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Eiskalt entflammt


SGU 1

von Lisa Gibbs

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783864432323
Ausstattung:
Broschur / eBook
Preis:
14.90 TB. eBook 8.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Sieben Verlag
Leseprobe

Schwarzer, dicker Schlick kroch durch ihre Lungen. Sie rang nach Luft, der lebenswichtigen Essenz. Fingernägel bohrten sich in ihre Haut und hinterließen schmerzende Halbmonde. Es brannte. Seine Hand schnürte ihr die Kehle zu. Ein letzter Kraftschub, ein letzter unterdrückter Schrei. Es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. Dann Resignation und Stille. Angst. Pure, kalte Angst. Begreifen. Keine rettende Luft drang mehr in ihre Lungen, sie zogen sich zusammen, die Augen schmerzten. Loslassen. Dem verlorenen Atem folgte der kalte Blick des Todes, zurück blieb einzig eine leblose Hülle. Das grauenvolle Zeugnis ihrer verlorenen Seele. Schwarze Nacht schlich sich in ihren Geist, langsam und zäh. Lou schnappte nach Luft und zwang sich, den Gegenstand in ihren Händen loszulassen, um dem Leben die Macht über ihren Körper zurückzugeben. Sie blinzelte, in der Hoffnung, die fremden Bilder, die sich in ihre Netzhaut eingebrannt hatten, loszuwerden. Je mehr Sauerstoff ihre Lungen füllte, desto bewusster nahm sie ihre Umgebung wieder wahr. Sie zählte ihren Pulsschlag. Es beruhigte sie und gab ihr die Gewissheit, am Leben zu sein. Sie war zu lange in der anderen Welt geblieben, und nun zahlte sie dafür mit ihrem schmerzenden Körper. Als ihre Knie nicht mehr nachzugeben drohten, wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und zog die Handschuhe wieder über die Hände. Erneut hob sie den Gegenstand vom Boden auf und betrachtete ihn. Ein kleiner rosa Sportschuh, keine bekannte Marke. Mehr als das und eine Haarspange mit einem bunten Schmetterling gab es nicht mehr von der kleinen Anna. Deren Körper lag in der Gerichtsmedizin, und bisher konnten die Pathologen nur sagen, dass sie einem gewaltsamen Tod zum Opfer gefallen war. Gefunden hatte man den leblosen Körper vor zwei Tagen am Hafen, nicht weit entfernt von dem schäbigen Appartement, in dem Anna mit ihrer Familie gelebt hatte. Der Täter war in Hektik verfallen und hatte nicht aus Mordlust getötet, das wusste Lou bereits. Sonst hätte er Anna nicht so impulsiv und vor allem nicht an diesem öffentlichen Ort umgebracht. Mit viel Liebe hatte Anna verschiedenfarbige Schnürsenkel eingefädelt, um den Schuh ein wenig individueller zu gestalten. Noch einmal musste Lou einen Blick in die Vergangenheit riskieren, sie brauchte mehr Informationen. Sie zog einen Handschuh aus und fuhr langsam mit ihren Fingern über die Schnürsenkel. Langsam öffnete sie die schützenden Barrieren ihres Geistes und ließ die Bilder hineinfließen. Erneut nahm ihr Bewusstsein die kalte Angst in Empfang. Die zähe, schwarze Masse breitete sich wieder um sie herum aus. Erst musste sie gegen ihre eigene Angst kämpfen und geistig über ihre Grenzen gehen, bevor sie Zutritt zu den vergangenen Ereignissen bekam. Doch dann war sie dort. Anna lief, rannte so schnell sie konnte, bis sie stolperte und hinfiel. Einen Schuh hatte sie bereits verloren, sie trug nur noch den linken. Durch den Sturz hatten sich kleine Splitter in ihre Hände gerammt, doch sie schenkte dem Schmerz keine Beachtung. Sie wischte sich mit den blutigen Händen übers Gesicht und rappelte sich wieder auf. Getrieben von einer Hast, die ihre letzte Hoffnung war. Diesmal war Lou gewappnet und konzentrierte sich auf die Bilder und nicht auf Annas Schmerz und ihre unbändige Angst. Jemand warf sich von hinten auf das kleine Mädchen und hielt sie mit seinem Körpergewicht am Boden. Ein Mann mittleren Alters, er stank nach Alkohol. Das Schlimmste war, Anna kannte ihn. Ihre Empfindungen schwankten zwischen Todesangst und Trauer. Ein Gemisch, das die Verzweiflung nährte. Er schluchzte hektisch, während seine drahtigen Arme ihren Körper auf den Boden pressten. „Anna, ich habe es nicht so gemeint. Wir erzählen niemandem davon, ja?“ Lou wurde übel. O nein, bitte nicht. Schon vorher mussten schreckliche Dinge passiert sein. „David, lass mich …“ Anna gab ihr die Antwort, die sie brauchte. Jetzt musste Lou so schnell wie möglich zurück. Die Gewalt, die gleich folgen würde, hätte sonst schwere Auswirkungen auf sie selbst, das wusste sie nur zu gut. Schon ihr erster Kontakt war eine Warnung gewesen. Sie ließ den kleinen Schuh fallen und tastete wieder nach ihrem Puls. Zählen, die volle Konzentration auf ihren Herzschlag, den Taktgeber, der ihr Leben real werden ließ, bis Annas Schluchzen nur noch ein verhallendes Echo war. Vor dem Regal sackte sie auf die Knie und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, die Stirn auf die Knie gepresst. Während sie leicht hin und her wippte, verbannte sie die schrecklichen Bilder in die letzte Ecke ihres Kopfes. Ihr brummte der Schädel, o Gott, ihr war hundeelend zumute. Aber wenigstens hatte sie ihn. „Lou, schwing deinen Hintern hier rüber, wir haben zu tun!“ Peter holte sie vollständig in die Realität zurück. Seit einem Jahr waren sie Kollegen beim NYPD. Sie ließen einander in Ruhe, dafür schätzte sie ihn. Nachdem sie den kleinen Karton mit den Beweisstücken verschlossen hatte, stellte sie ihn an seinen Platz zurück und zog ihre Handschuhe an. Von der kleinen Anna war nur eine Nummer in einem langen Regal voller Kartons geblieben. Durch die Regalreihen ging sie zum Eingang der Asservatenkammer, um die neuen Stücke in Empfang zu nehmen. Peter erwartete sie mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen. Er war fünfzig Jahre alt, und die langen Dienstjahre zeichneten sich durch grobe Falten in seinem kubanischen Gesicht ab. Doch sein Sinn für Humor war ungebrochen. Nur einer der Gründe, weshalb sie ihn mochte. Er deutete mit einem Kopfnicken auf die Person, die auf der anderen Seite der Glasscheibe stand. Sam, die blonden Haare wie immer perfekt frisiert und mit einem unverkennbaren Zahnpasta­lächeln bewaffnet. Er war ein ehemaliger Kollege aus ihrem alten Team und sie war erleichtert, dass er sich die Zeit genommen hatte, die Beweismittel im Keller abzugeben. Bei den anderen hochrangigen Polizisten wappnete sie sich immer gegen die Sprüche und die abwertende Art, mit der sie behandelt wurde, doch bei Sam wusste sie, dass er wenigstens höflich sein würde. „Hey Lou, viel zu tun?“ „Was hast du für uns, Sam?“ Sie musterte den jungen Kommissar. Wahrscheinlich versuchte er einfach nur, nett zu sein, aber jeder in diesem Laden wusste, dass Small Talk nicht ihr Ding war. Sam probierte es trotzdem immer wieder. „Überfall auf der Siebzehnten, Schusswaffe und Drogen. Ich gebe dir Bescheid, wann man die Sachen wieder auslösen kann, dürfte nicht lange dauern.“ Er strich sich durch seine Mähne und setzte eine gespielt betrübte Miene auf. „Lou, möchtest du nicht wieder mit uns auf die Straße? Du vermisst das doch, oder?“ „Und diese schöne Umgebung hier aufgeben?“ Während die Leuchtstoffröhre flackerte und die nackten Betonwände noch trostloser erscheinen ließ, seufzte Sam und sah sie skeptisch an. Was für eine Frage. Natürlich fehlte ihr der Außendienst. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging davon. Sie arbeitete seit einem Jahr in der Asservaten­kammer. Niemand hatte damit gerechnet, dass die junge, vielver­sprechende Polizistin mit Spezialgebiet Sprengstoffentschärfung hier unten landen würde. Man sagte ihr nach, sie wäre etwas eigen, ruppig im Umgang mit den anderen. Sollten sie, auf die Meinung anderer gab sie nicht viel, aber der Gedanke daran entlockte ihr ein Schmunzeln. Schon komisch. Ja, sie war eine Einzelgängerin, aber was sollte man machen, wenn man schon beim ersten Handschlag wusste, was das Gegenüber für einen parat hatte? Besser, man galt als eigen und unnahbar, als durchgeknallt und irre. Schadensbegrenzung, so nannte sie das. Ein dickes Fell war in dem Job überlebenswichtig. Die meisten Kollegen waren Männer, dumme Sprüche und Machtkämpfe an der Tagesordnung. Der beste Schutz gegen so was war, einen guten Job zu machen. Und das hatte sie mehr als ein Mal bewiesen. Sie hatte sich an Bomben getraut, bei denen selbst lang dienende Kollegen die Flucht ergriffen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich alles ändern sollte. Sie wurde zu einer Geiselnahme gerufen. Ein Mann war Amok gelaufen, er wollte sich an seiner Exfrau rächen. Bis an die Zähne bewaffnet, rannte er in das ehemalige gemeinsame Haus des Paares und nahm insgesamt vier Geiseln. Seine Exfrau, deren beste Freundin und die zwei Kinder. Als Lou zum Einsatzort kam, waren schon vier Spezialkommandos vor Ort. Ein Polizeipsychologe versuchte, den aggressiven Mann zum Aufgeben zu überreden. Doch das Einzige, worauf er sich einließ, war, seinen jüngsten Sohn freizulassen. Daraufhin war er mit drei Frauen allein im Haus. Lou hatte die Szenerie zehn Minuten beobachtet und instinktiv gewusst, dass die Geiselnahme niemals ohne Blutvergießen enden würde. Dafür war der Hass gegen die Frauen zu groß. Nachdem sie die Fesseln des freigelassenen Jungen berührt hatte, waren nicht nur ihre Vermutungen bestätigt, ihr wurde auch klar, dass es noch schlimmer war. In der Berührung sah sie alles. Die Schläge, die Wut im Gesicht des Mannes und Sprengstoff. Er hatte nicht nur Waffen im Haus, er wollte die ganze Hütte in die Luft jagen. Sie musste sofort handeln. Leider konnte der Junge die Existenz der Bombe nicht bestätigen. Und sie konnte den anderen Polizisten nicht von ihrer eigenartigen Fähigkeit erzählen. Wer hätte ihr geglaubt? Trotzdem versuchte sie, den Einsatzleiter zum Stürmen zu überreden, doch die Diskussion brachte rein gar nichts. Die Zeit drängte, eine Explosion hätte nicht nur die Geiseln im Haus getötet, sondern auch viele Polizisten außerhalb verletzt. Sie konnte nicht länger warten und rannte in das Haus. Der Geiselnehmer nahm sie sofort aufs Korn, aber sie war schneller, schoss ihm in den Fuß, nahm ihm das Gewehr ab und rannte in die Küche. In der Spüle lag eine dilettantisch zusammen­gebaute Bombe mit improvisiertem Zünder. Zwanzig Sekunden vor der Detonation hatte sie die Bombe entschärft. Doch mit dem Alleingang hatte sie sich den direkten Anweisungen eines ranghöheren Vorgesetzten widersetzt. Es war verrückt, die Bürokratie siegte. Wie viele Leben gerettet worden waren, schien nicht von Belang zu sein. Ihr Chief war stinksauer, als sie ihm ihr Verhalten nicht einmal begründen konnte. Strafe musste sein. Nach diesem Einsatz landete sie in der Asservatenkammer, talentiert oder nicht. Es war zum Verrücktwerden. „Was hat der Schönling gebracht?