköter, von dem keiner wusste, wo vorne war, der Henrik aber vom ersten Moment der Bekanntschaft an adoptiert hatte. Er lächelte und schaute in den Nachthimmel.


Gustav las derweil die Zeitung und Henrik schaute gedankenverloren in die Nacht. Köln lag hinter ihm und damit schon ein Teil seines Problems.


Kurz vor der Landung in Hamburg bemerkte Gustav:


„Na, gleich haben wir die erste Etappe geschafft.“


Henrik schaute noch immer aus dem Fenster. Er fühlte sich müde und leer.


„Ja, wir haben es gleich geschafft“, sagte er leise und schaute nachdenklich auf das sich nähernde Hamburg.


Die Maschine setzte auf und rollte langsam aus. Henrik schnappte seine Tasche und schaute auf die Uhr, eine Stunde hatten sie hier nun Aufenthalt und Gustav schlug vor, Kaffee zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Henrik stimmte zu und beide verließen die Maschine in Richtung Gate. In der Flughalle gingen sie zielstrebig auf eine Café-Bar zu. Sie setzten sich und bestellten einen Kaffee.


Henrik schaute sich in der Café-Bar um. Er beobachtete Leute immer gerne und gerade auf Flughäfen mochte er das. Wo sie wohl herkamen, wohin ihre Wege führten …?


Ein immerwährendes Kommen und Gehen, dachte Henrik.


Er fand Flughäfen interessant. Das war ganz eigenartig, diese Atmosphäre hatte etwas. Er mochte die Anzeigentafeln, die zeigten ihm, wie klein die Welt doch war. Er dachte an seine Tochter. Sie kannte wohl alle Flugplätze der Welt. Er bedauerte es, dass er sie so selten gesehen hatte, aber sie hatte diesen Weg gewählt und er hatte sie letztlich ermutigt und dann ziehen lassen. So, wie er immer alle Menschen hatte gehen lassen, wenn sie gehen wollten. Nur ihren letzten Weg, den hatte sie bestimmt nicht gehen wollen.


Loslassen war wohl das Geheimnis seines Lebens.


Gustav schlug vor, noch ein paar Zeitungen vor dem Weiterflug zu erwerben. Oslo war noch weit. Henrik nickte und sah auf die Uhr. Er trank noch einen Whisky.


„Junger Mann, Sie scheinen wirklich gerade sehr ungeduldig zu sein.“


Henrik nickte und dachte: Wenn du wüsstest, wie sehr ich hier weg will. Nur noch die Ruhe der Natur und der Berge, der Fjorde und der Elche. Innerlich grummelte er: Verflucht, warum in drei Teufels Namen denke ich ständig an diese Frau? Man muss es doch mit Vernunft regeln können! Er, der Wissenschaftler, der die Vernunft in Person war.


Gustav grinste ihn an.


„Na, diese Dame muss ja was Besonderes sein.“


Henrik guckte über seinen Brillenrand.


„Nein, gar nicht. Sie ist kompliziert und sie hat den Ruf, eine arrogante Schnepfe zu sein.“


Gustav lachte herzlich.


„Das kann man gar nicht glauben.“


„Stimmt auch nicht“, lachte Henrik nun auch. „Sie ist eigentlich ein Goldstück, auf das man besser hätte achtgeben müssen.“


Sie zahlten und gingen zu einem Zeitungsstand. Jeder erwarb einige Zeitungen und Henrik entschied sich für einige Fachzeitungen.


“Pathologie heute“. Er war viele Jahre Rechtsmediziner gewesen und hatte so manchen Täter überführt, und das nicht nur im kriminellen Sinne. Auch Viren können Täter sein, hatte einmal einer seiner Professoren geäußert. Aber all sein Wissen über Medizin und Biologie konnten ihn selbst nicht retten, auch das wusste er nur zu genau. Ihn konnte nur noch ein Wunder retten. Und Wunder waren gerade aus, oder wenn, dann trafen sie andere.


Er klemmte sich die Zeitungen unter den Arm und wartete auf Gustav, der noch zahlte. Sie gingen in Richtung Gate B, um dort zu boarden.