“, fragte Peter, abschätzig wie immer. Lou kannte sonst niemanden, der so wenig sprechen konnte und dessen Gesicht doch so viel verriet. „Nur Kleinigkeiten.“ „Hat er sich wieder die Lippen geleckt?“ Wie bitte? Sie blieb stehen und sah ihn fragend an. „Du weißt schon, immer wenn er dich ansieht, leckt er sich über die Lippen, wie eine Schlange.“ Tat er das? Sie zuckte die Schultern, das war ihr nicht aufgefallen, sie nahm Sam nicht wirklich ernst. Es wirkte, als ob er den Job nur des Prestiges wegen machte oder weil sein Vater schon Cop gewesen war und es von seinem Sohn erwartete. Sie hatte für diesen Job gebrannt, sich die Finger schmutzig gemacht. Nicht wegen der Anerkennung oder einer sicheren Rente, sie liebte das Adrenalin, die Kameradschaft und den harten körperlichen Einsatz. Irgendwie war diese Leidenschaft bei Sam nicht spürbar. Vor zwei Jahren war er ihr Partner beim Kickboxtraining gewesen, schon da spiegelte es seine Art zu kämpfen wider. Es gab diejenigen, die forderten, in den Kampf gingen, nicht nur mit Kraft und Muskeln, sondern mit Kopf und Herz. Sam boxte nicht schlecht, aber man spürte keine Emotion, da war keine Begeisterung. Eher nutzte er Schwächen seines Gegners, um seine eigenen zu überdecken. Das war kein gemeinsames Training, sondern eine Sam-Show. Dass er in ihrer Nähe nervös wurde oder sie vielleicht sogar lecker fand, kümmerte sie wenig. Sie packte die Beweismittel in einen kleinen Karton und schob sie resigniert in ein überfülltes Regal. Danach reckte sie sich müde und legte ihre Füße in den schwarzen Stiefeln demonstrativ auf den Tisch. Noch eine Stunde bis zum Feierabend. Peter steckte sich eine Gabel chinesischer Nudeln in den Mund und zwinkerte ihr zu. „Mensch, hau ab. Es reicht, wenn sich einer in diesem gottverlassenen Keller den Arsch platt sitzt.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und schwang ihre Stiefel vom Tisch. Sie nickte Peter zum Abschied kurz zu und schnappte sich ihren Schlüssel. In der Garage setzte sie den Helm auf und kämpfte wie immer mit ihren widerspenstigen schwarzen Haaren, die, auch wenn sie zum Zopf gebunden waren, immer noch schwer über ihren Schultern herabhingen. Das Motorrad bedeutete ihr viel, es war der Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit. Bewusst hatte sie sich für diese wuchtige Kawasaki entschieden, sie war rasend schnell und gefährlich. Sie schoss los und genoss den kurzen Trip zu ihrer Wohnung in Brooklyn. Die alte Fabriketage, in der sie lebte, war ganz nach ihrem Geschmack. Dort gab es keine Wände, keine Einschränkungen, nur zweckmäßige Dinge. Nichts, was sie an diesen Ort gebunden oder sie zu irgendwas verpflichtet hätte. Sie zog ihre Trainingsklamotten an und tauschte die schweren Stiefel gegen Laufschuhe. Seit sie in der Asservatenkammer arbeitete, brauchte sie diesen Ausgleich noch nötiger als früher. Das Laufen beruhigte sie, hielt sie fit, machte den Kopf frei und verband Körper und Geist zu einer Einheit. Es gab ihr das Gefühl, wirklich bei sich zu sein. Sie konzentrierte sich auf ihren gleichmäßigen Atem und versuchte, loszulassen. Damit hatte sie schon immer Probleme gehabt. Jeden Fall betrachtete sie als persönliche Herausforderung. Die Frage, warum Menschen grausame Dinge taten, stellte sie sich schon lange nicht mehr. Es lag in der Natur des Menschen. Punkt. Sie hatte kaltblütigen Mördern gegenübergesessen, die ihre Unschuld beteuerten. Aber nach einem Griff an deren Wasserglas hatte sie alles gesehen. Die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Wenn man diese Dinge zu nah an sich ranließ, fraß es einen auf. Man musste die Abscheu und den Hass vergessen, um solche Kandidaten zur Strecke zu bringen und selbst menschlich zu bleiben. Man brauchte einen verdammt guten Panzer. Der beste Schutz war die Vorbeugung, die anderen erst gar nicht so nah an sich herankommen zu lassen, dann konnte man auch nicht enttäuscht werden. So einfach war das. Verhaltenspsychologische Studien einsamer Wölfe beim abendlichen Training. Oje. Wieder mal musste sie über sich selbst den Kopf schütteln. Sie atmete die frische Luft tief ein und beschleunigte noch mehr auf den letzten Metern. Nach einer Stunde joggen war ihr Körper ausgepowert, und sie fühlte sich besser. Als sie wieder in die Wohnung zurückkam, zog sie die verschwitzten Sachen aus und ging sofort ins Badezimmer. Während das warme Wasser der Dusche beruhigend über ihr Gesicht lief, wurde ihr wieder einmal bewusst, wie sehr sie ihren Job geliebt hatte. Sie war schon immer sportlich, deshalb war die Aufnahmeprüfung der Polizei kein Problem gewesen. Die einzige Schwierigkeit waren die Männer, die sie wegen ihrer weiblichen Formen, ihrer vollen Lippen und ihrer langen Haare als Freiwild betrachtet hatten. Doch nach ein paar fehlgeschlagenen Anmachversuchen ließen sie die meisten in Ruhe. Nicht, dass es ihren Kolleginnen anders erging. Aber die meisten konnten irgendwie besser damit umgehen als sie. Als sie aus der Dusche kam, zog sie sich ein schwarzes Top über und hielt inne. Etwas stimmte nicht. Die Tür zum Bad hatte sie offen gelassen und das Licht nicht angemacht. Sie war nicht allein. Jemand war in der Wohnung. Verdammter Mist, wie konnte sie sich so überrumpeln lassen? Instinktiv tastete sie nach ihrem Gürtel – doch ihre Hand griff ins Leere. Sie verfluchte den Moment, als sie die Waffe nach ihrem Austritt aus dem aktiven Dienst hatte abgeben müssen. Aber sie war gut ausgebildet. Im Nahkampf unterschätzten sie die meisten Gegner. Außerdem war das ihr Terrain. Sie war in keiner schlechten Position. Sie zog die Jeans über und band die nassen Haare zu einem Zopf. Wer zur Hölle brach hier ein? Noch bevor sie entschieden hatte, was sie mit dem verdammten Ein­dringling machen würde, ertönte eine durchdringende Männerstimme. „Es tut mir leid wegen der späten Störung, Miss Miller. Ich habe Ihnen ein Angebot zu machen, was mich zu diesem Handeln zwingt. Ich hoffe, Sie verstehen meine Situation und verzeihen mein Eindringen in Ihre Privat­sphäre.“ Ein Angebot? Seit wann hatte es die Mafia auf sie abgesehen? Spaß beiseite, das hier war mehr als unhöflich, es war alarmierend. Der Mann saß im Sessel und wartete. Er trug einen teuren, schwarzen Anzug. Das schüttere graue Haar war penibel gekämmt und seine kleinen Augen taxierten sie. Sein Gesicht war vom Leben gezeichnet. Sie musterte die tiefen Falten auf seiner Stirn. Es war sogar schlimmer als die Mafia, er sah aus wie der Inbegriff eines Bürokraten. Was wollte er? „Normalerweise bekomme ich keinen Besuch, und da Sie mir nicht bekannt sind, schätze ich, Sie müssen eine wirklich gute Geschichte liefern, damit ich Sie nicht rausschmeiße.“ „Hören Sie mir zu, Miss Miller. Danach können Sie urteilen. Ich kenne Ihren Lebenslauf und benötige Ihre Dienste. Verstehen Sie bitte, wenn ich mich in solch einer Angelegenheit nicht an die üblichen Regeln halte. Es scheint, dass Sie sich in Ihrer Einheit nicht gerade Freunde gemacht haben, denn über den Chief kam ich nicht an Sie heran. Es war tatsächlich äußerst schwierig, Sie außerhalb der Wache ausfindig zu machen. Also tun Sie mir und sich selbst den Gefallen und setzen Sie sich, damit ein alter Herr wie ich nicht ewig debattieren muss.“ Er trug keine erkennbare Waffe, und sie war sicher, dass er allein war. In Ordnung, das entspannte die Situation etwas. Sie schenkte sich ein Glas Scotch ein und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. „Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und dann verlassen Sie meine Wohnung.“ Trotz ihres ruppigen Tons lächelte er. „Mein Name ist Harold Lexington, ich bin der Chef eines inoffiziellen Aufräumkommandos der Regierung. Wenn es massiven Ärger gibt und unser Land in irgendeiner Weise darin verwickelt ist, komme ich mit meinen Mitarbeitern ins Spiel.“ Ein rumorendes Gefühl machte sich in ihrem Bauch breit. Sie wusste nicht, ob es daran lag, was er sagte oder wie er es sagte. Aber die Tonlage des Fremden gefiel ihr nicht. Der Mann drang in ihre Privatsphäre ein und zwang ihr ein Gespräch auf. All das waren keine guten Gründe, ihm weiter zuzuhören. Seinem Anzug nach zu urteilen, war er ein hohes Tier. Was zur Hölle meinte er mit Aufräumkommando der Regierung? Sie konnten sie ja schlecht für eine Attentäterin halten. Er wollte irgendwas von ihr. Als hätte er ihre Gedanken erraten, veränderte er seine Position und beugte sich vor. „Ich bin beauftragt worden, ein Team zusammenzustellen. Es handelt sich um eine spezielle Gruppe, bestehend aus ausgewählten Personen, die durch besondere Leistungen aufgefallen sind. Und da Sie seit dieser Geiselnahme vor einem Jahr als schwieriger Fall eingestuft, aber sehr talentiert sind, möchte ich Sie gern dabei haben. Insgesamt habe ich bisher vier Agenten akquiriert. Sie wären eine enorme Bereicherung für das Team. Die korrekte Bezeichnung für die Einheit ist SGU.