Henrik war müde und erschöpft. Dieser Zustand stellte sich in der letzten Zeit häufiger ein. Er war froh, als er sich in den Sitz setzen konnte; ein leichter Schweißfilm hatte sich auf seiner Stirn gebildet.


Gustav schaute ihn besorgt an und fragte:


„Ist Ihnen nicht gut?“


Henrik schüttelte den Kopf und sagte:


„Nein, es ist schon alles in Ordnung.“


Gustav schaute besorgt in das Gesicht von Henrik. Dieser, in seinen Augen junge Mann schien irgendwie erkrankt zu sein und es musste etwas Ernsteres sein.


„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, fragte Gustav.


„Ich war fast 20 Jahre Rechtsmediziner, jetzt schreibe ich Bücher.“


„Sie schreiben?“


„Ja, ich schreibe Bücher.“


„Und was?“


„Meistens Krimis. Hin und wieder auch andere Genres.“


„Das klingt spannend. Woher nehmen Sie die Ideen?“


„Na ja, das meiste ist schon Fiktion, aber hin und wieder fließen immer mal eigene Anteile und Erlebnisse ein.“


„Das klingt nach einer interessanten Mischung.“


„Ja“, meinte Henrik, „die Mischung macht doch immer den Unterschied.“


„Warum schreiben Sie eigentlich?“, entfuhr es Gustav.


Henrik begann zu lachen. Das war die Frage, die man ihm schon 100.000-mal gestellt hatte.


„Das werde ich immer wieder gefragt und kann es nicht wirklich beantworten. Einmal habe ich gesagt: ‚Man könnte mich genauso gut fragen, warum ich atme.‘ Ich schreibe, weil ich es muss, will, kann, darf …, weil es meine Art ist, mich auszudrücken, zu sprechen, zu kommunizieren, mich bemerkbar zu machen, zu diskutieren, zu erinnern, zu träumen. Es gibt so vielerlei Gründe, dass ich wirklich nicht die eine einzige Antwort weiß. Im Grunde müsste ich das Zitat ‚cogito, ergo sum‘ (ich denke, also bin ich) abwandeln in ‚scribo, ergo sum‘ (ich schreibe, also bin ich).“


Gustav schmunzelte.


„Ich bin Journalist.“


„Daher also diese Frage.“


Die beiden Männer lachten, als der Flieger abhob und sie geradewegs nach Oslo flog, in das Land, das Henrik liebte und in dem jetzt zu Mitternacht noch die Sonne scheinen würde.


Henrik begann in seiner Zeitung zu blättern. Er wollte ein wenig lesen. Gustav beobachtete ihn und bemerkte:


„Ach, Sie auch?“


„Wie … ich auch?“


„Na, von hinten nach vorne.“


Henrik schaute ihn ernst an und sagte:


„Schon seit Jahren mache ich das so.“


Gustav grinste und erklärte dann lakonisch:


„Ich mache es schon immer so. Schlagzeilen sind nie so wichtig, die fördern nur die Verkaufszahlen oder die Auflage. Wichtiger sind die kleinen Artikel, die sind oft die echten Informationen und die stehen meistens hinten.“


Henrik war verblüfft, so hatte er das noch nicht gesehen. Er vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Er las einen spannenden Artikel über Morde mittels Gift: „Gibt es das perfekte (Mord-)Gift?“ Henrik wusste so ziemlich alles über Gifte, aber er hätte einen Teufel getan, dieses Wissen preiszugeben. Es gab schon genug unentdeckte Morde.


„Mord gilt in allen Rechtsordnungen als gravierendste Straftat gegen das Leben eines Menschen. Eine nicht mit dem Leben zu vereinbarende Verletzung.“ Er schüttelte den Kopf. Was für eine Formulierung und wie oft hatte er sie diktiert. Wie einfach aus Herrn Meier eine mir vorgelegte Leiche Nr. 10109 wird, dachte er. In der Umgangssprache unterschied man nicht immer genau zwischen Mord und Totschlag. Es wurde verwässert, durch die Einflüsse von Krimis und Polizeiserien. Sprachlich wurde der Begriff dadurch verwischt, der juristische Terminus „Second Degree Murder“ völlig sinnentstellend übersetzt. Manchmal wurde auch die fahrlässige Tötung als Mord missverstanden, besonders dann, wenn bei einem Krimi eine Tat vertuscht wurde oder aber am Ende der Täter breit dargestellt wurde, aber die Auflösung der Bestrafung offen blieb.


Henrik hing seinen Gedanken nach. Er stellte sich die Frage, ob er jemals zum Mörder werden könnte. In Gedanken und auf dem Papier konnte er es, er tat ja fast nichts anderes, aber im realen Leben?


Nein, das würde er nicht können, jedenfalls nicht einfach so.


Dieser Gedanke faszinierte Henrik. Er hatte immer erfolgreich auf dem Papier gemordet, aber wäre er selbst fähig? Er hatte viele Leichen auf seiner Tabula gehabt, viele Mörder gesehen, sie entlarvt und letztlich dazu beigetragen, dass sie nicht so schnell wieder aus dem Gefängnis kamen. Der Gedanke, ob er real morden könnte, fesselte ihn. Seine Exfrau, ja, die hätte er morden können, aber irgendwie war die es nicht wert gewesen.


Er verwarf diesen Gedanken. Er würde nur auf dem Papier morden können, denn Gewalt war nicht seins und vor allem nie eine Lösung.


 


 


Kapitel 3


 


Pünktlich setzte der Flieger um 23 Uhr in Oslo auf; es war taghell. Mitternachtssonne. Gustav und er checkten aus. Am Gate wartete Gustavs Frau, die ihrem Mann zuwinkte. Henrik verabschiedete sich von Gustav, der allerdings darauf bestand, dass er ihm seine Frau vorstellen dürfe. Henrik gab nach, er wollte nicht unhöflich erscheinen. Gustav stellte ihm seine Frau Gundula vor. Henrik reichte ihr die Hand und lächelte sie an.


„Sind Sie nicht der Krimiautor Henrik Fels?“ Henrik nickte und lächelte. „Ich bin Fan Ihrer Bücher, keiner mordet so schön wie Sie.“


Henrik lachte gut gelaunt.


„Nur auf dem Papier, gnädige Frau“, erwiderte er charmant. „Aber jetzt muss ich zu meinem Hotel. Ich wünsche einen angenehmen Abend und Gustav, ich denke, wir telefonieren und treffen uns zum Angeln.“


Das hatten sie so besprochen.


Gustav nickte und man reichte sich die Hand.


Henrik nahm sein Gepäck und ging in Richtung Ausgang. Er wollte nur noch schnell in sein Hotel, denn am nächsten Morgen ging sehr früh sein Flieger nach Bergen, wo Ole ihn abholen würde.


Ole und Ulf waren seit fast 15 Jahren seine Freunde, beide arbeiteten bei der Mordkommission in Bergen und sie hatten schon so manche gute Vorlage für seine Romane geliefert. Er freute sich auf seine Freunde, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Er hatte lange überlegt, ob er ihnen von seiner erneuten Erkrankung erzählen sollte. Es würde sich vermutlich nicht verheimlichen lassen.


Henrik betrat das Flughafenhotel und ging zur Rezeption. Er checkte ein und nahm seinen Zimmerschlüssel. Eigentlich wollte er noch etwas essen, aber er war zu müde und so ging er in sein Zimmer. Er duschte und ließ sich auf das Bett fallen. Er schlief sofort ein. Sein Freund Glenfiddich verhalf ihm dazu, es war seine Lieblingssorte Whisky.


Er wurde geweckt durch das Klingeln seines Handys. Er hatte die Weckfunktion eingeschaltet, damit er seinen Flug nach Bergen nicht versäumte. Er sprang aus dem Bett, tief und traumlos hatte er geschlafen. Er duschte, zog sich schnell an und packte seine Sachen zügig zusammen. In Gedanken war er schon in Bergen. Er freute sich auf seine Freunde und er wollte endlich zur Ruhe kommen.


Wenn er auch nur in Ansätzen geahnt hätte, was ihm in den nächsten Wochen alles bevorstehen würde, wäre er vermutlich lieber umgekehrt. Gut, dass niemand in die Zukunft blicken kann.