“ Um Zeit zu schinden, nahm sie einen großen Schluck Scotch. SGU, wofür zur Hölle stand diese Abkürzung? Bei verdeckten Operationen, gerade beim Militär, waren Decknamen oder Abkürzungen an der Tagesordnung. So etwas schützte die Identität der Agenten. Es mussten erlesene Kandidaten sein oder verdammt üble Einsätze, wenn das Team jetzt schon einen eigenen Codenamen bekam. Anscheinend war sie wirklich in einer guten Position. Erschreckend war allerdings, dass er ziemlich genau über sie Bescheid wusste. Er musste Einsicht in ihre Akte gehabt haben, das bekam nicht jeder ohne Weiteres. Von welchem Verein war er? Sie könnte ihm einfach sagen, sie sei nicht interessiert, und die Sache wäre gelaufen. Doch je länger sie darüber nachdachte, reizte sie irgendetwas an seinem Angebot und brachte sie dazu, ihm weiter zu zuhören. „Wir haben folgendes Problem: ein illegales Lager voll mit chemischen Waffen in den Händen der falschen Leute. Ein Politikum, denn wenn es um solche Fälle geht, möchte die Regierung ihre Hände in Unschuld waschen. Das bedeutet, wir brauchen ein verdecktes Kommando, das sich schnell um die Sache kümmert und gewissen Leuten die Suppe versalzt. Danach hat diese Operation offiziell niemals stattgefunden.“ Wenn er ihr Informationen gab, bedeutete das entweder, er war sich verdammt sicher, oder bereit, dafür zu sorgen, dass sie im Falle einer Ablehnung nicht mehr in der Lage sein würde, etwas über dieses heikle Projekt oder dieses mysteriöse SGU-Team preiszugeben. Er seufzte. „Ich weiß, wer Sie sind, Lou. Sie arbeiten im Archiv, weil Sie nicht gegen Ihre Prinzipien handeln wollten. Ich biete Ihnen keinen Job, sehen Sie es als Möglichkeit. Die Option, Ihr Leben zu ändern.“ Jetzt spielte er die väterliche Karte aus und ließ sich zu einem abgeklärten Lächeln hinreißen. Mitten in ihrem Wohnzimmer saß ein älterer, gut gekleideter Mann, der ihr einen mysteriösen Job anbot. Das war die eine Sache, so komisch es auch war, damit konnte sie leben. Außergewöhnliche Vorfälle begleiteten sie bereits ihr ganzes Leben lang, sie selbst war ein eigenartiges Exemplar. Doch wenn es eine Sache gab, die sie hasste, dann die, wenn andere überheblich waren oder so taten, als würden sie wissen, was gut für sie sei. Schon sein Tonfall ließ sie in eine innere Abwehrhaltung gehen. Ob er recht hatte oder nicht, spielte keine Rolle. „Mir ist bewusst, dass Sie diese Informationen schön säuberlich verpackt an mich verkaufen wollen. Trotzdem schleichen Sie sich in meine Wohnung und tun so, als würden Sie mich kennen. Aber Sie haben keine Ahnung von meinem Leben.“ Der alte Mann zog die Stirn in Falten. „Ich dachte mir schon, dass Sie so reagieren würden.“ Er öffnete einen Aktenkoffer und zog einen Stapel Papiere heraus. Auf jedes Schriftstück war eine kodierte Nummer gedruckt, achtstellig. Diese Art der Kodierung hatte sie schon einmal gesehen. Als ihre Einheit bei einem Mordfall mit der CIA kooperiert hatte. Das war interessant, er kam also von der CIA oder von einer anderen Agency, sonst wäre er nie an solche Akten gekommen. In ihren Fingern kribbelte es. Ein Gefühl, das sie vermisst hatte, regte sich. „Ich habe hier vier Akten. Ich werde sie auf dem Tisch liegenlassen, und ich weiß, dass Sie sie lesen werden. Wenn Sie die Dokumente durchgesehen haben, werde ich Sie finden, Miss Miller.“ Er erhob sich schneller, als sie es von einem älteren Herrn erwartet hätte. „Sie müssen mich nicht hinaus­begleiten, ich habe Ihre Geduld lange genug strapaziert, sehen Sie es mir bitte nach.“ Er ging mit schnellen Schritten Richtung Tür und hielt noch einen Moment inne. „Eine letzte Sache noch. Alle Agenten, die ich akquiriert habe, sind Spezialisten mit der ein oder anderen sehr nützlichen Gabe.“ Das Wort Gabe verhallte in einer effektvoll betonten Pause. O Gott, fast wäre ihr Herz stehen geblieben. „Deshalb auch SGU, es steht für Special Gifted Unit.“ Und schon war er verschwunden. Tief Luft holen. Beinahe wären ihr die Beine weggesackt. Seine Worte und die Art, wie er sie ausgesprochen hatte, waren reines Kalkül gewesen. Ein klarer Appell an ihre Neugier. Und genau diese Wirkung hatte er auch erzielt. Er war in ihre Privatsphäre eingedrungen und hatte ihr damit als Erstes gezeigt, wozu er in der Lage war, nämlich, Grenzen zu überschreiten. Ein Machtschauspiel. Danach hatte er versucht, eine Verbundenheit zu signali­sieren, nur um sie am Schluss verwirrt stehen zu lassen. Bei den letzten Worten hatte er sie nicht einmal mehr angesehen, als wüsste er schon von vornherein, was diese Sätze bei ihr auslösen würden. Scheiße, dass so was bei ihr funktionierte, war schockierend. Special Gifted Unit? Eine begabte Einheit? Was sollte das bedeuten? Und was zur Hölle wusste er über sie? Sie sträubte sich dagegen, für ihre Eigenschaft das Wort Gabe zu verwenden. Das klang wie ein Geschenk oder ein Talent, aber es war ein Fluch. Woher hatte er seine Informationen? Sie hatte immer darauf geachtet, nicht aufzufallen. Deshalb trug sie Handschuhe, damit sie ihre Flashbacks kontrollieren konnte und niemand sich über sie wunderte. Vollkommen normal für eine Motorradfahrerin. Und sogar bei der Arbeit mit Sprengstoff war das eine sinnvolle Geschichte, kein Mensch hatte sie jemals darauf angesprochen. Was wusste er? Nachdem sie sich einen zweiten Drink eingeschenkt hatte, musterte sie aus sicherer Distanz die Unterlagen, die er zurückgelassen hatte. Die CIA also. Zumindest kamen die Akten von dort. Es nervte sie, wie selbstbewusst er sie geködert hatte und vor allem, dass es ihm gelungen war. Der Gedanke, für einen Fremden berechenbar zu sein, war nicht gerade beruhigend. Aber sie musste einfach wissen, was er gemeint hatte. Eigentlich war sie nicht neugierig, aber – ach, verdammt. Sie setzte sich auf den Boden und nahm sich die Agenten-Akten vor. Alle waren mit dem offiziellen Wasserzeichen versehen, sie wirkten authentisch, ohne Zweifel. Die erste Akte handelte von einem Halbindianer namens Lukas Maska. Er hatte sich durch kleine Verbrechen einen Namen in einer Gangsterorganisation gemacht. Falschspielen, Betrug und so weiter. Das FBI hatte ihn als verdeckten Ermittler eingesetzt, dabei hatte er sich als überaus talentiert erwiesen, auch wenn sein Verhalten nicht gerade der Form entsprach. Ein negativer Akteneintrag und ein Disziplinarverfahren entlarv­ten ihn als Systemrebellen, der die Aufträge lieber durchzog, als auf das polizeiliche Protokoll zu beharren. Ein Fall war ihr sogar bekannt: Damals war eine Drogenküche in Schutt und Asche gelegt worden, nachdem die Betreiber des Drogenkartells schon überführt worden waren. Die Staatsan­waltschaft hatte getobt, obwohl die Beweismittel längst ausgereicht hatten. Dieser Lukas schien keine halben Sachen zu machen. Ein Foto zeigte einen smarten, charismatischen Typ, mit dunklen Haaren und grünen Augen. Und trotz des Veilchens am rechten Auge hatte er ein offenes Lachen. Damit hatte er seine Gegner und die meisten Frauen wahrscheinlich gut im Griff. Die nächste Akte war die einer Frau namens Jules Pelting, geborene Kudrow. Spezialisiert auf Nahkampf und mit einer Vorliebe für alles, was eine Klinge hatte. Sie war nach dem Tod ihrer Eltern von einer Zirkusfamilie adoptiert worden. Ihre gesamte Kindheit war sie gereist und in der Manege aufgetreten. Später hatte sie zahlreiche Medaillen in Fechtturnieren erkämpft. Lou konnte sich ihre Lebensgeschichte bildlich ausmalen. Das Foto zeigte eine attraktive, junge Frau, Ende zwanzig, blond und zierlich. Sie machte einen zerbrechlichen und unschuldigen Eindruck, hatte große blaue Augen, und doch konnte man etwas, das genau dem Gegenteil entsprach, in ihrer Miene erkennen. Die unschuldige Ausstrahlung hatte sich die junge Frau sicher sehr früh zunutze gemacht. Das dritte Profil zeigte einen blonden Mann mit Dreitagebart. Sein Name war Emmet Carter. Ein ehemaliger Elitesoldat, groß und extrem kampf­erfahren, mit den besten Zeugnissen. Ebenso wie Lou hatte er sich falsche, aber mächtige Feinde gemacht. Sie las einen Eintrag, der darauf schließen ließ, dass er sogar einen Vorgesetzten angegriffen hatte. Damals war er Mitglied eines legendären Teams der Navy Seals gewesen, das an einer Operation in Somalia beteiligt gewesen war. Mr. Carter weigerte sich, einen oppositionellen Freiheitskämpfer in ein staatliches Gefängnis zu überführen. Natürlich tat er das, schließlich kam so eine Order dem Todesurteil für den Mann gleich. Warum auch immer sich das Militär auf so einen politischen Deal eingelassen hatte, die Entscheidung war falsch. Emmet brachte den Mann im Schutz der Botschaft unter und zog so durch seine Befehlsver­weigerung den Hass seines Vorgesetzten auf sich. Sie musste schmunzeln, denn sie fand dieses Detail sympathisch. Die vierte Akte war die eigenartigste. Sie handelte von einem Mann namens Elias. Weder ein Nachname noch ein Foto war beigefügt. Eigenartig. Doch er hatte den Zusatz Special Cases. Das bedeutete, dass er nicht nur in der Lage war zu töten, sondern sich diesen Status schon durch diverse Taten erworben haben musste. Ein Schauder lief ihr eisig den Rücken hinunter. Wenn es einen Kandidaten in den Akten der SGU gab, der sie in Unruhe versetzte, dann dieser. Er schien der mysteriöse Unbekannte im Team zu sein. Ein Mann mit einer Vergangenheit, die nicht einmal von der CIA dokumentiert wurde, war erstens geheimnisvoll und zweitens verdammt gefährlich. Mehr konnte sie den spärlichen Aufzeichnungen nicht entnehmen. Obwohl alle Dokumente nur Auszüge der persönlichen Akten zeigten, war Elias’ Akte mit Abstand die rätselhafteste. Sie fröstelte und zog sich eine Decke um die Schultern. Das war es also, das geheimnisvolle Team SGU. Jeder einzelne Agent schien einzigartig. Ein Ex Navy Seal, ein Undercover Spezialist, eine Elitekämpferin und ein Mann mit dem Zusatz Special Cases. Eine besondere Einheit, ganz klar. Aber inwiefern begabt? Lexington hatte einen Köder ausgeworfen. Anbeißen, oder nicht, das war die Frage. Am nächsten Morgen war ihr Bauchgefühl eindeutig. Sie war neugierig geworden. Der Job reizte sie. Wenn es stimmte, dass jeder im Team beson­dere Fähigkeiten hatte, dann würde sie vielleicht endlich Antworten be­kommen. Was, wenn sie nicht die Einzige war, die mit einem Fluch zu kämpfen hatte? Peter hatte verwundert auf den Anruf reagiert. Sie hatte sich noch nie krankgemeldet, aber er gab ihr ohne zu zögern den Tag frei. Damit hatte sie sich noch ein wenig Bedenkzeit verschafft. Bevor sie bereit war, ihr Leben komplett umzukrempeln, musste sie das Team persönlich kennenlernen. Erst dann wollte sie sich endgültig entscheiden. Nachdem sie ein paar Kleinigkeiten gepackt hatte, schwang sie sich auf die Kawasaki und fuhr nach Long Beach ans Meer. Dort setzte sie sich in den kühlen Sand und atmete tief durch. Es beruhigte, etwas so Mächtiges und Unberechenbares zu beobachten. Sie liebte das Meer. Die Gischt wirbelte Wassertropfen in den Wind und ließ einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen zurück. Sie wartete. Er hatte gesagt, dass er sie finden würde, und sie wusste, dass er kommen würde. Dumpfe Schritte näherten sich, bis seine Stimme hinter ihr ertönte. „Miss Miller, da Sie sich heute krankgemeldet haben, nehme ich an, dass Sie meinen Vorschlag überdacht haben und mein Angebot in Betracht ziehen?“ Damit bestätigte sich ihre Vermutung. Ihr Handy. So hatte er sie schnell hier draußen orten können und auch ihr Telefonat mit Peter abgehört. Die Jungs waren schnell, das musste man ihnen lassen. „Für wen genau arbeiten Sie?“ „Sie spielen sicher auf das Emblem an, das auf den Akten zu sehen ist. Sehen Sie, die Intelligence Community, genannt IC, unterhält mehr als sechzehn verschiedene Dienststellen. Der CIA ist nur einer, mit dem wir ab und zu kooperieren. Wie gesagt, offiziell existiert unsere Abteilung nicht. Das muss Ihnen vorerst als Erklärung reichen.“ Es reichte ihr ganz und gar nicht, aber bevor sie Einspruch einlegen konnte, hielt er ihr ein Stück Papier entgegen. „Ich habe mir erlaubt, das für Sie vorzubereiten.“ Lou nahm den Zettel und las ihre eigene fristlose Kündigung. „Sie müssen nur unterschreiben. Die restliche Prozedur übernehme ich. Um Geld müssen Sie sich keine Sorgen machen, meine Abteilung weiß ihre Agenten sehr zu schätzen.“ Er bot ihr einen Kugelschreiber an. Das war verrückt, irgendwie fühlte es sich an, als würde sie ihre Seele verkaufen, ohne Informationen zu be­kommen. Sie steckte die Kündigung in die Tasche. „Ich werde das nicht unterschreiben, bevor ich nicht das restliche Team kennengelernt habe und Sie mir gesagt haben, was der Job beinhaltet. Ich fahre Ihnen nach.“ „Bis zu unserem Treffpunkt mit dem Team können Sie gern Ihr eigenes Gefährt benutzen, aber ich denke, zu Ihrem ersten Einsatz müssen Sie ein Flugzeug nehmen.“ Wo zur Hölle wollte er sie hinschleppen? Es war windig, und der Himmel hatte sich noch nicht klar gezeigt. Sie brauchte noch etwas Zeit, um die Frage zu stellen, die ihr nachts immer wieder durch den Kopf gegangen war. „Weshalb begabte Einheit? Was genau meinten Sie mit Gabe?“ Sie konzentrierte sich auf seine Stimme. Jede kleine Nuance darin war wichtig. Jede Unsicherheit, die auf eine Lüge hindeuten könnte. „Ich möchte, dass die anderen es Ihnen persönlich erklären. Bei Ihnen war mir nach der Durchsicht der Aufzeichnungen der verschiedenen Heime, in denen Sie als Kind untergebracht waren, und den Vorfällen, die Sie dort miterlebt haben, ziemlich schnell klar, was los ist. Sehen Sie, ich habe in meinem Beruf schon viele eigenartige Menschen getroffen. Ich sage nur, in diesem Team wären Sie mit Ihren Eigenschaften nicht allein.“ Es schockierte sie nicht, dass er über ihre Kindheit sprach. Im Gegenteil, es fühlte sich gut an, wie schnell er ihre Vergangenheit abhandelte. Normaler­weise sah jeder in ihr die Schuldige, das rebellische Mädchen, das nicht imstande war, zwischenmenschliche Kontakte zu knüpfen, unterschwellig aggressiv und launisch. Den Menschen war nicht bewusst, wie viel Kraft es sie schon in jungen Jahren gekostet hatte, eine Person überhaupt zu berühren, ohne von deren Eindrücken regelrecht bombardiert zu werden. Es war zu viel für sie gewesen, zu viele Impressionen, zu viele unterschiedliche Gefühle. Vor allem zu viel Schmerz. Erst später hatte sie gelernt, ihre innere Barriere zu trainieren und es sich zur Gewohnheit gemacht, Handschuhe zu tragen. Das Problem waren eher ihre abweisende Art und ihr scheues Wesen. Die Vergangenheit hatte deutliche Spuren hinterlassen, doch inzwischen hatte sie ihren Fluch ganz gut im Griff. Zumindest konnte sie entscheiden, ab welchem Zeitpunkt sie die vergangenen Ereignisse erleben wollte und wann Schluss damit war. Lexington dachte wohl, sie würde sich ein paar Gleichgesinnte wünschen, er wählte die Worte nicht allein. Er konnte nicht wissen, dass sie eben genau dieses Leben schätzen gelernt hatte. Ob ihm klar war, wie viele Menschen es gab, die sich nicht so gaben, wie sie wirklich waren, und die grausame Dinge taten, die niemals ans Licht kamen? Nicht allein. Was bedeutete das schon. Klar, irgendwo in ihrem Inneren gab es diese Sehnsucht. Den Wunsch, kein Freak zu sein, den Fluch in eine Fähigkeit wandeln zu können. Etwas mit anderen teilen zu können, ohne Handschuhe. Gleichgesinnte zu finden, vor denen man keine Geheimnisse haben musste. Lexington zu folgen bedeutete, diese Sehnsucht zuzugeben. Ihm, aber auch ihr selbst gegenüber. Sie atmete tief durch, stand auf und nickte ihm zu. Nachdem sie quer durch die Stadt gefahren waren, erreichten sie ein Industriegebiet in Queens. An einem alten Stahlwerk bogen sie in den Hinterhof ein. Kein Mensch weit und breit. Wenn sie hier auf die SGU treffen sollte, hatte sie gute Fluchtmöglichkeiten, falls ihr die Sache nicht gefallen sollte. Sie parkte die Maschine in kurzer Distanz zu Lexingtons Wagen. „Folgen Sie mir, Miss Miller. Man erwartet uns bereits.“ Lexington ging vor, es war gut, ihn nicht im Rücken zu haben, während sie ihm in die alte Lagerhalle folgte. Die schwere Eisentür fiel hinter ihnen zu und sandte einen scheppernden Hall durch das große Gebäude. Das Ding war riesig. Eine tiefe, schleppende Stimme ertönte. „Das nenne ich Begleitservice, Chief. Wen haben Sie uns denn da in unsere bescheidenen Hallen geführt? Frischfleisch, und noch dazu so attraktiv.“ Ohne Zweifel, das war Lukas Maska. Er lehnte mit einem breiten Grinsen und verschränkten Armen locker an der Wand hinter der Tür. Hätte er nicht dieses verschmitzte Lächeln auf seinem Gesicht gehabt, wäre sie in Alarmbereitschaft gewesen. Er war groß und muskulös gebaut. Keiner, mit dem man sich gern in dunklen Lagerhallen trifft. „Nette Maschine, Süße. Damit musst du mich bei Gelegenheit mal fahren lassen.“ Seine Stimme hatte einen entwaffnenden Unterton, und er musterte sie in einer Weise, die sie verunsicherte. Sein wacher Blick schien sie zu durchleuchten. „Diese Gelegenheit wird es nicht geben, und wenn du mich noch mal Süße nennst, wirst du dich nicht länger auf irgendein Gefährt setzen können.“ Lukas lachte auf und schlenderte galant an ihr vorbei. „Gut gekontert, lass dich von seinem Lächeln bloß nicht einwickeln.“ Das musste Jules Pelting sein. Ihre Stimme klang angenehm ruhig, freundlich und hörte sich so an, als wäre sie noch mindestens hundert Meter entfernt, doch plötzlich kam die junge Frau direkt auf Lou zu und griff nach ihrer Hand. Mit einer so schnellen Bewegung hatte sie nicht gerechnet. Wie hatte sie das gemacht? Sie trug zwar Handschuhe, zog es aber vor, erstmal körperliche Distanz zu wahren, bis sie ihr Gegenüber einschätzen konnte. Die zierliche Blondine nahm sofort ein wenig Abstand, als hätte sie Lous kleine Unsicherheit augenblicklich bemerkt, und lächelte sie an, als wäre nichts gewesen. „Hey, ich bin Jules, schön, dich kennenzulernen. Endlich bin ich nicht mehr die Einzige, die sich mit den Testosteronmonstern rumschlagen muss.“ Es war ein ehrliches Lächeln, das ihre großen blauen Augen erreichte und Lou etwas Nervosität nahm. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, drehte sich Jules zu Lexington und begrüßte ihn freundlich. Dabei bewegte sie sich fast tänzerisch und äußerst schnell. Das konnte kein natürliches Training hervorrufen. Ihr ganzer Organismus schien auf jeden Reiz von außen zu reagieren und dann in einer eindeutigen Körpersprache zu spiegeln, trotzdem waren die Bewegungen fließend und geschmeidig. Wie bei einer Katze. Unfassbar, obwohl ihre Bewegungen ungewohnt waren, fühlte sich ihre Nähe angenehm an. Gerade stand sie noch da, doch schon verhallte ihre Stimme an diesem Ort. Sie war gegenwärtig und doch suchte man sie, als wäre man von Sinneswellen umgeben. „Emmet und Scar ist euer Kommen nicht entgangen, sie warten im Studio.