Henrik eilte zur Rezeption und beglich die Rechnung, ohne das Frühstück eingenommen zu haben. Er hatte wie immer keinen wirklichen Hunger. Früher hatte er ausgedehnte Frühstücke geliebt, aber auch da war er inzwischen weiter. Alles Zeitverschwendung, dachte er. Ein Brötchen unterwegs würde auch reichen. Er beeilte sich, das Gate zu erreichen, er war spät dran. Da erblickte er Gustav, der ihm zuwinkte, und Henrik lachte. Er freute sich, Gustav so schnell wiederzusehen.


„Sie müssen sich beeilen!“, rief Gustav ihm zu.


Henrik lachte und winkte. Im Flugzeug setzte er sich schnell auf seinen Platz.


Gustav und seine Frau saßen in der anderen Reihe und er beobachtete diese beiden so glücklichen Menschen. Schön, dass es so etwas noch gibt, dachte er. Er selbst hatte sich immer eine glückliche Beziehung gewünscht, in der Vertrauen und Freiheit geprägt von Liebe im Vordergrund stehen würden, aber das war ihm wohl nicht vergönnt. Er schaute aus dem Fenster auf die Landebahn und eine Träne rollte über seine Wange. Er würde sie nie wieder sehen. Er wischte sie verstohlen weg. Männer weinen nicht, dachte er. Auch so ein gesellschaftlicher Schwachsinn eigentlich. Männer haben so oder so zu sein. Er hatte seine Tochter jedenfalls nie rollenkonform erzogen, so etwas hielt er für Schwachsinn. Kinder musste man in erster Linie zu Menschen erziehen, die fähig waren, sich und damit auch andere zu lieben. Die Herz und Mitgefühl besaßen. Welch Ironie.


Die Maschine begann zu rollen. Er sah rüber zu Gustav, der seine Frau anlächelte. Ein schönes Paar. Henrik sann über die letzten 20 Monate in seinem Leben nach, die ihn so verändert hatten. Viele Dinge hatte auch er falsch gemacht, das wusste er, aber er war nie bewusst unfair gewesen. Nur dieses eine Mal. Und dann auch noch an der falschen Stelle. Er wusste ja nicht wirklich, was sie dachte oder nicht dachte. Er wusste eigentlich wenig über sie, aber war das wichtig? Wenn das Gefühl stimmte? Die ersten fünf Sekunden …


Er verdrängte diese Gedanken und widmete sich seiner Zeitung. Er war so vertieft in den Artikel, dass er nicht einmal mitbekam, dass die Maschine in Bergen zum Landeanflug ansetzte. Die Flugbegleiterin berührte sanft seine Schulter und bat ihn, sich anzuschnallen. Er blickte auf und lächelte. Er kam der Aufforderung sofort nach und steckte die Zeitung in seine Tasche.


Die Maschine landete pünktlich und Henrik, der sonst immer gerne zügig die Maschine verließ, blieb einen Moment sitzen. Die meisten Passagiere verließen den Flieger schnell, aber er wollte sich von Gustav noch verabschieden. Als er rüber zu der Sitzreihe schaute, war sie leer. Henrik sah, dass sich Gustav mit seiner Frau schon fast am Ausgang befand. Gustav schaute zu ihm und er schaute zu Gustav, sie lächelten sich zu und Henrik hob die Hand zum Gruß. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Henrik Gustav gesehen hatte. Henrik fand, dass er einen sehr sympathischen Reisegefährten gehabt hatte und natürlich würde er ihn anrufen und mit ihm angeln gehen. Dass er ihn unter ganz anderen Umständen wiedersehen würde, konnte keiner ahnen.


Henrik ging nun auch in Richtung Ausgang und freute sich auf seine Freunde. Ole oder Ulf, einer würde ihn abholen. Nach zehn Minuten befand Henrik sich in der Flughalle, niemand schien da zu sein. Nun ja, ein paar Minuten könnte er ja warten, sonst würde er den Mietwagen alleine abholen und zu seiner Hütte fahren.


Vermutlich war den beiden was dazwischen gekommen. In dem Moment sprang Henrik etwas von hinten an; er zuckte zusammen und drehte sich um. Thor, der Hund von Ulf, sprang vor Freude an ihm hoch. Er umarmte den riesigen Hund, der schon fast menschliche Züge hatte.