“ Okay, Konzentration. Es war schwierig, die Faszination für Jules’ Bewe­gungsabläufe abzuschütteln, aber da fehlten noch zwei Kandidaten der SGU, und es war besser, auf der Hut zu bleiben. Lukas und Jules gingen vor, und Lexington bildete hinter Lou die Nachhut. Jetzt also doch die gute alte Schule. So war ihr ein möglicher Fluchtweg versperrt. Der Raum, den Jules als Studio bezeichnet hatte, war ein kleiner Hinterraum des Lagers, der mit diversen Computern und ein paar anderen technischen Spielereien ausgestattet war. Ein blonder Mann saß an einem Computer und drehte sich auf dem Stuhl um, als die Gruppe den Raum betrat. „Hallo, ich bin Emmet Carter, Jules und Lukas hast du ja schon kennengelernt. Wir hätten dir gern einen schöneren Empfang bereitet, aber Lexington hatte es eilig.“ Sie hatte sich den ehemaligen SEAL kleiner vorgestellt. Als er vom Stuhl aufstand, wurde ihr bewusst, wie riesig und muskulös er war. Schon rein körperlich hatte Lou Respekt. Dazu kam noch, dass er eine extrem ruhige Ausstrahlung hatte. Wie ein Fels in der Brandung. Er wirkte aufgeschlossen und war sogar aufgestanden, um sie zu begrüßen. Das war nicht nur höflich, sondern zeigte auch, dass er sie mit Wertschätzung behandelte. Angenehm, sie fühlte sich, obwohl sie es nicht wollte, immer wohler. Das Team schien eine perfekte Mischung zu sein. Wie beim Sprengstoff. Alle Komponenten wirkten perfekt aufeinander abgestimmt. Nur der Funke fehlte. „Es tut mir leid, dass ihr nicht mehr Zeit habt, euch kennenzulernen, aber morgen früh steht eine Maschine bereit, wir brauchen euch möglichst schnell am Zielort.“ Lexington wirkte zum ersten Mal unsicher. Neben diesen Agenten ging er ein wenig unter und wirkte wie ein wohlwollender Großvater. Auch wenn sie alle Anwesenden spannend fand, gefiel ihr die Vorstellung nicht, am nächsten Morgen mit einem fremden Team in eine Extremsituation aufzubrechen. Was oder wo es auch immer sein sollte. Vorsicht war besser als Nachsicht. Langsam sondierte sie die Lage und versuchte, das Fenster zu finden, unter dem die Kawa stand. Sie hatte sie nördlich geparkt, und da sie sich noch im Erdgeschoss befanden, müsste sie nicht einmal einen großen Sprung in Kauf nehmen. „Das würde ich nicht tun.“ Ein tiefes Flüstern, getränkt von einem dunklen Timbre drang durch den Raum. Es kam aus der rechten Ecke, dort war es finster, es war wie ein toter Winkel. Der perfekte Ort, wenn man unerkannt bleiben wollte. Wie hatte sie das übersehen können? Verdammt noch mal, wo war ihre Aufmerksamkeit, ihr Instinkt für Gefahr? Das war der bestgeschützte Platz im Raum und sie hatte ihn nicht einmal bemerkt. „Ich weiß, wo die Maschine steht und ich rate dir, es noch einmal zu überdenken. Du würdest den Kürzeren ziehen.“ Verflucht. Sie war es nicht gewohnt, durchschaut zu werden, noch dazu klang die Stimme gefährlich. Und auf Drohungen reagierte sie immer mit einer inneren Kampfhaltung. Was auch immer gerade in der Luft lag, versetzte sie in Aufruhr. „Scar, beunruhige unseren Gast nicht, sondern stell dich angemessen vor.“ Emmet tadelte ihn mit einem Grinsen. Der Mann blieb die Ruhe selbst. Eigentlich ermutigend, doch das Gefühl wollte sich so gar nicht einstellen. Allein der Klang dieser fremden Stimme schärfte ihre Konzentration und ließ sie den Atem anhalten. Ein eisiger Schauder stahl sich über ihren Rücken und ließ ihren Körper frösteln, obwohl die Atmosphäre zu glühen schien. Aus der Ecke löste sich ein dunkler Schatten, der sich auf sie zubewegte. Ihr war aufgefallen, dass der geheimnisvolle Mann mit dem Namen Elias in der Gruppe fehlte, den Namen Scar hatte sie bislang nicht auf dem Schirm. Es musste sich um ein und dieselbe Person handeln. Sie betrachtete den großen Schatten, der sie in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Die SGU-Akte kam ihr wieder in den Sinn, kein Nachname, kein Foto, aber der Zusatz Special Cases. Als seine Gestalt ins Licht trat, wusste sie, warum sich dieser Mann im Dunkeln aufhielt. Er hatte eine erschreckende Präsenz. Düster, dunkel, eine undurchdringliche Ausstrahlung. Ein Gesicht, das aus zwei Hälften bestand, die unterschiedlicher nicht sein konnten. So markant, männlich und makellos die eine Hälfte war, so vernarbt war die andere. Unvorstellbar, welche Waffe die Wucht haben konnte, so einen immensen Schaden anzurichten. Sie schluckte, wollte sich aber nicht abschrecken lassen und sah ihm in die Augen. Schwarz wie die Nacht funkelten sie zurück, doch sie gab nicht nach. Er hatte sie überrumpelt und wollte sie offensichtlich aus dem Gleichgewicht bringen. Oder sie erschrecken. Das war ihm im ersten Moment auch gelungen, doch diesen Kampf würde sie gewinnen. Gleich zu Anfang musste klar sein, was ging und was nicht. Seine Augen glühten, als bestünden sie aus todbringender schwarzer Lava. Für eine gefühlte Ewigkeit bohrte sich sein Blick in ihre Augen. Unglaublich intensiv. Seine rechte Gesichtshälfte war zwar vernarbt, doch seine Haare, schwarz wie die Nacht, waren nicht betroffen. Es sah fast so aus, als hätte er sich einer Explosion zugewandt – mit fatalen Konsequenzen. Dünne, weiße Linien zogen sich wie ein Netz über die Haut, immer wieder durchbrochen von Furchen. Kein klares Muster erkennbar, demnach konnten es keine Schnitt­verletzungen sein. Sie vermutete Brandnarben. Aber trotz der unzähligen Male konnte man nicht behaupten, er sei unattraktiv. Eine Narbe zog sich über seine Oberlippe, betonte deren markanten Schwung und ließ seinen Mund verrucht aussehen. Ansonsten hatte er ebenmäßige Züge, ein männliches Kinn, die Haare trug er an den Seiten kurz und oben etwas länger. Die Komposition wurde nicht durch die Entstellungen gestört, sondern durch die finstere Ausstrahlung und die Ablehnung in seinen Augen. Wie konnte ein einzelner Mann eine solche Kälte ausstrahlen? Jules trat vor, trennte den Blickkontakt und zog Lous Aufmerksamkeit auf sich. „Genug der Begrüßung. Komm schon, ich führe dich kurz herum. Auch wenn wir die meiste Zeit unterwegs sind, hat jeder von uns einen Raum. Man kann es nicht Zuhause schimpfen, aber man hat ein wenig Privatsphäre.“ Noch bevor sie Einspruch erheben konnte, nahm Jules ihr Handgelenk. Wieder waren da diese unglaublich schnellen Reflexe der Blondine. Wie konnte sich jemand nur so schnell bewegen? Gespenstisch. Nachdem sie ihre Hand aus dem Griff gewunden hatte, folgte sie Jules. Sie fühlte den Blick des gezeichneten Mannes im Rücken und brauchte ihre ganze Beherrschung, um sich wieder auf Jules zu konzentrieren. Normalerweise hasste sie Geplapper, aber bei ihr wirkte es ehrlich und erfrischend, auch wenn ihr sehr wohl bewusst war, dass diese spontane Zimmerführung nur ihrem Schutz diente. Damit Scar nicht noch unhöflicher wurde. „Das ist mein Zimmer, fühl dich wie zu Hause.“ Am Ende eines langen Korridors in der ersten Etage präsentierte Jules stolz einen kleinen Raum. Bis auf ein Bett und einen Schrank war in diesem Zimmer nichts normal. Eine Wand erinnerte an das Waffenarsenal der kompletten New Yorker Polizeidienststelle. Die Messer- und Schwert­sammlung war bemerkenswert. „Ich bin eine passionierte Sammlerin, viele davon sind Einzelstücke.“ Das war beeindruckend. Wenn sie die Akte nicht gelesen hätte, hätte sie gedacht, sie sei im Versteck eines verfluchten Attentäters gelandet. Jules nahm ein verziertes Schwert aus einer Halterung und drehte es liebevoll zwischen ihren Händen. Jede Bewegung spiegelte Ehrfurcht vor der Klinge, war präzise und unglaublich flink. Sicherlich war Jules mit jeder dieser Waffen ein todbringender Gegner. „Das hier ist aus Japan, eine Maßanfertigung. Lukas hat es mir geschenkt. Die Jungs wirken am Anfang etwas ruppig, aber das täuscht. Sie machen immer erst einen auf dicke Hose, das vergeht mit der Zeit.“ Grinsend warf sie sich mit dem Schwert auf das Bett und landete galant im Schneidersitz mit der Waffe auf ihren Beinen. Die geborene Artistin. „Ich habe gehört, du stehst auf Sprengstoff. Wie kommt’s?“ Lou suchte das Zimmer nach persönlichen Gegenständen ab, fand aber nur hier und da eine Kleinigkeit. Das Intimste schienen die diversen Messer, Schwerter und Degen zu sein. „Kleine Ursache, große Wirkung.“ Langsam entspannte sie sich. Über ihre Arbeit sprach sie gern, es erforderte weniger Feingefühl als zwischenmensch­liche Gespräche. „Aber ich bin besser darin, Bomben zu entschärfen, als zu bauen.“ „Das Zeug ist doch unberechenbar.“ Lou stand vor den Messern und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, und das war wirklich ein Ereignis, denn so viel gelächelt wie hier hatte sie wahrscheinlich im ganzen Jahr nicht. Doch jemandem mit dieser Zimmerausstattung beizubringen, dass ihr riskanter Beruf ihr mehr gab als Adrenalin, war schon etwas absurd. „Ich denke, ich habe ein gutes Händchen, was explosives Material angeht.“ Jules lachte auf. „Das hat man gesehen, du scheinst neue Heraus­forderungen anzuziehen. Scar ist sicherlich explosiv genug. Er ist manchmal etwas schroff, nimm es nicht persönlich.“ War er der fehlende Funke im Gemisch? Explosiv empfand sie ihn aller­dings nicht, eher geheimnisvoll. Seine dunklen Augen kamen ihr in den Sinn. Elias, sein Name hallte in ihren Gedanken nach. Das war sein richtiger Name. Und der klang viel schöner und weicher, sie mochte den Namen. Es nahm ihm diese Härte, die er aussandte, oder ausstrahlen wollte. „Warum nennt ihr ihn nicht bei seinem richtigen Namen?“ Jules blickte betreten auf das Schwert in ihrem Schoß und betrachtete die Spiegelung auf der Klinge. „Dir ist doch sein Gesicht nicht entgangen, oder? Und wenn du seine Persönlichkeit dazu addierst, ähnelt er Scarface schon ein wenig. Normalerweise spricht er kaum, bleibt für sich. Aber er ist der verdammt beste Scharfschütze, den ich kenne. Falls du mal Rückendeckung brauchst, ist er der Richtige. Ein Schuss, ein Treffer, keine Fehler. Und zwar schnell und sauber, ihm entgeht nichts. Ich würde meine Hand für jeden der Jungs ins Feuer legen, aber bilde dir deine Meinung selbst. Komm, ich zeig dir dein Zimmer. Es ist gegenüber vom Trainingsraum, der im Übrigen super ist. Es hat seine Vorteile, wenn man die Drecksarbeit für die Regierung macht.“ Wieder wechselte ihre Stimme unfassbar schnell die Richtung. Lou drehte sich um, doch Jules saß nicht mehr auf dem Bett, sie stand vor der Tür. Wie machte sie das? Im nächsten Geschoss befand sich Lous Raum. Ähnlich geschnitten wie Jules’ Zimmer, sogar die Ausstattung war beinahe gleich – bis auf die Messer­wand. Zusätzlich zu einem Bullauge über dem Bett gab es noch ein größeres Fenster, von dem man auf die angrenzende Bucht blicken konnte. Sie musste zugeben, hier konnte man sich wohlfühlen. „Befinden sich noch mehr Privaträume auf dieser Etage?“ „Nein. Emmet und Lukas sind wie ich in der ersten. Scars Zimmer liegt im letzten Stock. Ihr beide werdet euch nicht ins Gehege kommen, er bleibt gern für sich.“ Da hatten sie was gemeinsam. Als ihr Blick auf das Fensterbrett fiel, traute sie ihren Augen kaum. Da stand doch wahrhaftig eine Pflanze. Und nicht irgendeine, es war eine Orchidee. Herrschaftlich, mit großen, weißen Blüten, streckte sie sich zur Meerseite. „Was ist das?“ „Ein Geschenk, zum Willkommenheißen und so. Ich wollte, dass du etwas Schönes hast am ersten Tag in fremder Umgebung. Und weil ich deine Akte gelesen habe, schien mir eine Orchidee passend.“ Ach du meine Güte. Lou wusste nicht, ob sie schockierter darüber war, dass das Messermädchen sie mit Blumen willkommen hieß, oder dass sie dachte, zu ihrem Wesen würden Orchideen passen. Wie kam sie auf so eine Idee? Und was hatte Lexington eigentlich über sie preisgegeben? „Ich habe eure Akten gelesen, aber darin stand nicht alles, oder?“ Jules lächelte verschwörerisch. „Dann hast du sicher gelesen, dass Emmet ein ehemaliger Navy SEAL ist. Aber kein gewöhnlicher Mann, er war als Kind schon hochbegabt, sein IQ liegt ungefähr bei einhundert­fünfundsechzig. Und nicht nur dieser Aspekt macht ihn zu einem Genie. Sein fotografisches Gedächtnis ist auch ein Vorteil, er kann jede Information beschaffen, die wir brauchen. Er ist ein Stratege mit einer unglaublich schnellen Auffassungs­gabe. Taktisch gibt es niemanden, der ihm das Wasser reichen kann. Er plant jeden Einsatz akribisch, jedes Manöver der SGU wurde von ihm perfekt vorbereitet. Ich kenne niemanden, der so klug vorgeht wie Emmet. Zusätzlich ist er äußerst computeraffin, er hat mal den Server des FBI gehackt und dafür ziemlichen Ärger bekommen. Eine Partie Schach gegen ihn würde ich an deiner Stelle vermeiden. Sein Verstand vollbringt unglaub­liche Leistungen. Trotzdem ist er ein Ruhepol, er geht mit seinem Wissen nicht hausieren oder berichtigt einen permanent. Emmet ist cool, er hat kein Problem damit, sich die Hände schmutzig zu machen. Auch wenn die NATO ihn am liebsten eingekauft hätte, blieb er bei der SGU.“ In Jules’ Stimme schwang Ehrfurcht mit. Als sie fortfuhr, stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Lukas hat nicht nur eine große Klappe, er ist auch der Wandelbarste von uns. Wir nennen ihn Gestaltwandler. Er kann sich in jede gewünschte Person verwandeln, spricht sämtliche Sprachen, von denen du jemals gehört hast, und kann jede Stimme imitieren. Zusammen mit einer seiner Masken kann er jeden Charakter perfekt nachbilden. Es ist erschreckend. Kein Mensch kennt die Körpersprache oder die menschlichen Eigenschaften so genau wie er. Sei bloß vorsichtig, es ist, als könnte er in einem lesen. Er erkennt jede Unsicherheit, und wie du schon miterleben musstest, setzt er sein Talent am liebsten bei Frauen ein. Sein Charme kommt bei den meisten an.“ Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. „Meine Reflexe dürften dir nicht entgangen sein, und wenn ich mich vollends auf etwas einlasse, kann es passieren, dass ich Dinge weiß, die noch nicht geschehen sind. Über diese Visionen habe ich im Gegensatz zu meinem Körper keine Kontrolle. Und Scar … da wird es ein wenig schwierig. Man könnte es vielleicht damit beschreiben, dass er nichts fühlen kann. Das war’s.“ Lou konnte es kaum fassen, das war außergewöhnlich. Diese Einheit hatte die Bezeichnung Special Gifted Unit mehr als verdient. Das waren bemerkenswerte Talente. Dennoch, trotz der Freundlich­keit, die ihr Jules entgegenbrachte, hatte sie ihre Zusammenfassung mit Absicht spärlich gehalten, und das konnte man ihr nicht übel nehmen. Lou hätte es genauso gehandhabt. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie Menschen, die anders waren. Genauso wie sie selbst. Sie brauchte jede Information, die sie kriegen konnte. „Was soll das bedeuten, er fühlt nichts?“ „Zusätzlich dazu, dass er kein Feingefühl im zwischenmenschlichen Bereich besitzt, wie du schon bemerkt haben wirst, empfindet er zum Beispiel keinen körperlichen Schmerz. Sehr hilfreich bei gefährlichen und fiesen Einsätzen. Ob und wie schwer sein zentrales Nervensystem beeinträchtigt ist, kann ich nicht sagen. Er atmet, er isst, also sind die Grundbedürfnisse noch vorhan­den. Rein körperlich funktioniert er. Aber das ist das Problem, er funkt­ioniert. Nur weil ein Herz schlägt und somit als Organ arbeitet und seinen Körper am Leben hält, bedeutet das noch lange nicht, dass er es fühlt. Aber lass dich nicht täuschen, wir stehen alle füreinander ein, und er tut sein Bestes, sich unter Kontrolle zu halten und sich bestmöglich anzupassen.“ Mit dieser Information bekam sein kaltes Charisma eine ganz andere Bedeutung. Instinktiv konzentrierte sie sich auf ihren Herzschlag und stellte sich vor, wie es sein musste, ihn nicht wahrzunehmen, sich selbst nicht zu fühlen. Eine beängstigende Vorstellung. Diese Fähigkeiten waren also die Gaben, von denen Lexington gesprochen hatte. Das musste sie einen Moment sacken lassen. Dass sie nun die Chance hatte, Mitglied eines außer­gewöhnlichen Teams zu werden, war ihr mehr als bewusst. Ihr Blick fiel auf die Pflanze. Meine Güte, wie sollte sie es bloß schaffen, so ein Gewächs am Leben zu halten? O Gott, drehte sie jetzt langsam durch? Das war nun wirklich ihre geringste Sorge. „Komm schon, Harold wird uns sicherlich noch ein paar Details für morgen geben wollen.“ Und schon stand Jules in der Tür und lächelte sie amüsiert an. Verblüffend, wie schnell man sich an ihr Verhalten gewöhnen konnte. Es war spannend, sie um sich zu haben. Langsam ging Lou hinter Jules die schweren Eisentreppen zum Studio hinab. „Nach welchen Kriterien hat Lexington das Team zusammengestellt?“ „Das haben wir uns auch schon gefragt. Harold Lexington hält sich, was uns betrifft, bedeckt. Dafür sind die Einsätze genau geplant und wir bekommen gutes Geld, eine Menge Waffen und Technik. Alles auf dem neusten Stand. Emmet hat Lexingtons Karriere bis zur CIA zurückverfolgt. Danach kam selbst er nicht mehr an weitere Unterlagen heran. Und wenn Emmet das nicht schafft, kann es keiner. Wir wissen, wir sind Teil einer neuen Einheit. So vertraulich, dass kein offizieller Posten aufgeführt wird. Es ist schon eigenartig, aber wir halten zusammen.“ Jules’ Freundlichkeit und Offenheit durchbrachen Stück für Stück Lous Barrieren. Sie mochte sie, das musste sie zugeben. Lukas und Elias standen neben Lexington, der wie gebannt auf einen Computerbildschirm starrte. „So, da wir wieder komplett sind, erkläre ich kurz die Gegebenheiten. Wie schon erwähnt, geht es morgen früh mit dem Flugzeug zum Amazonas. Wir haben dort ein Waffenlager von Extremisten ausgemacht. Hier die Pläne der Umgebung und ein paar Wärmebildaufnahmen.“ Er zeigte auf ein Waldge­biet im Amazonas nahe der Grenze zu Peru. „Wir zählten gestern achtzehn Mann. Sechs bewachen ein Holzgebäude. Wir gehen davon aus, dass dort die Waffen lagern. Vier Mann befinden sich permanent auf Streife. Die restlichen acht positionieren sich je nach Wetterlage taktisch in den Bäumen der Umgebung. Ich gehe davon aus, dass alle schwer bewaffnet sind. Präzisionsgewehre, Handgranaten und diverses anderes Spielzeug. Die Waffen, die wir bergen müssen, bestehen aus sogenanntem Komponenten­sprengstoff. Miss Miller wird wissen, wovon ich spreche. Können Sie dieses Material kurz erläutern?“ Alle Augenpaare richteten sich auf sie. O Gott, das war wie früher in der Schule, wenn sie aufgerufen wurde. Damals wusste sie die Antwort meistens, sagte sie aber nie, lieber wäre sie im Erdboden versunken. Heute war es anders. Wenn sie mit diesen Leuten in den Amazonas fliegen würde, war jedes Wissen von Vorteil. Jetzt musste sie Farbe bekennen. War sie dabei oder nicht? Sie blickte in die Runde. Alle suchten ihren Blick, bis auf Elias, der starrte immer noch auf die Pläne und sein Körper wirkte angespannt. Um sich weniger beengt vorzukommen, zog Lou den Reißverschluss ihrer engen Lederjacke runter und schluckte trocken. Das war schwerer, als sie gedacht hatte. „Diese Art von Sprengstoff besteht aus flüssigen und festen Anteilen. Die feste Komponente ist normaler Sprengstoff, versetzt mit einem Brandbeschleuniger. Wenn man die flüssige Chemikalie zugibt, schafft man eine Explosion, die ungefähr viermal so viel Kraft hat als unter normalen Umständen. Hinterher gibt es noch eine nette Überraschung. Es bildet sich eine Chlorgaswolke, die sicherstellt, dass in einem riesigen Umkreis kein Lebewesen mehr existiert.“ „Fuck!“ Lukas kratzte sich am Kopf und gab sich beeindruckt. „Heißt, wir dürfen die Komponenten nicht zusammenbringen.“ Lexington nickte. „Deshalb müsst ihr, nachdem ihr das Lager eingenom­men habt, in zwei verschiedenen Teams aufbrechen. Das eine transportiert die flüssigen Chemikalien mit einem Boot auf dem Fluss, das andere fährt den Sprengstoff mit einem Transporter über die Berge. Jedes Team bekommt einen Ort zugeteilt, an dem es die Komponenten abliefern muss. Ich habe mir die Freiheit genommen, euch falsche Pässe ausstellen zu lassen, damit ihr nach dem Einsatz ohne Probleme wieder über die Grenze kommt.