„Thor, alter Norweger!“, entfuhr es Henrik, als ihn dann auch schon Marit lachend umarmte.


„Schön, dass du da bist. Ulf und Ole konnten leider nicht, eine schreckliche Mordserie erschüttert unsere Gegend.“


„Hallo Marit“, sagte Henrik und erwiderte die Umarmung. „Ich habe es flüchtig gelesen. In der Tageszeitung, aber du weißt ja, mein Norwegisch reicht gerade aus, um nicht zu verhungern.“


„Ich weiß, Henrik. Es wird Zeit, dass du es besser lernst, alter Tiefstapler.“


„In diesem Leben nicht mehr.“


„Ach komm, das schaffst du auch noch, mit deinem Perfektionismus.“


„Dein Wort in Gottes Ohr, aber ich glaube, mit unserem Englisch kommen wir auch ganz gut weiter.“


Marit lachte und beide holten Henriks Gepäck ab.


„Nun erzähl mal, wie war dein Flug und wie geht es dir?“


„Der Flug war angenehm und wie es mir geht, müssen wir doch nicht erörtern, oder?“


„Nein, nicht wirklich“, antwortete Marit. „Die Erkrankung ist also zurück?“


„Ja, das auch.“


„Der Stress, Henrik, das hast du immer gewusst.“


Er nickte beiläufig.


„Ja, ich habe es immer gewusst und es war mir immer bewusst.“


Marit schaute nachdenklich den Freund an.


„Na ja, hier kannst du dich jetzt erst einmal erholen, in deiner Hütte ist alles vorbereitet. Ole und Ulf haben gestern noch Holz gehackt, Vicky und ich haben alles eingekauft, und wenn du was brauchst oder dir etwas fehlen sollte, dann können wir gerne morgen gemeinsam nach Bergen fahren. Du willst doch mit Sicherheit so oder so auf den Fischmarkt am Hafen.“


Henrik freute sich. Wie gut sie ihn kannte. Er nickte und sagte:


„Na sicher, Marit, keine Frage.“


„So, nun lass uns aber frühstücken, denn ich denke, das kannst du gebrauchen. Du bist ziemlich dünn geworden.“


Henrik lachte, aber Marit fiel auf, dass seine Augen nicht lachten, sondern sie sehr traurig und müde blickten. Was war nur aus ihrem so sportlich durchtrainierten Freund geworden? Diese Krankheit alleine konnte es nicht sein. Sie beschloss, ihn später zu fragen.


Henrik frühstückte ein Brötchen – zu mehr war er heute nicht in der Lage –, dann schob er den Teller beiseite.


Er konnte in der letzten Zeit nicht so viel essen, dabei hatte er früher gerne gekocht und auch gerne gegessen. Aber irgendwann nach der Trennung von seiner Frau hatte er damit begonnen, selten zu kochen und noch seltener vernünftig zu essen. Seit knapp 20 Monaten war sowieso nichts mehr wie es war, aber das sagte er nicht. Er stand auf und lächelte Marit an.


„Lass uns zur Hütte aufbrechen, ich will auspacken und ein bisschen ausruhen und dann, wenn Ole und Ulf zurück sind, komme ich nachher wieder her oder ihr kommt rüber.“


„Okay, Henrik, dann lass uns gehen. Du willst bestimmt deinen Freund Thor mitnehmen, denn der freut sich schon auf dich und die Ausflüge.“


Henrik pfiff kurz. Thor stand bellend vor ihm und Henrik lachte. Thor war ein Hund nach seinem Geschmack. Henrik öffnete die Tür des Rovers und mit einem Satz war Thor im Auto verschwunden.


 


Marit und er erreichten zehn Minuten später die Hütte. Henrik freute sich beim Anblick seiner kleinen Hütte, die gar nicht so klein war. Sie hatte einen großen, gemütlichen Wohnraum mit einem offenen Kamin, daran grenzten eine behagliche Wohnküche, ein Schlafraum und ein kleines Bad. Es roch nach Holz. Das liebte er an diesen Blockhäusern. Holz war ein wundervolles Material; es lebte und belebte die Umgebung.