“ Er griff in seine Ledertasche und fischte fünf Pässe heraus. Lou nahm die falschen Papiere entgegen und fragte sich, wie sicher sich Lexington seiner Sache schon im Vorfeld gewesen sein musste. War sie so leicht zu durchschauen? Natürlich war sie mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden, aber das bedeutete doch nicht gleich, dass sie alles radikal ändern wollte. Ein leichter Anflug von Panik machte sich in ihr breit. Was erwartete Lexington von ihr? Ein neuer Pass, eine neue Identität, ein neues Team. Ihr komplettes Leben stellte sich gerade auf den Kopf. Während ihr kalter Schweiß ausbrach, fuhr Lexington unbeirrt fort. „Wir treffen uns dann wieder hier. Ich bin wie immer permanent erreichbar. Mir ist durchaus bewusst, dass ihr alle mehr Zeit braucht, um unseren Neuzugang besser kennenzulernen. Leider kann ich euch diese Zeit nicht geben. Lous Wissen über die explosive Materie ist in dieser Operation Gold wert.“ Während Lexington die Pässe verteilte, zog er die Augenbrauen skeptisch zusammen. „Das Problem ist, der Mann, dem wir den Sprengstoff stehlen, wird stinksauer sein und er hat leider einen enorm großen Einfluss in der Unterwelt. Soll heißen, der nächste Job steht nach diesem hier bereits fest, und leichter wird es nicht.“ War sie die Einzige im Raum, die den Job jetzt schon als Himmelfahrts­kommando betrachtete? Zugegeben, sie war ein guter Schütze und hatte eine harte Kampfausbildung hinter sich, aber sie waren in der Unterzahl. Mit den restlichen acht Rebellen gab es ein Problem. Sie konnten nicht wissen, wo genau diese positioniert waren, und die Luftbildaufnahmen des Rebellen­camps waren nicht sonderlich hoch aufgelöst. Außerdem waren sie noch kein eingespieltes Team, das war ihr erster Einsatz. Nachdem sie die Akten gesehen hatte, zweifelte sie nicht an der Kampferfahrung der Mitglieder. Das waren nicht nur Cops, das hier war Elite. Und sie wollten sie dabei haben. Ein großes Kompliment. O Mann, sie war hin und hergerissen. „Miss Miller, ich brauche noch eine Unterschrift von Ihnen.“ Die vorgefertigte Kündigung steckte noch immer in ihrer Jackentasche. Damit würde sie es besiegeln. Mit der Unterschrift wäre sie ihren alten Job ein für alle Mal los. Komischerweise war das kein schlechtes Gefühl. Sie war nicht der Kamikazetyp, aber wen oder was würde sie in ihrem alten Leben vermissen? Außer Peter war da niemand. Sie sah in die Gesichter dieses bemerkenswerten Teams. Alle lächelten sie an, bis auf Elias. Sein Blick war starr auf den Boden gerichtet, seine Arme vor seinem breiten Oberkörper verschränkt. Die Haltung war abweisend, und doch schien auch er ihre Antwort abzuwarten. Dass sie niemals ein normales Leben führen würde, wusste sie, und dieses Jobangebot machte ihr bewusst, dass sie ihr isoliertes Leben satthatte. Genauso wie jeder andere Mensch wünschte sie sich Freunde, eine Familie. Auch wenn sie nicht wusste, wie man so eine Nähe zuließ oder wie sich so etwas anfühlte. Vielleicht war das eine Chance. Einen Versuch war es wert. Nachdem sie Lexington kurz zugenickt hatte, zog sie die Kündigung aus der Tasche. Zufrieden reichte er ihr einen Kugelschreiber, damit sie ihre Polizeilaufbahn offiziell beenden konnte. Das war’s dann. Ihr neuer Boss packte die Kündigung ein und lächelte in die Runde. „Um den Rest kümmere ich mich. Ich werde mich nun verabschieden und überlasse Emmet die restliche Planung des Einsatzes vor Ort.“ Lexington drückte Emmet kurz die Hand, bei den restlichen Anwesenden beließ er es bei einem Gruß. „Ich wünsche euch wie immer viel Erfolg und freue mich darauf, euch in einem Stück wieder zu sehen.“ Mit dem Satz drehte er sich um und ließ das Team allein. Emmet betrachtete die schlechten Luftbildaufnahmen. „Verfluchter Mist!“ Er setzte sich an seinen Computer und bearbeitete die Tastatur, bis ein einwandfreies Satellitenbild auf dem Bildschirm zu erkennen war. „Emmet, du krankes Genie, sag nicht, dass du einen Satelliten gehackt hast?“ Lukas beugte sich über ihn, aber Emmet war so konzentriert, dass er ihn gar nicht zu bemerken schien. „Manchmal denke ich, sein Hirn ist der abgefahrenste Rechner der Welt.“ Zu Lous Leidwesen widmete er sich kurz darauf ihrer Person. Sie lehnte sich ein wenig zurück, weil er ihr bedenklich nahe kam. „Sag mal, du wunderschönes Wesen, wie fit bist du mit Waffen und im Nahkampf?“ „Komm noch näher, dann zeig ich es dir.“ Vielleicht hätte sie freundlicher reagieren sollen, aber die Situation war noch zu fremd. Lukas lachte wieder sein entwaffnendes Lachen und blieb unbeeindruckt. Nahm der Mann überhaupt etwas ernst? „Ich denke, ich habe einen vorläufigen Plan.“ Emmet schaute über seinen Bildschirm und strahlte. „Wir springen ungefähr hier ab.“ Er deutete auf ein Grenzgebiet des Amazonas. Dort war der Urwald dicht und schwer zugänglich. „Wir teilen uns auf. Scar, Lukas und Jules gehen vor, Scar mittig. Sobald ihr die ersten Wächter ausgeschaltet habt, bezieht Scar Posten auf dem höchsten Punkt, den er finden kann. Damit hält er uns den Rücken frei. Jules, du sicherst auf dem Boden. Lukas, du gehst von hinten an das Lager heran. Scar, du sorgst für Ablenkung, indem du die drei Kandidaten rechts neben dem Gebäude ausschaltest. Es reicht, wenn sie bewusstlos sind, damit ist für Verwirrung gesorgt. Die Restlichen von uns werden sich auf die linke Seite konzentrieren. Lou und ich gehen direkt nach euch von vorn in die Holzbaracke, um die Waffen zu sichern. Dann holen wir die Kisten raus. Danach müssen wir improvisieren, denn wir wissen noch nicht, wie sie gepackt sind und wie lange wir brauchen, um überhaupt rein zukommen. Der Fluss liegt links, die Straße in der Richtung, aus der wir kommen. Wir werden uns aufteilen müssen, um schnell und sauber zu arbeiten.“ Lukas schlug die Hände zusammen und grinste in die Runde. „Ich überprüfe die Ausrüstung. Wir sehen uns morgen früh. Buonasera, ihr Wahnsinnigen.“ Damit schlenderte er zur Tür hinaus. Lou sah ihm nach und bemerkte, wie Jules und Emmet feixten. Irgendwie schien alles familiär. Draußen begann es zu regnen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ein paar Minuten für sich zu sein, um alles zu überdenken. Das hier fühlte sich gut an, keine Frage, aber es war auch ganz schön viel auf einmal. In ihrem Kopf schwirrten so viele Fragen umher, dass sie gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Ein unbehagliches Gefühl machte ihr klar, dass sie erneut die dunkle Zimmerecke außer Acht gelassen hatte. Als sie ihren Blick darauf richtete, loderten von dort Elias Augen aus dem Schatten. Unheimlich. „Ich werde mal meine Sachen auspacken.“ Schnell verließ sie den Raum, doch bevor sie in ihr Zimmer ging, sah sie sich ein wenig um. Als sie die schwere Eisentür öffnete, klappte ihr die Kinnlade herunter. Eine umgebaute Lagerhalle mit allen erdenklichen Spielereien erstreckte sich über mindestens sechzig Meter. Diverse Boxsäcke, ein Hindernisparcours, sogar ein Schießstand. Da hatte sich die Regierung nicht lumpen lassen. Sie zog die Handschuhe aus und strich mit den Fingern über einen Schwebebalken, der für Jules hier stand. Das Holz vermittelte erstaunlich wenig Zeichen der Vergangenheit. Jules, Lukas und Emmets Präsenzen waren zu spüren, aber die Bilder stürmten nicht auf sie ein, sondern beließen es bei einem milden Eindruck. Das ganze Team schien über starke innere Barrieren zu verfügen, sonst wäre der Ansturm übermäßig stark gewesen. Schon die Erinnerungen an vergangene Einsätze oder Kämpfe hätten unter normalen Umständen für eine massive Attacke gesorgt. Einem solchen Ansturm hätten Lous Sinne kaum standhalten können. Doch es fühlte sich sonderbar leicht an, sie musste lächeln. Das könnte ein Vorteil sein. Die Bilder, die jetzt vor ihrem inneren Auge auftauchten, waren weniger energiegeladen, deshalb konnte sie sich einzig auf die Eindrücke konzentrieren. Es war weniger ein innerer Kampf, um die eigenen Sinne zu schützen, als eine Szene, die sie beruhigt annehmen konnte. Jules stolzierte auf dem Balken, vollführte dann elegant einen Salto, um letztendlich lachend neben Lukas zu landen. Erneut musste sie an die Orchidee denken und konnte noch immer nicht fassen, dass Jules ihr eine Blume geschenkt hatte. Die Geschenke, die sie in ihrem Leben bekommen hatte, konnte sie an einer Hand abzählen. Dazu kam die Erkenntnis, dass Jules sich Mühe gegeben hatte. Sie hatte es mit ganzem Herzen getan, uneigennützig. Für Lou. So eine Eigenschaft war bei den Menschen rar geworden, das machte es zu etwas Besonderem. Auch wenn sie keine Ahnung von Pflanzen hatte, nahm sie die Herausforderung an und würde dieses zarte Gewächs am Leben erhalten, koste es, was es wolle. Als sie das Trapez entdeckte, konnte sie nicht widerstehen. Sie zog ihre Lederjacke aus und ließ sie auf den Boden fallen. Mit einem Sprung über den Balken bekam sie den hölzernen Griff des Trapezes zu fassen. Mit Schwung zog sie sich hoch und begann zu schwingen, bis sie die Querstreben oben an der Decke erreichen konnte. Auf einem Querträger fand sie Halt und kam zum Sitzen. Als sie das Trapez an einem Dachträger verkeilt hatte, öffnete sich die Tür und jemand betrat mit schweren Schritten die Halle. Elias. Sie verhielt sich still, auch wenn ihre Jacke am Boden ihre Anwesenheit verriet, und betrachtete ihren neuen Teamkollegen. Er hatte sich umgezogen, trug nun ein schwarzes, enges T-Shirt und schwarze, lange Trainingshosen. Seine Muskeln zeichneten sich am ganzen Körper ab, während seine Narben auf diese Entfernung kaum zu erkennen waren. Er bewegte sich langsam, aber gezielt auf den Boxsack zu. Sollte sie sich lieber gleich bemerkbar machen? Oder sollte sie erst mal abwarten? Vielleicht hatte er gar nicht vor, lange zu trainieren. Mist. Es war zu spät, sich zu Wort zu melden, schließlich hatte sie schon gezögert. Außerdem, was sollte sie sagen? Vielleicht: „Hey, lass dich nicht stören. Ich häng hier nur so rum und betrachte deinen muskulösen Körper“. O Mann, besser nicht. Er fing an, den Sack zu bearbeiten, und sie blieb bei Variante zwei. Sitzen bleiben, ruhig verhalten und hoffen, dass ein Ex-Elitesoldat und Scharf­schütze nicht bemerkte, wie sie ihn mit den Augen verschlang. Ja, genau. Schnell, präzise und energisch schlug er zu. Ab und zu ein Tritt. Er wandte verschiedene Techniken an, auch Kickboxen, aber die Schrittfolgen kamen eher vom Taekwondo. Es schien, als kostete ihn das harte Training überhaupt keine Kraft, denn sie hörte ihn nicht mal atmen. Das Muskelspiel seiner Arme und die Präzision seiner Technik faszinierten sie. Der geborene Kämpfer. Nach einer weiteren Salve Schläge drehte er den Kopf und sah nach oben, genau an die Stelle, an der sie wie eine Eule auf dem Dachträger saß. Wahrscheinlich hatte sie auch den gleichen Gesichtsausdruck. „Ich würde meine Sachen nicht einfach rumliegen lassen.“ Seine Stimme hatte einen feindseligen Unterton. Sie schaute auf ihn hinunter und wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die Situation war schon unangenehm genug. Eisiges Schweigen schien die passendste Reaktion. Da es die einzige Möglichkeit war, nach unten zu kommen, ergriff sie das Trapez und schwang sich hinunter. Dummerweise kam das Trapez nicht gleich zum Stehen, weshalb sie gezwungen war, unter seinem durchdringenden Blick noch ein paar Mal hin und her zu schwingen, bis sie sich auf den Boden fallen lassen konnte. Sein Blick hielt sie gefangen und ließ sie auch nicht los, als ihr Shirt beim Absprung hochrutschte und einen Teil ihres nackten Bauches aufblitzen ließ. Sie landete zwei Meter von ihm entfernt auf dem Boden und sandte ihm einen, wie sie hoffte, vernichtenden Blick. Wie konnte er so eine Kälte ausstrahlen? Sein Verhalten ließ sie erschaudern, und doch löste seine Nähe ein warmes Gefühl aus. Eine eigenartige und faszinierende Gefühlsmischung, die neu für sie war. Seine Haut glitzerte von Schweiß. Die starken Arme waren angespannt wie bei einem Raubtier. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt. Alles an ihm schien zu sagen verschwinde. Dennoch konnte sie sich noch nicht losreißen, forschte in seinem Gesicht nach einer Gefühlsregung, fand aber nur kalte, starre Augen. Die Narben zogen sich bis zu seinem Hals hinunter in den Ausschnitt seines Shirts. Als ihr Blick wieder bei seinen Augen landete, starrte er ihr ins Gesicht. Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, das einen Fehler gemacht hatte, drehte sich auf dem Absatz um und nahm ihre Jacke vom Boden auf. Als sie ging, ließ sie die Tür extra laut ins Schloss fallen. Normalerweise juckte sie so ein unhöfliches Verhalten nicht. Verdammt, an diesem Tag hatte sie schon zu häufig normalerweise gedacht. Warum war sie so wütend auf den Mann? Weil er von Anfang an feindselig gewesen war? Sie war selbst vielen Menschen gegenüber nicht das freundlichste Wesen. So gab man niemandem die Chance, nah heranzu­kommen. Seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie diesen emotionalen Schutzwall angewandt und perfektioniert. Umso mehr brachte sie ihre Wut aus dem Konzept. Warum reagierte sie so heftig auf ihn? Sein Verhalten hatte sie eindeutig verletzt. Dass man jemanden ignorierte, okay. Aber er hatte ihr das Gefühl gegeben, als sei sie es nicht wert, im selben Raum mit ihm zu sein. Es war verstörend zu spüren, wie verwundbar sie in seiner Nähe schien. Sie fragte sich, woher sein abweisendes Verhalten rührte. Sie hatte ihm keinen Anlass für Zorn geboten, sie war doch eben erst angekommen. Wovor schützte er sich?

 

* So hart er konnte, schlug Scar auf den Sack ein. Verfluchte Scheiße. Wieder ließ er eine Salve harter Schläge auf den Boxsack nieder. Er spürte nichts. Dunkel konnte er sich an die Worte seiner Mutter erinnern, als er noch ein kleiner Junge war. Sie hatte ihm erklärt, dass man sich den Menschen gegenüber immer so verhalten sollte, wie man selbst auch von ihnen behandelt werden möchte. Dabei hatte sie ihm ein mildes Lächeln geschenkt und ihn voll Stolz angesehen. Die Erinnerung an diesen Moment rief auch eine längst verloren geglaubte Szene wieder wach. Kaum konnte er sich an die Zeit vor ihrem Tod erinnern, die ersten zehn Jahre seines Lebens waren irgendwo tief in ihm verborgen, aber er wusste, dass er damals noch ein anderer gewesen war. Damals hatte er seine Mutter angelächelt. Eine Reaktion, die irgendwo aus seinem Inneren kam. Damals war dort noch etwas gewesen. Wie schon so oft versuchte er, das Erlebte in Gedanken wiederzubeleben, aber das setzte ein Bewusstsein für Gefühle voraus. Und das war nicht da. Er konnte sich die Bilder noch so oft ins Gedächtnis rufen, es kamen nur schwammige, surreale Erinnerungen. Eindrücke ohne Gefühl, auch wenn er wusste, dass dieser Junge, der er einmal gewesen war, seine Mutter geliebt hatte, konnte er diese Emotion nicht mehr wahrnehmen. Ein Teil von ihm war gestorben. Er schlug weiter auf den Sack ein. Wenn er an seine Mutter dachte, kamen auch die Gedanken an diesen einen Tag zurück. Der Tag, der ihn zu dem gemacht hatte, was er war. Eine Hülle voller Leere. Seine Fingerknöchel waren aufgeplatzt und bluteten, als er aufhörte, den Sack zu bearbeiten. Kein Gefühl hatte ihn vor der Verletzung gewarnt. Alle seine Sensoren waren vor langer Zeit abgestorben. Er wusste Gut von Böse zu unterscheiden und hatte sich für eine Seite entschieden. Er hatte sein Leben sortiert, kannte seine Ziele und hielt sich stabil. Zum Großteil hatte er dies dem Team zu verdanken. Bei der SGU gab es klare Strukturen und bis heute ein klares Verhaltensmuster, wie er zu funktionieren hatte. Jules hatte ihm vorhin gesagt, dass er der Neuen gegenüber zu unhöflich gewesen war. Seine Reaktion auf ihre Anwesenheit war ihm selbst neu. Als er gesehen hatte, wie sie von ihrer Maschine abgestiegen war, hatte er festgestellt, dass die Muskeln in seinen Armen angespannt waren. Das ergab keinen Sinn. Genauso wenig wie das gerade eben. Es erinnerte ihn an etwas, das er einmal gekannt hatte. Aber er konnte es nicht greifen. Er lehnte seine Stirn an das Leder und atmete tief durch. Wie zur Hölle sollte er wissen, wie er sie behandeln sollte, wenn er selbst nicht wusste, wie sich Dinge anfühlten? Schon als er die Trainingshalle betreten hatte, wusste er, dass sie da war. Aber was hätte er sagen sollen? Er konnte Dinge wertschätzen, honorieren, wenn auch nicht empfinden, und es hatte gut ausgesehen, wie sie durch die Luft flog. Ein ungewohnter Gedanke. Für ihre Körpergröße schien sie viel Kraft zu haben. Er hatte den Blick nicht von ihrer schimmernden Haut abwenden können, als ihr Shirt einen Teil ihres Bauches freigelegt hatte. Allein ihre Anwesenheit sorgte dafür, dass er diese eigenartigen Gedanken bekam. Das war seltsam und verwirrend. Das passte nicht. Etwas war anders, wenn sie im selben Raum war. Aber dann fiel ihm wieder ein, wie sie seine Narben taktiert hatte. Ihr Blick war unverblümt, auch das hatte eine seltsame Wirkung auf ihn gehabt. Es war nicht angenehm gewesen, und diese Reaktion war er nicht gewohnt. Die anderen kannten ihn und seine entstellte Visage schon ewig, und er war sicher, sie sahen die Narben nicht einmal mehr. Sie hatten ihn als das Monster akzeptiert, für das er sich selbst hielt. Innerlich und äußerlich. Bei ihr jedoch hatte er etwas in den Augen gesehen, was er nicht einordnen konnte. Wahrscheinlich war es Entsetzen. Er wusste nicht, wie viel Abscheu sie bei seinem Anblick empfunden hatte, aber es hatte ihn so schockiert, dass er eine Reaktion darauf hatte, sodass er hin und her gerissen gewesen war. Auf der einen Seite wollte er ihr seine Narben zeigen, mit all ihrer abschreckenden Wirkung, und auf der anderen Seite hoffte er, das fahle Licht hätte ihr den Anblick erspart und seine guten Seiten zum Vorschein gebracht. Was zur Hölle dachte er sich bloß? Er hatte überhaupt keine guten Seiten. Was wirklich zählte, war, dass er für sein Team kämpfte und ein verflucht guter Scharfschütze war. Das konnte er. Er schüttelte den Kopf und schlug wieder auf den Sack ein, bis alle bewussten Gedanken und Zweifel ver­schwunden waren.

Klappentext

Was wäre, wenn du besondere Fähigkeiten hättest? Was wäre, wenn du damit nicht allein auf der Welt wärst? Was wäre, wenn es den Einen gäbe, der deine Fähigkeiten so ergänzt, dass du erbarmungslos kämpfen, siegen, begehren und leidenschaftlich lieben kannst?

 

Als die talentierte Sprengstoffexpertin und Elitepolizistin Lou Miller das Angebot bekommt, Teil der verdeckt operierenden Spezialeinheit SGU - Special Gifted Unit zu werden, ist sie zunächst skeptisch. Seit ihrer Kindheit verfügt sie über ausgeprägte paranormale Fähigkeiten, die sie bisher als Fluch betrachtete, weil es sie zur Einzelgängerin machte. Während Lou lernt, Teil eines Teams mit besonderen Fähigkeiten zu sein, erkennt sie, dass sie die härteste Schlacht gegen sich selbst führen muss, bei dem Versuch, dem geheimnisvollen Teammitglied Scar zu widerstehen. Ein Kämpfer, der nicht nur äußerlich von Gewalt gezeichnet ist, sondern auch eine Seele aus Eis zu haben scheint. Kann das leidenschaftliche Band, das zwischen ihnen entbrennt, alle Dämonen der Vergangenheit und Bedrohungen der Gegenwart bannen oder wird es Lou und Scar im Sog der Gefahren zerreißen?