Marit hatte alles für ihn vorbereitet und sie hatte nichts vergessen. Sogar an eine Flasche Single Malt hatte sie gedacht. Marit sah ihn lächelnd an und umarmte ihn, den langjährigen Freund. Henrik schaute sie an und sagte:


„Danke für alles.“


Marit erwiderte sehr bedächtig und leise:


„Gib niemals auf, steh das durch. Du bist gut, du hast die Power, das Herz und den Mut. Glaub an dich selbst, trau es dir zu, bleib nicht einfach stehen! Irgendwie wird‘s immer weitergehen.“


Er nickte.


„Recht hast du, Marit. Und darum ruhe ich mich jetzt auch ein wenig aus.“ Er dachte: Ich habe auch keine Wahl. Ich werde es durchstehen bis zum Ende, aber er schwieg. Er wollte alleine sein, seine Gedanken und Gefühle sortieren und einfach an den Fjord, zu seinem Bootssteg, an dem er immer gute Gedanken fand.


Henrik packte seine Sachen aus und Thor beobachtete ihn. Thor und er …, das war gleich der Beginn einer großen Freundschaft gewesen. Dieser Hund hatte an Henrik einen Narren gefressen.


„Ja, gleich, Thor. Lass mich eben auspacken und mich umziehen, dann gehen wir beide an den Fjord.“ Thor bellte leise, so, als hätte er es verstanden. Henrik zog sich um, tauschte Jeans gegen Trackinghosen und Business-Hemd gegen Holzfäller-Hemd. „So, mein lieber Thor, auf geht es nun. Lass uns zu unserem Lieblingsplatz aufbrechen.“ Thor bellte und es klang irgendwie fröhlich. Henrik lächelte und klopfte diesen großen Hund. „Du freust dich wenigstens über mich.“


Henrik und Thor liefen den leicht abfallenden Hang hinunter bis zum Steg. Henrik setzte sich auf den Steg und zog die Trackingschuhe aus. Er ließ die Beine im Wasser baumeln und Thor sprang gleich ganz rein. Dieser Hund liebte das Schwimmen.


Henrik beobachtete Thor und schaute in die zerklüfteten Felsen, die den Fjord umgaben. Früher war er dort immer geklettert. Sein Blick wurde ein wenig melancholisch. Früher …, das war noch gar nicht so lange her. Er hatte es geliebt, seine physischen Grenzen zu spüren, so war er in einem guten Kontakt mit sich selbst geblieben.


Schon früh hatte er das Klettern begonnen. Erst waren es Bäume, dann Kletterwände, dann ging es in die Berge. Er hatte diesen extremen Sport geliebt.


Thor kam von seinem kleinen nassen Ausflug zurück und schüttelte sich. Er tat das so dezent, dass Henrik komplett durchnässt war, aber das störte ihn nicht. Thor war schließlich ein Freund. Und Freunde durften einiges bei ihm. Er strich sanft über das nasse Fell von Thor.


„Na, war das Schwimmen schön?“ Thor bellte. „Was meinst du, sollen wir mal klettern gehen?“ Thor kläffte und es klang wie ein ‚Nein‘. „Na gut, dann nicht, dann gehen wir wohl besser mal zurück, kochen uns einen Tee und machen uns etwas zu essen.“


Thor war begeistert. Henrik wollte sich gerade erheben, da sauste der Hund los und begann, wie verrückt zu bellen. Er rannte den kleinen Hügel hinauf und war aus Henriks Blickfeld verschwunden.


Henrik zog seine Schuhe an und folgte dem Gebell, das immer drohender und lauter klang.


Nach etwa sieben Minuten hatte er Thor ausgemacht, der bellend und knurrend vor einem Gestrüpp stand. Was war das? Es sah aus wie ein Stofffetzen. Henrik näherte sich vorsichtig und dann sah er dort einen Menschen liegen, der schwer verletzt schien. Er näherte sich rasch, beugte sich runter und drehte den Mann vorsichtig um.


Henrik erschrak und erkannte sofort, dass dieser Mensch tot war: Sein ganzer Brustkorb war übersät mit Messerstichen.



 


 


 


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